Solange der Haifisch schläft

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Ein glutvoller Familienroman wie ein Tango pendelnd zwischen Heiterkeit und Melancholie

Was für eine Familie! Jeder der Mendozas sucht etwas: Mama die Schönheit, Papa Südamerika, der Bruder die Perfektion, die Tante einen Verlobten und die Tochter die Erlösung in den brutalen Armen eines verheirateten Mannes.

Die Sarden seien etwas weltfremd und unangepasst, sagt Milena Agus. Genau wie die Familie Mendoza: Die überängstliche Mutter malt riesige Himmelsansichten, der Vater ist verfolgt von der fixen Idee, helfen zu müssen, und verdingt sich als Entwicklungshelfer in Südamerika. Die lebenslustige Tante verschleißt auf der Suche nach der großen Liebe unzählige Liebhaber. Und die Tochter flüchtet aus dieser Familie in die Arme eines verheirateten Sadisten. Dennoch kämpfen sie alle tapfer gegen die Widrigkeiten des Lebens an: »Ich schreibe Geschichten, denn wenn die Welt hier mir nicht gefällt, versetze ich mich in meine, und es geht mir prächtig.«

Mit ihrem Debüt hat Milena Agus den Bewohnern Sardiniens ein ironisches Denkmal gesetzt in einem Roman voll südlicher Vitalität und doch frei von Pathos. Sie nimmt den Leser mit bewundernswerter Leichtigkeit mit auf eine Reise, die so weit ist und so tief wie das Meer um Sardinien.

»Und ich begriff, dass dies der richtige Moment war, um zu fliehen. Ich merkte, dass dies die richtige Idee war, und dass der Haifisch jetzt schlief. Und in diesem Moment sah ich eine Lücke zwischen seinen Zähnen, schlüpfte hindurch, glitt auf den Sand und ließ mich von der sanften Strömung des Meeres mitziehen.«

Leseprobe
1. Die Familie Sevilla Mendoza
In Wirklichkeit sind wir gar nicht die Familie Sevilla Mendoza. Wir sind Sarden seit der Jungsteinzeit, da bin ich sicher.
Mein Vater nennt uns so, weil das dort drüben in Lateinamerika die beiden gebräuchlichsten Nachnamen sind. Er ist weit herumgekommen, und Amerika ist sein Traum, aber nicht der reiche, begünstigte Norden, sondern das arme, unglückliche Südamerika. Als junger Mann hat er gesagt, er würde wieder dorthin fahren, entweder allein oder mit seiner Ehefrau, die dann seine Ideale teilen und mit ihm das Abenteuer wagen könnte, die Welt zu retten.
Mama hat er nie gebeten, ihn zu begleiten. Er ist schon überall gewesen, wo Hilfe gebraucht wurde. Aber nie mit ihr, sie hat zu viel Angst vor Gefahren und fühlt sich immer schwach.
Bei uns zu Hause sucht jeder etwas: Mama die Schönheit, Papa Südamerika, mein Bruder die Perfektion und die Tante einen Verlobten. Ich schreibe Geschichten. Wenn die Welt hier mir nicht gefällt, versetze ich mich in meine eigene, und es geht mir prächtig.
In der Welt hier gibt es viele Dinge, die mir nicht gefallen. Ja, ich würde sogar sagen, ich finde sie häßlich, und meine ist mir entschieden lieber.
In meiner Welt hier gibt es auch einen Mann, der schon eine Ehefrau hat.
uf keinen Fall darf ich vergessen, was er gesagt hat.
»Schwöre, daß du keine Liebesbeziehung zu mir willst.«
Und ich: »Ich schwöre.«
»Unsere Beziehung wird fleischlich sein, nicht pflanzlich.« »Eine fleischliche Beziehung.«
»Wie zwei Hunde, die mit dem Schwanz wedeln, wenn sie sich begegnen und sich gegenseitig das Hinterteil beschnüffeln.«
»Findest du mich schön?« frage ich.
»Die Schönste hier.«
»Aber hier bin doch nur ich.«
»Na und?«
»Bitte sag mir, ob du mich schön findest.«
»Du hast den tollsten Arsch der Welt.«
Aber meine Vorstellung von der Liebe kann nicht nur aus dem Arsch bestehen.
»Mein Gesicht, gefällt dir mein Gesicht?«
»Was kümmert mich das Gesicht bei so einem Arsch. Im übrigen: wenn es etwas gibt, was mir auf den Sack geht, dann ist das, Komplimente auf Bestellung zu machen.«
Also höre ich auf, denn ich will es nicht so machen wie Mama.
Großmutter erzählt, daß Mama schon immer ein bißchen nervtötend war. Als kleines Mädchen verabschiedete sie sich vor dem Zubettgehen mit einem Kuß und einem Gutenachtgruß von den Eltern. Die waren manchmal müde und antworteten zerstreut: Gute Nacht.«
»Ich will einen schönen Gutenachtgruß!« flehte das Mädchen.
»Gute Nacht«, wiederholten sie leicht verärgert.
»So nicht, so nicht! Das ist noch schlimmer als vorher! « Sie jammerte und weinte, bis die erschöpften Großeltern ihr ordentlich eins hinter die Ohren gaben. Erst dann, erst wenn es keinen Ausweg mehr gab, schlief sie ein.
Sie steht im Morgengrauen auf und geht mit einem Eimer Chlorwasser und einem Besen auf die Terrasse, um die »Kackhäufchen« der Tauben wegzuwischen. Aber auch zu den Tauben ist sie freundlich. Sie fordert sie auf, wegzufliegen, indem sie an den Seiten eine Barriere aus stacheligen roten und weißen Pflanzen errichtet, farblich abgestimmt auf die Fliesen der Terrasse. Oder sie hängt Plastiktüten an die Wäscheleinen, die mit ihrem Knistern die Tauben erschrecken sollen. Auch alle anderen Blumen sind rot und weiß: der Jasmin, die Rosen, die Tulpen, die Freesien, die Dahlien.
Farben sind selbst beim Wäscheaufhängen wichtig für sie. Aber ich glaube, hier geht es nicht um Schönheit. Für die Unterwäsche von uns Kindern, zum Beispiel, benutzt sie immer grüne Klammern: die Hoffnung. Für die Laken von ihrem und Papas Bett die roten: Leidenschaft. Ich habe bemerkt, daß sie die gelben, Verzweiflung, meidet. Wenn sie welche in der Packung findet, läßt sie sie verschwinden.
Mama hat nicht nur Angst vor gelben Wäscheklammern, sondern vor der ganzen Welt. Selten schaut sie einen Film bis zum Ende an, meist rennt sie erschrocken aus dem Kino, bei der ersten etwas härteren oder einfach nur realistischen Szene.
Sie hat auch Angst vor den Sternen, denn sie versteht etwas von Astrologie, darum studiert sie besorgt deren Bahnen und Positionen. Unentwegt gibt es am Himmel einen Grund zur Beunruhigung.
Sie sagt, sie wird sich nie verzeihen, daß sie meinen Bruder nicht ein paar Stunden später geboren hat: Dann hätte es am Himmel einen wunderbaren Aspekt zwischen Venus und Mond gegeben, die beide in Exaltation waren, was ihm Glück in der Liebe gebracht hätte. Auch für den Zeitpunkt meiner Geburt fühlt sie sich schuldig, in meinem Fall hätte es nur eine Stunde früher sein müssen.
»Ich mußte zeigen, daß ich tapfer war«, erzählt sie dann immer. »Die Wehen hatten schon eingesetzt, und ich wollte nicht stören. Alle waren sicher, daß ich noch nicht soweit war, aber das stimmte nicht. Darum habe ich das Mädchen in einem Augenblick geboren, in dem der Mond im Quadrat mit allen Planeten stand! Meine arme Tochter.«
Mein Vater nennt sie ein Kaninchen, das kleine runde Kaninchenköttel kackt. Oft flüstert er ihr ins Ohr, wie es klingt, wenn sie Mohrrüben ißt. »Gna gna gna gna gna.«
Dann lacht Mama und blickt ihn hingerissen an, denn er ist das Gegenteil von ihr. Ihm ist herzlich egal, was die anderen denken. Und er entschuldigt sich nie, für nichts. Nie fühlt er sich jemandem unterlegen und schämt sich nicht einmal dafür, daß er keinen Universitätsabschluß hat. Im Gegenteil, wenn jemand seine Titel zur Schau trägt, sagt er, das sei keine Bildung, Bildung sei etwas anderes, und Leute, die mit ihren Titeln prahlen, seien furchtbare Ignoranten.
»Deine Mutter«, hat Papa mir einmal anvertraut, »ist eine Ehefrau zum Herumalbern. Wir müßten allen, die mit ihr zu tun haben, einen Waschzettel mitgeben. Eine Gebrauchsanleitung. Wenn ich je Probleme haben sollte, sie zum Lachen zu bringen, weil ich selbst zu traurig bin, würde ich lieber am elendsten Ort der Welt sein und im Müll wühlen.«
Darum verheimlichen wir ihr alles und bilden einen Filter zwischen ihr und der Welt.
Ich dagegen habe einen robusten Magen. Wie mein Großvater mütterlicherseits, der im Krieg bei der Marine gewesen ist, dreimal Schiffbruch, zwei Jahre Gefangenschaft bei den Deutschen, davon die letzten Monate sogar mit der SS, Tag und Nacht bei Eiseskälte marschieren, auf dem Rückzug mit den Deutschen, die jeden erschossen, der nicht mehr weiterkonnte. Er hat mit Hunden um ein paar Kartoffelschalen im Müll gekämpft, während einer, der »Splitter« genannt wurde, belustigt zuschaute. Er ist marschiert, ohne je anzuhalten, darum haben sie ihn nicht erschossen, und er hat es geschafft.
Er ist zurückgekommen und hat wieder zu leben begonnen. Er war nur immer sehr nervös. Fiel jemandem eine Gabel vom Tisch, explodierte er. Er hat sehr bald aufgehört, Mama von den Schrekken des Krieges zu erzählen, denn das Kind hatte nachts Albträume und sah sich mit Großmutter in einer langen Menschenschlange vor dem Internierungslager stehen, während Großvater gefoltert wurde.
Als Reaktion auf Hitlers Schlechtigkeit wurde sie als junges Mädchen Kommunistin. Aber dann las sie von den Verbrechen Stalins und Maos und davon, wie schrecklich das Leben auch in Rußland und in China ist. Sie stürzte sich auf die Kirche, aber auch dort gab es in der Vergangenheit und Gegenwart böse Menschen: zum Beispiel die Inquisitoren oder die bigotten Weiber ohne Erbarmen. Also blieb nur die Demokratie. Die war perfekt. Obwohl Papa sagt, daß die westlichen Demokratien mit ihrer Wirtschaftsdiktatur die Dritte Welt umbringen.
Er ist verheiratet, aber diese Anrufe verzaubern mich.
»Ich bin’s, wie geht es dir?«
Ich weiß nicht mehr, wie es mir geht. Ich fange sofort an, ihm einen Weg durch die Menschenmassen zu bahnen, höchst verwickelte Pläne zu ersinnen, damit er zu mir kommt, wenn bei uns niemand zu Hause ist. Vor allem Mama nicht, die immer da ist, wenn sie nicht arbeitet. Ich überrede sie zu langen Spaziergängen für ihre Gemälde und setze sie mit ihrer Staffelei an immer entlegeneren Stellen ab: am Hügel von S. Michele, der die ganze Stadt überragt, wo Mama aber traurig wird über den Tod der armen Violante Carroz im Jahr 1511, oder am Leuchtturm von Calamosca vor dem unendlichen Horizont. Dann verabreden wir eine Uhrzeit, und ich hole sie mit meiner roten Vespa wieder ab. Es ist undenkbar, daß Mama sich in der Stadt alleine einen Bus nimmt.
[...]
»Eindringliches Romandebüt einer großen Erzählerin, dem man das entsprechende Aufsehen wünscht.«
Konrad Holzer, Buchkultur, 06/2007

»Agus lässt unnötiges Pathos außen vor und unterhält leicht, sorglos-naiv und amüsant.«
dpa, 5.6.2007

»Mit ihrem Debüt hat Milena Agus den Bewohnern Sardiniens ein ironisches Denkmal gesetzt in einem Roman voll südlicher Vitalität und doch frei von Pathos. Sie nimmt den Leser mit bewundernswerter Leichtigkeit mit auf eine Reise, die so weit ist und so tief wie das Meer um Sardinien.«
Pforzheimer Zeitung 26.2.2007
Klett-Cotta Roman aus dem Italienischen von Annette Kopetzki (Orig.: Mentre dorme il pescecane)
1. Aufl. 2007, 172 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-93749-7

Milena Agus

Milena Agus wurde als Kind sardischer Eltern in Genua geboren und lebt heute in Cagliari. Dort unterrichtet sie Italienisch und Geschichte. Vor ihrem ...



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