Friedrich der Große und George Washington

Zwei Wege der Aufklärung
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Ein spannendes Doppelporträt zweier ungleicher Kinder der Aufklärung - diesseits und jenseits des Atlantiks

Das Doppelporträt des großen preußischen Königs Friedrich der Große (1712–1786) und des ersten amerikanischen Präsidenten George Washington (1732–1799) zeigt zwei Versuche, Licht in die Politik zu bringen: die Variante der »Aufklärung von oben« in Preußen und eine Form »von unten« in den Vereinigten Staaten.

Preußen und die Vereinigten Staaten sind die beiden aus Selbstermächtigung heraus gegründeten neuen Staaten des Jahrhunderts der Aufklärung. Und manch ein Preuße hat auf der amerikanischen Seite für die Unabhängigkeit gekämpft. Aus dem fernen Europa hat jedoch auch der preußische König interessiert über den großen Teich geschaut, wobei die historische Forschung diese Neugier bisher weitgehend übersah.
Der Vergleich zwischen Friedrich und sinem kritischen Bewunderer Washington wirft nicht zuletzt ein scharfes Licht auf die Defizite des fritzischen Staatsverständnisses als aufgeklärter Monarch.

Leseprobe
1.FRIEDRICH DER GROSSE UND GEORGE WASHINGTON – PARALLELE LEBEN

George Washington hatte viel Gutes über Friedrich den Großen zu sagen, als er sich im Sommer 1786 berufen fühlte, die Leistungen des weltberühmten Preußenkönigs in wenigen pointierten Worten zu würdigen. Von seinen europäischen Freunden war er wohlunterrichtet über den bemitleidenswert schlechten Gesundheitszustand des einst so kraftvollen Monarchen, der Preußens und Europas Geschicke beinahe ein halbes Jahrhundert lang geprägt hatte; so kamen seine Äußerungen, die er dem Marquis de Lafayette zwölf Wochen vor Friedrichs Ab leben mitteilte, einem vorgezogenen Nachruf gleich.
Lafayette, Washingtons Weggefährte aus den Tagen des ame

rikanischen Unabhängigkeitskrieges, hatte den siechen preußischen Monarchen selbst erst vor wenigen Monaten in Deutschland aufgesucht; nun schrieb ihm Washington, es gebe in der Welt niemanden, der Friedrich dem Großen »als Soldat« ebenbürtig sei. Doch auch »als Politiker«, der seinem effizient verwalteten preußischen Staat ein rationales Gepräge verliehen habe, komme »ihm keiner gleich«. Als Feldherr und Staatenlenker sei der König noch immer ein unerreichtes Vorbild für viele Militärs und Regierungschefs. So habe auch er, Washington, in vielerlei Hinsicht eine hohe »Meinung« von dem preußischen Herrscher, die selbst in den Altersjahren des Königs noch »weiter angewachsen« sei.

Doch Washington beließ es nicht bei diesem überschwenglichen Lob. Den überraschenden Schlusspunkt seiner Ausführungen bildete eine fundamentale Kritik. Es sei »zu beklagen«, so Washington, dass Friedrichs im Grunde »großartiger Charakter« leider auch einen dunklen »Schandfleck« aufweise. Seit der amerikanischen Revolution von 1776 forderten auch in Europa die Menschen in zunehmendem Maße, als mündige Bürger an den Regierungsgeschäften beteiligt zu sein; Friedrich aber habe sich sein Leben lang gegen jede Form der bürger lichen Mitsprache in Staatsangelegenheiten gewehrt. Noch immer, auch als kranker Mann, regiere er sein Preußen als ein von niemandem gezügelter Alleinherrscher von oben herab mit Befehlen, Edikten, Anordnungen und Erlassen. Nur seinen eigenen Willen lasse er als Maßstab des politischen Handelns gelten. Es sei aber schändlich, dass »ein Mann« ganz allein die Einwohner eines großen Reiches nach Lust und Laune dirigiere und sich somit selbst zum »Tyrannen über Millionen« erhebe. Dies werfe »einen Schatten« auf ihn, der sein Lebenswerk in der Rückschau »für immer« verdunkeln werde.

Washington wusste sehr genau, von wem er sprach. Schon als junger Mann hatte er den Lebensweg des preußischen Königs mit Interesse verfolgt. Als er selbst während des Siebenjährigen Krieges in Pennsylvania erstmals im Kampf gegen die Franzosen ein amerikanisches Regiment kommandieren durfte, verschlang er mit Begeisterung die Berichte über den kühnen Sieg, den der Preußenkönig als Feldherr im sächsischen Roßbach gegen denselben Feind errungen hatte. Aufrichtig bewunderte er die Verwegenheit, mit der sich der risikofreudige Friedrich, oftmals sogar in Unterzahl, dem Gegner entgegenwarf. Auch war Washington ihm zu Dank verpflichtet: Indem Friedrich der Große die französischen Truppen in Europa in einen langen und kräftezehrenden Krieg verstrickte, trug er entscheidend dazu bei, Frankreichs Herrschaft über weite Teile Nordamerikas zu brechen.

So nimmt es nicht wunder, dass Washington 1759 bei einem Londoner Handelshaus eine große Büste des preußischen Königs bestellte, um mit dieser kostbaren Erwerbung den Eingangsbereich seines Landsitzes Mount Vernon in Virginia zu schmücken. Einige Jahre später kaufte er seinem Stiefsohn Jacky die Spielzeugfigur eines preußischen Dragoners. Dieser in einem kunstfertigen Miniaturformat gestaltete Elitesoldat Friedrichs des Großen kam auf dem Holzfußboden des Kinderspielzimmers von Mount Vernon zum Einsatz.

Als Friedrichs Kriegsglück im Siebenjährigen Krieg ab 1760 auf dramatische Weise im Schwinden war und der preußische König sich gar dem Untergang nahe wähnte, litt auch Washington mit ihm. In Briefen an europäische Informanten erkundigte er sich nach dem Schicksal dieses wichtigen Alliierten der Amerikaner. Als sich dann das Blatt völlig unvermutet wendete und Friedrich nach dem Hubertusburger Frieden von 1763 wieder mit Tatkraft sein Land regierte, freute sich Washington mit ihm. Dann aber wandelte sich seine Einstellung zu dem heldenhaften preußischen Herrscher, erst allmählich, schließlich unumkehrbar.

Die tiefere Ursache dafür lag in dem Umstand begründet, dass sich seine Haltung zum Königtum insgesamt radikal änderte. Denn nur wenige Jahre nach dem Ende des Siebenjährigen Krieges sagte der britische König seinen amerikanischen Untertanen den Kampf an, weil diese sich standhaft weigerten, Steuern an die Krone abzuführen, die sie nicht selbst in ihren Kolonialparlamenten erhoben hatten; Washington wurde zu einem erbitterten Gegner jedweder Form des Monarchismus. Im Unabhängigkeitskrieg gegen das ehemalige Mutterland, den er ab 1775 als republikanischer General – der vom demokratisch gewählten amerikanischen Kongress zum obersten Feldherrn der frisch gegründeten USA ernannt worden war – mit beherztem Mut und großer Entschlusskraft führte, entwickelte er sich zum kompromisslosen Verfechter des Prinzips der Volkssouveränität.

Im Augenblick seiner ersten großen soldatischen Triumphe, die dem Commander in Chief zu weltweitem militärischen Ruhm verhalfen, wurde auch Friedrich der Große auf Washington aufmerksam. 1777 erteilte der preußische König seinem Bruder Prinz Heinrich die Anweisung, mittels einer aufmerk samen Lektüre der von den Zeitungen und Gazetten gelieferten Kriegsberichterstattung jede Bewegung des amerikanischen Generals zu verfolgen. Friedrich erkannte schnell, dass es nur sehr wenige zeitgenössische Schlachtenlenker gab, die so tapfer und strategisch versiert agierten wie Washington. Doch das Lob des Königs beschränkte sich auf dessen Kriegskunst. Einen Sinn für die neue demokratisch-republikanische Ordnung der Vereinigten Staaten hatte er nicht. Obschon Friedrich der Große bereits 1785, nur zwei Jahre nach dem Sieg der Amerikaner, einen ausgefeilten preußisch-amerikanischen Handelsvertrag unterzeichnete, der auch Washingtons Zustimmung fand, beurteilte der Monarch die politische Zukunft der USA mit Skepsis.

In diesem Sinne äußerte er sich gegenüber Lafayette anlässlich der bereits erwähnten Audienz, die kurz nach dem Abschluss des Abkommens zustande gekommen war. Demokratische Republiken müssten über kurz oder lang im Chaos enden. Auch die Vereinigten Staaten von Amerika würden sich diesem Schicksal nicht entziehen können. Nur eine aufgeklärte Alleinherrschaft, wie er selbst sie seit seiner Thronbesteigung im Jahr 1740 aus tiefer Überzeugung heraus praktiziere, verheiße den Menschen – jedenfalls im Innern des so regierten Staates – dauerhaft Ruhe und Ordnung, Frieden und Glück. Diese im Geiste sicher auch an Washington gerichteten Worte sandte Lafayette umgehend nach Amerika, was den amerikanischen General – den seine Landsleute schon bald zu ihrem ersten Präsidenten wählen würden – dann im Sommer 1786 zu eben jenem nachrufartigen Antwortbrief provozierte, in dem er seine resümierende Bewertung Friedrichs des Großen vornahm.

Dass sich Washington und Friedrich beständig im Blick behielten, dass sie bei allen Differenzen auch immer wieder Sympathien füreinander äußerten, mag wohl nicht zuletzt daran gelegen haben, dass sie instinktiv spürten, wie sehr sich ihre Lebensläufe ungeachtet aller vordergründigen Unterschiede ähnelten. Tatsächlich ist die Liste der ihnen gemeinsamen Neigungen, Sehnsüchte, Enttäuschungen und Erfolge so erstaunlich wie lang.

Beide Männer mussten sich als junge Erwachsene unter großen seelischen Schmerzen die Liebe zu Frauen versagen, die sie geheiratet hätten, wenn sie nur zu haben gewesen wären. Friedrich und Washington konnten sich nicht mit den Damen ihrer ersten Wahl der sinnlichen Leidenschaft und stürmischen sexuellen Lust erfreuen, die sie ganz ohne Prüderie guthießen. Beide mussten aus Vernunftgründen andere Frauen heiraten; im Fall Friedrichs war politisches Kalkül maßgebend, im Fall Washingtons eine ansehnliche Mitgift. Eigenen Nachwuchs zeugten Friedrich und Washington mit ihren Ehefrauen nicht. Dafür wandten sie sich dann den Völkern, die sie in ihren Ländern als Regierungschefs anzuführen hatten, in der Weise von Adoptiveltern mit einer ganz bewusst so bezeichneten »väterlichen« strengen Sorgfalt zu. Die Nationen, die sie in ihre patriarchische Obhut nahmen, wurden gleichsam zu angenommenen Kindern.

Ihre besondere Hingabe galt auch den Tieren, mit denen sie zusammenlebten. Rassigen Pferden und pfeilschnellen Hunden ließen sie eine außerordentlich aufwendige Hege und Pflege zukommen. In ihre silbergrauen Windhunde, deren ästhe tische Anmut, drollige Fröhlichkeit und rasante Bewegungskunst sie bewunderten, waren Washington und Friedrich geradezu vernarrt. Wann immer einer ihrer Hunde gestorben war, bereiteten beide Männer diesen Tieren ein würdiges Begräbnis in einer eigens zu diesem Zweck angelegten Gruft. Friedrich ließ die Namen seiner Windhunde in deren Grabplatten einmeißeln. Washington bestattete seinen Lieblingswindhund Cornwallis in einer aus Ziegeln erbauten Grablege, die er mit einem Abschlussstein aus Marmor versah.

Auch für sich selbst bestimmten beide Männer schon früh den Ort, an dem sie beerdigt werden wollten. Sie wünschten sich kein monumentales Staatsbegräbnis, keine in steinernen Domen oder Palästen abgehaltenen Trauerfeiern, sondern eine eher schlichte Bestattungszeremonie, die unter freiem Himmel stattfinden sollte. Ihre Körper, verfügten sie, sollten wieder in den Schoß der von Gott geschaffenen Natur zurückkehren, dem sie einst entsprungen waren. So wählten sie für sich Gräber an eben jenen entlegenen Orten aus, wo sie sich zu Lebzeiten am liebsten aufhielten: Friedrich am Terrassenhang seines im Grünen gelegenen Lustschlosses Sanssouci, Washington an einem begrünten Hang seines in eine berückend schöne Landschaft eingebetteten Gutes Mount Vernon.

Die Gartenlandschaften, in denen sie ihre ewige Ruhe finden wollten, hatten Friedrich und Washington als fähige Landschaftsplaner zu großen Teilen selbst gestaltet. Sie gärtnerten in den von ihnen angelegten Rabatten und Obstplantagen auch selbst und führten über das Wachstum der von ihnen gezogenen Früchte und Obstgehölze ausführlich Buch. Die von beiden am meisten geschätzten Pflanzen waren der Weinstock und der Feigenbaum, in deren Schatten sie ihre Wohnungen bauten, um dort Ruhe und Frieden zu finden, ganz gemäß dem Bibelwort über das Leben im Reich des Messias vor dem Ende der Tage (Micha 4,4). Auch diese ausgeklügelten, mit architektonischem Sachverstand erbauten Wohnstätten – Sanssouci und Mount Vernon – entstanden nach eigenen Skizzen und Vorstellungen Friedrichs und Washingtons.

Nicht nur der Gutsherr Washington aus den amerikanischen Südstaaten, sondern auch Friedrich, der preußische König, ließen sich seit ihren frühesten Kindheitstagen von aus Westafrika importierten Sklaven und Leibdienern bei ihren alltäglichen Verrichtungen helfen, ohne sich allzu genau mit der Fragwürdigkeit dieser Form der Knechtschaft auseinanderzusetzen. Andererseits erwiesen sich beide als erstaunlich großzügig, liberal und aufgeschlossen, wenn es darum ging, Angehörigen der unterschiedlichsten Konfessionen den Weg zur ungestörten und friedlichen Ausübung ihrer religiösen Praktiken zu ebnen.

Toleranz, das Recht der jeweils Andersdenkenden auf freie Entfaltung, war für sie zumindest in Religionsdingen ein heiliges Gebot, das sie in sehr umfassender Weise respektierten. Der einer calvinistischen Dynastie entstammende Protestant Friedrich erlaubte im Herzen seiner Hauptstadt Berlin den Bau einer römisch-katholischen Kathedrale, die zu den prächtigsten Gotteshäusern ihrer Zeit zählte. Der anglikanisch getaufte Protestant Washington setzte sich außer für die Katholiken auch stets für das Gedeihen der amerikanischen jüdischen Gemeinden ein, deren Synagogen er immer wieder in herzlicher Verbundenheit mit seinen dort zum Gebet zusammenkommenden Mitbürgern Besuche abstattete.

Die Gelassenheit, mit der Friedrich und Washington in den von ihnen regierten Staaten das Tun und Treiben der unterschiedlichsten Religionsgemeinschaften beobachteten und förderten, war zu einem guten Teil gegründet in dem festen und tiefen Glauben an die göttliche Vorsehung, in der beide Männer seit ihren Jugendtagen die tiefere Ursache des Laufes der Welt erblickten. Welches Gebet oder welche tugendhafte Handlung der Menschen dem Willen des ersten Bewegers aller Dinge entsprach, lag ihres Erachtens ausschließlich im Ermessen dieses unerforschlichen höchsten Wesens, das nach einem geheimen Ratschluss über die Menschen waltete und ihnen nach Belieben Gunst oder Zorn erwies. Dieses ganz unverkennbar deistische Züge tragende Gottesverständnis, das Friedrich und Washington zeitlebens teilten, ermöglichte es ihnen auch, sich in den eher schlechten Tagen ihres Lebens in Geduld zu üben. Denn so willensstark sie beide waren, so sehr war ihnen doch stets bewusst, wie umfassend ihr Handeln von günstigen Gelegenheiten, glücklichen Zufällen und ganz allgemeinen Lebenskonstellationen abhing, die ihren eigenen Einflussmöglichkeiten enthoben waren. Beide Männer waren demütig und gefasst genug, die von der Vorsehung vorgegebenen Grenzen ihrer Handlungsspielräume anzuerkennen.

Doch der Glaube an das Wirken der Vorsehung gab ihnen auch die Kraft, selbst in ausweglos erscheinenden Situationen, insbesondere während der Kriege, nicht aufzugeben, niemals verfrüht die Flinte ins Korn zu werfen, sondern das Risiko zu suchen und nach verwegenen Lösungen noch selbst in der schwierigsten Lage Ausschau zu halten. Ihre aus diesem unbeirrbaren Glauben gespeiste Widerstandskraft machte sie dann für ihre Feinde im Siebenjährigen Krieg und im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg zu letztlich unbezwingbaren Gegnern. Sie selbst waren in Anbetracht ihrer erstaunlichen Erfolge, die sie dank ihrer Charakter- und Glaubensfestigkeit erringen durften, nicht ganz frei von dem Gefühl, von der Vorsehung in besonderer Weise zur Verrichtung außerordentlicher Taten auserkoren zu sein.

Weil sie so von ihrer Sendung erfüllt waren, scheuten sie bei der Mehrung des Glücks ihrer Staaten, für die sie pflichtbewusst kämpften und die sie gewissenhaft regierten, nicht davor zurück, Gebiete und Territorien zu vereinnahmen, die schon seit Jahrhunderten von anderen Völkerschaften bewohnt und regiert wurden. Friedrich vergrößerte sein Königreich Preußen beständig auf Kosten der östlichen Gebiete des deutschen Reiches und des westlichen Polens. Er zwängte seinen Staat gewaltsam zwischen zwei altehrwürdige, von einem gewählten Kaiser und einem gewählten König regierte europäische Reiche. Diese hatten ein an der Schwelle zum 18. Jahrhundert noch gar nicht existierendes Königreich Preußen keinesfalls gewollt und standen ihm lange reserviert, ja ablehnend gegenüber.

Washington war der Präsident eines riesigen Bundesstaates, der ebenfalls erst im 18. Jahrhundert ins Leben getreten war, sich seither aber immer rasanter und hemmungsloser auf den Jagdgründen der gut regierten Konföderation der Irokesen ausgebreitet hatte. Auch die Indianer, deren funktionstüchtiger Bund schon 1575geschlossen worden war, hatten für lange Zeit gut ohne die weißen Siedler auskommen können. Sowohl Preußen als auch die Vereinigten Staaten von Amerika waren also funkelnagelneue Reiche, Kunststaaten, nicht gewachsen, sondern gemacht, und zwar gemäß den Regeln einer kühl kalkulierenden Vernunft. Beide Staatengebilde mussten nicht auf den Landkarten der Welt erscheinen, sie wollten sich dort einnisten, und deshalb wurden sie zu großen Teilen auf erobertem und kolonisiertem Land errichtet. Dieses neuerworbene Land gedachten Friedrich und Washington in ganz bestimmter Weise zu bebauen und zu kultivieren.
Das Zivilisationsmodell, an dem sich beide Männer orientierten, war das Licht und Fortschritt verheißende Ideal einer umfassenden Bildung aller gesellschaftlichen Schichten, wie es die Philosophen der Aufklärung an der Schwelle zum 18. Jahrhundert entworfen und in den nachfolgenden Jahrzehnten in zunehmend verfeinerter Form weiterentwickelt hatten. Friedrich und Washington hatten dabei durchaus unterschiedliche Lieblingsautoren. Der eine begeisterte sich für den Franzosen Voltaire, der andere für den Engländer Joseph Addison. Wie sein Vorbild V oltaire – und von diesem angeleitet – schrieb der preußische König auch selbst philosophische Gedichte. Die von Addison zur rhetorischen Meisterschaft getriebene Kunst der Argumentationsführung inspirierte und befeuerte auch Washingtons Reden, Artikel und Briefe, mit denen er die Amerikaner vom Wert seiner poli tischen Vorhaben überzeugen wollte. Beide, Friedrich und Washington, einte jedoch die Auffassung, dass ohne die Schriften des englischen Philosophen John Locke, den sie verehrten und auf dessen Vorarbeiten sich sowohl Addison als auch Voltaire bezogen, das Zeitalter der Aufklärung nicht hätte eingeläutet werden können.

So lebten Friedrich der Große und Washington nach den Maßgaben einer gut aufklärerischen Lebensführung. Sie lasen be ständig belletristische Literatur, wissenschaftliche Traktate, politische Essays, Briefe und gefühlsbetonte Gedichte. Beide verfassten auch selbst Texte. Friedrich verschrieb sich der Poesie, der philosophisch-politischen Essayistik und der politischen Geschichtsschreibung. Washington entwarf Reden und politische Aufrufe, die häufig auch die Form von öffentlichen Briefen annahmen. Bücher sammelten der Preußenkönig und der US-Präsident mit bibliophiler Leidenschaft. Ihre Bibliotheksregale waren am Ende ihres Lebens zum Bersten mit Bänden jedes Formats angefüllt. Doch nicht nur sich selbst begehrten sie durch ein lebenslanges Lesen und Lernen immer weiter fortzubilden. Gemäß den Grundsätzen der Philosophie der Aufklärung, die den permanenten persönlichen Erkenntnisgewinn nicht ohne einen stetigen gesamtgesellschaftlichen Wissenszuwachs denken konnte, engagierten sie sich in den von ihnen regierten Staaten mit Verve für die Verbesserung des allgemeinen Schul- und Universitätswesens.

Das Vergnügen kam bei ihnen beim Lernen nicht zu kurz. So genossen sie auch immer wieder die szenische Darbietung von Texten: Theaterbesuche gehörten für beide zu den hochwillkommenen und geschätzten Nebenbeschäftigungen in den Zeiten der Muße. Auch vergnügten sie sich häufig beim Gesellschaftsspiel, bei der Musik und beim Tanz. Sie waren in ganz ähnlicher Weise modebewusst und erfreuten sich am guten Essen und Trinken. Wiewohl sie als Soldaten mit äußerster Zähigkeit und Härte agieren konnten, waren sie doch auch zu großen Gefühlen befähigte Männer, die in ihren intimsten Momenten eine beinahe romantische Zärtlichkeit verströmten.

Die in den Lebensläufen Friedrichs des Großen und Washingtons aufscheinenden Parallelen sind also nicht zu übersehen, sie sind zahlreich und bedeutend. Ja, man kann sogar mit Fug und Recht behaupten, dass sie in ihrer besonderen Ausprägung einzigartig sind, da sich im gesamten 18. Jahrhundert wohl kaum eine andere historisch bedeutsame und die politische Geschichte prägende Gestalt finden lässt, deren Lebenszuschnitt den Lebensmustern dieses Königs und dieses Präsidenten auch nur im Ansatz gleicht. Weder die dem König Friedrich in fast schon obsessiver Manier immer wieder als Erzantagonistin gegenübergestellte Habsburgerin Maria Theresia noch die aufgeklärt-ab solutistische Zarin Katharina II., die gleichfalls als »große« Herrscherin gehandelt wurde, noch ein anderer, männlicher Regierungschef des Zeit alters der Aufklärung lassen sich so zu Friedrich und Washington in Beziehung setzen, wie diese aufeinander bezogen werden können.

Umso erstaunlicher ist es, dass eine umfassende Zusammenschau der parallelen Lebenswege Friedrichs und Washingtons bislang noch nicht geleistet wurde, obgleich der Ertrag eines vergleichenden Blicks auf ihre Biographien einen besonderen Erkenntnisgewinn verspricht. Denn Friedrich und Washington verstanden sich trotz ihrer vielen verblüffenden Gemeinsamkeiten sehr bewusst als die führenden Repräsentanten zweier höchst unter schiedlicher Formen vernunftgemäßer politischer Aufklärung, nämlich der Aufklärung absolutistisch-monarchischer Prägung »von oben« in Preußen und einer Aufklärung demokratischparlamentarischer Version »von unten« in Amerika. Zudem hatten sich beide Männer in dieser ihrer Unterschiedlichkeit beständig im Blick – aber ganz gewiss auch in ihrer herausragenden politischen Stellung als jeweils unüberbietbare Personifizierung Preußens und der USA, der beiden modernsten Staaten ihrer Zeit. Dieser Gegensatz war ja der Grund dafür, dass sie sich trotz der einander ausdrücklich gezollten Bewunderung letztlich auch schmähten. Während Washington den preußischen König als Tyrannen beschimpfte, verurteilte Friedrich die von Washington mitbegründete politische Ordnung der Vereinigten Staaten als einen Aufbruch in die Anarchie.

Der zwischen Friedrich und Washington bestehende Gegensatz stellt eine große Provokation dar, weil in ihm der eklatante Widerspruch zwischen jenen beiden Wegen der politischen Aufklärung sichtbar wird, zwischen denen die fortschrittsorientierten Menschen im 18. Jahrhundert wählen mussten. Glühende Anhänger hatten beide, auch in Deutschland. Der Schriftsteller Karl Philipp Moritz feierte noch den greisen König Friedrich als »Morgensonne« der Aufklärung, während Immanuel Kant gar vom gesamten 18. Jahrhundert als dem »Jahrhundert Friederichs« sprach. Johann Wolfgang von Goethe hingegen beschrieb stattdessen Washington als strahlenden Stern am »politischen Himmel« der Aufklärung. Er bezeugte damit, dass der aufgeklärte Absolutismus des preußischen Königs schon lange vor dessen Tod nicht mehr als das einzig mögliche Verständnis von politischer Aufklärung angesehen w urde. Selbst Friedrichs Bruder Prinz Heinrich pries die freiheitlichen Bestrebungen jenseits des Atlantiks, die sich im Zeichen einer ganz anderen Vorstellung von Aufklärung in nun auch für Europa vorbildlicher Weise vollzogen.

Auch wenn im 18. Jahrhundert noch gar nicht absehbar war, welchem Weg der politischen Aufklärung schließlich die Zukunft gehören würde, waren die Zeitgenossen doch zumindest recht gut über die existierenden Alternativen und die darin angelegten Potentiale unterrichtet. Sie hatten durchaus eine Wahl. Auch Friedrich und Washington trafen sehr bewusst eine Entscheidung für das jeweils von ihnen bevorzugte politische System. Als Washington einmal von einem seiner Offiziere nahegelegt wurde, zur Krone zu greifen, wies er diesen Antrag als unverschämte Zudringlichkeit erbost zurück – anders als kurz nach ihm der republikanische General Napoleon Bonaparte in Frankreich. Auch Friedrich boten sich durchaus Möglichkeiten, Formen der parlamentarischen Mitbestimmung in Preußen einzuführen. Stattdessen ignorierte er selbst die wenigen altständischen Landtage, die es in den von ihm regierten und erworbenen Territorien noch gab, wo er nur konnte.

Friedrich und Washington hatten also bei objektiver Betrachtung die Wahl, welchen Weg der Aufklärung sie gehen wollten. Doch zugleich waren sie in den Jahren 1712 und 1732 in festumrissene Lebensumstände, in sehr traditionsbewusste Familien und in bereits lange bestehende politische Koordinatensysteme hineingeboren worden, die sie so massiv prägten, dass es sich wiederum zu fragen lohnt, über welche Wahlmöglichkeiten sie denn eigentlich subjektiv verfügten. Ihre individuellen Lebensgeschichten sind so eng mit den bis ins 17. Jahrhundert zurückreichenden und ebenfalls parallel verlaufenden Entstehungsgeschichten des Königreichs Preußen und der Vereinigten Staaten von Amerika verwoben, dass sie sich nicht unabhängig davon deuten lassen.

Biographien parallel verlaufener Leben verfasste prototypisch vor fast 2000 Jahren der griechische Schriftsteller Plutarch. Seine vergleichenden Lebensbeschreibungen großer Griechen und Römer, die er Bioi paralleloi (Parallele Leben) nannte, inspirierten in den nachfolgenden Jahrhunderten auch ungezählte andere Biographen, die persönlichen Charaktere zweier sich gleichender und in ähnlichen historischen Situationen agierender Menschen aus der Überschau der Zeiten zu betrachten, um so zu einem angemessenen und ausgewogenen Urteil über ihre individuellen Lebensleistungen zu gelangen. Plutarchs Doppelporträts belehren uns noch heute, denn sie bleiben mustergültige Beispiele dafür, wie man große Gestalten der Weltgeschichte geschickt und sinnvoll zueinander in Beziehung setzen kann, um aus diesen Vergleichen dann Schlüsse für die Gegenwart zu ziehen.

Gelernt haben wir von Plutarch, dass Anekdoten, »ein unbedeutender Vorfall, ein Ausspruch oder ein Scherz«, mehr über den Charakter eines Menschen aussagen als »die blutigsten Schlachten, die größten Heeresaufgebote und die Belagerungen von Städten«. So sei es auch gar nicht nötig, die Ruhmestaten der verglichenen historischen Gestalten »sämtlich eine nach der anderen ausführlich« darzustellen. Auch dürfe ein Biograph, obgleich er sein historisches Urteil stets zu erkennen geben müsse, nicht mit dem erhobenen Zeigefinger des besserwisserischen Moralpredigers auf die Fehler und Schwächen der beschriebenen Gestalten hinweisen. Vielmehr solle seine Geschichtsschreibung ein Gefühl des Bedauerns darüber auszeichnen, dass es der menschlichen Natur in ihrer Schwachheit niemals möglich ist, einen moralisch völlig tadellosen Charakter hervorzubringen.

Plutarchs Anregungen sind unentbehrlich. Im Falle des angestrebten Vergleichs der Biographien Friedrichs des Großen und George Washingtons muss der Historiker allerdings noch einen Schritt über Plutarch hinausgehen, weil der griechische Schriftsteller ausschließlich solche Leben beschrieb und zueinander in Beziehung setzte, die zwar ähnlichen, doch teilweise sehr weit voneinander entfernten Zeiten entstammten. Nacheinander erzählte er erst den einen, den älteren, dann den anderen, den jüngeren Lebenslauf. Erst in einer abschließenden Würdigung von Persönlichkeit und Leistung der beschriebenen Männer nahm er in einer Synkrisis, einer urteilenden Quintessenz, den Vergleich vor, dem er dann durchaus eine paradigmatische Bedeutung auch für die Gegenwartszeit der Leser zuschrieb.

Bei Friedrich und Washington lässt sich ein vergleichendes Doppelporträt aber nur dann sinnvoll und erhellend erstellen, wenn ihre parallelen Lebensgänge im Rahmen und als Teil eines ihnen gemeinsamen, sehr viel größeren historischen Kontextes dargestellt werden, der nicht nur die Entstehungsgeschichten Preußens und der amerikanischen Freistaaten umfasst, sondern auch die Grundzüge der politischen Ideengeschichte des Zeitalters der Aufklärung. Denn nur auf der Grundlage einer solchen weitgefassten historischen Erzählung lässt sich ein angemessenes Urteil über die Bedeutung ihres verfassungspolitischen Erbes finden, das wir uns immer wieder von Neuem aneignen müssen, wenn wir uns darüber Aufschluss geben wollen, welchen Weg der Aufklärung wir heute weiter beschreiten wollen, einen Weg, der im Jahr 1701 mit einem strahlenden politischen Sonnenaufgang begann.

2. EIN SONNENAUFGANG (1701)

Das 18. Jahrhundert war noch jung, da glaubte der englische Philosoph und Parlamentarier Anthony Ashley Cooper, der dritte Earl of Shaftesbury, schon sagen zu können, dass mit dem Anbruch des neuen Säkulums ein Epochenwechsel von bislang unbekanntem Ausmaß erfolgt sei: In einem visionären Brief an Jean Le Clerc, den hochgelehrten Genfer Theologen und Herausgeber mehrerer Enzyklopädien, schrieb er 1706 in sehr poetischen Worten, er nehme seit der Jahrhundertwende ein außer ordentlich »starkes Licht« in der Welt wahr, a mighty Light, das sich mit zunehmender Geschwindigkeit über die ganze Erde ausbreite und der Menschheit einen Fortschritt in allen Lebensbereichen und »in größerer Dimension als jemals zuvor« verheiße. Was der englische Adlige dem schweizerischen Universalgelehrten hier noch im intimen Zwiegespräch als beinahe esoterische Botschaft anvertraute, war dann bereits 1743 in den Augen des erfolgreichen amerikanischen Selfmademan und Zeitungsverlegers Benjamin Franklin zu einer allgemeingültigen Wahrheit geworden. Denn in eben diesem Jahr wies auch der ambitionierte Unternehmer aus Philadelphia, der sich als Sohn armer Eltern ausschließlich mit Hilfe von autodidaktischen Studien »zu einem gewissen Wohlstand und einigem Ruf in der Welt aufgeschwungen« hatte, auf jenes immer stärker »in die Natur aller Dinge scheinende Licht« hin, das offenbar nicht nur seinen eigenen Aufstieg ermöglicht hatte, sondern »die Bequemlichkeiten und die Vergnügungen des Lebens« aller Menschen seit über vier Jahrzehnten kontinuierlich erweiterte.

Auch in der zweiten Jahrhunderthälfte erschien den Menschen die Welt in zunehmend heiterem Licht. So verkündete der österreichische Diplomat Gottfried van Swieten, einer der größten Förderer Joseph Haydns und Wolfgang Amadeus Mozarts, im Jahr 1774 von seinem preußischen Dienstort Berlin aus, dass er mit vielen seiner Zeitgenossen nach wie vor jenen »neuen Glanz« bewundere, der über viele Menschenalter hinweg »in finsteren Wolken« verhüllt war, nun aber in immer reinerer Strahlkraft das Leben aller Erdenbürger bereichere und verschönere. Und noch 1790 erging sich die englische Schriftstellerin und Frauenrechtlerin Mary Wollstonecraft, die ihre berufliche Karriere in bescheidenen Verhältnissen als ungelernte Näherin begonnen hatte, in überschwenglichen Lobpreisungen des so herrlichen »Lichtstrahls«, der die ehemals »dunklen Tage« der Menschheit nun schon sehr weitgehend erhellt habe, weil er seit Beginn »genau dieses Jahrhunderts« immer »leuchtkräftiger«, more luminous, scheine.

Die frappierende Lichtmetaphorik, mit der Männer und Frauen, Alte und Junge, Europäer und Amerikaner, Angehörige der unterschiedlichsten Nationalitäten, Konfessionen, Stände und Berufe während des gesamten 18. Jahrhunderts den besonderen, immer stärker vibrierenden Glanz ihres Zeitalters zum Ausdruck zu bringen wussten, ist in den erhaltenen Reden, Briefen, Pamphleten und Büchern dieser Zeit derart häufig anzutreffen, dass sie geradezu als Signatur jener Epoche bezeichnet werden kann. Unerschöpflich war die Palette der Wörter und Wendungen, mit denen die damals lebenden Menschen den gleißenden Schein beschrieben, der ihr Jahrhundert umgab und durchdrang.

Doch welcher leuchtende Fortschritt, welche glänzende und großdimensionierte Verbesserung der menschlichen Lebensbedingungen, welche strahlende Ausbreitung und sprunghafte Erweiterung sogar der alltäglichsten Bequemlichkeiten war damit eigentlich gemeint? Zunächst bezeichnete das so vielfältig beschworene mächtige Licht eine ganz neue Qualität von Erkenntnis, über die mehr und mehr Menschen seit dem zwar schon im 17. Jahrhundert einsetzenden, nun aber rasant fortschreitenden Aufstieg der Naturwissenschaften verfügten. Nicht nur auf den Gebieten der Physik, der Anatomie und der Medizin, sondern gerade auch auf den Forschungsfeldern der Chemie und der Biologie – die sich jetzt erst zu konstituieren begannen – wurden bahnbrechende Entdeckungen gemacht, die das Leben in zuvor kaum denkbarer Weise erleichterten und in ein milderes Licht tauchten. Der Blitzableiter, den der Verleger und Autodidakt Franklin genau in der Mitte des Jahrhunderts in seinen Mußestunden in Philadelphia erfunden hatte, schien den Zeitgenossen ein besonders sensationelles und eindrückliches Beispiel nützlicher Wissenschaft zu sein; eine der verheerendsten Naturgewalten hatte endlich ihren Jahrtausende alten Schrecken verloren. Aber auch die Pockenschutzimpfung, mit der schon seit Beginn des Jahrhunderts zunächst in England, dann auch andernorts in Europa und Amerika mit zunehmendem Erfolg experimentiert wurde, führte bei immer mehr Menschen zur künstlich herbeigeführten Immunisierung gegen die Blattern, eine der gefürchtetsten Krankheiten aller Zeiten und Kontinente.

Dass diese ganz erstaunlichen Entdeckungen und Erfindungen allein durch den konzentrierten Gebrauch der Vernunft, des logischen Denkens, des gesunden Menschenverstandes zuwege gebracht worden waren, ja dass sich sogar Amateurwissenschaftler und Laien am Ausbau der Wissensbestände beteiligen konnten, ließ die Hoffnung aufkeimen, dass eine permanente Wissenserweiterung in Zukunft wohl prinzipiell von allen Mitgliedern der Gesellschaft zu leisten und nachzuvollziehen wäre. Die Folge dieser Einschätzung war eine ganz neue Organisation des Schul- und Erziehungswesens. Schon in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts wuchs die Zahl der Fürsten und Bürger, Theo logen, Naturwissenschaftler und Geschäftsleute, die es für ihre Pflicht hielten, neue Schulen zu errichten, in denen möglichst viele Menschen, auch immer mehr Mädchen und Frauen, eine gute Ausbildung erhalten sollten, um die Anzahl derer, die sich selbständig um das Wohl von Staat und Gesellschaft kümmern konnten, beständig zu erweitern. Tatsächlich wurden die Lese fähigkeit und auch die Lernlust der Menschen nun spürbar gesteigert, nicht zuletzt deswegen, weil die Lehrer in neuen Lehrerseminaren immer besser ausgebildet wurden und oftmals Formen einer neuen, spielerischen, zur beständigen Selbst erziehung ermunternden Pädagogik ausprobierten.

Diese konzertierten Bemühungen um einen umfassenden Wis senserwerb und eine effektive Wissensvermittlung machten etliche der rasanten gesellschaftlichen Entwicklungen und technischen Innovationen überhaupt erst möglich. Sie führten dazu, dass sich die Lebensverhältnisse in Europa und Nordamerika im Verlauf des 18. Jahrhunderts von Grund auf änderten und sich nun wirklich und immer augenscheinlicher in einem neuen Licht präsentierten. Lichter im wortwörtlichen Sinn wurden die Wälder, die man rodete, um neues Ackerland zu gewinnen. Dem gleichen Ziel dienten die Trockenlegung von Sümpfen und die Eindeichung der Küsten. Durch verfeinerte Anbaumethoden wurde der Ertrag der alten Felder und der neu hinzugewonnenen Böden gesteigert und also die Ernährungssituation verbessert, weshalb die durchschnittliche Lebenserwartung stieg und die Bevölkerung stetig wuchs. Frisch angelegte Chausseen und Kanäle im Binnenland sowie neu entdeckte Passagen auf den Ozeanen und Meeren sorgten dafür, dass Kutschen, Kähne und Schiffe reiselustige Menschen und dringend benötigte Handelsgüter schneller und sicherer um den Globus transportieren konnten; fiel in einem Landstrich die Ernte schlecht aus, so konnte leicht Getreide importiert werden. Mit der Erfindung der Montgolfière im Jahr 1783 wurde es sogar möglich, in lichte Höhen aufzusteigen und durch die Lüfte zu gondeln.

Auch der rein vergnügliche Gebrauch von landwirtschaftlichen Produkten aus den entlegensten Winkeln der Erde, das Trinken von Tee und Kaffee, das Rauchen von Tabak, wurde Mode; man genoss die Welt. Theater, Museen und Kuriositätenkabinette wurden einer immer größeren Öffentlichkeit zugänglich, und man erkannte, dass diese lehrreiche und zugleich unterhaltsame Betrachtung der Menschen, ihrer neuentdeckten exotischen Lebensräume, ihrer glanzvollen Artefakte und der bislang unbekannten Wunder der Natur, die Gesellschaft auf phantasievolle, anschauliche Weise voranbringen konnte. Zahlreiche neugegründete Zeitungen und Zeitschriften berichteten über all diese herrlichen Phänomene ebenso wie über die politischen Ereignisse; in den entstehenden öffentlichen Bibliotheken waren sie unentgeltlich oder gegen eine sehr geringe Gebühr für jedermann einsehbar und beförderten einen von sehr großen Teilen der Gesellschaft gepflegten Diskurs, der Meinungsfreiheit und Toleranz zu einem wesentlichen Anliegen des Zeitalters werden ließ. Neue Straßenlaternen, die zumindest auf den Boulevards der großen Städte die Nacht zum Tag machten, erlaubten es den Zeitgenossen, beinahe zu jeder Stunde in aller Öffentlichkeit ein erhellendes Gespräch zu führen.

Eben weil es zu einem von sehr vielen Menschen geteilten Anliegen wurde, immer mehr Licht ins Dunkel der Welt und der Köpfe zu tragen, verlangte der Geist des Zeitalters danach, das allgemeine Streben nach Helligkeit im eigenen Leben und nach Glanz in der Ausgestaltung von Staat und Gesellschaft auf einen pointierten Begriff zu bringen. Und dieser Begriff wurde gefunden: Aufklärung. So geläufig war dieses glückliche und treffende Wort den Zeitgenossen dann schon in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, dass der Königsberger Philosoph Immanuel Kant 1784 ganz umstandslos verkündete, er lebe »in einem Zeitalter der Aufklärung«. Der Begriff bürgerte sich auch an allen anderen Orten Europas und Nordamerikas ein, die von dem Geist der Aufklärung, dem Wunsch nach mehr Licht, erfüllt waren. So sprach man im Englischen von enlightenment, im Niederländischen ergötzte man sich an der voorlichting, im Dänischen suchten die Menschen der oplysning mehr Raum zu verschaffen, die Franzosen priesen das siècle des lumières, auch die italienische Sprache kannte ein illuminismo.

Auch die Künstler des 18. Jahrhunderts fanden ein starkes, weil einfaches und eingängiges Motiv, um das ausströmende Licht des Wissens bildlich zu fassen, ein Motiv, das seinerseits zu einem besonders populären, unmittelbar einleuchtenden Symbol der Epoche werden sollte: In unzähligen gemalten, gestochenen, aquarellierten und gezeichneten Arbeiten deuteten sie ihr Zeitalter, die ganze strahlende Aura des Säkulums, als einen ganz wunderbaren Sonnenaufgang. Eine besonders charakteristische Inszenierung der aufgehenden Sonne findet sich auf dem Titelblatt des 1720 zum ersten Mal erschienenen Buches Vernünfftige Gedancken von Gott, der Welt und der Seele des Menschen, auch allen Dingen überhaupt des Philosophen Christian Wolff aus Halle an der Saale. Zu sehen ist dort eine über Hügeln, Wäldern, Städten und Gehöften hell aus der Mitte dunkler Wolken hervorbrechende Sonne mit einem Strahlenkranz, dessen Mittelpunkt offenbar als dem menschlichen Auge keineswegs unerträglich gedacht ist. Jedenfalls wird er in Gestalt eines überaus gütig und behaglich lächelnden Menschenantlitzes wiedergegeben, das sich über die überallhin entfliehenden Schatten restlos zu freuen scheint. Noch 1791, mehr als siebzig Jahre später, entschied sich der Berliner Kupferstecher Daniel Nikolaus Chodowiecki für die Darstellung einer sich über menschliche Ansiedlungen, Berg und Tal erhebenden Morgensonne, als er den Auftrag erhielt, die »Aufklärung« als die »Große Begebenheit« des zur Neige gehenden Jahrhunderts im Bild festzuhalten. Ein Jahr darauf schrieb Georg Christoph Lichtenberg im Goettinger Taschen Calender, die Aufklärung habe auch »jetzt«, am Ende des 18. Jahrhunderts, »noch kein allgemeiner verständliches, allegorisches Zeichen« als »die aufgehende Sonne«; gerade wegen seiner suggestiven und unmittelbaren Wirkung sei dieses Symbol das mit Abstand »Schicklichste«.

Diese weit verbreitete und weithin akzeptierte Sicht auf das 18. Jahrhundert als Zeitalter der Aufklärung, als Säkulum eines herrlichen Sonnenaufgangs, ist jedoch bei näherem Hinsehen gar nicht so selbstverständlich, wie man zunächst meinen möchte. Denn trotz aller großartigen Errungenschaften, Erfindungen und Entdeckungen, die in dieser Epoche gemacht und gefeiert wurden, gab es doch auch genügend Fehlentwicklungen und wirkliche Katastrophen, die den Zeitgenossen durchaus eine andere Perspektive auf ihre Lebenszeit hätte abnötigen können. Immerhin fand in der Mitte dieses Jahrhunderts doch ein sieben Jahre währender, verheerender Krieg statt, der von den beteiligten europäischen Nationen gleichzeitig auf allen damals bekannten Kontinenten der Erde ausgetragen wurde und deshalb der erste globale Konflikt dieser Art, ja ein echter Weltkrieg war. Kurz bevor die ersten verlustreichen Schlachten dieses Krieges geschlagen wurden, kam es 1755 in Lissabon zu einem zerstörerischen Erdbeben, dessen außergewöhnliche Dimension jegliche Vorstellungskraft der Zeitgenossen sprengte, weil die enthemmten Naturge walten das Lebenslicht von 30 000 Menschen mit einem Schlag auslöschten und die ehemals so prächtige Hauptstadt in Schutt und Trümmer legten. Und auch wenn gegen die Pocken ein Impfstoff gefunden war, blieben doch mit der Cholera, der Ruhr, der Tuberkulose, dem Fleckfieber, der Diphtherie und der Syphilis noch genügend Krankheiten, die für die Menschen Schrecken und Qualen bereithielten.

Krieg und Gewalt, Hunger und Naturkatastrophen, Krankheit und die Aussicht auf einen schmerzvollen Tod waren also auch im 18. Jahrhundert ein unverkennbar großer und nicht zu leugnender Teil der Lebenswirklichkeit. Dies fand nirgendwo eine erschütterndere Schilderung als in Voltaires Candide, einer 1759 in Romanform veröffentlichten, viel gelesenen und viel kommentierten Warnung vor einem allzu naiven Optimismus und Fortschrittsglauben. Weshalb aber hielt dann selbst dieser Voltaire – jedenfalls im Grundsatz – an der Vorstellung fest, in einem Jahrhundert der Aufklärung zu leben, in einer Epoche der Ausbreitung des Lichts? Hatte die verblüffend hartnäckige Fokussierung der Zeitgenossen auf die aufgehende Sonne am Ende gar zu einer Verblendung geführt, die die Schrecken des Zeitalters, selbst da, wo sie nicht übersehen werden konnten, letztlich doch nur zu zweitrangigen Vorkommnissen werden ließ, die den Siegeszug des Lichts nicht aufzuhalten vermochten?
Um zu verstehen, wieso das Bild des Sonnenaufgangs – ungeachtet aller möglichen und auch formulierten Einwände gegen seine Stimmigkeit – dennoch zum Symbol des gesamten, als Zeitalter der Aufklärung gedeuteten 18. Jahrhunderts werden konnte, ist es unerlässlich, einen Blick auf bestimmte Vorgänge des 17. Jahrhunderts zu werfen, also auf zentrale Ereignisse einer Epoche, in der die großen philosophischen Durchbrüche zur Moderne stattfanden. Denn irgendwann zwischen 1610 und 1611 richtete der geniale italienische Mathematiker und Naturphilosoph Galileo Galilei das erst im Jahr zuvor in den Niederlanden erfundene Fernrohr auf die Sonne und sah diesen strahlenden Himmelskörper so, wie ihn noch nie ein Mensch zuvor gesehen hatte. Weil er seine Beobachtungen mit beispielloser Präzision anstellte, erblickte er »einige dunkle Flecken auf der Sonne«, die er zwischen Februar und April 1612 auch zeichnete und in dem 1613 in Rom publizierten Buch Delle macchie solari interessierten Lesern im Druck zugänglich machte. Er deutete die Flecken als wolkenartige Gebilde, als Dünste von unregelmäßiger Form, die an die Sonne gebunden waren und sich anscheinend auf deren Oberfläche befanden. In ihrer Bewegung folgten sie der Rotation der Sonne, die sich in etwa einem Mondmonat um sich selbst drehte. Die Sonnenflecken konnten sich nun, während sich die Sonne bewegte, als dunkle Schatten zusammenballen, wieder in Fragmente auflösen und die Strahlungsintensität der Sonne verändern. Dies zeugte von einer in Phasen wiederkehrenden Befleckung und damit von einer permanenten Veränderlichkeit des Sonnenlichts, das doch bis dahin von Naturphilosophen und Theologen stets als absolut unveränderlich und makellos rein beschrieben worden war.

Einerseits trugen Galileis Entdeckungen, aus denen er in den Folgejahren auch die These ableitete, dass die Erde schon seit alters um die Sonne rotierte, ihm die Feindschaft der katholischen Kirchenleitung ein, die es dem Mathematiker verübelte, wie grundlegend er die bisherige Ordnung und die Makellosigkeit des azurnen Himmelsgewölbes in Zweifel gezogen hatte. Andererseits aber waren die aufgeschlosseneren Naturwissenschaftler seiner Zeit von Galileis aufsehenerregender Beobachtung und Deutung des Wandels der Gestirne über alle Maßen begeistert. Wie er selbst fanden auch sie es nicht im mindesten bedenklich, dass es »im Sonnenkörper dunkle Flecken« gibt, »wenn er selbst hell leuchtet«. Statt als eine Abwertung des Sonnenlichts konnte Galileis Entdeckung vielmehr als verheißungsvoller Beweis dafür gelten, dass man nicht nur im hellen Schein, sondern gerade da, wo Schatten, Wolken, Nebel und dunkle Flecken zu sehen waren, auf die dahinter verborgene oder sogar darin enthaltene Kraft der Sonnenradiation vertrauen durfte, die in jedem Fall Wirkung tat. Denn, wie es der Physiker Lichtenberg dann gegen Ende des 18. Jahrhunderts formulierte: »Indessen, wenn die Sonne nur aufgeht, so schaden Nebel nicht.«

Vorerst, bis zur Mitte des 17. Jahrhunderts, blieb diese Einsicht allerdings nur führenden Gelehrten vorbehalten, zumal die meisten Europäer die Zeit der von Galilei angefachten wissenschaftlichen Revolution vornehmlich als Epoche der äußersten Bedrückung erlebten, in der in Deutschland, England und Frankreich mit dem Dreißigjährigen Krieg, dem Civil War und der Fronde eine unaufhörliche Abfolge von Religions- und Bürgerkriegen mit teilweise unvorstellbar grausamen Schändungen von Zivilisten den Alltag bestimmte. Wenn marodierende Kürassiere hilflosen Bauern Jauche in den Rachen pumpten, ihre Töchter vergewaltigten, fouragierend die wehrlos daliegenden Höfe plünderten und schließlich die Leichen der Getöteten fledderten, indem sie ihnen Nasen und Ohren abschnitten, waren nicht viele Dichter geneigt, den hohen, findigen, zu den Sternen vordringenden Geist des Menschen zu besingen. Vielmehr wurden Klagelieder angestimmt, die das Los des Menschen beweinten. So seufzte der schlesische Dichter Andreas Gryphius am Ende seines vom Krieg geprägten Lebens: »Was sind wir Menschen doch? Ein Wohnhaus grimmer Schmerzen, ein Ball des falschen Glücks, ein Irrlicht dieser Zeit, ein Schauplatz herber Angst, besetzt mit scharfem Leid.«
Dennoch gab es auch in den langen Jahren des Krieges Philosophen, die Galileis Geistesschärfe, seine frappierende Beschreibung der Sonne und die seither in Gang gesetzte Entwicklung völlig neuartiger Technologien als mutmachendes Zeichen priesen, dass es in der Welt gewiss schon bald besser, heller und freundlicher zugehen werde. Zu denen, die so dachten, gehörte auch der englische Staatstheoretiker Thomas Hobbes, der Galilei 1636 in Florenz persönlich kennengelernt hatte und ihn seitdem für den »größten Philosophen nicht nur unserer, sondern aller Zeiten« hielt. Wenn man mit der mathematischen Exaktheit und demselben Maß an Vernunft, mit dem Galilei die Bewegungen der Planeten beobachtet hatte, auch die politischen Abläufe auf der Erde studieren und deuten könnte, um zu ermitteln, welches Staatssystem den Menschen wohl am ehesten Frieden und eine allgemeine Blüte der Wissenschaften beschere, dann, so glaubte Hobbes, würde auf der Welt endlich eine Zeit des ruhig genossenen, allgemeinen Glücks anheben.

Schon 1642 bot Hobbes eine bald in ganz Europa diskutierte Lösung des ihn umtreibenden Problems an. In seiner Abhandlung De Cive (»Vom Bürger«) betonte er mit den nachmals berühmten Worten Homo homini lupus, dass der Mensch dem Menschen leider schon allzu häufig zum Wolf geworden sei. Mit eigenen Augen habe er »die Gewalt der Leidenschaften, Krieg, Furcht, Armut, Niedertracht, Einsamkeit, Barbarei, Unwissenheit, Roheit« gesehen. Doch glaube er »gleichwohl, dass die Menschen von Natur nicht böse erschaffen«, sondern durchaus zur Errichtung der »Herrschaft von Vernunft, Frieden, Sicherheit, Reichtum, Geschmack, Gemeinschaft, Glanz, Wissenschaft und Wohlwollen« begabt seien. Es müssten aber eben zuvor die Staatsphilosophen »ihre Aufgabe mit gleichem Geschick« lösen, wie der größte Mathematiker »die Beobachtung der Gestirne« betrieben habe; dann könne man alles »zum Glück der Menschen in diesem Leben beitragen« und »zu dem hellsten Licht« vordringen, in lucem clarissimam.

Auch wenn man bewaffnete Konflikte zwischen Staaten niemals ganz aus der Welt schaffen werde, da »die Guten bei der Verderbtheit der Schlechten ihres Schutzes halber die kriegerischen Tugenden« auch zukünftig zuweilen »zur Hilfe nehmen« müssten, bestehe doch immerhin die Möglichkeit, Staaten so einzurichten, dass innere Wirren und blutige Bürgerkriege, die zu den verheerendsten bewaffneten Konflikten der Gegenwart und der Weltgeschichte gehörten, unmöglich gemacht würden. Wenigstens innerhalb der Grenzen eines so befriedeten, stabilen Staatswesens könnten dann Künste, Wissenschaften und Wohlstand dauerhaft und unbehelligt gedeihen. Je mehr gut eingerichtete Staaten es gebe, desto friedlicher werde zudem die Welt. Um dieses erstrebenswerte Ziel zu erreichen, müsse man nur in möglichst vielen Staaten einem neuen Gesellschaftsvertrag Geltung verschaffen, der als ein dauerhafter und sehr spezieller Konsens, Consensio, zu verstehen sei, als eine durch die besondere Einrichtung der Staatsverfassung erzeugte, grundsätzliche Übereinstimmung des politischen Willens von Herrschern und Beherrschten.

Ein solcher Konsens von Regierung und Regierten konnte nun nach Hobbes auf zwei ganz unterschiedlichen Wegen gestiftet werden, weshalb es auch generell »zwei Arten von Staaten« gab: Bei der ersten Art, so Hobbes, »erwirbt der Herr die Bürger durch seinen Willen«, bei der anderen »setzen die Bürger durch ihren Willen« eine »höchste Gewalt« über sich. Die erste Art werde zumeist »monarchische« Herrschaft genannt, die ein wohlmeinender und gerechter Alleinherrscher über ein ihm in bewusster und dankbarer »Untertänigkeit« verbundenes Volk, das seine Regierung stillschweigend anerkenne, als Erbmonarch ausübe. Die zweite Staatsform sei demgegenüber als »Demokratie« zu verstehen, denn indem freie Bürger »freiwillig zusammentreten«, entstehe »schon durch dieses Zusammenkommen eine Demokratie«, in der sich alle »zur Einhaltung dessen, was die Mehrheit beschließt«, verpflichteten. Jeder, der nun dazu beitrage, die Lehre von diesen alternativen Entwürfen einer monarchischen oder demokratischen Staatsgründung, die in beiden Fällen den grundsätzlichen Konsens aller im Staat vereinten Menschen zum Ziel habe, »nicht durch Schrecken oder Strafen, sondern durch einleuchtende Vernunftgründe« zu verbreiten, mache sich um den Frieden und das Vordringen des Lichtes in der Welt verdient.

In der Tat traf Hobbes’ Lehre von einem auf Konsens basierenden Gesellschaftsvertrag, die zu einer ganz neuen Art des Staatsverständnisses führte, rasch auf großen Zuspruch. Insbesondere in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts interessierten sich mehr und mehr Philosophen und Staatsrechtler für seine politischen Ideen, suchten sie auch in der Praxis zu realisieren, wobei die einen eher dem monarchischen Staatsmodell, die anderen dem demokratischen Ansatz zuneigten. Zwei besonders ambitionierte Denker, die in sehr unterschiedlicher Weise auf die von Hobbes gegebenen Ratschläge eingingen, waren der deutsche Universalgelehrte und Verfassungsrechtler Gottfried Wilhelm Leibniz und der englische Arzt und Philosoph John Locke. Der in kurmainzischen Diensten stehende Leibniz, der in einem 1670 an Hobbes gerichteten Brief De Cive als nicht zu überbietendes Glanzstück der politischen Theorie pries, das auf dem bislang dunklen Weg zur Befriedung der Welt endlich »ein großes Licht angezündet« habe, überlegte noch im selben Jahr in einer Abhandlung über die Sicherheit des eigenen Vaterlandes, ob es nicht machbar wäre, »dass Deutschland einen absoluten Herrscher hätte«, oder ob nicht zumindest die quasisouveränen kurfürstlichen Territorien, aus denen das föderativ verfasste deutsche Reich ja zusammengesetzt war, starke und miteinander kooperierende Regierungen erhalten könnten. Locke hingegen, der De Cive Mitte der 1660er Jahre gelesen hatte und 1673 gemeinsam mit Hobbes als Berater der britischen Regierung tätig wurde, plädierte in seiner zwischen 1679 und 1681 entstandenen Abhandlung Two Treatises of Government dafür, die Souveränität in England – oder auch in den englischen Kolonien Nordamerikas – immer beim Volk zu belassen, in the people, da Bürger beim Versagen ihrer Regierung jederzeit das Recht haben müssten, zur Wahrung ihrer Sicherheit eine neue einzusetzen.

Nachdem Leibniz seine politischen Vorstellungen zunächst in Kurmainz und dann im Kurfürstentum Hannover zu verwirklichen gesucht hatte, wurde er 1697 an den kurfürstlich-brandenburgischen Hof nach Berlin eingeladen, wo er nun aus nächster Nähe und als wichtiger philosophischer Ideengeber miterlebte, wie Kurfürst Friedrich III. ganz allein und – um mit Hobbes zu sprechen – nur »durch seinen Willen« einen von ihm unumschränkt regierten Staat begründete. Locke wiederum beriet seit 1686mit dem wohlhabenden englischen Quäker William Penn einen Mann, der auf seinen riesigen amerikanischen Besitzungen rings um die von ihm gegründete Stadt Philadelphia Land für Kolonisten aus ganz Europa bereitgestellt hatte, die dort – nochmals in einer Wendung von Hobbes – »freiwillig zusammentreten« durften, um ein an demokratischen Prinzipien orientiertes politisches Gemeinwesen zu errichten.

Doch welche günstigen historischen Umstände hatten eigentlich dazu geführt, dass von allen Orten der Welt ausgerechnet Berlin und Philadelphia die Regierungssitze zweier Staaten wurden, die exakt zur selben Zeit, nämlich im Jahr 1701, genau zu Beginn des 18. Jahrhunderts, völlig neuartige Verfassungen erhielten, dank derer sie auf zwei höchst unterschiedlichen poli tischen Wegen zu Musterstaaten des Zeitalters der Aufklärung wurden? Wie also entstanden die beiden so bedeutenden Kunststaaten Preußen, jenes ganz und gar auf den Willen des Monarchen zugeschnittene Königreich, und Pennsylvania, jener bür gerschaftlich organisierte Commonwealth, der Keimzelle und Grundpfeiler eines gewaltigen amerikanischen Staatenbundes werden sollte?

Als Leibniz von Friedrich III., dem Oberhaupt des Hauses Hohenzollern, nach Berlin eingeladen wurde, hatten die Vorfahren des Kurfürsten die Geschicke Brandenburgs schon seit annähernd dreihundert Jahren geprägt. Belehnt worden waren die ursprünglich im süddeutschen Raum ansässigen Hohenzollern mit der Mark Brandenburg bereits 1417. Laut der Goldenen Bulle von 1356, dem Grundgesetz des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, hatte der brandenburgische Markgraf in seiner Eigenschaft als Kurfürst das Privileg, gemeinsam mit den anderen Kurfürsten des Reiches den römisch-deutschen König zu wählen. Durch diese Wahl wurde der König designierter Kaiser des Reiches. Die brandenburgischen Kurfürsten waren somit, wie es in der Goldenen Bulle hieß, »Säulen des Reiches«, die als solche darauf bedacht sein mussten, ihr Herrschaftsgebiet konsequent zu sichern oder gar zu erweitern. Während der brandenburgische Kurfürst Albrecht Achilles in der von ihm 1473 erlas senen Dispositio Achillea das Erbfolgeprinzip der Hohenzollern dauerhaft regelte und für die kommenden Generationen die Unteilbarkeit der Mark bindend festlegte, strebten seine Nachfolger nach einer Phase der Herrschaftskonsolidierung einen größeren territorialen Zugewinn an.

Es war Kurfürst Joachim II. Hector, der im Verlauf des 16. Jahrhunderts die Grundlagen für den Erwerb des am südöstlichen Rand der Ostsee gelegenen Herzogtums Preußen schuf. Das nicht zum deutschen Reich gehörende Preußen, das im Mittelalter von den Rittern des Deutschen Ordens verwaltet wurde, war 1523 nach vollzogener lutherischer Reformation zu einem evangelischen Herzogtum unter polnischer Lehenshoheit umgewandelt worden. Seither wurde es von Albrecht von Hohenzollern-Ansbach regiert. Weil der preußische Herzog Albrecht ein Cousin des brandenburgischen Kurfürsten war, konnte Joachim II. Hector, der 1539 in Brandenburg die Reformation eingeführt hatte, im Jahr 1568 erwirken, dass seine männlichen Nachkommen zu Miterben des Herzogtums Preußen eingesetzt wurden. Als nun Albrechts Sohn im Jahr 1618 starb, ohne seinerseits Söhne hinterlassen zu haben, trat der in diesem Jahr in Brandenburg regierende Kurfürst Johann Sigismund, ein Urenkel Joa chims, das Erbe des preußischen Herzogs an. Fortan waren die Kurfürsten von Brandenburg – die sich ab 1613 zum Calvinismus bekannten, dabei aber ihren lutherischen Untertanen den alten Glauben beließen – zugleich Herzöge von Preußen.

Allerdings konnte Johann Sigismund wegen des Dreißigjährigen Krieges zunächst kein nennenswertes Kapital aus dem Gewinn Preußens schlagen. Erst mit dem 1640 erfolgten Regierungsantritt des Kurfürsten Friedrich Wilhelm eröffneten sich wieder neue Perspektiven. Im Westfälischen Frieden von 1648 wurde ihm zunächst Hinterpommern, das Fürstentum Halberstadt und die Anwartschaft auf das Herzogtum Magdeburg mit der Stadt Halle an der Saale zugesprochen. Als dann 1655 der schwedische König Karl X. in Polen einfiel, um eine neue Phase der schwedischen Vorherrschaft im Ostseeraum einzuleiten, nutzte Friedrich Wilhelm die Gunst der Stunde und schlug sich auf die Seite der schwedischen Armee, um mit ihrer Hilfe die polnische Lehnsherrschaft in Preußen abzuschütteln.

Tatsächlich wurden die polnischen Truppen im Sommer 1656 von den vereinigten Armeen der Schweden und Brandenburger besiegt. Da der schwedische König jedoch Preußen wider Erwarten nicht Friedrich Wilhelm überließ, wechselte der brandenburgische Kurfürst unverzüglich die Fronten. Von diesem jähen Bündniswechsel profitierte er, denn in den beiden im Herbst 1657 unterzeichneten Verträgen von Wehlau und Bromberg wurde Friedrich Wilhelm vom polnischen König in aller Form aus der Lehensabhängigkeit entlassen und zum alleinigen Herrn über Preußen bestimmt, und zwar »mit absoluter Macht und ohne die bisherigen Beschränkungen«. Kaiser Leopold I., der auch dank der brandenburgischen Kurstimme im Jahr 1658 zum Oberhaupt des Reiches gewählt worden war, bekräftigte diese Regelung dann noch einmal am 3. Mai 1660 im Vertrag von Oliva.

Leibniz billigte dem jetzt souveränen Herzog von Preußen in einem 1677 veröffentlichten Gutachten mit dem Titel De jure suprematus ac legationis Principum Germaniae eine Gleichrangigkeit mit den gekrönten Häuptern Europas zu. Friedrich Wilhelms nunmehr gesteigerter Geltungsdrang war auch der Grund dafür, dass er 1683mit der Unterstützung erfahrener niederländischer Kapitäne und mit mehreren, im preußischen Ostseehafen Pillau gebauten Schiffen eine Handelsexpedition an die Goldküste Westafrikas entsandte, wo er den nach ihm benannten brandenburgischen Stützpunkt Groß Friedrichsburg anlegen ließ. Doch blieb es Friedrich Wilhelms Sohn und Nachfolger Kurfürst Friedrich III. vorbehalten, für das Haus Hohenzollern einen Königstitel zu erwerben, der mehr als nur die Bestätigung des äußeren Aufstiegs dieser im Herzogtum Preußen allein regierenden Erbdynastie war.

Schon bald nach dem 1688 erfolgten Amtsantritt als brandenburgischer Markgraf und Kurfürst fragte sich der neue Herrscher mit Blick auf seine Souveränitätsrechte in Preußen laut: »Da ich alles besitze, was zu der königlichen Würde gehört, auch noch in einem viel größeren Maße als andere Könige, warum sollte ich dann nicht danach trachten, den Namen eines Königs zu erlangen?« Dabei bezog sich der Wunsch, eine strahlende königliche Majestät in Preußen zu sein, nicht allein auf die Vermehrung des schönen Scheins. Über die Königswürde zu verfügen hieß vielmehr, einen höheren fürstlichen Rang einzunehmen, was in ganz Europa wie auch im Reich mit einem sehr konkreten Zugewinn an Macht verbunden war. Schon Hobbes hatte 1651 gelehrt, dass bereits der Ruf, in Macht zu stehen, konkrete Macht sei: Reputation of Power, is Power. Dies erklärt auch, warum in den 1690er Jahren neben Friedrich III. noch weitere deutsche Kurfürsten Jagd auf den Königstitel machten. Der sächsische Friedrich August I. aus dem Hause Wettin konvertierte sogar aus freien Stücken zum Katholizismus, um sich von den polnischen Adligen zum König August II. von Polen wählen lassen zu können, was dann 1697 geschah. Vier Jahre später sicherten die englischen Lords in einem Act of Settlement dem welfischen Kurfürstenhaus von Hannover die Rechte auf den Thron von England zu.

Friedrich III. wollte sich jedoch nicht die Krone eines der altehrwürdigen, schon seit Jahrhunderten existierenden europäischen Königreiche durch Huld und Wohlwollen der lokalen Magnaten antragen lassen. Ihm schwebte vor, ein bislang noch gar nicht vorhandenes Königreich aus eigener Vollmacht ins Leben zu rufen, um es als unumschränkter Selbstherrscher gegen jede Tradition und jedes Herkommen regieren zu können. Dieses Ansinnen war nur zu verwirklichen, indem er das Herzogtum Preußen in ein ganz neuartiges Königreich verwandelte, ein Vorgang, der weniger einer Metamorphose als einer gänzlichen Neuschöpfung glich.

Den ersten Vorstoß in die gewünschte Richtung unternahm er 1692, als er seinem Regierungsrat Paul von Fuchs den kühnen Plan, König in Preußen werden zu wollen, erläuterte. Fuchs riet Friedrich III. zunächst ab, da er glaubte, dass Brandenburg sich damit nur Neider und Feinde schaffen würde, ohne den eigenen Einfluss auf die europäische Politik in nennenswerter Weise zu vergrößern. Auch könne er beim besten Willen nicht einsehen, wieso der habsburgische Kaiser Leopold I. in Wien und die anderen europäischen Könige diesem Vorhaben ihre Zustimmung geben sollten. Doch der gewiefte Kurfürst, der über ein gehöriges Maß an Geduld verfügte, konnte abwarten. Als Joseph Ferdinand von Bayern, der designierte Erbe des spanischen Reiches, im Jahr 1699 starb und Leopold I. vorhersah, dass es nach dem jederzeit zu befürchtenden Tod des kinderlosen Königs Carlos II. wegen der nun wieder ungeklärten spanischen Thronfolge schon bald zu einem großen europäischen Krieg kommen würde, machte Friedrich III. dem Kaiser ein Angebot, das dieser nicht ausschlagen konnte.

Er verpflichtete sich, dem Kaiser ein Truppenkontingent von 8000 Soldaten zur Verfügung zu stellen, und sagte ihm zu, zukünftig in jedem Fall auf der Seite des Hauses Habsburg zu stehen. Im Gegenzug sollte der Kaiser lediglich den Königstitel, den er selbstverständlich nicht in Brandenburg, sondern nur »wegen Preußen« führen wolle, anerkennen und – nach bestem Vermögen – auch bei den anderen großen europäischen Mächten um dessen Anerkennung werben. Äußerst wichtig war dem Hohenzollern der Hinweis, dass der Kaiser den neuen Königstitel nicht etwa selber »creirt«, sondern einfach nur »agnosziert« (anerkennt), denn Friedrich III. wollte statt eines Lehnkönigs ein vom Wiener Hof vollkommen »independanter König« sein. Leopold I. akzeptierte diese Vorschläge und gestand dem brandenburgischen Kurfürsten am 16. November 1700 in einem entsprechenden Kron- und Allianztraktat zu, er werde »ihn unverzögert in und ausserhalb des Reichs für einen König in Preußen ehren, würdigen und erkennen«.

Wie fest Friedrich III. schon vor dieser offiziellen Einwilligung des Kaisers daran geglaubt hatte, König zu werden, ist daran zu erkennen, dass er bereits Mitte der 1690er Jahre damit begann, in und um Berlin prunkvolle, einem König würdige Schlossbauten zu errichten. 1696 entstand in dem westlich von Berlin gelegenen Dorf Lietzow ein Schloss für die Kurfürstin Sophie Charlotte, das man später zu ihren Ehren Charlottenburg nennen sollte. Ab 1699 baute der Architekt Andreas Schlüter dann das alte Berliner Stadtschloss zu einem überaus prächtigen Palast aus. Friedrich III. wollte jedoch nicht nur im barocken Glanz repräsentieren, er wollte seine Macht auch dazu nutzen, den neuen Staat auf den Gebieten der Künste und Wissenschaften voranzubringen, um auf diese Weise das Wohl all seiner Einwohner zu befördern und auch den inneren Frieden des brandenburgisch-preußischen Herrschaftsbereiches zu stabilisieren.

So stiftete er zeitgleich 1694 in Halle an der Saale eine neue Universität und 1696 in Berlin nach dem Vorbild von Paris und Rom eine Akademie der Künste. Und weil alle diese Handlungen sehr weitgehend auf den Ausbau eines solchen Staates abzielten, wie er Leibniz seit den 1660er Jahren vorschwebte, regte eben dieser Jurist und Philosoph den Berliner Hof zusätzlich zur Gründung einer Akademie der Wissenschaften an. Im März 1700 durfte Leibniz dem Kurfürsten, mit dem er seit drei Jahren im engeren Kontakt stand, seine Ideen vortragen. Bereits am 11. Juli wurde die »Churfürstlich-Brandenburgische Societät der Wissenschaften« etabliert und Leibniz von Friedrich III. zu ihrem ersten Direktor ernannt. Mit dem von ihm selbst entworfenen Siegel der Akademie illustrierte Leibniz seine politischen Hoffnungen auf sehr eindeutige Weise: Zu sehen ist auf dem Siegel ein zu den Sternen auffliegender Adler, Symbol eines gerade flügge gewordenen, jungen, zwar sehr mächtigen, doch eben auch dem Licht der Wissenschaften zustrebenden Staates.
Der derart durch Leibniz geehrte und durch den Kaiser legitimierte Friedrich III. begab sich noch im Dezember des Jahres 1700 bei klirrender Kälte nach Königsberg, in Preußens Hauptstadt also, da er nur dort, außerhalb des Reiches, den Königsthron besteigen durfte. Die Krone setzte er sich hier nach einer langen und beschwerlichen Winterreise am 18. Januar 1701 selbst auf sein Haupt. Leibniz feierte die Krönung als »eine der wichtigsten Gegebenheiten der Menschheitsgeschichte«. Eigenkrönungen hatte es zwar zuvor schon in Schweden und Dänemark gegeben, doch der neue preußische König befestigte seinen Anspruch auf die absolute Macht noch auf eine ganz besondere Weise. Denn er lehnte es ab, einen Krönungseid gegenüber dem Land Preußen, seinen Oberräten und seinen Ständen zu leisten. Damit ignorierte er die in den anderen europäischen Staaten übliche Einbeziehung der Stände in die Regierungsverantwortung auf eklatante Weise, was dem neuen preußischen König jedoch keinerlei Gewissensbisse bescherte.

Im Gegenteil: Da es in Königsberg in der Nacht vor der Selbstkrönung noch geschneit, sogar gehagelt hatte, doch dann kurz vor der Zeremonie über der Stadt eine strahlende Sonne aufging, konnte Friedrich I. in diesem himmlischen Feuerball durchaus ein Symbol jenes Lichtes erblicken, welches das Königreich Preußen künftig in der Art einer politischen Morgendämmerung unter den Völkern Europas ausstreuen würde. Der pfiffige Lippstädter Dichter, Lehrer und Pfarrer Johann Kayser, der in diesen dramatischen Tagen Berlin, die zukünftige Residenzstadt des neuen Königs, mit staunenden Augen durchwanderte, glaubte jedenfalls zu erkennen, dass diese Metropole des neuen königlich-kurfürstlichen Verbundes Brandenburg-Preußen die gesamte Welt mit einem gleißenden Licht erhellen werde: So ersann er das Anagramm »Berolinum – lumen orbi«, Berlin, Licht der Welt.

Von der glanzvollen und wundersamen Geburt des Königreichs Preußen und seiner völkerrechtlich bedeutsamen Anerkennung durch den Wiener Hof konnte man tatsächlich schon bald in der ganzen Welt hören und lesen. Auch nach Amerika wurden diese Neuigkeiten kolportiert: Stapelweise transportierten Schiffe englische Zeitschriften mit den neuesten Nachrichten aus Europa über den Atlantischen Ozean und brachten sie dann in den Seehäfen von Boston und New York an Land. Vor allem die London Gazette fand von hier aus rasch ihren Weg in die Kaffeehäuser, Schenken und Tavernen des nordamerikanischen Kontinents, um die englischen Kolonisten dort in geselliger Runde über die markantesten und merkwürdigsten Vorgänge in der Alten Welt zu informieren.

Voll und ganz ermessen konnte allerdings im Frühling 1701 noch niemand, welche Auswirkungen die Existenz des neuen Staates Preußen dereinst auf die atlantische Welt haben würde. Ohnehin war die Aufmerksamkeit der in Nordamerika siedelnden Kolonisten in diesem Jahr viel stärker von der Vollendung eines ganz anderen Staatsgründungsprozesses beansprucht: Die Bürger Pennsylvanias, jener zu diesem Zeitpunkt jüngsten Kolonie des nordamerikanischen Kontinents, schickten sich an, das Grundgesetz einer völlig neuartigen Bürgergesellschaft auszuarbeiten. Nach intensiven Beratungen verabschiedeten die Pennsylvanier am 28. Oktober 1701 mit der Charter of Privileges eine sehr ausgefeilte Verfassung, die ihr Gemeinwesen zur vorbildlichsten Kolonie im gesamten englischen Herrschaftsbereich Nordamerikas werden ließ. Damit war zugleich der vorläufige Gipfelpunkt einer faszinierenden politischen Entwicklung erreicht, die bereits zweihundert Jahre zuvor mit den ersten europäischen Besiedelungsversuchen der amerikanischen Küste eingesetzt hatte.

Nach den zwischen 1492 und 1497 unternommenen Entdeckungsreisen der drei italienischen Seefahrer Cristoforo Colombo (Christoph Columbus), Giovanni Caboto (John Cabot) und Amerigo Vespucci, die weite Abschnitte der jenseits des Atlantiks liegenden Küstenlandschaften erkundeten, hatten sich im Verlauf des 16. Jahrhunderts die europäischen Mächte Portugal, Spanien, England und Frankreich daran gemacht, diese als paradiesisch beschriebenen Gebiete unter ihre jeweilige Kontrolle zu bringen.
»... eine wahre Lesefreude, zumal Overhoff auch sprachlich hohes Niveau erreicht, das aber ebenso als Einführung ohne Einschränkung empfohlen werden kann.«
Eberhard Grünert, Das Historisch-Politische Buch, 5/2014

»Ausgezeichnet geschrieben, ein wirklicher Lesegenuss!«
Gustav Seibt, Süddeutsche Zeitung, 18.11.2011

»Overhoffs sachkundiger und gut lesbarer Arbeit, die einen Blick auf den König von der Neuen Welt her ermöglicht, gebührt in der Masse der Literatur über den immer umstrittenen, aber doch großen König ein bevorzugter Platz.«
Günter de Bruyn, Die Welt, 5.11.2011

»Eine hervorragende Doppelbiografie, die auch ein schräges Licht wirft auf die seltsamen historischen Allianzen, die Overhoff mit viel Gespür für prägnante Situationen und Charaktere in Szene gesetzt hat.«
Steffen Martus, Die Zeit, Dezember 2011

»Es entsteht durch die Parallelführung der beiden Lebenswege ein weltumspannendes Zeitpanorama mit einer Idee als Mittelpunkt, der Aufklärung.«
Günter Müchler, Deutschlandfunk, 23.1.2012

»Akkurat legt Overhoff in seiner höchst aufschlussreichen und alles in allem gut lesbaren Doppelbiografie die aus seiner Sicht erheblichen Defizite des friderizianischen Selbstverständnisses als aufgeklärter Monarch frei, wirft aber auch kritische Blicke auf Amerika.«
Christian Ruf, Dresdner Neueste Nachrichten, 19.12.2011

»Auf diesen vorzüglichen Gedanken konnte nur jemand kommen, der die transatlantische Geschichte nicht erst mit dem Eintritt der Vereinigten Staaten in den Ersten Weltkrieg beginnen lässt ... Es entsteht so etwas wie eine Doppel-Helix, die die DNA der Geschichte und der politischen Philosophie des 18. Jahrhunderts abbildet. ... Ein sehr angenehm zu lesendes, im besten Sinne des Wortes ›aufklärendes‹ Buch.«
Harald Loch, Badische Zeitung, 07.12.2011

»Der Autor vergleicht den Monarchen Friedrich, der durchaus mit Neugier auf Amerika blickte, mit seinem kritischen Bewunderer George Washington. Damit greift Jürgen Overhoff einen Aspekt im politischen Denken des Preußenkönigs auf, den die Geschichtsforschung bisher vernachlässigt hat. Eine gut lesbare Doppelbiografie, die aus der Fülle der Preußen-Literatur herausragt.«
Rainer Aust, Terra X, 6.4.2012

»Eine glänzend geschriebene biographische Erzählung.«
Damals, Januar 2012

»Die Gegenüberstellung von Friedrich dem Großen und George Washingtons lässt nachvollziehen, warum sich die beiden Staatsmänner zwar auf der einen Seite bewunderten, aber andererseits doch auch zu meiden versuchten.«
Claudia Linse, P.M. History, 2/2012

»Eine große Vertrautheit mit der mitunter sehr weitläufigen Materie, eine nicht nur solide, sondern ausgezeichnete Kenntnis der Literatur und Forschungslage, sowie vor allem das heute hierzulande so selten gewordene Erzähltalent, also jene glückliche Vereinigung von Darstellungsvermögen, inhaltlicher perzeption und Reflexion sowie einen angenehmen Stil ... Ambition und Bedeutung des Bandes sind evident, und Jürgen Overhoff hat mit ihm den schlagenden Beweis angetreten, dass klassische Darstellung und originelle, wenngleich ihrerseits traditionelle Ansätze sich keineswegs ausschließen müssen. Ein lesens- und empfehlenswertes Buch!«
Josef Johannes Schmid, Sehepunkte, 18.9.2012
Klett-Cotta
2. Aufl. 2012, 365 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, mit ca. 19 Abbildungen
ISBN: 978-3-608-94647-5
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Jürgen Overhoff

Jürgen Overhoff, geboren 1967 in Lippstadt, studierte in Berlin, London und Cambridge Neuere Geschichte, Evangelische Theologie, Philosophie und ...

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