Ernste Männer

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Prall erzählte indische Gegenwartsliteratur

Die schreiend komische Geschichte eines neuen großen Erzähltalents über die Slums von Mumbai, die indische Gesellschaft und echte Professoren, die sich von einem falschen Wunderkind vorführen lassen.

»Hoffnung ist nur eine kurze Konzentrationsschwäche.«

Ayyan Mani ist mit seiner Familie in einer trostlosen Hochhaussiedlung von Mumbai gestrandet. Immerhin hat er einen Job am Institut für Forschung und Theorie als Sekretär eines zwar brillanten, aber unerträglichen Astronomieprofessors. Damit sein 10-jähriger Sohn es einmal besser hat, nutzt er seine privilegierte Position im Dunstkreis der Brahmanen und präsentiert Adi als Wunderkind. Mit diebischer Freude trichtert er ihm unsinnige Fragen für den Schulunterricht ein und manipuliert dessen Hörgerät, damit der Junge vor Journalisten die ersten tausend Primzahlen »auswendig« aufsagen kann. Die Professoren am Institut sind derweil zu beschäftigt mit internen Streitereien, um zu merken,wie sie von ihrem Untergebenen vorgeführt werden.

Leseprobe
Erster Teil - Das Große Lauscherproblem
Ayyan Mani trug sein dickes schwarzes Haar seitlich gescheitelt; rechts und links waren in einer leichtsinnig gezogenen Linie voneinander getrennt wie die Grenzen, welche die Briten früher so gern zwischen verfeindeten Nachbarstaaten zogen. Seine Augen waren wach und wissend, ein strammer Schnurrbart überdachte ein ständiges Lächeln. Ein dunkelhäutiger, ordentlich gekleideter Mann, aber aus der Unterschicht, das sah man sofort.
Er beobachtete die Spaziergänger, von denen es auf der langen Betonpromenade an der Arabischen See bei Sonnenuntergang Hunderte gab. Junge Frauen in bequemen Schuhen liefen so schnell, als versuchten sie dem Schicksal zu entfliehen, bald wie ihre Mütter auszusehen. Ihre stolzen Brüste hüpften, untrainierte Schenkel wabbelten bei jedem Schritt. Ihre müden Oberkastengesichter, so hell und schweißglänzend, waren zu Grimassen sportlicher Anstrengung verzogen. Ayyan stellte sich vor, sie wären von ihm beglückt in Ekstase. Unter den einsamen Walkerinnen waren Mädchen, die sich noch nie sportlich betätigt hatten, das sah er. Die plötzliche Verlobung mit einer guten Partie hatte sie hergetrieben, und sie liefen mit überlangen Schritten, als wollten sie den Küstenverlauf vermessen. Sie mussten noch schnell vor der Hochzeitsnacht den Bauchspeck loswerden, bevor sie sich auf dem blütenstaubbedeckten Brautbett einem Fremden hingeben würden. Alte Männer spazierten mit anderen alten Männern und besprachen gelassen die Lage der Nation, ohne die Läuferinnen zu beachten. Die Männer wussten für alles eine Lösung, weswegen ihre Frauen in eigenen Grüppchen eine halbe Meile hinterherliefen und sich über Rheuma oder andere, abwesende Frauen unterhielten. Heimlich Liebende fanden sich allmählich in der Dämmerung ein. Sie kletterten auf die Promenadenmauer und blickten in Richtung Meer, händchenhaltend oder heulend, je nach dem Stadium der Beziehung. Ihre neuen Jeans saßen so tief, dass das Komma über den mageren indischen Hinterteilen her ausguckte.
Ayyan sah sich mit Augen um, die nicht wussten, wie man ein kultiviertes Desinteresse vorheuchelte. Er sagte oft zu Oja: »Wenn man ernsthafte Leute nur lange genug anstarrt, wirken sie irgendwann alle komisch.« Und deswegen guckte er hin. Eine junge Frau mit hüpfendem Pferdeschwanz und iPod in den Ohren überholte ihn. Unter ihrem feuchten T-Shirt zeichnete sich der glatte, jugendliche Rücken ab. Ayyan beschleunigte seinen Schritt, um sie seinerseits zu überholen und ihr ins Gesicht sehen zu können. Er hoffte, dass sie nicht hübscher war. Schöne Frauen frustrierten ihn. Sie waren wie ein Mercedes, ein Blackberry oder ein Haus mit Meerblick.
Das Mädchen erwiderte seinen Blick ganz kurz und sah dann weg, ohne sich geschmeichelt zu fühlen. Ihr Gesicht war voller Hochmut. Wie gern würde er es zähmen. Mit Liebe, Gedichten oder einem Ledergürtel vielleicht. Je nachdem, was ihr zusagte. Ihr Gesicht verriet nichts, wurde aber noch gleichgültiger. Sie wusste, dass sie beobachtet wurde, nicht nur von einem forschen Fremden, sondern von den endlosen Horden der Armut, die sie von allen Seiten bedrängten, Denguefieber verbreiteten und ihr das Auto zerkratzten. Immer waren sie an den Außenrändern ihrer Welt und gafften sie an, wie streunende Köter einen Rassehund.
Ayyan fiel zurück und ließ sie weitermarschieren. Wenige Meter entfernt stand ein Mann regungslos da und starrte ihr hinterher. Sein Kopf bewegte sich von rechts nach links, als sie an ihm vorbeiging. Er war klein, so dass es aussah, als müsse er sich beständig recken, weil sein Rücken nicht lang genug war. Die Straffheit seines Oberhemds verriet Ayyan, dass er es in die Unterhose gesteckt hatte, damit es glatter saß. (Das Modegeheimnis vieler Männer, die er kannte). Ein schmaler, brauner Gürtel ging fast zweimal um seine magere Taille. Die Brusttasche war wegen der vielen Gegenstände dar in ausgebeult. Aus der Gesäßtasche seiner Hose lugte ein roter Kamm.
»Hör auf, dem Mädchen hinterherzuglotzen«, sagte Ayyan.
Der kleine Mann zuckte zusammen. Dann verzog er den Mund zu einem kameradschaftlichen, aber lautlosen Lachen. Der Speichel war ihm im Mund zusammengelaufen.
Sie begaben sich zu einer der rosa Betonbänke, diese war dem Andenken eines verblichenen Rotary-Mitglieds gewidmet.
»Viel zu tun heute«, sagte der Mann und schlug sich auf die Oberschenkel. »Ich gehe auf Reisen. Deswegen habe ich dich herbemüht, Mani. Ich wollte die Sache schnell über die Bühne bringen.«
»Schon in Ordnung, mein Freund«, erwiderte Ayyan. »Hauptsache, es hat mit dem Treffen geklappt.« Er holte ein Stück bedrucktes Papier her aus und gab es dem anderen. »Hier steht alles Weitere drin«, sagte Ayyan.
Der Mann las es aufmerksamer durch, als er vermutlich beabsichtigt hatte. Er versuchte, gleichgültig zu wirken, als ihm ein Umschlag mit Bargeld an die Brust gedrückt wurde.
Nachdem der kleine Mann mit schnellen, hastigen Schrittchen verschwunden war - um zu betonen, wie eilig er es hatte -, blieb Ayyan auf der Bank sitzen und sah ins Leere. Das Spiel sollte sich ein bisschen beschleunigen, sagte er sich. Es musste auf ein neues Level. Was er gerade gemacht hatte, war in gewisser Hinsicht grausam. Vermutlich war es sogar illegal. Aber was sollte man tun ? Auch ein hundsgemeiner Büroangestellter, nichts als ein Rädchen in der Welt der Mächtigen, will mal das große, aufregen de Leben schnuppern und seine Frau vom Fluch der gelbsüchtigen Zimmerwände befreien. Was sollte man da tun ?
Die Menschenmenge am Worli Seaface schwoll an zu einem riesigen, farblosen Schwarm. Blasse, hoffnungslos dreinblickende Jungs liefen in Grüppchen nebeneinander her und kicherten über die gymnastischen Übungen unerreichbarer Frauen. Und sie machten den hastigen Walkerinnen nicht Platz. Das liebte Ayyan an der Stadt: Die schweißnassen Massen, das ewige Geschiebe und Gedränge, die stumme Rache der Armen. In den schäbigen Aufzügen und vollgestopften Zügen hörte er oft die erleichternden Nachmittagsfürze, sah sich schuppende Haut in unbekannten Gesichtern und rotgeäderte, bewegungslose Augen. Und die heimlichen Damenbärte. Und der grünliche Schimmer, wenn sie gerade ausgezupft worden waren. Er spürte das Schubsen und Schieben, die schweren Bäuche. Diese himmelschreiende Beengtheit liebte er an Mumbai, weil der Stau der ausweglos vorwärtsschiebenden Menschenkörper, in den er hin eingeboren war, in gewisser Weise auch das Schicksal der Reichen darstellte. Auf den Straßen, in den Zügen, in den erbärmlichen Parkanlagen und an den plötzlich auftauchenden Stränden waren alle arm. Und das war gerecht so.
Es trafen immer mehr verzweifelt Verliebte ein, die schnell die Zwischenräume zwischen den aneinanderklebenden Paaren auf der Betonbrüstung einnahmen. Und dann saßen auch sie mit dem Gesicht zum Meer da, den vorbeiziehenden Mengen den Rücken zugewandt, und befummelten sich diskret. Sollte hier jemals plötzlich völlige Stille eintreten, würde man das Schnalzen von tausend BH -Riemchen hören. Unter den Liebespaaren waren verheiratete Leute, manche waren sogar miteinander verheiratet. Wenn es Nacht wurde, gingen sie zurück in ihre Einraumwohnungen, die so groß wie ein Mercedes waren, zurück zu ihren Kindern, Eltern, Schwiegereltern, Geschwistern, Neffen und Nichten, die in riesigen, unentrinnbaren Ansammlungen unter den Dächern kochender Mietshäuser zusammengepfercht waren. Wie in den BDD Chawls, der Vorhölle auf Erden. Die Leute, die wussten, was » BDD « bedeutete, war nicht die Art Leute, die dort wohnte. Ayyan wusste solche Sachen, obwohl er dort vor neununddreißig Jahren auf dem blanken Betonboden zur Welt gekommen war.
Die BDD Chawls, die Wohnblocks des Bombay Development Directorates, waren eine Bienenwabe aus zehntausend Wohnungen, die aus jeweils einem Raum bestanden, ausgeschnitten aus einhundertzwanzig identischen dreistöckigen Gebäuden, die von außen wie graue Ruinen aussahen. Der Regen hatte den Anstrich längst abgewaschen. Eine Million Kleidungsstücke hing vor den Gittern kleiner, dunkler Fenster. Teile der Außenmauern, bisweilen ganze Dächer, brachen ab und fielen her unter, besonders während der schweren Regengüsse im August. Die Mietskasernen waren vor über achtzig Jahren in einer späten Aufwallung sozialen Gewissens von den Engländern als Unterkunft für die Obdachlosen errichtet worden. Doch die Chawls waren so schlecht gebaut, dass die Straßenbewohner den Einzug verweigerten, weil sie nicht die ganze Welt und den blauen Himmel gegen ein dunkles Loch am Ende eines unendlich traurigen Korridors eintauschen wollten. Deswegen wurden die Gebäude dann von den Engländern in ein Gefängnis für Freiheitskämpfer verwandelt. Die leer gebliebenen Einzimmerwohnungen wurden Hochsicherheitstrakte. In diesen Gebäuden, denen vor achtzig Jahren sogar die Obdachlosen die kalte Schulter gezeigt und die daraufhin als Gefängnis gedient hatten, lebten jetzt über achtzigtausend seufzende Menschen: Sie seufzten, wenn sie neue Kinder zeugten, und sie seufzten, wenn der Tod ihnen endlich Erleichterung brachte.
Ayyan ging über die gepflasterten, mittlerweile aufgebrochenen Gehwege zwischen den geduckten Gebäuden nach Hause. Männer und Frauen standen zu Hunderten her um. Als sei etwas Schlimmes passiert. Magere Mädchen mit hohler Brust standen in Grüppchen zusammen. Sie waren sauber und eifrig, und in ihrem Blick lag Hoffnung. Manche unterhielten sich auf Englisch miteinander, um zu üben. Sie wichen aus, um einen Betrunkenen vorbeizulassen. Jungs mit Mango-Hintern in engen, gefälschten Markenjeans waren mit Ringkämpfchen beschäftigt, freundschaftlichem Handgemenge, versuchtem Beinestellen. Das Gesicht eines Jugendlichen verzog sich. Jemand bog ihm den Finger um. Sein idiotisch-freundschaftliches Grinsen wurde ernst. Eine Schlägerei ging los.
Ayyan ging trotzdem gern nach Hause. Eine gute Ehe war der einzige Grund für einen Mann, die steile, koloniale Treppe von Block Nummer einundvierzig zu ersteigen. Beim Hochgehen grüßte er die Männer, die zum Trinken auf dem Weg nach unten waren. Die Frauen des BDD erwarteten nur wenig von ihren Männern. Alternde Mütter, die alle Söhne verloren hatten, bevor sie dreißig waren, konnten immer noch bis zur Atemlosigkeit lachen. Die Schwächen der Männer waren für sie allzu offensichtlich: in den müden Gesichtern der frisch Verstorbenen, in den leeren Augen der Trinker oder im resignierten Stoizismus der arbeitslosen Jungen, die stundenlang dasaßen und zusahen, wie die Welt an ihnen vorbeizog. In gewisser Weise war das hier der einfachste Ort, um ein Mann zu sein. Am Leben zu sein reichte. Nüchtern und angestellt war beeindruckend. Ayyan Mani war praktisch eine Legende.
Die Männer hielten Ayyan wegen der Erinnerungen an die gemeinsame Kindheit die Treue, doch er hatte sich vor langem von ihnen losgesagt. Er scherzte mit den Kumpanen von früher, lieh ihnen Geld und unterhielt sich in schwülen Nächten auf der asphaltierten Dachterrasse mit ihnen dar über, wer nun wirklich der beste Schlagmann der Welt sei oder über die Bauunternehmer, die den Chawl aufkaufen wollten oder dass Aiswharya Rai gar nicht so hübsch wäre, wenn man sie aus der Nähe betrachten würde. Aber innerlich hatte er sich von diesen Männern distanziert. Er hatte die Welt, in der er aufgewachsen war, wegschieben müssen, um sich Fluchtwege auszudenken. Manchmal sah er Bitterkeit in den Augen seiner alten Freunde, weil er es im Leben so viel weiter als sie gebracht hatte. Diese Bitterkeit beruhigte ihn. Der geheime Zorn in ihrem niedergeschlagenen Blick erinnerte ihn an eine Überzeugung, die ihm mehr bedeutete als alles andere: Dass Männer im Grunde nicht wirklich die Freunde anderer Männer sein konnten. Dass die Freundschaft von Männern, trotz allen leichtherzigen Schwatzens, den übertriebenen Erinnerungen an uralte Jungenstreiche, trotz selbstlosen Verleihens von Pornografie im Grunde eine absurde Gemeinschaft war.
Denn was ein Mann wirklich wollte, war, wichtiger zu sein als seine Freunde.
Ayyan begegnete einem jungen Ehepaar, das die Treppe herunterkam. »Alles in Ordnung ?«, fragte er. Der junge Mann lächelte schüchtern. Er hatte eine Reisetasche in der Hand. Ayyan wusste, dass die Tasche leer war. Sie war ein Ausdruck der Liebe. In manchen der Räume hier wohnte über ein Dutzend Menschen zusammen. Deswegen schliefen frisch Verheiratete auf den illegalen Hochbetten aus Holz, im stillschweigenden Einvernehmen mit dem Rest der Familie unten, dass der nicht nach oben gucken würde. Ab und an gingen Paare, die sich nicht mehr anders zu helfen wussten, mit leeren Reisetaschen in der Hand in die Billighotels in Parel oder Worli - die Reisetasche, um als Touristen durchzugehen. Manche hatten auch das Fotoalbum von ihrer Hochzeit dabei, für den Fall einer Polizeirazzia. Sie verbrachten einen ganzen Tag in einem ganzen Bett für sich allein und kehrten mit schönen Erinnerungen an Zimmerservice und Liebe zurück. Ayyan hatte sich noch nie so behelfen müssen. Oja Mani war erst in sein Leben getreten, als alle anderen schon weg waren. Seine drei Brüder waren innerhalb von achtzehn Monaten an Leberblutungen gestorben, ein Jahr später war sein Vater einer Lungenentzündung erlegen, und seine Mutter war ihm schon bald aus Gewohnheit gefolgt. Damals war Ayyan siebenundzwanzig gewesen und Oja siebzehn. Er hatte sie mit dem Hintergedanken heimgeführt, dass sie selbst dann, wenn er nicht mehr völlig potent war, noch lange jung sein würde.
Er ging durch den düsteren Gang im zweiten Stock, dem obersten Stockwerk. Enorme Risse durchzogen die alten, vergilbten Wände wie dunkle Flusssysteme. Ungefähr vierzig Türen standen offen. Reglose Schatten hockten auf den Türschwellen und glotzten. Alte Witwen kämmten sich versonnen die Haare. Kinder rannten begeistert über die glattgewetzten grauen Steine.
Er klopfte an die einzige Tür am Gang, die geschlossen war. Während er wartete, spürte er den Trubel hinter den vielen offen stehenden Türen, die her umhuschenden Gestalten. Ein vertrauter Kummer stieg in ihm auf. Oja saß hier mit ihm zusammen fest. Früher waren die Worte wie ein Kichern im jugendlichen Überschwang aus ihr her ausgeperlt; morgens hatte sie vor sich hin gesungen. Doch der Chawl hatte sich in ihr festgesetzt. Die Dunkelheit wuchs und starrte ihn manchmal aus ihren großen, schwarzen Augen an.
Die Tür ging auf, nicht mehr so schnell und voller Vorfreude wie noch vor einigen Jahren. Oja Mani machte auf, ihre herrlichen dunklen Haare noch nass vom Baden. So zierlich wie eh je, nach wie vor in der Lage, ihre Zehen zu berühren, sollte sie jemand dazu auffordern, was unwahrscheinlich war. Aber sie war nicht durch eitle Turnübungen trainiert wie die Frauen aus den oberen Kasten am Worli Seaface. Unter ihrem dünnen roten Nachthemd war ein kleiner Bauch zu erkennen, der fl ach wurde, wenn sie auf dem Rücken lag.
Ihr Zuhause war genau fünf Meter lang und drei Meter dreißig breit. In der Mitte war eine freie Fläche aus glattem, grauem Steinboden. Entlang der Wände standen ein Fernseher, eine Waschmaschine, ein gütig lächelnder Goldbuddha und ein hoch aufragendes Metallregal. Am hinteren Ende des Zimmers, an dem einzigen Fenster, vor dem ein rostiges Eisengitter angebracht war, befand sich eine Küchenzeile, neben einer winzigen Duschkabine aus buntem Glas, in die einer passte und die aus zweien ein Paar machte.
Oja ließ die Tür offen und setzte sich zurück auf den Boden, wo sie weiter in Richtung Fernseher starrte. Jeden Abend von sieben bis neun war sie von den melancholischen Tamil-Soaps wie hypnotisiert. So lange ermutigte sie die Männer zu verschwinden. Ayyan setzte sich neben sie und sah sich geduldig die Serie mit an.
»Warum weint die Frau da ?«, fragte er, um sie zu ärgern. »Gestern Abend hat sie auch schon geweint. Hat sie keinen Dialog bekommen ?«
Oja gab keine Antwort. Ihre großen, mitfühlenden Augen waren feucht. »Ich komme nach einem langen Arbeitstag nach Hause, und du sitzt nur da und guckst Fernsehen ?«, sagte er. Ihre Nasenflügel weiteten sich ein wenig, aber sie zog es vor zu schweigen. Das war ihre Strategie.
»Wusstest du schon, Oja«, sagte er, wie er das Gespräch immer zu eröffnen pflegte, »die reichen Leute haben ein Wort für alles. Sie haben sogar einen Ausdruck für die Zeit, die ein Mann mit seiner Familie verbringt.«
»Wirklich ?«, fragte sie, ohne ihn anzusehen.
»Sie nennen es Quality Time .«
»Ist das Englisch ?«
»Ja.«
»War um braucht man ein Wort für so was ?«
»Die geben allem einen Namen«, sagte er. »Wusstest du schon, Oja ? In den Riesenhochhäusern, da gibt es Leute, die sich den Kopf über Fragen zerbrechen wie: ›Wer bin ich ? Was bin ich ?‹ Und dafür haben sie auch ein Wort.«
Es klopfte an der Tür. Oja brummte, dass man ja wohl nie seine Ruhe haben könne. Als Ayyan aufmachte, kamen zwei kleine Mädchen her ein. Eins war um die zehn, das andere vermutlich zwei Jahre jünger. Im Chor sagten sie: »Wir haben Gäste, wir brauchen Stühle.« Und sie nahmen die beiden weißen Plastikstühle mit.
Oja machte die Tür zu und verriegelte sie, als könnte das andere Störungen fernhalten, die draußen lauerten, dann ließ sie sich wieder auf dem Boden nieder. Doch das Fernsehen brach plötzlich in den munteren Gesang einer Shampoo-Werbung aus. Mit einer raschen Bewegung stand Oja auf und ging in die Küchen ecke. Sie kannte die Länge der Werbepausen genau. Die erste war die längste, in der Oja einen Gutteil des Kochens zu erledigen versuchte.
»Jetzt guck dir das an«, sagte Ayyan und zeigte auf den Werbespot. »Die Frau da hat ein Problem. Sie hat sogar ein ganz schlimmes Problem. Ihre Haare sind dünn und kraftlos. Das ist ihre größte Sorge. Jetzt benutzt sie ein Shampoo. Und jetzt schau dir das an: Sie ist glücklich. Ihr Problem ist gelöst. Ein Mann begafft sie, und sie wirft ihm von der Seite her Blicke zu. Ihre Haare sind jetzt dick und kräftig.«
Ayyan lachte, aber Oja wusste, dass die Muskeln an seinen Schläfen wahrscheinlich zuckten. Sie wandte sich nicht vom zitternden Kessel auf dem Herd ab. Sie wartete lieber ab, bis er all seinen Hass losgeworden war.
Jetzt sagte er: »Das ist das, was diese Idioten für ein Problem halten. Haarausfall. Das ist ihr schreckliches Problem.« Dann fragte er unvermittelt: »Wo ist Adi ?«
Oja antwortete: »Mädchen und Schmetterlinge, Jungs und Affen.« Die meisten ihrer Redewendungen verstand Ayyan nicht. »Und, wo ist er ?«
»Weiß Gott, was dieser seltsame Junge wieder treibt«, sagte sie. Sie selbst hatte ihn nachdrücklich dazu aufgefordert, sich beim Beginn der Serie aus dem Staub zu machen.
Auf der riesigen, geteerten Dachterrasse, um die ringsher um die Hochhäuser aufragten, saßen die Leute in kleinen Grüppchen zusammen. Kinder rannten mit viel Geschrei unter dem sternenlosen Himmel umher. Ein Junge, vielleicht zehn, stand ruhig in einer Ecke. Seine Haare waren frisch eingeölt und sehr ordentlich gekämmt. Er trug ein T-Shirt mit dem die Zunge her ausstreckenden Einstein dar auf. Der Junge hatte klare, schwarze Augen: Ojas Augen. An seinem linken Ohr war ein Hörgerät befestigt. Ein weißes Kabel verschwand in seinem T-Shirt.
Er schien keine große Lust am Her umrennen zu verspüren, auch wenn er das, was um ihn her um geschah, sehr interessiert beobachtete. Nach einer Weile versammelten sich die anderen Kinder in seiner Nähe. Sie keuchten zufrieden und beschlossen, jetzt Mann und Frau zu spielen, weil sie müde vom Her um rennen waren. Das war ihrer Meinung nach ein Spiel zum Erholen.
Ohne allzu viele Konflikte teilten sie sich in Paare auf. Ein übrig gebliebenes Mädchen wurde schnell mit dem stillen Jungen vereint. Sie betrachtete ihn her ablassend, weil sie ein Mädchen war und er nur ein Junge. Unaufgefordert erklärte sie ihm das Spiel. »Es geht ganz einfach«, sagte sie, um ihn zu ködern. Sie brauchten sich einfach nur wie ihre Eltern zu verhalten. Die anderen Paare verzogen sich in verschiedene Ecken der Terrasse, wo sich in ihrem Spiel die Märkte und Kinos befanden. Der Junge betrachtete sein Mädchen einige Sekunden lang und fragte sich, was sie tun sollten. Dann schoss ihm eine Idee durch den seltsam großen Kopf.
Er legte das Mädchen sanft auf den Boden und drückte ihre Beine auseinander. Sie wirkte ein wenig verwirrt, aber durchaus bereit zu verstehen, was er vorhatte. Dann bestieg er sie und bewegte ruckartig die Hüften. Die jungen Mütter, die bis dahin nur hin und wieder einen trägen Blick in Richtung der Kinder geworfen hatten, wie grasende Tiere in der Prärie, erwachten zum Leben. Sie kicherten entsetzt und trennten den Jungen eilends von seiner Ehefrau auf Zeit. Mit einem schmollenden Gesichtsausdruck ging der Junge zurück in seine Ecke. Das Mädchen überwand rasch die Einmischung der Erwachsenen. Jetzt, wo ihr sein Vorhaben klar geworden war, setzte sie das Spiel fort und tat so, als würde sie sich mit gelangweiltem Gesicht die Haare fl echten. Dann legte sie sich auf den Teerboden zum Schlafen.
Da alle Paare miteinander beschäftigt waren und seine Frau schlief, ging Adi nach Hause. Oja ließ ihn her ein. Der Junge kam mit der Ruhe der Weisen in die Wohnung und zog die Encyclo pædia Britannica: M - P aus dem unteren Regal des Fernsehschranks.
»Was ich ganz vergessen hatte«, sagte Oja zu ihrem Mann, »seine Lehrerin hat ihm wieder einen Verweis ins Heft geschrieben. Du musst morgen zur Rektorin.«
»Was hat er denn nun wieder angestellt ?«, fragte Ayyan mit einem stolzen Lächeln. Adi sah zu seinem Vater hoch und zwinkerte ihm verschwörerisch zu.
»Du bist derjenige, der ihn immer verwöhnt«, sagte Oja. »Wenn das so weitergeht, werfen sie ihn irgendwann noch aus der Schule.«
Sie ging zu Adi und zog ihn liebevoll am Ohr. »Er hat wieder so eine Frage im Unterricht gestellt«, antwortete sie. »Was für eine Frage denn ?«, fragte Ayyan und lachte leise in sich hin ein. »Das weiß ich nicht. Ich wüsste es noch nicht mal, wenn du es mir sagen würdest. Der Junge ist verrückt.«
»Was hast du jetzt wieder angestellt, Adi ?«
»Die Physiklehrerin hat gesagt, wenn man etwas hochwirft, dann fällt es her unter. Solche einfachen Sachen. Dann habe ich sie gefragt, ob es irgendwo im Weltall möglich wäre, dass sich ein Gegenstand wegen der Beschleunigung durch die Schwerkraft eines Planeten schneller als mit Lichtgeschwindigkeit bewegt.«
Oja blickte verstört drein. »Außerdem hat er eins von deinen Büchern im Unterricht gelesen«, sagte sie vorwurfsvoll. »Ich weiß nicht, wie er das mitgeschmuggelt hat.«
Ayyan sah seinen Sohn verschwörerisch an und fragte, was für ein Buch das gewesen sei. » Eine kurze Geschichte der Zeit «, antwortete Adi. »Ich finde es nicht so gut.«
Oja starrte ihren Sohn mit einer Mischung aus Angst und Aufregung an. Diesen Ausdruck auf dem Gesicht seiner Frau liebte Ayyan, das plötzliche Erwachen aus der Resignation eines Lebens im BDD .
»Er ist erst zehn«, sagte sie. »Wie kann er solche Sachen verstehen ?«
Letzten Monat hatte Adi der Physiklehrerin mitten im Unterricht eine Frage über arithmetische Progressionen gestellt. Ein paar Wochen zuvor war es etwas anderes gewesen. Oja bekam diese Geschichten von seinen Lehrerinnen zu hören, die meist außer sich vor Begeisterung waren, wenn sie sich über ihn beschwerten.
In dieser Nacht schlief Adi vor dem Kühlschrank, wie immer, neben ihm lag sein Vater, der die mit Glasarmreifen behangene Hand seiner Frau hielt. Ayyan fragte sich, ob er ein Hochbett einbauen lassen musste. Er drehte sich zu seinem Sohn um, der mit dem Gesicht zu ihm dalag, aber tief und fest schlief. Einige Minuten später drehte der Junge sich im Schlaf um und steckte das Gesicht unter den Kühlschrank. Das machte die Sache einfacher.
Ein schwacher Schein drang zum vergitterten Fenster her ein, und Ayyan konnte Oja in dem bläulichen Licht erkennen. Ihre Hand ruhte, die Handfläche mit der klaren Lebenslinie nach oben gedreht, locker auf ihrer Stirn. Ihr rotes Nachthemd war weit weniger erregend als die Saris, die sie nach der Hochzeit getragen hatte. Damals hatte sie immer einen Sari getragen, auch nachts, weil ihre Mutter ihr eingeschärft hatte, sie solle ja nicht den Eindruck erwecken, moderne Einstellungen zu haben. Oja hatte die Beine mit den silbernen Fußkettchen übereinander geschlagen. Ayyan strich ihr mit der Hand über die Taille. Ohne Schrecken oder Protest schlug Oja die Augen auf. Sie hob den Kopf, um nach Adi zu sehen. Das Paar ging geübt zur Sache. Sie konnten sich streicheln und sogar ein bisschen her umwälzen, ohne das geringste Geräusch dabei zu machen.
Sie befanden sich gerade in einem Zustand fortgeschrittener Verwicklung, Ayyans Unterhose hing an seinen Knien, Ojas Nachthemd war hochgeschoben, ihre Beine gespreizt, als sie dar an dachte, mal wieder nach Adi zu sehen. Er saß mit dem Rücken an der Wand aufrecht da.
»Das wollten die mich gestern nicht spielen lassen«, sagte er.
Am Morgen, als Adi in der Glaskabine Eimer voll Wasser über sich goss, teilte Ayyan seiner Frau mit tiefer Stimme und niedergeschlagenem Blick mit: »Ich muss dir etwas sagen.« Oja sah erst ihn an, dann wieder die kochende Milch. »Unserem Sohn zuliebe«, sagte er, »müssen wir aufhören, unseren privaten Freuden nachzugehen.«
Als er eine Stunde später mit Adi zur Schule lief, dachte Ayyan dar über nach, wie bereitwillig Oja seine Entscheidung akzeptiert hatte. Sie hatte genickt, den Blick jedoch nicht von der Milch genommen. Es war ein Bild, das ihm nicht aus dem Kopf gehen wollte, bis sie bei der Gasse in Worli ankamen, von der aus man durch das große, schwarze Tor die St.-Andrew-Schule betrat. Die ersten Anzeichen des Niederganges erfährt ein Mann von seiner Frau, dachte er.
Ojas Gesicht blieb angesichts der Zumutungen der Liebe jetzt immer kalt, nicht einmal mehr Unlust zeichnete sich ab. Früher hatte sie gestöhnt, kurze Japser zum Besten gegeben und war ganz schamhaft geworden. Wenn er jetzt mit ihr schlief, schaute sie drein, als würde sie auf den Bus warten. Als sie anfangs diesen leeren Blick aufgesetzt hatte, hatte er ihn als Anreiz für ein Spiel gedeutet, dessen Ziel es war, ihr irgendeine Reaktion zu entlocken - ein Quietschen, Seufzen, Stöhnen, irgendetwas. Dann wandelte sich das Spiel zu der Phantasie, in der er ein mächtiger Teeplantagenbesitzer war, der eine Pflückerin vergewaltigt, die mit der Bitte um ein Darlehen zu ihm kommt. Doch der leere Blick seiner Frau erfasste sein Herz, und er bereitete allen geheimen Spielchen ein Ende. Und er nahm ihre teilnahmslose Liebe auf dieselbe Art entgegen, wie er ihre Tasse immer gleichen Tees entgegennahm.
Aber manchmal versetzte ihr leeres, freudloses Gesicht ihm einen Schrecken. Es erinnerte ihn dar an, dass die Frau, die er so sehr liebte, seinetwegen in diesem tristen Leben gestrandet war. Es hatte einmal eine Zeit gegeben, in der er glaubte, dass er ihr das BDD und alles andere ersparen könnte, dass allein die Liebe ihm Flügel verleihen und ihre Familie irgendwie in ein besseres Leben verpflanzen würde. Aber das war nicht geschehen und würde vermutlich auch nie geschehen.
Er hatte plötzlich den unwiderstehlichen Drang, sich einfach fallen zu lassen und auf der Stelle einzuschlafen, wie die alten Säufer aus den Chawls. Er wollte irgendwohin fliehen, weit weg, wo er kein Familienvater war, wo niemand etwas von ihm erwarten würde und er nichts von anderen. Er würde die Früchte herrenloser Bäume essen und unter dem sauberen blauen Himmel schlafen, in den Schlaf gewiegt vom Klang der Wellen und den Winden weit entfernter Länder. Er malte sich aus, er wäre auf einer riesigen Plakatwand zu sehen, von hinten, wie er auf einer langen, gewundenen Straße auf den endlosen Ozean zulief, und über dem Meer gingen am Horizont weißglühend die Worte auf: Der freie Mann .
Aber er wusste ja, dass die Freiheit des Junggesellen die Freiheit eines streunenden Hundes war. An diesen Tagen, wenn er sich im Familienleben eingesperrt fühlte, rief er sich immer den Abend in Erinnerung, an dem er Oja als seine angsterfüllte Braut zum ersten Mal nach Hause geführt hatte. Sie war so wunderschön gewesen und ihre Angst so erregend. Doch in der Hochzeitsnacht, als er sich neben sie auf die mit Beerdigungsrosen bestreute Matratze setzte, sah er, dass seine Braut sich Arme und Beine mit einer Rasierklinge aufgeschnitten hatte. Das hatte sie sehr sorgfältig und methodisch gemacht, ohne Adern zu verletzen. Sie wollte einen Vorwand haben, damit sie in Ruhe gelassen wurde. Es war ihre Art, sich vor dem Entkleidetwerden durch einen Fremden zu schützen.
»Ich habe Angst«, war das Erste, was sie zu ihm sagte.
»Wovor ?«, fragte er, und sie blickte noch verängstigter drein.
Ayyan hatte gelesen, dass eine Frau innerlich bereit sein müsse, was immer das heißen mochte. Deswegen beschloss er zu warten. Irgendwann während ihres zweiten Ehemonats wurde Ojas Cousine unter einem Vorwand von ihrer Mutter geschickt, um her auszufinden, ob alles seine Ordnung hatte. Beim Ansetzen des Joghurts kamen die beiden Mädchen auf Intimes zu sprechen.
»Er hat es noch nicht gemacht ?«, kreischte die Cousine. »Mit dem stimmt was nicht.« Sie sprach von dem dunklen Ding, »das halb verdaut aussieht«, das sie genagelt hatte, bevor sie ihrem Mann in der Hochzeitsnacht noch die zeremonielle Milch reichen konnte.
»Es war groß und tat weh«, flüsterte die Cousine. »Zwei Tage lang bin ich gelaufen wie eine Spinne.«
Bald darauf forderte Ayyan sein Recht, an einem Sonntagnachmittag, als Oja auf dem Steinboden saß und Zwiebeln schnippelte. Als es vorbei war, blickte Oja hoch zur Decke, eine Zwiebelträne lief ihr über die Wange, und sie fragte leicht enttäuscht: »Und das war alles ?« Dann hob sie unerwartet die Beine und drückte die Knie als lindernde gymnastische Übung ans Gesicht. Das erste Jahr ihrer Ehe verging im endlosen Geplapper über Dinge, an die sie sich nicht mehr erinnern konnten; ihre Einsamkeit zu zweit hatte manchmal die Schwermut des Exils an sich, manchmal die süße Abgeschiedenheit der Flucht. Es war gefüllt mit der unregelmäßigen körperlichen Liebe, bei der Ojas Blick stets ruhig und interessiert blieb. Und mit Ayyans ständigem Wissen, dass eine Packung Kondome in ihrem Haus länger hielt als ein Glas Mango Pickles.
In jener Zeit hatte er einen Albtraum, von dem er Oja nie etwas erzählt hatte. Er träumte, dass er zu Gott einbestellt worden war, der wie ein stark erleuchteter Albert Einstein aussah. Und Gott fragte ihn: »Warum hast du geheiratet ?«
Ayyan antwortete aufrichtigerweise: »Damit ich zu jeder Tages- und Nachtzeit Sex haben kann.«
Gott hatte ihn einen Augenblick lang nachdenklich betrachtet, dann hatten sich die ersten Lachfältchen auf seinem Gesicht gezeigt. Aus dem Lächeln wurde ein Lachen, dann ertönte ein laut donnerndes Gelächter. Auch die Frauen und Männer auf den Straßen sahen Ayyan an und brüllten vor Lachen, bis sie sich nicht mehr halten konnten. Leute, die in Trauben an den Türen eines Vorortzuges hingen, warfen den Kopf in den Nacken und wieherten. Der Lokführer brachte den Zug zum Stehen, weil er sich schier totlachen wollte. Fischverkäuferinnen auf dem Markt lachten hinter vorgehaltener Hand. Sogar das Porträt von Jawaharlal Nehru hielt sich in seinem Rahmen den Bauch und lachte, bis ihm die Rose aus dem Knopfloch fiel. Dann sah Ayyan das Gesicht seiner anmutigen Frau auf einer riesigen Anschlagtafel, die von all dem schrecklich beschämt war. Dieses Traumbild weckte ihn auf, weil er es nicht ertragen konnte, sie so verstört zu sehen.
Als ihm klar wurde, dass es nur ein Traum gewesen war, drehte er sich zu seiner schlafenden Frau um und drückte sie an sich. Obwohl ihre Augen geschlossen waren, reagierte sie so hungrig auf die Umarmung, als sei sie in ihren Träumen gerade bei derselben Szene angelangt.
Am Schultor begutachtete Ayyan genüsslich die modernen jungen Mütter. Die Gesichter waren noch jugendlich, loses Fleisch schwappte unter knappen Tops wie die Flüssigkeit in den rosa Wasserbetten der Tamil-Filme. Die Hosen der Frauen saßen bestürzend eng, und die asymetrischen Ränder der sich abzeichnenden Unterhosen erinnerten an Vögel, die von einem Zeichner achtlos an den Comic-Himmel geworfen worden waren. Heutzutage trugen viele der jungen Mütter auch lange Röcke. Ayyan gefiel das. In den Chawls gab es keine Mütter, die Röcke trugen. Vor zwei Jahren hatte eine irregeleitete Frau es einmal probiert. Als sie unten auf dem kaputten Gehweg angelangt war, hatten bereits so viele Leute über sie gelacht und ihr Streben nach Höherem verurteilt, dass sie nach Hause zurückrannte, sich mit ihrem Schicksal versöhnte und im Salwar-Kamiz wieder auftauchte.
Morgens herrschte eine leicht angespannte Atmosphäre rund um das Schultor. Kleine Jungen in Weiß und Mädchen in blauen Trägerkleidchen verabschiedeten sich mit unglücklichen Gesichtern von ihren Eltern. Abends rannten sie aufs Tor zu wie Erdbebenopfer auf den BBC -Reporter.
Ayyan musterte seinen Sohn. Adi trug ein weißes Hemd und weiße Shorts. Und schicke schwarze Stiefelchen. Sein Vater hatte seine Schultasche in der Hand, die für einen Jungen seines Alters zu groß wirkte. Der Anblick des in sich gekehrten, lerneifrigen Jungen tröstete ihn. Und ihr geheimes Spiel, das Spiel aller Spiele, erfüllte Ayyan von neuem mit Vorfreude. Mehr verlangte er oft nicht vom Leben: Ein bisschen Vorfreude, das reichte.
Der Wachmann, der eine Khakiuniform und Mütze tragen musste, sah den sich verabschiedenden jungen Müttern hinterher, als ob seine Frau ihnen allesamt moralisch überlegen sei. Er nickte Ayyan freundlich zu und bedeutete ihm mit den Augen, den Blick auf eine besonders üppige Mutter zu lenken. Ayyan ignorierte ihn. Das machte er immer so, damit der Wächter wusste, dass sie nicht gleichgestellt waren und er genauso viel Respekt verdiente wie die mit dem Auto kommenden Väter, vor denen der Wachmann eifrig salutierte. Der aber wusste genau, dass er bei Ayyan nicht katzbuckeln musste.
Die Schulrektorin war eine hartgesottene Matrone aus dem Salesianer orden. Die Haube bedeckte ihr Haar nur zur Hälfte. Sie hatte ein breites, willensstarkes Gesicht und einen strengen Blick. Sie war muskulös gebaut, und an den Waden, die unter der Tracht her ausragten, sprossen drahtige Haare. Sie hieß Schwester Chastity.
Jesus Christus, auf dem Kopf eine Dornenkrone, wachte mit griesgrämigem Blick und einer Hand auf dem in Flammen stehenden Herzen über das Zimmer. Die Direktorin war umweltbewusst (untypisch für eine katholische Matriarchin). Ihr Tisch war übersät mit Gegenständen aus Papier und wiederverwertbaren Dingen.
»Da sehen wir uns also wieder«, sagte Schwester Chastity freudlos und zeigte auf einen Stuhl. Sie sprach für gewöhnlich Hindi mit einem schwachen Malayalam-Akzent. »Und warum erscheint die Mutter nie, wenn es Probleme gibt ?«, fragte sie.
»Die hat Angst vor Ihnen und schämt sich sehr für den Jungen.«
»Wo ist Adi ? Schon im Unterricht ?«
»Jawohl.«
Ein peinliches Schweigen entstand, weil Schwester Chastity es so wollte. Dann sagte sie: »Mr. Mani, ich weiß nicht, ob ich über Ihren Sohn froh oder betrübt sein soll. Wenn er aufgefordert wird zu addieren, redet er über Dinge, die selbst viel ältere Jungen nicht verstehen. Er will etwas über die Lichtgeschwindigkeit und die Beschleunigung aufgrund der Schwerkraft wissen.
Er ist offensichtlich eine Art Genie, und wir müssen ihn unterstützen. Er ist etwas ganz Besonderes. Aber sein Betragen in der Schule, wenn er mitten im Unterricht mit diesen Sachen herausplatzt und die Autorität seiner Lehrerinnen in Frage stellt, das können wir nicht dulden.«
»Ich werde dafür sorgen, dass er sich besser benimmt. Er ist schwer unter Kontrolle zu bekommen, aber ich werde für Disziplin sorgen.«
»Disziplin. Das ist genau das richtige Wort. Um nichts anderes geht es bei der Erziehung.«
Als die Unterredung damit am Ende zu sein schien, schob die Direktorin zwei Bücher in Ayyans Richtung. Sie handelten vom Leben Jesu. »Wie üblich mein kleiner Beitrag, Ihnen unseren Herrn Jesus näherzubringen«, sagte sie lächelnd. Ihr Blick wurde milde.
»Ich liebe Jesus«, sagte Ayyan gefühlvoll.
»Und war um nehmen Sie ihn nicht an ?«
»Ich nehme ihn ja an.«
»Ich meine, dass Sie ihn formell annehmen. Wir zwingen niemanden. Wie Sie wissen, würden Sie sehr von dem Erlass der Schulgebühren und den anderen kleinen Anreizen, die wir bieten können, profitieren, als kleine Hilfe für finanziell schwächergestellte Christen.«
»Ich werde dar über nachdenken. Ich werde versuchen, meine Familie zu überzeugen. Wie Sie wissen, gibt es eine gewisse ablehnende Haltung gegen das Konvertieren.«
»Ich weiß, ich weiß. Der menschliche Geist ist einfach so ignorant«, sagte Schwester Chastity. Sie fixierte Ayyan mit ihrem harten, durchdringenden Blick. Sie liebte Pausen. Wenn es außer diesem Schweigen nichts mehr zu geben schien, forderte sie ihn entweder auf zu gehen oder dazubleiben. Dieses Schweigen war die Ruhe vor der Predigt. Er dachte dar über nach, ob sie wohl wirklich Jungfrau war.
»Mr. Mani«, sagte sie. »In gewisser Weise sind Sie ja ein guter Christ.«
»Ach wirklich ?«
»Das sind Sie. Wie Sie den Menschen so eindrucksvoll vergeben haben, die Ihre Vorfahren so brutal misshandelt haben. Den Brahmanen und was sie getan haben. Was sie selbst heute noch tun. Insgeheim werden Sie von ihnen immer noch die Unberührbaren genannt, wussten Sie das, Mr. Mani ? In der Öffentlichkeit sagen sie ›Dalits‹, aber insgeheim bezeichnen sie Sie mit ganz schrecklichen Ausdrücken.«
»Ich weiß«, sagte Ayyan und versuchte, fassungslos zu wirken, weil sie das von ihm wollte.
»So ist der Hinduismus, Mr. Mani. Da gibt es die oberen Kasten und dann gibt es die Dalits. Die Brahmanen und die Unberührbaren. Das wird sich nie ändern. Die Leute tun nur so, als hätte es sich geändert.«
»Da muss ich Ihnen voll und ganz zustimmen, Schwester. Die Brahmanen haben mein Leben schon ruiniert, bevor ich auf der Welt war. Mein Großvater durfte die Dorfschule noch nicht einmal betreten. Als er es einmal probiert hatte, wurde er verprügelt. Wenn er zur Schule gegangen wäre, hätte ich ein besseres Leben gehabt.«
»Absolut«, sagte sie. »Jetzt sagen Sie mir eins, Mr. Mani. In dem großen Institut, in dem Sie arbeiten, sind da nicht alle Wissenschaftler Brahmanen ?«
»Ja.«
»Und alle Untergebenen sind Dalits ?«
»Genau.«
»Aber nicht, weil die Brahmanen schlauer sind als die Dalits«, sagte sie.
»Nein«, erwiderte Ayyan und gab sich ein klein wenig dem Zorn hin, obwohl es das war, was Schwester Chastity wollte. »Dreitausend Jahre gibt es die Brahmanen schon, Schwester. Dreitausend Jahre. Und nach all diesen verfluchten Jahrhunderten kamen die neuen Brahmanen mit ihrer neuen vegetarischen Welt, schrieben Bücher, sprachen Englisch, bauten Brücken, predigten Sozialismus und erbauten eine große, unerreichbare Welt.
Ich bin als elender Dalit und Sohn eines Straßenkehrers in einer Einraumwohnung auf die Welt gekommen. Und sie erwarten, dass ich aus meinem Loch gekrochen komme, den Mund aufreiße wegen allem, was sie erreicht haben, und sie bewundernd anglotze. Wie sind sie doch schlau !«
»Wie sind sie doch schlau«, wiederholte sie flüsternd.
»Mörder sind das«, sagte Ayyan und merkte, dass sie genau wie er lächelte. Unsichtbar.
»Deswegen sind Sie ein guter Christ, Mr. Mani. Sie haben den Brahmanen vergeben, deren große Lüge der Hinduismus ist.«
»Ich habe ihnen nicht vergeben«, sagte Ayyan, »das wissen Sie ganz genau. Ich habe dem Hinduismus schon lange abgeschworen. Ich bin Buddhist.«
»Mr. Mani«, sagte sie mit müdem Gesicht und schob die zwei Büchergeschenke weiter über den Tisch auf ihn zu, »Hinduismus, Buddhismus - das ist doch alles ein und dasselbe.«
»Vielleicht ist derzeit keine Literatur reicher als die Indiens. Manu Joseph ist einer der Schriftsteller, die einen schon auf solche Gedanken bringen können.«
Literarische Welt, 04.09.2010
Klett-Cotta Aus dem Englischen von Anke Burger (Orig.: Serious Men)
1. Aufl. 2010, 357 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-93892-0
autor_portrait

Manu Joseph

Manu Joseph, geboren 1974 in Kottayam (Indien), lebt in Bombay und leitet dort das Büro des »Open Magazine«. Zuvor war er Redakteur bei der »Times of ...



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