Schwarze Schwestern

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Sie hofften auf ein besseres Leben - und erlebten die Hölle!

Chika Unigwe erzählt das Schicksal von vier nigerianischen Frauen, die ins Paradies wollen und als Prostituierte in einem europäischen Rotlichtviertel landen. Und sich dort durch ein großes Unglück unverhofft näherkommen.

Sisi, Ama, Efe und Joyce sind jung und wissen nicht weiter. In der Hoffnung auf ein besseres Leben lassen sie sich nach Europa schleusen. Dort verkaufen sie Abend für Abend ihre Körper. Unter der harschen Aufsicht einer Zuhälterin teilen sie eine Wohnung, und jede versucht, angesichts der täglichen Demütigungen ihre Würde zu wahren. Als Sisi, die Verschlossenste unter ihnen, ermordet wird, beginnen die übrigen einander ihr Leben zu erzählen. Eine bewegende Geschichte über die Verheißungen Europas, verlorene Illusionen und den Trotz der Selbstachtung. Lebendig und direkt, durchdrungen von der vitalen Kraft afrikanischer Erzähltraditionen.

Inhaltsverzeichnis



Leseprobe
Für Jan und unsere vier Söhne, für die unglaubliche Geduld, mit der sie meine Launen ertrugen.
Für das ABC Triumvirat; Arac de Nyeko, Monica, Batanda Budesta, Jackee und Chikwava, und Brian, weil er da ist von A bis Z.
Armed with a vagina and the will to survive, she knew that destitution would never lay claim to her.
Brian Chikwava, »7th Street Alchemy«

12. Mai 2006
Die Welt war so, wie sie sein sollte. Nicht mehr, und weniger schon gar nicht. Sie genoss die Liebe eines Mannes, der gut war. Sie besaß ein Haus. Ihr eigenes Geld. Das war die jüngste Errungenschaft; es war noch druckfrisch und glänzte. Der Gedanke daran gab ihr Kraft, und sie fühlte sich so wunderbar, dass sie anfing zu summen.
Die Straßen, es waren dieselben, die sie schon so oft gegangen war, erschienen ihr plötzlich wie neu. Summend freute sie sich über die Vorstellung eines Neuanfangs. Antwerpen kam ihr vor wie eine andere Stadt, wie eine andere Zeitzone. Sie dachte darüber nach, wie sehr sich ihr Leben gerade veränderte. Luc. Geld. Ein Haus. Sie wurde ein anderer Mensch. Ihr kam es vor, als durchliefe sie eine Metamorphose - ein schönes Wort, an das sie sich noch aus dem Biologieunterricht erinnerte. Was sie aber nicht wusste - und erst ein paar Stunden später erfahren sollte -, war, dass diese Veränderung unumkehrbar sein würde.
Sisi ging den Keyserlei entlang und überlegte, was sie sich mit ihrem nagelneuen Reichtum noch alles kaufen könnte. Die Geschäfte glitzerten und lockten, und ihre Freude darüber erschien ihr wie eine Offenbarung, die sie förmlich erstrahlen ließ und mehr denn je davon überzeugte, dass sich die PROPHEZEIUNG bewahrheitete. Das hier also war die wahre Offenbarung. Nicht die Pseudo-Offenbarung, die sie in jener Mittwochnacht in der Vingerlingstraat gehabt hatte. Sie betrat ein Straßencafé und kaufte ein Sandwich, aus dem frischer Salat quoll. Dann bestellte sie sich noch eine kleine Flasche Fruchtnektar. So voller überströmender Lebenslust erschien es Sisi passend, ihre Begeisterung mit gesunden Lebensmitteln zu nähren. Sie setzte sich nach draußen. Die Einkaufstaschen stellte sie neben sich ab. Plastiktüten, deren Griffe leicht im Frühlingswind flatterten. Diese Tüten waren der konkrete Beweis für den Bruch mit ihrer trostlosen Vergangenheit. Was könnte sie noch kaufen? Ein Geschenk für Luc vielleicht. Einen Vorhang für sein türloses Zimmer. Der Architekt des Hauses hatte vermutlich eine Vorliebe für »hell und geräumig«, und weil sich Luc zu der Zeit, als er das Haus kaufte, gerade mal wieder von einer Depression erholte, war »hell und geräumig« gerade das, was er am nötigsten zu brauchen glaubte. Dass da eine Tür fehlte, störte ihn überhaupt nicht. »Hast du schon mal ein Schlafzimmer ohne Tür gesehen?«, fragte Sisi, als er ihr das Haus zeigte. »Ein Zimmer muss eine Tür haben. Oder wenigstens Vorhänge!« Luc hatte darauf nichts geantwortet. Wer schweigt, stimmt zu. Sie fragte sich, was wohl die anderen Frauen von Lucs türlosem Schlafzimmer halten würden. Sie stellte sich deren erstauntes Lachen vor.
Das reichte, um ein schlechtes Gewissen zu bekommen, was sie aber sofort abzuschütteln versuchte. Sie ließ die anderen nicht im Stich. Oder etwa doch? Hm ... sie wollte doch nur ihr Leben leben. Das war ihr gutes Recht. Außerdem hatte die PROPHEZEIUNG es vorausgesagt. Aber die Frauen gingen ihr nicht aus dem Sinn. Was taten sie wohl gerade? Wann würden sie bemerken, dass sie verschwunden war? Noch konnte sie nicht wissen, dass ihr Leben, ihr eigenes, das Leben der anderen entscheidend beeinflussen würde. Wegen ihr werden die Frauen ihre längst aufgegebenen Träume und Erwartungen wiederbeleben, an die sie schon eine Ewigkeit nicht mehr gedacht hatten. Sisis Leben wird im Leben ihrer Kolleginnen keimen und in ihnen das Verlangen nach einem neuen Leben erwecken.
In diesem Augenblick stürzten die Frauen, an die Sisi gerade dachte - Ama, Joyce und Efe -, in einem Haus in der Zwartezusterstraat, der Straße der schwarzen Schwestern, ins Badezimmer. An den gekachelten Wänden schlug sich der Dunst ihrer Erwartungen nieder. Eine besonders lukrative Nacht stand ihnen bevor: massenhaft Männer. Nicht zu anspruchsvolle. Vor allem aber: großzügige.
»Wer hat meinen Mascara? Wo ist mein verdammter Mascara?«, schrie Ama, während sie ein Kosmetiktäschchen auf dem Boden ausleerte. Joyce steckte gerade ein Deo, ein Badehandtuch, einen Morgenrock und ihren »Smiley« - so hatte Sisi den Gegenstand getauft - in eine Reisetasche. Der Smiley war das Gleitgel, unschuldig verpackt in einen durchsichtigen Plastikteddybären mit neckischer, orangefarbener Zipfelmütze und breitem Grinsen. Es hätte sich dabei genau so gut um ein Klebefläschchen für Kinder handeln können. Joyce betrachtete den Smiley plötzlich voller Entsetzen und verzog ihr Gesicht. »Wo ist Sisi?«, fragte sie.
»Ich habe sie noch nicht gesehen. Vielleicht ist sie schon weg«, antwortete Efe, während sie eine elektrische Zahnbürste in ihr volles Necessaire zwängte. In einem Fach dieses Necessaires steckte das Foto eines Jungen mit einer Baseballmütze. Auf der Rückseite standen die Initialen » L. I. «. Das Foto war zerknickt und vergilbt, aber als es noch neu war, konnte man deutlich sehen, dass der Junge ihr sehr ähnlich sah. Wie ein Sohn seiner Mutter. Sie hatte das Foto immer bei sich.
»Warum ist Sisi so früh gegangen?« fragte Joyce.
»Was weiß ich«, gab ihr Ama zur Antwort, während sie sich flüchtig an den Hals griff, als wollte sie sich vergewissern, dass ihr Goldkettchen noch da war. »Sisi hier, Sisi da! Sag mal, habt ihr was miteinander? Mein Gott, die wird spazieren gegangen sein.« Sie lachte und kniff die Augen leicht zu, um den Mascara auf den Wimpern zu verteilen.
Mindestens zweimal pro Woche zog Sisi allein los. Wenn eine von ihnen sie begleiten wollte, lehnte sie ab. Keine wusste, wohin Sisi ging, aber oft kam sie mit Taschen voller Pralinés und Schnickschnack zurück (japanische Fächer und Babysocken mit Spitzenrändern, Kühlschrankmagneten und T-Shirts mit Abbildungen von belgischen Bieren. »Geschenke«, murmelte Sisi mürrisch, als Joyce sie einmal fragte, was sie denn mit dem ganzen Zeug wolle.)
Joyce war im Badezimmer fertig. Zum Teufel noch mal, wo war Sisi? Sie hatte gehofft, Sisi könne ihr mit den Zöpfen helfen. Wenn ihr Haar nicht geglättet oder durch ordentliche kleine Zöpfe gebändigt war, war es ein einziger Urwald. Ama und Efe konnten längst nicht so gut flechten wie Sisi. Na ja, Pech gehabt. Dann musste sie sich einen Dutt drehen und hoffen, dass Madam die nachlässige Frisur nicht bemerken würde. Madam duldete keine Schlamperei bei ihren Mädchen. Und zu spät kommen auch nicht. Wenn Sisi noch nicht weg war, sondern sich einfach nur verspätet hatte, dann würde sie bei Madam antreten müssen.
Doch Sisi sollte nie mehr ins Haus in der Straße der schwarzen Schwestern zurückkehren.
Straße der Schwarzen Schwestern
Sisis Lachen war das lauteste und übertönte das der anderen Frauen. Sie schlug sich dabei mit einem feuchten Küchentuch auf die Schenkel und kniff die Augen zu. »Ach, hör doch auf, Efe! Hat deine Tante das wirklich geglaubt?«
»Ich schwör's! Ihr Mann hat zu ihr gesagt, dass sie nicht mit nach England kann, weil die Botschaft ihr Schulzeugnis sehen will. Ohne das würde sie kein Visum bekommen. Sie hat ihn so genervt, dass sie mit will, da ist ihm nichts anderes eingefallen. Vier Frauen hat der Mann, und die bildet sich ein, dass er sie vorzieht. Dabei ist sie nicht mal seine Hauptfrau. So blöd muss man sein!«
»Gar nicht so dumm von deinem Onkel. Manchmal ist es besser zu lügen. Spart viel Zeit und Ärger«, sagte Joyce und stellte das Glas, das sie gerade abgetrocknet hatte, in den Küchenschrank über der Anrichte.
»Männer sind Arschlöcher«, sagte Ama mit zitternder Stimme.
»Ach, komm schon, Ama!«, rief Sisi. »Darum geht's in dieser Geschichte doch gar nicht. Wir wissen auch so, dass Männer Schweine sind! Kannst du auch mal was von der lustigen Seite sehen? Du hast wirklich das Talent, einem den Tag zu versauen. Als ob es dir Spaß macht, dich über jede Kleinigkeit aufzuregen!« Sisi trocknete einen Teller ab, prüfte, ob er auch wirklich sauber war, und stellte ihn auf einen anderen Teller neben der Spüle.
Ama drehte sich zu Sisi um und fuhr sie an: »Jetzt stell die Teller doch in den Schrank. Wenn du sie da stehen lässt, werden sie wieder nass. Warum räumst du die Sachen nicht gleich weg?« Sie seufzte genervt und fing an, eine Pfanne sauber zu kratzen. »Mensch, Sisi, musstest du den Reis so anbrennen lassen? Die Scheißpfanne kriege ich im Leben nicht mehr sauber!«
»Ich weiß nicht, warum du so drauf bist, Ama, aber den Schuh ziehe ich mir nicht an. Kannst du nicht einfach Frieden geben? Tu mir den Gefallen.«
»Du kannst mich mal. Warum machst du nicht einfach einen langen Spaziergang? Wie sonst auch.«
Ihre Stimme ließ ahnen, dass ein Sturm im Anzug war. Efe versuchte, ihn abzuwehren. »He, Mädels, es ist so ein schöner Tag!« mahnte sie die beiden.
Für einen Novembertag war das Wetter tatsächlich wunderschön: Das Laub der Bäume war auberginefarben und gelb und weiß, die Herbstluft mild und der Himmel klar. Ein kleines Wunder in Anbetracht der Jahreszeit. »Ein Tag wie aus dem Bilderbuch! Verderbt ihn uns nicht ...«
»Ich verderbe niemandem was. Außerdem bin ich fertig.« Ama zog die Pfanne, die wie neu glänzte, aus der Spüle und ging ins Wohnzimmer. Sofort füllte sich das Wohnzimmer mit Musik. Ama zündete sich eine Zigarette an und tanzte.
Efe schwang ein Küchentuch über dem Kopf, stieß einen Seufzer aus und folgte ihr ins Wohnzimmer. »Hey, Ama, sieht so aus, als könntest du das Fest kaum abwarten! Oooh, shake that booty, girl! Shake am like your mama teach you !«
»Sag mal, hast du sie noch alle? Was hat meine Mutter damit zu tun, wie ich tanze?« Ihre Wut war übertrieben und gekünstelt. Aber Efe ließ sie in Ruhe. Sie hatte anderes im Kopf.
Efe gab ein Fest, eine Art Trauerfeier für ihre Großmutter: »Sie ist nicht meine richtige Oma«, erklärte sie den Frauen. »Wir nennen sie zwar alle so, aber sie war nur eine Frau aus der Nachbarschaft. Sonntags kochte sie immer moi moi für mich. Und als ich noch zur Grundschule ging, hat sie dafür gesorgt, dass meine kleinen Geschwister und ich mittags was zum Essen hatten. Die Frau war immer so nett zu uns. Keine Oma wäre lieber gewesen. Lebwohl, Granny . Ruhe in Frieden.«
»Wie ist sie denn gestorben?«, erkundigte sich Joyce.
Doch Efe wusste nicht, woran die Frau gestorben war. Sie hatte nur nebenbei von ihrem Tod erfahren, eine Bemerkung zwischen »Kaufst du mir ein Motorola-Handy« und »Papa Eugene will wissen, ob es schwierig ist, ein Auto zu schicken«. Ein kaum verständliches »Iya Ijebu ist vor zwei Wochen gestorben« hatte sich den Weg aus einer Telefonzelle in Lagos in die Glaskabine eines pakistanischen Internet- und Telefoncafés in Antwerpen gebahnt.
»Gestorben? Iya Ijebu? Osalobua ! Woran denn?« Efe sprach sehr laut, aber ihre Schwester konnte sie offenbar nicht verstehen
Und dann röchelte die Verbindung und gab den Geist auf.
Wie besessen traf Efe ihre Festvorbereitungen.
Obwohl sie keine Ahnung hatte, woran die Frau gestorben war, würde sie auf dem Fest lausige Kopien mit Fotos der Verstorbenen verteilen: eine Frau mit einem riesigen Kopftuch, feierlich und sichtlich dem Tode nahe vor einem gemalten Hintergrund aus unordentlich verteilten Palmen sitzend. Darunter würde stehen, dass sie nach einer Krankheit unerwartet im Alter von 75 Jahren gestorben sei - das Alter schätzte Efe nur, wen interessierte, wie alt sie wirklich war? Und dann noch: IHRE ENKELIN EFE DANKT GOTT FÜR DAS ERFÜLLTE LEBEN , DAS OMA BESCHIEDEN WAR . Sie wäre besser im Sommer gestorben, ein Sommerfest ist einfach schöner, andererseits war so ein Fest genau das, was einen düsteren Novembermonat aufheitern konnte. Sie musste eine Menge Entscheidungen treffen. Was sollte gekocht werden? Welche Musik sollte gespielt werden? Wen wollte sie einladen? Es würden mit Sicherheit viele Ghanesen kommen - die waren wirklich überall - und Nigerianer natürlich. Außerdem eine Handvoll Ostafrikaner - die komischen Kenianer zum Beispiel, die samosa's aßen, nie traditionelle Kleider trugen und sich darüber beklagten, dass die nigerianischen Gerichte immer so scharf seien: Und die wollten echte Afrikaner sein! Und dann die drei Frauen aus Uganda, Bekannte von ihr, die immer » brackening « und » renthening « sagten statt » blackening « und » lengthening «; und die Bekannte aus Zimbabwe, die so merkwürdig schlurfend tanzte. Gäste brachten immer selbst Gäste mit, wodurch die Gesamtzahl der Gäste nicht vorauszusagen war. Zum Glück war sie diesmal so schlau gewesen, ein riesiges, leerstehendes Lagerhaus in der Nähe des Hauptbahnhofs zu mieten statt den kleinen Gemeindesaal, den sie letztes Jahr für eine Geburtstagsparty organisiert hatte.
Als Sisi, Joyce und Ama eintrafen, war das Fest schon in vollem Gange. Musik schallte aus den Lautsprechern und eine Frau auf orangenen Stilettoabsätzen entledigte sich ihrer Schuhe, hielt sie sich über den Kopf und stieß einen Jubelschrei aus. Joyce sah blendend aus in ihrem schwarzen Minikleid, in dem ihre langen Beine ausgezeichnet zur Geltung kamen. Sie schob sich in den Saal hinein und tanzte in der nächsten Sekunde schon mit einem Mann in einem viel zu großen Hemd. Mehr als einmal würde sie an diesem Abend gefragt werden, ob sie ein Model sei. Sie lachte und antwortete: »Tja, das ist mein Plan B«.
Ama schielte zu zwei ghanaischen Gästen hinüber, die sich zum dritten Mal vom Reisgericht nahmen, und sagte zu Sisi, dass die Nigerianer bessere Köche seien als die Ghanaer und ihr gebratener Reis viel besser schmecke.
Die beiden Frauen waren sich einig, dass die Ghanaer Möchtegern-Nigerianer seien und Antwerpen trotz all seiner Fehler die beste Stadt der Welt, weil es hier mit Leffe, Westmalle und Stella Artois die besten Biere der Welt gebe.
Efe trat zu ihnen und beklagte sich über ihre Füße, die vom Tanzen schmerzten. Sie hätte besser doch nicht so hohe Absätze anziehen sollen.
Ama machte sich auf die Suche nach Bier und entschied sich für eine Flasche ihres Lieblingshellen, die sie in großen Zügen leerte. Sie tanzte allein, rempelte andere an und rief, dass das Leben schön sei. SCHÖN ! Ein Schwarzer mit kurzen, wilden Dreadlocks winkte ihr linkisch zu, doch Ama ignorierte ihn. » What's wrong with ya, sister «, fragte er affektiert mit amerikanischem Akzent. Er packte sie an der Hand, aber sie riss sich los und warf ihm einen wütenden Blick zu.
Ich bin nicht deine sister !«, zischte sie zurück, bevor sie sich brüsk abwandte und ihn stehen ließ.
Er zuckte die Achseln, murmelte » bloody Africans « und machte sich auf die Suche nach einer willigeren Tanzpartnerin. Er bahnte sich einen Weg zu Efe, die gerade an ihrem Apfelsaft nippte. Die war um einiges entgegenkommender. Sie stellte schnell das Glas ab und glitt mit ihm auf die sich rasch füllende Tanzfläche. » Wema, you're an awright sister! You Africans can really pardy !«
»Krass! Wo kommst du denn her?« fragte Efe und lachte.
» Seth Africa. The real deal . Kommst du auch aus Ghana?«
»Nigeria.«
» Wow , Nigerianerin? In Jo'burg wimmelt es nur so von makwerekweres . Furchtbar viel Afrikaner. Alle in kriminelle Machenschaften verwickelt, die Nigerianer. Und Drogen natürlich. Bei uns in Seth Africa sind die Nachrichten voll davon.«
Efe antwortete trocken, dass sie zu ihrem Drink zurück wolle. Immer das Gleiche mit den Südafrikanern, taten immer so, als kämen sie von einem anderen Kontinent! Vor allem die schwarzen Südafrikaner. Südafrika lag doch auch in Afrika, oder etwa nicht? Ihr Blick fiel auf Joyce. Sie tanzte mit einem Mann in einem kente -Hemd und schüttelte ihre schwarzen Extensions hin und her. Sie lächelte ihr zu und formte mit ihren Lippen ein deutlich erkennbares »Arschloch«, während sie in Richtung des Südafrikaners deutete. Sisi tanzte hinter Joyce her, in der einen Hand eine Flasche Bier, mit der anderen wedelte sie wild in der Luft herum; ihre zwei goldnen Fingerringe funkelten magisch im Saallicht.
Sisi blieb neben Joyce stehen und flüsterte, dass Amas Laune sich glücklicherweise etwas gebessert habe. »Diese Ama ... Manchmal kann sie so furchtbar anstrengend sein. Was erwartet sie denn von uns? Dass wir auf Zehenspitzen durch die Wohnung laufen?« Sisi und Joyce waren erst vor knapp zwei Monaten bei den Frauen eingezogen.
Joyce zuckte mit den Schultern. Sie wollte sich jetzt amüsieren und sich nicht über Ama Gedanken machen müssen. Von den Frauen im Haus hatte sie nur mit Sisi einen etwas vertrauteren Umgang. Ama war ein hoffnungsloser Fall, sie war von Natur aus so streitlustig, dass sie beim geringsten Anlass explodierte. Von Efe konnte sie sich kein genaues Bild machen, aber es war durchaus möglich, dass sie sich irgendwann einmal gut mit ihr verstehen würde. Jedenfalls war sie um einiges angenehmer als Ama, obwohl sie auch ihre Macken hatte. Gestern hatte Joyce sie »Mütterchen« genannt, als sie einen Streit zwischen Sisi und Ama schlichten wollte. Alle begriffen, dass das ein Scherz war, sogar Ama hatte darüber gelacht, nur Efe nicht. »Ich bin von keinem die Mutter«, hatte sie mit ausdrucksloser Stimme geantwortet. Trotzdem war sie viel netter als Ama.
»Ich geh aufs Klo«, sagte Sisi und machte sich auf die Suche. Ama sah, wie sie sich durch die Tanzenden drängelte, und ging auf sie zu. »Na, haust du wieder ab?«, erkundigte sie sich mit einem verschwörerischen Augenzwinkern. Sisi spitzte die Lippen und zischte: »Ich muss aufs Klo. Außerdem geht dich das gar nichts an.«
»Jesusmaria, du scheinst wirklich Probleme zu haben!«, fauchte Ama sie an, eine neue Flasche Bier in der Hand.
»Ja, und das Problem bist du.«
»Mannomann! Bist du immer noch böse wegen Segun?« Ama nahm einen großen Schluck. »Wenn an der Sache nichts dran ist, warum regst du dich dann so auf?«
»Halt die Klappe, Ama!« Sisi wurde laut. Seit dem Vorfall mit Segun, war Ama unerträglich. Augenzwinkern hier, blöde Bemerkungen da, und dauernd summte sie ein Lied über Segun und Sisi. »Du denkst immer, du weißt alles!«
»Ach? Was ist es denn, was ich nicht weiß?« Ama trat näher; ihre Schultern berührten sich beinahe. Sisi war zwar die Größere, aber käme es zu einer Prügelei, dann würde sie sogar selbst auf Ama setzen. Ama stritt sich so oft mit Leuten, dass sie mit der Zeit etwas Furchteinflößendes ausstrahlte - etwas, das dringend davon abriet, sich mit ihr anzulegen. Sisi trat einen Schritt zurück. Plötzlich stand Efe neben ihnen: »Na, Mädels? Amüsiert ihr euch?« Sisi ergriff die Gelegenheit und machte sich aus dem Staub.
Als sie von der Toilette zurückkam, war Joyce noch immer auf der Tanzfläche. Sie ging zu ihr rüber und tippte ihr auf die Schulter. »Wann gehen wir?«, fragte Joyce und ließ den Mann im kente -Hemd stehen. »Ich denke, so um sieben. Ich will mich für heute abend noch etwas zurechtmachen.«
»Ich hab so viel gegessen, dass ich nachher bei der Arbeit sicher einschlafen werde«, sagte Joyce und lachte. Durch die Lücke zwischen den Vorderzähnen war ein Stück ihrer Zunge zu sehen.
»Schlafen? Herzchen, ich denke lieber ans Geld. Zum Schlafen habe ich keine Zeit, und du auch nicht!« sagte Sisi mit gespielter Strenge. »Ich will eines Tages an jedem Finger einen Goldring haben!« Sie tanzte Richtung Tisch, um sich einen kross gebratenen Hähnchenschenkel zu holen, und hoffte, Ama dabei nicht über den Weg zu laufen. Ihr fielen wieder die PROPHEZEIUNG und deren endgültige Erfüllung ein. Sie biss in das saftige, braun gebratene Fleisch und dachte: Was habe ich für ein Glück, dass ich hier bin. Wer weiß, was ich jetzt täte, wenn ich noch in Lagos wäre.
Sie verwarf den traurigen Gedanken sofort. Sie dachte lieber nicht an Lagos. An das Haus in Ogba oder an Peter. Stattdessen konzentrierte sie sich auf ihre farbige und strahlende Zukunft.
Aber Erinnerungen sind hartnäckig.
Und davor ...
Kamen die Pilger.
Und ein jeder hatte Geschenke bei sich - Worte
Welten
Leben
Wahrheiten.
»Unigwe wandelt souverän auf dem schmalen Grat zwischen Literatur und Dokumentation. Sehr klar und bildstark beschreibt sie den Weg, der die vier "Mädchen" aus tristen, kleinbürgerlichen Familienapartments in Lagos in die Antwerpener Zvartsustersstraat, die Straße der Schwarzen Schwestern, geführt hat.«
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.2.2011 

»Fast dokumentarisch erzählt Chika Unigwe ihre Geschichte von zerbrochenen Träumen und fehlgeleiteten Sehnsüchten, die ihre Kraft aus einer klaren Sprache und einer geschickten Dramaturgie bezieht.«
Irene Binal, Neue Zürcher Zeitung, 8.1.2011
Tropen Roman, aus dem Flämischen von Ira Wilhelm (Orig.: Fata Morgana)
1. Aufl. 2010, 284 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-50109-4
autor_portrait

Chika Unigwe

Chika Unigwe, 1974 in Nigeria geboren, lebt heute im belgischen Turnhout. Sie ist promovierte Literaturwissenschaftlerin und hat für ihre bisherigen ...



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