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Die Gesamtdarstellung der römischen Germanienpolitik

Der Untergang des Varus ist ein deutscher Mythos. Im Teutoburger Wald, wie allgemein angenommen, fand die Schlacht gar nicht statt. Boris Dreyer bietet eine scharfsinnige und überraschende Neuinterpretation der archäologischen Funde und lässt die Menschen und Ereignisse jener Tage lebendig werden. Sein Buch zeichnet ein vollkommen neues Bild der römischen Germanienpolitik und gibt klare Antworten auf zahlreiche Fragen, die bis heute vielen Historikern rätselhaft blieben.

Der Untergang des Varus ist ein deutscher Mythos. Wo genau fanden die Ereignisse statt, und was waren die taktischen Fehler des Varus? Boris Dreyer lässt die Menschen und Ereignisse jener Tage lebendig werden.

Mit der Niederlage des Varus im Jahre 9 n. Chr. ist ein Ereignis von welthistorischer Bedeutung bezeichnet. Langfristig bedeutete der Sieg des Arminius über die Legionen Roms, dass das Gebiet zwischen Rhein und Elbe sich dem Zugriff des römischen Kaiserreichs entzog. Aber nicht nur das: Die Folge der Schlacht war eine radikale Umorientierung der imperialen Politik Roms, Britannien geriet in den Blick des römischen Adlers ...

Mit detektivischem Spürsinn rekonstruiert Boris Dreyer die wahren Begebenheiten der Schlacht und erzählt sie plastisch nach. Sein Buch zeichnet ein vollkommen neues Bild der römischen Germanienpolitik und gibt klare Antworten auf zahlreiche Fragen, die bis heute vielen Historikern rätselhaft blieben: Warum scheiterte der Prozess der Romanisierung zu einem Zeitpunkt, an dem niemand mehr damit gerechnet hatte, am wenigsten die Römer selbst? Und vor allem: Welche Bedeutung hatte die Partisanenstrategie des Arminius für den weiteren Verlauf der Geschichte?

Inhaltsverzeichnis

Vorwort
I Hat Caesar die Germanen erfunden?
II Sicherung des Status quo und Weltherrschaftsanspruch
III Frontverkürzung oder Eskalation - Motive zur Eroberung Germaniens
IV Wie lang reicht der Atem? - Provinzialisierungsstrategien
V Varus und der Aufstand der Germanen im Jahr 9 n. Chr.
VI Germanicus, Tiberius oder Arminius - Strategien auf dem Prüfstand
VII Dreiklang in die Defensive - ein Reich mauert sich ein
VIII Aufbruch in die »Neue Welt«
IX Die Deutschen und ihr Held
Anhang
Glossar
Zeittafel
Schaubilder
Literatur
Anmerkungen
Bildnachweis
Personenregister
Ortsregister

Leseprobe

V Varus und der Aufstand der Germanen im Jahr 9 n.Chr.
Varus und sein »Berater« Arminius
Varus fühlte sich im Sommerlager im Jahr 9 n.Chr. im westlichen Vorfeld der Weser bei den Cheruskern, besonders bei seinen germanischen Beratern und »Freunden« aus dem Cheruskerstamm, Arminius und Segimer, gut aufgenommen. Sie vermittelten ihm in jeder Hinsicht den Eindruck, dass sie und ihre Stammesgenossen, überhaupt alle Germanen sich mit dem neuen, verschärften Provinzialisierungskurs zufriedengeben würden. Bereitwillig stellte daher der Statthalter Einheiten zur Verfügung, wenn er darum gebeten wurde, sei es als Bewachung von Objekten oder als Sicherung von Verpflegungstransporten. Sie waren in Freundesland - dachte er - und allen, die sich bereitwillig unterordneten, sollte großzügig Hilfe gewährt werden. Darum machte ihm die Zersplitterung seiner Armee keine Sorgen.
Alle diese Bitten der Germanen um Hilfe und Unterstützung gehörten aber bereits zu einem detaillierten Plan, der den Aufstand einer Koalition nordwestgermanischer Stämme gegen die römische Herrschaft einleiten sollte. 1 Dieser Aufstand war organisiert auf der Basis der germanischen Hilfstruppeneinheiten, die die Stämme den römischen Herren als Unterpfand der Treue und ortskundige Hilfe zu stellen hatten. Häufig stammten die Germanen aus einem Stamm unter einheimischer Führung. 2 Diese Einheiten waren militärisch diszipliniert und geschult. Getragen war aber der Aufstand durch »Beschlüsse« der wehrfähigen Männer der jeweiligen Stämme, durch eine einmütige Erhebung des Volkes, aufgewiegelt durch die Mehrheit der germanischen Adligen, der sich die prorömisch gesinnten Germanen fügen mussten. 3 Es handelte sich demnach um einen »Volksaufstand« nordwestgermanischer Stämme in der Region, in der die neuen römischen Provinzen geplant und im Aufbau begriffen waren.
Der »Verräter« Segestes
Den Anführern der Verschwörer in der Umgebung des Varus aus dem privilegierten Cheruskerstamm gelang es, das Vertrauen des Statthalters zu erhal ten. Varus war nur zu bereit, diesen Cheruskerfürsten zu glauben, bestätigten sie den Statthalter doch in seinen Maßnahmen, für die er von allerhöchster Stelle in Rom beauftragt war. Unbequeme Mahner hatten daher keine guten Chancen. Am weitesten ging der cheruskische Adlige Segestes, der bis zuletzt, als er mit seinem Anhang und Mitgliedern in großer Bedrängnis zu den Römern im Jahr 15 n.Chr. überlief, eindeutig prorömisch gesinnt blieb - im Gegensatz zu vielen seiner Standesgenossen und auch zu seinem eigenen Sohn Segimundus, der hoch angesehen als Priester des Loyalitätskults für Augustus bei der Erhebung im Jahr 9 n.Chr. zu den Aufständischen überlief und seine Priesterbinden demonstrativ zerriss. Die persönliche Dramatik wurde dadurch erhöht, dass Segestes ein Intimfeind des Arminius war. Beide Familien waren durch die Herausforderungen, die die römische Eroberung und vor allem die Verlockungen der römischen Kultur darstellten, tief gespalten: Der Bruder des Arminius, Flavus, kämpfte nach wie vor auf römischer Seite, während Arminius fahnenflüchtig und Anführer des Aufstandes gegen die römische Herrschaft wurde. Segimundus fand wie der Vater und Onkel gnädige Aufnahme im Römischen Reich, obwohl er auf der Seite der Aufständischen stand. Seine Schwester Thusnelda hatte sich nicht nur von ihrem Vater losgesagt, sondern darüber hinaus Arminius geheiratet. Der Schwiegervater Segestes behauptete, dass Arminius sie geraubt habe. Wenn das tatsächlich der Fall war, dann war nur Segestes gegen die Heirat: Seine Tochter Thusnelda war zum Zeitpunkt, als Segestes überlief, von Arminius mit einem Sohn schwanger und gegen ihren Willen im Gefolge des Vaters. 4
Je enger und komplexer die persönlichen Verknüpfungen und je detaillierter der Plan war, desto mehr Leute wurden notgedrungen Mitwisser, selbst wenn Arminius versuchte, den Kreis der Verschwörer möglichst klein zu halten. Trotzdem erfuhr Segestes davon und zögerte nicht, ihn zusammen mit seinen Landsleuten zu verraten.
Wem sollte Varus nun glauben? Seinen vertrauten Freunden, mit denen er täglich speiste und die ihm versicherten, die Germanen seien willig, sich zu unterwerfen, oder dem, der behauptete, dass die Arbeit der letzten zweieinhalb Jahre vergebens gewesen war, sogar den eigenen Zielen widrig, weil es nun einen organisierten Widerstand gab? Ausgerechnet seine »Freunde und Ratgeber« unter den Germanen sollten Anführer eines Aufstandes sein? Nein, das durfte nicht sein, und deshalb war es auch nicht der Fall: Varus wies die Anschuldigungen zurück, ja, er tadelte sogar den Mahner als eifersüchtigen Intriganten.
Eine zweite Gelegenheit, diese Entscheidung zu revidieren, gab es nicht mehr. Velleius Paterculus berichtet, dass die Jahreszeit ohnehin schon weit fortgeschritten war. Zwar machte sich Varus keine großen Sorgen, denn die Germanen waren augenscheinlich friedlich. Aber die Witterung machte den Rückweg sogar auf den ausgebauten, bekannten Straßen und in friedlichen Zeiten zu einem schwierigen Unterfangen. So nahm das Verhängnis seinen Lauf.
Die Varuskatastrophe - eine Zäsur?
Mit der Varusniederlage wird gemeinhin - in der Antike wie heute - eine säkulare Zäsur verbunden, die der Geschichte Germaniens wie des Römischen Reiches, mitunter der antiken Geschichte insgesamt, eine neue Entwicklungsrichtung gegeben habe. Der Aufwand, der um die Feier zum 2000. Jahrestag dieser Katastrophe betrieben wird, unterstützt nur diese Sichtweise. Das ist auch nachvollziehbar, weil sich historisches Verständnis immer nach spektakulären Ereignissen ausrichtet.
Diese Sicht greift in diesem Zusammenhang gleichwohl nicht nur zu kurz, weil man hinführende Entwicklungen und Folgen unter der Betonung epochaler Ereignisse vernachlässigt, sondern auch weil insbesondere die Varuskatastrophe selbst nur im Zusammenhang gleichzeitiger und vergleichbarer Ereignisse geschichtsmächtig wurde und prägende Bedeutung erlangte. Das sah auch schon Tacitus so, wenn er in sein resümierendes Urteil über Arminius den Erfolg seiner Strategie und die leidvollen Erfahrungen der Römer in den sieben Jahren nach der Katastrophe einschloss:
Unstreitig war er der Befreier Germaniens, der das römische Volk nicht am Anfang seiner Geschichte, wie andere Könige und Heerführer, sondern das in höchster Blüte stehende Reich herausgefordert hat, in den einzelnen Schlachten nicht immer erfolgreich, im Kriege unbesiegt. Er wurde 37 Jahre alt, zwölf Jahre hatte er die Macht in Händen, und noch immer besingt man ihn bei den barbarischen Völkern. 5
Eindeutig ist die Wertung nicht nur auf ein Ereignis bezogen. Gleichwohl war der fulminante Erfolg des Arminius im Jahr 9 n.Chr. Ausgangspunkt für die konsequente Anwendung einer Strategie, die sich durch die Wiederholung eben nicht als einmaliger Überraschungserfolg erwies. Tacitus' Schilderung der Germanicus-Feldzüge zwischen 14 und 16 n.Chr. belegen, dass sich die Strategie des Arminius auch in der Folgezeit bewährte.
Der Wert einer genauen Untersuchung des Hergangs der Varuskatastrophe liegt heute darin, individuelle Fehler der Akteure und prinzipielle Defizite bei den römischen Eroberungen Germaniens analytisch voneinander abheben zu können. Das war schon in der Antike Zweck der Untersuchungen der Niederlage. Keine andere militärische Katastrophe ist von den Zeitgenossen, den Römern, so intensiv analysiert worden, weil man wusste, dass eine Verurteilung des Oberbefehlshabers für eine realistische Einschätzung nicht genügte. Heute liegt der wichtigste Beitrag einer Rekonstruktion des Ereignisses darin, diese Niederlage angemessen zu bewerten: Eine adäquate Einschätzung beugt einer unangemessenen Instrumentalisierung durch lokalpatriotische und nationale Interessen vor.
Die Quellen und methodische Überlegungen
Die wiederholte Reflexion auf die Katastrophe des Varus war keine spezifische Marotte des Tacitus, sondern fand sich schon in den Vorlagen des Historikers, in den Berichten und Analysen über die Katastrophe, die im Senat verlesen wurden und in der senatorischen Öffentlichkeit kursierten. Diese Berichte über die Ursachen der Niederlage auf der Grundlage der Untersuchungen bis 16 n.Chr. lieferten eine abwägende Diagnose über die individuellen Fehler und strukturellen Defizite einer militärischen Eroberung des rechtsrheinischen Gebietes. Die Erkenntnisse daraus lieferten dem Princeps Tiberius eines der wichtigsten Argumente bei der Entscheidung im Jahr 16 n.Chr., von der militärischen Eroberung dieser Gebiete Abstand zu nehmen - eine Entscheidung, die sich als richtungsweisend und für lange Zeit als verpflichtend erweisen sollte.
Die Argumente, die zu dieser Entscheidung führten, fließen in den Bericht des Tacitus ein, der damit eine wichtige Quelle bei der Rekonstruktion der Katastrophe bildet. Auch der zweite detaillierte Bericht über den Untergang der Varusarmee aus der Hand des Historikers Cassius Dio beruhte auf einer ganz genauen, wertvollen Analyse eines lateinisch schreibenden Historikers des 1. nachchristlichen Jahrhunderts, der die erwähnten »Abschluss berichte« kannte. Andere Darstellungen, wie diejenige des Florus, haben dagegen Quellen zur Grundlage, die noch nicht von den abschließenden Analysen profitieren konnten, die auf den Erkenntnissen der Germanicus-Kriege (12 -16 n.Chr.) basierten. 6
Wenn man die Niederlage rekonstruiert, muss man also vor allem die historiographischen Berichte des Dio und des Tacitus zugrunde legen. Für sich alleinstehend taugen diese Berichte allerdings nicht dazu, den Verlauf der Niederlage nachzuzeichnen; es müssen archäologische Befunde hinzukommen. Methodisch hat man demnach günstigenfalls für eine Rekonstruktion vorauszusetzen:
1. Es sollten archäologische Befunde existieren, die sich in das Jahr 9 n.Chr. datieren lassen.
2. Die literarischen Berichte über den Verlauf der Katastrophe sollten in ihrem Aussage- bzw. Quellenwert abschätzbar sein.
3. Diese Berichte müssen mit den archäologischen Befunden verknüpfbar sein.
Aber auch dann wird eine Rekonstruktion immer spekulativ bleiben. Gleichwohl hat eine Darstellung der Varuskatastrophe auch die Aufgabe, auf der Basis der bislang zur Verfügung stehenden Quellen einen Versuch der Rekonstruktion zu wagen. Man sollte sich allerdings stets bewusst sein, dass Neufunde diese Versuche revidieren oder modifizieren werden. Das ist das Los historischer Rekonstruktionen und zugleich das Spannende an ihnen. Wichtig sind die anschließenden Erörterungen über die Bedeutung der Katastrophe im größeren historischen Zusammenhang. Jeder Schritt ist im Einzelnen nachvollziehbar. Man kann entscheiden, welchen Schritt man noch mitgehen kann. 7
500 Jahre Lokalisierungsversuche
Schon Melanchthon hatte zuerst den Teutoburger Wald, der in Tacitus' Schilderung als Ort der Varusniederlage - des Untergangs der 17., 18. und
19. Legion, der drei Reiter-Alae (Abteilungen) und 6 Auxiliarkohorten - ausgewiesen ist, mit dem südlich des Wiehengebirges verlaufenden Osning-Höhenzug gleichgesetzt. Es ist dieselbe Gleichsetzung, die seit dem 17. Jahrhundert durch den Bischhof von Paderborn definitiv festgelegt wurde und auch heute noch üblich ist. 8 Die Zuordnung hat den Versuchen, die Niederlage zu verorten, keinen Abbruch getan, im Gegenteil: Seit der Wiederentdeckung der Annalen des Tacitus (s. Kap. IX) im 16 . Jahrhundert hat es über 700 Lokalisierungsversuche gegeben. Wilhelm Winkelmann hat nur die 44 wichtigsten Einzelthesen im Gebiet des Landschaftsverbandes Westfalen Lippe kartiert. 9 Dabei profitierte er von den »systematisierenden Schneisen«, die Harald von Petrikovits in das undurchdringliche Dickicht der Lokalisierungen geschlagen hatte . 10 Er war es, der unter geographischen Gesichtpunkten vier Haupttheorien herausschälte, die in der Forschung noch heute zur ersten Orientierung immer noch gültig sind (Zitate bei von Petrikovits, vgl. Abb.):
[Abb.: Die wichtigsten unter den nicht weniger als 700 Vermutungen zur Verortung der Varuskatastrophe hat von Petrikovitz zu vier Theoriekomplexen zusammengefasst]
1. Münsterländer Theorie: »Niederlage westlich (südwestlich) des Teutoburger
1 . Münsterländer Theorie: »Niederlage westlich (südwestlich) des Teutoburger Waldes«
2 . Nordtheorie: »Schlachtort am Nordrand des Wiehen- und Wesergebirges oder in dessen ebenem Vorland«
3 . Südtheorie: Niederlage »in dem Bergland ..., das die Münsterländer Bucht im Süden begleitet«
4 . Lippische Theorie: »Schlachtort im Teutoburger Wald oder zwischen Teutoburger Wald und Weser«
Lange Zeit hatte die letztere die meisten Anhänger, wonach Varus von der Weser aus auf dem Weg in die Winterquartiere in nordwestlicher Richtung in der Nähe von Detmold sein Ende fand. Eben dort, im Areal einer Fluchtburganlage wurde das berühmte Hermann-Denkmal bis 1875 fertiggestellt
(s.u. Kap. IX). Tatsächlich fand man in dieser »Grotenburg« eine Pilumspitze.
Die Ausgrabungen von Kalkriese
Wie sehr sich die Perspektiven ändern können, demonstrieren die Ausgrabungen bei Kalkriese im Raum Osnabrück. Dieser Ort konnte im weiteren Umfeld der sogenannten Nordtheorie bislang allenfalls eine Außenseiterchance für sich beanspruchen. 11 Dabei hatte schon Ende des 19. Jahrhunderts Theodor Mommsen auf der Basis der numismatischen Funde, hier, in der Bauernschaft Kalkriese bzw. in der ehemaligen Grafschaft Barenau, die Varuskatastrophe lokalisiert. 12
Gleichwohl setzte sich diese These in der Folgezeit nicht durch, weil keine Militaria und kaum Kupfermünzen, das sogenannte Soldatengeld, gefunden wurden. Genau das müsste man jedoch vermuten, wenn hier Soldaten in großer Zahl in einem Hinterhalt zu Tode gekommen wären.
Die Situation änderte sich gegen Ende der 1980er Jahre grundlegend. Auf Hinweis des Kreisarchäologen Wolfgang Schlüter und mit einer guten Kenntnis der Untersuchungen Mommsens hatte der Hobbyarchäologe Major J.A.S. Clunn mit seinem Metalldetektor im Bereich des Engpasses von Kalkriese im Jahre 1987 einen ersten großen Fund zu verzeichnen:
Dort, am sog. Lutterkrug, konnte er einen Hortfund von 162 Denaren machen. Doch auch dieser Fund allein hätte die Zweifler kaum überzeugen können. Auschlaggebend war vielmehr der Glücksfund des folgenden Jahres: Drei auf den ersten Blick unattraktive Schleuderbleie (in den folgenden 15 Jahren Grabungstätigkeit wurde nur noch ein weiterer gefunden) wiesen eindeutig auf die zeitweilige Anwesenheit von römischen Truppen hin. 13
[Abb.: Die Engpass-Situation von Kalkriese bei Osnabrück am Nordrand des Wiehengebirges zeigt deutlich den Hinterhalt für die einmarschierenden römischen Einheiten zwischen dem vorspringenden Kalkrieser Berg und dem sog. Großen Moor in Norden. Hinzu kam, dass der Engpassbereich nicht überall begehbar war, sondern nur auf dem Hangsand südlich am Bergfuß und auf dem Flugsandrücken etwas weiter nördlich.]
[Abb.: Der glückliche Fund von 3 Schleuderbleien löste die systematischen Grabungen im Engpass-Bereich von Kalkriese aus, da sie eindeutig die zeitweilige Anwesenheit von römi schen Truppen bewiesen.]
Dieser Glücksfund löste die systematischen archäologischen Untersuchungen seit dem Jahre 1989 im 6 km langen und 1 km breiten Engpass aus. Die Funde konzentrierten sich besonders am Bergfuß im Bereich der sogenannten Hangsandzone, hier mit Schwerpunkten am »Oberesch«, und weiter nordwestlich im Bereich der sogenannten Flugsandrücken, südlich des Moors 14 , also an den Stellen, die seinerzeit im Engpass für Truppen begehbar und »trittfest« waren.
Sucht man nach einem geographischen »Anker«, um die Niederlage mithilfe der literarischen Quellen genau verorten zu können, ist dieses Ausgrabungsfeld aus verschiedenen Gründen von höchstem Interesse.
1. Insbesondere die Münzfunde, einschließlich des bislang schmerzlich vermissten Kurantgeldes, tragen zur annähernden Datierung des Ausgrabungsplatzes in den Kontext der Kämpfe im Herbst des Jahres 9 n.Chr. bei: Sie liefern einen terminus post quem , einen Zeitpunkt, nach dem die Funde in den Boden gelangten.
Sowohl für die aurei , von denen im Raum Kalkriese mehr Beispiele gefunden wurden als im ganzen westelbischen Raum zusammen, 15 wie für die bislang etwa 800 Silber-Denare ist der sog. Gaius-Lucius-Typ, der zwischen 2 v. und 1 n.Chr. geprägt wurde, die Schlussmünze. 16
Bislang sind rund 720 Kupfermünzen zum Vorschein gekommen. Folglich fällt das Verhältnis leicht zugunsten der Silbermünzen aus. Daraus ist
[Abb.: Die Münze vom sog. Gaius-Lucius-Typ (geprägt zwischen 2 v. und 1 n. Chr.) zeigt Augustus und die beiden Prinzen Gaius und Lucius. Diese Münzen wurden in Kalkriese gefunden und liefern ein wichtiges Datierungskriterium für den Kampfplatz im Engpass.]
wiederum etwas über die Umstände herauszulesen, durch die diese Münzen in den Boden gekommen sind: Das Verhältnis von Silber- zu Bronzegeld war nämlich in allen römischen Lagern rechts des Rheins genau umgekehrt. 17 Ähnlich jedoch wie in Kalkriese sind die Relationen, die durch einen Überhang von Silbergeld gekennzeichnet sind, in Pompeji: Die Begründung liegt in den vergleichbaren Umständen: die Katastrophe.
Die Mehrheit der Kupfermünzen stellen die Lugdunum-I-Münzen, die zwischen 8-3 v.Chr. geprägt worden sind (über 90% bzw. knapp 700). 90% dieser Münzen weisen einen Gegenstempel auf, meist mit einem Kürzel für den kaiserlichen Spender, Augustus (AVC) und Imperator (IMP). Interessant sind vor allem Münzen mit dem Gegenstempel VAR, weil dadurch die Vertrauensstellung, die der Statthalter Varus bei Augustus genoss, deutlich wird. Personen, die Geldspenden mit einem Gegenstempel vornahmen, konnten hoffen, sich damit eine Anhängerschaft in der Armee zu verschaffen. Spender außer dem Princeps selbst sind deshalb kaum belegt. Wenn Varus dieses Recht besaß, konnte also Augustus keinen Zweifel an der Zuverlässigkeit des Varus als Oberbefehlshaber gehabt haben, wofür bislang nur engste Familienmitglieder in Frage kamen. Wenn aber ein solcher Gegenstempel gefunden wird, ist damit der Fundplatz relativ genau datiert. Die Ausgabe dieser Münze war erst seit dem Jahr 7 n.Chr., mit der Übernahme der Statthalterschaft durch Varus, möglich.
[Abb.: Diese Kupfermünze der Lyoner Altarserie zeigt den Gegenstempel des Varus mit den Initialen VAR. Nur dem Princeps, Augustus persönlich, war es erlaubt, Geldgeschenke an die Soldaten mit dem Namen des Geldgebers zu kennzeichnen. Varus als ganz besondere Vertrauensperson hatte diese Erlaubnis. Der Fund dieser Münze mit diesem Gegenstempel in Ausgrabungen ist erst mit dem Jahr 7 n. Chr., mit dem Beginn der Statthalterschaft des Varus in Germanien möglich.]
Münzen vom sog. Lugdunum-II-Typ, der zwischen 10 und 14 n.Chr. geprägt wurde, fehlen dagegen bislang völlig im Engpass von Kalkriese. 18 Aufgrund der gleichen Schlussmünzen in Kalkriese und im rechtsrheinischen Lager bei Haltern an der Lippe wurde Haltern etwa zur gleichen Zeit aufgegeben, wie der Kampf bei Kalkriese stattfand. 19
2 . Die Militariafunde, die sämtlich aus der spätaugusteischen Zeit stammen, 20 zeigen, dass an dieser Stelle nicht nur eine römische Armee kämpfte und das Feld verlor, sondern auch dass das unterlegene Heer nicht mit der typischen Bewaffnung ausgerüstet war. Für ein Heer, das sich in Feindesland befand, führte es zu viel Paradeornat und wertvolle Privatuntensilien mit sich, die für den Kampf untauglich oder gar hinderlich waren.
[Abb.: Der herausragende, oft gezeigte Fund der Ausgrabungen bei Kalkriese stellt den eisernen Kern des Gesichtsteils eines Paradehelms dar, der bei den Plünderungen wohl noch während der Kampfhandlungen vom restlichen Reiterhelm abgetrennt und achtlos in den Schlamm zurückgeworfen worden ist. ]
Das gilt für den Paradefund, den Maskenteil eines Gesichtshelms, der nicht zur Kampfausrüstung eines Reiters gehörte, oder für andere wertvolle Bestandteile eines umfangreichen, im Kampf hinderlichen Trosses: etwa für einen kostbaren Löffel oder einen edel verzierten Knochenheber.
[Abb.: Der vergoldete Löffel, der im Engpass ge-funden worden ist, demonstriert, dass die dort in den Hinterhalt geratene römische Armee sich nicht in Feindesland glaubte, da ein exercitus expeditus derartige Luxusgüter kaum mit sich geführt hätte.]
Eine mit Pfl anzenresten verfüllte Glocke - damit sollten verräterische Geräusche vermieden werden - zeugt davon, dass der Kampf im Engpass im Herbst stattfand. Die Glocke kann aufgrund des Vergleichs der Blüh- und Fruchtzeiten der vorgefundenen Pfl anzenreste nur in der Zeit zwischen Juli und spätestens September verfüllt worden sein. 21 Auch die Varuskatas trophe ereignete sich nach den schriftlichen Quellen im Herbst des Jahres 9 n.Chr. 22 - wie viele andere Auseinandersetzungen jener Zeit, in denen die Römer am Ende einer Feldzugssaison in schwere Bedrängnis gerieten.
3. Auf dem Kampffeld wurden darüber hinaus Gruben mit Tier- und Menschenknochen gefunden. Die Tierknochen gehörten Maultieren und Pferden an, die nach einigen Vegetationsperioden mit Verbissspuren nachträglich in Gruben bestattet worden waren. Sie waren zusammen mit menschlichen Knochen, die tödliche Verletzungen zeigten, und teilweise mit Bestandteilen der römischen Rüstungen vergesellschaftet. Auch Germanicus hatte beim Besuch der Schlachtfelder die Gebeine der gefallenen Soldaten der Varusarmee nachträglich, das heißt 6 Jahre nach der Katastrophe , bestatten lassen.
Auch ein weiblicher Beckenknochen
wurde gefunden. Neben anderen entsprechenden Funden ist damit am eindeutigsten die Anwesenheit von Frauen nachgewiesen, passend für die Marschkolonne der Varusarmee, 23 die sich in Freundesland wähnte. Die meisten Frauen des römischen Trosses werden die Germanen gefangengenommen haben, aber einige kamen im Kampfgetümmel um. Nach der Katastrophe des Jahres 9 n.Chr. war das Mitführen von Frauen verboten: Der Fund ist also ein wichtiges Argument für die Zuordnung des Kampfplatzes im Engpass.
4. Im Bereich des Engpasses wurden die Reste eines ursprünglich 4, 5 bis 5 m breiten und 1, 5 bis 2 m hohen Walles entdeckt. Er war überwiegend aus Erdmaterial, das am Ort vorlag, erbaut und ist heute auf eine Länge von 400 m und besonders gut am Osteingang des Engpasses nachzuweisen. Der Wall war ursprünglich für den Herannahenden wegen der Bewaldung kaum erkennbar. Er nutzte natürliche Gegebenheiten am Bergfuß aus, ließ Öffnungen für den Ausfall. Dieser Wall wurde rasch erbaut und war entsprechend stabil. Er ist sicher zu Recht als ein Bestandteil der germanischen Hinterhaltsvorbereitungen interpretiert worden, wenn er auch am Ostende des Engpasses einen merkwürdigen Verlauf nach Nordosten aufweist. 24
[Abb.: Die Zeichnung zeigt den eigentümlichen Fund von menschlichen Knochen in Vergesellschaftung mit römischen Militaria im Engpass von Kalkriese: eine Kalotte mit Kieferfragment und Teil eines römischen Helmbuschhalters.]
Dieser Wall und die Fundverteilung ergeben folgendes Gesamtbild: Die römische Armee wird beim Eintritt in den Pass von den Germanen hinter dem Wall überraschend angegriffen. Das breite Fundspektrum liefert gleichsam den Abdruck aller Truppenteile der römischen Armee, die in den Engpass eintraten. Es wird sich um den Fundniederschlag von Truppen handeln, die nacheinander oder bereits in völliger Auflösung den Engpass im Defilee-Gefecht passierten. Die Fundstreuung nach Nordwesten zum großen Moor hin könnte bedeuten, dass die ursprüngliche Marschroute auf den Hangsanden nahe am Bergfuß nicht beibehalten werden konnte und die Römer auf den nördlicheren Flugsandrücken ausweichen mussten.
5. Einige Forscher haben die Befunde von Kalkriese der Beinahe-Katastrophe der Caecina-Armee im Herbst des Jahres 15 n.Chr. zugeordnet.Als sich jedoch Caecina mit seiner Abteilung vom Hauptheer unter seinem Oberbefehlshaber Germanicus trennte, befanden sich die Römer bereits an der Ems, also westlich von Kalkriese, und zwar direkt nach dem Besuch der Schlachtfelder der Varusarmee. Allein ist demnach Caecina mit seinen vier Legionen nie durch den Engpass von Kalkriese gezogen. 25 Wahrscheinlicher ist also - schon aufgrund der literarischen Quellen -, dass es die Armee des Varus war, die im Engpass kämpfte.
[Foto: Das Foto zeigt die Rekonstruktion eines Stücks des germanischen Walls im Engpass, der entlang der Waldkante am Fuß des Kalkrieser Berges verlief und den Hinterhalt der Germanen für die einmarschierenden Römer kaum erkennbar deckte.]
Der Plan zeigt den Verlauf des germanischen Walls entlang der Waldkante des Kalkrieser Berges im Süden des Engpasses.
Außerdem ist sicher, dass die einziehende römische Armee den Engpass von Osten nach Westen durchzog und am östlichen Eingang des Engpasses - gemäß dem Fundniederschlag - heftige Auseinandersetzungen stattfanden. Die historiographischen Quellen unterstützen diese Annahme. Danach hatte Varus tief im rechtsrheinischen Germanien sein Sommerlager aufgeschlagen und wollte am Ende des Sommers nach Westen zurück in die Winterquartiere in Xanten ziehen. 26 Ausgangspunkt des Rückmarsches war aufgrund der Angaben der Historiker sicher das Einzugsgebiet westlich der Weser, ob nun in östlicher Verlängerung der Lippelinie, jenseits des Eggekamms, oder weiter nördlich, etwa in der Höhe von Minden.
»... eine tiefgehende Analyse der politischen Aspekte des Germanienfeldzuges der Römer und der germanischen Gegenwehr ... ein gewissermaßen "europäischer" Gesamtzusammenhang der Ereignisse - auch derer vor und nach der großen Schlacht.«
P.M. History 06/2009
Klett-Cotta
1. Aufl. 2009, 317 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, ca. 70 s/w-Abbildungen und Karten, Lesebändchen
ISBN: 978-3-608-94510-2
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Boris Dreyer

Prof. Dr. Boris Dreyer, geboren 1967, lehrt und forscht an den Universitäten Göttingen, Frankfurt / Main und am King’s College in London griechische ...



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