Die Geschichte des Körpers im Mittelalter

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Leid, Arbeit, Sexualität - der Körper im Mittelalter

Welche Stellung hatte der menschliche Körper in der mittelalterlichen Gesellschaft? Warum wird er einmal verurteilt, ein anderes Mal verehrt und glorifiziert?
Jacques Le Goff gibt in dieser ersten Gesamtdarstellung zur Geschichte des Körpers im Mittelalter Antworten auf diese Fragen. Auf anschauliche Weise zeigt er, wie die Auffassungen von Körperlichkeit mit den Verhaltensnormen und Wertvorstellungen verknüpft waren.

Traum, Arbeit, Sexualität ... Hin- und her gerissen zwischen Unterdrückung und Freiheit, Fastenzeit und Karneval, war der Körper des Menschen im Mittelalter Schauplatz von Grundgegensätzen wie kaum ein anderer im Abendland. Diese umfassende Geschichte des Körpers, von der Kasteiung der Priester zu den Wonnen des Schlaraffenlandes, vom Aufstieg des Christentums zum gleichzeitigen zähen Verharren heidnischer Bräuche, vom Lachen bis zur »Gnadengabe der Tränen«, von der Kleidermode bis zu den Essgewohnheiten, vom Zölibat bis zur höfischen Liebe, vermittelt uns ein Verständnis der Codes, die uns das abendländische Mittelalter bis heute als Vermächtnis hinterließ. Dabei steht die Geschichte des ganzen Menschen, seines Alltags, seiner Kultur und Mentalität im Mittelpunkt.

Aus dem Inhalt:
- Das Tabu von Sperma und Blut
- Die Sexualität: tiefste Erniedrigung
- Der Dünne und der Dicke
- Anatomie: Leichenöffnung
- Tote und Sterbende: erhöht und gequält
- Zwei Ernährungsweisen, zwei Kulturen
- Die guten Manieren
- Der Körper als Metapher

Inhaltsverzeichnis

Vorwort: Die Abenteuer des menschlichen Körpers
Einleitung: Geschichte einer Forschungslücke
1. Fastenzeit und Karneval: Ständiger Wechsel im christlichen Abendland
Umfassende Entsagung 41
Das Tabu von Sperma und Blut 43 · Die Sexualität: tiefste Erniedrigung 45 · Theorie und Praxis 50 · Wurzeln der Verdrängung: Die Spätantike 53 · Das Christentum: Ursache des allgemeinen Rückschritts 55 · Das Weib sei dem Manne untertan 58 · Wundmale und Geißelung 62 · Der Dünne und der Dicke 64
Die Rache des Körpers 66
Schlange aus Stein und Weidenkorb in Drachenform 68 · Die Arbeit zwischen Mühsal und schöpferischem Tun 71 · Die Gabe der Tränen 77 · Das Lachen ernst nehmen 83 · Die Träume werden überwacht 88
2. Leben und Sterben im Mittelalter
Der Lebensweg 101
Die Lebensalter 102 · Minne oder Affären 104 · Denn uns ist ein Kind geboren 109 · Würde und Bosheit des Alters 113
Krankheit und Medizin 115
Der Kranke: ausgestoßen und auserwählt 120 · Die »gute Mi schung« und die Theorie der vier Körpersäfte 120 · »Bruder Körper« 123 · Urin und Blut 125 · Galen hat es empfohlen 126 · Grenzen der scholastischen Medizin 128 · Beistand und Krankenpflege 131 · Anatomie: Leichenöffnung 132
Tote und Sterbende: erhöht und gequält 133
Brevier der Sterbenden 135 · Anwesenheit der Toten 138
3. Körper und Manieren
Die gula und die Gastronomie 148
Zwei Ernährungsweisen, zwei Kulturen: eine Begegnung 149 · Die guten Manieren 153
Darstellung und Aussehen des Körpers 154
Nackt oder bekleidet ? 155 · Die Schönheit Evas und der Jungfrau Maria 159 · Das Bad 160 · Eine Kultur der Gesten 162
Bewegung und Ruhe: Der Körper in seinen Zuständen 164
Monstrum: Körperliche Mißbildungen 165 · Sportliche Betätigung? 167
4. Der Körper als Metapher
Der Mikrokosmos Mensch 172
Das Herz: Wahn und Frömmigkeit 173 · Der Kopf: Führungsaufgabe 174 · Die Leber: Verderberin von allem 176 · Die Hand: ambivalentes Werkzeug 177
Die Körpermetapher in Politik und Staatstheorie 178
Kopf oder Herz ? 179 · Wie die Augen im Kopf 180 · Der Staat ist ein Körper 181 · Der Kopf verliert den Vorrang 183 · Den Kopf auf die Füße stellen 186 · Der König und der Heilige 187 · Der Körper der Stadt 188
Schluß: Eine Geschichte in langsamen Rhythmen
Anmerkungen
Literatur
Bildnachweis
Personenregister
***

Leseprobe

Die weibliche Schönheit Evas und der Jungfrau Maria
Eva und die Muttergottes waren die beiden Gegenbilder der Schönheit im Mittelalter. Dieser Gegensatz traf den eigentlichen Kern der damaligen Vorstellung von der Frau. Auf der einen Seite stand Eva, die Verführerin und noch dazu die Sünderin, die aus einer sexuellen Umdeutung des Sündenfalls hervorgegangen war. Aber zugleich hat man auch im Mittelalter nicht vergessen, daß Gott in der Schöpfungsgeschichte die Frau erschuf, damit sie Gefährtin des Mannes sein und der Mann nicht allein bleiben sollte. Deshalb war Eva auch die Helferin des Mannes, der sie so notwendig brauchte. Als Eva erschaffen wurde und bis zum Sündenfall war sie nackt, genauso wie Adam. In der darstellenden Kunst des Mittelalters gehörte das erste Menschenpaar der Schöpfungsgeschichte zu den wichtigsten Bildinhalten. Die weibliche Nacktheit wurde der Gefühlswelt der Epoche nahegebracht.
Durch diesen Bezug zum Paradies, die Nacktheit der Unschuld und die Situation der Verführung entdeckten die Menschen im Mittelalter die weibliche Schönheit. François Villon sagte später voll Bewunderung: »Der weibliche Körper, wie ist er lieblich.« Eva gehörte zu den Verkörperungen der Schönheit; auf zahlreichen Porträts konnten die Betrachter die Schönheit des weiblichen Körpers und vor allem des weiblichen Gesichts entdecken.
Aber die Menschen sahen auch die Bilder von Maria, der Mutter Gottes und Erlöserin, mit ihrer sakralen Schönheit, die zur profanen weiblichen Schönheit in starkem Kontrast stand. Der Körper Marias wurde zwar weniger bewundert, aber ihr schönes Gesicht prägte sich ein. Diese beiden Frauengesichter mit je eigenen Schönheit wurden vor allem seit dem 13. Jahrhundert in der gotischen Kunst Leitbilder eines schönen Frauengesichts.7
Dieses Motiv von der Doppelnatur der Frau taucht auch im Gleichnis von den klugen und den törichten Jungfrauen auf (Mt 25,1-13): »Zehn Jungfrauen erwarten die Ankunft des Bräutigams. Als er schließlich eintrifft, haben fünf von ihnen ihre Lampe mit Öl gut versehen und angezündet; das sind die klugen. Fünf sind eingeschlafen und haben die Lampe verlöschen lassen. Das sind die törichten. Der Evangelist schließt mit den Worten: ›So wachet nun, denn ihr wißt weder den Tag noch die Stunde.‹« Dieses Motiv haben gotische Bildhauer verwendet, um das doppelte Gesicht der Frau zu schaffen und die Aufmerksamkeit auf ihre körperliche Anwesenheit und ihr Verhalten zu lenken.
Das Bad
Genauso wie die Stadien im Mittelalter und damit jede sportliche Betätigung verschwanden, wurden die antiken Thermen nicht mehr genutzt, und es gab keine öffentlichen Bäder mehr. In seinem Buch Die Hexe bemerkt Michelet dazu: »1000 Jahre lang kein Bad!« Diese Behauptung trifft so nicht zu; die Menschen des Mittelalters haben gebadet, aber wir wissen recht wenig über die privaten und häuslichen Badegewohnheiten in dieser Epoche.
Andererseits beobachten wir, wie sich besonders in Italien ein regelrechter Kurbäderrummel an den Thermalquellen entwickelte, und das offenbar nicht unter dem Einfl uß der aufkommenden öffentlichen Bäder in Byzanz oder im islamischen Orient während des 7. Jahrhunderts unter den Omajjaden. Auch die Abbasiden verbreiteten die öffentlichen Bäder im Maghreb und im vorderen Orient und führten sie schließlich auf der Iberischen Halbinsel ein, so daß man von einem »Beispiel für den muslimischen Universalismus« sprechen konnte. Allerdings fand diese Art von öffentlichen Bädern, das Hammam, im christlichen Abendland des Mittelalters keinerlei Nachahmer. In Italien dagegen, vor allem in der Toskana, aber auch im christlichen Teil Iberiens, in England und in deutschen Regionen entstanden Badeorte bei den Thermalquellen.
Das prominenteste Beispiel ist Pozzuoli nördlich von Neapel. Der Ruhm dieses Badeortes wurde im 13. Jahrhundert durch das allbekannte Gedicht De balneis Puteolaneis von Pietro d’Eboli noch erhöht; einige Handschriften des Gedichts sind reich illustriert. Der Körper im Bad konnte sehr beziehungsreich in einem Kontext vorgeführt werden, der an die Taufe denken ließ.
Öffentliche Badeanstalten kamen aber auch in den meisten Städten der Christenheit, sogar in kleinen Orten auf: die Dampfbäder. Allerdings waren sie jetzt nicht mehr gesellschaftlicher Mittelpunkt und Treffpunkt wie die antiken Thermen, auch von Anfang an kein Ort für Verabredungen, Gespräche, gemeinsame Trinkgelage und Feste. Eine wohlbekannte unerfreuliche Nebenerscheinung der Dampfbäder war allerdings die Prostitution, die von der Kirche unerbittlich verfolgt wurde. Man hat gelegentlich versucht, den Unterschied zwischen dem Hammam der Muslime und den Dampfbädern der Christen mit einem unterschiedlichen Schamgefühl zu erklären, aber das hat nichts damit zu tun. Erst in der Renaissance verurteilten die Europäer den nackten Körper und zeigten ihn immer seltener in der Öffentlichkeit. Im Mittelalter dagegen schreckten die Menschen in den Bädern und im Bett nicht vor der Nacktheit zurück.
Eine Kultur der Gesten
Vor dem 13. Jahrhundert, also bevor der städtische Handel und die Verwaltung sich überall ausbreiteten und die Entwicklung der Schriftdokumentation förderten, verließ sich die mittelalterliche Gesellschaft überwiegend auf mündliche Abmachungen und Verträge. Deshalb spielten die Körpergesten damals eine ganz besondere Rolle. Auch das Schreiben, eine Fertigkeit, die fast ausschließlich den Geistlichen vorbehalten blieb, war im Grunde eine mit der Hand ausgeführte, wichtige und angesehene Geste. Verträge und Eide waren von bestimmten Gesten bekleidet. Beim Ritual der Vasallenhuldigung legte der Vasall seine beiden Hände zwischen die Hände seines Lehnsherrn, und dieser umschloß sie mit seinen beiden Händen (immixtio manuum). Der anschließende Vasallenkuß (osculum) zeigte und symbolisierte, daß der Lehnsherr ihn in seine familia aufgenommen hatte.8 »Durch Mund und Hand« war er zum Vasallen geworden - auch das Gebet, der Segen, das Schwingen des Weihrauchfasses, das Sündenbekenntnis und zahlreiche andere Teile der Liturgie und allgemein der Religionsausübung wurden mit festgelegter Gestik ausgeführt.
Die französischen Heldengedichte (Chansons de geste) gehörten zum beliebtesten literarischen Genre im Mittelalter. Die Geste nahm den Körper und das gesamte menschliche Sein in Anspruch: Der äußere Ausdruck des Menschen (foris) offenbarte die inneren Vorgänge und Regungen (intus) der Seele. Aber man mußte zwischen Gesten (gestus) und Gestikulieren (gesticulatio), also dem Herumzappeln und anderen Körperverrenkungen unterscheiden, die an den Teufel denken ließen. Auch hier wird die Ambivalenz deutlich: Einerseits brachte die Geste die innere Gefühlsregung, die Treue und den christlichen Glauben zum Ausdruck, andererseits war Gestikulieren ein Zeichen von Bosheit, Besessenheit und Sünde, deshalb wurden auch die Gaukler so streng verfolgt, und das Lachen war verboten, zweifellos weil sich beim Lachenden der Mund und das ganze Gesicht verziehen. Ebenso der Tanz: Zwei ganz gegensätzliche Vorbilder aus der Bibel, einmal der wunderbare Tanz des Königs David und als finsteres Gegenbeispiel der Tanz der Salome vor dem abgetrennten Haupt Johannes’ des Täufers, ließen ihn zwielichtig erscheinen. Jedenfalls hat der Tanz nie die Billigung der Kirche gefunden, weil sie alle Verrenkungen, Verdrehungen und andere Verformungen des Körpers verurteilte. Das gleiche galt für ihr ablehnendes Urteil über das Theater.
Jean-Claude Schmitt hat als Experte für die Gesten im Mittelalter zu Recht festgestellt: »Über die Gesten zu sprechen bedeutet, zunächst einmal über den Körper zu sprechen. «9 In seinem sehr erfolgreichen Versuch, »die Logik der Gesten« im mittelalterlichen Abendland zu bestimmen, stellt er abschließend fest: »Deshalb wurde die Geste zugleich hochgeschätzt und mit großem Mißtrauen verfolgt, sie war allgegenwärtig und doch von ungeordnetem Rang. Der Körper war zwar durch die Moralvorstellungen und die Regeln des Rituals eingeengt, aber er gab sich nie geschlagen. Je enger er in den Schraubstock der Normen und der Vernunft gespannt wurde, desto heftiger und ausgreifender wurden andere Formen der Gestik, ob nur spielerisch (wie bei den Gauklern), volkstümlich und grotesk (wie im Karneval) oder mystisch (wie bei den Bußpredigern und den Flagellanten im Spätmittelalter). Hinter den Gesten liegen Fasten und Karneval dicht beieinander. Auch das Wort, ebenso wie das Lachen, ist ein Körperphänomen. Es kommt aus dem Mund, diesem unzuverlässigen Filter, der Grobheiten und Gotteslästerungen genauso wie das Gebet oder die Predigt aus dem Mund herauskommen läßt.
[...]
»... Insgesamt also war das Bild des Körpers im Mittelalter von Widersprüchen durchdrungen. Unterdrückung und Überhöhung, Demütigung und Verehrung finden sich in den Quellen. Le Goff hat sie für uns freigelegt - die Lektüre ist ein wahrhaft geistiges Vergnügen.«
(Die Welt, 04.08.2007)

»... Das Autorenduo aus Forscher und Journalist hat ein ebenso sachlich fundiertes wie unterhaltsames Buch geschrieben. Der lockere und leicht verständliche Erzählstil macht es auch für Laien zu einem Lesevergnügen. ...«
(PM History, Juli 2007)

»... Eindrucksvoll zeigt Le Goff , dass im Mittelalter von einer allgemeinen Abwertung des Leibes nicht die Rede sein kann, auch nicht von einem jemals durchgehaltenen Vorzug des "Geistes" oder der "Seele" gegenüber dem "Körper", sondern dass überall Widersprüche herrschten, oft zwischen Norm und Wirklichkeit, oft genug aber zwischen konkurrierenden Normen selbst. ...«
(Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.03.2007)
Klett-Cotta Aus dem Französischen von Renate Warttmann (Orig.: Une histoire du corps au Moyen Age)
1. Aufl. 2007, 224 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, 8 Seiten farbigerTafelteil
ISBN: 978-3-608-94080-0
autor_portrait

Jacques Le Goff

Jacques Le Goff, Jahrgang 1924, ehemaliger Präsident der Ecole des Hautes Etudes en Sciences Sociales, Paris, war einer der führenden Historiker ...

Nicolas Truong

Nicolas Truong ist Journalist bei »Le Monde de l’Éducation«.Er zeichnet dort für die Rubrik »Bücher« verantwortlich.Er war Herausgeber der Zeitschrift ...

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