Sämtliche Werke in 18 Bänden, Band 9. Das neue Reich

Buchdeckel „978-3-608-95115-8
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Der letzte Gedichtband Stefan Georges

»Das Neue Reich«, der letzte Gedichtband Georges, ist eine lyrische Summe der Jahre 1908 bis 1926. Er erschien in einer ersten Auflage von 10000 Exemplaren, nach einigen Jahren wurden 4000 Exemplare nachgedruckt. Die Wirkungsmacht Georges und seiner Dichtung war auf dem Höhepunkt angekommen – was auch die Zuerkennung des Goethepreises des Jahres 1928 belegt.
»Das Neue Reich« zeigt »die ganze Schwingungsweite des Georgeschen Tones, von der prägnanten dramatischen Wechselrede über den hochstilisierten Seherspruch bis zum fast volksliedhaften schlichten Sang.«
Hans Georg Gadamer

Georges öffentlich richtende Stimme (»Der Krieg«), die mahnend an uns gerichtet ist, die aber auch tröstet und gedenkt (»Sprüche an die Lebenden und an die Toten«), wird erweitert um den leise resignativen Alterston der Lieder, mit denen der Band schließt.


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Leseprobe
GEHEIMES DEUTSCHLAND

Reiss mich an deinen rand
Abgrund – doch wirre mich nicht!

Wo unersättliche gierde
Von dem pol bis zum gleicher
Schon jeden zoll breit bestapft hat
Mit unerbittlicher grelle
Ohne scham überblitzend
Alle poren der welt:

Wo hinter maassloser wände
Hässlichen zellen ein irrsinn
Grad erfand was schon morgen
Weitste weite vergiftet
Bis in wüsten die reitschaar
Bis in jurten den senn:

Wo nicht mehr · rauher obhut ·
Säugt in steiniger waldschlucht
Zwillingsbrüder die wölfin
Wo nicht · den riesen ernährend ·
Wilde inseln mehr grünen
Noch ein jungfrauen-land:

Da in den äussersten nöten
Sannen die Untern voll sorge ·
Holten die Himmlischen gnädig
Ihr lezt geheimnis .. sie wandten
Stoffes gesetze und schufen
Neuen raum in den raum ...

Einst lag ich am südmeer
Tief-vergrämt wie der Vorfahr
Auf geplattetem fels
Als mich der Mittagschreck
Vorbrechend durchs ölgebüsch
Anstiess mit dem tierfuss:

›Kehr in die heilige heimat
Findst ursprünglichen boden
Mit dem geschärfteten aug
Schlummernder fülle schooss
Und so unbetretnes gebiet
Wie den finstersten urwald‹ ..

Fittich des sonnentraums
Streiche nun nah am grund!

Da hört ich von Ihm der am klippengestad
Aus klaffendem himmel im morgenschein
Ein nu lang die Olympischen sah
Worob ein solches grausen ihn schlug
Dass er zu der freunde mahl nicht mehr kam
Und sprang in die schäumenden fluten.

In der Stadt wo an pfosten und mauereck
Jed nichtig begebnis von allerwärts
Für eiler und gaffer hing angeklebt:
Versah sich keiner des grossen geschehns
Wie drohte im wanken von pflaster und bau
Unheimlichen schleichens der Dämon.

Da stand ER in winters erleuchtetem saal
Die schimmernde schulter vom leibrock verhüllt
Das feuer der wange von buschigem kranz ·
Da ging vor den blicken der blöden umhegt
Im warmen hell-duftenden frühlingswehn
Der Gott die blumigen bahnen.

Der horcher der wisser von überall
Ballwerfer mit sternen in taumel und tanz
Der fänger unfangbar – hier hatte geraunt
Bekennenden munds unterm milchigen glast
Der kugel gebannt die apostelgestalt:
›Hier fass ich nicht mehr und verstumme‹

Dann aus der friedfertigen ordnung bezirk
Brach aus den fosfor-wolken der nacht
Wie rauchende erden im untergang
Volltoniges brausen des schlachtengetobs ·
Es stürmten durch dust und bröcklig geröll
Die silberhufigen rosse.

Bald traf ich Ihn der mattgoldnen gelocks
Austeilte in lächeln wohin er trat
Die heiterste ruh – von uns allen erklärt
Zum liebling des glückes bis spät er gestand
Im halt des gefährten hab er sich verzehrt –
Sein ganzes dasein ein opfer.

Den liebt ich der · mein eigenstes blut ·
Den besten gesang nach dem besten sang ..
Weil einst ein kostbares gut ihm entging
Zerbrach er lässig sein lautenspiel
Geduckt die stirn für den lorbeer bestimmt
Still wandelnd zwischen den menschen.

Durch märkte und gassen des festlands hin
Wo oft ich auf wacht stand · bat ich um bescheid
Das hundertäugig allkunde Gerücht:
›Ist ähnliches je dir begegnet?‹ Worauf
Vom ungern Erstaunten die antwort kam:
›Alles – doch solches noch niemals‹.

Heb mich auf deine höh
Gipfel – doch stürze mich nicht!

Wer denn · wer von euch brüdern
Zweifelt · schrickt nicht beim mahnwort
Dass was meist ihr emporhebt
Dass was meist heut euch wert dünkt
Faules laub ist im herbstwind
Endes- und todesbereich:

Nur was im schützenden schlaf
Wo noch kein taster es spürt
Lang in tiefinnerstem schacht
Weihlicher erde noch ruht –
Wunder undeutbar für heut
Geschick wird des kommenden tages.
Klett-Cotta Reihe: Sämtliche Werke in achtzehn Bänden
Hrsg. von Stefan-George-Stiftung, Stuttgart
1. Aufl. 2001, 180 Seiten, Gebunden
ISBN: 978-3-608-95115-8
autor_portrait

Stefan George

Stefan George, 1868 im hessischen Büdesheim als Sohn eines wohlhabenden Gastwirts geboren, wohnte ab 1873 in Bingen. Nach dem Abitur reiste er ...

Stefan-George-Stiftung, Stuttgart

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