Apologie der Geschichtswissenschaft oder Der Beruf des Historikers

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Historisches Buch des Jahres 2002
Die Jury von »Damals«, dem Magazin für Geschichte und Kultur, wählte das Buch von Marc Bloch in der Kategorie "Reflexion" auf Platz 1.

»Dieses unvollendet gebliebene Buch ist zugleich ein Meisterwerk der Geschichtsschreibung und ein historischer Akt.«
Jacques Le Goff

Der bedeutende französische Historiker Marc Bloch, Mitbegründer der Annales-Schule, war eines der Opfer von Klaus Barbie. Er wurde am 16. Juni 1944 von der Gestapo erschossen. In seinem Nachlaß fand sich ein unvollendetes methodologisches Werk, »Apologie der Geschichtswissenschaft oder Der Beruf des Historikers« - die Erstausgabe trug noch den Untertitel »Wie und warum ein Historiker arbeitet«.

Das Werk war ursprünglich 1949 von Lucien Febvre herausgegeben worden, der noch nicht alle Manuskripte zur Verfügung hatte und darüber hinaus einige Eingriffe in den Text vornahm. Mit dieser von Etienne Bloch, dem Sohn des Verfassers, besorgten Neuausgabe liegt nun erstmals der vollständige und authentische Text dieses epochalen Werks der modernen Geschichtswissenschaft vor. Er wurde von Grund auf neu ins Deutsche übertragen.

Dieses Buch bietet wertvolle Einblicke in das Selbstverständnis und die Denkweisen modernen Geschichtsforschung, in die Ziele, aber auch Grenzen historischer Erkenntnis, in die Methodik und nicht zuletzt auch in die Ethik dieser »Wissenschaft in Bewegung«.

Leseprobe
Einführung

"Sag mir, Papa! Wozu dient eigentlich die Geschichte?" Diese Frage stellte vor einigen Jahren ein kleiner Junge, der mir sehr nahe steht, seinem Vater, einem Historiker. Von diesem Buch möchte ich sagen können, es sei meine Antwort darauf. Denn ich kann mir für einen Schriftsteller kein größeres Lob vorstellen, als daß er es versteht, sich Gelehrten und Schuljungen gleichermaßen verständlich zu machen. Diese Schlichtheit ist freilich nur wenigen Auserwählten gegeben. So möchte ich diese Frage eines Kindes, dessen Wissensdurst ich auf der Stelle vielleicht nicht ganz stillen konnte, hier wenigstens als Motto voranstellen. Manche mögen sie für naiv halten. Mir erscheint sie ganz im Gegenteil als durchaus berechtigt. Das Problem, das sie mit der umwerfenden Direktheit dieses unerbittlichen Alters aufwirft, ist kein geringeres als das der Legitimität der Geschichtswissenschaft.

Der Historiker ist damit zu einer Rechtfertigung seines Tuns aufgerufen. Er wird sich darauf wohl nur mit einiger Beklommenheit einlassen können. Welcher in seinem Beruf ergraute Handwerker hat sich je ganz ohne Seelenzweifel gefragt, ob er sein Leben sinnvoll genutzt hat? Hier steht aber weit mehr zur Diskussion als die [kleinen] Gewissensbisse einer Gelehrtenzunft. Es geht um die gesamte westliche Zivilisation.

Diese hat nämlich im Unterschied zu anders gearteten Kulturen stets große Erwartungen in ihr Gedächtnis gesetzt. [Alles, sowohl das christliche wie auch das antike Erbe, ging in diese Richtung. Griechen und Römer, unsere ersten Lehrmeister, waren geschichtsschreibende Völker. Das Christentum ist eine Historikerreligion. Andere religiöse Systeme gründeten ihren Glauben und ihre Riten auf Mythologien, die weitgehend außerhalb der menschlichen Zeit stehen; die heiligen Bücher der Christen dagegen sind Geschichtsbücher, und ihre Liturgien gedenken der Ereignisse des Erdenlebens eines Gottes sowie der Begebenheiten im Leben der Kirche und der Heiligen. Historisch ist das Christentum aber auch auf eine andere, vielleicht noch grundlegendere Art und Weise: Es stellt das Schicksal der Menschheit zwischen Sündenfall und Letztem Gericht als eine lange Abenteuerreise dar, die sich in jedem Einzelschicksal, in jeder individuellen "Pilgerfahrt" widerspiegelt; das große Drama von Sünde und Erlösung, um das jedes christliche Denken kreist, vollzieht sich in der Zeit und damit in der Geschichte. In unserer Kunst und unseren literarischen Denkmälern hallt deutlich vernehmbar die Vergangenheit nach, und unsere Männer der Tat sprechen ständig von ihren tatsächlichen oder angeblichen Lehren.

Dabei müßte zwischen den Psychologien verschiedener Gruppen nuanciert werden. Cournot stellte schon vor langer Zeit fest, daß die Franzosen, die stets dazu neigten, die Welt entlang den klaren Linien der Vernunft neu zu erschaffen, ihren kollektiven Erinnerungen im allgemeinen weit weniger verhaftet sind als zum Beispiel die Deutschen. Und Zivilisationen können sich zweifellos auch verändern. Es ist durchaus nicht ausgeschlossen, daß sich die unsrige eines Tages von der Geschichte abwendet. Die Historiker wären gut beraten, darüber nachzudenken. Eine falsch verstandene Geschichtsschreibung könnte durchaus, wenn man sich nicht in Acht nimmt, eine besser verstandene in Verruf bringen. Sollten wir je dahin gelangen, dann um den Preis eines abrupten Bruchs mit einer unserer beständigsten geistigen Traditionen.

Vorderhand sind wir aber noch damit beschäftigt, unser Gewissen in dieser Hinsicht zu erforschen. Jedes Mal, wenn unsere unglücklichen, von ständigen Wachstumskrisen heimgesuchten Gesellschaften von Selbstzweifeln gepackt werden, suchen sie herauszufinden, ob es richtig war, ihre Vergangenheit zu befragen, und ob sie sie auch richtig befragt haben. Man braucht nur nachzulesen, was vor dem Krieg geschrieben wurde und noch heute geschrieben wird]: Fast unweigerlich wird man diese Sorge aus all den anderen diffusen Ängsten heraushören können. Mitten in den dramatischen Ereignissen war es mir vergönnt, einen [ganz] spontanen Widerhall dieser Sorge zu vernehmen. Es war im Juni 1940, wenn ich mich recht erinnere, genau am Tag des Einmarsches der Deutschen in Paris. Während unser Generalstab, dem die Truppen abhanden gekommen waren, in einem Garten der Normandie die Zeit totschlug, grübelten wir den Ursachen des Zusammenbruchs nach: "Soll das heißen, daß die Geschichte uns getäuscht hat?", murmelte einer von uns. Hier traf sich die - freilich ungleich schmerzlichere - Betroffenheit des erwachsenen Mannes mit der unschuldigen Neugier des kleinen Jungen. Auf beide muß man eingehen.

Zu klären wäre aber zunächst, was jenes Wort "dienen" bedeutet.

Selbst wenn die Geschichte zu nichts anderem zu gebrauchen wäre, müßte man ihr zugute halten, daß sie unterhaltsam ist - oder, um es genauer zu sagen (denn schließlich sucht jeder nach der Unterhaltung, die ihm gefällt), daß sich viele Menschen dies unbestreitbar von ihr versprechen. Ich persönlich habe sie, so weit ich mich zurückerinnern kann, stets als äußerst vergnüglich empfunden. Wie alle Historiker vermutlich. Warum hätten sie sonst diesen Beruf ergriffen? Wer kein ausgemachter Dummkopf ist, findet alle Wissenschaften interessant. Jeder Gelehrte findet aber wohl nur eine, deren Ausübung ihm auch Spaß macht. Sie zu entdecken und sich ihr zu widmen ist genau das, was man Berufung nennt.
Klett-Cotta Aus d. Franz. v. Wolfram Bayer, mit Annotationen und e. Nachwort v. Peter Schöttler (Original: Apologie pour l'histoire ou métier d'historien)
3. Druckaufl. 2016, 285 Seiten, gebunden
ISBN: 978-3-608-96114-0

Marc Bloch

Marc Bloch, 1886 in Lyon geboren, gehörte zu den renommiertesten Historikern Frankreichs im 20. Jahrhundert. 1929 Mitbegründer der Annales-Schule: ...

Peter Schöttler

Peter Schöttler ist Forschungsdirektor am CNRS in Paris und Professor für neuere Geschichte an der Freien Universität Berlin. Er gilt als einer der ...

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