Ultraviolett

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Auf einer Insel im Atlantik verbringt eine reiche Familie wie jedes Jahr ihre Sommerferien. In wenigen Tagen wird man den 14. Juli mit einem privaten Feuerwerk feiern, alles ist wie immer. Nur Philip, der Sohn der Familie, fehlt merkwürdigerweise. Statt seiner steht ein genauso rätselhafter junger Mann am Swimming-Pool, ganz in weiß. Und nichts ist mehr wie zuvor ...

Hochsommer, die Luft steht still. Zwei junge Frauen sonnen sich. Plötzlich steht er vor ihnen: Boris. Braungebrannt, muskulös, verführerisch. Alle verfallen ihm. Der Vater blüht auf, die Mutter freut sich über den netten Umgang, und die Töchter können der Anziehung nicht widerstehen. Doch unter der Oberfläche beginnt es zu brodeln, denn keiner möchte so genau wissen, wer der Fremde in Wirklichkeit ist. Und was er von ihnen will. Dass er den verschollenen Sohn im Internat kennengelernt hat, ist wenig wahrscheinlich. Nur der Schwager schöpft Verdacht. Und dieser ist durchaus berechtigt.

Joncour erzählt in der Tradition der Filme von Claude Chabrol davon, wie schnell eine glamouröse Familie aus dem Gleichgewicht geraten kann. Mit Augenzwinkern und Liebe zum Detail, minutiös beobachtet und in einer ganz besonders delikaten Sprache. Seine literarische Qualität liegt im Geheimnisvollen: präzise, hintersinnig und subtil.

Das Buch wurde bisher in 18 Sprachen übersetzt. 

Leseprobe

Gewiss war es das Weiß, das sie beruhigte.
Es braucht bloß ein Unbekannter, von Kopf bis Fuß in Weiß gekleidet, in ein makelloses Weiß, das Tor zum Park aufzustoßen, und schon ist aller Argwohn verflogen.
Zu dieser nachmittäglichen Stunde lag die Terrasse im prallen Sonnenschein, was keiner aushielt, bis auf Julie und Vanessa. Sie nutzten das Alleinsein, um ihr Bikinioberteil abzulegen, und räkelten sich nun genüsslich, einzig darauf bedacht, braun zu werden. Der Mann blieb in einiger Entfernung stehen. Er besaß sogar genügend Takt sich abzuwenden, was seine große, über die Schulter gehängte Tasche erkennen ließ. Auch sie war weiß. Julie schlüpfte in ihre Bluse, und Vanessa, die sich ärgerte, halbnackt den Blicken eines Fremden ausgesetzt zu sein, wickelte sich in ein Handtuch, um ihre Blöße zu verbergen, was diese jedoch nur unterstrich.
Schließlich schritt der Mann auf die beiden zu, sein Gang war nur einen Hauch zu gestelzt, eine Spur zu eckig, der Gang eines Mannes, der sich beobachtet weiß. Er streute seine Blicke nach rechts und links, als wolle er von der Szenerie nichts verpassen, alles ins Auge fassen. Seine Ray-Ban-Gläser spiegelten im raschen Wechsel die einzelnen Einstellungen wider; den weichen Rasen, glattgestrichen wie ein Samtteppich, das Trianon aus weißem Stein, den Pool am Fuße der Stufen, die durchsichtigen, sanft auf dem Wasser wiegenden Sessel, die Liegestühle aus Teak, gleichfalls leer: die ganze Nonchalance des Luxus, die in ihrer höchsten Ausprägung an Nachlässigkeit grenzt, eine Atmosphäre, in der er sich vollkommen zu Hause fühlte.
Hatten sie ihn schon einmal gesehen? Sie grübelten beide, jedoch ohne zu einem Ergebnis zu kommen, genauso wenig wie sie errieten, welches Motiv ihn hierher führte. Vermutlich der Strand, vielleicht auch das Boot.
Ausschlaggebend für ihre Entscheidung, sich höflich zu zeigen, war, dass er taktvoll die Sonnenbrille hochschob; das zeugte doch immerhin von einer gewissen Rücksicht oder zumindest der Sorge, noch mehr zu irritieren, wenn er den Blick verborgen hielte. Wenngleich dieser Blick sicherlich Teil des Plans war, ein wasserblauer Blick, auf sein Ziel gerichtet, einer jener Blicke, denen man stets ausweicht, mit einem dumpfen Schuldgefühl, eben weil man sich abgewendet hat.
Der Mann ging ganz unbefangen auf Vanessa zu, als würden sie sich bereits kennen, ohne Scham noch Dreistigkeit, die Sonne im Gesicht.

Sich wieder in den Umständlichkeiten aufgesetzter Höflichkeit verlieren, jene schwelenden Feindseligkeiten eindämmen, die mitunter gleich zu Beginn aufflackern, einen Rückzug vortäuschen, der den guten Willen des anderen herausfordert, sich losreißen, wieder zurückkehren und sich am Ende gar verunsichert fühlen von der manchmal allzu großen Leichtigkeit, mit der man sich beliebt macht, die richtige Balance herstellen zwischen Takt und Beharrlichkeit ...
Da Philip nicht zu Hause war, versuchten sie den Moment seiner Rückkehr zu schätzen. Morgen, heute Abend, vielleicht nachher; bei ihm wusste man nie so genau ... Mit dieser Bemerkung stellten sie die mangelnde Zuverlässigkeit ihres Bruders bloß, allerdings ohne sich zu beklagen oder ihm in irgendeiner Weise Vorwürfe zu machen.
Aber er hatte mir doch gesagt ...
Tja ja, was will man machen ...
In ihrem Seufzen schwang Bedauern darüber mit, enttäuschen zu müssen, die Feststellung, dass der ganze Weg umsonst gewesen war. Der Mann stellte sich vor. Boris. Der Vorname klang irgendwie vertraut, und als er das Internat und die in nahezu gefängnisartiger Abgeschiedenheit vergeudeten Jahre erwähnte, all die Dinge, die man ja über Erziehungsanstalten weiß, da kam ein wenig von den eisigen Erinnerungen hoch, von denen ihr Bruder erzählt hatte, - den schmerzvollen Jahren, die er damit zugebracht hatte gegen diese Zucht Widerstand zu leisten, gegen ein ganzes Gebäude von Anstands- und Benimmregeln, die im Übrigen völlig spurlos an ihm vorübergegangen waren, wie man ja sehen konnte.
Ein kleines Lachen plätscherte dahin. Eine Gelegenheit zur Entspannung für alle. Es herrscht stets eine gewisse Anspannung, wenn man jemandem zum ersten Mal begegnet, besonders unter solchen Umständen. Er spürte allerdings bereits, dass sein Plan aufgegangen war. Sich kurz vorstellen, eine Prise Anekdoten dazugeben und darauf achten, ihnen unentwegt in die Augen zu sehen und nirgendwohin sonst - er brauchte sich nicht lange bei den Präliminarien aufzuhalten.
Von den beiden Schwestern entpuppte sich Julie als die verständnisvollere, oder zumindest als diejenige, der die Angelegenheit am ehesten unangenehm war. »Mal überlegen, am 10. ging sein Flug von Newport, und soviel ich weiß, wollte er noch ein bis zwei Tage in New York verbringen ...«
»Auf jeden Fall dürfte er am 14. Juli zurück sein«, fuhr Vanessa dazwischen, der die liebenswürdige Offenheit ihrer Schwester aufstieß.
Doch im selben Augenblick ärgerte sie sich bereits über sich selbst, da ihr klar wurde, dass sie mit ihrer Bemerkung die perfekte Überleitung geliefert hatte. Schon ließ sich Julie über alle möglichen Einzelheiten hinsichtlich des 14. Juli aus, erklärte, Philip zünde jedes Jahr stolz sein Feuerwerk von der Südspitze der Insel aus und beglücke damit nicht nur die Familie, sondern auch sämtliche Feriengäste der Umgebung; nie würde er diese Zeremonie versäumen, so kultisch und gemeinschaftsselig sie auch sein mochte, zumal sie ihm die einmalige Gelegenheit bot zu glänzen und zu beweisen, dass er letztlich doch zu etwas taugte - der 14. Juli sei sein Höhepunkt ...
Boris stellte sich das fragwürdige Vergnügen vor, mit all dem zu spielen, die bunten Feuerwerkskörper, das von den Klippen verstärkte Knallen, die auf die Bucht niederprasselnden Spiegelungen, die begeisterten Aufschreie, die der Anblick zweifellos hervorriefe, die allgemeine Verzückung.
Vanessa, die immer noch dasaß, hielt das Handtuch fest an sich gepresst, als sei ihr kalt, und bewegte sich so wenig wie möglich, aus Sorge, irgend etwas von sich zu entblößen. Was sie jedoch am meisten beschäftigte, war der bevorstehende Streit; denn auch wenn sie sich schon lange nicht mehr über die Unzuverlässigkeit ihres Bruders aufregte: Diesmal hatte er den Bogen überspannt. Ihnen einen völlig Unbekannten aufs Auge zu drücken, ohne Anweisung, wie man sich verhalten sollte, ohne zu wissen, wo man ihn erreichen konnte, nur die Nummer eines toten Anschlusses in der Hand, was darauf schließen ließ, dass er die Rechnung nicht bezahlt hatte, all das grenzte an Verantwortungslosigkeit ... Und schon war sie ihm wieder einmal böse und träumte davon, wie sie ihn zurechtweisen würde, nachdem die Sorge in Wut umgeschlagen wäre, stellte sich vor, wie sie ihm den Kopf waschen würde, sobald er zurück wäre.
Bei Verwandten ist man rasch in heller Aufregung, wenn das Klingeln sich im Leeren verliert. Es lässt die Phantasie auf Hochtouren laufen, immer vermutet man gleich das Schlimmste, bei Philip hingegen war es fast normal, ein weiteres Zeichen seiner Leichtfertigkeit, seines kindlichen Wesens.
Hinter ihrer lächelnden Fassade dachte Vanessa nur noch an eins: wie sie ihm die Leviten lesen würde, sobald sie ihn in die Finger bekäme. Die andern neigten dazu, Philips Gedankenlosigkeit als eines seiner typischen Wesensmerkmale, wenn nicht gar als Vorzug zu betrachten, aber mochten sich auch alle mit der mangelnden Zuverlässigkeit ihres Bruders abgefunden haben, sie hatte die Hoffnung, ihn zu ändern, noch nicht aufgeben.
»Hätten Sie vielleicht etwas zu trinken?«
»Selbstverständlich. Vanessa, kümmerst du dich darum?«
Vanessa warf ihrer Schwester einen giftigen Blick zu, entrüstet über den herablassenden Ton, der deutlich machte, wie sehr die bloße Gegenwart dieses Mannes sie alle Natürlichkeit verlieren und in eine improvisierte Rolle schlüpfen ließ. Sie knotete ihr Handtuch fest zu und stand wortlos auf, als habe sie sich bereits damit abgefunden, dass dieser Nachmittag nun einmal verpfuscht war. Widrige Umstände führten eben manchmal dazu, dass man einfach nicht seine Ruhe haben konnte.
Dieser Durst ließ ihn noch einmal die ganze Reise durchleben, als sei er sein ständiger Begleiter gewesen: der übereilte Aufbruch, das schwindelerregende Gefühl, von Bord zu gehen, die vielen Verlockungen, der Nachgeschmack von Chlor, immer derselbe, ganz gleich aus welchem Wasserhahn man trinkt, dem der Autobahnrastplätze oder der Hafentoiletten, der Chlorgeschmack der Wasserkaraffen in den Cafés und der Trinkbrunnen, und jedes Mal die Schwierigkeit, anhand der Erzählungen des anderen den Weg zu finden, endlich den Durst zu stillen.
Julie kostete es aus, dass dieser Kerl wie aufgepflanzt neben ihr stand, und ließ ihn jene Überlegenheit spüren, über die man auf seinem eigenen Grund und Boden verfügt - weder aus Arroganz noch aus Verachtung, sondern einzig aus der heimlichen Genugtuung heraus, die anderen zu beherrschen, sie dazu zu bringen, bei allem um Erlaubnis zu bitten. Als kleines Mädchen war sie in dieser Hinsicht unausstehlich gewesen und hatte am Wochenende häufig Schulfreundinnen nach Hause eingeladen, nur um sie alle bevormunden zu können. In dem Moment schnappte sich Boris unaufgefordert einen Stuhl und nahm Platz. Er ließ die Brille wieder auf die Nase sinken, und verwirrt erblickte Julie ihren eigenen Widerschein, der wie eine kurze Bildstörung über die schwarzen Gläser huschte; sie sah ihr verdutztes Gesicht und richtete sich hastig auf.
Diese Selbstsicherheit, diese Art, nicht zu fragen, sich überhaupt nicht auf ihr Spielchen einzulassen, das gefiel ihr, es reizte sie, dass ein Mann so unverfroren sein konnte. Schon malte sie sich aus, welch raffiniertes Vergnügen, welchen Triumph es bedeuten würde, diesen Kerl aus dem Gleichgewicht zu bringen oder ihm auf irgendeine Weise Unbehagen zu bereiten.
Auf der Freitreppe tauchte Vanessa wieder auf, gekämmt und mit einem auf Achselhöhe um den Körper geschlungenen Pareo. Mit einer Gastlichkeit, die sich auf ein gezwungenes Lächeln beschränkte, reichte sie Boris ein Glas, einen einfachen Granatapfelsaft, den er behutsam wie eine Trophäe entgegennahm. Diese paar Deziliter, dieses kostbare Nass, das er da in Händen hielt, war gleichsam die Zeiteinheit, die ihm zum Überzeugen blieb; solange dieses Glas nicht ausgetrunken war, hatte er einen Vorwand, sich hier einzunisten, wohlwissend, dass das letzte Fährschiff die Insel um zwanzig Uhr verließ. Bevor er die Lippen benetzte, drehte er das Glas lange zwischen den Handflächen hin und her, um sich daran zu kühlen, er hob es sogar an die Wange und hielt es vor die Augen, ein vollkommen flüssiges, vollkommen rotes Rot, wie alles, was man dadurch sah, das Haus, den Park - alles waberte in einem roten Nebel, der Pool, das dahinterliegende Meer, die gesamte Szenerie waren in dieses Granatapfelrot getaucht, in den Saft einer Frucht, den man ihm gereicht hatte, eines zertrampelten Granatapfels ... Schließlich hielt er es nicht mehr aus und leerte das Glas in einem Zug, dann setzte er es seufzend wieder ab. Und mit der Dringlichkeit eines Reflexes bat er darum, dass man ihm nachschenkte.
Vanessa war von diesem Wunsch überrascht, eine Flegelhaftigkeit ohnegleichen, die bloß von seinem zufriedenen Lächeln abgemildert wurde.
Für Julie hatte er einfach nur Durst.
»Willst du ihm denn nicht nachschenken?« [...]
»Mit Ultraviolett hat der Franzose Serge Joncour einen hitzigen Krimi verfasst, der an Patricia Highsmiths Mr. Ripley oder an  die eleganten Suspense-Filme "Match Point" und "Swimming Pool" erinnert.«
Isabel Lauer (Nürnberger Zeitung, 23.07.2009)

»Weiterlesen wird zur Sucht.«
(Trottwar; 04/2009)

»... Serge Joncour spielt in seinem großartigen Sommer-Roman geschickt auf der Klaviatur der Lesererwartungen. Mal erinnert die latente Bedrohlichkeit des Hitzeschockers an Patricia Highsmiths "Der talentierte Mr. Rippley", dann wieder an die besten Krimis von Claude Chabrol. Und im Kopf des Lesers läuft längst der eigene Film ab.«
Rupert Sommer (in münchen, 4.12.2008)

»Der Schatten von Patricia Highsmith ist nie besonders fern ...«
La Provence
Klett-Cotta Roman Aus dem Französischen von Nathalie Mälzer-Semlinger (Orig.: U. V.)
1. Aufl. 2008, 174 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-93793-0
autor_portrait

Serge Joncour

Serge Joncour wurde 1961 geboren, lebt als freier Schriftsteller in Paris. Er hat mittlerweile sechs Romane veröffentlicht, die in 18 Sprachen ...



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