Der Ursprung der Geschichte

Archaische Kulturen, das Alte Ägypten und das Frühe Griechenland

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Geschichtskultur in vorschriftlicher Zeit

Erstmals fassen Historiker die Anfänge der abendländischen Vorstellungen von Zeit, Gedächtnis und Handlung zusammen. Im Mittelpunkt stehen dabei schriftlose Gesellschaften, das Alte Ägypten und das archaische Griechenland. Grundlegend für kulturgeschichtlich interessierte Leser.

Wie und wo begann das westliche Geschichtsbewußsein?
Auf der Basis neuester anthropologischer und archäologischer Erkenntnisse untersuchen Cornelius Holtorf und Klaus E. Müller Zeitvorstellungen prähistorischer Kulturen und vorschriftlicher Gesellschaften.
Das Verhältnis von Zeit und Staat, Kult und Kalender und die Wandlungen des Geschichtsbewußtseins im Alten Ägypten analysiert Jan Assmann.
Am Beispiel des archaischen Griechenland erläutert Egon Flaig, wie sich die Griechen in ihren Mythen und poetischen Texten (Hesiod, Homer) unter Bezug auf vergangene Ereignisse definierten und sie als Argument benutzten.

Ein eindrucksvoller Beitrag zu einem tieferen Verständnis von Geschichtsbewußtsein und -kultur.

Inhaltsverzeichnis


Einführung: Zeit und Geschichte (von Jan Assmann)

Der Ursprung der Geschichte (von Klaus E. Müller)
- Völker ohne Geschichte
- Die verewigte Gegenwart
- Die Erinnerung kommt
- Das museale Gedächtnis
- Die Inszenierung der Geschichte

Geschichtskultur in ur- und frühgeschichtlichen Kulturen Europas (von Cornelius Holtorf)
- Was heißt Geschichte in ur- und frühgeschichtlichen Perioden?
- Die Bedeutung der Vergangenheit in der Vergangenheit
- Ausblick

Zeitkonstruktion,Vergangenheitsbezug und Geschichtsbewußtsein im alten Ägypten (von Jan Assmann)
- Zeitkonstruktion und Vergangenheitsbezug
- Zeit und Staat
- Wandlungen des ägyptischen Geschichtsbewußtseins
- Geschichte und Antigeschichte

Der mythogene Vergangenheitsbezug bei den Griechen (von Egon Flaig)
- Strukturierung der Vergangenheit in der archaischen Dichtung
- Ruhm und Gedächtnis. Wie Zeitkonstruktion und normative Referenzmuster in der Adelskultur zusammenhingen
- Institutionalisierung der Polis und Verformungen des kollektiven Gedächtnisses
- Wie man mythische Vergangenheit als Argument benutzte
- Syngeneia. Wie man mit Verwandtschaft um Bündner warb
- Ausblick: Die kulturgeschichtliche Chance einer wirkungslosen Historiographie

Anhang
Bildnachweis
Register



Leseprobe


Zeitkonstruktion, Vergangenheitsbezug und Geschichtsbewußtsein im alten Ägypten

Zeitkonstruktion und Vergangenheitsbezug

Erneuerungszeit:Kult und Kalender

Die allgemeinste und grundlegendste aller begriflichen Unterscheidungen im altägyptischen Zeitdenken bildet die »Lehre von den zwei Ewigkeiten«. Die Ägypter unterscheiden eine zyklische und eine nicht-zyklische Zeit; die eine nennen sie Neheh, die andere Djet. (1) Neheh, die zyklische Zeit, ist die ewige Wiederkehr des Gleichen; sie wird erzeugt durch die Bewegung der Gestirne und daher mit der Sonne determiniert. Diese Zeit wird mit dem Begriff des Werdens assoziiert, der im Ägyptischen mit dem Bild des Skarabäus geschrieben wird. Der Skarabäus ist bekanntlich das zentrale Heilssymbol im Ägyptischen. Nicht das Sein, sondern das Werden steht im Zentrum ihres Denkens. Die Zyklen werden und vergehen, und was innerhalb der Zyklen wird, vergeht in der Hoffnung erneuerten Werdens. Wir können diese Zeit daher mit vollem Recht als »Erneuerungszeit« im oben beschriebenen Sinne bezeichnen. Die andere Zeit wird mit dem Begriff des Bleibens, Währens, Dauerns assoziiert. Sie wird mit dem Zeichen der Erde determiniert. Ihre Symbole sind Stein und Mumie, ihr Gott ist Osiris, der gestorbene Gott, der dem Totenreich vorsteht. Djet ist ein heiliger Raum der Dauer, worin das Gewordene, zur Endgestalt Ausgereifte und in diesem Sinne Vollendete unwandelbar fortdauernd aufgehoben ist. Dies genau ist die Bedeutung des Namens, den Osiris als Herr der Djet trägt: Wannafre (gr. Onnophrios) bedeutet: »Der in Vollendung Währende«. Es handelt sich bei der Djet also nicht um einen linearen Zeitbegriff, sondern vielmehr um dessen Gegenteil und Aufhebung, wobei hier aber nicht der Kreis, sondern der Raum das Gegenteil der Linie bildet. (2) Beide Zeiten oder Ewigkeiten gehören daher als Ausblendung von Wandel und Veränderung auf die Seite des Sakralen. Neheh sakralisiert die Zeit als Bewegung, indem sie zur Kreisbahn und ständigen Erneuerung gebogen wird, Djet sakralisiert die Zeit als währende Dauer, indem sie durch die symbolischen Formen des Steinernen in einen Raum der Unwandelbarkeit geformt wird. Diese Zeit können wir als »Erinnerungszeit « bezeichnen. Wir fassen zusammen: Die Erneuerungszeit ist zyklisch und arbeitet durch Ritualisierung gegen das Lineare, Irreversible an, die Erinnerungszeit ist räumlich und arbeitet im Medium der Monumente und ihrer streng kanonisierten Formensprache ebenfalls gegen das Irreversible, gegen Veränderung, Verschwinden und Vergessen an.

Der Kult dient in Ägypten in allererster Linie der Konstruktion und In-Gang-Haltung der Neheh-Zeit, er hat den Charakter eines ritualisierten Kalenders. Anders als in Mesopotamien und anderen Divinationskulturen galt die auf den Kosmos gerichtete Aufmerksamkeit nicht den Ausnahmen, sondern den Regeln. In der zyklischen Regelhaftigkeit seiner Prozesse offenbarte sich dem Ägypter die Göttlichkeit des Kosmos.

Wenn die ägyptischen Spezialisten unablässig den Himmel beobachten, dann nicht, wie etwa in Mesopotamien und anderen Divinationskulturen, um die Zukunft vorherzusagen, sondern um die Zeit als solche in Gang zu halten. Sie stellen die Stunden, Tage, Monate und Jahre fest. Der ägyptische Mondund Festkalender beruht auf Beobachtung. Anbruch und Länge des Mondmonats, der bekanntlich zwischen 29 und 30 Tagen schwankt, wurde nicht durch Berechnung, sondern durch Beobachtung bestimmt. Auch der Anfang des Jahres beruht auf astronomischer Beobachtung (Frühaufgang des Sirius). Da man aber für andere Zwecke auch einen auf Berechnung beruhenden Kalender braucht, arbeiteten die Ägypter mit zwei Kalendern.

Der ägyptische Kalender beruhte auf dem Sonnenjahr, das mit 365 Tagen, also um einen Vierteltag zu kurz, berechnet wurde. (3) Es begann mit dem Einsetzen der Nilüberschwemmung, das mit einem astronomischen Ereignis, dem Frühaufgang der Sothis (= Sirius) verknüpft wurde (Mitte Juli nach dem julianischen Kalender) und gliederte sich in 12 Monate zu je 30 Tagen, die zu drei Jahreszeiten zusammengefaßt wurden. Am Ende dieser 360 Tage wurden fünf »Zusatztage« (Epagomenen) angehängt. Die Monatsnamen sind von Festnamen abgeleitet; der Kalender ist also ein Festkalender. Wie in allen archaischen und traditionalen Kulturen haben Zeitmessung und Kalender auch in Ägypten ihren Sitz im Kult, der in weit höherem Maße als die zivilen Geschäfte eine präzise Ordnung der Zeit erforderte.

Dieses Normaljahr überschreibt ein ursprünglicheres Mondjahr, das nicht auf Berechnung, sondern auf Beobachtung beruhte und das daher mit den natürlichen Jahreszyklen in Einklang blieb, während das Normaljahr sich gegenüber dem Naturjahr um einen Vierteltag verschob und erst nach Ablauf von 1456 Jahren wieder mit diesem zusammen.el. Dieses Mondjahr bestand ebenfalls aus 12 Monaten, die 29 oder 30 Tage umfaßten, abhängig vom Eintreten des Neumonds, mit dem der erste Tag des neuen Monats begann. Die 12 Monate addierten sich zu 354 Tagen, was alle drei, seltener zwei Jahre die Einfügung eines Schaltmonats erforderte, um mit dem Jahreszyklus in Einklang zu bleiben. Die Ägypter hielten neben dem Normaljahr an diesem Mondjahr fest, benutzten also zwei Kalender gleichzeitig. Der eine bot den Vorteil der Berechenbarkeit, da er nicht auf Beobachtung beruhte und war daher besonders geeignet für die Zwecke der Verwaltung. Der andere bot den Vorteil des Einklangs mit kosmischen Zyklen und war daher besonders geeignet für die Zwecke des Kults, dem es auf die Eingliederung der menschlichen in die als göttlich verehrten natürlichen Ordnungen ankam. Trotzdem darf man die beiden Kalender nicht als »zivil« und »religiös« verstehen. Beide Kalender sind religiös. Der Normalkalender ist sogar auch in dieser Hinsicht noch bedeutungsvoller als der Mondkalender, weil die nach ihm berechneten Feste, die »Feste auf dem Jahr«, viel wichtiger waren als die nach dem Mondkalender beobachteten »Feste des Himmels«. Der Kalender ist als solcher religiös, weil die Ordnung als solche heilig ist. Die Ägypter haben die beiden Kalender durch Konkordanzen miteinander in Beziehung gesetzt. Dabei haben sie einen Zyklus von 25 Normalkalenderjahren zugrunde gelegt, die genau 309 Mondmonaten entsprechen. Eine solche Konkordanz ist in einem Papyrus der Spätzeit erhalten.

Der ägyptische Tag beginnt mit Sonnenaufgang. Tag und Nacht gliedern sich in je 12 Stunden. Deren Zahl liegt fest, so daß ihre Länge schwankt (die Tagesstunden sind im Sommer länger als im Winter, bei den Nachtstunden ist es umgekehrt). Auch hier ersetzt Messung (durch Wasseruhren) ein älteres System, das auf astronomischen Beobachtungen beruht. Hier werden die Stunden bestimmt nach dem Aufgang bestimmter Sterne, der »Dekane«. Da sich diese Aufgänge im Jahreszyklus verschieben, führt alle 10 Tage ein neuer Dekan »seine« Stunde an (während der alte eine Stunde vorrückt). Wenn ein Dekan die 12. Nachtstunde anführt, erscheint er erstmals am Morgen nach siebzigtägiger Unsichtbarkeit, was man seinen »Heliakischen Frühaufgang« nennt. Nach ägyptischer Vorstellung verbleibt er für diese 70 Tage in der Unterwelt; von dieser Beobachtung wird im Totenkult die 70-Tagesfrist abgeleitet, die als die ideale Dauer der Einbalsamierung gilt. Da sich das Normaljahr gegenüber dem Sternjahr verschiebt, müssen die Sternuhren immer neu adjustiert werden. Sie haben daher mehr theoretische oder symbolische Bedeutung. In der Praxis benutzt man Wasseruhren. Von den Dekanen leitet sich die ägyptische 10-Tage-Woche her; der babylonische Sieben-Tage-Zyklus, der auf der Beobachtung der Mondphasen beruht, spielt in Ägypten keine Rolle. In Theben wurde jeder 10. Tag festlich begangen; wie weit dieser Brauch ins 2. Jahrtausend zurückreicht, ist allerdings unklar. Er ist aber kein Ruhetag im Sinne des biblischen Sabbat.

1. Zum folgenden vgl. für alle Einzelheiten J. Assmann, Zeit und Ewigkeit im Alten Ägypten.
2. Auf die Raumassoziationen der Djet hat besonders nachdrücklich Wolfhart Westendorf hingewiesen: W.Westendorf, »Raum und Zeit als Entsprechung der beiden Ewigkeiten«, in: Fontes atque Pontes, 422-435. Westendorf vertritt in diesem Aufsatz die Ansicht, bei Neheh und Djet handele es sich geradezu um die ägyptischen Äquivalente von »Zeit« und »Raum«. In der Tat schreibt W. Kaempfer: »Was wir Raum nennen, ist insofern nichts als die Verwirklichung von Zeit, und was wir Zeit nennen, reine Potentialität« (W. Kaempfer, Die Zeit und die Uhren, 18). In genau diesem Sinne läßt sich auch die Unterscheidung von Djet und Neheh verstehen, die ich in meiner 1975 erschienenen Monographie als »aktualisierte« und »virtuelle Zeit« gegenübergestellt habe. Djet ist aktualisierte und insofern verräumlichte Zeit. Als solche kann sie dem allwissenden Gott »vor Augen stehen«, vgl. den Vers »Die Djet steht ihm vor Augen wie der gestrige Tag, wenn er vergangen ist«, die an Ps. 90.4 erinnert und in zwei ägyptischen Hymnen begegnet (J. Assmann, Zeit und Ewigkeit im Alten Ägypten, 69). Djet ist »der Raum der Dauer« bzw. »die Dauer des Raumes«, aber wohl kaum der reine physikalische Begriff des Raumes (den es im Ägyptischen ebensowenig gibt wie den reinen physikalischen Begriff der Zeit).
3. Diese Verschiebung war den Ägyptern bewußt. Die Verlängerung des Jahres um einen Vierteltag durch Einführung eines Schalttages alle vier Jahre galt aber als ein kulturelles Tabu. Sie arbeiteten daher mit einem dritten Kalender, der die Konkordanz oder wechselseitige Umrechenbarkeit der beiden anderen Kalender ermöglichte. Siehe hierzu A.-S. von Bomhard, »Ägyptische Zeitmessung: Die Theorie des gleitenden Kalenders«, in: ZÄS 127, 14-26. Erst im Jahre 239/38 v. Chr. wurde mit dem Dekret von Kanopus der vierjährige Schalttag eingeführt.
 
Klett-Cotta
1. Aufl. 2005, 352 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, 19 Abbildungen
ISBN: 978-3-608-94128-9

Jan Assmann

Jan Assmann, Professor für Ägyptologie an der Universität Heidelberg. Er leitet seit 1978 ein Forschungsprojekt in Luxor (Oberä ...

Klaus E. Müller

Klaus E. Müller, geb. 1935, Professor em. für Ethnologie an der Universität Frankfurt a. M. und Mitglied des Kulturwissenschaftlichen ...



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