Die Verschwörung der Idioten

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Gestatten: Ignatius J. Reilly, eloquent, flatulent und zu absolut nichts zu gebrauchen

Lesen Sie diesen Roman nicht im Flugzeug oder im Wartezimmer – Sie fallen sonst unangenehm auf. Nicht durch Grinsen oder Kichern, sondern durch wieherndes Gelächter. »Jeder Leser kennt das Gefühl auf eine Goldader gestoßen zu sein.« (Alex Capus)

Die braven Bürger von New Orleans scheinen nicht besonders viel von Ignatius und seinen Ausrastern zu halten. Der aber ignoriert sie einfach, wenn er seinen massigen Körper zu den Fleischtöpfen der Stadt bewegt.
Er führt immerhin einen edlen Kreuzzug gegen das Laster, die Modernität und die Unwissenheit. Doch seine Mutter hält eine hässliche Überraschung für ihn bereit: Nach einem Blechschaden, den sie verursacht hat, wird er von ihr gezwungen, seine rituellen Zornesausbrüche vor dem Fernseher aufzugeben und sich einen Job zu suchen, statt mit Leserbriefen die Welt zu verbessern. Unerschrocken nutzt er die neue Stelle, um seine Mission fortzuführen – und hat dafür jetzt auch noch ein Piratenkostüm und einen Imbissstand zur Hand ...

Definitiv einer der originellsten Helden, den die amerikanische Literatur im letzten Jahrhundert hervorgebracht hat.

Leseprobe
EINS

Auf dem kugelrunden Kopf eine viel zu kleine grüne Jagdmütze mit Ohrenklappen, die wie Signalzeichen waagerecht in beide Richtungen abstanden. Darunter ein paar Haarbüschel und zwei große, borstige Ohren. Ein buschiger schwarzer Schnauzbart und volle, geschürzte Lippen, in den Mundwinkeln ein Anflug von Verachtung, gemischt mit Krümeln von Kartoffelchips. Im Schatten des grünen Mützenschirms suchten Ignatius J. Reillys verschiedenfarbige Augen – eines blau, das andere gelb – die wartende Menschenmenge unter der Uhr des D.H.-Holmes-Kaufhauses nach Anzeichen von schlechtem Geschmack ab. Manche Leute, so stellte Ignatius fest, trugen dermaßen neue und teure Kleider, dass es geradezu gegen Sitte und guten Geschmack verstieß. Der Besitz neuer und kostspieliger Dinge wies allein auf einen Mangel an Theologie und Geometrie hin, eventuell auch auf einen zweifelhaften Charakter.

Ignatius selber war bequem und vernünftig gekleidet. Die Jagdmütze schützte ihn vor Erkältungen, die strapazierfähige Tweedhose mit ihren zahlreichen Falten und Taschen bot überdurchschnittliche Bewegungsfreiheit bei optimalem Schutz vor Wind und Wetter. Das karierte Flanellhemd machte eine Jacke überflüssig, während der Wollschal die Blöße zwischen Ohrenklappen und Hemdkragen bedeckte. Insgesamt war sein Aufzug vielleicht ein bisschen ungewöhnlich, genügte dafür aber sämtlichen theologischen und geometrischen Standards und signalisierte ein reiches Seelenleben.

Tapsig wie ein Elefant verlagerte Ignatius sein Körpergewicht von einem Bein aufs andere, worauf mehrere Wellen Bauchfleisch sich in Bewegung setzten, um sich am untersten Knopf des Flanellhemds zu brechen und zum Bund der Tweedhose zurückzukehren. In der neuen Körperhaltung zur Ruhe gekommen, dachte er darüber nach, dass er schon ziemlich lange auf seine Mutter wartete. Allmählich wurde ihm unbehaglich zumute. Es schien, als wären seine Füße geschwollen und würden nächstens seine wildledernen Desert Boots sprengen, und um das zu überprüfen, richtete Ignatius seinen blaugelben Blick nach unten. Die Füße machten tatsächlich einen geschwollenen Eindruck. Er beschloss, die sich wölbenden Stiefel seiner Mutter als stummen Vorwurf für ihre Gedankenlosigkeit zu präsentieren. Als er wieder aufschaute, begann am anderen Ende der Canal Street die Sonne über dem Mississippi unterzugehen. Auf der Holmes-Uhr war es kurz vor fünf. Er legte sich ein paar sorgfältig formulierte Vorwürfe zurecht, um seiner Mutter ein schlechtes Gewissen zu bereiten oder sie wenigstens in Verlegenheit zu bringen. Ignatius musste ihr täglich aufs Neue den ihr zustehenden Platz zuweisen.

Sie hatte ihn in dem alten Plymouth in die Stadt gefahren. Während sie wegen ihrer Arthritis den Arzt aufsuchte, hatte Ignatius bei Werlein’s ein paar Notenblätter für seine Trompete und eine Saite für die Laute gekauft. Dann war er in die Spielhalle an der Royal Street gegangen, um nachzuschauen, ob es neue Spiele gab. Zu seinem Bedauern war das mechanische Baseball-Spiel verschwunden. Vielleicht war es nur in der Revision. Als er das letzte Mal damit gespielt hatte, war der Schlagmann kaputt gewesen, und es hatte Ignatius einige Diskussionen mit dem Management gekostet, bis er sein Fünfcentstück zurückbekommen hatte; die Spielhallen-Leute hatten sich sogar zu dem haltlosen Vorwurf verstiegen, Ignatius selbst habe das Gerät beschädigt, indem er ihm einen Fußtritt gab.

Ignatius sann über das weitere Schicksal des Baseball-Spiels nach und entfernte sich gedanklich von der banalen Wirklichkeit der Canal Street und der Leute um ihn her. So bemerkte er nicht die zwei traurigen, hungrigen Augen, die ihn hinter einer Säule des Kaufhauses hervor sehnsüchtig und hoffnungsvoll beobachteten.

Gab es in New Orleans jemanden, der Spielmaschinen reparieren konnte? Wahrscheinlich schon. Vielleicht hatte man die Maschine aber auch nach Milwaukee oder Chicago schicken müssen oder an einen anderen Ort, dessen Name nach fachmännischen Reparaturwerkstätten und ewig rauchenden Fabrikschloten klang. Ignatius konnte nur hoffen, dass die kleinen Baseballspieler auf dem Transport pfleglich behandelt und nicht verletzt oder verstümmelt wurden von brutalen Eisenbahnern, die es sich in den Kopf gesetzt hatten, die Illinois Central Eisenbahngesellschaft durch Provozierung kostspieliger Schadenersatzklagen in den Ruin zu treiben und anschließend mit Streiks endgültig zu vernichten.

Während Ignatius noch der wonnevollen Stunden gedachte, die der Baseball-Automat der Menschheit schon beschert hatte, steuerte das traurig-begehrliche Augenpaar durch die Menge auf ihn zu wie ein Zwillingstorpedo auf seinem Weg zu einem großen, schwabbelweichen Tanklastschiff. Ein kleiner, hagerer Polizist baute sich vor Ignatius auf und zupfte an dessen Papiertüte.

»Können Sie sich ausweisen, Mister?« In der Frage des Polizisten schwang unüberhörbar die Hoffnung, dass Ignatius keinen rechtsgültigen Ausweis mit sich tragen möge.

»Was?« Ignatius schaute hinunter auf das Dienstabzeichen an der blauen Mütze. »Wer sind Sie?«
»Zeigen Sie mir Ihren Führerschein.«
»Ich fahre nicht Auto. Würden Sie bitte weggehen? Ich warte auf meine Mutter.«
»Was hängt da aus Ihrer Tüte raus?«
»Was wohl, Sie Dummkopf – eine Saite für meine Laute.«
»Wie bitte?« Der Polizist wich einen Schritt zurück. »Sind Sie hier wohnhaft?«
Da holte Ignatius tief Luft und brüllte über die Menschenmenge vor dem Kaufhaus hinweg: »Hat das Polizeikorps von New Orleans es sich zur Aufgabe gemacht, unbescholtene Bürger wie mich zu belästigen, während die Stadt zum Sündenpfuhl verkommt? In der ganzen Welt ist New Orleans berühmt für seine Spieler, Nutten, Exhibitionisten, Anti-Christen, Alkoholiker, Sodomiten, Drogensüchtigen, Fetischisten, Onanisten, Pornographen, Betrüger, Schindmähren, Dreckfinken und Lesbierinnen – und allseits bekannt ist auch, dass Menschen dieses Schlags hier durch Schmiergelder jederzeit den Schutz der Obrigkeit genießen. Falls Sie etwas Zeit erübrigen können, will ich es gern auf mich nehmen, Ihnen den richtigen Weg zu Recht und Ordnung zu weisen, aber machen Sie nicht den Fehler, mir auf die Nerven zu gehen.«
Der Polizist packte Ignatius am Arm, worauf ihm dieser mit seiner Papiertüte einen Schlag auf die Mütze versetzte. Die herunterbaumelnde Saite peitschte dem Beamten übers Ohr.
»Au!«, sagte der Polizist.
»Nimm das!«, schrie Ignatius im Bewusstsein, dass einige Kaufhauskunden interessiert stehen geblieben waren und einen Kreis bildeten.
Im Innern von D. H. Holmes war Mrs. Reilly in der Backwarenabteilung damit beschäftigt, ihre Mutterbrust an einen Glaskasten voller Makronen zu pressen. Mit einem ihrer Finger, die wundgescheuert waren vom jahrelangen Schrubben der gigantisch-gelblichen Unterhosen ihres Sohnes, tippte sie auf das Glas, um die Aufmerksamkeit der Verkäuferin auf sich zu ziehen.
»Hallo, Miss Inez!«, rief Mrs. Reilly in jenem Tonfall, den man südlich von New Jersey nur noch in New Orleans hört. »Hierher, Schätzchen.«
»Hey, wie geht es Ihnen?«, fragte Miss Inez. »Wie fühlen Sie sich heute, meine Liebe?«
»Nicht so toll«, antwortete Mrs. Reilly wahrheitsgemäß.
»Wie schade.« Miss Inez lehnte sich über den Glaskasten und vergaß ihre Kekse. »Ich fühle mich auch nicht so toll. Die Füße.«
»Gott, wenn’s bei mir nur die Füße wären. Ich habe Arthuritis im Ellbogen.«
»O je!«, sagte Miss Inez mit echter Anteilnahme. »Mein armer alter Papa hat das auch. Wir setzen ihn immer in ’ne heiße Wanne mit kochigem Wasser.«
»Mein Bub plantscht den ganzen Tag in unserer Wanne rum. Ich komm kaum mehr in mein eigenes Badezimmer rein.«
»Ich denk, der ist verheiratet, Verehrteste.«
»Ignatius? Du liebe Zeit«, sagte Mrs. Reilly traurig. »Schätzchen, bitte geben Sie mir doch zwei Dutzend von den schicken Dingern hier.«
»Haben Sie nicht gesagt, der ist verheiratet?«, meinte Miss Inez, während sie die Makronen in eine Schachtel legte.
»Ach woher, der hat noch nicht mal was in Aussicht. Die kleine Freundin, die er hatte, ist auf und davon.«
»Na gut, er hat ja noch Zeit.«
»Aber sicher«, sagte Mrs. Reilly teilnahmslos. »Hören Sie, würden Sie mir noch ein halbes Dutzend Weinkekse dazulegen? Ignatius wird böse, wenn uns die Kekse ausgehen.«
»Ihr Junge mag Kekse, wie?«
»O Gott, mein Ellbogen bringt mich um.«
Vor dem Kaufhaus hatte sich in der Zwischenzeit ein beachtlicher Menschenauflauf gebildet, in dessen Epizentrum eine grüne Jagdmütze umherhüpfte wie eine Boje auf rauer See.
»Das erzähle ich dem Bürgermeister!«, schrie Ignatius.
»Lassen Sie doch den Jungen in Ruhe«, rief jemand aus der Menge.
»Kümmern Sie sich lieber um die Stripperinnen in der Bourbon Street«, fügte ein alter Mann hinzu. »Das ist ein guter Junge. Der wartet nur auf seine Mama.«
»Ich danke Ihnen«, erwiderte Ignatius würdevoll. »Ich hoffe, dass Sie alle als Zeugen dieser empörenden Vorgänge vor Gericht auftreten werden.«
»Sie kommen jetzt mal mit«, sagte der Polizist mit schwindendem Selbstbewusstsein. Die Menschenmenge wandelte sich zum Mob, und weit und breit war keine Verstärkung in Sicht. »Ich bringe Sie zur Wache.«
»Darf denn ein braver Junge nicht mal mehr vor dem Kaufhaus auf seine Mama warten?« Es war wieder der Alte. »Ich sage Ihnen, das war früher in dieser Stadt nicht so. Daran sind nur die Kommunissen schuld.«
»Wer ist hier ein Kommuniss – etwa ich?«, fragte der Polizist den Alten, während er den Peitschenhieben der Lautensaite auswich. »Passen Sie auf, was Sie sagen, sonst nehme ich Sie auch gleich mit.«
»Mich können Sie nicht verhaften!«, schrie der Alte. »Ich bin Mitglied im Seniorenclub, der wird gefördert vom städtischen Amt für Erholung und Freizeit!«
»Lassen Sie den alten Mann in Ruhe, Sie dreckiger Bulle!«, brüllte eine Frau. »Das ist bestimmt der Opa von irgendwem.«
»Richtig«, sagte der Alte. »Sechs Enkel hab ich, alle bei den Nonnen. Kluge Kerlchen.«
Über die Köpfe der Leute hinweg sah Ignatius seine Mutter schweren Schrittes aus dem Kaufhaus heraustreten. Sie schleppte die Schachteln mit den Backwaren, als wären es Zementsäcke.
»Mutter!«, rief er. »Du kommst keinen Augenblick zu früh. Man hat mich verhaftet.«
Mrs. Reilly bahnte sich einen Weg durch die Menge. »Ignatius! Was ist hier los? Hast du wieder was angestellt? Sie da, nehmen Sie Ihre Pfoten weg von meinem Jungen!«
»Ich rühre ihn nicht an, Madame«, sagte der Polizist. »Ist das hier Ihr Sohn?«
Mrs. Reilly nahm Ignatius die sirrende Lautensaite ab.
»Natürlich bin ich ihr Kind«, sagte Ignatius. »Sehen Sie nicht, wie sehr sie mich liebt?«
»Sie liebt ihren Jungen«, sagte der alte Mann.
»Was machen Sie mit meinem armen Kind?«, fragte Mrs. Reilly den Polizisten, während Ignatius ihr mit seiner Pranke übers hennarote Haar strich. »Haben Sie nichts Gescheiteres zu tun, als auf armen Kindern rumzuhacken? Bei all dem Gesindel, das in dieser Stadt rumläuft. Kinder verhaften, die vor dem Kaufhaus auf ihre Mama warten.«
»Das ist ganz klar ein Fall für die Bürgerrechtsbewegung«, bemerkte Ignatius. »Wir müssen Myrna Minkoff anrufen, meine entschwundene Geliebte. Die kennt sich in so was aus.«
»Das sind die Kommunissen«, warf der alte Mann ein.
»Wie alt ist er?«, fragte der Polizist Mrs. Reilly.
»Ich bin dreißig«, sagte Ignatius herablassend.
»Haben Sie Arbeit?«
»Ignatius muss mir zu Hause zur Hand gehen«, sagte Mrs. Reilly. Ihr anfänglicher Mut schwand dahin, und sie fing an, die Lautensaite um die Schnur ihrer Makronenschachteln zu zwirbeln. »Wo ich doch so furchtbare Arthuritis habe.«
»Ich mache zu Hause ein bisschen sauber«, erklärte Ignatius dem Polizisten. »Darüber hinaus arbeite ich an einer längeren Anklageschrift gegen unser Jahrhundert. Und wenn mich das Hirn schmerzt von der literarischen Mühsal, bereite ich uns gelegentlich einen Käsedipp.«
»Ignatius macht köstlichen Käsedipp«, sagte Mrs. Reilly. »Das ist schön, dass der Bub seiner Mama hilft«, sagte der alte Mann. »Die meisten Jungs treiben sich nur rum.«
»Jetzt halten Sie doch mal die Klappe«, sagte der Polizist zu dem Alten.
»Ignatius«, fragte Mrs. Reillys mit zitternder Stimme, »was hast du getan?«
»Wenn ich es so bedenke, Mutter, war’s eigentlich der da, der mit allem angefangen hat.« Ignatius deutete mit der Papiertüte auf den alten Mann. »Ich habe nur so dagestanden, auf dich gewartet und gebetet, dass du vom Doktor guten Bescheid bekommst.« »Schaffen Sie den Alten hier weg«, sagte Mrs. Reilly zum Polizisten. »Der macht nur Ärger. Eine Schande ist das, dass solche Leute frei rumlaufen dürfen.«
»Die Polizei sind alles Kommunissen«, sagte der Alte. »Habe ich Ihnen nicht gesagt, Sie sollen die Klappe halten?«, entgegnete der Polizist wütend.
»Auf den Knien danke ich meinem Schöpfer jeden Abend dafür, dass es unsere Ordnungshüter gibt«, wandte sich Mrs. Reilly an die Menge. »Ohne die Polizei wären wir längst alle tot. Mit aufgeschlitzten Kehlen würden wir in unseren Betten liegen, von einem Ohr zum anderen aufgeschlitzt.«
»Genau so ist es, Schwester«, johlte eine Frau aus der Menge. »Lasst uns einen Rosenkranz für unseren Ordnungshüter beten!«, rief Mrs. Reilly, während Ignatius ihr heftig die Schulter streichelte und ermutigend ins Ohr flüsterte. »Sagt selbst, Leute – würden wir einen Rosenkranz für diesen Polizisten beten, wenn er ein Kommuniss wär?«
»Niemals!«, rief es vielstimmig aus der Menge. Jemand versetzte dem alten Mann einen Stoß.
»Aber es stimmt doch, Madame!«, schrie der Alte. »Der Kerl hat Ihren Sohn verhaften wollen. Genau wie in Russland. Das sind alles Kommunissen.«
»Das reicht jetzt.« Der kleine Polizist fasste den Alten hart am Mantelkragen.
»O mein Gott!«, stöhnte Ignatius. »Dieser Anblick ist zu viel für meine Nerven.«
»Zu Hilfe!«, richtete sich der Alte an die Menge. »Beamtenwillkür. Angriff auf meine verfassungsrechtlich garantierten Grundrechte!«
»Der Kerl spinnt«, sagte Mrs. Reilly. »Ignatius, lass uns von hier verschwinden.« Und zur Menge gewandt: »Lauft, Leute! Der bringt uns noch alle um. Würde mich nicht wundern, wenn er selber Kommuniss wär.«
»Dass du immer gleich übertreiben musst, Mutter«, erwiderte Ignatius, während sie sich durch die sich auflösende Menge schoben und raschen Schrittes die Canal Street hinuntergingen. Er warf einen Blick zurück und sah, wie der Fliegengewichtspolizist und der alte Mann unter der Kaufhausuhr miteinander rangen. »Und könntest du bitte etwas langsamer laufen? Ich kriege Herzbeschwerden.«
»Ach, halt die Klappe! Was glaubst du, wie ich mich fühle? Dass ich in meinem Alter noch so rennen muss?«
»Das Herz ist für Menschen jeden Alters wichtig, fürchte ich.«
»Dein Herz ist in Ordnung.«
»Nicht mehr lange, wenn wir nicht langsamer gehen.« Ignatius walzte neben seiner Mutter über den Gehsteig, dass die Tweedhose nur so um seinen Leib waberte. »Hast du noch meine Lautensaite?«
An der nächsten Straßenecke zog Mrs. Reilly ihren Sohn in die Bourbon Street und bog mit ihm ins French Quarter ein. »Jetzt sag mir endlich, was hat der Polizist von dir gewollt?«
»Das wird auf ewig sein Geheimnis bleiben. Hingegen meine ich zu wissen, dass er schon recht bald wieder hinter uns her sein wird. Sobald er den alten Faschisten los ist.«
»Meinst du?«, fragte Mrs. Reilly nervös.
»Gut möglich. Der wollte mich unbedingt verhaften, hat wohl eine Quote zu erfüllen. Dass der mich jetzt einfach so laufen lässt, bezweifle ich.«
»Mein Gott, wie schrecklich! Dann kommst du in die Zeitung, Ignatius, was für eine Schande. Du hast bestimmt was angestellt dort draußen vor dem Kaufhaus, ich kenne dich doch, Junge!«
»Wenn jemals unter dieser Sonne ein Mensch sich um seinen eigenen Kram gekümmert hat, so war ich das«, sagte Ignatius. »Bitte, lass uns haltmachen. Ich erleide gleich einen Blutsturz.«
»Also gut«, sagte Mrs. Reilly, als sie das puterrote Gesicht ihres Sohnes sah. Sie wusste, dass er sonst zwecks Erfüllung seiner Prognose zu ihren Füßen zusammenbrechen würde. Er hatte so was schon mehrmals getan. Als sie ihn das letzte Mal zum sonntäglichen Kirchgang gezwungen hatte, war er auf dem Hinweg zwei Mal zusammengebrochen und ein drittes Mal während der Predigt des Pfarrers, in der es um die Todsünde der Faulheit ging. Er war von der Sitzbank auf den Mittelgang hinausgefallen und hatte die Andacht in peinlichster Weise gestört. »Lass uns hier reingehen und verschnaufen.«
Sie stieß ihn mit einer ihrer Keksschachteln durchs Eingangsportal der Night-of-Joy-Bar. Drinnen war es finster, in der Luft hing der Geruch von Bourbon und Zigarettenstummeln. Sie gingen zum Tresen und kletterten auf zwei Barhocker. Während Mrs. Reilly ihre Schachteln auf dem Tresen gruppierte, blähte Ignatius seine gewaltigen Nüstern.
»Mein Gott, Mutter, hier drin stinkt’s ja furchtbar. Ich bekomme gleich eine Magenkolik.«
»Willst Du vielleicht zurück auf die Straße? Dem Polizisten in die Arme laufen und ab ins Gefängnis?«
Ignatius schnaufte vernehmlich und schnitt Gesichter. Aus dem Dämmerlicht tauchte der Barkeeper auf, der die beiden beobachtet hatte, und fragte spöttisch: »Ja bitte?«
»Mir bringen Sie bitte einen Kaffee«, sagte Ignatius in weltmännischer Manier. »Chicorée-Kaffee mit heißer Milch.«
»Wir haben nur Pulverkaffee«, erwiderte der Barkeeper. »Solchen Dreck trinke ich nicht«, sagte Ignatius zu seiner Mutter.
»Dann nimm halt ein Bier, Ignatius. Das wird dich schon nicht umbringen.«
»Aber blähen.«
»Ich nehm ein Dixie 45«, sagte Mrs. Reilly zum Barkeeper.
»Und der Gentleman?«, fragte der Barkeeper in tragendem, gespieltem Bariton. »Wonach steht ihm der Sinn?«
»Geben Sie ihm auch ein Dixie.«
»Das werde ich mit Sicherheit nicht trinken«, sagte Ignatius, während der Barkeeper verschwand, um die Biere zu holen.
»Wir können hier aber nicht umsonst rumsitzen, Ignatius.«
»Wieso nicht? Wir sind die einzigen Gäste. Die sollen froh sein, dass wir überhaupt hier sind.«
Mrs. Reilly versetzte ihrem Sohn mit dem Ellbogen einen Rippenstoß. »Was meinst du, ob’s hier drin abends Stripperinnen gibt?«
»Aber sicher«, antwortete Ignatius kühl und mit schmerzverzerrtem Gesicht. »Wir hätten woanders hingehen sollen. Demnächst gibt’s hier eine Razzia, das habe ich im Gefühl.« Er schniefte und räusperte sich weithin hörbar. »Gottseidank filtert mein Schnurrbart einen Teil des Gestanks heraus. Meine Olfaktorien senden schon Stresssignale aus.«
Nach einer ganzen Weile, in der man Klirren von Glas und das Auf- und Zuschieben von Kühlschubladen hören konnte, tauchte der Barkeeper wieder auf und stellte zwei Bier auf den Tresen. Dabei deutete er an, dass er Ignatius das Glas am liebsten in den Schoß schütten würde. Mutter und Sohn Reilly kamen in den Genuss des schlechtesten Service, den das Night of Joy zu bieten hatte, jener Art Bedienung also, die herzlich unerwünschten Gästen vorbehalten ist.
»Sie hätten nicht zufällig ein eiskaltes Dr. Nut im Angebot?«, fragte Ignatius.
»Nein.«
»Mein Sohn liebt Dr. Nut«, führte Mrs. Reilly aus. »Kistenweise muss ich das Zeug einkaufen. Manchmal setzt er sich hin und trinkt zwei, drei Dr. Nut hintereinander.«
»Mutter, ich glaube nicht, dass das den Mann sonderlich interessiert«, sagte Ignatius.
»Willst du nicht deine Mütze abnehmen?«, fragte der Barkeeper.
»Nein, das will ich nicht!«, donnerte Ignatius. »Es ist verdammt kühl hier drin.«
»Wie du willst«, sagte der Barkeeper und verschwand ans andere Ende der Bar.
»Unverschämtheit!«
»Beruhige dich«, sagte Mrs. Reilly.
Ignatius klappte die linke, seiner Mutter zugewandte Ohrenklappe hoch. »So, jetzt musst du mich nicht mehr anbrüllen. Was hat der Doktor gesagt wegen deines Ellbogens oder was auch immer?«
»Ich muss ihn massieren lassen.«
»Ich will doch stark hoffen, dass du dabei nicht auf meine Mithilfe zählst. Du weißt, wie unangenehm mir körperliche Berührung ist.«
»Und schön warmhalten soll ich den Ellbogen.«
»Wenn ich den Führerschein hätte, könnte ich dir vielleicht helfen. Ich könnte dich irgendwo hinfahren oder so.«
»Zerbrich du dir darüber nicht den Kopf, Liebling.«
»Autofahren ist nun mal nichts für mich, es bringt meinen Organismus durcheinander. Nicht so schlimm wie eine Reise auf dem Oberdeck eines Greyhound-Scenicruisers allerdings. Weißt du noch, wie ich damals mit so einem Ungetüm nach Baton Rouge gefahren bin? X-mal habe ich gekotzt, und der Fahrer hat jedes Mal in den Sümpfen anhalten und mich rauslassen müssen, damit ich mir die Beine vertreten konnte. Die anderen Passagiere waren ziemlich sauer. Die müssen Mägen aus Stahl haben, um so einen Höllenritt zu ertragen. Und dann kam erschwerend hinzu, dass wir New Orleans hinter uns gelassen hatten. Am Stadtrand beginnt das Herz der Finsternis, die totale Einöde.«
»Ja, ich weiß noch, Ignatius«, sagte Mrs. Reilly geistesabwesend und nahm einen Schluck Bier. »Du warst wirklich krank, als du nach Hause gekommen bist.«
»Dabei ging’s mir da schon wieder besser. Auf dem Tiefpunkt war ich bei der Ankunft in Baton Rouge. Mir wurde bewusst, dass ich eine Rückfahrkarte hatte und dieselbe Strecke mit dem Bus nochmal würde machen müssen.«
»Das hast du mir schon erzählt, Kind.«
»Vierzig Dollar hat mich das Taxi zurück nach New Orleans gekostet. Immerhin war mir da nicht mehr so sterbenselend, obwohl es mir noch ein paarmal bedenklich hochgekommen ist. Ich habe deshalb den Fahrer immer wieder eindringlich zu ganz langsamer Fahrweise aufgefordert, was mir die Reise erleichtert hat, ihm aber nicht. Zweimal hat uns die Polizei wegen Unterschreitens der Mindestgeschwindigkeit auf dem Highway verwarnt. Beim dritten Mal haben sie ihm den Taxischein abgenommen. Verstehst du, die haben uns die ganze Zeit auf ihrem Radar verfolgt.«
Mrs. Reillys Interesse schwankte hin und her zwischen ihrem Sohn und der Bierflasche. Seit drei Jahren musste sie sich die Geschichte nun immer und immer wieder anhören.
Ignatius missdeutete ihren abwesenden Blick als Ausdruck gespannter Aufmerksamkeit. »Ich muss dazu sagen, dass es das erste und einzige Mal war, dass ich aus New Orleans herausgeraten bin. Vielleicht war’s das Fehlen eines Orientierungspunkts in diesen topfebenen Sümpfen, was mich so durcheinandergebracht hat. Aber als die Hügel vor Baton Rouge kamen, hatte ich dann wieder Angst, dass einer dieser reaktionären Hinterwäldler eine Bombe auf den Bus schmeißen würde. Die greifen dauernd Busse an, weißt du? Busse sind für die so was wie Symbole des verhassten Fortschritts.«
»Jedenfalls bin ich froh, dass du den Job nicht angenommen hast«, sagt Mrs. Reilly automatisch, als sie ihr Stichwort fallen hörte.
»Der Job wäre ja überhaupt nie in Frage gekommen. Ich habe schon kleine weiße Pickel auf den Händen bekommen, als ich den Direktor der Abteilung für Mediävistik gesehen habe. Ein komplett seelenloser Mann. Meine Holzfällerjacke hat ihn gestört, und dass ich keine Krawatte trage. Unglaublich, dass eine solche Null die Kühnheit hat, sich solche Frechheiten herauszunehmen. Dabei war diese Jacke eins von den wenigen Dingen in meinem Leben, an denen mein Herz wirklich gehangen hat, und wenn ich den Wahnsinnigen jemals erwische, der sie mir gestohlen hat, werde ich ihn zuständigenorts anzeigen.«
Mrs. Reilly hatte die grässliche, kaffeefleckige Jacke noch deutlich vor Augen, die sie damals am liebsten der Heilsarmee gespendet hätte, zusammen mit ein paar anderen von Ignatius’ Lieblingsbekleidungsstücken.
»Jedenfalls war ich so erschüttert von der Grobschlächtigkeit dieses angeblichen ›Direktors‹, dass ich mir sein schwachsinniges Gebrabbel nicht zu Ende anhörte, sondern aus seinem Büro auf die Lehrertoilette flüchtete. Ich schloss mich in einer Kabine ein, hängte die Jacke an den Haken, setzte mich hin – und musste plötzlich mit ansehen, wie die Jacke über die Tür hinweg verschwand! Dann hörte ich Schritte und eine Tür, die ins Schloss fiel. Da ich aus begreiflichen Gründen nicht imstande war, die Verfolgung des feigen Diebes persönlich aufzunehmen, rief ich um Hilfe, worauf jemand kam, an meine Tür klopfte und sich als Angehöriger des universitären Sicherheitsdienstes oder so vorstellte. Durch die geschlossene Tür hindurch erklärte ich den Sachverhalt, und er versprach, die Jacke wiederzubeschaffen. Seither, verstehst du, quält mich die Vorstellung, dass der Direktor, der Dieb und der Sicherheitsmann ein und dieselbe Person waren. Ihre Stimmen klangen irgendwie ähnlich.«
»Man kann heutzutage niemandem mehr trauen, Liebling.« »Sobald ich dazu imstande war, bin ich aus der Toilette und aus dem Gebäude geflohen, aber ohne Jacke war mir natürlich bitter kalt auf dem öden Universitätscampus. Als ich dann endlich ein Taxi fand, dessen Fahrer sich bereit erklärte, mich für vierzig Dollar zurück nach New Orleans zu fahren, hat mir der barmherzige Mensch seine Jacke geliehen. Bei der Ankunft war er dann allerdings ein wenig verstimmt wegen des Verlusts seines Führerscheins, und einen üblen Schnupfen hat er sich, der Frequenz seines Niesens nach zu schließen, auch zugezogen. Das war nicht weiter verwunderlich, immerhin waren wir fast zwei Stunden auf dem Highway unterwegs.«
»Ich glaube, ich könnte noch ein Bier vertragen, Ignatius.« »Mutter! In diesem gottverlassenen Loch?«
»Nur eines noch, Schätzchen. Sei lieb, ich brauche noch eins.«
»Hast du keine Angst, dass wir uns was holen an diesen Gläsern? Bestell mir halt einen Brandy, wenn’s unbedingt sein muss.«
Mrs. Reilly winkte dem Barkeeper, der sich aus dem Schatten löste und fragte: »Was ist denn nun passiert in dem Bus, junger Mann? Ich habe das Ende der Geschichte nicht mitbekommen.«
»Würden Sie bitte so freundlich sein, sich auf Ihre Aufgabe zu beschränken?«, fuhr ihn Ignatius wütend an. »Sie haben hier still und lautlos unsere Wünsche zu erfüllen. Falls wir Sie in unsere Unterhaltung hätten einbeziehen wollen, hätten wir Ihnen das mittlerweile zur Kenntnis gebracht. Tatsächlich aber diskutieren wir hier eher persönliche Dinge.«
»Schäm dich, Ignatius, der Mann will doch nur freundlich sein.«
»Das ist ein Widerspruch in sich. In einer solchen Räuberhöhle kann man nicht freundlich sein.«
»Wir hätten gern noch zwei Bier.«
»Ein Bier und einen Brandy«, korrigierte Ignatius.
»Ich habe keine sauberen Gläser mehr«, sagte der Barkeeper.
»Schade«, erwiderte Mrs. Reilly. »Dann füllen Sie uns eben diese hier auf.«
Der Barkeeper zuckte mit den Schultern und zog sich in den Schatten zurück.

II

Auf der Polizeiwache saß der alte Mann auf einer Bank inmitten des menschlichen Strandguts, hauptsächlich Ladendiebe, das sich an jenem Nachmittag dort angesammelt hatte. Er hatte seine Sozialversicherungskarte auf die Knie gelegt, darüber den Mitgliederausweis der Gesellschaft zum Andenken des Heiligen Odo, weiter den Oberschenkel hinauf seine Seniorenkarte und ein Stück Papier, das ihn als Angehörigen der Amerikanischen Legion auswies. Neben ihm saß ein junger Schwarzer mit Astronauten-Sonnenbrille, der das kleine Dossier auf dem Bein aufmerksam studierte.

»Boah!«, sagte er und grinste. »Du bist ja wirklich überall dabei.« Der Alte rückte sorgfältig seine Karten zurecht und schwieg. »Wie kommt’s, dass einer wie du hier sitzt?« Unter der Sonnenbrille hingen Lippen, zwischen denen eine Zigarette steckte. Dichter Rauch strömte über die Ausweise des Alten. »Der Po-lizei gehn wohl die Verbrecher aus.«

»Ich bin hier wegen der Verletzung meiner verfassungsrechtlichen Rechte«, sagte der Alte mit aufkeimender Wut.
»Das nehmen sie dir nicht ab. Denk dir besser was anderes aus.« Eine dunkle Hand fasste nach einem Ausweis. »Hey, was hast du da, eine Senilenkarte?«
Der Alte schnappte sich seine Karte und legte sie zurück auf den Oberschenkel.
»Deine hübschen Karten werden dir nichts nützen, du kommst sowieso ins Loch. Die stecken hier jeden ins Loch.«
»Meinen Sie?«, fragte der Alte in die Rauchwolke hinein.
»Klar.« Eine neue Wolke waberte auf ihn zu. »Warum bist du hier, Mann?«
»Keine Ahnung.«
»Keine Ahnung? Boah! Das ist Quatsch. Es muss einen Grund geben, dass du hier bist. Uns Schwarze lochen sie die ganze Zeit grundlos ein, aber einer wie du kommt nicht einfach so hierher.«
»Ich weiß es wirklich nicht«, sagte der Alte verdrießlich. »Ich habe nur mit ein paar Leuten vor dem D.H.-Holmes-Kaufhaus gestanden.«
»Und hast eine Brieftasche mitlaufen lassen.«
»Nein. Hab nur zu einem Polizisten was gesagt.«
»Was?«
»Dass er ein Kommuniss ist.«
»Ein Kau-mniss? Ooh-hoo! Wenn ich einem Bullen so was sag, sitz ich mit einer Arschbacke schon im Knast, das ist mal sicher. Aber tun würd ich das gern, mal einen von diesen Hurensöhnen einen Kau-mniss nennen. Zum Beispiel heute Nachmittag im Woolsworth, als die Puppe vom ›Nuthouse‹ wie eine abgestochene Sau zu schreien anfängt, weil irgendwer ein Päckchen Cashewnüsse geklaut hat. Hey, bevor ich versteh, was los ist, hat mich schon ein Ladendetektiv gepackt und legt mir ein Scheißbulle die Handschellen an. Keine Chance, Mann.« Er nahm einen langen Zug an der Zigarette. »Die verschissenen Cashewnüsse haben sie zwar nicht bei mir gefunden, aber der Bulle hat mich trotzdem abgeführt. Der Detektiv war bestimmt ein Kau-mniss, wenn ich so dran denke. Verdammter Hurensohn.«
Der Alte hüstelte und rückte seine Karten zurecht.
»Dich lassen sie waahscheinlich laufen«, fuhr die Sonnenbrille fort. »Mich werden sie ein bisschen drannehmen. Wollen mir Angst machen, obwohl sie wissen, dass ich die Cashewnüsse nicht hab. Wollen waahscheinlich beweisen, dass ich die Nüsse doch hab. Werden ein Päckchen kaufen und es mir in die Tasche stecken, und dann fordert Woolsworth lebenslänglich für mich oder so.«
Der Schwarze schickte schicksalsergeben eine neue Rauchwolke aus, die ihn, den Alten und seine Karten einhüllte. Dann sagte er wie zu sich selbst: »Möcht gern wissen, wer die Cashewnüsse geklaut hat. Waahscheinlich der Detektiv selbst.«
Ein Polizist rief den Alten zum Sergeant, der an einem Schreibtisch in der Mitte des Raumes saß. Daneben stand der Fliegengewichts-Polizist, der ihn verhaftet hatte.
»Wie ist Ihr Name?«, fragte der Sergeant.
»Claude Robichaux«, antwortete der Alte und legte seine kleinen Karten auf den Schreibtisch vor den Sergeant.
Der Sergeant warf einen flüchtigen Blick darauf und sagte: »Wachmann Mancuso gibt an, Sie hätten sich der Verhaftung widersetzt und ihn einen Kommunissen genannt.«
»Das hab ich nicht so gemeint.« Bedauernd nahm der Alte zur Kenntnis, wie lieblos der Sergeant mit seinen Karten umsprang.
»Laut Mancuso haben Sie gesagt, alle Polizisten sind Kommunissen.«
»Ooo-wee«, sagte der Schwarze am Ende des Raums.
»Schnauze, Jones!«, brüllte der Sergeant.
»Okay«, erwiderte Jones.
»Du bist als nächster dran.«
»Ich hab aber keinen einen Kau-mniss genannt. Der Detektiv im Woolsworth hat mich reingelegt. Ich mag Cashewnüsse nicht mal.«
»Du sollst die Schnauze halten.«
»Okay«, sagte Jones fröhlich und gab eine weitere Kumuluswolke von sich.
»Ich hab das alles nicht so gemeint, hab nur die Nerven verloren«, versicherte Robichaux dem Sergeant. »Dieser Polizist wollte hier einen armen Jungen verhaften, der draußen vor dem Kaufhaus auf seine Mama gewartet hat.«
»Was?« Der Sergeant wandte sich dem kleinen Polizisten zu. »Ist das wahr?«
»Das war kein Junge«, sagte Mancuso. »Der Kerl war dick und fett und komisch angezogen. Er sah aus wie ein verdächtiges Subjekt. Ich wollte eine Routineüberprüfung vornehmen, da hat er Widerstand geleistet. Sah ehrlich gesagt aus wie ein fetter Perversling.«
»Ein Perversling, was?«, fragte der Sergeant nun höchst interessiert.
»Jawohl«, antwortete Mancuso, der wieder Land in Sicht hatte. »Ein dicker, fetter Perversling.«
»Wie fett?«
»Der fetteste Perversling, den ich in meinem ganzen Leben gesehen habe.« Mancuso breitete die Arme aus wie ein Angler, der von einem Fang erzählt. Die Augen des Sergeant leuchteten. »Als erstes ist mir seine grüne Jagdmütze aufgefallen.«
Jones verbarg sich in seiner Rauchwolke und lauschte.
»Und dann, Mancuso? Wie kommt’s, dass der Kerl nicht hier vor mir steht?«
»Abgehauen ist er. Eine Frau kam aus dem Laden und hat alles durcheinandergebracht, und dann ist sie mit ihm um die Ecke ins French Quarter gelaufen.«
»Aha, zwei Gestalten aus dem Milieu.« Der Sergeant wusste nun Bescheid.
»Nein, Sir«, widersprach der Alte. »Die Frau war wirklich seine Mama. Eine nette, hübsche Dame, die ich schon öfter in der Stadt gesehen habe. Der Polizist hat ihr Angst gemacht.«
»Hören Sie sich das an, Mancuso!«, bellte der Sergeant. »Im ganzen Revier kommt keiner außer Ihnen auf die Schnapsidee, ein Kind von seiner Mutter weg zu verhaften. Und wozu schleppen Sie mir diesen Opa her? Rufen Sie seine Familie an, die sollen ihn abholen.«
»Bitte nicht«, bat Mr. Robichaux. »Tun Sie das nicht. Meine Tochter hat so viel zu tun mit ihren Kindern, und ich bin noch nie im Leben verhaftet worden. Sie darf nicht wissen, dass ich hier bin. Was würden die Kleinen sagen? Die sind doch alle bei den Nonnen.«
»Suchen Sie die Nummer der Tochter raus, Mancuso. Das wird ihn lehren, uns Kommunissen zu nennen!«
»Ich flehe Sie an!« Mr. Robichaux hatte Tränen in den Augen. »Meine Enkel verehren mich.«
»Herrgottnochmal!«, sagte der Sergeant. »Versucht Mutter und Kind zu verhaften und bringt stattdessen einen jammernden Opa her. Scheren Sie sich zum Teufel, Mancuso, und nehmen Sie den Opa mit. Sie wollen verdächtige Subjekte festnehmen? Ich werde Ihnen helfen!«
»Jawohl, Sir«, sagte Mancuso schwach und ging mit dem Alten ab.
»Ooo-wee!«, rief Jones aus seinem Wolkenversteck.

III

Die Dämmerung hatte sich über die Night-of-Joy-Bar gesenkt, draußen auf der Bourbon Street gingen die Lichter an. Leichter Nebel war aufgekommen und hatte den Asphalt befeuchtet, in dem sich jetzt die Neonlichter spiegelten. Die Taxis karrten die erste Kundschaft des Abends herbei, Touristen aus dem Mittleren Westen und Kongressteilnehmer von überall her, und sorgten für eine sanft plätschernde Geräuschkulisse.

Im Night of Joy hatten sich ein paar weitere Gäste eingefunden: ein Mann, der mit dem Zeigefinger einen Wettschein durchging, eine grämliche Blondine, die mit der Bar irgendwie geschäftlich verbunden zu sein schien, und ein elegant gekleideter junger Mann, der eine Salem nach der anderen rauchte und eisgekühlte Daiquiris in großen Schlucken trank.

»Ignatius, wir sollten besser gehen«, sagte Mrs. Reilly und rülpste. »Auf keinen Fall!«, grölte Ignatius. »Wir bleiben und wohnen dem Verfall der Sitten bei. Das Spektakel hat schon begonnen.«
In diesem Augenblick verschüttete der elegante junge Mann den Daiquiri über sein flaschengrünes Samtjackett.
»He, Barkeeper!«, rief Mrs. Reilly. »Bringen Sie einen Lappen, ein Gast hat was verschüttet.«
»Sehr aufmerksam von Ihnen, Liebste«, sagte der junge Mann verärgert und bedachte Ignatius und seine Mutter mit einem Augenaufschlag. »Ich glaube, ich bin hier in der falschen Bar gelandet.«
»Immer mit der Ruhe, Süßer«, riet ihm Mrs. Reilly. »Was ist denn das, was du da trinkst? Sieht aus wie Pineapple Snowball.«
»Das erkläre ich Ihnen besser nicht, Sie würden es wahrscheinlich sowieso nicht verstehen.«
»Was fällt Ihnen ein, so zu meiner lieben, guten Mutter zu sprechen!«
»Sei lieb, Dickerchen. Schau nur, was mit meinem Jackett passiert ist.«
»Das Jackett ist grotesk.«
»Ach, Kinder, streitet euch doch nicht.« Mrs. Reilly hatte Bierschaum auf den Lippen. »Es gibt schon genug Bomben und so was auf der Welt.«
»Und Ihr Sohn spielt anscheinend gern damit.«
»Hört zu, Jungs, eine Bar ist ein Ort, an dem man Spaß haben soll.« Mrs. Reilly schenkte dem jungen Mann ein Lächeln. »Lass mich dir einen Drink spendieren, Süßer. Denselben, den du da eben verschüttet hast. Und ich nehme noch ein Dixie, wo wir schon dabei sind.«
»Ich muss jetzt los«, seufzte der junge Mann. »Trotzdem vielen Dank.«
»Die Nacht ist doch noch jung«, meinte Mrs. Reilly. »Hör einfach nicht auf das, was Ignatius sagt. Wir machen es uns gemütlich
und schauen die Show an.«
Der junge Mann verdrehte die Augen.
»Jaah«, meldete sich nun auch die schweigsame Blondine. »Wir
machen’s uns gemütlich und schauen uns ein paar Ärsche und Titten an.«
»Mutter«, sagte Ignatius kühl. »Mir scheint, du stachelst diese
lächerliche Bande an.«
»Du wolltest doch hierbleiben, Ignatius.«
»Ja, aber als Beobachter. Nicht als Teilnehmer.«
»Hör zu, mein Liebling, heute Abend möchte ich kein Wort
mehr hören von deinem Bus. Seit wir hier reingekommen sind, hast
du mir die Geschichte schon viermal erzählt.«
Diese Bemerkung traf Ignatius ins Mark. »Ich hatte keine Ahnung, dass meine Gesellschaft dich langweilt. Ich dachte, dir sei klar,
wie sehr diese Busfahrt mein junges Leben geprägt hat. Als Mutter
müsstest du doch Interesse haben an den Traumata, die meine Weltsicht prägen.«
»Was war denn mit dem Bus?«, wollte die Blondine wissen und
rückte mit ihrem Hocker näher zu Ignatius heran. »Mein Name ist
Darlene. Ich mag gute Geschichten. Hast du was Gepfeffertes auf
Lager?«
Der Barkeeper schmetterte das Bier und den Daiquiri auf den
Tresen, dann war der Bus schon wieder unterwegs.
»Hier, ein sauberes Glas«, schnaubte der Barkeeper. »Das ist aber nett von Ihnen«, sagte Mrs. Reilly. »Hey, Ignatius,
ich hab ein sauberes Glas bekommen.«
Ignatius konnte sie nicht hören, weil er gerade mit der Ankunft
in Baton Rouge beschäftigt war.
»Weißt du, Süßer«, sagte Mrs. Reilly zu dem jungen Mann,
»mein Sohn und ich hatten heute Ärger mit der Polizei. Die wollten
uns verhaften.«
»Oh je! Polizisten können furchtbar grob sein, nicht wahr?« »Und wie. Dabei hat mein Ignatius an der Uni studiert und so.« »Was hat er denn angestellt?«
»Nichts. Stand nur da und wartete auf seine liebe, alte Mama.« »Ein bisschen komisch angezogen ist er schon. Wie ich hier reingekommen bin, habe ich geglaubt, er ist vom Zirkus. Auch wenn ich mir nicht sicher bin, ob ich mir seine Nummer wirklich anschauen möchte.«
»Jeden Tag sag ich’s ihm wegen seiner Kleider, aber er hört nicht auf mich.« Mrs. Reilly warf einen Blick auf die Rückseite ihres Sohnes, auf das Flanellhemd und die schwarzen Haare, die sich über dem Kragen kräuselten. »Du hingegen hast da ein hübsches Jackett an.«
»Oh, das?« Der junge Mann streichelte geschmeichelt seinen samtenen Ärmel. »Hat mich ein Vermögen gekostet. Ich habe es in einem hübschen kleinen Laden im Village gefunden.«
»Das sieht man dir aber nicht an, dass du auf dem Land lebst.«
»Oh, Mann.« Der junge Mann seufzte und steckte sich mit einem Klicken seines Feuerzeugs eine neue Salem an. »Das Greenwich Village in New York meine ich doch, Verehrteste. Wo haben Sie übrigens den Hut her? Sieht phantastisch aus.«
»Ach, den habe ich mir zu Ignatius’ Erstkommunion gekauft.«
»Würden Sie ihn mir verkaufen?«
»Wieso?«
»Ich handle mit Secondhand-Kleidern. Zehn Dollar würde ich Ihnen dafür geben.«
»Für den Hut?«
»Also gut, fünfzehn.«
»Im Ernst?« Mrs. Reilly nahm den Hut vom Kopf. »Na, wenn du meinst, Süßer.«
Der junge Mann öffnete seine Brieftasche und gab Mrs. Reilly drei Fünfdollarnoten. Dann kippte er seinen Daiquiri hinunter und stand auf: »Jetzt muss ich aber los.«
»So früh schon?«
»Es war mir ein besonderes Vergnügen.«
»Pass auf dich auf, draußen ist es nass und kalt!«
Der junge Mann lächelte, verstaute den Hut sorgfältig unter seinem Trenchcoat und verließ die Bar.
»Die Radarkontrolle ist eine idiotensichere Sache«, sagte Ignatius gerade zu Darlene. »Die Polizei hat einen Bildschirm, da haben der Taxifahrer und ich auf der ganzen Strecke von Baton Rouge zurück nach New Orleans kleine Punkte drauf gemacht.«
»Nicht zu fassen, du bist auf dem Radar gewesen?« Darlene gähnte.
»Ignatius, wir müssen gehen«, sagte Mrs. Reilly. »Ich habe Hunger.«
Als sie aufstand, fiel ihre Bierflasche vom Tresen und zerschellte am Boden zu einer Brause aus Schaum und braunem, zersplittertem Glas.
»Mutter, was sind das für Umgangsformen? Siehst du nicht, dass ich mich mit Miss Darlene unterhalte? Du hast doch diese Makronen dabei, iss die. Immer beklagst du dich, dass du nie aus dem Haus kommst. Jetzt sind wir mal in der Stadt, da solltest du das auch genießen.«
Ignatius kehrte zurück zu seinem Radar, also öffnete Mrs. Reilly eine Schachtel und nahm einen Brownie heraus.
»Wollen Sie einen?«, fragte sie den Barkeeper. »Sehr lecker. Ich hab auch Weinkekse.«
Der Barkeeper tat so, als mustere er aufmerksam die Flaschen in seinen Regalen.
»Hier riecht’s nach Weinkeksen!«, quiekte Darlene und schaute Ignatius über die Schulter.
»Nimm dir einen, Schätzchen«, sagte Mrs. Reilly.
»Ich glaube, ich nehme auch einen«, sagte Ignatius. »Die passen geschmacklich recht gut zu meinem Brandy, nehme ich an.«
Mrs. Reilly breitete ihre Krapfen und Kekse auf dem Tresen aus. Sogar der Mann mit dem Wettschein ließ sich zu einer Makrone überreden.
»Wo haben Sie nur diese herrlich saftigen Weinkekse her, Madame?«, fragte Darlene.
»Von Holmes, Schätzchen. Da gibt’s eine ganz nette Auswahl.«
»Wirklich schmackhaft«, gab Ignatius zu und suchte mit seiner rosa Zunge den Schnurrbart nach Krümeln ab. »Ich glaube, ich gönne mir noch einen oder zwei. Kokos ist ein sehr bekömmlicher Ballaststoff, gut für die Verdauung.« Er bediente sich entsprechend in der Schachtel.
»Nach dem Essen muss ich immer was Süßes haben«, verriet Mrs. Reilly dem Barkeeper, der ihr den Rücken zukehrte.
»Sie sind bestimmt eine super Köchin«, sagte Darlene.
»Mutter kocht die Sachen nicht«, verkündete Ignatius dogmatisch. »Sie verbrennt sie.«
»Früher hab ich viel gekocht, als ich noch verheiratet war«, erzählte ihnen Darlene. »Meistens Konserven. Ich mag Paella in der Dose und Spaghetti mit Tomatensauce.«
»Dosennahrung ist pervers«, sagte Ignatius. »Ich hege den Verdacht, dass sie seelische Langzeitschäden bewirkt.«
»Himmel, mein Ellbogen fängt wieder an«, stöhnte Mrs. Reilly.
»Bitte, Mutter, ich unterhalte mich gerade! Dosennahrung ist nichts für mich. Beim letzten Mal hätte ich beinahe eine Darmatrophie erwischt.«
»Sie sind ein gebildeter Mann«, sagte Darlene.
»Ignatius hat das College abgeschlossen, dann hat er noch vier Jahre drangehängt und seinen Master gemacht. Ein gescheites Diplom.«
»Gescheites Diplom«, äffte Ignatius seine Mutter nach. »Drück dich bitte klar aus. Was soll das heißen, ein ›gescheites Diplom‹?«
»Sprich nicht so zu deiner Mama«, sagte Darlene.
»Ach, er ist immer so zu mir!«, rief Mrs. Reilly und brach in Tränen aus. »Sie haben ja keine Ahnung. Wenn ich dran denke, was ich alles für den Jungen getan habe …«
»Was sagst du da, Mutter?«
»Und was ist der Dank?«
»Hör sofort auf damit! Ich fürchte, du hast zu viel Bier gehabt.«
»Wie Dreck behandelst du mich. Die ich immer nur mein Bestes gegeben habe.« Mrs. Reilly schluchzte, dann wandte sie sich Darlene zu. »Das ganze Geld von Oma Reillys Lebensversicherung hab ich hergegeben für seine acht Jahre am College, und seither liegt er nichts als zu Hause vor dem Fernseher rum.«
»Sie sollten sich schämen«, sagte Darlene zu Ignatius. »Ein großer Mann wie Sie. Ihre Mutter grämt sich ja zu Tode.«
Mrs. Reilly brach nun vollends zusammen, schluchzte über dem Tresen und hielt sich an ihrem Bierglas fest.
»Das ist lächerlich, Mutter. Hör auf damit.«
»Wenn ich gewusst hätte, wie herzlos Sie sind, Mister, hätte ich mir Ihre verrückte Busgeschichte keine Sekunde angehört.«
»Steh auf, Mutter.«
»Sie sehen wie ein dicker, fetter Spinner aus«, sagte Darlene. »Ich hätte es wissen müssen. Jetzt schauen Sie doch, wie Ihre Mutter weint.«
Darlene versuchte Ignatius vom Hocker zu stoßen, schubste ihn aber nur in die Arme seiner Mutter. Diese hörte schlagartig auf zu weinen und rief: »Mein Ellbogen!«
»Was geht hier vor?«, fragte eine füllige Dame in den besten Jahren, die in der grüngelben kunstledergepolsterten Eingangstür aufgetaucht war. Ihre üppigen Kurven hatte sie in einen schwarzen Ledermantel gehüllt, der feucht war vom Nebel auf der Straße. »Kann ich nicht einmal kurz für ein paar Stunden diesem Lokal den Rücken drehen und Einkäufe machen? Muss ich wirklich rund um die Uhr aufpassen, dass ihr mir meine Geldanlage nicht kaputtmacht?«
»Nur zwei Besoffene«, sagte der Barkeeper. »Ich versuche sie seit Stunden loszuwerden, aber sie bleiben kleben wie die Fliegen.«
»Und du, Darlene«, sagte die Frau. »Hast dich schon dick angefreundet mit den zwei Pappnasen, was? Denkst dir lustige Stühlchenspiele für sie aus?«
»Der Kerl quält seine Mama«, erklärte Darlene.
»Seine Mama? Haben wir jetzt schon Mütter hier drin? Mein Geschäft geht vor die Hunde, ich sag’s ja.«
»Ich muss schon bitten«, sagte Ignatius.
Die Frau beachtete ihn nicht, sondern widmete ihre Aufmerksamkeit den Keksschachteln und den Krümeln auf dem Tresen. »Jemand hat hier ein Picknick abgehalten! Gottverdammich, habe ich euch nicht erklärt, was hier los ist mit Ratten und Ameisen?«
»Ich muss schon bitten«, sagte Ignatius erneut. »Werden Sie nicht ordinär in Anwesenheit meiner Mutter!«
»So eine Sauerei! Ausgerechnet jetzt, wo ich keinen Hausmeister habe.« Dann wandte sie sich dem Barkeeper zu. »Schmeiss die zwei Witzfiguren raus!«
»Jawohl, Miss Lee.«
»Nur keine Umstände«, sagte Mrs. Reilly. »Wir wollten gerade gehen.«
»Und zwar auf der Stelle.« Ignatius stolzierte zur Tür, während seine Mutter sich um einen würdigen Abstieg vom Hocker bemühte. »Beeil dich, Mutter, diese Frau sieht aus wie ein Naziführer. Der trau ich alles zu.«
»Halt!«, rief Miss Lee und packte Ignatius beim Ärmel. »Was sind die beiden schuldig?«
»Acht Dollar«, sagte der Barkeeper.
»Das ist Diebstahl! Raub!«, donnerte Ignatius. »Sie werden von unseren Anwälten hören.«
Mrs. Reilly zahlte mit zwei von den Scheinen, die der junge Mann ihr gegeben hatte, und schwankte an Miss Lee vorbei. »Ich sehe, wir sind hier nicht erwünscht. Wir können unser Geld auch woanders ausgeben.«
»Sehr gut«, sagte Miss Lee. »Und jetzt haut ab. Wenn man Geld von Leuten wie euch nimmt, ist das der Todeskuss.«
Dann schloss sich die gepolsterte Tür hinter den Reillys.
»Ich habe Mütter noch nie gemocht«, sagte Miss Lee. »Nicht mal meine eigene.«
»Meine Mutter war eine Nutte«, sagte der Mann mit dem Wettschein, ohne seinen Blick davon abzuwenden.
»Mütter sind Scheiße«, stellte Miss Lee fest und zog ihren Ledermantel aus. »Und mit dir habe ich noch ein Hühnchen zu rupfen, Darlene.«
Draußen stützte sich Mrs. Reilly auf Ignatius’ Arm, aber sosehr sie sich bemühten, sie kamen nur langsam voran. Seitwärts ging’s ein bisschen schneller: drei Schritte vorwärts, Pause, drei Schritte seitwärts, Pause.
»Was für eine schreckliche Frau«, sagte Mrs. Reilly.
»Die Negation sämtlicher Tugenden«, fügte Ignatius hinzu. »Wo steht unser Auto? Ich bin furchtbar müde.«
»In der St. Ann. Nur ein paar Blocks.«
»Du hast deinen Hut in der Bar vergessen.«
»Den hab ich dem jungen Mann verkauft.«
»Du hast ihn verkauft? Wieso das denn? Hast du mich um mein Einverständnis gebeten? Ich habe sehr an diesem Hut gehangen.«
»Entschuldige, Ignatius, ich hatte ja keine Ahnung, dass er dir so gefällt. Du hast nie etwas gesagt.«
»Der Hut war für mich eine Liebe ohne Worte – ein Stück Kindheit, eine Brücke in die Vergangenheit.«
»Aber ich hab fünfzehn Dollar dafür gekriegt, Ignatius.«
»Bitte. Kein Wort mehr über diesen blasphemischen Handel. Der Himmel mag wissen, welch degenerierten Praktiken dein Hut in Kürze zugeführt wird. Hast du die fünfzehn Dollar bei dir?«
»Sieben sind noch übrig.«
»Dann könnten wir ja eine Kleinigkeit essen.« Ignatius deutete auf den Hotdog-Stand an der Ecke. Er hatte die Form eines riesigen Hotdogs auf Rädern. »Die verkaufen bestimmt Riesen-Hotdogs.«
»Hotdogs? Liebling, willst du wirklich in Regen und Kälte draußen stehen und Würstchen essen?«
»Das wäre eine Überlegung wert.«
»Nein, lass uns nach Hause fahren«, sagte Mrs. Reilly mit einer Kampfeslust, die sie dem Bier verdankte. »Ich würde eh nichts essen wollen, was aus einem dieser dreckigen Karren kommt. Sind übrigens alles Gauner, diese Hotdog-Leute.«
»Wie du meinst«, erwiderte Ignatius schmollend. »Ich darf dich allerdings daran erinnern, dass ich ziemlich hungrig bin und dass du eben eine meiner kostbarsten Kindheitserinnerungen sozusagen für dreißig Silberlinge verhökert hast.«
Sie setzten ihren Pas de deux über das feuchte Pflaster der Bourbon Street fort. In der St. Ann Street fanden sie den Plymouth ohne weitere Schwierigkeiten. Sein hohes Dach – das Beste an ihm – überragte alle anderen Autos. Von unschätzbarem Vorteil war das insbesondere auf den weitläufigen Parkflächen von Supermärkten. Mrs. Reilly trieb den Wagen beim Ausparken zweimal den Bordstein hinauf und hinterließ am hinter ihr stehenden Volkswagen den Stoßstangenabdruck eines 46er Plymouth.
»Meine Nerven!«, krächzte Ignatius und verkroch sich so tief in den Sitz, dass von außen nur noch seine grüne Jagdmütze wie eine halbe Wassermelone zu sehen war. Er saß wie immer auf dem Rücksitz; irgendwo hatte er einmal gelesen, dass der Beifahrersitz der gefährlichste war. Voller Abscheu beobachtete er, wie seine Mutter hektisch und inkompetent mit der Gangschaltung des Plymouth hantierte. »Ich stelle fest, dass du erfolgreich den kleinen Wagen, den jemand in aller Unschuld hinter unseren gestellt hat, demoliert hast. Hoffentlich kommst du hier raus, bevor sein Besitzer auftaucht.«
»Halt die Klappe, Ignatius. Du machst mich nervös.« Mrs. Reilly warf einen Blick in den Rückspiegel, in dem die grüne Mütze leuchtete.
Ignatius rappelte sich auf und schaute durchs Rückfenster. »Der Wagen ist hinüber und dein Führerschein ist futsch, falls du überhaupt jemals einen hattest. Ich kann nicht sagen, dass ich das ungerecht finde.«
»Leg dich hin und schlaf«, sagte seine Mutter, während der Wagen einen weiteren Sprung rückwärts machte.
»Du glaubst doch nicht etwa, dass ich jetzt schlafen kann? Ich fürchte um mein Leben! Bist du sicher, dass du das Steuerrad richtig eingeschlagen hast?«
Plötzlich schoss der Plymouth aus der Parklücke und schlitterte über die regennasse Fahrbahn in den Pfeiler eines gusseisernen Balkons. Der Pfeiler knickte ein und der Wagen prallte gegen die Hausmauer.
»O mein Gott!«, schrie Ignatius von der Rückbank. »Was hast du jetzt wieder getan?«
»Hol einen Pfarrer!«
»Unsinn, wir sind nicht mal verletzt, Mutter. Hingegen hast du meinen Magen für die nächsten paar Tage ruiniert.« Ignatius kurbelte ein Seitenfenster hinunter und schaute nach vorn. Der rechte
Kotflügel war erheblich eingedrückt. »Wenn ich mich nicht irre,
brauchen wir einen neuen Scheinwerfer.«
»Was machen wir jetzt?«
»Ich an deiner Stelle würde jetzt den Rückwärtsgang einlegen
und still und leise von hier verschwinden. Meines Erachtens besteht
Grund zur Annahme, dass wir hier nicht bei allen Leuten auf Begeisterung stoßen. Die Besitzer dieser Immobilie warten bestimmt
seit Jahren auf eine Gelegenheit, ihre Bruchbude mit Schadenersatzgeldern zu sanieren. Gut möglich, dass sie jeden Abend die Straße
mit Schmierfett bestreichen und darauf hoffen, dass endlich ein
Fahrer deines Formats ihren Schuppen rammt.« Ignatius rülpste.
»Meine Verdauung kollabiert. Ich spüre schon, wie es mich aufbläht!«
Mrs. Reilly rührte im ausgeleierten Getriebe und fuhr zögerlich
rückwärts. Während der Wagen zurücksetzte, ertönte über ihren
Köpfen das Splittern von Holz, das überging in Brechen von Balken
und das Scheppern von Metall. Dann fiel der Balkon in großen Stü
cken hinunter auf das Dach des Plymouth, im Wageninnern klang
es nach detonierenden Granaten. Unter diesem Steinschlag kam der
Wagen zum Stillstand, ein gusseisernes Ornament zerschmetterte
das Heckfenster.
»Alles klar bei dir, mein Sohn?«, keuchte Mrs. Reilly, nachdem
der Beschuss vorüber war.
Ignatius antwortete mit einem Würgelaut. In seinen blau-gelben
Augen standen Tränen.
»Sag doch was, Ignatius.« Seine Mutter wandte sich nach ihm um
und sah gerade noch, wie er den Kopf aus dem Fenster streckte und
sich über die Flanke des zerbeulten Wagens erbrach.
Zu dem Zeitpunkt war Wachmann Mancuso langsamen Schrittes in der Chartres Street unterwegs, gekleidet in weiße Ballettstrümpfe und einen gelben Pullover. Das Kostüm war seine Strafe
dafür, dass er einen harmlosen Opa verhaftet hatte. Der Sergeant
hatte Mancuso zum verdeckten Ermittler ernannt und ihm zur Tarnung dieses Kostüm verpasst. Er hatte ihm befohlen, von nun an nur noch echte Verdächtige anzuschleppen, ansonsten wäre die Requisitenkammer des Präsidiums groß genug, ihn jeden Tag in eine neue Verkleidung zu stecken. Vor den Augen des Sergeant hatte Mancuso die Strümpfe überstreifen müssen, und der Sergeant hatte ihn aus der Polizeiwache hinausgeschoben und ihm hinterhergerufen, er solle sich zusammenreißen oder gleich kündigen.
Zwei Stunden schon kreuzte Mancuso durchs French Quarter, und keinerlei Gesindel war ihm begegnet. Zweimal hatte es gut ausgesehen – einmal, als er einen Mann mit einer Baskenmütze um eine Zigarette gebeten hatte, der ihn aber wegen unzüchtigen Verhaltens verhaften lassen wollte; und beim zweiten Mal sprach er einen jungen Mann im Trenchcoat an, der einen Damenhut auf dem Kopf trug, aber der gab ihm nur eine Ohrfeige und lief weiter.
Als Wachmann Mancuso so durch die Chartres Street ging und seine immer noch schmerzende Wange rieb, hörte er etwas wie eine Explosion. Voller Hoffnung, dass eine zwielichtige Gestalt eine Bombe geworfen oder sich selbst erschossen haben könnte, rannte er um die Ecke in die St. Ann Street und sah die grüne Jagdmütze in ein Trümmerfeld kotzen.
»Ignatius J. Reilly führt seine Kreuzzüge so impulsiv wie ein Kind, und genauso situationsverhaftet sind seine moralischen Imperative und Ideale. Das macht ihn sehr menschlich und bis heute zum komischen Spiegel all unserer verbreiteten Inkonsequenzen.«
Michael Schmitt, Neue Zürcher Zeitung, 05.03.2012

»John Kennedy Tooles Roman gilt inzwischen als ein heimlicher Klassiker der Südstaatenliteratur. Auf Deutsch ist er nun neu zu entdecken.«
Klaus Birnstiel, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.01.2012

»Ein schreiend komisches, schrecklich trauriges Buch.«
Anton Thuswaldner, Stuttgarter Zeitung, 09.12.2011

»Ein Hochgenuss für Freunde des schrägen Humors!«
Heilbronner Stimme, 31.01.2012

»Jetzt lässt sich das Werk in einer neuen, geschmeidigen Übersetzung von Alex Capus lesen. Durch sie leuchtet ein, warum diesem Buch ein derart besonderer Stellenwert zugeschrieben wird ... An Toole haben wir einen vor Fröhlichkeit glucksenden glühenden Feind der Niedertracht.«
Anton Thuswaldner, Salzburger Nachrichten, 05.11.2011

»“Die Verschwörung der Idioten“ ist genial. Und zwar nicht im modernen Sinne von „goil“ oder „voll Hamma“, sondern im Wortsinn.«
Christian Popp, noisyNeighbours, November 2011

»Voller Humor, Satire und kreativer Ideen« 
Michael Lehmann-Pape
, lovelybooks.de

Klett-Cotta Aus dem Amerikanischen und mit einem Nachwort von Alex Capus (Orig.: The confederancy of dunces)
4. Aufl. 2012, 462 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-93900-2
autor_portrait

John Kennedy Toole

John Kennedy Toole, geboren 1937 in New Orleans, schrieb »Die Verschwörung der Idioten« während seines Militärdienstes in Puerto Rico. Jahrelang...



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