Fußabdrücke eines Fliegenden

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Negative Moderne

Moderne Strukturen der Freiheit und der Sturz ins Nichts
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»Literatur ohne ein Gramm Fett« Feridun Zaimoglu-

Nach dem preisgekrönten »Das Ende der Liebe« legt Sven Hillenkamp erneut ein Buch vor, das sich allen Genres entzieht. »Fußabdrücke eines Fliegenden« vereint Erzählungen und Gedichte, Szenen und Bilder - oft nur von der Länge eines Witzes - zu einem poetischen Geflecht. Tiefgründiges Nachdenken über unsere Zeit in Kombination mit einem starken Sinn für die Möglichkeiten der Literatur - das zeichnet dieses Buch aus.

Ein Fünfundzwanzigjähriger wird ins Altenheim eingewiesen. Der Pilot eines Flugzeugs stellt während des Landeanflugs fest, dass die Erde verschwunden ist. Auschwitz wird wiedereröffnet, weil alle Kunst über Auschwitz verharmlosend ist.
 
Hillenkamps literarisches Debüt Fußabdrücke eines Fliegenden ist ein Geflecht aus Geschichten, Lauf- und Standbildern. Komisch, düster, grotesk. Dem Schweren begegnet es mit Leichtigkeit, das Monolithische sprengt es in Stücke.

»Gerade wenn das Schlimme überdeutlich verhandelt und in inneren Bildern nachvollzogen wird, ergibt sich eine temporäre Selbstheilung durch die tief inhalierte Sprache, durch den erlittenen und genossenen Stil, durch die rätselhaft schöne Wirkkraft gelingender Literatur.«
Georg Klein, Laudatio auf Sven Hillenkamp zum Clemens-Brentano-Preis

Inhaltsverzeichnis



Leseprobe
-… wenn ich nach Dichterart eine Menge von nicht dahin­ gehörenden Dingen mit aufnähme: Wohnstuben und Kleidungsstücke, schöne Gegenden, Angehörige und Freunde, so könnte aus dieser Geschichte eine ellenlange Novelle werden. Dazu habe ich jedoch keine Lust. Ich esse zwar Salat, aber ich esse immer nur das Herz.

søren kierkegaard

Einst ging ein Träumer weit voran. Jetzt gehn wie Uhren Fragen nach. Nach dem kurzen Schlaf des Lebens lieg ich als Toter lange wach.
Ich bin ich: in andern Fesseln.
Früh im Fieber, dann zu kalt.
Lieg auf meiner Sinne Nesseln.
Bin des Schiffes Aufenthalt.
Der Jüngre, er, sprach nur in Stürmen. Worte trug die Luft wie Blätter.
Der Andre, ich, fand in der Flaute endlich Laute, seinen Retter.
Doch alle Worte, die ich aufheb
am Ort des Schmerzes, bleiben Klagen. Wörter müssen Wege machen
brauchen Stürme, die sie übertragen. Sagen schweigen und Gestirne
beleuchten, ohne zu bedeuten.
Blumen, Wälder behalten ihre Bilder; aus Meeren tönt kein Glockenläuten. Warme Milch trank ich vor Jahren. Dann kam des blöden Leides Scheide. Ich bin ein schwerer harter Käse den ich langsam nun in Stücke schneide.

nils nycander
die dinge im vordergrund Als Ola Lundgren einsam war, waren die Geräusche von der Straße unerträglich laut. Auf dem Boden lagen haufenweise Haar, Staub und Schmutz. Überall waren Spiegel, in die Ola blicken musste. Er konnte keine Bewegung machen, ohne dabei gesehen zu werden. Er hatte so viele Gedanken, dass kein Moment ohne Gedanken war, selbst wenn in der Dusche das Wasser kalt wurde, rissen die Gedanken nicht ab. Die Gedanken waren alle so bedeutend, dass Ola sie aussprechen musste. Der Blick aus dem Fenster zeigte eine unendliche Landschaft. Olas Blick verlor sich in Bäumen, Wasser und Himmel. Wenn Ola durch die Stadt ging, stand auf allem, was er sah, etwas geschrieben, und Ola las alles, was geschrieben stand, und hatte gleichzeitig sehr viele Gedanken, die davon abweichen wollten. Ihn schmerzten alle Widersprüche, die Widersprüche in der Kleidung der Menschen und in allem, was geschrieben stand. Überall waren Widersprüche. Auch in der Stadt lag überall Schmutz, furchtbarer Schmutz. Ola betrachtete den Schmutz auf den Bürgersteigen und in den Mauerecken sehr genau. Die Zeit machte den Anschein, als hätte man etwas aus ihr herausgenommen. Sie lag wie ein leerer Schweinedarm in Olas Hand. Viele Frauen hatten etwas, das Olas Vorstellungskraft erregte. Ola betrachtete das Haar der Frauen und merkte es sich genau. Er merkte sich auch ihre Kleidung, den Schmuck und die Schuhe und hatte gleichzeitig sehr viele Gedanken. Überall waren andere Menschen. Sie saßen in Cafés, gingen über die Bürgersteige und lagen auf den Wiesen. Die Menschen bildeten Kreise. Überall waren Kreise anderer Menschen. In den Kreisen wurde sehr viel gesagt und gab es einen schnellen Fluss der Bewegungen, den Ola betrachtete, und gleichzeitig hatte er sehr viele Gedanken. Er konnte sich vorstellen, in den Kreisen zu sein, das Haar der Frauen zu berühren, den Schmutz auf den Bürgersteigen in seinen Mund zu nehmen. Gleichzeitig las er, was auf der Kleidung und der Haut der Menschen geschrieben stand, auf den Wänden und den Schildern. Überall waren Widersprüche. Auch in den Gedanken, die Ola hatte, waren überall Widersprüche. Alles war sehr laut, sehr dicht und roch stark nach irgendetwas. Ola hatte sehr viele Gefühle. Er konnte nichts ansehen, ohne ein starkes Gefühl zu haben. Er empfand immerzu Wut und Lust und Angst und Ekel und große Langeweile. Die Welt bedeutete Ola sehr viel. Jeder Ausblick war unendlich. Olas Blick ging in den Horizont hinein und kehrte nicht zurück. Er ging in die Wolken hinein und kehrte nicht zurück. Er ging in die Blätter der Bäume und kehrte nicht zurück. Er ging ins Wasser und kehrte nicht zurück. Der Blick ging in die offenen Wunden der Menschen in der U-Bahn und kehrte nicht zurück. Die Schönheit der Natur war unendlich, wie der Schmutz, der sich auf den Straßen und in der Wohnung sammelte, wie die Wunden und die Gedanken, die Ola zu allem hatte, wie die Widersprüche. Ola drehte sich nach allem immerzu um. Sein Kopf war immerzu verdreht. Er sah zu den Seiten, nach unten und nach oben, niemals geradeaus. Er blieb oft stehen, um etwas sehr genau zu betrachten. Bei jeder Frau wusste er sofort, wie es wäre, mit ihr zu leben, in ihrer Wohnung zu sein. Er sah das ganze Leben mit der Frau direkt vor sich. Er wusste, wie es in der Küche aussah, im Wohnzimmer, im Schlafzimmer, auf dem Balkon. Er sah jede Einzelheit. Olas Gedanken gingen in dieses Leben und kehrten nicht zurück. Alles war unendlich. Es gab unendlich viel Ekelhaftes und Erregendes, Ängstigendes, zu Hassendes und sehr Langweiliges. Ola hatte sehr viele Gedanken und Gefühle. Sein Körper pochte und juckte immerzu, er roch und schmerzte. Olas Körper umgab ihn wie eine Landschaft. In welche Richtung Ola sich auch wendete, er stieß auf seinen Körper. Er kratzte den Körper, tastete ihn ab, roch an ihm, versuchte, ihn zufriedenzustellen, doch der Körper wollte keine Ruhe geben. Auch in der Stadt waren überall Spiegel, in die Ola blicken musste, er konnte keine Bewegung machen, ohne sich zu sehen, von sich gesehen zu werden. Es gab sehr viel und andererseits sehr wenig. Jemand hatte etwas aus der Zeit herausgenommen, und Andres war dafür in die Zeit hineingekommen und größer geworden. Es hatte einen Abfall des Zeitdrucks gegeben, daraufhin hatte sich alles ausgedehnt, die Gedanken, die Geräusche, das Erregende, die Widersprüche, die Ausblicke, die Natur, der Schmutz. Jemand hatte Vordergrund und Hintergrund vertauscht. Das, was im Vordergrund gewesen war, war jetzt im Hintergrund. Das heißt, es war ganz verschwunden, und das, was im Hintergrund gewesen war, war in den Vordergrund getreten, das Einzige geworden. Jemand hatte sehr viel aus der Zeit herausgenommen, und Andres war an dessen Stelle getreten, notgedrungen, denn die Zeit konnte nicht leer sein. Die Zeit war immer gleich voll, was auch geschah. Wenn man etwas herausnahm, wurde alles Andere größer. Der Schweinedarm der Zeit war prall gefüllt wie eh und je, aber es waren andere Dinge darin, Dinge, die vorher im Hintergrund und klein gewesen waren und die jetzt unheimlich groß im Vordergrund standen. Im Vordergrund standen nun all diese Dinge, und wenn Ola das Fenster schloss, wurden die Geräusche in der Wohnung unerträglich laut. Es war Schmutz in der Wohnung – haufenweise Schmutz.

der ruhepunkt Der Bruder hatte das Schlagzeug im Esszimmer aufgestellt, immer wieder sprang er vom Tisch auf und trommelte. Die Schwester, die durch das Trommeln in ihrem Bericht unterbrochen wurde, nannte das Verhalten des Bruders gemein und ignorant. Sie sagte: »Ge, ge, gemein u und i, i, ig, ig, ignorrrant.« Die Schwester hatte eine Sprach- und Gehbehinderung. Jeder Bericht, jede Bewegung der Schwester dauerten sehr lange, während alles, was der Bruder tat, sehr schnell ging. Nach dem Tod der Mutter waren Bruder und Schwester im Haus der Mutter wohnen geblieben. Seit vierzig Jahren teilten sie sich das Haus der Mutter in Björkvik und führten dort Krieg, bis, eines Tages, ein Freund in Björkvik zum Abendessen eingeladen war und bemerkte, dass der Hass, den der Bruder für die Schwester empfinde, ein Langsamkeitshass sei, der Hass, den die Schwester für den Bruder empfinde, ein Geschwindigkeitshass. Vermutlich sei die Schwester aus Bosheit in den vergangenen vierzig Jahren immer noch langsamer geworden, habe ihr Stottern und Schleichen kultiviert, während der Bruder aus Bosheit immer noch schneller geworden sei, sein Sprechen und Trommeln zur Unterbrechung der Schwester immer weiter beschleunigt habe. Um Aufmerksamkeit von der Schwester und anderen Anwesenden zu erhalten, habe der Bruder die Geschwindigkeit und Unterbrechung eingesetzt, die Aufmerksamkeit häufig kurz auf sich gezogen, dagegen habe die Schwester, um Aufmerksamkeit vom Bruder und Anderen zu erhalten, alles unvorstellbar langsam gemacht, in eine unmenschliche Länge gezogen. Beide ersehnten nur Aufmerksamkeit, bekämen aber das Gegenteil, was wiederum das Verhalten eskalieren lasse. Je mehr Aufmerksamkeit die beiden brauchten, umso weniger bekämen sie. Die Lösung, so der Freund, sei, den Bruder und die Schwester zu trennen und in getrennten Einrichtungen zu behandeln, den Bruder zu verlangsamen, die Schwester zu beschleunigen. Vielleicht könnten sie im Alter wieder im Haus der Mutter zusammengeführt werden, gesetzt, die Geschwindigkeiten hätten sich ausreichend angeglichen. – So geschah es. Nach dreißig Jahren waren, wie sich bei einer Begegnung auf neutralem Boden zeigte, die Schwester so beschleunigt, der Bruder so verlangsamt, dass zwischen beiden ein Gespräch möglich war. Gemeinsam mit den behandelnden Ärzten wurde der Rückzug ins Haus der Mutter beschlossen. Bruder und Schwester verstanden sich wie nie, lebten ihre letzte Zeit in Frieden und Zufriedenheit.

Nachschrift: Victor, der Erzähler dieser Geschichte, hat fünfzehn Jahre in dem Haus mit dem Bruder und der Schwester verbracht, es waren die Jahre seiner Kindheit. Nach dem plötzlichen Tod der Eltern hatten Bruder und Schwester das Kleinkind auf der Stelle bei sich aufgenommen. Der permanente Wechsel der Geschwindigkeiten, vom Extremschnellen zum Extremlangsamen und vom Extremlangsamen zum Extremschnellen, beziehungsweise die Gleichzeitigkeit der beiden extrem unterschiedlichen, entgegengesetzten Geschwindigkeiten, führte dazu, dass Victor zwei Persönlichkeiten ausbildete, eine extrem schnelle und eine extrem langsame, und schließlich, schubweise, sich von seinem Körper und seinem Geist löste, sowohl den langsamen als auch den schnellen Körper verließ, sowohl den langsamen als auch den schnellen Geist, und die Welt aus sehr großer Entfernung betrachtete, von einem lebensrettenden Ruhepunkt.

die tat Nach fünfzehn Jahren drehte Otto Hermansson den Toaster um. Der Griff, der zum Versenken der Brote in den Toaster diente, war auf der tischabgewandten Seite gewesen, so dass Hermansson jedes Mal, wenn er toasten wollte, seinen Stuhl zurückschieben, aufstehen, sich vornüberbeugen und über den Tisch legen musste. Er hatte den Toaster damals, in den Tagen nach seinem Umzug, einfach so hingestellt. In den folgenden fünfzehn Jahren war sein Leben so beschaffen gewesen, dass ein Umdrehen des Toasters unmöglich gewesen war. Hermansson hatte in diesen fünfzehn Jahren pausenlos über sein Unglück nachgedacht, war in dem Unglück in sich selbst zusammengesunken gewesen und aufgestanden nur, um sich vornüberzubeugen, über den Tisch zu legen und zu toasten. Es hatte ihm die Kraft gefehlt, den Toaster umzudrehen. Vielmehr, das Nachdenken über sein Unglück hatte ein Nachdenken über den Toaster ausgeschlossen, ein Unglücksgedanke reihte sich an den andern und führte zu dem nächsten Unglücksgedanken, nie hätte dazwischen ein Gedanke an den Toaster aufkommen können. Doch an diesem Tag dachte Hermansson plötzlich: »Ich drehe den Toaster um.« Und wie er noch den Satz »Ich drehe den Toaster um« gedacht hatte, hatte er den Toaster schon umgedreht. Er hatte sich ein letztes Mal vornübergebeugt und über den Tisch gelegt, nicht um zu toasten, wie in den vergangenen fünfzehn Unglücksjahren, sondern um den Toaster umzudrehen. Es war nur ein Gedanke gewesen, ein Satz, eine Körper- und Handbewegung. In den folgenden drei Stunden räumte Hermansson die gesamte Wohnung um, verschob die Pflanze im Flur, um die er jedes Mal, wenn er durch den Flur ging, in einem Bogen hatte ausweichen müssen, so dass er nun gerade, mit Schwung durch den Flur gehen konnte. Er hängte die Deckenlampe im Schlafzimmer ein gutes Stück höher, so dass er nicht mehr gebückt durchs Schlafzimmer gehen musste. Er leerte die große Kommode, legte die Bettwäsche, die bisher in den oberen Schubladen gelegen hatte, in die unteren, die Unterwäsche, die bisher in den unteren Schubladen gelegen hatte, in die oberen, so dass er nicht jeden Morgen auf der Suche nach Unterwäsche auf dem Boden knien musste. Hermansson sah ein, dass die gesamte Einrichtung der Wohnung in den vergangenen fünfzehn Jahren eine Einrichtung zu seiner Behinderung und Erniedrigung gewesen war. Er war der Meinung, dass er nun alles würde ändern können. Er sagte: »Hätte ich in den fünfzehn unglücklichen Jahren nur geahnt, dass ich den Toaster umdrehen kann, wären es keine fünfzehn unglücklichen Jahre gewesen. Ich habe es aber nicht geahnt, das ist eben das Eigentümliche dieser Jahre gewesen.«

was erik åkerman von sich selber wusste Erik Åkermans

Stimme war zu laut.
Er atmete seufzend.
Er redete ohne punkt und komma.
Er ging für die Andern immer zu schnell.
Sein Umgang mit Geld war unverantwortlich. Er war verschwenderisch.
Sein Verhältnis zu anderen Menschen war egoistisch. Er war dickköpfig.
Er war realitätsfremd.
Er musste immer seinen willen haben.
Er wollte alles bestimmen.
Er musste immer übertreiben.
Er kam immer zu spät.
Er ließ die Leute warten.
Er war unachtsam.
Er machte alles kaputt.
Er war ein grobmotoriker.
Was er zu tun versprochen hatte, versäumte er. Er hatte stechende augen.
seine augen waren größer als sein mund. Er versäumte mitzuhelfen.
Er konnte nicht zuhören.
Er hatte keine geduld.
Er war nicht wie der zurückhaltende david. Er war nicht wie der beharrliche knut.
Er war nicht wie der sanfte matthias.
Er war nicht wie die goldige ann.
Auf ihn war kein verlass.
Wenn er etwas tat, dann tat er es nicht sorgfältig. Seine Gegenwart war auf dauer ermüdend. Er war ständig in bewegung.
Er musste immer programm haben.
Er war intensiv.
Er hielt sich permanent im abseits.
Er drängte pausenlos in den mittelpunkt. Er unterlag seinem grössenwahn.
Er war arrogant.
Und aggressiv.
Er hatte eine grosse nase.
Er hatte grosse hände.
Er kannte keine grenzen.
Wenn er kochte, kochte er zu viel.
Wenn er auftat, tat er zu viel auf.
Wenn er half, war es zu viel Hilfe.
Wenn er sorgfältig war, war er zu sorgfältig. Er würde es einmal schwer haben.
Er sollte sich nicht wundern.
Er war gewarnt.

das hält kein mensch aus Der Regisseur Emil-Malte Nordquist war rigoroser Realist. Das Team drehte jede Szene dreißig, vierzig Mal, manche Szenen hundert oder hundertfünfzig Mal. Die Szene, in der der Mann einen furchtbaren Wutanfall bekommt, drehten sie siebenundvierzig Mal. Die Szene, in der der Mann der Frau in einem langen Monolog erklärt, dass er seinen Zustand nicht mehr aushalte und sich an seinem Zustand in den vergangenen zwanzig Jahren nichts verändert habe, drehten sie zweiundachtzig Mal. Die Sequenz, in der der Mann stundenlang durch die Straßen läuft und jeder schönen Frau verzweifelt nachguckt, drehten sie geschlagene hundertdreizehn Mal. Und die folgende Szene, in der der Mann allein in seinem Bett liegt und masturbiert, drehten sie hundertfünfundvierzig Mal. Die Szene, in der der Mann und die Frau ihre endgültige Trennung beschließen und sich weinend in den Armen liegen, drehten sie unwahrscheinliche hundertunddreiundneunzig Mal. Und die Szene, in der der Mann allein im Wohnzimmer sitzt, Musik hört und dabei im Kreis geht und schluchzt – über den Tod seines Vaters, der starb, als der Mann ein Kind war –, drehten sie nervenzerfetzende zweihundertsiebenundsiebzig Mal. Im Schneideraum stellten Nordquist und der Cutter befriedigt fest, dass zwischen den einzelnen Takes nur die minimalsten, tatsächlich zu vernachlässigenden Unterschiede bestanden. Nordquist sah, dass er alle Takes verwenden konnte. So gab es im Film siebenundvierzig Mal den Wutanfall, zweiundachtzig Mal den langen Monolog über den nicht aushaltbaren, unveränderbaren Zustand, hundertdreizehn Mal den Gang durch die Stadt und die verzweifelten Blicke, hundertfünfundvierzig Mal die Masturbation, hundertdreiundneunzig Mal die endgültige Trennung sowie zweihundertsiebenundsiebzig Mal das Musikhören, Imkreisgehen und Schluchzen über den vorzeitigen Tod des Vaters. Der Film hatte Überlänge. Bei der Vorabvorführung reagierte das repräsentative Testpublikum mit Abscheu. Der Film sei unerträglich, so die einhellige Meinung des repräsentativen Testpublikums. Fast alle Zuschauer hatten vor Ende des Films den Saal verlassen. »Immer und immer wieder dieselben Szenen, dieselben furchtbaren, deprimierenden Szenen, ohne jede Veränderung, eine endlose Wiederholung des Unerträglichen, das hält kein Mensch aus«, sagte ein Zuschauer aus dem Testpublikum. Nordquist weigerte sich jedoch, den Film zu kürzen, jede Szene nur fünf, sechs Mal oder nur ein einziges Mal zu zeigen. Der Film kam nie in die Kinos.

zweifel Das Ziel von Therapie war es, Erfahrung zu löschen. Erfahrung sollte zu reiner Erinnerung werden, alle Kraft verlieren. Damit stand Therapie im Gegensatz zum natürlichen Überlebensprogramm des Menschen, das verhindern sollte, dass Erfahrungen vergessen und gelöscht wurden, eine gefährliche Situation nicht als gefährlich erkannt wurde. Erfahrungen waren sekundäre Instinkte. Der primäre Fluchtinstinkt war angeboren, der sekundäre entstand aus Erfahrung; der primäre schützte schon beim ersten Mal, die Erfahrung erst vor Wiederholung. Die Erfahrungen des Menschen zu löschen und unwirksam zu machen, war ähnlich schwierig, wie seine Instinkte zu löschen und unwirksam zu machen. Für das Überlebensprogramm des Menschen zählte nicht, wie der Mensch lebte, ob er glücklich war, sondern nur, dass er überlebte, egal wie. Die seelische Verkrüppelung durch Erfahrung war tatsächlich eine Verbesserung im Sinne des Überlebens­ programms. Das Einzige, was dem Überlebensprogramm zuwiderlief, war das Glücksempfinden. Das Glücksempfinden und Unglücksempfinden des Menschen waren der Konstruktionsfehler des Überlebensprogramms. Der Mensch litt unter seiner Verbesserung durch Erfahrung. Er war unglücklich. Er war bestens vor der Wiederholung gefährlicher Situationen geschützt, aber unglücklich. Aus Unglück tötete er sich selbst und machte damit alle Leistungen des Überlebensprogramms zunichte. Er hatte aus seiner Erfahrung gelernt, fühlte sich aber durch das Gelernte um sein Glück betrogen und tötete sich selbst. Das Überlebensprogramm war zum Vernichtungsprogramm geworden. Therapie sollte das verhindern. Therapie sollte Erfahrung löschen, bevor der Erfahrene sich selber löschte, weil die Erfahrung ihn unglücklich gemacht hatte. Therapie sollte eine neue Erfahrung erzeugen und sein, eine so prägende und einschneidende, dass sie die alten Erfahrungen überlagerte und löschte. Immer wenn Billy dem Therapeuten die Hand gab und die Hand weich in der seinen lag und die Augen des Therapeuten vorbei an seinen Augen blickten, hatte er Zweifel, ob das Erfahren des Therapeuten das Erfahren seiner Eltern würde überlagern können, ob es so prägend und so einschneidend sein könnte, dass es das Erfahren der Eltern löschen würde, ob es verhindern können würde, dass sein Überlebensprogramm zum Selbsttötungsprogramm würde. Ja, da hatte Billy wirklich Zweifel. Er hätte es nicht in Worte fassen können, aber er spürte, dass er Zweifel hatte.

mord durch monolog Ein dreiundzwanzigjähriger Klavierstudent war am Freitag bei seiner Verwandtschaft in Hofors angekommen und hatte sich, für alle überraschend, am Sonntagabend, kaum war er zurück in seiner Wohnung in Göteborg, aus dem Fenster gestürzt. Eine Bekannte der Hoforser Verwandtschaft, die an dem Wochenende ebenfalls bei der Familie zu Gast gewesen war, sagte aus, alle Verwandten hätten äußerst froh auf den Besuch aus Göteborg reagiert und ihm sofort alles von sich und ihrem Leben in Hofors berichtet. Der Klavierstudent habe interessiert zugehört, regen Anteil am Gehörten genommen und auch kluge Kommentare dazu abgegeben. Während des gesamten Aufenthaltes sei er freundlich und zugewandt gewesen, sei allen durch seine Wärme und seine seltene Fähigkeit zuzuhören aufgefallen. Sämtliche fünfunddreißig Hoforser Verwandten sagten aus, der Student habe ihnen lange und interessiert zugehört und Verblüffendes, sowohl Beifälliges als auch Kritisches, zu ihren Berichten bemerkt. Sie alle hätten sich von dem Studenten in einer Weise wahrgenommen gefühlt wie von keinem Anderen in der zahlreichen, allerdings ignoranten Hoforser Verwandtschaft. Der Student habe in größtem Kontrast zum Autismus und zur radikalen Empathielosigkeit der Hoforser Verwandtschaft gestanden, so die Hoforser. Der Student, so die übereinstimmenden Aussagen, sei der einzige offene Mensch gewesen, der ihnen seit Ewigkeiten begegnet sei, in Hofors begegneten einem ausschließlich verschlossene Menschen, die an keinem Anderen nur das geringste Interesse zeigten. Man habe zwar nie etwas totgeschwiegen in Hofors, dafür habe man den Anderen totgeredet, wie man im übertragenen Sinne und jetzt leider Gottes auch im buchstäblichen Sinne sagen müsse. Der Klavierstudent, der als Kind mit der Mutter bereits im Alter von vier Jahren Hofors verlassen hatte, sei, so die einhellige Einschätzung, in keinster Weise auf die exzessive Kommunikation als Nichtkommunikation in Hofors vorbereitet gewesen. Im Gegenteil habe er Hofors idealisiert, als Paradies bezeichnet, die Hoforser Verwandtschaft als einzigen Halt. Noch in derselben Nacht hatte die Hoforser Verwandtschaft ein umfangreiches Geständnis abgelegt, das die Beamten einerseits zufrieden, des Inhalts wegen, andererseits verzweifelt, der Länge wegen, aufgenommen hatten und das sie, im entsprechenden roten Formular für Tötungsdelikte, in der Formel zusammenfassten: Mord durch Monolog.

das behagen Nils Nycander sah im Restaurant zwei alten Frauen zu. Die eine versuchte immer wieder aufzustehen, sie wollte allein über den Schmerzpunkt in den Gelenken kommen, bis sie sich nach vorn, auf ihren Gehwagen, würde stützen können. Sie stand halb und zitterte, kam aber nicht weiter. Schließlich setzte sie sich wieder. Die Tischnachbarin harrte bei ihr aus. Beide erhoben sich immer gleichzeitig, wenn die eine erstarrte, erstarrte auch die Andere, dann setzten sich beide wieder hin. Die Frauen unterhielten sich in den Pausen. Die Tischnachbarin sagte, sie könne kein Geflügel mehr essen, weil sie früher, bevor sie ein Huhn schlachtete, dem Huhn in den Arsch fassen musste, ob es ein Ei habe. Beide lachten bebend. Als die eine es wieder versuchte und beide wieder mitten im Aufstehen erstarrt waren, brach die Sonne durch, und die Frau mit den Schmerzen sagte zu der Tischnachbarin: »Ihre Augen leuchten wie Sterne.« – Nils dachte bei sich: »Jeder Mensch bewegt sich, bis ein Schmerz ihn unterbricht. Darum machen manche Menschen nur sehr kleine Bewegungen und halten dann inne. Wenn sie arbeiten, arbeiten sie nur ein bisschen, sie machen nur ganz kleine Arbeiten. Ein Dichter sagte: ›Das Körperliche beim Schreibvorgang ist mir unerträglich … Meine Geduld besteht aus tausend Splittern.‹ Von einem Andern wurde gesagt: ›Ihm fehlte fürs Epische die Hauptsache, das Behagen, das Verweilenkönnen, das Zeithaben.‹« Man musste also, dachte Nils, für das Epische, für große epische Bewegungen, zum Beispiel für das Aufstehen, über Behagen verfügen. Nur wer im Behagen war, hatte Zeit. Die Grenze jeder Arbeit war eine Behagens-, also Schmerz-, also Zeitgrenze. Jeder Punkt in einer Schrift, dem keine Worte mehr folgten, war ein Schmerzpunkt. Er dachte: »Es gibt aber Menschen, die halten es in keiner Position mehr aus. Sie können sich nicht lange bewegen, doch auch nicht stillhalten. Sie haben in jeder Position Schmerzen. Obwohl sie theoretisch sehr viel Zeit haben, drängt es sie immerzu zum Aufbruch. Sie suchen permanent nach einer schmerzfreien Haltung, doch sie finden keine. Sie haben sehr viel Zeit und doch haben sie keine Sekunde. Sie können immer nur sehr wenig tun und doch können sie auch nicht nichts tun. So geht es sehr alten Menschen und auch manchen jungen. Wir können nur hoffen, dass es einst einen geben wird, der unsere kleinen Bewegungen mitmacht, der mit uns erstarrt, dessen Umriss durch unsere Schmerzpunkte läuft.«

die einweisung Die Gründe, die der Onkel für Billys Umzug in das Altenheim angegeben hatte, waren: Verlust jeder gesellschaftlichen Stellung, Vereinsamung; verlässt kaum noch die Wohnung; der Körper wird nicht mehr als Genuss, sondern als Widerstand und im Verfall erfahren; geht gekrümmt; Fernsehapparat läuft ständig; lebt in Erinnerungen, spricht dauernd von damals; ist auch habituell in die Welt seiner Kindheit zurückgekehrt; hat »keine Zukunft«; will nichts Neues mehr beginnen; leidet unter Schlafstörungen, liegt oft wach; läuft von einem Arzt zum anderen; obsessives Beschäftigen mit der eigenen Gesundheit, dem »nahen Tod«; alle nahen Familienmitglieder sind tot (Kinder hat er keine; es gibt einen Halbbruder in Karlsstad, zu diesem jedoch keinen Kontakt); wachsende Schwierigkeiten, die tägliche Versorgung zu gewährleisten (kocht nicht mehr, kauft kaum noch ein, macht kaum noch sauber; die Toilette sieht furchtbar aus); hat keinen Überblick mehr über seine Finanzen (wiederholt wurden Strom und Telefon abgestellt, der Vermieter an der Hägerstensgatan droht mit Kündigung); äußerliche Verwahrlosung (schadhafte Kleidung, kaputte Brille, keine Frisur); Zittern der Hände; atmet stöhnend, als liege ihm etwas auf der Brust; vergisst Namen von bekannten Menschen; weigert sich, die Zeitung zu lesen (die Nachrichten gingen ihn nichts mehr an); sitzt häufig mit Whiskey über alten Briefen und Fotos, liest immer wieder dieselben Briefe, betrachtet immer wieder dieselben Fotos und betrinkt sich dabei; sieht sich immer wieder dieselben alten Filme an, hört immer wieder dieselben Lieder und betrinkt sich dabei; wenn er die Wohnung verlässt, geht er stets die gleiche Runde durch Högalidsparken und sitzt dort auf einer Parkbank; geht nicht mehr ans Telefon (versuchte wochenlang, ihn zu erreichen, ohne Erfolg); sieht auf eine Weise erschöpft aus, die beängstigend ist; hat permanent Verdauungsprobleme.

Das also waren die Gründe, die der Onkel angegeben hatte. Die Direktorin des Altenheims hatte daraufhin keine Zweifel mehr gehabt, dass Billy für das Altenheim alt genug sei. Dem Antrag des Onkels auf einen Platz bereits im September dieses Jahres wurde stattgegeben. Seitdem war er, Billy, fünfundzwanzig, hier.

der mann, der sich gezwungen fühlte Der Mann, der sich gezwungen fühlte, sah auf der Straße einen Hundehaufen und sah sich selbst, wie er ihn aß. Einige Meter weiter sah der Mann Arbeiter des Grünflächenamtes, die Äste in einen Häcksler warfen – und ihn gleich hinterher. Beim Mittagessen las der Mann in der Zeitung über die Folterungen in einem fernen Land. Er musste die Zeitung weglegen, denn er war an die Stelle der Gefolterten getreten. Auf dem Rückweg zu seinem Büro, im Fahrstuhl, stand der Mann einem Kollegen gegenüber, der einen rötlichen Vollbart trug und ihm seit jeher unsympathisch war. Sie waren kaum ein Stockwerk zusammen gefahren, da sah der Mann sich dem Kollegen einen Zungenkuss geben.

Der Mann, der sich gezwungen fühlte, stellte sich immer vor, was den größten Widerstand in ihm auslöste. Er tat in seinen Fantasien, was er nicht tun wollte, er erlitt das Schlimmste. Er hatte keine Wunsch-, sondern ausschließlich Zwangsfantasien.

Der Mann, der sich gezwungen fühlte, litt außerordentlich, da er in einer schmutzigen Stadt lebte und sich alles, was ihn ekelte, essen sah. Er konnte kein Fahrzeug passieren, ohne sich unter dessen Rädern zu sehen. Er sah sich in jedem Loch verschwinden. Fuhr der Mann Zug, sah er sich in jedes Dorf und in jede Kreisstadt, die der Zug, ohne die Fahrt zu drosseln, passierte, ein Leben lang verbannt; die Tankstelle würde seine Tankstelle bis zum Tod, die Gaststätte seine Gaststätte bis zum Tod, die Hauptstraße seine Hauptstraße bis zum Tod. Zeitungen und Fernsehen waren dem Mann unerträglich. Er starb in Auschwitz, in Palästina, er sprang aus dem zweiundfünfzigsten Stock des World Trade Center. Er hatte jeden Tag Sex mit Dutzenden von Greisen, Dicken, nach Urin riechenden Obdachlosen, dem bärtigen Kollegen, seinem Chef. Man legte seinen Kopf auf eine Bordsteinkante und sprang mit Stiefeln darauf. Man schob ihm Bierflaschen in den Darm.

Der Mann, der sich gezwungen fühlte, entführte ein Kind und sperrte es in einen Keller. Er zwang es, Hundekot zu essen. »Da siehst du mal«, sagte er, der sich zum ersten Mal frei fühlte, »wie so was ist.«

das außenleben Die Anwesenheit anderer Menschen war für Billy weder Trost noch Halt gewesen, im Gegenteil, er hatte in Anwesenheit Anderer immer jede Haltung verloren, war plötzlich und wie aus dem Nichts, wie man sagt, nicht mehr bei Trost gewesen. Er hatte äußerlich ruhig einen Raum betreten, einen Anderen gesehen und hatte sich augenblicklich in die verheerendsten Zustände hineingesteigert, in Erregungen, die kein Zurück mehr kannten, jedenfalls nicht in Gegenwart des Anderen. Nur langes Alleinsein hatte ihn die Ruhe und Haltung wiederfinden lassen. Er konnte viele Stunden irgendwelchen Tätigkeiten und Gedanken nachgehen, plötzlich klingelte das Telefon, und die bloße Gegenwart des Anderen in der Leitung stürzte ihn binnen Sekunden in eine Raserei. Von der Verzweiflung war nichts sichtbar, nichts spürbar gewesen, bis das Telefon klingelte oder ein Anderer den Raum betrat. Er selbst sagte, dass er von seinem sogenannten Innenleben nicht die geringste Ahnung habe, bis er die Stimme eines Anderen höre, ein Anderer plötzlich den Raum betrete. Sein Innenleben existiere offensichtlich außerhalb von ihm, im Raum zwischen ihm und den Anderen, die mit seinem Innen- (oder Außen-) Leben aber nicht das Geringste zu tun hätten, nur einen Strom zum Fließen brächten, den es vorher nicht gegeben habe (denn nur ein Strom, der fließt, ist ein Strom). Offenbar stehe er ständig unter einer enormen Spannung, ohne es zu wissen. Tageund wochenlang könne er ruhig vor sich hin arbeiten und vor sich hin denken, ohne das Geringste zu bemerken, dann trete ein Anderer auf und bekomme einen Schlag, der sowohl den Anderen als auch ihn selbst zutiefst verwundere und verwunde. Vielleicht, so denke er, stehe er gar nicht permanent unter Spannung, sondern erblicke in dem Anderen nur eine Verzweiflungsmöglichkeit, eine Aggressionsmöglichkeit, und nehme diese dann wahr. Er betrete eine Bühne und fange, zwanghaft, sofort an zu spielen, einen fremden Text zu sprechen, Gesten und Mienen zu probieren. Er sei eigentlich ein ruhiger, introvertierter Mensch. Billy sagte: »Extrovertiert bin ich nur in Gegenwart Anderer.« In Gegenwart Anderer sei er ein anderer Mensch, ein Verrückter.

täuschende tiefe Die Wohnung schien, da die Fenster den Blick auf die braune, dampfende Ebene, die Stadt und die Berge freigaben, von großzügiger Geräumigkeit. Eines Tages jedoch erkannte Billy, dass die Stadt, die Ebene, die Berge nicht existierten. Er hatte ein Fenster im Wohnzimmer geöffnet, zum ersten Mal, er hatte die Wohnung im Winter gemietet, und im Rechteck der Laibung war nichts zu sehen gewesen, keine Stadt, keine Berge, keine Sonne, kein Himmel. Er war in die Küche gegangen, hatte das Küchenfenster geöffnet, dann das Fenster im Schlafzimmer, das kleine quadratische im Bad, das auf einen Ahorn ging – oder zu gehen schien, überall dasselbe: nichts. Billy begriff, dass er in der winzigen Wohnung gefangen war. Er verstand jetzt auch die Empfindung, die er gehabt hatte, wenn er mit der Bahn durch die Stadt gefahren oder durch Straßen und über Brücken gelaufen war. Er verstand, warum er die Weite, die ihn überall umgab, als furchtbare Enge hatte empfinden müssen. Der Grund war der einfachste – weil es die Weite nicht gab; weil jenseits von Haut und Kleidern, Mauern und Fenstern nichts existierte, worein er tatsächlich einen Fuß hätte setzen, was er tatsächlich hätte durchqueren, wo er einem Menschen hätte begegnen können. Das Land, das ihn mit seiner gerühmten Weite zu umgeben schien, existierte nicht. Er war im Nichts, das ihn umschloss und formte wie ein Wurstdarm, ein Nichts, gegen das sein Herz anpochte in wildem Rasen, dessen Enge er einatmete, gegen das seine Brust sich kaum anzuheben vermochte. Der Blick in die Landschaft war ihm nun unerträglich, doch den Blick durch die geöffneten Fenster, ins Nichts, hielt er auch nicht aus. Er kaufte Vorhänge, durch die kein Licht drang. In der Dunkelheit atmete er auf. Billy sagte: »Mich umgeben Bilder von täuschender Tiefe. Ich habe in ihnen keinen Ort, zu dem ich mich begeben könnte, sie sind bewohnt von keinem Menschen. Sie beginnen und enden im Fensterglas, auf meiner Netzhaut. Ich dachte, kein Mensch habe je in einer so weitläufigen Welt gelebt wie ich; tatsächlich lebte nie einer auf engerem Raum.«

die nase Nach dem Unfall mit der Nase, gab Magnus Landerholm an, habe sich sein Leben vollkommen verändert, da er infolge des Nasenbeinbruchs die Geruchsfähigkeit vollständig eingebüßt habe, was dazu geführt habe, dass er sich fortan durch eine geruchlose Welt bewegen musste und muss, wie in einem Traum oder vielmehr Alptraum, sagte Landerholm. »Oder riecht irgendjemand in seinen Träumen? Ich jedenfalls nicht. Vielleicht sind meine Träume, oder besser gesagt Alpträume, aber auch erst geruchlos, seit ich nicht mehr riechen kann, und ich erinnere mich bloß nicht an die Gerüche in meinen früheren Alpträumen. Kann man sich an Gerüche erinnern, ohne sie zu riechen? Gibt es eine innere Nase, wie es ein inneres Auge gibt? Kaum«, so Landerholm. Seine Wachwelt habe sich jedenfalls nach dem Unfall in eine Schreckenswelt verwandelt, da alles Beruhigende mit Gerüchen, alles Beunruhigende dagegen mit dem Sehen verbunden sei, wie Landerholm meinte. »Wenn ich mich in der Welt sicher und zuhause gefühlt habe, auch in meinem Leben, in meiner Haut sicher und zuhause, so sind es Momente intensivsten Riechens gewesen, während meine schlimmste Unruhe stets begleitet und ausgelöst worden ist durch Bilder, äußere und innere. Horror ist Lateinisch und heißt Starren, nicht Riechen«, so Landerholm. »Alle einfachen Dinge riechen«, sagte Landerholm, »alle komplizierten muss man sehen.« Selbst ein ekelhafter Geruch gebe einem noch das Gefühl der Existenz, der Seinsverbundenheit. Landerholm gab an, jeder Versuch, Kontakt zu einer Frau herzustellen, sei infolge des Verlusts seiner Geruchsfähigkeit gescheitert, er vermute, teils, weil er die Frauen, und teils, weil er sich selbst nicht riechen könne, vor allem aber aufgrund der Unruhe, die ihm diese aus zu vielen Bildern bestehende, doch völlig geruchlose Welt bereite. »Die Augen sind die Organe der Verzweiflung«, sagte Landerholm, »die Nase das Organ des Lebens.« Er würde alles tun, so Landerholm, um die Glocke, unter der er sich befinde, zu lüften, sich und die Welt wieder zu riechen.

die häßliche Gerda Löfstrand war in einer Weise hässlich, dass ihr Anblick eine Qual gewesen hätte sein müssen, doch keinem fiel ihre Hässlichkeit auf. Nach ihr befragt, redeten alle nur von sich selbst, von ihrer eigenen Hässlichkeit. Denn Gerda war von jener Art Mensch, die den Blick des Betrachters zurückwendete auf ihn selbst, den Betrachter, glauben ließ, die Hässlichkeit des Andern sei die eigene. Der Betrachter sah ihre Hässlichkeit, meinte aber, wie in einem Spiegel die eigene Hässlichkeit zu erblicken. Die Menschen fanden also nicht Gerda abscheulich, sondern sich selbst. Nachdem sie Gerda angeblickt hatten, wollten sie sich sofort verstecken und nie wieder zum Vorschein kommen. Selbst Menschen, die von der eigenen Schönheit überzeugt waren, konnten nach einer Begegnung mit Gerda keinem mehr in die Augen sehen. Gerdas Mann (denn sie war tatsächlich verheiratet) erzählte jedem, welches Glück er, der Hässlichste der Hässlichen, habe, eine solche Schönheit zu besitzen. Doch eines Tages kam einer, der hatte einen starren Blick. Er hatte einen Blick, der sich nicht zurückwenden wollte auf ihn selbst. Seine Augen weiteten sich vor Entsetzen, als er Gerda erblickte. Am Abend, als er mit dem Mann der Hässlichen allein war, sagte er: »Entschuldigung, aber deine Frau ist ja unfassbar hässlich. Wie kannst du bloß mit ihr leben?« Der Mann sagte: »Du irrst dich. Ich bin unfassbar hässlich, sie ist eine Schönheit.« Der mit dem starren Blick sagte: »Und du hast mir nie erzählt, dass deine Frau im Rollstuhl sitzt. Warum hast du mir das all die Jahre verschwiegen?« Der Mann sagte: »Wie kommst du denn darauf? Gerda sitzt nicht im Rollstuhl. Sie ist der Inbegriff von Gesundheit und Kraft. Ich bin es, der im Rollstuhl sitzt.« Der Andere antwortete: »Du bist ja verrückt. Schau dich doch an, du stehst ja auf zwei gesunden Beinen.« Der Mann der Hässlichen aber ließ sich nicht beirren. Er sagte: »Gerda liebt mich – trotz meiner unfassbaren Hässlichkeit und meiner Behinderung. Dafür werde ich ihr bis an mein Lebensende dankbar sein.«-
»Die kurzen Texte von Sven Hillenkamp ... sind Produkte einer Ästhetik der grassierenden Schwindsucht: In einem beeindruckenden Prosaexperiment testet Hillenkamp aus, wie viele Worte nötig sind, um einen noch literaturfähigen Text zu erschaffen. Wo weniger mehr sein soll, gerät das Erzählen in Verdacht und mit ihm Konzepte wie Gedächtnis, Psychologie oder Entwicklung. Das macht Hillenkamps Texte zu Abkömmlingen der Literarischen Moderne, worauf auch Anspielungen auf Hofmannsthal, Kafka oder Rilke verweisen.«
Oliver Pfohlmann, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26.10.2012

»Hillenkamps ... Textsammlung hat das Versprengte von Blogeinträgen, wagt sich stilistisch aber in die Nähe essayistisch-aphoristische Meister wie Lichtenberg oder Montaigne ... Hillenkamps Prosa versteht sich als Gegenprojekt - als gezieltes Aufspießen fragwürdiger Phänomene. Dazu gehören vor allem die Täuschungsmanöver, mit denen wir unsere Selbstbilder gestalten; ihre vertrackten Strukturen erscheinen in diesen Texten herauspräpariert wie das Herz aus einem Salat.«
Daniel Haas, Deutschlandradio Kultur, 20.07.2012

»Hillenkamp passt nicht zum gegenwärtigen Literatur-Mainstream. Man kann ihn als Nachfahre Nietzsches und Hugo von Hofmannsthals sehen. Man stößt auf Stücke, die schockierend sind – schockierend gut und überraschend. «
Deutschlandradio, 19.7.2012

»In Zeiten medialer Landschaften, in der Fernsehkanäle und Datenströme ein Erinnern durch allgegenwärtige Präsenz ersetzen; in Zeiten einer Rationalisierung privater Lebensbereiche, in denen jeder geheimnisvolle Winkel ausgeleuchtet und psychologisch reflektiert wird, steht das Erzählen auf dem Prüfstand. Sven Hillenkamp hat mit seinem Buch eine radikale Schneise geschlagen. Ein naturalistisches Abbilden von Gefühlen findet nicht statt.«
Deutschlandfunk, 30.4.2012

»Hillenkamp erzählt aus unterschiedlichen Perspektiven, vereint Skizzen mit Gedichten, Erzählungen mit Aphorismen. Und ganz egal, was er auch schreibt: er tut es unsagbar elegant, zart, immer präzise.«
Augsburger Allgemeine, 10.03.2012

»Hillenkamp schreckt nicht davor zurück, den Leser in einen tiefen Sog der Ängste, Depressionen und Beklemmnisse zu ziehen. Doch das Geschriebene ist nur oberflächlich negativ, denn es bildet zwischen den Zeilen helle Kontraste, die dem Leser entgegenstrahlen und Klarheit in seine Gedanken bringen, sein Inneres erhellen. ... Sollte schreiberische Kultur in mehreren Jahrhunderten noch eine wichtige Rolle in der Gesellschaft spielen, so könnte es gut sein, dass Sven Hillenkamp einer derer sein wird, die literarische Geschichte gemacht haben.«
Noisy Neighbours, Juni 2012

Gerade wegen seines melancholischen Charmes ist das Buch lesenswert.
Hannoversche Allgemeine Zeitung, 12.9.2012

Sven Hillenkamp ist ein Meister des Paradoxons.
WDR3, 15.3.2012

»Hillenkamps Werk ist reine Ver-Dichtung. Nicht Roman, nicht Novelle, nicht Erzählung. Er ist ein Glockengießer, seine Werkstücke liegen kalt in der Hand. Mit Hammerschlägen hat er sie von den Resten der Grußform befreit und mit der Drahtbürste gereinigt. Sie sind massiv und tonnenschwer und bewegen sich doch ohne Gewicht, haben sie erst in ihre Fassung im Turm gefunden.«
Benjamin Jahn Zschocke, blauenarzisse.de, 22.03.2012

»Ein Buch zum immer wieder neu und weiterlesen. Von beeindruckender Wucht.«
Kulturinfo, 6.4.2012-
Klett-Cotta
1. Aufl. 2012, 224 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-93964-4
autor_portrait

Sven Hillenkamp

Sven Hillenkamp ist ein deutscher Philosoph und Schriftsteller. Er lebt in Stockholm. Wichtige Kategorien sind strukturelle Freiheit, das Menschliche...

https://www.youtube.com/v/4ukVzw44iA0

Weitere Bücher von Sven Hillenkamp

Das Ende der Liebe

Gefühle im Zeitalter unendlicher Freiheit

Negative Moderne

Moderne Strukturen der Freiheit und der Sturz ins Nichts


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