So oder so

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In seinem zweiten Roman erzählt Jon McGregor mit der ihm eigenen Einfühlsamkeit die Geschichte eines Mannes, der als Erwachsener erfährt, nicht Kind seiner Eltern zu sein. Der von Erinnerungsstücken besessene Archivar macht sich auf die Suche nach seiner Vergangenheit und verliert dabei fast seine Gegenwart.

»Alle Archive der Welt wären nicht genug, solange er nicht wüsste, nach wem oder was und wo er suchen sollte.« David ist Museums-Kurator. Seit seiner Kindheit sammelt er Gegenstände, um die Vergangenheit festzuhalten. Doch von einem Tag auf den anderen bricht sein geregeltes Leben zusammen. Er muss erfahren, dass er nicht der Sohn seiner Eltern ist. An seiner verzweifelten, jahrelangen Suche nach der wirklichen Mutter zerbricht fast die Ehe mit Eleanor, seiner von Depressionen gebeutelten Frau. Nichts lässt sich unbeschadet über die Zeit retten.

Mit einem unverwechselbaren Sound erzählt der Roman Davids Lebensgeschichte vom Kriegsende bis in die Gegenwart. Ein bewegender Roman über die Liebe und die unendlichen Möglichkeiten, jeden Tag - so oder so - neu zu beginnen.

Auch dieser zweite Roman von Jon McGregor ist für den Booker Prize nominiert.

»Ein sensibler Blick auf all das, was wir über uns und unsere Familie nicht wissen können ... ein tief bewegendes Buch«
BBC

Leseprobe

Sie kamen früh am Morgen, liefen mit den anderen über Bahnschwellen und Feldwege und Landstraßen und Äcker, langgestreckte, flache Anhöhen hinab zum träge dahinfließenden Fluß, hinunter zu den offenen Toren der Stadtmauern. Als die Nacht in ihrem Rücken der Dämmerung wich, ließen die schwerfälligen Bewegungen der Körper erkennen, daß sie schon seit vielen Stunden oder gar Tagen unterwegs waren, über ihnen hing der Atem als Dampf in der kalten Morgenluft. Sie kamen fast lautlos, das Wischen taunassen Grases an den Knöcheln, das Schmatzen und Platschen des schlammigen Bodens unter den Füßen, das Husten und Murmeln erster Gespräche, als ein paar Sätze ihren Weg durch die Reihen machten. Da wären wir. Sind fast da. Nur noch den Hügel hinunter, und dann setzen wir uns hin. Zigaretten wurden angezündet, hunderte von Zigaretten, schmale, ledrige Finger rollten gekonnt eine Prise Tabak in ein Papierblättchen, ohne dabei aus dem Tritt zu geraten. Zigaretten wurden geschnorrt, angeboten, geteilt, an nervöse junge Hände weitergereicht, die begierig auf den ersten beißenden Geschmack des Erwachsenseins warteten; die Jungen schützten die Zigarette mit ihren Händen vor dem Wind, wie sie es bei ihren Vätern und Onkeln und älteren Brüdern abgeguckt hatten, husteten, als der Rauch in ihren unverbrauchten Lungen brannte, sich nach oben kräuselte und mit den kalten Atemwolken vermischte, während sie zwischen blühenden Weißdornhecken und Böschungen voller Himmelschlüssel hindurchgingen, hinunter, in Richtung der Stadtmauer. Alle trugen sie Anzüge oder etwas, das dem ähnelte: wollene Westen und ordentlich geknotete Halstücher, dicke Tweedjacken mit abgeschabten Ellbogen und Manschetten, Englischlederhosen mit ausgefransten Säumen, die in die Stiefel gesteckt waren. Die Jüngeren hatten Kleiderbündel dabei, in braunes Packpapier verpackt und mit Bindfaden zusammengeschnürt, über die Schulter geworfen oder mit feuchten Händen an die Brust gedrückt; allmählich beschleunigten sie ihr Tempo, wurden den Berg hinab gezogen vom Anblick der Stadt, von der Begierde, als erste da zu sein, von der Ungeduld der von hinten nachdrängenden Männer und Jungen, noch benommen vom Schlaf, mit vom langen Marsch schmerzenden Gliedern, doch alles war vergessen, als sie sich dem Ziel ihrer Reise näherten.
Von der Kuppe des Hügels, wo andere erst jetzt den letzten langen Abstieg begannen, sah die Stadt still und reglos aus; sie war vom blassen Nebel eines Maimorgens verhüllt und verströmte dasselbe Versprechen wie jede aus der Ferne betrachtete Stadt, dieselbe magnetische Anziehungskraft aus Hoffnungen und Möglichkeiten. Als die ersten Männer und Jungen in die Stadt kamen und ihre dröhnenden Stiefel über das Kopfsteinpflaster stampften, wurden die Fenster gerade aufgemacht und die Vorhänge zurückgezogen, und langsam erwachte die Stadt. Verschlafene Kinder spähten aus kleinen Fenstern in den Obergeschossen, das gedämpfte Gemurmel und Gepolter verkündete den Beginn des Tages, den sie so sehnlich erwartet hatten; sie riefen zu den Kindern in den Häusern auf der anderen Straßenseite hinüber und schnitten ihnen Fratzen. Gastwirte öffneten die Türen und Rolläden ihrer Kneipen, fegten den Boden und standen mit dem Besen in der Hand in der Tür und sahen den ersten Gästen entgegen. Budenbesitzer bereiteten die Eröffnung ihrer Stände rund um den Marktplatz vor und behielten den Trupp Polizisten im Auge, der vor dem neuen Rathaus stand. Und von allen Ecken des langgestreckten Platzes, von der Straße, die von der Brücke im Osten hereinführte, vom Torbogen am Pförtnerhaus im Westen, von der Straße, die sich im Süden am Fluß entlang schlängelte, tauchte die Armee der Arbeiter auf, wurden die Ankömmlinge vor Aufregung immer schneller, riefen Freunden, die sie in den letzten sechs Monaten nicht gesehen hatten, einen Gruß zu, sahen sich nach anderen um, erkundigten sich nach dem Befinden der Kinder und Frauen. Und das Gedränge der Menschen auf dem Platz wurde stärker und lauter, und die Väter legten ihren jüngsten Söhnen die Hand auf die Schulter und hielten sie dicht bei sich, wollten sie nicht zu schnell gehen lassen, lauschten den über sie hinweg gerufenen Gesprächsfetzen, hielten Ausschau nach den Bauern und Vorarbeitern und warteten, daß die Geschäfte des Tages begannen.
Mary Friel stand bei ihrem Vater und ihren Brüdern und sah sich um, der jüngste hielt ihre Hand umklammert. Alles klar bei dir, Tommy? flüsterte sie zu ihm hinunter. Nickend blickte er mit einem verärgerten Ausdruck auf seinem Kindergesicht zu ihr hoch und zog die Hand weg.
Schon wenig später, wie auf ein unsichtbares Signal hin, begannen überall auf dem Platz die Verhandlungen. Suchst du Arbeit, Kleiner? fragten die elegant gekleideten Herren und warfen einen Blick auf die Jungen. Wieviel soll’s denn sein? Und die älteren Jungen, die ihren Preis kannten, oder sagen konnten, daß sie Erfahrung hatten, stark waren, mehr schafften, versuchten ihr Glück mit acht, neun, zehn Pfund, während die Jüngeren, die es nicht besser wußten oder nicht mehr verlangen konnten, sechs oder sieben sagten, wie es ihnen aufgetragen worden war. Die Verhandlungen wurden mit einem knappen Kopfnicken und der Übergabe des braunen Papierpakets abgeschlossen, der Anweisung, wo man sich nachmittags treffen würde, manchmal mit einem oder zwei Shilling als Geschenk, damit der Junge etwas für den Tag hatte, manchmal nicht; manchmal wurde der Vater auf ein Bier eingeladen, um das Unangenehme der Szene zu übertünchen, manchmal nicht.
Es war das erste Mal, daß Mary mit in der Stadt beim Gesindemarkt war. Bisher hatte sie immer ihrem Vater hinterhergesehen, wenn er mit ihren Brüdern loszog; hatte in der niedrigen Tür gestanden und zum Abschied gewinkt, neben sich ihre Schwester Cathy, Tommy, der sich an den Händen der beiden festhielt, und ihre Mutter, die sich, lange bevor sie verschwunden waren, abwandte und sagte wir haben keine Zeit, hier den ganzen Tag herumzustehen. Aus den Erzählungen ihres Vaters, wenn er abends allein zurückkam, hatte sie eine gewisse Vorstellung davon gehabt; sie und Cathy lagen im Bett und lauschten, während er leise bei den letzten Torfsoden des verlöschenden Feuers mit ihrer Mutter sprach. Aber auf so viele Menschen war sie nicht gefaßt gewesen, und so viel Lärm, und die Art, wie ihr Vater starr geradeaus blickte, wenn ein Herr auf ihn zukam und fragte sucht dein Junge eine Stelle?
Sobald der Preis ausgehandelt war, verließen sie den Platz, ermahnten Tommy, sich gut zu benehmen, hart zu arbeiten und dem Mann zu gehorchen und sie am nächsten Markttag in sechs Monaten wieder dort zu treffen. Sie durchquerten die Stadt auf dem Weg zum Fluß, Mary, ihr Vater, ihre beiden älteren Brüder, die jetzt zu alt waren, um sich als Jungknechte zu verdingen, hinaus zum Hafen, wo sie das Schiff nach England besteigen wollten. Mary hörte zu, wie ihre Brüder sich mit ihrem Vater unterhielten, als sie dasaßen und aufs Boot warteten, Anekdoten aus ihrer Zeit als junge Knechte erzählten, vom Dreschen und Unkrautrupfen und Steinesammeln, vom frühen Aufstehen und den endlosen Träumen von Essen. Sie saß ein wenig abseits, sah hoch zu den Hügeln am anderen Flußufer und spürte immer noch den Abdruck der Hand ihres kleinen Bruders. Andere Männer gesellten sich zu ihnen, kamen vom Marktplatz herüber, zündeten sich Zigaretten an, hockten sich auf Getreidesäcke und Wollkisten und redeten darüber, wo es dieses Jahr angeblich Arbeit geben solle. Sie folgten der Ernte von Lancashire hoch nach Berwick und weiter bis nach Fife. Neue Kanäle rund um Birmingham. Munition in Glasgow, Manchester, Coventry, Leeds. Sprachen über die beste Art dorthin zu kommen, die billigsten Unterkünfte, welche Namen man erwähnen sollte, damit man am Ende der Reise auch tatsächlich Arbeit ergatterte. Ein paar Männer warfen neugierige Blicke hinüber zu Mary, fragten sich, was sie wohl dort machte. Zu wem sie gehören mochte, bis die Blicke von ihrem Vater mit einem Stirnrunzeln beendet wurden.
Dieses Jahr stachen sie zeitig in See. Das Wetter war früher als sonst umgeschlagen, und die Äcker umgegraben und eingesät und der Torf gestochen, bevor der Markttag kam. Für Mary war eine Stelle in London gefunden worden, weswegen ihr Vater angekündigt hatte, daß sie die Reise alle zusammen unternehmen würden. Ist zu weit, als daß ein junges Mädchen ganz allein dorthin fahren könnte, oder? hatte er gesagt, und ihre Mutter konnte nur zustimmen und ihnen Kuchenstücke für die Reise abschneiden und das Packpapier unter dem Bett hervorholen.
Auf dem Schiff fanden die vier einen Platz in einer ruhigen Ecke und machten es sich dort bequem, die Brüder an beiden Seiten, Mary legte ihrem Vater den Kopf auf die Schulter, und sein schwerer Mantel deckte sie zu. Er roch nach feuchter Erde und Torffeuer und der kalten, klaren Luft des zweitägigen Fußmarsches. Er roch nach ihm, und sie konzentrierte sich auf den Geruch und fiel in einen unruhigen Schlaf, der vom Schlingern des Bootes, den Rufen der anderen Männer, vom harten Holzdeck unterbrochen wurde.
Als sie morgens in Liverpool ankamen, setzten sie Mary in den Zug nach London. Sie blieben noch kurz auf dem Bahnsteig stehen, bis sie sich versichert hatten, daß Mary einen Sitzplatz gefunden hatte, sahen zu, wie sie ihr Bündel ins Gepäcknetz legte und ihren Rock glattstrich, bevor sie sich ans Fenster setzte. Ihr Bruder William riß noch einmal die Tür auf und sprang aufs Trittbrett, lehnte sich herein und wünschte ihr eine gute Reise, trug ihr schöne Grüße an Cousine Jenny und den Rest der Verwandtschaft auf, sagte ihr, sie solle London unsicher machen, und lachte, während er ihr mit der Hand über den Kopf strich und die Haare aus der sorgsam festgesteckten Frisur zog. Sie versuchte, ihm einen Klaps zu geben, aber er zog den Kopf weg, sprang vom Trittbrett und knallte die Türe zu, während sie Wiedersehen rief und der Bahnhofsvorsteher das Fähnchen hochhielt und in die Trillerpfeife blies. Ihr Vater und ihr anderer Bruder hatten sich bereits abgewandt.
Auf der Fahrt sprach sie mit niemandem, wie ihr aufgetragen worden war, und wartete im Bahnhof Euston unter der Uhr auf ihre Cousine, die erst eine halbe Stunde nach Ankunft des Zuges angerannt kam. Tut mir leid, daß ich so spät komme, keuchte sie mit geröteten Wangen. Letzte Nacht ist der Busbahnhof ausgebombt worden, und ich mußte den ganzen Weg zu Fuß gehen. Hast du eine gute Überfahrt gehabt?
Das Haus war in Hampstead, so nah am Heath, daß man aus den Obergeschossen die Baumwipfel sehen konnte; zur großen Eingangstür gelangte man über eine steinerne Freitreppe, die sie nie benutzen durfte. Ihr Zimmer war ganz oben im Haus, irgendwo hinten unters Dachgebälk gezwängt, und hatte eine Aussicht auf den Waschhof und Hintergassen und Dachrinnen. In diese Kammer paßte nur ein Bett, und ein Kamin, der nie angezündet wurde, und ein Kasten unterm Bett, in dem sie ihre Kleider und ihr Gehalt in einer Plätzchendose aufbewahrte, damit sie es nächsten Sommer zurück nach Hause bringen konnte. Die Größe des Zimmers war allerdings unwichtig, da sie dort sowieso nur schlief. Wenn man wach war, dann arbeitete man, sagte sie, als sie viel später von der Zeit dort erzählte. Kamine ausfegen, Töpfe und Pfannen und Stiefel und Stiegen schrubben, Kleider waschen und trocknen und bügeln, in den Zimmern der Familie Feuer machen. An ihrem ersten freien Tag blieb sie auf ihrem Zimmer, zählte die blauen Flecken an Knien und Schienbeinen und die rot entzündeten Blasen an den Fingern, schlief, sah aus dem kleinen Fenster und fragte sich, wo sie wohl hinginge, wenn sie sich traute, das Haus zu verlassen.
Sie wohnte auf dem Dachboden und arbeitete im Keller, und zu ihren Pflichten gehörte es, unbemerkt vom einen zum anderen zu gelangen. Man soll dich weder sehen noch hören, hatte Cousine Jenny ihr erklärt, als sie am ersten Abend an der breiten Steinspüle standen und Kartoffeln und Möhren bürsteten. Und du willst auch nichts sehen oder hören. Mary nickte und schob ihr blütenweißes Häubchen nach hinten, das ihr in die Augen rutschte. Sie lernte, ihre Wege durch die kostbar getäfelten Räume und Flure des Haupthauses richtig abzupassen, ging nach unten, bevor die Familie aufgestanden war, wartete bis zu den Essenszeiten, um wieder nach oben zu huschen, oder auf den Abend, wenn diese zusammen im Salon saß. Sie lernte, den Kopf ein wenig zu neigen, wenn sie doch einmal jemanden traf, und Sir oder Ma’am zu sagen, bevor sie sich schnell entfernte.
Es ging darum, sich unsichtbar zu machen, sagte sie viele Jahre später, damit jedermann so tun konnte, als wäre man gar nicht da. Man erledigte die Arbeit, die man zu erledigen hatte, und schlüpfte dann aus dem Zimmer. Den Blick gesenkt, Ohren zu, Mund geschlossen. So war es am besten, sagte sie. Wenn man also morgens ins Zimmer kam, um das Feuer anzuzünden, und der Hausherr war gerade beim Anziehen, dann machte das nichts, weil man ja unsichtbar war und er noch nicht einmal bemerkte, daß man da war. Und wenn er einen nach dem Namen fragte, dann antwortete man, und wenn er sagte, man solle näher kommen, dann tat man es, aber man konnte so tun, als wäre es gar nicht passiert, weil man einander eigentlich gar nicht sah und hörte. Es spielte gar keine Rolle. Aber ich war ein hübsches Kind, sagte sie. Es war nicht immer leicht, sich unsichtbar zu machen. Ich fiel den Leuten auf, verstehst du?
Das sagte sie ganz leise, irgendwann, später, aber sie sagte es.
An ihren freien Tagen zog Jenny mit ihr los und zeigte ihr London, spazierte bei gutem Wetter mit ihr durch die Parks, verkroch sich im Kino, wenn das Wetter schlecht war, lief den ganzen Weg bis ins West End, um in zusammengeklebte Schaufensterscheiben zu spähen und Ausschau nach Jungen zu halten. Sie redeten darüber, was sie vorhatten, wenn sie zurück nach Hause gingen, und sie redeten übers Heiraten und über Kinder und dachten sich extravagante Bauernhäuser aus, die zu der Größe der Familie passen würden, die sie vor ihrem geistigen Auge erschufen. Manchmal beendeten sie einen solchen Tag in einem Pub in Kilburn oder Camden oder King’s Cross, und sie bevölkerten die Kneipe mit so vielen Cousinen und jungen Tanten, daß Mary die Augen schließen und sich vorstellen konnte, sie wären alle in der Gaststube bei Joe und das Haus ihrer Eltern nur wenige mondbeschienene Schritte entfernt. Sie traf Leute, die sie seit ihrer Kindheit nicht mehr gesehen hatte, und andere, denen sie in den letzten paar Jahren nur an Weihnachten über den Weg gelaufen war, und alle wollten das Neueste aus Fanad von ihr hören. Sie erzählte ihnen von Cathys Hochzeit und von dem neuen Priester und daß ihr Bruder Tommy dieses Jahr auch weggegangen sei und sich verdingt habe.
Und wie geht es dem anderen Bruder von dir, dem jungen William? fragte eine Freundin von Jenny, ein Mädchen, an das Mary sich aus der Kirche erinnern konnte.
Ach, dem geht’s gut, sagte sie, und das Mädchen erwiderte das glaube ich gern, dem geht’s nicht nur gut, der ist auch gut, und die ganze Gesellschaft brach in laut prustendes Gelächter aus, und Mary wußte nicht ganz genau, was sie meinte, lachte aber trotzdem mit.
An weniger kalten Tagen hatte ein anderes Mädchen am Vorabend schon das Feuerholz bereitgelegt, hatte die Asche weggekehrt und das Anmachholz aufgeschichtet, und es dauerte kaum eine Sekunde, mit der Streichholzschachtel ins Zimmer zu schlüpfen und das Feuer anzuzünden. Aber an kälteren Tagen, wenn man die Kohlen noch bis in die Nacht hinein glühen ließ, war es eine deutlich langwierigere Aufgabe. Der Rost mußte ausgefegt werden, die Asche in einen Blecheimer gekippt, der Kamin schließlich mit einem feuchten Tuch abgewischt werden. Papier mußte zusammengeknüllt, darüber Zweige und Kienspäne und Holzstückchen geschichtet werden, und die ersten Flämmchen mußten einen Augenblick beobachtet werden, um sicherzugehen, daß sie auch angegangen waren, und man wartete, bis man die größeren Holzscheite und Kohlestücke auflegen und die Tür dann leise hinter sich schließen konnte. Es gab zu viel zu tun, als daß man es lautlos oder unsichtbar hätte erledigen können; der Besen schlug seitlich gegen den Rost oder den Eimer, das Zeitungspapier raschelte beim Zerknüllen, das Zündholzköpfchen knisterte, wenn es entflammte. Sie bemühte sich sehr, aber es schien unmöglich, den hinter ihr im Bett Schlafenden nicht zu wecken, nicht für ein klein wenig Unruhe zu sorgen, was dazu führte, daß sie eine Stimme hinter sich ihren Namen sagen hörte. Eine Männerstimme, die nach ihr verlangte.
Sie mußte der Reihe nach in jedem Zimmer einmal das Feuer anmachen, aber meistens hatte sie den Auftrag, ins Schlafzimmer des Vaters zu gehen, und dort fiel es ihr am schwersten, keine Geräusche zu machen. Nach einer Weile ging sie zur Haushälterin und sagte, wenn es irgendwie möglich sei, dann würde sie bitte nicht mehr in die Schlafzimmer gehen wollen, um Feuer zu machen, bitte.
Sie hielt es die ganzen neun Monate über geheim. Sie trug weite Kleider. Sie aß so wenig wie möglich. Sie ging nicht mehr mit Jenny und den anderen aus, verbrachte Abende und freie Tage in ihrem Kämmerchen mit dem Kasten unterm Bett und dem kleinen Fenster und sagte, sie sei zu müde oder fühle sich nicht gut. Zu spät hatte sie gelernt, wie man sich unsichtbar machte.
Das schien später das Merkwürdigste von allem, daß niemand etwas bemerkt hatte, daß niemand Fragen gestellt hatte, daß sie es so gut verstecken konnte und dabei einfach weiterarbeitete, weiter putzte und fegte und Putzlappen auswrang und plättete. Ich muß damals wohl einfach viel mehr Kräfte gehabt haben, sagte sie eines Tages, als sie endlich darüber sprechen konnte. Ein Mädchen in dem Alter, wahrscheinlich sind sie für so was gebaut, oder? Jung und geschmeidig und so. Wenn’s sein muß, dann schafft man es wahrscheinlich auch, sagte sie.
Als sie es nicht mehr aushalten konnte, fuhr sie mit dem Bus zum Krankenhaus, wickelte ihren aufgesparten Lohn in ihr Kleiderbündel, ließ einen Zettel, der nichts aussagte, auf dem Bett und einen unabgedienten Monatslohn zurück. Als sie endlich in den Kreißsaal kam, war ihre Fruchtblase bereits geplatzt. Als sie fragten, sagte sie, sie heiße Bridget Kirwan und stamme aus einem Dorf bei Galway. Die Geburt dauerte nur wenige Stunden. Es war die einfachste von den fünfen, sagte sie viele Jahre später. Ich muß damals zäher gewesen sein, als ich mich gefühlt habe, aber weh getan hat es trotzdem, und wie. Als das Baby zur Welt kam, ein untergewichtiger Junge, wurde es ihr ohne lange Diskussion weggenommen. Man sagte ihr, daß es so am besten sei, man sagte ihr, daß alles andere grausam sei, und sie war zu geschwächt von Schmerzen und Hunger und Schock, um zu widersprechen.
Sie haben mir kaum Zeit gelassen, mich zu verabschieden, verstehst du? sagte sie jemandem, später.
Als sie nach zwei Wochen von einer Rekonvaleszenzstation aus nach Hause fuhr, wußte sie, daß sie nie wieder zum Arbeiten weggehen würde. Natürlich sagte sie nicht, warum sie vor der Zeit übers Meer zurückgekehrt war, und sie tat ihr Bestes, um den Ausfall an Geld, das sie im Bündel mitgebracht hatte, wieder gutzumachen, lief jeden Tag drei Meilen zu Fuß und molk und fütterte und hütete die Kühe auf dem Bauernhof des Grundbesitzers. Und als die Männer gegen Ende des Jahres heimkamen, älter und kräftiger und besser genährt, laut und guter Dinge und mit viel Geld in der Tasche, da beobachtete sie diese genau, wartete, wählte, und noch vor dem Gesindemarkt des nächsten Jahres war sie mit Michael Carr verheiratet, winkte ihm hinterher, so, wie sie es von ihrer Mutter kannte, wandte sich ab, als er noch nicht hinterm Horizont verschwunden war, um sich in ihrem eigenen Haus einzurichten. Sie wusch und putzte und polierte ihre eigenen Töpfe, eigenen Teller, ihre eigenen Kleider und Stiefel und fegte die niedrige Türstufe. Sie zündete ein Feuer auf ihrem eigenen Rost an. Sie öffnete ihren Freundinnen die Tür und wartete auf die Heimkehr ihres Mannes.
Als er zurückkam, brachte er kein Geld mit, und sie roch an seiner Fahne, daß sie falsch gewählt hatte.
Jetzt kann ich das sagen, gestand sie viele Jahre später, als sie allein lebte und auf den Besuch ihrer Enkelkinder wartete; acht Monate pro Jahr war es eine hervorragende Ehe. Und das ist mehr als bei vielen anderen, meinst du nicht auch? Sie lachte, als sie das sagte, und warf einen Blick hoch zu seinem Photo auf dem Kaminsims.
Ihre vier Kinder hatten alle Ende September Geburtstag. Und sie fragte sich jedes Mal, wenn sie ein neugeborenes Kind in den Armen hielt, wo das verlorene wohl geblieben sein mochte. Sie fragte es sich bei jeder Nichte und jedem Neffen und jedem Enkel, der ihr in den Arm gelegt wurde, sagte was für ein schönes Kind zur Mutter, während sie in die wolkigen Augen des Säuglings blickte. Sie fragte es sich, wenn sie die Windeln ihrer Kinder wechselte und wusch, wenn sie ihre Kinder stillte, wenn sie ihnen die Kleidung stopfte und Schlaflieder sang und sie in die Schule schickte. Sie fragte es sich, als sie ihre Kinder zu jungen Leuten heranwachsen sah, die weit weggingen, um Arbeit zu finden, Geld mitbrachten, wenn sie geduckt zur Haustür hereinkamen, andere junge Männer und Frauen mitbrachten, mit denen sie scheu am Eßtisch Händchen hielten. Sie sah, wie sie heirateten und wie sie ihren eigenen Haushalt gründeten, selbst Kinder hatten, wegzogen und zurückzogen und wieder wegzogen, und nie hörte sie auf, sich zu fragen, zu warten, zu hoffen, daß ein junger Mann aus England sich bei ihr melden würde, ein lang verlorenes Kind mit ernstem Blick, das sie von der anderen Seite des Meeres rufen und ihr etwas, irgend etwas davon verraten würde, wo es all die Zeit gewesen war. [...]
»Auch dieser Roman sammelt etwas. McGregor reiht über 60 Alltags-Episoden ohne chronologische Ordnung aneinander. Aber aus dem scheinbar Nebensächlichen entwickeln sich die kleine und großen Erschütterungen. «
Der Tagesspiegel, 10.10.2007
Klett-Cotta Roman Aus dem Englischen von Anke Burger (Orig.: So many ways to begin)
1. Aufl. 2007, 397 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-93767-1
autor_portrait

Jon McGregor

Jon McGregor wurde 1976 in Bermuda (UK) geboren. Er debütierte 2001 mit dem von der Kritik und dem Publikum gefeierten Roman »If Nobody Speaks of ...



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