Ohne Maria

Buchdeckel „978-3-608-93570-7

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Die Schnecke

Überwiegend neurotische Geschichten
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Nach seinem vielbeachteten Erzählungsband »Die Schnecke«, der von den metropolitanen Helden der Einsamkeitsbewältigung handelt, nun der erste Roman von Wolfgang Schömel. Der Autor bleibt seinem Thema treu, der männlichen Glückssuche und Melancholie, doch gewinnt er ihm ungleich dramatischere Töne ab.

Christoph Madlé, ein gescheiterter Intellektueller, liegt auf der Analysecouch seiner etwas zu attraktiven Ärztin. Er redet von Maria, seiner Geliebten, die er nicht vergessen kann, von seinen ersten Treffen mit ihr und davon, wie sie plötzlich rätselhaft aus seinem Leben verschwand. Beruflich ging es ihm damals gut, er etablierte sich als Rundfunkmitarbeiter, Ghostwriter und schließlich als Biograph des alten, reichen Unternehmers Jungmann. Nach einigen Monaten, während eines Portugalaufenthaltes, taucht Maria wieder auf. Eine Liebesgeschichte beginnt, anrührend, verwirrend und mit einem dramatischen Ausgang, der Madlé aus seiner Lebensbahn wirft.

Auch mit diesem Roman einer heroischen Depression bewegt sich Schömel in existentiellen Extremsituationen - unsentimental, elegant und unvergeßlich. So entsteht die präzise Topographie eines männlichen Liebenden. Wir erleben eine wunderbar unzeitgemäße Erziehung des Herzens.

Leseprobe
1.

Nicht, dass ich glaubte, hier zu finden, was mir fehlt. Ich bewege mich durch die Hamburger Einkaufszonen, betreibe Warenkunde, manchmal betrachte ich schöne Frauen. Ich fahre die Rolltreppen des Kaufhauses hoch, um mich ein wenig in der Sportartikel-Abteilung aufzuhalten. Zu den Ausrüstungsgegenständen aus dem Trekking-Bereich fühle ich mich hingezogen: Schuhe, Rucksäcke, Goretex-Jacken. In diesem Warensegment kenne ich mich recht gut aus. Allerdings weiß ich nicht, ob mein defektes Bein je wieder für schwierige Wanderungen taugen wird. Erst vor eineinhalb Jahren hat man mir das Metall aus den Knochen entfernt, ein Jahr später als geplant. Ich hatte diesen Eingriff immer wieder hinausgeschoben.

Die Außenflanken der Rolltreppenanlage sind mit Spiegeln verkleidet. Ich mag keine Spiegel, weil ich mir nicht gefalle. Am schlimmsten ist es, wenn jemand anderes in denselben Spiegel schaut wie ich. "Verzieh doch dein Gesicht nicht so", sagte Maria, wenn wir zusammen vor dem Badezimmerspiegel standen. Kleidung kaufe ich mehr oder weniger auf Verdacht, weil ich in den Umkleidekabinen der Boutiquen mein Gesicht nicht zusammen mit den anprobierten Stücken sehen will. Ich halte die Hand vors Gesicht, damit ich das Hemd oder die Hose isoliert, also ohne mein Gesicht sehe. Zu Hause merke ich dann, dass die beiden nicht zusammenpassen, mein Gesicht und das Kleidungsstück.

Letzte Nacht habe ich einigermaßen gut geschlafen. In den Stunden, in denen ich wach lag, habe ich nur wenig gegrübelt. Deswegen war mein Selbstbewusstsein heute Vormittag einigermaßen stabil. Auch das schöne Wetter und die vielen Stunden ohne Spiegelbild sind mir gut bekommen. Bis gerade eben hatte ich ein erstaunlich intaktes Gesichtsgefühl. Jetzt, auf der Rolltreppe fahrend, sehe ich mich: unattraktiv, bleich und irgendwie fleckig. Meine Souveränität bricht zusammen. Oben angekommen, tue ich so, als falle mir erst jetzt ein, dass es die gesuchte Ware ein Stockwerk tiefer gibt. Ich verlasse das Kaufhaus im Viertelsegment einer automatischen Drehtür. Ewige Sekunden lang befinde ich mich in einer Choreographie mit einer jungen blondierten Mutter: lange, ornamentgeprägte Lederjacke und Teiggesicht. Im Trippelschritt schiebt sie den Kinderwagen hinter der gläsernen Wand des Drehtürsegmentes her. Ich bin gezwungen, mit ihr im Gleichschritt zu gehen. Das Wesen im Kinderwagen glotzt mich mordlüstern an. Mein Gesicht entgleist nun völlig. Jedenfalls vermute ich das. Manchmal klingt meine angespannte Mimik minutenlang nach, obwohl die Situation, die ihr Anlass war, längst überstanden ist. Offenbar kann ich zum Fürchten aussehen. Maria hat mich manchmal gebeten, "nicht so zu kucken", auch an dem Partyabend bei Förster Klein, als ich mich so furchtbar aufführte.
»So entsteht ein faszinierendes Bild eines Mannes, der zerbricht an den Anforderungen des Lebens ... Wolfgang Schömel ist ein Buch gelungen, das ein treffliches Zeitbild ist.«
Friedrich G. Stern, Nürnberger Zeitung, 25.1.2005

»Deutlich steht dieser Text unter der Anspannung, den Skandal der menschlichen Existenz nachweisen zu müssen. Gleichzeitig spürt man das Kalkül des Autors, die Spontaneität eines Erfahrungsberichts durch raffinierte Vorausdeutungen zu brechen und damit die Spannung zu schüren - was durchaus gelingt. Man liest dieses radikale Buch nicht ohne Beklemmung; und man läse es vielleicht nicht zu Ende, wenn es weniger spannend wäre. 62 Kapitel lang wird jeder braven bürgerlichen Selbstzufriedenheit der Kampf angesagt.«
Martin Krumbholz, Neue Zürcher Zeitung, 19.1.2005

»Denn Wolfgang Schömel kann erzählen: selbstsicher, in einer gekonnten Verschlingung der Erzählebenen und mit einer ebenso ernsten wie eleganten Sprache ...«
Holger Schlodder, Darmstädter Echo, 20.12.2004

»Wolfgang Schömel überrascht in seinem ersten Roman "Ohne Maria" mit einer spannenden, geheimnisvollen Story. ... Hinter dem vermeintlichen Jammerstück versteckt sich eine spannende Spurensuche ...«
Volker Hage, Der Spiegel, 15.11.2004

»Schömel hat mit "Ohne Maria" ein so kluges wie desillusionierendes Buch geschrieben. In drei kunstvoll verschlungenen Erzähl- und Reflexionsebenen kundschaftet der Autor die Seelenlandschaft eines heillos getriebenen Menschen unserer Zeit präzise aus.«
Rheinischer Merkur, 7.10.2004

»Wolfgang Schömels Roman entwirft zwar über 300 Seiten hinweg das Psychogramm eines Trauernden, aber man wird dennoch nicht müde, diesen Roman weiter und weiter zu lesen. Weil es Schömel gelingt, einen für diesen die Introspektion kultivierenden Einzelgänger zu interessieren. Und weil es dieses schnörkellos erzählte Buch versteht, sich von Zwischentönen zu nähren. Es ist die unprätentiöse Schlichtheit dieser Prosa, die für sie einnimmt.«
Christoph Schreiner, Saarbrücker Zeitung, 11.9.2004

»In der Erwähltheit findet der Schwermütige Genugtuung. Einen solchen Virtuosen der Traurigkeit porträtiert Wolfgang Schömel in seinem Romandebüt. ... Mit seismographischem Gespür für Erschütterungen schreibt sich der Autor in die Seelenwelt eines trauernden Mannes hinein.«
Andrea Neuhaus, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 3.9.2004

»Mit seiner Gedankentiefe und Sprachkraft ist "Ohne Maria" ein Solitär in der jüngeren deutschen Literatur.«
Martin Brinkmann, Financial Times Deutschland, 20.8.2004

»In seinem Roman "Ohne Maria" erzählt Wolfgang Schömel die groteske Geschichte eines liebeskranken Verlierers, und er tut es mit soviel melancholischem Charme und mit soviel Tragikkomödie, daß man den Helden aus Solidarität umarmen möchte. ... Das ist die Lebensbilanz eines ängstlichen und einsamen Manns, geschrieben lakonisch bis an die Schmerzgrenze, das gefällt mir.«
Paul Kersten, NDR-Kulturjournal, 26.7.2004
Klett-Cotta Roman
1. Aufl. 2004, 299 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-93570-7
autor_portrait

Wolfgang Schömel

Wolfgang Schömel, geboren 1952 in Bad Kreuznach, studierte Literatur und Philosophie in Mainz und Bremen. Er veröffentlichte Arbeiten u. a. über den ...

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