Alle Bilder führen nach Rom

Eine kurze Geschichte des Sehens

Das könnte Sie interessieren

Die Römische Revolution

Machtkämpfe im antiken Rom

Botschaften des Schönen

Kulturgeschichte der Antike

Die klassische Welt

Eine Weltgeschichte von Homer bis Hadrian
Dieses Buch erwerben
13,00 EUR (D), 13,40 EUR (A)
gebunden mit Schutzumschlag
Versandkostenfrei nach D, CH, A; hier inkl. Mwst. - >> Lieferinformationen - Einzelheiten zu Ihrem Widerrufsrecht finden Sie in den >> AGBs. - >> Akzeptierte Zahlungsmittel

Ein neuer Zugang zu antiker Kunst und Kultur

Waren uns die Römer wirklich so ähnlich, wie sie uns in Buch und Film vorgeführt werden? Waren sie tatsächlich die Vorreiter unserer Konsum- und Spaßgesellschaft? Das Buch lädt zu einer ungewöhnlichen Entdeckungsreise in die Welt der Bilder ein. Römische Statuen, Reliefs und Wandbilder treffen auf heutige Presse- und Werbefotos. Der Vergleich zeigt: Die Beschäftigung mit den Römern ist gerade auch deshalb reizvoll, weil ihre Welt anders war. Aus der römischen Perspektive betrachtet, bewegen wir selbst uns jedenfalls in einer reichlich seltsamen Welt.

»Ritter entschlüsselt Bild-Inhalte im Altagskontext und frei von Jargon. Man staunt, wie viel man nicht bemerkt hat«
Arno Orzessek (DeutschlandRadio Kultur, März 2009)

Das Buch lädt zu einer ungewöhnlichen Entdeckungsreise in die Welt der Bilder ein. Römische Statuen, Reliefs und Wandbilder treffen auf heutige Presse- und Werbefotos, in denen uns ja ebenfalls, so wie damals den Römern, menschliche Vorbilder als Orientierungshilfe vorgesetzt werden.

Im Spiegel zeittypischer Bilder treffen Leitfiguren aus Antike und Gegenwart paarweise aufeinander. Politische Führungskräfte, Arbeit- und Freizeitnehmer, Paare mit und ohne Kind, Barbaren und Götter. Anhand der Bilder wird gefragt: Wie sahen die Menschen damals sich selbst und ihre Mitwelt, und wie gingen sie mit Grundfragen der menschlichen Existenz um, mit Phänomenen wie Schönheit und Charakter, Liebe und Tod, Mann und Frau? Ritter führt die Leser durch die Bilderwelten der Antike und der Gegenwart. Was er findet, sind die Sehnsüchte, Ängste und Hoffnungen der Menschen, damals wie heute.

Inhaltsverzeichnis

Einleitung
Annäherung mit Hindernissen
Die Römer und wir: Vertraute Welten
Wir und die Römer: Fremde Bilder
Gesichter der Politik
Das politische Gesicht I: amtlich
Das politische Gesicht II: leutselig
Machtverflechtungen: Der Herrscher im Familienkreis
Vorübergehende Begegnung: Der Herrscher und sein Volk
Das Böse in Person: Der Barbar
Arbeit und Freizeit
Die Arbeitswelt zwischen Leid und Lust
Gehobene Geselligkeit
Familie und Partnerschaft
Familienglück, unterwegs
Paare der Oberklasse: Der Mars-Mann und die Venus-Frau
Wir und unsere Bilder
Funktionsverengung und Kurzlebigkeit
Der Mensch als Konstante
Die Entsorgung von Alter und Gewalt
Die Ausblendung von Machtverhältnissen
Der Reichtum in Reichweite
Das Gesicht der Spaßgesellschaft
Die Ausbreitung familiärer Umgangsformen
Verlorene Spielmöglichkeiten, gewonnene Affekte
Der Nachahmungsdruck
Sprach-Verarmung
Eine Ermunterung
Bildnachweise und Literatur
Anmerkungen

Leseprobe


Das Gesicht der Spaßgesellschaft
»Unsere Zivilisation, sagt er, leidet an vitaler Erschöpfung ... Wir brauchen Abenteuer und Erotik, denn wir müssen uns ständig ein reden, das Leben sei wunderbar und erregend; und natürlich haben wir genau daran so unsere Zweifel.«
(Michel Houellebecq, Ausweitung der Kampfzone [2006] 32 f.)
Unseren Bildern zufolge leben wir in einer Welt von jungen bzw. junggebliebenen, gesunden, wohlhabenden und lebenszugewandten Menschen, die freundlich und gleichberechtigt miteinander verkehren, wohl wissend, dass sich Geld nach Leistung verteilt und prinzipiell jedem erreichbar ist. Die so beschaffenen Menschen können sich ganz unbeschwert dem angenehmen Lebenszweck widmen, sich ihr Dasein durch immer neue Anschaffungen zu verschönern. Nicht umsonst gibt es zur Beschreibung dieser lustvollen Betätigung den Begriff »Kauflaune«, ein Hochgefühl, für das die Römer kein sprachliches Äquivalent hatten.
Diese schöne, von sorglosen Menschen bevölkerte Welt hat ihren angemessenen Ausdruck im Lachen gefunden. Das Lachen ist, wenn man den Bildern glaubt, in nahezu allen Lebensbereichen die vorherrschende Ausdrucksform, bis hinein in die Politik und sogar die Arbeitswelt. Von biblischer über die römische Zeit bis weit in die Neuzeit herrschte die Vorstellung, dass Arbeit eine mit Mühe und Plage verbundene Last ist, die man nur dann auf sich nimmt, wenn es zur Sicherung des Lebensunterhaltes unvermeidlich ist. In der modernen Welt hat die Arbeit eine radikale Umwertung erfahren und gilt als begehrtes Privileg, über das man froh zu sein hat. Natürlich widerspricht die Behauptung, Arbeit mache fröhlich, eklatant der Alltagserfahrung. Denn derjenige, der Arbeit hat, klagt für gewöhnlich über zu viel Arbeit - eine Klage, die einen Rückfall in die jahrtausendelang gültige Normalsicht darstellt.
Die von den Bildern suggerierte Behauptung, das vorherrschende Lebensgefühl unserer Kultur sei der Frohsinn, würde ein Römer als höchst irritierend und unglaubhaft empfinden. Bei der Etablierung des lachenden Menschen in der Bilderwelt handelt es sich ja auch um einen einigermaßen absurden Vorgang. Von der Natur ist das Lachen als kurzfristiger Ausnahmezustand vorgesehen, der durch eine bestimmte Ursache ausgelöst wird, kurz aufwallt und dann allein schon deshalb wieder verschwinden muss, weil die Gesichtsmuskeln den Spannungszustand nicht lange aushalten können. Weder die Römer noch die ihnen nachfolgenden Bildkulturen sind auf die Idee gekommen, im Umgang mit dem Gesicht den Naturgesetzen derart zuwiderzuhandeln.
Das tiefe Befremden eines römischen Zeitreisenden wäre auch deshalb sehr verständlich, weil die Menschen unserer Bilder in der Regel lachen, ohne dass ein Grund ersichtlich ist. In der Wirklichkeit verlangt Lachen eine Erklärung; grundloses Lachen hat etwas Verstörendes, ja Debiles. In der Produktwerbung wird das Produkt als Auslöser vorgestellt, aber diese Kausalität - kauf mich, dann hast du was zu lachen - hat mit der Realität wenig zu tun. Beim Erwerb eines Rasierapparates, Waschpulvers oder Schrankes freut man sich wohl, aber man lacht nicht laut, weder im Laden noch beim Studieren der Gebrauchsanweisung, und erst recht nicht, wenn man sich an das Erworbene gewöhnt hat. Das Lachen der Werbeträger ist, auch wenn es noch so überzeugend, spontan und natürlich wirkt, etwas hochgradig Artifizielles und Konstruiertes, der Wirklichkeit Fernes. Das wird auch daran deutlich, dass keine Regel erkennbar ist, nach der im einen Fall gelacht wird, im anderen nicht. Der Grad der Fröhlichkeit hat mit der Art des Produktes nichts zu tun.
Es gibt nicht den geringsten Anhaltspunkt dafür, dass im alten Rom weniger gelacht wurde als heute. Nur hielt man diese gefühlsintensive Entäußerung damals nicht für bildwürdig, weil man ihr nicht die Fähigkeit zubilligte, etwas Wesentliches über den Menschen auszusagen. Bei der Erhebung des Lachens zur Maxime handelt es sich um die autosuggestive Entäußerung einer Kultur, die keine Sorgen zu haben vorgibt. Das ist freilich keine Eigenheit marktorientierter Gesellschaften, sondern das kennen wir auch aus der heilen Bilderwelt sozialistischer Staaten, die lediglich einen anderen Weg zum Glück versprochen haben. In Europa haben die beiden ideologisch verfeindeten Gesellschaftssysteme lange gemeinsam um die Wette gelacht, bis einem von ihnen das Lachen verging. [...]
Sprach-Verarmung
»Doch woher besitzen wir unsere Kenntnisse vom Römischen Reich? Besonders in der späten Republik und der Kaiserzeit bildete sich - wie in Ansätzen vorher bei den Griechen und wohl nicht zufällig (eben in römischer Tradition) bei den Europäern der Neuzeit - ein narzistischer Individualismus heraus, der dazu führte, sich bei jeder Gelegenheit zu präsentieren, um gut dazustehen und die anderen im Bekanntheitsgrad zu überflügeln. Ein Römer hätte wohl unsere heutigen Medien geliebt.«
(Rainer Vollkommer, Das Römische Weltreich. Theiss WissenKompakt [2008] 11)
Kommen wir noch einmal zur Ausgangsfrage dieses Buches zurück: Wie steht es denn nun mit den Traditionssträngen, mit denen wir, die Bewohner der westlichen Welt, uns fest und behaglich in der römischen Kultur verwurzelt glauben? Ist die innere Bindung an die Antike tatsächlich, wie gemeinhin als selbstverständlich vorausgesetzt wird, auf das Medium der Bilder übertragbar? Stimmt also die oben zitierte Behaup tung: »Ein Römer hätte wohl unsere heutigen Medien geliebt«?
Auf den ersten Blick kann man diesen Eindruck durchaus haben. Wir leben, so wie auch die Römer, in einer von Bildern geprägten Kultur. Heute wie damals führen Bilder eine Idealwelt vor, deren Hauptgegenstand der Mensch ist. Sie bestätigen und propagieren die eigene Weltordnung und zeigen dem Betrachter, dass er in der besten aller Welten lebt, zu deren Gestaltung und Lebensmaximen es keine Alternative gibt. Aber sobald man genauer hinzuschauen beginnt, tun sich fundamentale Unterschiede auf.
Der gravierendste Unterschied besteht darin, dass die Römer in ihren Bildern zwei Vorstellungswelten hatten, nicht nur die sichtbare Welt, sondern auch eine virtuelle Überwelt, die von sehr konkret und vital vorgestellten, allgemein vertrauten Figuren bevölkert wurde. Das Vorhandensein derartiger Ausdrucksmöglichkeiten hat unmittelbar etwas damit zu tun, worüber man kommuniziert. Das reiche Ausdrucksrepertoire erlaubte es, das Leben in all seinen Facetten ins Bild zu bringen, auch in seinen bedenklichen oder beängstigenden wie Alter, Gewalt, Tod, Leid, Hass, Neid, Verzweiflung, Misserfolg etc. Die Auftraggeber, Hersteller und Betrachter der Bilder waren in ein allgemein verstehbares Kommunikationssystem eingebunden, in welchem alle Aspekte des Daseins zum Gegenstand gemacht werden konnten.
In unserer kommerzialisierten Bilderwelt begegnet das Leben nicht in seiner prallen und widersprüchlichen Ganzheit, sondern nur in jenem gefälligen Ausschnitt, in dem Reichtum und Schönheit, Gesundheit und Zuversicht, Freundlichkeit und Zuneigung, Frohsinn und Lebenslust zu Hause sind. Anderes trauen wir den auf Breitenwirkung abzielenden Bildern offenbar nicht zu. Das Unbequeme und Grenzwertige wird nur noch in jener exotischen Randgruppe von Bildern verhandelt, die wir »Kunst« nennen. Doch diese Sparte hat sich in ihrer Bildsprache längst verselbständigt und von der visuellen Alltagskost weitestgehend abgenabelt. Im Reservat der Kunst haben die breitgefächerten Darstellungsinteressen der antiken Bilder überlebt, nicht aber deren Darstellungsmittel. Bei den Bildern, die wir im Alltag antreffen, ist es genau umgekehrt, hier sehen die Menschen zwar so ähnlich aus, wie sie schon in der Antike aussahen, aber die Interessenfelder sind völlig andere. Uns gilt die strikte Bindung der Bilder an die sichtbare Realität als positiv, als Zeichen besonderer Glaubwürdigkeit. Aber genau diese Bodenhaftung würde einen Römer, beträte er unsere Welt, hochgradig befremden, denn er würde sie ganz anders deuten: als Phantasielosigkeit.
Mit dem begrenzten Interessenspektrum hängt ein weiterer grundlegender Unterschied zusammen: Die antiken und die heutigen Bilder verfolgen verschiedene Absichten, sprechen den Betrachter unterschiedlich an und wollen jeweils ganz anders zur Kenntnis genommen werden.
Mythische Geschichten sind, selbst wenn sie in menschlichen Darstellungen nur in reduzierter Form (im Körpertypus oder einem Attribut) zur Sprache kommen, grundsätzlich mehrdeutig, d. h. sie können in verschiedene Richtungen ausgedeutet und unterschiedlich verstan den werden. In den römischen Bildern werden - jenseits aller real existierenden Konflikte, Probleme und Nöte - kollektive Werte und Normen menschlichen Zusammenlebens exemplifiziert und immer wieder neu verhandelt und abgesteckt. Die Bilder animieren dazu, sich auf sie einzulassen und sich mit ihnen auseinanderzusetzen. Sie stoßen Gedanken an, man kann und soll über sie ins Gespräch kommen.
Unsere Bilder wollen zwar ebenfalls möglichst viele Menschen erreichen, aber in Wirklichkeit richten sie ihre Verheißungen und Verlockungen an den Einzelnen; die jüngst erschienene (im Übrigen gut lesbare) Biografie von Oliver Kahn trägt den ganz symptomatischen Titel: »Ich. Erfolg kommt von innen«. Der einzelne Betrachter, das Ich, soll sich als potentieller Gewinner angesprochen fühlen, und das heißt: in Abgrenzung und im Gegensatz zu den Anderen, Erfolglosen. Die Werbebilder funktionieren nur deshalb, weil sie den Einzelnen an seiner verwundbarsten Stelle, dem Selbstwertgefühl, packen, auf seinen Ehrgeiz setzen und ihn letztlich zu egomaner Lebensführung animieren. Wer die Bilder, bis hin zur Nachahmungsbereitschaft, ganz auf sich persönlich bezieht, hat auch keine Veranlassung, seine Erkenntnisse mit anderen Betrachtern, also potentiellen Konkurrenten zu teilen und das Gespräch zu suchen.
Führen alle Bilder nach Rom? Die Antwort ist: Ja, aber nur in Teilen, d. h. im Dominieren des Menschen und - wie in den einzelnen Kapiteln immer wieder gesehen - im durchaus häufigeren Vorkommen ähnlicher oder vergleichbarer Bildmotive und Gestaltungsformen. Ansonsten ist bei unseren Bildern alles anders, nicht nur ihr Ausdrucksrepertoire, sondern vor allem ihre Sinngebung und Reaktionserwartung. Ihre Botschaften sind nicht mehr-, sondern eindeutig. Sie sollen das Leben nicht einfach schöner und bunter machen, sondern mehrheitlich die Kauflaune in bestimmte Bahnen lenken. Sie sprechen den Menschen nicht als Gemeinschaftswesen, sondern als Einzelnen an. Sie sind nicht zu eingehender Betrachtung, sondern zum raschen Genuss bestimmt, sie sollen sich in kürzester Zeit im Kopf festsetzen und ihre Wirkung entfalten. Sie wollen nicht Gedanken freisetzen und zum Ausschweifen stimulieren, keine Kommunikation in Gang setzen. Sie wollen eigentlich keine Aufmerksamkeit auf sich ziehen.
»Der Münchner Archäologe hält nicht nur zeitgenössischen Politikern den Spiegel mit ihren antiken Vorgängern vor. Sondern er vergleicht auch die seit mehr als 2000 Jahren gültigen Konventionen der heute gängigsten Bildgattungen.«
(Abendzeitung, 23.04.2009)

»Der Autor mach aus seiner "kurzen Geschichte des Sehens" eine intensive Unterrichtseinheit des genauen und richtigen Betrachtens.«
Daniela Maria Ziegler (Kunstbuchanzeiger, 06.04.2009)

»Ritter entschlüsselt Bild-Inhalte im Altagskontext und frei von Jargon. Man staunt, wie viel man nicht bemerkt hat«
Arno Orzessek (DeutschlandRadio Kultur, März 2009)
Klett-Cotta
1. Aufl. 2009, 240 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, 12 Karten, 24 Farb- u. 23 s/w-Abbildungen
ISBN: 978-3-608-94374-0
autor_portrait

Stefan Ritter

Prof. Dr. Stefan Ritter, geboren 1959, lehrt Klassische Archäologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München und ist Direktor des Museums für ...



Unser Service für Sie

Zahlungsmethoden
PayPal (nicht Abos),
Kreditkarte,
Rechnung
weitere Infos

PayPal

Versandkostenfreie Lieferung
nach D, A, CH

in D, A, CH inkl. MwSt.
 
weitere Infos

Social Media
Besuchen Sie uns bei


www.klett-cotta.de/im-netz
Facebook Twitter YouTube
Newsletter-Abo

Klett-Cotta-Verlag

J. G. Cotta’sche Buchhandlung
Nachfolger GmbH
Rotebühlstrasse 77
70178 Stuttgart
info@klett-cotta.de