Submarino

Dieses Buch erwerben
gebunden mit Schutzumschlag
leider vergriffen
Versandkostenfrei nach D, CH, A; hier inkl. Mwst. - >> Lieferinformationen - Einzelheiten zu Ihrem Widerrufsrecht finden Sie in den >> AGBs. - >> Akzeptierte Zahlungsmittel

»Jonas T. Bengtsson schreibt so gut, dass es weh tut.« Ekstra Bladet

Zwei Brüder kämpfen sich durch ein Leben aus Drogen, Gewalt und Einsamkeit. Als die Mutter stirbt, begegnen sie sich nach langer Zeit wieder und fassen Hoffnung. Aber schon bald holt das Leben sie wieder ein.
»Submarino« ist packender, kompromissloser Realismus. Wer dieses Buch liest, wird ein anderer Mensch. Der Roman wird derzeit von Thomas Vinterberg (»Das Fest«) verfilmt.

Die Verfilmung des Buchs läuft im Wettbewerb der Berlinale 2010

Nick ist Bodybuilder und Ex-Knacki und haust in einem heruntergekommenen Wohnheim am Stadtrand Kopenhagens. Er trainiert hart und trinkt viel. Die nächtlichen Albträume vertreibt er mit lieblosem Gelegenheitssex. Sein älterer Bruder ist alleinerziehender Vater und Heroin-Junkie. Er lebt in ständiger Angst, seinen Sohn zu verlieren oder die Drogen aufgeben zu müssen. Als ihre Mutter stirbt, begegnen sie sich nach langer Zeit wieder und beschließen einen Neuanfang. Doch bald holt das Leben sie ein ...

Submarino: Foltermethode, bei der der Kopf einer Person bis zur Erstickungsgrenze unter Wasser gedrückt wird.

Leseprobe
Für Youssef

Submarino: Foltermethode, bei der der Kopf einer Person bis zur Erstickungsgrenze unter Wasser gedrückt wird.
IVAN

1

Das Fitnesscenter liegt im ersten Stock eines alten Fabrikgebäudes. Die Tür geht auf, er kommt die Treppe herunter und sieht sich mit abwesendem Blick um. Nichts auf der Welt kann diesen Mann jemals aus der Ruhe bringen. Er ist groß, hat dicke Muskeln und sehr wenig Fett. Durch sein weißes Netzhemd sieht man die Tätowierung, die fast seinen ganzen Oberkörper bedeckt. Ein Spinnennetz, das sich am Hals bis in seine kurzen blonden Haare emporzieht. Er kratzt sich die Tätowierung im Nacken, bleibt neben mir stehen und blickt zu Boden. »Was?«, fragt er. Nicht, wo oder wie sollen wir es erledigen, sondern bloß: was. Er blickt nicht auf. Beim Stoff gibt es nur die Welt der Dealer. Und die führen sich auf, wie sie wollen. Er ist Dealer, ich bin Kunde. Verschwunden ist die Höflichkeit von vorhin, als wir im Umkleideraum Kontakt aufgenommen haben. Jetzt zählt nur noch, dass er das hat, was ich haben will. Ich deute mit der Hand an, dass er mir folgen soll. Er geht hinter mir und ich höre, wie er auf den Boden spuckt. Wir gehen um das Gebäude herum. Die Tür der Fabrikhalle steht offen. Das Licht fällt durch die dreckigen Fenster. Auf dem Boden stehen die großen verdreckten Maschinen, die zurückgelassen worden sind, und rostiges Eisen. »Willst du jetzt was kaufen?« Dann entdeckt er Kamal hinter der Tür. Neben Kamal steht einer der Ringer aus dem Center oben. Der Typ mit der Tätowierung wirft mir einen Blick zu. Dann richtet er seine Aufmerksamkeit auf Kamal. Will etwas sagen, als Kamal das Wort ergreift. »Bei mir wird nichts verkauft.« Der Tätowierte nickt langsam und fährt mit der Hand in seine Sporttasche. Kamal macht einen Schritt nach vorn und tritt ihm in den Bauch. Der Typ klappt zusammen und geht zu Boden. Kamal hebt die Tasche auf und wirft sie dem Ringer zu. Sammi, auch so ein muskulöser Typ, der sich mit Steroiden auskennt. Er sieht furchteinflößend aus, aber ich weiß, dass er nur für die Optik dabei ist. Kamal war nordischer Meister im Thaiboxen. Er hat seinen Titel ein paar Jahre lang verteidigt und dann den Spaß an der Sache verloren. Ich kenne niemanden, der so schnell ist. Kamal ist wieder total ruhig. »Du sollst hier nicht dealen, ist das klar? So einfach ist das.« Er spricht, als frage er jemanden nach Zucker für seinen Kaffee. Kamal weiß ganz genau, dass in seinem Studio Steroide genommen werden. Man sieht das den Leuten an, ihren Muskeln und manchmal auch ihren Augen, wenn sie sie nicht mehr unter Kontrolle haben. Es wurden schon Leute rausgeschmissen, die wegen nichts und wieder nichts Amok gelaufen sind. Weil sie nicht sofort ihre Gewichte kriegten, stand ihnen plötzlich Schaum vor dem Mund. Kamal weiß, wer etwas nimmt, wer etwas verkauft und was. Er muss es irgendwann akzeptieren, so ist das einfach. Schließlich kriegt er sogar etwas Provision, weil er die Räumlichkeiten zur Verfügung stellt. Aber das heißt noch lange nicht, dass er dem ganzen Markt Tür und Tor öffnet. Der Tätowierte erhebt sich vom Betonboden. Er nickt langsam, hat verstanden. »Dann sehen wir dich hier nicht mehr?« »Nein, ist in Ordnung, nein ...« Der Typ kratzt sich über die kurzen Stoppeln und streichelt die Spinne in seinem Nacken. »Kann ich jetzt gehen?«
»Nein.« »Nein?« »Ich muss sicher sein, dass du das wirklich kapiert hast.« Kamal geht langsam auf den Mann zu. Der Ringer rührt sich nicht, sondern bleibt neben der Tür stehen. Ich nicke ihm im Vorbeigehen zu. »Wir sehen uns.« Das Sonnenlicht sticht. Ich durchwühle meine Taschen und krame eine zerkratzte Sonnenbrille heraus. Ich kann die ersten Schläge aus der Fabrikhalle hören. Das dumpfe Klatschen, das von den Wänden des leeren Raums zurückhallt.
Ich gehe in den Supermarkt an der Hochbahn, gebe die leeren Flaschen zurück und schlendere dann nach hinten zum Bier. Ich nehme fünf Flaschen. Nach dem Bezahlen verschwinden sie in der Tasche, das Handtuch dar über, schön vorsichtig, damit nichts klirrt.In einem Imbiss kaufe ich zwei Schawarma. Hinter mir wird laut gelacht. Wo gehen wir hin? Was machen wir? Junge Leute in Trainingsanzügen und mit Silberketten, zu allem bereit.Sie bemerken mich nicht. Ich wohne schon so lange hier, dass ich keine Schatten mehr werfe.Ich esse und blättere eine alte Zeitung durch. Ein junger Pakistani, frischgebackener Vater und Kioskbesitzer, ist in Amager Opfer eines Säureangriffs geworden. Ich kaufe mir noch ein Schawarma und würge es hinunter. Hunger habe ich selten, eigentlich fast nie.Dann gehe ich zurück in die Pension. Der Rückweg ist immer länger.Die Muskeln sind dann müde und schwer. Ein gutes Gefühl, als hätte ich etwas getan.
Jeden Tag sehe ich dieselben Menschen.Die dicke Frau mit dem perfekten Makeup, die immer wirkt, als hätte sie gerade in diesem Moment eine Gehirnblutung bekommen, starrt vor sich hin. Mit leeren Augen und einer selbstrauchenden Zigarette zwischen den Fingern oder im Mundwinkel. Manchmal begegne ich ihr, wenn sie in Bewegung ist und ihre vielen Kilos über die Straße schleppt. Doch heute steht sie.
Die Pension ist ein roter, rechteckiger Backsteinblock, schon von weitem erkennbar. Eigentlich ist das gar keine Pension, sondern ein Wohnheim, ein Wohn-Asyl. Eine vor übergehende Bleibe für alle, die sonst nirgendwo hinkönnen. Ein Asyl. Eigentlich ein positives Wort. Ein Asyl zum Wohnen. Vor übergehend. Alles hier ist kurzlebig. Auch die Einrichtung. Kein Ort, um lange zu bleiben. Ausgelegt für eine möglichst geringe Anzahl Menschen auf dem Weg zu einem anderen Ort. Die Zimmer haben möglichst wenig Quadratmeter, die Betten möglichst wenig Komfort und die Küchen nur zwei Kochplatten und einen Kühlschrank. Ich wohne jetzt seit anderthalb Jahren hier. Laufe die Treppe hoch und trage die Tasche mit ausgestrecktem Arm, damit die Flaschen nicht klirren. Schleiche über den Flur und schließe meine Tür auf. So leise ich kann. Ich nehme das Bier aus der Tasche und eine Schachtel Zigaretten aus der Stange, die unter dem Bett liegt. Ich habe sie aus dem Kofferraum eines Autos gekauft. Kamal stand damals grinsend daneben; er hatte recht gehabt, der Verkäufer machte mir wirklich einen »special price«. Ein Däne, Mitte dreißig mit beginnender Glatze. Ein kleiner, gedrungener Kerl, der gut in eine Bar gepasst hätte. Sein Wagen stand auf dem Kiesplatz vor dem Studio, mit laufendem Motor, den Kofferraum voller polnischer Zigaretten.
Ich sitze im Fensterrahmen und trinke lauwarmes Bier. Habe elf rote Autos gezählt, sieben Alkoholiker, vier Junkies und zwei Fahrräder mit Kindersitz. Dann kommt er, der Höhepunkt des Abends.
Mit seinem Kinderwagen. Ein lächerlicher Anblick. In engen Leopardenleggings und einer Jacke aus falschem Pelz. So lächerlich, dass man erst zu lachen aufhört, wenn er hinten im Garten bei den Mülltonnen ein Kind gefickt hat. Aber er ist doch harmlos. Ein Weihnachtsmann, ein Maskottchen. Er tut nichts, lasst ihn in Frieden. Keiner von uns ist harmlos. Einige haben nur nicht mehr die Chance, anderen zu schaden. Dafür braucht es Vertrauen. Dafür braucht es Antrieb. Dafür braucht es Möglichkeiten. Und so wie er jetzt da draußen rumläuft, alt und verwirrt wie ein abgehalfterter Zirkusclown, sind seine Möglichkeiten zweifellos begrenzt. Er ist ein Obdachloser mit einem Obdach, einer jener Glücklichen, die einen Platz zugewiesen bekamen, als die Stadt noch etwas zuweisen konnte. Er sammelt Müll. Manchmal ist er nur zwanzig Minuten weg, manchmal viele Stunden, das hängt davon ab, wie weit er laufen muss, um einen guten Fang zu machen. Ich habe ihn schon mit zerbeulten Vogelkäfigen gesehen, mit Gartenzwergen ohne Kopf, Sonnenschirmen, Regenschirmen, Schuhen, alten Zeitungen und ausgestopften Tieren, denen die Füllung aus dem Bauch hing. Ich habe Lust, ihm etwas nachzubrüllen, weil er so verrückt aussieht, weil es Grenzen gibt, wie verrückt man sich anstellen darf, und sogar Rennpferde erschossen werden, wenn sie sich die Beine gebrochen haben. Doch unser Zirkusclown versucht gerade, eine kaputte Kloschüssel in seinem Kinderwagen wegzuschaffen. Das weiße Porzellan ist herausgebrochen worden und an den Rändern klebt noch alter Zement. Die Klobrille fehlt und das Wasser aus dem Becken ist über die Seite des Kinderwagens gelaufen. Er verschwindet nach drinnen.
2

Als ich verurteilt wurde, kam es mir vor, als wäre ich gerade irgendwie aufgewacht. Ich wusste genau, was geschehen war, aber es fühlte sich an, als hätte es nichts mit mir zu tun.Der Typ, den ich in die Mangel genommen hatte, hieß Jon. Das habe ich während des Verfahrens gehört. Er war ein paar Jahre jünger als ich. Sie wollten wissen, warum ich ihn geschlagen hätte. Ob er mich angemotzt und irgendwie herausgefordert habe. Wie meine Version des Tathergangs laute. Ich sagte ihnen, ich könne mich nicht erinnern.Als die Polizei mich holte, lehnte ich an einem Baum und schlief. Dann saß ich mit schmerzenden Fingerknöcheln im Streifenwagen, bis ich in der Zelle weiterschlief. Gut.
Ana hatte Schluss gemacht. Eine ganze Woche lange schmeckte ich kein Salz. Was ich auch aß, überall fehlte Salz. Total. Als würde man Watte oder Sägemehl essen. Ich trank viel, damals. Manchmal allein, dann schrie ich mich selbst an. Manchmal in der Stadt.
Sie zeigten mir Bilder von Jon. Bilder davon, was ich mit ihm gemacht hatte. Ein junger Mann mit überraschend wenig Zähnen im Gesicht und überall Blut. Während des Verfahrens redete er leise, er brachte kaum einen Laut aus seinem mit Stahldraht zusammengehaltenen Kiefer. Er sagte, dass er bis jetzt nur Suppe essen könne und dafür den Kopf in den Nacken legen und alles einschlürfen müsse. Sein Auge zuckte, wenn er mich ansah. Als ich schuldig gesprochen wurde, lächelte er mit seinen neuen, weißen Zähnen, doch als er hörte, dass ich bloß 18 Monate bekam, wurde das Zucken an seinem Auge stärker.
3

Ich wache früh auf, weil draußen auf dem Flur eine Tür schlägt.Liege auf dem Rücken und beobachte, wie das Licht ins Zimmer fällt, wie es die Decke erhellt, sehe die kleinen Risse, die sie wie Strichedurchziehen. Das Haus muss gearbeitet haben. Ich habe das bis jetzt nicht bemerkt. Habe gedacht, dass ich auf alles geachtet hätte. Dieses Zimmer ist so klein, so unendlich winzig. Geht man hin ein, fühlt es sich an, als würde man einen Mantel überstreifen.Wenn ich im Halbschlaf hier liege, kann ich seinem Gesicht kaum ausweichen. Seinem winzigen Kopf, den Augen, die sich umsehen und die meinen suchen.Ein kleines Gesicht mit großen Augen. Die blaue Decke in der Wiege.Und es ist fast unmöglich, nicht auch sie zu sehen.Einen halben Schritt vor mir auf der Straße. Das Klackern ihrer Absätze.Sie dreht sich zu mir um. Lächelt sie?Ja, das ist ganz sicher ein Lächeln.
Ich lege die leeren Flaschen oben auf das Handtuch in meiner Sporttasche, decke sie mit der Trainingshose ab und ziehe den Reißverschluss zu. Schließe meine Zimmertür ab. Die Wände des Flurs sind hellgrün und fleckig, auf dem Boden liegt dunkelgrüner Nadelfilz. Aus einem der anderen Zimmer höre ich einen Fernseher, lautes, künstliches Lachen.Ich bin dicht bei der Treppe, als Tove die Tür mit dem Fuß aufdrückt. Sie sieht mich an und hustet in ihre Hand. Es ist Toves Asyl. Es gehört ihr nicht, sie verwaltet es nur. Trotzdem lässt sie keinen Zweifel daran aufkommen, wer hier das Sagen hat. Sie ist Mitte 60. Die roten Flecken auf ihrem Gesicht könnten ein kräftiges Ekzem sein, dochwer hier wohnt, weiß, dass es Krebs ist. Kommt man ihr nah genug, kann man dem süßlichen Gestank der toten Haut nicht ausweichen.Ich lächle sie an, sie reagiert überhaupt nicht darauf. Ich denke, sie sollte ein Nudelholz in der Hand halten, ein schweres Bügeleisen,irgendeine Requisite aus dem vorigen Jahrhundert.»Haben Sie diesen Krach gemacht?«Ich glaube nicht, dass sie die Flaschen in meiner Tasche gehört haben kann.»Da hat einer einen Fernseher laufen ...« »Nein, gestern, letzte Nacht. Ich bin immer wieder aufgewacht. Jemand hat laut geredet und gelacht.« »Ich nicht.« »Nein, das hab ich mir schon gedacht. Haben Sie eine Ahnung, wer das gewesen sein kann? Vielleicht die Nummer sieben?« »Ich schlafe ziemlich fest, ich ...« »Aber lassen Sie es mich wissen, wenn Sie mal etwas hören.«Ich gehe und trage die Tasche mit ausgestrecktem Arm, um keinen Krach zu machen.
Es ist ein warmer, schwüler Sommertag. Vor kurzem hat es geregnet und die Wolken sind grau. Ich gehe von Bispebjerg aus in Richtung Stadt. Unterwegs treffen mich immer wieder einzelne Sonnenstrahlen.
Ernst sagt, dass ich müde aussehe. Er befestigt Gewichte an der Stange.Ernst ist Mitte fünfzig und trägt einen Gewichthebergürtel. Seine Beinmuskulatur hat sich abgebaut, aber sein Oberkörper ist gewaltig. Er trägt eine dicke, viereckige Brille und sein Adamsapfel ist so großwie ein Tennisball.Er sagt: »Nick, du musst dich mal ausschlafen und anständig essen,sonst wächst du nicht. Iss und schlaf.«Ernst sollte keine Ratschläge geben. Vor allem keine gesundheitlichen.
Er hat ein großes Herz. Nicht, weil er so freundlich ist und sich immer Sorgen um andere macht. Sondern weil er wirklich ein Herz hat, das seine ganze Brust ausfüllt. Er war einer der Bodybuilding-Pioniere. Anfang der 70er. Noch vor dem Schwarzenegger-Film Pumping Iron . Er nahm an Treffen und Wettbewerben teil, stemmte schwere, sehr schwere Gewichte und stopfte so viele Steroide in sich hin ein, wie er bekommen konnte. Damals nahm man die noch nicht in zeitlich genau abgestimmten, kleinen Dosen, sondern immer gleich alles. Außerdem war es zu der Zeit ja beinahe legal. Ernst hat richtige Zitzen und einen Hängebauch. Nicht, weil er so dick ist, sondern weil seine Bauchmuskeln kaputt sind. Ernst wird irgendwann daran sterben, er hat ein großes Herz und kein Geld für teure Operationen. Aber er trainiert noch immer hart, damit er etwas zu tun hat und damit sein Körper nicht vollends aus dem Leim geht. Steroide nimmt er keine mehr, schon eine Kopfschmerztablette könnte ihn umbringen. Ich sehe ihm nie zu, wenn er pumpt, ich will ihn nicht auf der Bank sterben sehen. Er sagt: »Schlaf, Nick. Du schläfst nicht. Das sehe ich dir an. Du schläfst nicht.«
Ich kaufe Bier. Esse Schawarma. Gehe zurück in mein Asyl. Jeden Tag sehe ich dieselben Menschen.
Die Säufer vor dem Kiosk. Den Rücken an die rote Backsteinmauer gelehnt. Immer dieselben. Nur der Grönländer ist heute nicht hier. Aber die Frau ohne kleinen Finger. Die beiden früheren Handwerker, der eine mit der Maurermütze und der andere mit dem Hund, der immer frei herumläuft und an leeren Flaschen schnuppert. Er heißt Grundtvig. So hat er ihn einmal gerufen. Ich habe versucht, ein Muster zu finden. Ich sehe sie jeden Tag und wollte ausrechnen, wann der Grönländer dabei ist und ob die Frau ohne kleinen Finger gleichzeitig mit dem Hund oder dem Mann mit der Maurermütze da ist. Ich habe nie dar über nachgedacht, ob sie vielleicht etwas Besseres zu tun haben oder vor anderen Kiosken abhängen. Auf bestimmten Bänken. Für mich war das wie eine Gleichung. Chaostheorie. Ich beschäftigte meinen Kopf damit, bis mir klar wurde, dass ich das niemals herausfinden würde, selbst wenn es ein Muster gäbe.
Als ich die Treppe im Wohnheim nach oben gehe, trage ich die Tasche mit ausgestrecktem Arm.Tove bleibt mir erspart, jetzt laufen die Fernsehserien, und die lässtsie sich nicht entgehen. Vielleicht bügelt sie dabei, sie bügelt ziemlichoft. Raucht, sieht fern und bügelt.Ich stecke den Schlüssel ins Schloss und will ihn gerade umdrehen, lasse es dann aber bleiben. Die Tür am Ende des Ganges. »Kristian Madsen« steht auf einem kleinen Namensschild, das er selbst angebracht hat. Es ist das Knallen dieser Tür, das mich jeden Morgen weckt; seine Schritte auf dem Flur.Ich klopfe an. Klopfe, so laut wie möglich, ohne dass Tove es hört und auf den Flur kommt.»Er kommt immer erst spät nach Hause.«Sofies Stimme hinter mir. Ich habe nicht gehört, wie sich ihre Tür geöffnet hat.»Wann?« »Keine Ahnung, spät halt.« »Du achtest auf die Schritte auf dem Flur, nicht wahr?«Sie schweigt und lächelt.»Kennst du alle?« »Nicht alle ...«Sie lächelt breiter.»Willst du mit reinkommen, Nick?«Sofie ist ein paar Jahre älter als ich, Anfang dreißig. Man sieht ihr das aber nicht an, sie ist sehr dünn, hat kleine, feste Brüste unter dem Sommerkleid, ohne BH . Ihr Haar ist schulterlang, fast schwarz.
Ich gehe die fünf Schritte bis in ihr Zimmer. Sie sieht über den Flur, versichert sich, dass Tove nicht guckt, und schließt die Tür. Sofies Zimmer sieht genauso aus wie meines, die gleichen 12- 13 Quadratmeter, nur spiegelverkehrt. Trotzdem wirkt es vollkommen anders. Sie hat Bilder an den Wänden, gerahmte Plakate mit Wasserlilien und badenden Kindern. Eine dunkelrote Decke auf einem kleinen Esstisch. Auf dem Bett liegen kleine Kissen und eine Fransendecke. Dar über Kinderzeichnungen, die sie mit Tesafilm angeklebt hat. »Hast du Lust auf ein Glas Weißwein?« Lächelnd nimmt sie zwei Gläser und holt eine mit Alufolie verschlossene Flasche aus dem Kühlschrank. Gießt mir ein und lächelt weiter. Ich nehme das Glas und setze mich in den Plüschsessel neben dem Bett. Mache den Fernseher an. Sie nimmt auf dem Bett Platz und fährt mit den Fingern über meine Haarstoppeln. »Wolltest du sie nicht wachsen lassen? Ich glaube, das würde dir wirklich stehen ...« Dann zieht sie ihre Hand weg. Sie kennt mich gut. Trinkt einen Schluck und blickt zu Boden. »Sie sagen, dass ich Tobias jetzt bald sehen darf ... vielleicht ...« Er muss jetzt fünf Jahre alt sein. Ihr Mann hat das Sorgerecht bekommen. Sofie darf sich nicht mehr um ihren Sohn kümmern. Sie hat irgendeine Polizeiauflage, nach der ich sie nicht fragen will. Sie streckt mir das Glas entgegen und wir stoßen an. Sitzen eine Weile da, ohne etwas zu sagen, und trinken. Dann stellt sie ihr Glas weg, steht auf, streicht das Kleid glatt und kniet sich vor mir hin. Ich brauche ihr mit dem Reißverschluss nicht zu helfen. Schalte auf einen anderen Fernsehkanal um. Morgen soll es Sonne geben, vielleicht ein paar Schauer. Ich trinke einen Schluck Weißwein, lege meine Hände in ihren Nacken.
Sie hustet, bekommt Tränen in die Augen, sieht zu mir hoch und versucht zu lächeln. Mit roten Augen.»Ich habe mich bloß verschluckt.« Dann macht sie weiter. Ich schalte noch einmal um, finde ein Quiz. Zünde mir eine Zigarettean und asche in eine halbleere Kaffeetasse. Nachdem ich gekommen bin, geht sie ins Bad, spuckt ein paarmal aus und wäscht sich den Mund aus. Dann umarmt sie mich und sagt: »Komm bald wieder.«
Tropen Roman Aus dem Dänischen von Günther Frauenlob (Orig.: Submarino)
1. Aufl. 2009, 384 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-50105-6
autor_portrait

Jonas T. Bengtsson

Jonas T. Bengtsson, geboren 1976, lebt in Kopenhagen. 2005 wurde er mit dem Dänischen Debütantenpreis für »Aminas Briefe« ausgezeichnet.2007 ist sein ...



Unser Service für Sie

Zahlungsmethoden
PayPal (nicht Abos),
Kreditkarte,
Rechnung
weitere Infos

PayPal

Versandkostenfreie Lieferung
nach D, A, CH

in D, A, CH inkl. MwSt.
 
weitere Infos

Social Media
Besuchen Sie uns bei


www.klett-cotta.de/im-netz
Facebook Twitter YouTube
Newsletter-Abo

Klett-Cotta-Verlag

J. G. Cotta’sche Buchhandlung
Nachfolger GmbH
Rotebühlstrasse 77
70178 Stuttgart
info@klett-cotta.de