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Anlässlich des Priebke-Prozesses in Rom gerät eine journalistische Recherche unversehens zu einer Reise auf Leben und Tod. »Termini« ist ein so spannender wie kraftvoller Roman über die dunklen Seiten unserer Gegenwart.

Ansgar Weber ist ein junger Journalist und für ein großes deutsches Nachrichtenmagazin tätig. Er reist nach Rom, um über die Verurteilung des Kriegsverbrechers Erich Priebke zu schreiben. Doch neben seinem offiziellen Auftrag folgt Ansgar einer viel sensationelleren Spur, von der er sich einen Coup und beruflichen Aufstieg erhofft: In der Stadt lebt eine berühmte, seit Jahren tot geglaubte deutsche Schriftstellerin. Als das Interview mit ihr gefährdet ist, beginnt Ansgar, Anzeichen wahrzunehmen, die ihn auf Schritt und Tritt verstören, als hätte die verwahrloste Ewige Stadt einen doppelten Boden. Und mit einem Mal schwebt er selbst in Lebensgefahr ...
Dorothea Dieckmann schreibt über die Wiederkehr der Toten in einer Stadt, die wie keine andere die Schichten der Vergangenheit bewahrt. Und von der abgründigen Schwierigkeit, über eigenes und fremdes Leben Rechenschaft abzulegen.

Leseprobe
TERMINI war sein erstes Wort auf italienischem Boden, und es klang nach Ende, nicht nach Anfang. Die Kassiererin in dem Tabakkiosk arbeitete, ohne aufzuschauen, wortlos und ruppig. Es sah aus, als würde sie lieber am Fließband sitzen. Ansgar trat schwerfällig nach vorne. Sein Jackett war zu warm, die Tasche mit dem Tonbandgerät polterte gegen den Tresen, und der Hunderttausendlireschein wurde mit einem bösen Blick quittiert. In Gedanken hatte er die Reise ausgespart, die drei Tage bis zum Rückflug übersprungen. Jetzt war er mittendrin, er stand in einer Halle zwischen Flughafenrolltreppen und Abfahrtsgleisen, in der Hand ein paar Geldscheine und eine Fahrkarte, und schaute zur Uhr hoch, elf Uhr dreiundfünfzig. Unter der Glocke aus Plexiglas verschmolzen Schall und Hitze mit seiner Müdigkeit zu einer tauben Entrückung. Der Zug stand schon am Bahnsteig. Über den Gleisen wurde die Plexiglasglocke zum Plexiglasschlauch. Vor dem Übergang steckte er die Fahrkarte in den gelben Stempelautomaten und gratulierte sich zu seiner Geistesgegenwart: So war das hier üblich.
Das leise Klacken des Automaten wirkte überraschend vertraut, irgendwo im Innern war es gespeichert, ein Wecksignal. Er war angekommen in Rom, und er war allein, anders als beim ersten Mal vor einem halben Jahr, als er hinter seinem Vorgesetzten hergelaufen war, der die Fahrkarten kaufte und abstempelte. Paul tat, als hätte er die Stadt erfunden. Er präsentierte ihm seinen Besitz. Sein Ehrgeiz war, Ansgar mit dem gemeinsamen Aufenthalt gleich zwei Freundschaften aufzudrängen, zu ihm und zu der Stadt. Jetzt war Ansgar am Zug. Er wollte es Paul zeigen, und Paul, sein Ressortleiter, der ihn wieder hergeschickt hatte, ahnte nichts davon ... Das Aufbruchsgefühl wuchs, als endlich der Wind wie ein feuchtheißes Tuch durchs offene Fenster schlug. Ansgars Lider flatterten. Verdorrtes Land zog vorbei. Doppelschläge trommelten von den Schienennähten an den Zugkörper, beschleunigten, verlangsamten sich und verebbten an den Haltepunkten - lauter Wüstenstationen mit Betondächern auf Stahlträgern, Fußgängerbrücken, Oleanderbüschen. Ihre Namen las Ansgar auf blauen Schildern, Arientitel: Ponte Galeria, Muratella, Magliana. Der Waggon füllte sich mit Menschen und Lärm, doch sobald der Zug die Stationen verließ, erhob sich der mechanische Fahrtgesang über das Geschnatter. Ansgar ließ sich mitnehmen und einlullen, die rückwärtsfliehende Landschaft vor Augen. Seine Nervosität blieb zurück. Sie war fast am flachen Horizont verschwunden, als in Ansgars Herzgegend eine Bremse kreischte: Stop. Er schreckte aus dem ockergelben Tagtraum. Dieser Zug, erinnerte er sich, sollte ohne Halt bis zum Hauptbahnhof durchfahren.
»Termini?« fragte er das Paar gegenüber, er schmächtig im Sporttrikot, sie groß und hochschwanger. Synchron schüttelten sie die Köpfe und fingen an, miteinander zu diskutieren. Die Fensterfläche füllte sich mit gigantischen rötlichen Wohnblocks, die Dächer mit Antennen gefiedert. Sie erinnerten Ansgar an rostige Containerschiffe, wie sie an den Elbuferwegen vorbeiglitten, fahrende Häuser. Die Mauern verdunkelten die Sicht, ab und an wurden sie jäh unterbrochen von Gleisbrücken, blendenden Schneisen. In seinem Romgedächtnis fand sich keine Vorlage für dieses gewalttätige Panorama. Er schwitzte wieder. Der Zug rückte auf die Fassaden zu und schob sich an den unteren Stockwerken vorbei. Das Paar stand auf. »Prossima, prossima«, rief der Sportsmann und wedelte mit dem Zeigefinger in Fahrtrichtung. »Ostiense. Ostiense Metro Termini.« Es wurde lichter, die Riesenquader wichen zurück. Ansgar hob die Hand, aber die Frau konzentrierte sich darauf, ihren Bauch in den Gang zu manövrieren, und verdeckte dabei den Mann. Ostiense, der Name kam ihm bekannt vor. Er erinnerte ihn an eine kleine weiße Pyramide mitten in der Stadt; sie musste dort ganz in der Nähe stehen. Daneben lag der Ausländerfriedhof, auf den ihn Paul geführt hatte, Katzen anschauen und den Grabstein von Goethes Sohn. Der Zug tauchte in einen dunkelroten Schatten. Auch die Schilder waren braunrot, die Schrift riesig: Roma Trastevere.
Ansgar stellte den Recorder auf den frei gewordenen Sitz und zog den Stadtplan aus der Reisetasche. Fuhr die schwarze Linie entlang, die am Flughafen begann, vom Meer in die Stadt. Die Schienen führten unterhalb der Trastevereschleife des Tibers auf die andere Seite und erreichten den nächsten Bahnhof bei einem Rechteck mit dem Namen Piazzale dei Partigiani. Ein Stück weiter oben stand ein M auf rotem Grund, M für Metro. Er hob den Kopf. Die Sicht war leer, als hätte jemand auf beiden Seiten Vorhänge geöffnet; die Häuser waren weg, und die Doppelschläge klangen dünner: Der Zug überquerte den Fluss. Diesmal hielt er im hellen Licht. Stazione Ostiense, jetzt fiel es ihm ein.
Er hatte in den letzten Tagen etwas darüber gelesen. Ein Riesenbau, hingeklotzt im Jahr 1938, damit der italienische König den Führer vom Bahnhof abholen konnte. Der Boden, die Bänke, die offenen Gleisdächer, die riesige Fassade jenseits der Gleise, alles war grauweiß, grellweiße Sonnenstreifen zwischendrin, Weiß wie schmutziger Schnee, mussolinischer Travertin. Die Leute, die mit ihm ausstiegen, verschwanden in den umzäunten Treppenabgängen, die wie Falltüren in den glatten Stein eingelassen waren. Der Zug fuhr wieder an, und auf der anderen Seite der Gleise erschien ein Monstrum aus Plastikrohren, so groß wie ein Hangar. Eine stille, sterile Hitze herrschte in der strahlenden Mondlandschaft. Er sah sich selbst, klein, verloren. Und geblendet. Die Sonnenbrille hatte er natürlich vergessen. Mit halb zusammengekniffenen Lidern schaute er die Flucht entlang, über den Bahnsteig hinaus, wo sie im Hitzeflimmer wegschmolz. Ja, er war angekommen - am falschen Ende.
AM FUSS DER TREPPE kam er in einen dämmrigen, braun gekachelten Korridor, der die Bahnsteige unterirdisch verband, mit Anzeigentafeln an den Aufgängen und viel zu lang, um nicht den Mut zu verlieren. Ansgar tröstete sich damit, dass er früh dran war und dass sich Ellinor, am Taxistand vor dem Termini-Bahnhof, nicht von der Stelle rühren würde. Weit hinten leuchteten die Buchstaben Metropolitana , und er folgte ihnen, vorbei am Aufstieg zur Bahnhofshalle und weiter bis zu einer Wand, wo der Korridor endete und ein schmaler, neonerhellter Schlauch abzweigte. Die Luft stand, es roch nach Gummi. Die Taschenriemen gruben sich in seine Schultern. Nur wenige Leute kamen ihm entgegen. Der Schlauch war mit blauen Kacheln ausgekleidet, kein Abzweiger, kein Schild, nicht einmal ein Pfeil an der Decke. Nach ewigen blauen Minuten erschien eine Öffnung an der rechten Seite, durch die etwas Tageslicht in den Gang fiel. Hinauf führte wieder eine Treppe, aber wieder kein Schild, und der Gang bog in die Gegenrichtung ab. Hinterm Knick wurde er breiter, noch länger, ein Ende nicht abzusehen - ein verdammtes Labyrinth.
Schönes Rom. Eine kleine Abweichung, ein bereitstehender falscher Zug, und schon landete man in einer heruntergekommenen Science-Fiction-Welt, die in keinem Reiseführer erwähnt wurde. Oder aber der Fehler lag woanders: hinter Ansgar. Da, wo er heimlich von seinem sicheren Auftrag abwich und sich auf eine obskure Begegnung einließ, ohne zu wissen, wohin sie ihn brachte. Vielleicht ganz nach oben. Vielleicht nach unten, in die Entlassung. In eine Sackgasse, in der nur noch Ellinor auf ihn wartete, erfreut über den Erfolg ihrer Kleinmädchenintrige. Sie hatte ihrem Vater eins ausgewischt und Ansgar auf einen neuen Weg gebracht. Oder in die Irre gelockt. Jetzt stand sie am Termini, ihre Aufregung wuchs, und sobald er auftauchte, würde sie losplappern. Er hörte sie förmlich: Ich wusste es, du hältst zu mir ... Du und ich, wir gehören zusammen, nicht du und Paul ... Mit mir kannst du eine Menge erleben ... Brav schleppte er sich ihr entgegen, im Magen ein Flugzeugfrühstück, feuchter, schmutziger Reisebelag auf der Haut, verirrt und verspätet. Ellinor natürlich frisch geduscht, im Sommerkleid, ohne einen Schweißfleck und ganz heimisch, sie wand sich geschickt durch die Sprache und die Metrolinien, sie war naiv und kompetent und genoss ihre Unentbehrlichkeit. Was, du bist nach Ostiense gefahren? Mein Gott, das hätte ich dir wohl sagen müssen, achte auf den Termini-Zug, der ist nicht der einzige.
Und wenn sie nicht da stünde? Düster, diese Aussicht. Zwei dunkelhäutige Nonnen überholten Ansgar mit kleinen Trippelschritten. Die eine wandte ihm im Vorbeigehen kokett ein feines, streng eingerahmtes Mädchengesicht zu. Der Gang nahm kein Ende. Von fern erkannte er an den Seitenwänden schwarze Rundungen, die Enden der Handläufe zweier Laufbänder. Die Nonnen fädelten sich in den rechten Strom ein und liefen zwischen den fortgleitenden Gestalten mit doppelter Geschwindigkeit weiter; ihre hüpfenden Hauben wurden schnell kleiner. Er merkte, wie auch er automatisch schneller lief, sich tragen lassen wollte. Ohne Ellinor, ohne Ellinors Idee war die Reise bloß eine Fortsetzung seines Jobs, kein Ausgang, nicht einmal ein Lichtblick. Dabei war es eine gute Arbeit, angesehen, bequem und gut bezahlt. Er wurde darum beneidet.
Es sollte einfach immer so weitergehen: Reportagen über eine bekannte Welt, Interviews mit bekannten Gestalten, Artikel mit bekanntem Ergebnis, ein dauernder Wechsel zwischen Urteilen und Fakten. Er beherrschte den Stil, die Regeln der Polemik. Die Sprache formte sich von selbst, und im übrigen vertraute er auf die Redaktion; die eigenen Artikel las er ohnehin nicht wieder. Herumgeschickt wurde er selten, alle Vierteljahre im Schnitt, und er absolvierte die Routine von Flug, Ortstermin, Gespräch und Hotel wie einen Sekundenschlaf. Zu der Mühelosigkeit kam ein unverdienter, aber allen Beteiligten willkommener Überschuss - das Gerücht, etwas Besonderes zu sein. Man tat gut daran, diesen Ruf zu verfechten, wenn auch kalkuliert: Zu viel war dilettantisch, zu wenig illoyal. Es war bloß eine Frage der Selbstdarstellung und der Umgangsformen, und trotzdem bedeutete diese Nebensache für ihn seit einiger Zeit eine Qual. Die Pflege der persönlichen Oberfläche war Arbeit geworden, ein Kampf gegen den Überdruss, der ihn wütend machte, müde und vor allem beschämt. Wenn es ganz schlimm wurde, und schlimm war es oft in letzter Zeit, dann überfielen ihn mitten im Geschehen verstörende Wunschbilder, bei einer Begrüßung, in der Kantine, auf einem Empfang: Er sah, wie er sich danebenbenahm, ein paar Hemdknöpfe öffnete, Behindertengrimassen schnitt, die anderen glotzend anschwieg, sie nachäffte. Also riss er sich zusammen. Er spürte, wie er mit dem unablässigen Abdichten, Spannen und Straffen seiner Außenhaut etwas niederrang, was sich unter ihrem Schutz desto schneller ausbreitete, ein in der Luftabgeschlossenheit wucherndes Gewächs. Welchen Namen es trug, wusste er nicht, doch es fühlte sich zäh und nachgiebig an wie eine uralte Langeweile.
Er hatte den Recorder auf den Handlauf gestellt, der ein bisschen langsamer lief als das Band, auf dem er stand, um Atem zu schöpfen, so dass er das Gerät immer wieder mit einem Rucken der Schulter zu sich heranziehen musste. Die Luft war noch dicker geworden. Das entgegenkommende Laufband schob einen Pulk Jugendliche heran, sie hampelten und grölten wie Kinder, ihre Stimmen erstickten in dem niedrigen Tunnel. Ein Junge im orange-grünen Fußballtrikot balancierte sitzend auf dem Gummigeländer, er schaukelte, bis er kippte und in die auflachende Gruppe hineinsprang. Ansgar wandte den Blick ab, das tückische Ende des Bandes rollte heran; dahinter bogen die Leute wieder ab, die Nonnen waren verschwunden. Mit dem plötzlich erhöhten Gewicht der Taschen, in seinem gehemmten Gang, erreichte er den neuen Knick - der zweite, der dritte? - und erblickte in der Biegung wieder eine endlose Flucht, wieder einen Schlauch. Diesen erfüllte ein ächzendes, rhythmisch ersterbendes und wieder einsetzendes Quietschen; es kam von dem nächsten Band, das auch hier erst in einiger Entfernung losrollte, und untermalte sein Entsetzen so perfekt, dass er einen Lachlaut ausstieß, der wie ein verzweifeltes Schnaufen klang. Hier stimmte etwas nicht. Das Paar, diese beiden im Zug, vielleicht hatten sie ihn - als Ausländer? als Deutschen? wegen des falschen Klangs von Termini? - in die Wüste geschickt. Vielleicht hatten sie deshalb so heftig debattiert. Hier war nirgendwo eine Metrostation, dafür aber ein unterirdisches Rom, von dem er nichts wusste. Ein Bunker-Rom, ein Dritter-Mann-Rom, eine kranke Phantasie, die allen hier unten normal vorkam. Oder sie taten nur so. Wenn er an irgendeiner Stelle wieder rauskam, dann womöglich an einer Vorstadtschnellstraße mit kaputten Hochhäusern zwischen vertrockneten Wiesen, verrosteten Tanksäulen und Steinbänken unter der prallen Sonne, ohne Taxistände oder Bushaltestellen und natürlich ohne Straßenschilder.
Also gut. Er musste den Stadtplan auspacken - am besten auf dem quietschenden Laufband, auf das er zuging. Davor entstand ein kleiner Auflauf, er beschleunigte ungeduldig und stoppte an der Schwelle: Das Band stand. Im selben Moment fühlte er einen Rippenstoß und im Nacken eine kräftige, scheußlich lebendige Hand. Jemand war ihm in den Rücken gefallen und hielt sich an ihm fest, ließ ihn wieder los und stürmte fluchend weiter. Managgia, blieb in Ansgars Ohr hängen, ein hingeklatschtes Matschwort, und der Typ, ein Glatzkopf in Turnschuhen, warf im Laufen einen bösen Blick über die Schulter. Der zweite seit der Ankunft. Ansgar schaute sich um, der Zusammenstoß hatte einen leeren Raum hinter ihm geschaffen, und drückte sich an die Tunnelwand. Verloren. Er stellte die Taschen ab. Was hatte er gerade vorgehabt?
Die vorbeiziehenden Höhlenbewohner warfen ihm kurze Blicke zu. Hier am Rand kam er sich vor wie ein Penner, ein Straßenmusikant ohne Instrument. Ein Akkordeon oder eine Gitarre, ein Gesang, wenigstens von fern, hätte ihn beruhigt und davon überzeugt, dass diese Unterwelt eine normale U-Bahn-Unterführung war. Metro, das war's, er wollte das rote M noch einmal suchen. Er griff in die Seitenklappe der Reisetasche und stieß auf ein Etui: also doch, die Sonnenbrille. Im Stadtplan musste er nur eine Faltlasche herunterklappen. Da war das Gleisbündel, da war der Bahnhof Ostiense, da war der Vorplatz mit dem Namen Piazzale dei Partigiani, Partisanenplatz musste das heißen, und schräg darüber, im Nordwesten, das M: Piramide hieß die Metrostation, Piazzale Ostiense der Platz. Was für ein Durcheinander. Aber einfach zu durchschauen. Hier unten wurde er im Zickzack vom Bahnhof zur Metrostation geschleust, sicher einen halben Kilometer Luftlinie, auf einer unterirdischen Strecke entlang der dicken Verbindungsstraße zwischen den beiden Stationen, den beiden Plätzen. Und die Verbindungsstraße hieß Viale delle Cave Ardeatine. Ansgar rutschte in die Hocke. Viale delle Cave Ardeatine. Ein schlechter Witz.
STRASSE DER ARDEATINISCHEN HÖHLEN . Auf die war er schon bei seinen Vorbereitungen gestoßen. Er hatte nach den Fosse Ardeatine gesucht, ein anderer Name für denselben Tatort. Die ardeatinischen Höhlen hatten damals, laut einem italienischen Zeitungsartikel, den ihm die blonde Frau Niemeyer-Amadeo von der Dokumentation auf Pauls Wunsch schon am Freitag übersetzt hatte, noch weit vor der Stadt gelegen, in der Nähe einer alten Abtei der Salesianer. Die Mönche, hieß es, hatten etwas von dem Massaker gerochen, buchstäblich. Frau Niemeyer-Amadeo hatte die hübsche Nase kraus gezogen ... Ansgar hatte den Artikel mit nach Hause genommen und sich auf dem Weg noch einen Falk-Stadtplan gekauft. In seiner Wohnung lagen ein alter, geerbter Reiseführer aus seinem Geburtsjahr und ein Bildband zur Stadtgeschichte. Den schlug er am Abend zum ersten Mal auf. Das Kapitel über die in Frage stehende Vergangenheit trug den schillernden Titel, den Rom selbst in jenem kurzen Jahr bekommen hatte, schön, aber unheimlich: offene Stadt. Die Schwarzweißbilder, Fenster in die Vergangenheit, zwangen zum Hineinschauen. Ansgar überflog die Bildunterschriften, betrachtete die verwischten, retuschierten Fotografien. Die Menschen sahen aus wie gehetzte Hasen, zu Tode erschöpft, und die Stadtansichten - eine Bar mit Leuchtschrift, ein Treppenhaus, ein Plakat an der Mauer, eine Mülltonne, ein Gassenbogen - wirkten inszeniert wie Filmstills. Obwohl der Beiname der Stadt eine Öffnung versprach, schien sie aus geschlossenen Räumen zu bestehen. Ansgar blieb draußen; ihm war, als könnten sich seine Augen nicht an die Dunkelheit gewöhnen. Als er endlich auf das Bild vom Eingang zu den Höhlen mit dem Beiwort ardeatinisch stieß, war er enttäuscht - er hatte endlich einen Einblick in die Tiefe, in die kalte Mechanik und die heißen Eingeweide des Verbrechens erwartet, doch diese harmlose Lücke in einer harmlosen Mauer war wieder nur ein Ausschnitt, der mehr verbarg als enthüllte. Also hatte Ansgar den alten Reiseführer konsultiert. Ein Lageplan zeigte die Gedenkstätte der Fosse Ardeatine. Friedlich lag sie neben der Abtei. Eine Sehenswürdigkeit gehörte dazu, irgendwelche christlichen Katakomben, und in unmittelbarer Nähe führte die Via Appia Antica an dem Komplex vorbei. Unter dem Foto mit den dicken schwarzen Pflastersteinen und den obligatorischen Ruinen und Zypressen stand Regina Viarum - Königin der Straßen. Parallel zur schnurgeraden Appia verlief in sanften Schwüngen die Via Ardeatina. War sie später gebaut worden? War die antike Appia für Autos gesperrt? Vielleicht war die neue ein asphaltierter Ersatz für das Gerumpel auf der alten Strecke. Aber warum die Schlangenlinien?
Allmählich hatte sich Ansgar auf seinem virtuellen Spaziergang verheddert. Es war spät. Er saß am offenen Fenster - auch in Hamburg war es warm -, trank Bier und fing an, nach allem zu suchen, was mit dem Stichwort Ardeatina zu tun hatte. Der Tick eines Menschen mit schlechtem Orientierungssinn: Namen, Zahlen, Namen. Im Verzeichnis auf der Rückseite des Stadtplans fand er noch mehr ardeatinische Straßen und Plätze. Auf die Vorderseite schaute er nicht. Der Reiseführer erwähnte ein ardeatinisches Stadttor, ja ein ganzes ardeatinisches Viertel. Er enthielt auch das Kapitel über die faschistischen Bauten, mit schönen Schwarzweißfotos von den Arkaden des weißen Kolosseums auf dem Weltausstellungsgelände, den weißen Heldenstatuen davor, den unendlichen Freitreppen - und vom pompösen weißen Säulengang des Ostiense-Bahnhofs. Da hatte gestanden ...
Ein Ruck, ein Riss in der Lasche des Stadtplans - Ansgar hatte in der Hocke das Gleichgewicht verloren. Er lehnte sich gegen die Begrenzung des stillstehenden Laufbands. Straße der ardeatinischen Höhlen? Jetzt erinnerte er sich. Da hatte gestanden, dass nach dem Bau des Bahnhofs eine Straße mit dem Namen des hohen Gastes geschmückt wurde, der dort aus dem Zug stieg - eben jene, die zur Pyramide führte. Mit dem monumentalen Allerlei hatte man den Führer beeindrucken wollen. Zweifellos war er auf die Pyramide zugeschritten, mit Militärparade natürlich: auf demselben Weg, den Ansgar unten entlangkroch. Ein paar Jahre später hatten die Römer ihrer Adolfhitlerstraße den Namen der Höhlen gegeben, in denen seine Opfer übereinanderklettern mussten, und drunter neue Höhlen gegraben. Welch kranke Idee. Und welche Begrüßung für ihn, Ansgar: Gleich auf den ersten Schritten stieß er auf die Spuren des Mannes, um dessentwillen er nach Rom geschickt worden war.
Ob es hier damals auch eine Straße mit seinem Namen gegeben hatte? Via Erich Priebke ... Wenn, dann nur eine bescheidene Seitengasse, genauso mickrig wie jetzt der Auftrag. Paul Just war die Sache Priebke nicht mehr als eine Spalte wert. Ein paar Zeilen, um den Lesern den Landsmann vorzustellen, der vor einem halben Jahrhundert in Rom einen Befehl ausgeführt hatte. Etwas mehr für den Vorgang selbst, Priebkes Verurteilung durch das Tribunal im Viale delle Milizie. Für die Vorgeschichte einige überschaubare Zahlen. Insgesamt zu wenig, um die Reisekosten zu rechtfertigen. [...]
»Eine Schule des Sehens ... Termini zeigt, wie ernst es der Autorin mit ihrem Schreiben ist, und fügt den literarischen Liebeserklärungen an die Stadt eine weitere, groß orchestrierte hinzu.«
Beate Tröger, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.10.2009

»Wie eine tödliche Präzisionsmaschine arbeitet sich ihr Roman "Termini" durch den porösen Untergrund einer trügerischen Gegenwart ... Das Spurenlegen und -verwischen, die Projektionen eines derangierten Gehirns auf die Stadtlandschaft des sommerlich kollabierenden Rom - all das macht diesen grandios verdichteten Roman zu einer Höllenfahrt durch die falschen Wirklichkeiten der Traumfabriken und Redaktionskonferenzen.«
Beatrix Langner, Neue Zürcher Zeitung, 8.10.2009
 
Klett-Cotta Roman
1. Aufl. 2009, 317 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-93660-5
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Dorothea Dieckmann

Dorothea Dieckmann ist 1957 in Freiburg geboren und lebt heute in Hamburg. Sie studierte Literatur und Philosophie und arbeitet als Essayistin und ...

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