Anastasios I.

Die Entstehung des Byzantinischen Reiches
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Der dramatische Übergang vom Imperium Romanum zum Byzantinischen Reich

Während der Herrschaft Kaiser Anastasios’ I. (491 - 518) zerbrach die jahrhundertealte Einheit der Mittelmeerwelt. Mischa Meier zeichnet als Erster ein eindrucksvolles Bild dieser Zeit, in der sich im Osten und Westen des ehemaligen Römischen Reiches eigene politische und kulturelle Einheiten bildeten.

Mit dieser ersten deutschsprachigen Biographie des spät-römischen »Endzeit«-Kaisers Anastasios I. macht der Autor deutlich, wie sich der Westen bis heute von der östlichen Welt grundlegend unterscheidet. Mit seinen mutigen wie drastischen Reformen gelang dem Kaiser eine nachhaltige Konsolidierung des strauchelnden Oströmischen Reiches. Während seiner Regierung vollzog sich der epochemachende Übergang des Imperium Romanum in das Byzantinische Reich.
Zugleich wirft Meier den Blick auch auf Theoderich und die germanischen Nachfolgereiche sowie auf das persische Sassanidenreich. Die dramatischen Beziehungen zwischen Ostrom und den Päpsten werden ebenso behandelt wie die kriegerischen Auseinandersetzungen und geistigen Konflikte der spätrömischen Geschichte: eine Gesamtdarstellung der Spätantike als eine große Umbruchepoche.

Inhaltsverzeichnis

VORWORT
I. ANASTASIOS UND SEINE WELT
II. RINGEN uM STABILITäT: DAS RÖMISCHE REICH IM 5. JAHRHUNDERT n. CHR.
1 . Konstantinopel - die labile Hauptstadt
2 . Der Verlust des Westens und die Schwächung des Kaisertums im Oströmischen Reich des 5 . Jahrhunderts
3 . Politik und Religion
III. DER UNGELIEBTE KAISER (491 - 498)
1 . Herkunft und Karriere im endzeitlichen Kontext
2 . Erhebung zum Kaiser
3 . Kampf gegen die Isaurier und Sicherung der Herrschaft
4 . Fehlendes Vertrauen: Aufstände in Konstantinopel und Konflikte mit dem Patriarchen .
5 . Die Ostgoten in Italien: Anastasios und die Herrschaft Theoderichs des Großen
6 . zwischen Verhärtung und Entspannung: Das Verhältnis zu den Päpsten unter Gelasius I. ( 492 - 496 ) und Anastasius II. ( 496 - 498 )
IV. REFORMEN IM INNERN, ABSICHERUNG NACH AUSSEN: DIE KONSOLIDIERUNG DES OSTRÖMISCHEN REICHES (498 -512)
1 . Das Jahr 498 und die ära der Reformen - Auf dem Weg zur Konsolidierung des Oströmischen Reiches
2 . Ein neuer Gegner: Die Bulgaren
3 . Das Reich igelt sich ein: Die ›Langen Mauern‹
4 . Neue Aufstände in Konstantinopel
V. DIE BEWäHRuNGSPROBE: KRIEG GEGEN DIE PERSER (502 -506)
1 . Römer und Perser in der Spätantike
2 . Die erste Phase des Krieges: Kabades' Angriff und der Fall von Amida
3 . Die zweite Phase des Krieges: Eine römische Gegenoffensive scheitert
4 . Die dritte Phase des Krieges: Die Entsendung Kelers und das erneuerte römische Selbstbewusstsein
VI. EIN BLICK NACH WESTEN (504 -514)
1 . Konflikte mit den Ostgoten
2 . Das ›Laurentianische Schisma‹ in Rom
VII. DIE ESKALATION DER RELIGIöSEN KONFLIKTE (506 -512)
1 . Die Miaphysiten gehen in die Offensive: Philoxenos von Mabbug und Severos von Sozopolis
2 . Zuspitzung der Situation: Die Absetzung des Makedonios
3 . Eskalation: Der große Aufstand gegen Anastasios im Jahr 512
VIII. DIE LETzTEN JAHRE (512 -518)
1 . Neue Patriarchen in Antiocheia und Konstantinopel
2 . Der Aufstand Vitalians und die Geschichte eines Konzils, das nie stattgefunden hat
3 . Weitere Verhandlungen und der endgültige Bruch mit Rom
4 . Das Ende
IX. EPILOG
ANHANG
Herrscher- und Bischofslisten
Zeittafel
Abkürzungen
Quellen
Literatur
Anmerkungen .
Bild- und Kartennachweis
Personenregister
Sachregister
Geographisches Register

Leseprobe

I. ANASTASIOS UND SEINE WELT
Man versetze sich für einen kurzen Moment an irgendeinen Platz an der unteren Donau. Ein schneidender Wind peitscht kalten Regen über die trostlosen Ebenen. Mitten in der Weite ein paar ausgemergelte Soldaten, völlig unzureichend ausgerüstet und dementsprechend schlecht motiviert, die von einer Horde wilder Krieger überrannt werden und verendend im Schlamm zurückbleiben. Die Hilferufe der Sterbenden werden vom aufziehenden Nebel verschluckt, ebenso wie die eilig davongaloppierenden Angreifer. - Ein jeder, der in der westlich-europäischen Kultur aufgewachsen und sozialisiert ist, wird sogleich eine klare Assoziation haben: Das ist das finstere Mittelalter. Man stelle sich gewaltige Palastanlagen vor, denen ebenso eindrucksvolle Foren und Säulenhallen vorgelagert sind. Prachtvolle Statuen säumen breite Straßen, Goldverzierungen glänzen im Sonnenlicht von den Kuppeldächern gigantischer Kirchen herab, während ältere Herren in der ehrwürdigen Toga unter den schattenspendenden Portiken lustwandeln und über die aktuelle Politik im Lichte des platonischen Idealstaates disputieren. - Jedem dürfte klar sein: Die griechisch-römische Antike lässt grüßen. Irgendwo in Mitteleuropa: Eine kleine Schar einfach gewandeter Reiter nähert sich einem Dorf. Die Einwohner fliehen vor der sich anbahnenden Katastrophe panisch in alle Richtungen, kurze zeit später steht der Weiler bereits vollständig in Flammen. Was auf die Schnelle greifbar war, führen die Angreifer mit sich und verschwinden ebenso rasch wieder, wie sie erschienen waren. - So oder so ähnlich stellt man sich wohl die Völkerwanderung vor.
Tausende von Menschen ziehen singend und betend durch die engen Straßen einer großen Hafenmetropole, an ihrer Spitze festlich gewandete Priester, hoch rangige Beamte und Funktionäre sowie die Häupter der lokalen Aristokratie - bis die fromme Prozession vor den ausladenden Flügeltoren einer Kirche zum Stehen kommt und in die feierliche Messe übergeht, die von den Anwesenden mit höchster Inbrunst zelebriert wird. Ein paar Straßen weiter allerdings liefern sich zwei Gruppen verfeindeter Mönche eine erbitterte Straßenschlacht. Tote und Verletzte bleiben am Boden zurück, als eine Abteilung Soldaten erscheint und die Aufrührer zersprengt. - So ungefähr dürften die verbreiteten Vorstellungen vom frühen Christentum im Osten des Römischen Reiches aussehen.
Keine dieser Assoziationen ist zutreffend; aber ebenso ist auch keine von ihnen wirklich falsch. Es handelt sich bei den evozierten Bildern lediglich um verbreitete Auffassungen von Antike, Mittelalter, Byzanz, der Völkerwanderung usw., deren ›Realitätsgehalt‹ wir ohnehin kaum exakt festmachen können. Dass sie sich alle mit den Jahren um 500 zusammenbringen lassen und gemeinsam ein seltsam anmutendes Konglomerat an Impressionen einer historischen Übergangsphase ergeben, macht den Zeitraum, um den es uns geht, so interessant. Wir befinden uns in jenen Jahren, in denen die Antike sich dem Ende zuneigte und etwas Neues anbrach, das wir heute als Mittelalter bezeichnen. Damals wurden zentrale Weichenstellungen für die weitere Entwicklung der römischen Welt, die schon lange eine ausschließlich solche nicht mehr war, vorgenommen, und die Situation des Imperium Romanum war so brisant, dass jede Entscheidung der Regierung nachhaltige Konsequenzen mit sich bringen konnte. Das war den Akteuren natürlich nicht gegenwärtig - zumindest konnten sie darüber nicht reflektieren -, aber ein Bewusstsein, dass man in einer besonderen Phase lebte, ist doch immer wieder in unseren Zeugnissen greifbar.
Diese Zeugnisse stehen in guter antiker Tradition. Sie bieten uns keine sozial- oder kulturgeschichtlichen Analysen, sondern sie versuchen, historisches Geschehen als Manifestation eines höheren Planes zu erfassen - in unserem Fall des christlichen Heilsgeschehens -, und diese Manifestation kristallisiert sich im Handeln einzelner Personen, welche wiederum als zentrale Akteure im historischen Geschehen angesehen werden: Kaiser, Könige, hohe kirchliche Würdenträger, Aristokraten, Kriegsherren usw. unsere Aufgabe als Historiker ist es, die dabei erfolgende Reduktion von Komplexität durch möglichst plausible Schlussfolgerungen und Modellbildungen zumindest partiell wieder rückgängig zu machen und differenziertere, von modernen Fragestellungen angeleitete Vorschläge zur Rekonstruktion und vor allem Interpretation historischen Geschehens zu unterbreiten. Genau dies strebt das vorliegende Buch an, indem es sich auf die Gestalt des spätrömischen Kaisers Anastasios konzentriert und mit Blick auf ihn, seine Umgebung, seine Handlungsspielräume und seine Wirkungskreise versucht, einen Abglanz der ebenso spannenden wie richtungweisenden Geschehnisse der Jahre um 500 erstehen zu lassen - jener Phase, in der die römische Welt, die über Jahrhunderte hin die Kulturen des Mittelmeers integriert hatte, zerbrach und in der sich nach dem Ende des Kaisertums im Westen ( 476 ) auch im Osten allmählich neue Strukturen herauszubilden begannen, die wir retrospektiv als ›byzantinisch‹ bezeichnen.
In der heute üblichen Terminologie würde man Anastasios ( 491 - 518 ) wohl am ehesten einen ›Übergangskandidaten‹ auf dem Thron nennen. Als er im Alter von etwa 60 Jahren zur Überraschung vieler Zeitgenossen die Herrschaft über das Römische Reich antrat, dürfte kaum jemand damit gerechnet haben, dass ausgerechnet er, der D í koros , der Mann mit den verschiedenfarbigen Pupillen, fortan 27 Jahre lang die Kaiserherrschaft behaupten würde und erst im hohen Alter von etwa 90 Jahren abtreten sollte. Seine Regierungszeit gehört zu den längsten unter den römischen Kaisern und sollte damit eigentlich von vornherein wenn nicht Bewunderung, so doch zumindest Eindruck oder Anerkennung erwecken. Trotzdem ist Anastasios das Stigma des Übergangskaisers nicht mehr losgeworden. Vor allem der schier erdrückende Schatten seines berühmten Nachfolgers Justinian ( 527 - 565 - die episodische Herrschaft Justins I. 518 - 527 kann hier außer Betracht bleiben) hat sich über Anastasios gelegt und ließ dabei ihn selbst und seine zeit rasch in den Hintergrund treten, 1 und gegenüber den oströmischen Kaisern des 5 . Jahrhunderts wirken die nahezu drei Jahrzehnte unter seiner Herrschaft auf den ersten Blick auch eher unspektakulär. Seine unmittelbaren Vorgänger Leon I. ( 457 - 474 ) und Zenon ( 474 - 491 ) hatten immerhin ereignisreiche, geradezu turbulente Regierungszeiten zu bieten; Markian ( 450 - 457 ) wird für immer der Ruhm zugeschrieben werden, das folgenreiche, an anderer Stelle noch näher zu besprechende Konzil von Chalkedon ( 451 ) einberufen und damit die Fundamente der ›Orthodoxie‹ gelegt zu haben, unter Arkadios ( 395 - 408 ) und seinem Sohn Theodosios II. ( 408 - 450 ) erhielt Konstantinopel seine dauerhafte Prägung als Hauptstadt des Oströmischen Reiches, und die schillernde Gestalt des Theodosius I. ( 379 - 395 ) hat seit jeher vielfältige Anreize zur Auseinandersetzung geboten 2 - aber Anastasios? Warum Anastasios?
Er ist - zu unrecht - nicht als großer Bauherr in die Geschichte eingegangen, führte keine Aufsehen erregenden Kriege, gilt - ebenso zu unrecht - nicht als herausragender Reformkaiser und veredelte seine Herrschaft nicht mit der Einberufung eines großen ökumenischen Konzils - so hat man es zumindest bislang gesehen und der Person dieses Kaisers folgerichtig gerade einmal zwei eigenständige Darstellungen (aus den Jahren 1969 und 2006 ) gewidmet. zwar wurden daneben immer wieder einzelne Aspekte seiner Herrschaft (auch in monographischer Form) untersucht, aber eine moderne deutschsprachige Anastasios-Biographie existiert weiterhin nicht. 3 Dies mag vor allem aus zwei Gründen resultieren: zum einen wird man nicht um die Frage herumkommen, ob sich angesichts des weithin unspektakulären Bildes, das seine Herrschaftszeit auf den ersten Blick bietet, überhaupt eine nähere Behandlung des Anastasios lohnt. Dieses Problem ist eng verknüpft mit einem zweiten Vorbehalt, nämlich den grundsätzlichen Schwierigkeiten, die das Genos der Biographie aufwirft - anders ausgedrückt: Lohnt es sich überhaupt, über die ohnehin als nicht unproblematisch geltende Gattung der Biographie ausgerechnet auf eine Person zuzugreifen, die man zunächst einmal als eher uninteressant einstufen würde?
Um mit dem Problem ›Biographie‹ zu beginnen: 4 Dieses alte, für historiographische Ambitionen seit der Antike durchgängig zentrale Genos sieht sich vor allem seit der 2 . Hälfte des 20 . Jahrhunderts herber Kritik ausgesetzt. Dabei wurdenichtnurdasgeringetheoretisch-methodischeReflexionsniveauvielerBiographien bemängelt. Vor allem die in der Historiographie des späten 19 . und frühen 20 . Jahrhunderts beliebte Methode, Geschichte aus den Lebensläufen mehr oder weniger berühmter Männer herauszudestillieren und damit zum Objekt individueller gestalterischer Fähigkeiten zu reduzieren, stieß auf zunehmende, berechtigteKritik:AndieStelledergroßenEinzelnenundihrerfaktengesättigten Biographien traten daher die Betonung von Prozesshaftigkeit, der Blick auf strukturelle Rahmenbedingungen und eine wachsende Sensibilität für multikausale Erklärungsmuster historischer Ereignisse und Entwicklungen. Das Individuum hatte dabei zurückzutreten, zumal mit der Betrachtung von Personen zumeist psychologisierende Deutungsansätze einhergingen, die sich wiederum in den meisten Fällen als erfolglose unterfangen erweisen, weil sie eine Quellendichte voraussetzen, die nur selten gegeben ist, und weil sie psychologische Dispositionen, wie sie dem modernen Historiker geläufig sind, unkritisch auch für vergangene Epochen als selbstverständlich voraussetzen - und diese Vorbehalte gelten in besonderem Maße für die Vormoderne. In jüngerer Zeit erfreut sich die Biographie jedoch wieder einer zunehmenden Beliebtheit, sicherlich die Folge einer sich fortwährend weiter entwickelnden Offenheit für unterschiedliche methodische zugriffe,einerzunehmendenSensibilitätfürTheoriereflexionenundeinererneuten Abwendung von lange - in diesem Fall seit den 1970 er Jahren - vorherrschenden Strömungen in der Historiographie mit dem ziel, neben den Strukturen auch wieder Subjekte und ihren Alltag stärker in den Blick zu nehmen. Dies bedeutet freilich keine Rückkehr zur naiven Rekonstruktion von Geschichte aus individuellen Lebensläufen. Moderne reflektierte Biographien versuchen stattdessen, Einzelpersönlichkeiten in ihrer Verstricktheit in politische, soziale und kulturelle Kontexte und somit als Teil ihrer historischen Lebenswelten, von Handlungszusammenhängen und Mentalitäten, darzustellen, und binden damit die vom so genannten Strukturalismus ausgehenden theoretischen Ansätze in ältere Konzepte der Lebensbeschreibung ein. 5 Dabei geht es keineswegs darum, anstatt des traditionellen Slogans »Große Männer machen Geschichte« (Heinrich von Treitschke) ein Gegenkonzept zu etablieren, das einzig Zeitgebundenheit und strukturelle zwänge hervorhebt. Vielmehr zielen moderne Biographien darauf, gerade die wechselseitigen Abhängigkeiten, die Interdependenzen, die sich aus dem Wirken Einzelner und ihren durch unterschiedliche Faktoren definierten Handlungsspielräumen ergeben, herauszuarbeiten und zu analysieren.
In dieser Form wird die Biographie als historiographisches Genos auch für die Alte Geschichte wieder interessant, die ja permanent mit dem Problem konfrontiert ist, dass selbst für herausragende Persönlichkeiten wie Alexander d. Gr. oder Augustus nicht genügend Quellenmaterial vorhanden ist, um eine tragfähige Biographie im ›klassischen‹ Sinne vorzulegen (was nicht bedeutet, dass dies nicht trotzdem immer wieder versucht und auch mit bemerkenswerten Erfolgen geleistet würde). Abgesehen von ganz wenigen Ausnahmen kann man auf die meisten Personen der Antike nur im Zusammenhang dessen zugreifen, was man als ›Zeitumstände‹ oder auch ›Rahmenbedingungen‹ bezeichnen könnte. Dies sollte jedoch nicht nur als Einschränkung hingenommen, sondern vor allem auch als methodische Herausforderung begriffen werden, die der Komplexität des Wirkens von Individuen in historischen Ereigniszusammenhängen eher gerecht wird.
In besonderem Maße gilt dies auch für Anastasios. Denn obwohl für diesen eher unbekannten Kaiser ein - gemessen an anderen Gestalten der Antike - vergleichsweise umfangreiches und auch vielfältiges Quellenmaterial vorliegt, wird man doch stets nur auf seine Person zugreifen können, niemals jedoch auf seine Persönlichkeit - zumindest nicht in einer annähernd befriedigenden Weise. Über den ›Charakter‹ dieses Kaisers, über seine mentalen Dispositionen, individuellen Vorlieben und Abneigungen usw. wird man jedenfalls trotz aller Bemühungen kaum je irgendwelche fundierten Aussagen treffen können, und es wird sich zeigen, dass sogar die Form seines christlichen Bekenntnisses keineswegs eindeutig ist,daRückschlüsseausseinerindieserHinsichtscheinbarunmissverständlichen Religionspolitik, die neben persönlichen Präferenzen auch ganz anderen, davon vollkommen unabhängigen Faktoren unterliegt, methodisch höchst zweifelhaft sind. Wenn daher im Verlauf dieses Buches immer wieder davon die Rede ist, dass Anastasios etwas so oder so gesehen, sich zu diesem und jenem entschlossen habe oder mit etwas zufrieden bzw. unzufrieden gewesen sei, so ist dies metaphorisch zu verstehen - nicht in dem Sinne, dass wir wüssten, was in bestimmten Momenten in ihm vorgegangen ist, sondern als historiographisches Gestaltungsmittel, um erkenn- bzw. erschließbaren Abläufen eine Art ›Gesicht‹ zu verleihen.
In gleicher Weise ist es unmöglich, das Leben dieses Kaisers als chronologisch geordnete Abfolge von Daten und zugehörigen Ereignissen zu erzählen. zum einen besitzen wir für eine derartige Vorgehensweise nicht genügend Quellen, zum anderen würde dies den Anschein eines linearen, in sich geschlossenen, möglicherweise gar zielgerichteten Lebensverlaufs suggerieren, der sich dann nur noch in spezifischen Handlungen und Ereignissen zu manifestieren hätte. Dies aber widerspräche sämtlichen Erkenntnissen über die Offenheit geschichtlicher Prozesse und ihre Auswirkungen auf die historischen Akteure. und schließlich geht es uns nicht darum, eine reine Biographie vorzulegen, sondern anhand der Figur des Anastasios die Jahre um 500 aus einer ganz spezifischen Perspektive heraus narrativ zu erfassen. Aus diesem Grund folgt das vorliegende Buch nur einem lockeren chronologischen Gerüst und behandelt ansonsten vor allem thematisch zusammengehörende Komplexe, die sich in verschiedenster Weise an die Person des Anastasios anlagern bzw. sich in ihr kristallisieren. Das ziel ist dabei, wie bereits angedeutet, die Darstellung des Wirkens und der Wirk möglichkeiten einer Herrscherpersönlichkeit in spezifischen historischen Kontexten (die es ihrerseits erst einmal zu rekonstruieren gilt), und diese Kontexte wiederum lassen sich als eine Phase beschreiben, die von zentraler Bedeutung für die weitere Geschichte des Römischen Reiches war, weil sich in ihr Entwicklungen vollzogen, deren Auswirkungen teilweise noch heute nachwirken.
Unter Anastasios setzte sich zumindest im Osten die Erkenntnis durch, dass es im Westen, in Rom (bzw. Ravenna), keinen römischen Kaiser mehr gab, und Anastasios verlieh dieser Einsicht auch erstmals symbolischen Ausdruck und setzte sie in politisches Handeln um. Während seiner Herrschaft etablierte sich das mächtige Ostgotenreich Theoderichs d. Gr. in Italien, es vollzog sich die fränkische Expansion unter Chlodwig, die Westgoten wurden über die Pyrenäen auf die Iberische Halbinsel gedrängt und begründeten ihr Toledanisches Reich. unter Anastasios befand sich der Osten erstmals in einem längeren Schisma mit dem Westen, und das Ringen um die Gültigkeit der Beschlüsse des Konzils von Chalkedon trat in eine entscheidende Phase. unter Anastasios durchlief das Oströmische Reich einen Prozess der wirtschaftlichen Erholung und finanziellen Konsolidierung, der nicht zuletzt die Basis für die Großtaten Justinians schuf. und schließlich war Anastasios derjenige Kaiser, unter dem nach dem Glauben und den Berechnungen vieler zeitgenossen das Ende der Welt eintreffen musste, der letzte irdische Kaiser also, der Kaiser der Endzeit. All dies macht die auf den ersten Blick unscheinbare Figur des Anastasios zu einer der interessanteren Gestalten der Antike, einer Person, in deren Handeln und Handlungsmöglichkeiten sich all diejenigen Charakteristika einer historischen Epoche abbilden lassen, die - stets mit Blick auf den Kaiser - den eigentlichen Gegenstand dieses Buches ausmachen: Die römische Welt um 500 .
»Meiers Buch glänzt durch eine Lebendigkeit in Ausdruck und Stil, die vielen deutschen Historikern irgendwann so gänzlich abhanden gekommen ist.«
Joachim Käppner, Süddeutsche Zeitung, 27.10.2010

»Er hat einen fast vergessenen Kaiser für das breite Publikum und für die historische Zunft wiederentdeckt. Und er hat eine der besten Biografien spätantiker Herrscher vorgelegt, die in den letzten Jahren im deutschen Sprachraum erschienen sind.«
Stefan Rebenich, Neue Zürcher Zeitung, 14.10.2009

»Mischa Meier bringt diese Dissonanz zwischen zeitgenössischer und heutiger Historiographie zum Klingen. Aus den spärlichen, vom Theologenstreit verzerrten Textzeugnissen liest er die Spuren einer Epoche heraus, die von Endzeit-Ängsten, Bürgerkriegen und Glaubenskämpfen zerrüttet war. ... Das politische Handeln geschichtlicher Akteure, auch das zeigt Mischa Meiers lesenwerte Biographie, ist ihrem Denken manchmal um Jahrhunderte voraus. Nicht nur in Konstantinopel.«
Andreas Kilb, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14.10.2009 

»Man muss sich jedenfalls mit Anastasios I. befassen, um zu begreifen, warum der Osten Europas religiös und kulturell so ganz anders geworden ist.«
Hans Krump, Märkische Oderzeitung, 29.03.2010
Klett-Cotta
2. Aufl. 2010, 451 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, 8 Karten, 8 Seiten Tafelteil, Lesebändchen
ISBN: 978-3-608-94377-1
autor_portrait

Mischa Meier

Mischa Meier, geboren 1971, Studium der Klassischen Philologie und der Geschichte an der Universität Bochum. 1998 Promotion über das frühe Sparta; 199 ...

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