Russisch Brot

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Ein fremder Mann hat Mutter geküßt - diese Szene hat sich dem sechsjährigen Berliner Jungen tief eingebrannt. Sein Mißtrauen ist geweckt: Das Kinderfoto der Mutter zusammen mit einem unbekannten Gleichaltrigen beschäftigt ihn sehr. Und Jahre später, als die Mauer schon steht, ein erneutes Treffen mit jenem Günter, der wie ein Abgesandter aus der Vergangenheit erscheint.

Die Ereignisse, die Michael Wildenhain in leiser und unvergeßlicher Intensität erzählt, haben fast ein halbes Jahrhundert deutscher Geschichte als Zeithintergrund. Sie beginnen in den sechziger Jahren, als es Paternoster, Muckefuck und tragbare Plattenspieler mit drei Geschwindigkeiten gab. Sie führen uns durch die Jahre der getrennten und zerrissenen Familien, die Passierschein-Zeit und das Labyrinth der Ängste auf beiden deutschen Seiten.

Joachim, der Held dieses Romans voller Alltag und Zeitgeschichte, ist am Ende immer noch nicht sicher, ob dieser Mann aus dem Osten sein richtiger Vater ist. Doch als er, auf dem Höhepunkt der Erzählung, bei der Grenzkontrolle im Bahnhof Friedrichstraße in der Nachbarkabine seiner Mutter sitzt, erfährt er ihre Wahrheit über die traumatischen Vorgänge bei Kriegsende - Ur-und Schlüsselszenen der deutschen Tragödie.

»Während ich mich, außer Atem, auf den Bahnsteig fallen ließ, mischte der Sog der aus fahrenden U-Bahn die Reste der Erzählung und trug sie dem Licht der Schlußleuchten nach ...«

Leseprobe
SPERRHOLZ UND HOLUNDER

Auf dem Weg zur Grenze konnte ich mir und meiner Mutter zusehen, wie wir den Bürgersteig entlangliefen: links die Fahrbahn, jenseits der Fahrbahn die Kastanien vor dem Rangierbahnhof, auf dem, als hätte sich nichts geändert, Züge zusammengestellt wurden, rechts die Lauben der Kolonie, die teils unbenutzten Garagen, die Backsteingebäude, Zäune: das Eisenbahnausbesserungswerk, schließlich die Sportanlagen des Fußballclubs Lok Schöneweide.

Wir vermieden es einander anzuschauen, meine Mutter hielt den Blick gesenkt. Als wir die Metallstufen des Fußgängerstegs zum Betriebsbahnhof hochstiegen, horchten wir unseren Tritten nach und hofften, die S-Bahn käme bald. Die Lampen leuchteten im Nebel rosa und gelb, Töpfe mit verblühten Geranien zierten den Perron. Umgeben von den Gerüchen Ostberlins und den Durchsagen, die vom Rangierberg herüberklangen, warteten wir als einzige Fahrgäste auf dem Bahnsteig.

Kurz bevor der Zug einfuhr, bückte sich meine Mutter zu ihrer Tasche und holte eine Tüte mit Gebäck heraus, das sie mir anbot.

»Russisch Brot. Magst du doch, oder?«

Ich beobachtete einen Jungen, der kaum merklich den Kopf schüttelte, und seine Mutter, die das Gebäck zurück in ihre Tasche packte. Ich sah uns zu, wie wir nebeneinanderstanden, sah, wie ich in der Gesäßtasche nach dem nutzlosen Plattencover tastete, während es mir schwerfiel, ohne Mühe zu schlucken und zu atmen und nicht zurückzulaufen zur Laube, und daran vorbeizurennen, schneller als jeder, durch den Wald bis zum Bunker, wo es dunkel wäre und still. Als wir aus der S-Bahn gestiegen und in der Schlange am Grenzübergang so weit vorgerückt waren, daß wir vor der Durchreiche für die Reisepapiere standen, stellte der Mann, der uns kontrollierte, fest, ein Blatt im Ausweis meiner Mutter sei ungebührlich lose.

Während er uns herauswinkte und bat, einen Augenblick zu warten, murmelte meine Mutter: »Natürlich auch das noch.« Obwohl sie ihren Blick weiterhin vor sich an den Boden heftete, wußte ich, daß sie wünschte, ich würde antworten, während wir auf die Ankunft eines ranghöheren Offiziers warteten. Ich schwieg.

Ich dachte an die bevorstehende Heirat meiner Tante und wunderte mich, wie ähnlich mir Günter Hoppe auf dem Foto der spielenden Kinder gewesen war. Als könne sie meine Gedanken lesen, fragte meine Mutter leise: »Wie konnte er mir das antun?«

Mir fiel der Rhythmus ihrer Schritte ein, wenn ich sie zur Desinfektionsanstalt begleitet hatte: Ich habe es ja / nicht anders verdient, die seltsame Genugtuung, die ihr die Erledigung zu gewähren schien. Wenn ich ein Wort gesagt hätte, hätte sie mich umarmt.

»Kommen Sie bitte mit«, sagte ein Offizier, der unvermittelt neben uns auftauchte und dessen Schulterklappen drei goldene Sterne zierten. Die Sterne sahen aus, als wären sie statt aus Metall aus Pappmaché oder Kunststoff.

Der Offizier der NVA führte uns in zwei nebeneinanderliegende Sperrholzkabinen, deren Einrichtung aus je zwei Stühlen, einem Tisch, einer Lampe und einer Schreibmaschine bestand. Er hieß meine Mutter in der ersten und mich in der zweiten Kabine Platz nehmen, dann schloß er meine Tür, die innen ohne Klinke war, und folgte meiner Mutter ins Kabäuschen.

Er bot ihr einen Stuhl an, indem er Tisch und Stuhl verrückte, und sagte: »Bitte setzen Sie sich doch.« Jedes Geräusch und jedes Wort waren durch die Wand so deutlich zu hören, daß ich den Eindruck hatte, es wäre mir möglich, den Offizier und meine Mutter durch das Sperrholz zu betrachten, ihnen zuzusehen, wie sie einander musterten und abzuschätzen versuchten.

Ich wußte, daß meine Mutter an jedem anderen Tag, wäre sie aus der Warteschlange in die Kabine beordert worden, getobt, geschimpft und geschrieen hätte. »Ich mache«, hatte sie häufig gesagt, »solch einen Zeck, so ein Affentheater, daß die froh sein werden, wenn die mich wieder gehen lassen dürfen!«

Heute saß sie still auf ihrem Stuhl, breitete den Inhalt ihrer Taschen gehorsam auf dem Tisch aus und ließ die Belehrungen des Offiziers, der sie wegen der losen Seite in ihrem Ausweis rügte, ebenso schweigend über sich ergehen wie die Frage, warum sie fast den gesamten Pflichtumtausch des Tages noch ungenutzt bei sich trage.

Ich begriff, daß die Karten, die uns im Büro für Besuchsangelegenheiten ausgehändigt werden würden, von nun an nicht mehr grün, sondern weiß wären. Die Mienen der Männer, die in braunen Uniformen hinter einem Tisch und vor einigen Reihen blaßroter und blauer Plastikstühle säßen, wären in Zukunft eisig.

Für die Länge eines Lidschlags durchfuhr mich die Vermutung, meine Mutter habe die Seite in ihrem behelfsmäßigen Personalausweis mit Bedacht gelockert.

Nachdem der Offizier die Befragung meiner Mutter und die Durchsuchung ihrer Taschen und Kleidungsstücke beendet hatte, wechselte er die Kabine und kam zu mir. Obwohl mir alle Warnungen meiner Verwandten wieder in den Ohren klangen, verspürte ich weder Angst, noch hatte ich Sorge, verhaftet zu werden und in Ostberlin bleiben zu müssen. Mir war, als erlebte ich, was mir geschah, nicht selbst.

»Guten Tag«, sagte der Offizier, während er die Tür, für die er eine Einsteckklinke besaß, sacht schloß: »Bitte leg den Inhalt deiner Taschen auf den Tisch.«

Während er sich meinem Anorak zuwandte, den ich über eine der Stuhllehnen gehängt hatte - seit langem hatte meine Mutter ihn nicht mehr reinigen dürfen -, begann ich, meine Hosentaschen zu leeren und reihte Kaugummis, alte Fahrscheine, verklebte Bonbons, deren Papier sich am Schlüsselbund abgewetzt hatte, verschiedene Schlüssel, einige Groschen, den Mitgliedsausweis meines Fußballvereins sowie meinen Spielerpaß, eine abgegoltene Sammelkarte - »is für’s Freibad« - und den Bauplan eines Modellflugzeugs, eines Doppeldeckers von Airfix, auf der Tischplatte aneinander. Inzwischen hatte der Offizier sowohl die Erzählungen meines Vaters als auch das Leinensäckchen mit den Splittern in der Anoraktasche gefunden.

»Was ist das?« fragte er.

»Das sind ...«, sagte ich, »das ist ...« und unterließ eine weitere Antwort, weil es zu mühsam gewesen wäre, dem Offizier zu erklären, welche Bewandtnis es mit den Splittern im Leinensäckchen hatte und warum ich die Blätter bei mir trug, seit mein Vater gestorben war.
»Eindringlich: Kein Wort wäre präziser, um den Erzählstil, den Michael Wildenhain in seinem neuen Buch "Russisch Brot" verwendet, zu beschreiben. Die ruhige Schilderung verliert sich dabei nicht in der drögen Darstellung bestimmter Szenerien, vielmehr erzeugt sie die Möglichkeit, die Stimmen von Menschen zu vernehmen, die in ihrem tiefsten Inneren schluchzen.«
Gerd Berghofer, Nürnberger Nachrichten, 20.8.2005

»Wildenhain porträtiert genau und detailgesättigt Orte, Milieus und Besonderheiten der geteilten Frontstadt: das Laubenpieper-Dasein in Schöneweide, vermodernde Kriegsbunker, die Gerüche Ostberlins, die sich zusammensetzen aus "verbrannter Braunkohle und den in Ostberlin benutzten Reinigungsmitteln", schließlich die entnervende Prozedur der Grenzkontrolle am S-Bahnhof Friedrichstraße.«
Stephan Reinhardt, Frankfurter Rundschau, 18.7.2005

»Es ist erstaunlich, mit welch detaillierten Beschreibungen Wildenhain die sechziger Jahre sowie die letzten Kriegstage wieder aufleben lässt.«
Armin Friedl, Stuttgarter Nachrichten, 20.4.2005

»... ein eindringliches, mit sensibler Hand gelegtes Erinnerungspuzzle.«
die tageszeitung, 18.4.2005

»Der Autor erzählt eindringlich, schafft eine Atmosphäre, die den Leser herausfordert. Er verkündet keine absoluten Wahrheiten, gibt aber viel Gelegenheit, den Leser in Beziehung zum Erzählten zu setzen. Dass ein Buch, obwohl scheinbar nur Familiengeschichte, Nachdenklichkeit über den Zustand des Landes anstrebt, ist nicht selten. Dass es gelingt, allerdings schon. Erinnerung allein ist keine Gewissheit.«
Regina General, Freitag, 18.3.2005

»... entfaltet Wildenhain seine dichte Beschreibung einer geteilten Epoche. Ganz ohne rührselige Nostalgie, ohne jene bunte Geschichtsversessenheit, die doch nur zum kurzen Retro-Trend taugt. Michael Wildenhain hat ein Erinnerungsbuch geschrieben, das die Vergangenheit bereist und nicht bloß Bilder von ihr betrachtet.«
Berliner Zeitung, 16.3.2005

»In schönem gleichmäßigem Erzählfluss schildert Wildenhain eine deutsche Tragödie ...
Wie schon in Wildenhains anderen Werken kommt auch in diesem Roman sowohl der Lyriker als auch der Dramaturg zum Zuge. Die Sprache ist eine gelungene Synthese aus Poesie und sanftem Realismus, die Handlung geschickt komponiert, das Ganze höchst unterhaltsam und spannend zu lesen.«
Inge Zenker-Baltes, Hannoversche Allgemeine Zeitung, 28.2.2005

»In intensiver Sprache und unter Verwendung vieler schöner, poetischer Bilder lässt der 1958 in Berlin geborene und dort auch lebende Autor Wildenhain die 60er und 70er Jahre in seiner Heimatstadt wieder lebendig werden und ebenso die Kriegs- und Nachkriegszeit.«
Angelika Sinn, Bremer Weser Kurier, 26.2.2005

»Aus diesen Beobachtungen seines Helden setzt Michael Wildenhain eine zutiefst berührende deutsch-deutsche Erzählung zusammen. Denn Joachims zaghafte Suche nach der Liebe seiner Mutter - dem Mann, den er für seinen wahren Vater hält - bringt verborgene Verletzungen zum Vorschein, die der Krieg einer ganzen Generation zugefügt hat.«
Brigitte Kultur, Februar 2005
Klett-Cotta Roman 2005, gebunden mit Schutzumschlag
272 Seiten,
ISBN: 978-3-608-93591-2
autor_portrait

Michael Wildenhain

Michael Wildenhain ist 1958 in Berlin geboren, wo er auch heute lebt. Nach einem Philosophie- und Informatikstudium engagierte er sich in der...

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