Deutschlands Wiederkehr

Eine ungeteilte Nachkriegsgeschichte 1945 – 1990

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Die erste gesamtdeutsche »ungeteilte« Nachkriegsgeschichte überhaupt.


Der bekannte Journalist und Historiker Peter Bender hat erstmals die Geschichte der beiden deutschen Staaten zu einer Geschichte Deutschlands zusammengedacht.
Er berücksichtigt die DDR im gleichen Maße wie die Bundesrepublik, seine Fragen gelten Deutschland, das »mehr ist als die Summe seiner Teile«.
Als Zeitzeuge, der den gesamten Prozess beruflich mitverfolgt hat, gelingt ihm eine besonders lebendige, kenntnisreiche und anschauliche Darstellung.

Das Buch wurde am 14.3.07 von Egon Bahr, Lothar de Maizière und Jürgen Kocka im Wissenschaftszentrum Berlin vorgestellt. (Siehe Aktuelles/Veranstaltungen)

Wo war eigentlich Deutschland, bevor sich im Oktober 1990 Bundesrepublik und DDR vereinigten? War es nur noch ein Wort oder blieb es eine Kraft? Von der Antwort hängt viel für die Gegenwart ab, die immer häufiger nach Heimat, Nation und Patriotismus fragt. Die Deutschen wollen sich ihrer selbst vergewissern, dafür müssen sie wissen, wie weit sie auf Deutschland bauen können, wenn sie die immer noch fehlende innere Einheit erreichen und zur Nation werden wollen.

Anschaulich wird all dies durch die zahlreichen Anekdoten und Geschichten hinter der Geschichte, die der Autor mit den notwendigen Fakten verdichtet. Kenntnisreich und elegant bringt Peter Bender die komplexen geschichtlichen Sachverhalte auf den Punkt.

Neuansatz und Thesen
• Die erste gesamtdeutsche »ungeteilte« Nachkriegsgeschichte
• Die deutsche Nachkriegsgeschichte chronologisch und parallel
• Zeitzeuge Peter Bender veranschaulicht in einer Geschichte von unten, was die Teilung für die Menschen bedeutete.
• 1989 war die Idee von »einer« Nation gerade noch so lebendig, daß die Wiedervereinigung gelingen konnte.
• Die physische Trennung der Deutschen war das Werk der DDR, aber die Bundesrepublik beförderte die psychische.
• Begrifflichkeit im Wandel: von »Wiedervereinigungspolitik« über »Deutschlandpolitik« zu »deutsch-deutschen Beziehungen«

Peter Bender hat als Historiker und Journalist die deutsche Nachkriegsgeschichte nicht nur publizistisch begleitet. Als Vertrauter von Egon Bahr und anderer Politiker muss er als einer der Vordenker der Ostpolitik angesehen werden.

»Was war das für ’ne Einigkeit, als wir geteilt noch waren.«
Kabarett »Die Distel«, 1990

Inhaltsverzeichnis

I. DAS VERGESSENE LAND
II. WAS DEN DEUTSCHEN GESCHAH
1. Schuld, Schande und Schicksal
2. Das gebrochene Kreuz
3. Die Aufsicht
4. Die Verstümmelung
5. Die Teilung
6. Die Feindschaft
7. Die Trennung
8. Das Ungleichgewicht
9. Die Entfremdung
10. Die Last
III. WIE DIE DEUTSCHEN GEGENEINANDER STANDEN
1. Kalter Krieg
2. Wege aus der Schuld
3. Wege zur Souveränität
Parteinahme und Aufstieg 91 • Anerkennung und Selbstbewußtsein 95 • Die Rolle der Persönlichkeit 99
4. Wege nach Europa
Vorsicht und Hochmut 106 • Ungleiche Nachbarschaft 110 *Zweierlei Gemeinschaft 114 * Reisen in West und Ost 117
IV. WIE DIE DEUTSCHEN SICH ZUEINANDER WANDTEN
1. Entspannung und Koexistenz
2. Vergebliche Versuche
Gewachsene Kraft 130 • Zumutung oder Chance? 132 Bonner Halbheiten 136 Ostberliner Experimente 141
3. Wege über die große Grenze
Neue Leute, neue Anläufe 145 • Der Sprung über den Schatten 151 • Zweifelnde Vormächte 155 • Plan und Ausführung 159 • Ostpolitik und Innenpolitik 162 Das Maximum des Möglichen 165 Schritt zur Einheit oder Teilung? 168
V. WIE DIE DEUTSCHEN NEBENEINANDER LEBTEN
1. Die Rückkehr Europas
2. Emanzipationen
»Selbstfinnlandisierung« 185 • »E H spielt nach beiden Seiten« 188
3. Die Mühen der Ebene
4. Zwei Deutschlands in Europa?
VI. WIE DIE DEUTSCHEN SICH MITEINANDER VEREINIGTEN
1. Niedergang einer Weltmacht
2. Krankheit zum Tode
3. Die Revolution
4. Einheit am Horizont
Ratlosigkeit 232 • Entscheidung durch das Volk 236 Folgerungen in Ost-Berlin und Bonn 240
5. Frieden mit Deutschland
6. Mehr Machtpolitik als Brüderlichkeit
VII. WAS AUS DEN DEUTSCHEN WURDE
1. Vereinigen können sich nur Gleiche.
2. Eine neue Deutschlandkarte
3. Mehr Glück als Vaterlandsliebe
ANHANG
Hinweise und Nachweise
Zeittafel
Personenregister

Leseprobe

5. FRIEDEN MIT DEUTSCHLAND
In der Überzeugung, daß die Vereinigung Deutschlands als Staat mit endgültigen Grenzen ein bedeutsamer Beitrag zu Frieden und Stabilität in Europa ist ...
Aus der Präambel des ZWEI-PLUS-VIER-VERTRAGES vom 12. September 1990
Der 9. November 1989 brachte Europa zum Jubeln und Fürchten. Die Mauer in Berlin war Sinnbild der Teilung des Kontinents, ihr Fall weckte Hoffnung auf ein Ende der Teilung. Beim Anblick der Berliner, die das Monstrum durchbrachen und einander in die Arme fielen, erwachten Teilnahme und Sympathie mit den Deutschen wie wohl nie zuvor seit 1945. Aber zugleich versprach der Mauerfall ein Ende der deutschen Teilung und verursachte Sorgen. Eine Wiederkehr Deutschlands nach Europa weckte Erinnerungen: in Frankreich an drei Kriege, in denen die Deutschen tief ins Land drangen; in England an zwei Kriege, die siegreich bestanden wurden, dem Land aber die Kraft als Weltmacht nahmen; in der Sowjetunion an 20 Millionen Tote im letzten Krieg, in dem es den Deutschen nicht um Sieg, sondern um Vernichtung ging; in Polen an vier Jahre Okkupation mit dem Ziel, die Führungsschichten zu ermorden und das Volk zu versklaven; in der Tschechoslowakei an herrische Besatzung, Unterdrückung und Entwürdigung.
Eine Vereinigung der Deutschen bedeutete im Jahr 1990 für Europa: ein Volk von 80 Millionen, eine Wehrkraft von mindestens 600000 Mann, ein Wirtschaftspotential, das Europa zu dominieren drohte, und eine große Unbekannte: Wie werden sich die Deutschen verhalten, wenn sie wieder Macht haben? Bisher waren sie geteilt und befanden sich unter der Kontrolle zweier Großmächte, aber die Sowjetunion zeigte sich offenkundig außerstande, ihre Aufsicht über die DDR weiter auszuüben. Die Öffnung der Mauer war ihr nicht einmal vorher mitgeteilt worden.
Die für Deutschland verantwortlichen Vier Mächte sahen sich in ihrer Handlungsfreiheit zweifach eingeschränkt: Die Teilung konnten sie nicht aufrechterhalten, weil sich die Vereinigung bereits vollzog; und die Bundesrepublik, die Vereinigung als ihr Staatsziel erklärte, war zu einer Mittelmacht angewachsen, deren Interessen respektiert werden mußten. Was sollten die Vier tun, wenn ein gewaltsam getrenntes Volk die Mauer durchbricht und zusammenströmt? Sollten die Westmächte die Bundesregierung drängen, die innerdeutsche Grenze zu sperren und einen Visumzwang für DDR-Bürger einzuführen? Sie hätten sich unmöglich gemacht.
Was konnte die Sowjetunion tun? Sollten ihre Soldaten die Grenztruppen der DDR ablösen und »Grenzverletzer mit allen Mitteln am illegalen Grenzübertritt« hindern? »Wir haben Truppen bei euch«, hatte Breschnew einst warnend zu Honecker gesagt, aber jetzt war mit diesen Truppen nichts anzufangen. Im Gegenteil, Gorbatschow fürchtete, daß die sowjetischen Soldaten in eine Lage kämen, in der sie gezwungen wären zu schießen. Am Tag nach der Maueröffnung fragte er Kohl und Brandt warnend, ob sie sich der Bedrohlichkeit der Lage bewußt seien. Auch später erkundigte sich Moskau immer wieder im Kanzleramt, ob die Lage in der DDR außer Kontrolle geraten könne.
Die Welt stand auf dem Kopf: Früher hatte Moskau in seinem Ostdeutschland für Ruhe gesorgt, jetzt bat es westdeutsche Politiker, »beruhigend auf die Menschen einzuwirken«. Früher hatte Moskau die DDR fest in der Hand, sie diente ihm als Faustpfand gegenüber Bonn. Doch in den achtziger Jahren entglitt sie ihm, weil nur die Bundesrepublik die finanziell und ökonomisch verfallende SED-Republik am Leben erhalten konnte. Je mehr sich die DDR auflöste, desto weniger erschien es möglich, die sowjetischen Truppen dort für unbegrenzte Zeit zu stationieren. Kenner in Moskau zweifelten bereits an deren Moral und Einsatzfähigkeit. Der Kreml verlor seinen stärksten Trumpf, er konnte nicht mehr damit drohen, seinen Teil Deutschlands so lange besetzt zu halten, bis seine Bedingungen für eine deutsche Vereinigung erfüllt würden.
Die Bundesrepublik war für alle Vier Mächte zu stark geworden, um noch nach dem Schema Sieger-und-Besiegte behandelt zu werden. Bei der Genfer Vier-Mächte-Konferenz 1959 hatten die Vertreter der deutschen Staaten an »Katzentischen« gesessen, sie durften etwas sagen, aber nichts mitentscheiden. Bei den Vierer-Verhandlungen über Berlin zwölf Jahre später war eine Einigung ohne die Deutschen nicht zu erreichen, die Vier brauchten die Zwei. Jetzt, 1990, setzte die Bundesregierung die umgekehrte Formel Zwei-plus-Vier durch. Die Deutschen, um die es ging, wollten im Zentrum stehen; es war nur eine Formel, doch sie zeigte eine Veränderung der Kräfteverhältnisse, die keiner der Vier mißachten durfte. Die Bundesrepublik war zwar auf Einsicht, Verständnis und Hilfe der ehemaligen Sieger angewiesen, um das Problem Deutschland zu lösen. Die Siegermächte konnten es sich andererseits nicht leisten, sich die Bundesrepublik und die große Mehrheit der Deutschen zu entfremden und vielleicht in einen brisanten Nationalismus zu treiben. Die Sorge davor war im Ausland allezeit größer als die Gefahr.
Ihre große Stärke zog die Bundesregierung aus der Gefährlichkeit der Lage. Auch sie stand unter wachsendem Druck, die Zahl der Zuwanderer aus der DDR stieg und der galoppierende Verfall des ostdeutschen Staates brachte den westdeutschen in Schwierigkeiten. Aber allein die Bundesrepublik verfügte über Möglichkeiten, der Lage Herr zu werden. Sie hatte Geld, eine starke Wirtschaft und politische Überzeugungskraft; auf sie richteten sich die Hoffnungen der meisten Ostdeutschen. Die Vier Mächte hatten Rechte und Truppen, aber ein »Chaos« in der DDR, das Gorbatschow ständig befürchtete, konnte nur ein deutscher Staat verhindern.
Für Europa entstand eine schwierige Lage. Die Vereinigung der unberechenbaren Deutschen vollzog sich unaufhaltsam, die kräftig gewordene Bundesrepublik machte die Vereinigung zu ihrer Sache, eine Kontrolle der entstehenden 80-Millionen- Macht wurde nirgendwo erkennbar. Paris und London waren alarmiert. Staatspräsident Mitterrand traf sich Anfang Dezember 1989 mit Gorbatschow in Kiew. Beide empörten sich über Kohls Zehn-Punkte-Plan, jeder hoffte, der andere werde die Sache in die Hand nehmen und eine Vereinigung Deutschlands verhindern. Aber keiner tat es, weil keiner es konnte. Mitterrand unternahm noch einen grotesken Versuch. Um die DDR zu stärken, besuchte er den SED-Staat, der sich vor aller Augen auflöste. Er war das erste und das letzte Staatsoberhaupt der Westmächte, das der deutschen Ostrepublik die Ehre erwies.
Margaret Thatcher gab sich keine Mühe zu verbergen, daß sie eine Vereinigung Deutschlands nicht wollte. Als Kohl Mitte November 1989 im Kreise der EG-Regierungschefs eine Nato- Deklaration von 1970 zitierte, die für eine Wiedervereinigung sprach, rief sie: »Aber diese Deklaration datiert aus einer Zeit, als wir glaubten, sie würde niemals stattfinden.« Die Premierministerin versuchte, die alte special relationship mit den Vereinigten Staaten gegen die deutsche Einheit zu mobilisieren, aber scheiterte am Wirklichkeitssinn der Amerikaner.
Präsident George Bush (senior) und Außenminister James Baker hatten früher als die meisten erkannt, daß eine Vereinigung Deutschlands nicht aufzuhalten war. Die USA waren groß genug und lagen auch entfernt genug, um sich das ganze Deutschland leisten zu können. Und nicht nur das: Eine Vereinigung Deutschlands durch Auflösung der DDR würde die Sowjetunion nötigen, Ostdeutschland zu räumen und sehr wahrscheinlich sogar ganz Mitteleuropa. Vereinigung Deutschlands bedeutete für Amerika, daß es endlich erreichte, worum es vierzig Jahre mit der Sowjetunion gekämpft hatte, den Sieg im Kalten Krieg. Danach wären die Vereinigten Staaten die einzige Großmacht in Europa, auch die einzige Kraft, die in der Lage wäre, das 80-Millionen-Deutschland zu kontrollieren. Ihr Instrument dafür war die Nato, und ihre Forderung lautete von Anfang an, ganz Deutschland, auch Gebiet und Bevölkerung der DDR, müßten der Nato angehören. Nur unter dieser Bedingung waren sie bereit, die Vereinigung zu unterstützen.
Kohl und Genscher wußten, ihre Aufgabe, Europa mit der Wiederkehr Deutschlands zu versöhnen, überstieg ihre Kräfte. Sie brauchten starke Verbündete, Amerika war der stärkste, und seine Forderung, das vereinte Land müsse der Nato angehören, entsprach ihrer eigenen Überzeugung. Die feste Verankerung im westlichen Bündnis bildete seit 35 Jahren die Garantie für die Sicherheit und die Basis für die Handlungsfähigkeit des westlichen Deutschland. Washington wurde Bonns engster Verbündeter, die Zusammenarbeit funktionierte ähnlich wie im Jahr 1971, als die USA gemeinsam mit der Bundesrepublik agierten und der Sowjetunion die entscheidenden Zugeständnisse abhandelten. Damals ging es um Berlin, jetzt um Deutschland. Dabei übernahmen Kohl und Genscher, was die Bundesrepublik bewältigen konnte, Bush und Baker, was darüber hinausging.
Der überzeugte Europäer Helmut Kohl wußte, die deutsche Vereinigung brauchte zum Ausgleich einen höheren Grad von (west-)europäischer Vereinigung. Wenn Deutschland größer würde, müßte es noch fester mit dem Westen verklammert werden. Das Frühjahr 1990 wurde daher zur Geburtsstunde des einigen Deutschland und der Europäischen Union, die Kohl und Mitterrand entwarfen.
Doch für die meisten europäischen Länder genügte das nicht. Sie hatten zwar vierzig Jahre lang eine Wandlung der Deutschen beobachtet, die sicher erscheinen ließ, das 80-Millionen- Land werde nicht wieder das Land von 1914 und 1939 sein oder werden können. Aber die Erinnerung an diese Jahre lebte noch, Europa brauchte mehr als Vertrauen in die Deutschen, es vertraute lieber in die Macht einer starken Schutzmacht, in die Vereinigten Staaten. Mit Hilfe der Nato blieb Amerika politisch und militärisch in Europa, und die Nato behielt die Doppelaufgabe, die sie 1955 bei der Aufnahme der Bundesrepublik übernommen hatte, sie schuf Sicherheit nicht nur vor den Russen, sondern zugleich vor den Deutschen: Gebunden im Bündnis konnten sie ihren Nachbarn nichts antun. Auch Polen und Tschechen schlossen sich dieser Auffassung an und plädierten für eine Mitgliedschaft ganz Deutschlands in der Atlantischen Allianz.
Selbstverständlich war für alle Welt, daß ein vereintes Deutschland in seinen Grenzen bleiben müsse. Nach Norden, Westen und Süden gab es keine Probleme, der Nachbar im Osten jedoch, das vielfach geschundene Polen, brauchte eine Bestätigung seiner Westgrenze. Der Vertrag von 1970 verpflichtete nur die Bundesrepublik, nicht ein vereintes Deutschland. Der Bundestag gab zwar am 8. März eine Garantieerklärung für die Oder-Neiße-Grenze ab, der Bundeskanzler aber blieb auffallend zweideutig. Er hatte die Bundestagswahlen Ende des Jahres im Blick und sprach ein klares Wort erst im Juni, als er den Unbelehrbaren sagen konnte: Wir müssen die Grenze anerkennen, sonst bekommen wir die deutsche Einheit nicht. Sein Vorgänger Willy Brandt hatte 1970 die Existenz seiner Regierung riskiert, um Verständigung mit Polen zu erreichen, Helmut Kohl brauchte einen nationalen Grund für den nationalen Verzicht. Sein Zögern irritierte ganz Europa, gab den Skeptikern überall Nahrung für ihre unbegründeten Verdächtigungen und führte zu der Groteske, daß der demokratische Ministerpräsident Polens in der Sowjetunion Hilfe suchte gegen den demokratischen deutschen Kanzler.
Die Hauptarbeit war in Moskau zu leisten, denn von der Sowjetunion verlangte eine Vereinigung Deutschlands nicht nur Zugeständnisse, sondern Opfer. Die West- und Mitteleuropäer mußten sich mit einem bedenklich »übergroßen« Deutschland abfinden, Moskau aber sollte auf den Siegespreis des »Großen Vaterländischen Krieges« verzichten. Es sollte ein Imperium aufgeben, dessen Schlußstein, der alles zusammenhielt, die DDR war. Es sollte von einer Macht über halb Europa zurückgehen auf den Status einer Randmacht und dabei auch noch eine Niederlage erleiden. Fast ein halbes Jahrhundert lang hatte Moskau sich mit Washington die Herrschaft über den Kontinent geteilt; was in der Alten Welt an Wesentlichem geschah, wurde im Kampf oder im Einvernehmen zwischen den beiden Rivalen entschieden. Nun sollten die Amerikaner in Europa bleiben und die Russen gehen, dem gegnerischen Bündnis sogar noch Ostdeutschland überlassen, das Hauptstationierungsfeld der sowjetischen Truppen in Europa. Das Selbstbewußtsein einer Weltmacht war getroffen, der Widerstand gegen eine Vereinigung Deutschlands wurde in Moskau besonders heftig und bitter.
Allein die Sowjetunion, so schien es, hatte die Kraft und die Mittel, den Zug zur deutschen Einheit aufzuhalten. Aber das war ein Irrtum, innen- wie außenpolitisch befand sich die Großmacht in einer Phase krisenhafter Schwäche. Ihre wirtschaftliche Lage verschlimmerte sich, der Widerstand gegen Gorbatschows Reformversuche wuchs, die nicht-russischen Nationalitäten rührten sich, die baltischen Staaten erklärten sich bereits im Frühjahr 1990 für unabhängig. In Mitteleuropa zerfiel die sowjetische Herrschaft. Polen, Ungarn und die Tschechoslowakei verabschiedeten sich nicht mehr nur ideologisch, sondern auch politisch von Moskau; der Warschauer Pakt, die sowjetische Militärallianz, löste sich auf; die DDR schwamm nach Westen davon. Noch standen dort 350000 sowjetische Soldaten und schienen zu garantieren, daß gegen den Willen des Kreml nichts über Deutschland entschieden werde. Aber auch das war ein Irrtum, denn diese Armee war demoralisiert. Noch 1990 und mehr in den folgenden Jahren wurde es offensichtlich, als Soldaten und Offiziere auf offenen Märkten verkauften, was die Ehre jeder Armee ausmacht: Uniformen, Orden und schließlich sogar Waffen.
So war in Moskau zu entscheiden: Soll man um ein Imperium kämpfen, das keinen Bestand haben kann, und dabei Konflikte mit dem Westen riskieren, für die man schlecht gewappnet ist? Oder muß man sich auf die Gesundung der Sowjetunion konzentrieren und dafür die Hilfe des Westens suchen? Gorbatschow entschied sich für das zweite, stieß auf wachsenden Widerspruch und wurde später nicht nur in Rußland voller Verachtung kritisiert: So verschleudert man ein Reich nicht. Aber der vermeintliche Schwächling war ein Realist: Er gab auf, was verloren und schon immer über die Kräfte der Sowjetunion gegangen war. Um Mitteleuropa zu beherrschen, hatten ihr alle Zeit die wirtschaftlichen und geistigen Kräfte gefehlt, Soldaten genügten auf die Dauer nicht.
Für Kohl und Genscher eröffneten sich unerwartete Chancen, aber noch immer war die Sowjetunion eine Großmacht, mit der die westdeutsche Mittelmacht nicht von gleich zu gleich verhandeln konnte, wenn es um eine Veränderung der Machtbalance zwischen West und Ost ging. Auf der Hochebene der Machtpolitik konnte auch 1990 nur zwischen den Großen entschieden werden. Bevor der Kanzler im Februar 1990 Gorbatschows Ja zur Vereinigung bekam, hatte der amerikanische Außenminister den Generalsekretär schon für die Form der Deutschlandverhandlungen - »Zwei-plus-vier« - halb gewonnen. Und bevor Gorbatschow im Juli Kohl sein Einverständnis zur deutschen Nato-Mitgliedschaft gab, hatte Bush dem Russen das Einverständnis abgerungen, daß die Deutschen selbst entscheiden sollten, in welcher Allianz sie sein wollten. Da jeder wußte, daß sie sich für die Nato entscheiden würden, hatte Gorbatschow indirekt sein Placet gegeben.
Was sollten die Gegenleistungen sein? Nach alter sowjetischer Auffassung mußte ein vereintes Deutschland neutralisiert sein, darum war der Streit schon in den fünfziger Jahren gegangen; auch Modrows Vereinigungsplan gebot Neutralität. Sowjetischer Tradition und sowjetischem Interesse hätte auch die Forderung entsprochen, die feindlichen Bündnisse Nato und Warschauer Pakt durch ein gesamteuropäisches Sicherheitssystem zu ersetzen. Aber Gorbatschow verlangte weder das eine noch das andere, sondern fand sich damit ab, daß die Nato bis an die polnische Westgrenze vorrückte.
Kohl und Genscher gaben ihm zum Ausgleich, was die Bundesrepublik geben konnte, das Versprechen großer Wirtschaftshilfe und die Zusage, auch das künftige Deutschland werde auf nukleare, biologische und chemische Waffen verzichten. Souverän, ohne Absprache mit Washington, entschied der Kanzler, die künftigen deutschen Streitkräfte fast um die Hälfte zu verringern. Auf über 600000 Mann wären die vereinigten Kräfte von Bundesrepublik und DDR gekommen, Kohl begrenzte sie auf 370000.
All das half, aber genügte nicht, Moskau brauchte Garantien der Weltmacht Amerika. Präsident Bush persönlich sagte Gorbatschow zu, die Sicherheit der Sowjetunion werde nicht beeinträchtigt werden; und die Allianz gab Zusicherungen: Die Länder des Warschauer Pakts würden nicht mehr als Gegner betrachtet, die Nato-Strategie werde revidiert, und Ostdeutschland, das Gebiet der ehemaligen DDR, werde frei bleiben von Kernwaffen und von ausländischen Streitkräften. Schließlich sah Moskau wohl ein, daß eine deutsche Nationalarmee gefährlicher werden könne als eine Bundeswehr, die in die Nato integriert und damit von der Nato kontrolliert wäre. Öffentlich war davon nicht die Rede, aber Gorbatschow bestätigte Bush, Amerika sei ein Faktor der Stabilität in Europa - also auch eine Garantie gegen militärische Alleingänge der Deutschen.
Sein formelles Einverständnis in der »Frage der Fragen«, der Nato-Mitgliedschaft des vereinten Deutschland, gab Gorbatschow aber nicht Bush, sondern Kohl. Er tat diesen letzten, vielleicht schwersten Schritt nach harten Auseinandersetzungen mit Konservativen in Moskau, die ihn des »Ausverkaufs« beschuldigten. Er tat ihn mit einer Mischung aus Resignation und Hoffnung, mit Realismus und Weitsicht. Den Zug zur deutschen Einheit konnte er nicht aufhalten; und wenn er nicht nur die Schlußlichter sehen wollte, mußte er sich beeilen, um aus dem Unabänderlichen noch Vorteil zu schlagen. Für den Wiederaufbau der sowjetischen Wirtschaft konnte die erste Industriemacht Europas viel leisten; und da es Deutsche waren, die helfen sollten, erwartete der Russe vermutlich mehr als möglich. So gab Gorbatschow Kohl sein Einverständnis mit großer Geste. Er feilschte nicht und stellte keine Bedingungen, er erwartete, daß sein politischer Verzicht mit ökonomischer Großzügigkeit beantwortet werde. Wo er in der Sache nichts Wesentliches mehr gewinnen konnte, wollte er Freunde gewinnen. Das Ergebnis war ein Vertrag über langfristige Zusammenarbeit, der alle früheren Verträge übertraf.
Wirtschaftshilfe gegen Vereinigungsduldung, das ist nicht einmal die halbe Wahrheit, aber ein wesentlicher Teil davon. Vor allem gelang Helmut Kohl der große Wurf, weil er im richtigen Augenblick entschlossen zugriff. Vorher hatte sich Moskau zu stark gefühlt, um Stalins Kriegsgewinn aufzugeben, nachher war es zu schwach. Kohl hatte im Kreml Erfolg, weil er sich konsequent und überzeugend als zuverlässiger Partner bewährt hatte. Im Sommer 1989, als Gorbatschow Bonn besuchte, war es ihm gelungen, ein persönliches, fast freundschaftliches Verhältnis zu begründen; der Goebbels-Vergleich war vergessen. Schließlich hatte Helmut Kohl Glück, wie keiner seiner Vorgänger es hatte: Er traf, nach einigen schwierigen Jahren, auf eine Sowjetunion, die schwach geworden war und zerfiel, und auf einen Generalsekretär, der sich vom Kommunismus verabschiedete.
Am 12. September 1990 unterzeichneten die Außenminister der deutschen Staaten und der vier ehemaligen Siegermächte einen Vertrag, mit dem der Zweite Weltkrieg seinen Abschluß in Europa fand. Der Vertrag bestimmte die Endgültigkeit der Grenzen des vereinten Deutschland, fixierte deutsche Verpflichtungen für friedliches Verhalten und militärische Einschränkungen. Im Gegenzug regelte er den Abzug der sowjetischen Truppen bis zum Jahr 1994, erklärte die Beendigung der Siegerrechte und damit die volle Souveränität des vereinten Deutschland und bestätigte dessen Recht, einem Bündnis nach seinen Wünschen anzugehören.
Der Zwei-plus-Vier-Vertrag war kein Friedensvertrag, denn Frieden herrschte schon seit 45 Jahren, aber er beseitigte Einrichtungen, Praktiken und Beschränkungen, die aus dem Sieg im Krieg hervorgegangen waren. Vor allem leistete die Einigung der Zwei mit den Vier, was sonst Aufgabe eines Friedensvertrages ist: Sie brachte neue Verhältnisse in eine rechtliche Form, mit der alle Beteiligten in Frieden leben können: die Deutschen mit einem stark verringerten Staatsgebiet, an das sie sich schon lange gewöhnt hatten; mit militärischen Einschränkungen, die sie nicht kränkten; mit der dauernden Stationierung amerikanischer Truppen, die sie als Sicherheitsgarantie hinnahmen. Die Europäer mit einem stark vergrößerten Deutschland, das uneingeschränkt souverän, durch Bündnisbindung und feierliche Selbstverpflichtung aber an einem Rückfall in Gewaltpolitik gehindert war.
[...]
»In dieser Perspektive, die die Unterschiede nicht verschwimmen, sondern im Gegenteil deutlicher und verständlicher hervortreten lässt, gelingt Bender eine Darstellung, die durch Objektivität und Gedankenreichtum besticht. ... Mit originellem Ansatz, Sachkenntnis und hoher Darstellungskunst hat der Historiker und Journalist Bender seine schwierige Aufgabe einer gesamtdeutschen Geschichte in der Zeit der Teilung gelöst. Dem flüssig und pointenreich geschriebenen Buch mit siner Verbindung von Entschiedenheit und Nachdenklich im Urteil sind viele Leser zu wünschen.«
Fritz Klein (Die Zeit, Buchmessen-Beilage, 22.3.2007)

»Dieses Buch kommt zur rechten Zeit: Peter Benders "ungeteilte Nachkriegsgeschichte" ist wirklich aus gesamtdeutscher Perspektive erzählt. Auch der Ton ist sachlich und die Haltung angenehm abgerüstet. ...
Wer weniger seine Illusionen hätscheln und seinen Vorurteilen schmeicheln als wissen will, wie die Deutschen geworden sind, wer Fragen an die Vergangenheit hat, der wird in Peter Benders "ungeteilter Nachkriegsgeschichte" mit dem pathetischen Titel "Deutschlands Wiederkehr" bestens bedient. ...«
Jens Bisky (Literaturen, April, 4/2007)

» ... Der Historiker Bender hat ein sehr lesbares, pointiertes Buch geschrieben, und das auch noch in annehmbarer Länge. Es ist ein Buch, das so entschieden ist wie nachdenklich. Und mindestens ein wenig auch weise.«
Andreas Debski (Dresdner Neueste Nachrichten, 23.07.2007)

»Benders "ungeteilte Nachkriegsgeschichte" ist ein glänzend geschriebenes, gedankenreiches Werk - keine konventionelle Überblicksdarstellung, eher ein chronologisch geordneter Essay. Es geht dem Autor nicht etwa darum, die jeweiligen Historien von Bundesrepublik und DDR nebeneinander abzuhandeln. Sein Buch ist vielmehr eine deutsch-deutsche Beziehungsgeschichte.«
Hubert Leber (Berliner Zeitung, 03.06.2007)

»...Benders Sicht der Dinge ist immer originell, voller Sinn vor allem für die schwierigen Binnenverhältnisse im geteilten Land, aber ihre eigentlichen Prägung erhält sie durch seine brillante, zugreifende Darstellungsgabe. Da kann der Journalist, der Bender sein Leben lang war, den Historiker, als der er hier auftritt, beflügeln. Überhaupt bezieht das Buch seine Überzeugungskraft aus den pointierten, Beobachtungen und Analysen verdichtender Zuspitzungen. Der Autor rückt West- und Ostdeutsche in eine vergleichbare Perspektive, entdeckt Zusammenhängendes auch im Gegensätzlichen, und bemüht sich, Verständnis dafür zu wecken, wie die Deutschen versuchten, mit den Verhältnissen zurechtzukommen, manchmal an ihnen rüttelten, öfter in einem Modus Vivendi verharrten. ...«
Hermann Rudolph (Der Tagesspiegel, 25.06.2007)

»... Man merkt in solchen Passagen dieses glänzend geschriebenen Buches, dass da einer am Werke war, den die deutschen Dinge zeit seines Lebens leidenschaftlich beschäftigen. ... Sein neustes Buch ist keine Abrechnung, sondern eine nüchterne Bilanz. Es erzählt die deutsche Nachkriegsliteratur insofern "ungeteilt", als es, chronologisch voranschreitend, immer wieder aufzeigt, wie sehr die beiden deutschen Staaten in den vierzig Jahren ihres Neben- und Gegeneinanders aufeinander bezogen waren. ...«
Eckhard Fuhr (Die Welt, 12.05.2007)

»Neben der geschliffenen Sprache ist es Benders Gelassenheit, die "Deutschlands Wiederkehr" auszeichnet. Überlegen fasst er die punktuellen Ereignisse zu historischen Linien zusammen. "Deutschlands Wiederkehr" schreibt die Geschichte der beiden deutschen Staaten nicht neu. Aber es macht sie zu einer erhellenden und vergnüglichen Lektüre. ...«
Jörg Giese (Märkische Allgemeine, 20.3.2007)
 
Klett-Cotta
1. Aufl. 2007, 333 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, bedruckte Vorsätze, Karten, Zeittafel
ISBN: 978-3-608-94466-2
autor_portrait

Peter Bender

Peter Bender, Dr. phil. (Alte Geschichte), geboren 1923 in Berlin, war seit 1954 als Journalist tätig. 1961 bis 1970 Redakteur und Kommentator beim...



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