Koloratur

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Unbroken

Die unfassbare Lebensgeschichte des Louis Zamperini
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Ende des Zweiten Weltkrieges. Auch zwischen China und Japan tobt der Krieg. Und jeder Krieg braucht Helden. Damit man aber Ge Ren zu einem solchen machen kann, muss er erst einmal sterben ... Doch dieser entzieht sich seinem Todesurteil und verschwindet. Über sein Schicksal berichten die Chronisten jeweils vollkommen anders. Was ist die Wahrheit?

Ist er nun tot oder lebt er noch? Ge Ren, Kriegsheld oder Deserteur? Sowohl die Kommunisten, die chinesischen Nationalisten als auch die Japaner wollen seine Geschichte für ihre Zwecke instrumentalisieren. Dreimal lässt Li Er die Geschichte eines Volkshelden aus der Zeit des chinesisch-japanischen Krieges erzählen. Und dreimal erlebt der Leser wie in einem Krimi, dass es die objektive Wahrheit in Zeiten des Krieges nicht gibt. Mit List und Tücke balancieren die drei Erzähler, zerrissen zwischen ihrer politischen Agitation und inneren Überzeugung und beleuchten damit eine bisher kaum aufgearbeitete Episode der Weltgeschichte.

Koloratur bedeutet im Chinesischen:
1. eine musikalische Verzierung im Gesang
2. »um eine Sache herumreden«, also »Süße in schönen Klängen machen«

Leseprobe
Ein Wort vorab
Gestern wurde mir bewusst, dass mich dieses Buch seit zehn Jahren begleitet. Ich war erstaunt. Aber um Ge Rens Geschichte zu ergründen, müsste ich weitere zehn Jahre aufwenden. Und sie wären es wert.
Dieses Buch habe ich nicht alleine verfasst, vielmehr besteht es aus einer Sammlung von Zitaten. Allen voran möchte ich dem Arzt Bai Shengtao danken. Ebenso gilt mein Dank dem Häftling Aqing und dem berühmten Rechtswissenschaftler Fan Jihuai. Sie sind nicht nur Zeugen, sondern Beteiligte und haben über die Geschehnisse Bericht erstattet. Ihre Schilderungen bilden den Hauptteil dieses Buches und bringen ein erzählerisches Können zum Ausdruck, das dem eines Krimiautors in nichts nachsteht. Der Leser wird dies schnell erkennen. Dank sei des Weiteren Frau Bingying, Herrn Zong Bu, Herrn Huang Yan, Herrn Kong Fantai sowie den ausländischen Freunden Herrn Thwaites, Pater Ellis und Pater Beal, Herrn Ferrand und Herrn Kawai, um nur einige zu nennen. Ihre Gespräche und Texte finden sich in diesem Buch wieder: Sie ergänzen die Schilderungen der eigentlichen Erzähler.
Man kann dieses Buch im vorgegebenen Verlauf lesen, aber man kann auch mit der Lektüre des dritten Teils beginnen und anschließend zum ersten zurückkehren. Genauso gut könnte man zunächst einen Abschnitt des Hauptteils lesen, um danach zum ergänzenden Quellenmaterial am Schluss oder am Anfang des Buches überzugehen. Lieber Leser, es steht Ihnen auch frei, einen beliebigen Abschnitt aus dem dritten Teil des Buches bereits nach einer Passage des ersten Teils zu lesen. Zur Unterscheidung kennzeichnen unterschiedliche Schriften den Hauptteil und die ergänzenden Quellen. Auf die gängige Durchnumerierung habe ich ganz bewusst verzichtet. Die unterschiedlichen Schriften sollen den geneigten Leser stets daran erinnern, dass er die Geschichte auf seine Art begreifen und dieses Buch nach Belieben gliedern kann. Ge Rens Geschichte wird diese Erzählweise gerecht.
Manch einer sagt, sein Schicksal spiegle das jedes Einzelnen von uns wider. Ge Ren ist tot. Seine Person beurteilen die Menschen unterschiedlich. Egal jedoch, ob das Urteil positiv oder negativ ausfällt, es berührt.
Als ich vorgestern Morgen meinen Computer einschaltete, war eine E-Mail eingetroffen. Ein Freund schrieb, Ge Rens Geschichte sei wie ein fliegender Teppich, der dich hoch in die Wolken trage und im nächsten Moment in die entlegensten Täler fallen lasse. Ob das zutreffen mag oder nicht, wird der Leser nach der Lektüre dieses Buches vielleicht selbst entscheiden.
Abschließend sei erwähnt, dass ich zwar Ge Rens einzige noch lebende Nachfahrin bin, die Zitate im Buch jedoch den Standpunkt des jeweiligen Autors wiedergeben. Was ich darüber denke, war für die Auswahl der Texte ohne Belang. Der Leser möge die unterschiedlichen Erzähler bedenken, wenn sich von Zeit zu Zeit Fehler in die Schilderungen schleichen. Ich vertraue darauf, dass der Leser diese Irrtümer als solche erkennt. Deshalb habe ich von detaillierten Berichtigungen Abstand genommen und lediglich die vorliegenden Zitate gesammelt, um bei Bedarf an der einen oder anderen Stelle Lücken zu schließen und offenkundige Widersprüche zu glätten.
Seit zehn Jahren begleitet mich dieses Buch. Ich bin Ge Rens Verwandte, und meine Liebe zu ihm wird von Tag zu Tag größer. Für meine Arbeit bin ich gehalten, einen kühlen Kopf zu bewahren und über den Dingen zu stehen, auch wenn ich es oft kaum mehr ertrage und am liebsten laut lachen, leise schluchzen oder mich still verkriechen möchte ...
1. Teil:Um der Wahrheit die Ehre zu geben
Zeit: März 1943
Ort: Unterwegs von Baipi nach Hongkong
Erzähler: Bai Shengtao, Arzt
Zuhörer: Fan Jihuai, Generalleutnant
Protokollant: Ding Kui, Fan Jihuais Begleiter
Mitteilung
General, um der Wahrheit die Ehre zu geben: Tian Han überbrachte mir die Nachricht, als ich noch in Hougou war. Ihr Militärs kennt sicher alle den Dattelgarten in Hougou an der Arrestzelle. Ich saß in dieser Zelle, für knapp zwei Monate. Am Abend, als Tian Han eintraf, glaubte ich erst, er käme zu mir, seinem Landsmann, um mir Lebewohl zu sagen.
»Ist das jetzt mein Ende?«, fragte ich mich.
Eigentlich bin ich Mediziner. Ich war im Krieg und habe unzählige Leichen gesehen, ohne dass ich mich gefürchtet hätte. Aber mich verließ der Mut, kaum dass ich ihn sah und mir seine Alkoholausdünstungen in die Nase stiegen. Ich bekam weiche Knie. Nicht im Traum hätte ich mit dem gerechnet, was Tian Han mir schließlich mitteilte.
Er begleitete mich hinaus. Als wir auf den Hof kamen, bemerkte ich seine Wachleute. Geduckt schlichen sie einige Schritte von mir entfernt umher. Andere Posten hatten mit ihren Lanzen Position bezogen. Der Nordwind blies scharf, Schneeflocken fielen zu Boden. Mit einer Damastjacke über dem Arm, die an Krankenhauskleidung erinnerte, rannte ein Wachmann herbei und gab Tian Han die Jacke. Der Stoff war weicher als das handgewebte Tuch auf dem Land, das den Kommandanten und den gerade in Yan'an eingetroffenen Gelehrten vorbehalten war. Ich gebe zu, dass ich meine Tränen nicht zurückhalten konnte, als Tian Han mir die Jacke über die Schultern legte. Mein Gesicht war nass, die Nase lief. Tian Han musterte mich. Er schien mir etwas sagen zu wollen, schwieg aber. Das verwirrte mich noch mehr. Einen Moment lang blieben wir draußen stehen, dann sagte er: »Hier ist es viel zu kalt. Lass uns wieder rein gehen.«
Er brachte mich nicht zurück in meine Zelle, sondern führte mich in eine Lösshöhle, an deren Wand ein Lenin-Bild und ein Raumplan hingen. Es musste ein Büro der Nordwestschule sein. Er zog seine Schuhe aus, nahm die Einlagen mit der Kohlezange heraus und schwenkte sie über der Feuerschale hin und her. Ein Wachposten wollte ihm zur Hand gehen, aber Tian Han winkte ab und befahl ihm, draußen achtzugeben, dass niemand her einkäme. In den strengen Geruch seiner dampfenden Einlagen mischte sich der Rauch des Holzkohlenfeuers. Meine Augen brannten, und ich musste blinzeln. Vielleicht lachen Sie mich jetzt aus, aber ich muss gestehen, dass dieser Geruch mir damals angenehm und vertraut erschien. Tian Han öffnete seine Hose, schnappte sich eine Filzlaus und warf sie in die Feuerschale, in der sie knackend zerplatzte. Er erwischte noch ein paar, warf sie jedoch nicht mehr ins Feuer, sondern zerdrückte sie zwischen den Fingernägeln.
Er zog eine Kalebasse mit Schnaps aus der Jackentasche und gab sie mir. Dann griff er zwei kleine Gläser und wischte sie rundherum mit dem Daumen sauber, schenkte sie voll und überreichte mir eines.
»Trink!«, sagte er. »Was ist los? Soll ich dich vielleicht bedienen?«
Seit zwei Monaten hatte mich niemand mehr zum Trinken aufgefordert. Wieder rannen mir die Tränen übers Gesicht. Als er noch mal in seiner Brusttasche wühlte und zwei Schweinefüße zum Vorschein brachte, biss ich mir auf die Lippen.
»Schmeckt dir der Schnaps?«, fragte er mich, und ich bejahte zufrieden. Dann erfuhr ich es. Ich knabberte gerade an meinem Schweinefuß, als Tian Han sagte: »Es gibt etwas, das ich dir sagen will. Ge Ren ist noch am Leben.«
Ich sprang erschrocken auf. Ich traute meinen Ohren nicht. Letztes Jahr, im Winter des Jahres 1942, als ich von der Front nach Yan'an zurückkam, hatte
mir Tian Han unter Tränen von Ge Rens Tod berichtet. Was er mir erzählt hatte, klang glaubwürdig: Im Sommer desselben Jahres hatte Ge Ren seine Kompanie in der Abenddämmerung zu einer Operation an einen Ort namens Erligang geführt. Dort wurden sie von japanischen Truppen überrascht. Rund um den Tempel des Nationalhelden Guangong tobte mehrere Stunden lang der Kampf, in dem Ge Ren schließlich fiel. Dafür wurde er danach als Volksheld gefeiert. Die Einheimischen tuschelten, Ge Ren wäre Guangong ebenbürtig, und forderten sogar, eine Gedenktafel für ihn im Tempel aufzustellen. General, ich hatte Tian Han damals wie gebannt zugehört, und die Tränen liefen mir dabei über die Wangen. Kein Wort brachte ich über die Lippen. Noch lange Zeit danach träumte ich jede Nacht von Ge Ren und erwachte mit einem bleiernen Druck auf der Brust. Niemals hätte ich es für möglich gehalten, dass Ge Ren noch am Leben war.
Tian Han schlug sich auf den Schenkel.
»Verdammter Schweinehund«, rief er. »Bin ich froh, wirklich froh, Ge Ren hat diese Tragödie überlebt. Offenbar wird sein Einsatz belohnt. Keine Nacht konnte ich mehr schlafen.«
Dann gab er mir zu verstehen, dass noch niemand davon wusste. »Wenn etwas durchsickert, geht es schief. Die japanischen Teufel und die reaktionären Nationalisten wären sofort zur Stelle. Dann wäre Genosse Ge Ren verloren.«
Natürlich haben Sie recht, Herr General, er musste etwas anderes im Sinn gehabt haben, wenn er sich durch das Schneetreiben zu mir bemüht hatte. Das war mir klar. aber er sagte zunächst nichts davon, und ich wagte es nicht, unbedacht Fragen zu stellen. Erst nachdem ich meinen Schweinefuß abgenagt hatte, rückte er mit der Sprache heraus. Er wollte mich in den Süden schicken, um Ge Ren abzuholen. Lassen Sie mich kurz nachdenken. Wie drückte er sich doch gleich aus? Ja, er sagte: »Genosse Ge Ren hat im Süden eine harte Zeit hinter sich, er ist bei schlechter Gesundheit und leidet an einer Lungenschwäche. Mehr kann ich dir nicht sagen. Du fährst hin und holst ihn nach Hause, damit er in Yan'an noch ein paar glückliche Tage verleben kann. Schließlich bist du Arzt. Und wenn du das erledigt hast, werde ich bei denen da oben ein Wort für dich einlegen, damit sie sich um deine Angelegenheit kümmern. Es ist doch beschämend, diese Trotzkistenmütze zu tragen, das ist sogar mir unangenehm. Immerhin kommen wir doch aus demselben Stall. Aber eins sage ich dir, wenn du es verpatzt, garantiere ich für nichts, dann bist du dran, auch wenn's mir schwerfällt.«
Vieles blieb unausgesprochen. Er erwähnte zwar den Süden, aber vom Dahuang-Gebirge war nicht die Rede und erst recht nicht vom Städtchen Baipi. Ich fragte ihn erstaunt, warum er gerade mich mit dieser Aufgabe betraute. Mich, einen einfachen Gelehrten, der zudem einen ideologischen Fehler begangen hatte. Ich wäre einer solch hehren Sache kaum gewachsen, sagte ich. Daraufhin antwortete er: »Weiße Katze, schwarze Katze, Hauptsache, sie fängt Mäuse. Ich wünsche dir, dass alles klappt.«
Ich fragte ihn, ob die Entscheidung der Partei bereits feststeht. Er machte ein ernstes Gesicht und hob den glühenden Schürhaken.
»Jaja, die Katze lässt das Mausen nicht«, sagte er. »Eins solltest du dir hinter die Ohren schreiben: Stell nicht so viele Fragen. Und komm ja nicht auf die Idee, private Aufzeichnungen zu machen. Niemand wird dich für einen Stockfisch halten, wenn du nichts sagst. Und niemand wird meinen, du wärest ein Analphabet, wenn du kein Tagebuch führst.«
Ich stand hastig auf und sagte, dass ich für die Revolution schließlich den weiten Weg nach Yan'an auf mich genommen hätte. »Und jetzt werde ich mich nach Kräften bemühen, deinen Anweisungen nachzukommen.«
Tian Han bat mich, an diesem Abend noch einmal in Hougou zu übernachten. Ein Wächter brachte mich in eine Lösshöhle, die ich für mich alleine hatte. In jener Nacht fand ich kaum Schlaf, stand mehrfach auf, ging pinkeln und verneigte mich beim Abschütteln jedes Mal vor dem Lenin-Bild an der Wand. Der Schnee tauchte die Umgebung in eine graue Dämmerung, als würde es bereits Morgen. Das Licht brachte offenbar auch den Hahn durcheinander, als er krähte, war es Mitternacht. Bei jedem seiner Rufe sprang ich von meinem Lager auf. Das ging einige Male so. Ein Krampf durchfuhr meinen rechten Oberschenkel, ich fürchtete, die Venenentzündung meiner Wade könnte sich verschlimmern und würde meine Abreise verzögern. Seit ich in der Zelle saß, litten meine Beine unter den zahllosen Tritten der Wärter.
Welch Glück ist es, sein Herz auszuschütten. Immer wenn ich an Ge Ren dachte, erschien mir die bevorstehende Reise wie ein großes Geschenk. Wahrscheinlich würde Ge Ren erröten, wenn ich vor ihm stand.
Sie haben recht, General, diese Schwäche passt nicht zu einem Revolutionär. Aber wäre es nicht merkwürdig gewesen, wenn er im Wissen um die große Entfernung, die ich zurückgelegt hatte, nicht errötet wäre? Bei diesen Gedanken fiel ich in einen unruhigen, von Hahnengeschrei begleiteten Schlaf. Kaum hatte ich Ruhe gefunden, schreckte mich ein lauter Knall auf. Kurz danach rief jemand um Hilfe. Gejammer und Geschrei waren zu hören. Zunächst glaubte ich, der Feind rückte an, und hob rasch einen Stein vom Boden auf. Später vernahm ich aus dem lauten Stimmengewirr, dass eine Höhle eingestürzt war und mehrere Gefangene zwischen den Felsbrocken zerquetscht worden waren.
Wie diese Höhle einstürzen konnte? Das ist eine gute Frage, General Fan. Vielleicht waren die Leute leichtsinnig geworden und hatten sich einen Weg gegraben, um auszubrechen? Meine Kopfhaut brannte, als hätte ich den Schuss mit eigenen Augen mit angesehen, der sich in die Stirn der Flüchtigen bohrte. Während ich diesem Gedanken nachhing, stürzte jemand an mein Lager und zerrte mich hoch.
»Was hast du vor, Genosse?«, fragte ich.
Er sagte, ich solle die Klappe halten und ihm folgen. Als wir den Hof verließen, erkannte ich im fahlen Schein der schneebedeckten Landschaft schemenhaft Tian Hans Wächter. Er erklärte mir gleich, Tian Han habe ihn geschickt, um sich zu vergewissern, dass ich nicht verletzt bin. Wenige Meter weiter sah ich Tian Han neben einem Viehstall, die Hände tief in den Ärmeln seiner Winterjacke, eine Zigarette im Mundwinkel. Er befahl mir, Yan'an umgehend zu verlassen und mich nach Zhangjiakou zu begeben. Dort sollte ich Dou Sizhong treffen und anschließend zu Ge Ren in den Süden aufbrechen.
Nein, General, noch immer verriet er nicht, dass mein Ziel Baipi sein sollte. Alles Weitere würde mir Dou Sizhong erklären, sagte er nur. Dou Sizhong war Tian Hans Gefolgsmann, einer, der ihm auf Leben und Tod treu ergeben war. Als Tian Han Zhangjiakou erwähnte, kam mir sofort mein Schwiegervater in den Sinn, der dort lebte. Ich fürchtete, mein Eintreffen könnte ihn in Schwierigkeiten bringen. Tian Han war sehr schlau, seinem Blick entging nichts. Als ich kurz zögerte, erriet er meine Gedanken und sagte: »Dein Schwiegervater hat damit nichts zu tun. Es geht einzig um den Genossen Ge Ren. Genosse Dou Sizhong wird dir helfen, den Genossen Ge Ren ausfindig zu machen.«
Ich erkundigte mich, ob Bingying bei Ge Ren war und ob sie ebenfalls zurückgebracht werden sollte. Daraufhin erwiderte Tian Han mit finsterer Miene, ich solle mich um meine Aufgabe kümmern und keine weiteren Fragen stellen. Es wurde kühl. Ich wollte hineingehen, um mir eine Jacke zu holen. Doch er hielt mich zurück und sagte: »Alles liegt für dich bereit, sogar eine Unterhose. Der Brief für Dou Sizhong ist in die Unterhose eingenäht.«
Er wies mich noch einmal eindringlich darauf hin, dass ich Ge Rens Namen unterwegs nicht erwähnen sollte.
»Merk dir das, Ge Rens Codenummer lautet null, das bedeutet ›kugelrund‹. Und ich wünsche dir, dass auch deine Mission eine runde Sache wird.«
Dabei wies er ins Tal, wo ich im Halbdunkel die unscharfe Gestalt eines Esels und einer Person erahnte.
Und damit ging Tian Han. Ich fühlte mich plötzlich verlassen und leer. Eine ganze Weile verharrte ich in der Kälte, der Schneefall wurde heftiger. Bei dem Gedanken an meine baldige Zusammenkunft mit Ge Ren aber hob sich meine Laune. Einige Vögel flatterten aufgeregt in die Luft. Der Wind hatte das Stalldach abgedeckt, und aus den emporragenden Schilfrohren erklangen Flötentöne. Ob die Vögel Unheil bringende Raben oder glückverheißende Elstern waren, wusste ich nicht. Gegrillte Elstern verabreichte ich immer gegen Verstopfung. Man sagt, sie verheißen Glück und gelten als Willkommensgruß für Gäste. Aber für mich klang ihr Zwitschern damals wie eine Aufforderung, das Feld zu räumen.
General, ich habe nicht im Traum damit gerechnet, dass mein Abschied endgültig sein sollte und ich nie wieder zurückkehren würde.
Wie bitte? Welcher Tag es war? Hm, daran kann ich mich nicht mehr genau erinnern. Während der zwei Monate, die ich in Hougou eingesperrt gewesen war, hatte mein Gedächtnis nachgelassen.
Allgemein Bekanntes zur Schlacht von Erligang
Auszug aus Geschichte des Zweiten Weltkriegs im chinesischen Kriegsgebiet :
Am 1. Mai 1942 begannen die Säuberungsaktionen am antijapanischen Stützpunkt Jizhong in der Provinz Hebei. Unter der Parole der Dreifachen Auslöschung: alles niederbrennen, alles niedermetzeln, alles ausplündern verfolgten die Japaner das Ziel, innerhalb von zwei Monaten die Hauptstreitkräfte der kommunistischen Achten Armee aufzuspüren und sie zu umzingeln. Nach den Worten des japanischen Generalleutnants Yasuji Okamura war die Achte Armee »so unberechenbar wie ein glitschiger Aal«. Zwischen dem 16. Mai und 20. Juni führten die japa nischen Truppen in den Gebieten südlich des Hutuo-Flusses, nördlich der Deshi-Bahnstrecke und westlich des Fuyang-Flusses wiederholt Säuberungsaktionen durch. In dieser Zeit fand die Schlacht von Erligang statt.
Zum ersten Mal wird diese Schlacht am 11. Oktober 1942 in der Kriegszeitung des Grenzgebiets in dem Artikel Kampftruppen im feindlichen Hinterland erwähnt. Der Autor Huang Yan hatte sich seinerzeit mit demselben Schiffwie Ge Ren und Fan Jihuai, der Erzähler des dritten Teils dieses Buches, auf den Weg zum Studium nach Japan gemacht. In seinem Artikel heißt es:
Der Widerstand gegen die Säuberungskämpfe forderte zahlreiche Opfer für das Vaterland unter dem chinesischen Volk. Hervorragende, mutige Söhne und Töchter mussten ihr Leben lassen. [...] In der Schlacht von Matian griffdas Kommandobataillon unseres Vizestabsoffiziers Genosse Zuo Quan wiederholt den Feind an, und setzte eine Schlacht in Gang, die einen ganzen Tag lang dauerte. Die gegnerische Seite hatte eine große Zahl an Toten und Verletzten zu beklagen, so dass der Feind mitten in der Nacht geschwächt die Flucht nach Matian ergriff. Daraufhin mobilisierte der Vizestabsoffizier Zuo seine Truppen und nahm die Verfolgung auf. Unter Einsatz des eigenen Lebens gab er den Kampfbefehl. Er wurde unglücklicherweise von einer Kugel getroffen und ließ auf dem Shizi-Berg des südlichen Taihang-Gebirges ehrenvoll sein Leben. Am Fuße des Berges wurde die Soldatin Huang Junyu umzingelt. Nachdem ihre Munition zur Neige gegangen war und keine Hilfe nahte, stürzte sie sich einen Abhang hinab, um sich das Leben zu nehmen. Sie wurde zu einem großen Vorbild für die Frauen. Der Lehrer, Genosse Ge Ren, stieß bei der Ausübung seiner Pflicht in der Schlacht von Erligang auf feindliche Truppen. Dadurch, dass er gemeinsam mit dem Feind unterging, erhielt sein Tod Bedeutung. [...] Das Volk verlor seine Elite, und der Widerstandskrieg gegen die japanische Aggression forderte unversehens das Leben vieler Helden. Die Soldaten trauerten gemeinsam mit dem Volk und schworen bei ihrem Leben Rache für die Toten [...].
Dass Ge Ren Lehrer war, entspricht nicht ganz der Wahrheit. Damals hatte er eine Anstellung als Übersetzer im Lektorat des Marx-Lenin-Instituts. Jahre später, nachdem Huang Yan bereits nach Amerika emigriert war, kam er darauf noch einmal zu sprechen und korrigierte seinen Fehler beiläufig. In seinen Memoiren, Zeitreise , schreibt er:
Damals arbeitete Ge Ren im Lektorat des Marx-Lenin-Instituts als Übersetzer und betrieb gleichzeitig seine Forschungen zur Latinisierung der chinesischen Schrift. Da er über sein Gehalt hinaus Einkünfte aus Tantiemen hatte, galt er als reicher Mann. Mich als seinen Zimmergenossen aus Studienzeiten in Japan lud er zusammen mit seinen beiden Landsleuten, Tian Han und Bai Shengtao, häufig zu heimischen Köstlichkeiten ein. Tian Han war als stellvertretender Abteilungsleiter für die Eliminierung von Verrätern in der Grenzregion zuständig, und Bai Shengtao war Arzt im Grenzgebiet. [...] Unterwegs beobachtete ich einmal, mit welcher Hingabe Ge Ren Mispelfrüchte am Feldrain eines Grabhügels pflückte und sie mit der Gebetskette verglich, wie man sie von den Trauerfeiern für einen toten Säugling kennt. Oh, wie doch die Zeit verrinnt! Seit der Schlacht von Erligang ist bereits ein halbes Jahrhundert vergangen. Sollte Ge Rens Grabstätte noch irgendwo zwischen Himmel und Erde erhalten geblieben sein, werden sein Grab gewiss diese Gebetsketten zieren.
Aus Huang Yans Aufzeichnungen geht hervor, dass die Menschen auch nach einem halben Jahrhundert noch glaubten, Ge Ren sei in Erligang gefallen, offenbar gehörte das zur Allgemeinbildung. Selbst das kürzlich erschienene Buch Register berühmter Kulturschaffender der chinesischen Moderne gibt nach wie vor 1942 als Ge Rens Todesjahr an.
Als ich 1998 nach Erligang reiste, besuchte ich den Guandi-Tempel, den Ort, an dem Ge Ren sein Leben für das Vaterland gelassen haben soll. Der heutige Guandi-Tempel war erst nach der Kulturrevolution neu errichtet worden. Auf der Steintafel vor dem Eingang sind die Investoren, mit deren Hilfe die örtliche Regierung den Tempel wieder aufgebaut hatte, in chronologischer Reihenfolge aufgelistet. Die Stele im Innern gehört hingegen zu den alten Schätzen.
Vom Kassierer erfuhr ich, dass sie diese Gedenktafel aus dem Eselsstall seines Schwiegersohnes geholt hatten. Sie stammte aus dem dreiundzwanzigsten Jahr der Ära des Kaisers Kangxi und trug Aufzeichnungen über das bewegte Leben des Generals Guangong. Die Reiseführerin erklärte mir, dass die Schrift wegen der Kriegsgeschosse und Eselstritte abbröckele. Einmal hatte ein Fernsehteam der Unterhaltungssendung Fröhliches Hauptquartier die Stele für eine neue Folge gefilmt, in der es ein Quiz geben sollte. Ich habe den Ausschnitt der Sendung gesehen, in dem die Frage nach dem Grund für die abblätternde Schrift gestellt wurde. Als Belohnung für den weiten Weg, den die hochrangigen Gäste aus dem Film-, Fernseh- und Musikgeschäft zurückgelegt hatten, gab es keine Verlierer. Alle Fragen wurden richtig beantwortet, und jeder Teilnehmer erhielt eine Flasche Robbenöl aus Alaska als Preis. Auch sein eigenes Wissen gab der Quizmaster gerne zum Besten: »Diese Frage war doch einfach. Es ist ja allgemein bekannt, dass der berühmte Übersetzer, Dichter und Sprachwissenschaftler Ge Ren am 1. Juni 1942 hier an diesem Ort auf die japanischen Teufel traf und dass ein Kampf auf Leben und Tod entbrannte. Denjenigen, die noch immer nicht wissen, wer Ge Ren war, sage ich nur: Bingying. Bingying, die berühmte Schauspielerin der dreißiger, vierziger Jahre. Ganz genau! Ge Ren war Bingyings Ehemann.«
Lieber Leser, auch wenn Sie spotten mögen, ich gebe zu, dass auch ich als Ge Rens Nachfahrin geglaubt hatte, Ge Ren sei 1942 in Erligang gestorben, bevor ich Bai Shengtaos Dokumente zu Gesicht bekam. Allerdings scheinen einige Fragen der Überlieferung wie zum Beispiel die, warum Ge Ren überhaupt nach Erligang ging und welche Aufgaben er zu erfüllen hatte, nicht der Rede wert zu sein. Das, was als Allgemeinbildung gilt, sollten wir wohl stillschweigend als gültig akzeptieren.
»Insofern legt Li Ers komplexer Roman eine postmoderne Lesart nahe, wie sie die Bewegung des Dekonstruktivismus, wenn auch nicht just für die Gestalten der jünger4en chinesischen Geschichte, entwickelt hat. Bei Li Er freilich hat das einen dezidiert politischen und historischen Sinn, weil der Autor mit Bedacht jedem dogmatischen Wahrheitsglauben, zumal dem der parteioffiziösen Wahrheitsbesitzer, widerspricht. Diese Verbindung des Politischen mit der alten Frage des Pilatus: "Was ist Wahrheit?" gibt dem Roman seine subversive Stossrichtung.«
Ludger Lütkehaus, NZZ, 24.04.2010
Klett-Cotta Roman Aus dem Chinesischen von Thekla Chabbi (Orig.: Huaqiang)
1. Aufl. 2009, 440 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-93794-7
autor_portrait

Li Er

Li Er wurde 1966 in China geboren. Er hat in Shanghai Sinologie studiert und lebt nun in Peking. 2004 wurde er mit dem »Großen Medienpreis für ...



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