Iran

Drehscheibe zwischen Ost und West

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Erweiterte und aktualisierte Neuauflage 2005

Der Iran steht vor neuen dramatischen Umbrüchen. Religiöser und kultureller Pluralismus gewinnen immer mehr an Boden, seit der radikal-islamische Gottesstaat an seinen inneren Widersprüchen zu zerbrechen droht. Was sind die Folgen für die Weltpolitik?

Der Kulturwissenschaftler Gerhard Schweizer zeigt in der aktualisierten Neuauflage seines Buches, daß die revolutionären Vorgänge nur vor dem Hintergrund einer reichen kulturellen Tradition zu verstehen sind. Er spannt den Bogen zur 2500jährigen Geschichte und macht einen ganz anderen Iran sichtbar: Über viele Jahrhunderte hat das Land eine überragende Vermittlerrolle zwischen Asien und Europa gespielt, ist eine Drehscheibe zwischen Ost und West gewesen. Aus der historischen Rückschau wagt er eine Prognose für die Zukunft.

Inhaltsverzeichnis
Inhalt

Einleitung: Der unbekannte Iran

Aktuelle Überraschungen
Historische Vorurteile
Die einigende Klammer über 2500 Jahre

I. PROPHETEN UND GOTTKÖNIGE

1. Also sprach Zarathustra

Eine Sternstunde der Religionsgeschichte
Einfluß auf Judentum, Christentum und Islam
Der Prophet Daniel lernt von Zarathustra
Mani und Mazdak als Revolutionäre
Die Wende zum Islam
Nietzsche deutet Zarathustra um

2. Glanz und Elend der persischen Antike

Das erste Weltreich der Geschichte
Die zukunftsweisende Ordnung des Dareios
Susa und Persepolis
Der Ursprung des Gottkönigtums
Die Griechen besiegen einen »Gott«
Griechenland lernt von Persien

3. Modell für ein Jahrtausend

Zeit des Umbruchs
Die wegweisende Kultur der Sassaniden
Das böse Erbe des Gottkönigtums

II. IRAN UND ISLAM

1. Mohammed und die Folgen

Die Botschaft des Propheten
Der Schah weicht dem Kalifen
Die Perser gewinnen an Einfluß

2. Bagdad: Das Persische an der »Hauptstadt der Welt«

In der Nachfolge der Gottkönige
Harun al Raschid - Legende und Wahrheit
Kalif Mamun träumt von Aristoteles
Die ersten modernen Kritiker

3. Genies und Ketzer - von Firdusi bis Omar Chaijam

Firdusi und das »Buch der Könige«
Die Wiedergeburt des Persischen
Avicenna, das Universalgenie
Erste Anzeichen einer islamischen Stagnation
Die Seldschuken übernehmen persische Kultur
Omar Chaijam, der weise Skeptiker

4. Die Mongolenherrschaft

Die Zerstörung Bagdads beendet eine Epoche
Saadi und Hafis, Persiens große Dichter
Die Kulturzentren verlagern sich

III. SCHIITEN UND SUNNITEN

1. Die Tragödie der Religionsspaltung

Mit Mohammeds Tod beginnen die Konflikte
Kalif Ali, der Ahnherr der Schiiten
Das Martyrium Husseins
Der Streit um den richtigen Weg
Die »unfehlbaren« Imame
Revolutionäre und Terroristen
Der Mythos vom »Verborgenen Imam«

2. Schiitischer Glaube wird Staatsreligion im Iran

Der Derwischstaat von Ardebil
Schah Ismail schafft ein schiitisches Großreich
Glaubenskrieg gegen die sunnitischen Türken
Krisen gefährden das »neue« Persien

3. »Gottkönige« im Namen der Schia

Schah Abbas, der Vollender
Isfahan, »Spiegel des Paradieses«
Dekadenz am Hof des Großkönigs
Mullah, Modschtahed, Ajatollah - die neue
Hierarchie

IV. DIE VERWESTLICHUNG UND DER GEGENSCHLAG

1. Zwischen Fortschritt und Rückschritt

Die Kolonialmächte kommen
Die Botschaft der Baha’i
»Lakaien im Dienst der Ungläubigen«
Aufstieg und Krise der Dynastie Pahlevi
1935: Aus »Persien« wird »Iran«
Der folgenreiche Zwischenfall von Ghom
Mossadeghs gescheiterte Revolution

2. Khomeini und die Islamische Revolution

Vom Ajatollah zum Politiker
Der Schah verkündet die »Weiße Revolution«
Der Volksaufstand von 1963
Die düstere Bilanz der »Weißen Revolution«
Ursprung und Chancen des Fundamentalismus
Khomeinis extreme Position
Ali Schariati, der Revolutionär zwischen den Fronten
Ein schiitischer Mythos als Motor der Revolution

V. FUNDAMENTALISTEN UND REFORMER

1. Der Gottesstaat und sein Scheitern

Khomeinis totalitäre Ideologie
Widerstand bei revolutionären Mitkämpfern
Der Märtyrerkult mit internationalen Folgen
Der »ungläubige« Saddam Hussein als Feindbild
Die sozialen Probleme bleiben ungelöst
Khomeini - historisch eingeordnet

2. Die ersten Jahre nach Khomeinis Tod

Die Hierarchie verschiebt sich bei der Nachfolge
Rafsandjani, der wendige Pragmatiker
Christenverfolgung im Gottesstaat?
Gottesstaat und Technik

3. Eine zweite Revolution?

Khatami, der gefährdete Hoffnungsträger
Verschärfte Widersprüche
»Keine Religion verfügt über die absolute Wahrheit«
Sorush, der unbequeme Denker

4. Kulturelle Umbrüche

Doulatabadi, der Dichter zwischen allen Fronten
Terror und Bildungspolitik im Widerstreit
Makhmalbaf, der desillusionierte Filmregisseur
Frauenemanzipation und Gottesstaat
Tschador und andere »islamische« Kleidung

5. Moslemische Nachbarn

Iran und Irak - die Spannung bleibt
Iran und Moslems in Zentralasien
Iran und Afghanistan - zwei Gottesstaaten im Konflikt

6. An der Schwelle zum 21. Jahrhundert

Wie langsam stirbt der »Khomeinismus«?
Die Ratlosigkeit der Reformer
Iran und der Westen

7. Zugespitzte Gegensätze

Aghajari fordert einen »islamischen Protestantismus«
Die fehlende Glaubwürdigkeit des Religionsführers
Khamenei
Der Pyrrhussieg der Konservativen
Krisen mit immer neuen Facetten
Umsturz und Religion

Zeittafel
Personenregister
Literaturhinweise



Leseprobe


Einleitung - Der unbekannte Iran

Aktuelle Überraschungen

Ein Gespenst ging um im Orient: der Khomeinismus. Es begann 1979. Damals hatte Revolutionsführer Khomeini die Weltöffentlichkeit mit der Tatsache überrascht, daß es einer radikalen Minderheit gelingen konnte, den Schah als den Regenten einer prowestlichen Diktatur zu stürzen und einen antiwestlichen Gottesstaat zu errichten. Seither hatte der islamische Fundamentalismus eine bis dahin unbekannte Dynamik gewonnen und wurde zur Herausforderung mit besonderer Stoßkraft gegen die ohnehin schon labilen Gesellschaftssysteme des Nahen und Mittleren Ostens.
Der Iran wurde zum Modellfall.

Mullahs und Ajatollahs hatten in jenem denkwürdigen Jahr 1979 verkündet, der Erfolg ihrer iranisch-islamischen Revolution bedeute ein Signal des Aufbruchs für die Moslems in aller Welt. Kurzfristig sollten die Revolutionäre tatsächlich recht behalten. Freund und Feind bewerteten die Vorgänge im Iran als einen epochalen Einschnitt innerhalb der jüngeren Geschichte des Vorderen Orients. Damals wurde Khomeini, der graubärtige, meist streng blickende Geistliche mit schwarzem Turban, zur herausragenden und zugleich umstrittensten Symbolfigur fundamentalistischer Umbrüche weit über die eigenen Landesgrenzen hinaus. Nicht nur Schiiten, sondern zunehmend auch Sunniten ließen sich von Khomeinis Aufruf beeindrucken, die Moslems müßten sich viel entschiedener als bisher auf ihre religiös-kulturellen Wurzeln besinnen und sich radikal von jeglichem Einfluß »westlicher Dekadenz« befreien. Es war ein Fanatismus mit problematischen Folgen für das Ansehen einer Weltreligion und bot Anlaß zu zahlreichen Mißverständnissen besonders in der westlichen Welt. Der blutige Umsturz im Iran verstärkte und verfestigte weltweit das ohnehin schon kursierende Vorurteil, ein derart radikalisierter politischer Islam sei gleichzusetzen mit dem Islam schlechthin.

An der Schwelle zum 21. Jahrhundert ist der Iran wiederum mit einer Überraschung ins Zentrum des internationalen Interesses gerückt. Nun durch eine gegenläufige Tendenz. Der Gottesstaat wankt in seinen Grundfesten. Aber weniger der Druck feindlicher Großmächte gefährdet das Regime der »islamischen Revolutionäre« - erheblich gefährlicher erweist sich der Widerstand in den eigenen Reihen. Nicht nur eine breiter werdende iranische Bildungsschicht beginnt sich energisch gegen die rigide Bevormundung durch Geistliche zu wehren. Inzwischen verlangen immer mehr Mullahs und Ajatollahs selber nach grundlegenden Reformen. Ja, sogar entschiedene Parteigänger der »Islamischen Revolution« äußern sich kritisch über Fehlentwicklungen, unter ihnen etliche prominente politische Weggefährten des verstorbenen Revolutionsführers Khomeini. Was hat dies zu bedeuten? Gehen angesichts wachsender sozialer und politischer Krisen die Erosionsprozesse bis tief in die fundamentalistische Ideologie hinein?

Der Iran wird mit immer größerer Wahrscheinlichkeit zum Modellfall eines zweiten tiefgehenden Umbruchs.

1979 ist der Iran der erste Staat gewesen, in dem es radikal-islamischen Ideologen hatte gelingen können, alle Machtpositionen zu besetzen. Und der Iran ist seither auch der einzige Staat geblieben, den die Fundamentalisten länger als zwei Jahrzehnte ununterbrochen regieren. Doch zu Beginn des 21. Jahrhunderts könnte derselbe Iran der erste Staat werden, in dem der totalitäre Anspruch islamischer Fundamentalisten an eigenen ideologischen Widersprüchen grundsätzlich scheitert. Ein solches Scheitern könnte einer kulturell und politisch pluralistischen Gesellschaftsordnung den Weg ebnen. Auch wenn sich diese Entwicklung erst in unsicheren Konturen abzeichnet, sind die Konsequenzen jetzt schon abzusehen: Ein derartiger zweiter Umbruch wird - wie einst Khomeinis Revolution - wiederum beträchtliche Signalwirkung für andere islamische Staaten haben.

Bereits die exemplarischen Vorgänge unserer Gegenwart machen es also nötig, daß wir uns gründlich mit dem Iran beschäftigen.

Aber der Iran ist mehr. Der Iran - oder »Persien«, wie wir früher sagten - besitzt eine reiche kulturelle Tradition. Iran und Persien sind hierbei nicht identisch, denn mit dem letzteren Namen beziehen wir uns auf das Volk der Perser, das im Vielvölkerstaat Iran heute eine knappe Mehrheit von nur 51 Prozent bildet (wenn die Perser auch lange Zeit eine überragende Rolle gespielt haben). Doch selbst schon diese Unterscheidung zeigt, wie komplex die kulturellen und ethni- schen Schichtungen sind. Wollen wir das Land differenziert, in seiner ganzen Fülle an Perspektiven und Möglichkeiten erfassen, müssen wir seine weit zurückreichende Geschichte und seine Traditionen kennen. Erst aus dem historischen Blickwinkel heraus werden wir die Ursachen der gegenwärtigen Entwicklung umfassend begreifen.

Wir mißverstehen die gegenwärtigen Umbrüche im Iran gründlich, wenn wir die krisengeschüttelte Entwicklung hin zu kulturellem Pluralismus allein auf westliche Einflüsse zurückführen wollen. Zwar ist im 20. Jahrhundert kaum ein iranischer Intellektueller von den Anregungen abendländischen Denkens unberührt geblieben. Aber bei genauerem Hinsehen zeigt sich, daß westliche Einflüsse oft nur gefiltert in den Iran gelangten und sich unter den Rahmenbedingungen der heimischen Kultur verwandelten, sich also »iranisierten«. Wenn wir analysieren wollen, von woher gläubige Moslems als Kritiker des autoritären Gottesstaates im Kern ihre Anregungen beziehen, dann werden wir unweigerlich auf die jahrhundertealte Überlieferung iranisch-islamischer Hochkultur verwiesen. Dies belegt eindringlich, wie sehr die islamische Tradition, trotz aller Erstarrung in Teilbereichen, eine gestaltende und reformfähige Kraft geblieben ist. Aber darüber hinaus wirkt im Denken vieler iranischer Intellektueller, Künstler und Politiker mehr oder weniger deutlich das vorislamische altpersische Erbe nach.

Damit ist der Iran geradezu ein Modellfall auch für einen globalen Umbruch: daß nach einem weltweiten Prozeß oberflächlicher Verwestlichung Länder mit einer weit zurückreichenden Hochkultur wieder selbstbewußt ihre eigenen Traditionen betonen - oder sich gar verstärkt auf eigene kulturelle Wurzeln besinnen. Nicht ein »globales Dorf« mit kulturell vereinheitlichten Strukturen wird die Welt im 21. Jahrhundert werden, wie das so manche Wissenschaftler unserer westlichen Hemisphäre prophezeien (und damit doch nur eine Weltkultur nach westlichem Einheitsschema wünschen). Eine Reihe völlig unterschiedlicher Kulturen werden sich nebeneinander behaupten. Daß diese Entwicklung konfliktgeladen ist, weil gerade Länder in Asien mit eigenständiger Hochkultur den westlichen Führungsanspruch als Anmaßung, als »kulturellen Imperialismus« zurückweisen, ist offenkundig. Um so wichtiger aber wird es, solch fremde Kulturen zu verstehen und ernst zu nehmen.

Das heißt im konkreten Fall: Wir müssen den Versuch machen, die iranische Kultur aus ihren eigenen Voraussetzungen heraus zu begreifen, sie in ihren wegweisenden Leistungen zu würdigen, ohne andererseits die Fehlentwicklungen zu beschönigen. Und dann werden wir sehen, daß diese fremde, andersartige Kultur jenseits der aktuellen Probleme Anregungen für unser eigenes Denken, für unser Selbstverständnis liefern kann. Ja, es lassen sich historische Querverbindungen zwischen der iranischen und unserer Kultur aufspüren. Über 2500 Jahre lang ist der Iran ein exemplarischer Schauplatz kultureller, religiöser und politischer Veränderungen und Aufbrüche gewesen. Schon in vorislamischer Zeit besaß die iranische Kultur weit über die eigenen Grenzen hinaus Ausstrahlung und wurde schließlich eine jener Kernregionen, von der maßgebende Einflüsse auf die islamische Hochkultur und weiter auf Europa ausgegangen sind. Die Geschichte des Iran bietet nicht nur aufschlußreiche Einblicke in großräumige Zusammenhänge islamischer Kultur, sondern auch in den fruchtbaren kulturellen Austausch zwischen Islam und christlichem Abendland. Immer wieder hat der Iran für religiöse, kulturelle und politische Entwicklungen eine Drehscheibe zwischen Orient und Okzident gebildet. Die Nachwirkungen auf unsere Gegenwart sind beträchtlich.

Ein solcher Iran ist bei uns im Westen weitgehend unbekannt. Diese Informationslücke will das vorliegende Buch schließen - um dann den Bogen zu der aktuellen Frage zu spannen, ob der Iran seine moderne Krise überwinden und zukünftig wieder eine Drehscheibe zwischen »Ost« und »West« sein kann.

Historische Vorurteile

Natürlich wissen wir alle, daß der Iran schon bessere Zeiten gesehen hat. Die Ruinen von Persepolis mit ihren äußerst kunstvollen Figurenreliefs, die prächtigen Moscheen von Isfahan mit ihren buntgekachelten, ornamentübersäten Wänden, dominiert von leuchtendem Blau - dies schon gibt uns einen eindrucksvollen Hinweis auf vergangene Größe, und kaum jemand, der die Monumente durch persönlichen Besuch oder auch nur anhand von Fotos kennenlernte, wird sich der Faszination entziehen können. Aber den Iran deshalb zu den bedeutsamsten und genialsten Kulturnationen der Menschheit zu zählen - da beginnt unser Zögern.

Stets haben wir dazu geneigt, den Iran zu unterschätzen, selbst die größten Leistungen innerhalb seiner 2500jährigen Geschichte haben wir nie uneingeschränkt anerkennen wollen. Zwar verschweigt heut- zutage keines unserer Geschichtsbücher, wie bedeutsam doch die Kultur zur Zeit eines Großkönigs Kyros oder Dareios gewesen ist, im selben Atemzug wird aber auf die »überlegene Kultur« ihrer gewichtigen Rivalen, der Griechen, verwiesen. Athen und das hellenistische Alexandria zählen für uns mehr als Susa, Persepolis und Ktesiphon, jene großen kosmopolitischen Metropolen eines asiatischen Weltreiches. Ein Sokrates, Platon und Aristoteles bedeuten uns erheblich mehr als Zarathustra, jener wegweisende Religionsstifter aus dem östlichen Iran. Die Griechen haben das erste Perserreich vernichtet, und wir stützen uns vor allem auf die Geschichtsschreibung der Sieger.

Nicht weniger einseitig beurteilen wir den islamischen Iran, selbst dessen vielgerühmte klassische Epoche. Wir bezeugen zwar Respekt vor den kunstvollen Moscheen, und zumindest unvoreingenommene Europäer scheuen sich nicht, manche dieser Bauwerke im Rang unseren Kathedralen gleichzustellen; auch sind uns zumindest dem Namen nach etliche moslemische Geistesgrößen geläufig, so etwa Avicenna, Omar Chaijam, Firdusi, Saadi und Hafis, aber wer von uns wollte einer solchen Epoche schon eine zentrale Stellung in der Geistesgeschichte der Menschheit zubilligen?

Islam und Kultur... Wir tun uns ohnehin noch schwer damit, unvoreingenommen die Leistungen moslemischer Völker, von den Iranern über die Araber bis hin zu den Türken, zu bewerten. Wir sind belastet von der Erinnerung an »Heilige Kriege«, die im Namen Allahs gegen das christliche Abendland geführt wurden, wir denken zuerst einmal an fanatische Glaubenskrieger und grausame Eroberer, bevor uns Bedeutsames zu moslemischen Wissenschaftlern, Philosophen, Dichtern und Künstlern einfällt. Was uns heute in der Engstirnigkeit mancher Fanatiker entgegentritt, bestätigt vielen von uns die Vorstellung vom Moslem, wie er angeblich immer schon war. Aber: Um das Jahr 1000 unserer Zeitrechnung mußten sich die meisten europäischen Staaten als »Entwicklungsländer« betrachten, nicht der Orient. Damals stellten islamische Völker die führenden Mächte innerhalb der Weltzivilisation - und der Iran beziehungsweise Persien galt über Jahrhunderte hinweg als das geistige Zentrum dieser überaus schöpferischen, weltoffenen Kultur.

Inzwischen sind wir zwar dabei, uns von den gröbsten Vorurteilen zu lösen. Wir beginnen zu akzeptieren, daß Europa sehr viel an kultureller Anregung gerade der islamischen Welt verdankt. Mit dieser geänderten Einstellung verfangen wir uns aber oft genug in neuen Einseitigkeiten. Bei aller Aufgeschlossenheit lassen wir gerne außer acht, wie vielfältig und unterschiedlich diese fremden Einflüsse ihrer Herkunft nach sind. Nicht selten setzen wir die Hochleistungen der klassischen islamischen Epoche mit »arabisch« gleich und vernachlässigen, welche Rolle in der Kulturvermittlung zur selben Zeit die Perser (in späteren Jahrhunderten dann die Türken) gespielt haben. Wir sprechen von »arabischen Zahlen«, obwohl diese von persischen Mathematikern aus Indien übernommen wurden. Wir bezeichnen die Algebra und das Rechnen mit Logarithmen gerne als arabische Erfindungen, obwohl ihr Begründer Al Khwarizmi Perser war. Wir neigen dazu, die Märchen aus 1001 Nacht für arabisch zu halten, obwohl viele von ihnen iranischen Ursprungs sind. Wir nennen Bagdad in seiner kulturellen Hochblüte vom 8. bis zum 13. Jahrhundert meist ein arabisches Zentrum, obwohl Perser diese Kultur wesentlich mitgestalteten.

Woher das Mißverständnis? Die arabischen Eroberer hatten im persischen Kulturraum ihre Sprache als Herrschaftssprache eingeführt, sie ist über Jahrhunderte auch Kultursprache der Perser beziehungsweise der Iraner gewesen. Manche iranische Gelehrte erscheinen uns bei flüchtiger Kenntnis als Araber, nur weil sie dem Brauch ihrer Zeit gemäß nicht persisch, sondern arabisch schrieben. Das berühmteste Mißverständnis liefern in dieser Hinsicht die arabisch geschriebenen Werke des persisch geprägten Universalgelehrten Avicenna aus dem 11. Jahrhundert. Nichts kann die Iraner von heute mehr irritieren, als wenn wir im Westen »arabisch« und »persisch« nicht auseinanderhalten oder wenn wir behaupten, da gebe es keine großen Unterschiede. Deutsche würden sich schließlich auch mißverstanden fühlen, falls Ausländer ihre Kultur gedankenlos mit der der Engländer, Franzosen, Italiener gleichsetzten.

Die Orientalistik selber trägt zeitweise zu dem Mißverständnis bei. In diesem Zusammenhang ist sogar eines der herausragenden populärwissenschaftlichen Standardwerke zu nennen, das detailreich und exakt beschreibt, wieviel Kulturgut das Abendland dem islamischen Raum verdankt: »Allahs Sonne über dem Abendland« von Sigrid Hunke. Das Buch trägt den Untertitel: »Unser arabisches Erbe«. Korrekter, weil neutraler, müßte es heißen: Unser islamisches Erbe (»islamisch« als ein umfassender Kulturbegriff).

Anhand von 2500 Jahren iranischer Geschichte läßt sich zeigen, wie groß neben dem arabischenTransport östlicher Kultur ins Abendland der Anteil an persischem, iranischem Erbe ist.

Die einigende Klammer über 2500 Jahre

Die Geschichte des Iran ist von Extremen geprägt, weshalb es der Betrachter von heute schwer hat, über 2500 Jahre hinweg eine einheitliche Grundlinie aus der vielschichtigen Vergangenheit herauszuarbeiten. Der Iran wurde nicht nur von Iranern regiert, sondern jahrhundertelang auch von Arabern, Turkvölkern und Mongolen, sie alle brachten fremde Denkweisen mit und setzten alten Traditionen oft jäh ein Ende. Es mußte daher als Geschichtsfälschung anmuten, daß der letzte Schah, Mohammed Reza Pahlevi, im Oktober 1971 vor den imposanten Ruinen von Persepolis prunkvoll das 2500jährige Bestehen der »iranischen« Monarchie feiern ließ. Denn eine bruchlose Kontinuität von Kyros bis zur Dynastie Pahlevi gibt es nicht, über Epochen hinweg fehlte der einheimische Monarch. Aber man muß auch an der Betrachtungsweise orthodoxer Moslems zweifeln, wenn sie, wie etwa Khomeini es tat, die Geschichte des Iran erst mit dem Auftreten islamischer Eroberer beginnen lassen wollen und alle vorhergehenden Epochen als für die Gegenwart bedeutungslos abtun.

Der Iran von heute deckt sich nicht mit den früheren Grenzen. Während einiger seiner glanzvollsten Epochen hatte der Iran nahezu die Ausdehnung von Westeuropa, dagegen ist der heutige Staat an Ausdehnung »nur« noch etwa viermal so groß wie Deutschland (weite Flächen sind Steppe und Wüste, während sich die Menschen in wenigen fruchtbaren Regionen zusammendrängen). Manche Städte, deren Namen mit Höhepunkten persischer Geschichte verknüpft sind, befinden sich außerhalb der heutigen Staatsgrenzen: Ktesiphon und Bagdad im Irak, Buchara und Samarkand in Usbekistan, Balch (das antike Baktra) und Ghazni in Afghanistan.

»Persien« oder »Iran«? Hier stoßen wir auf eine weitere Schwierigkeit. Auch diese Namen sind nicht deckungsgleich, selbst wenn wir sie zuweilen wie austauschbar verwenden. Der Begriff »Iran« war ursprünglich umfassender. Er leitet sich von »Aryanam« ab und bedeutet soviel wie »Land der Arier«. Arische Stämme hatten diesen Namen für ihr Herrschaftsgebiet aufgebracht, nachdem sie aus der innerasiatischen Steppe in die weiten Hochlandgebiete zwischen den Flüssen Indus im Osten und Euphrat im Westen eingewandert waren. Parsa - in späterer europäischer Umformung »Persia« - war nur eine dieser Stammesregionen und erstreckte sich um das heutige Schiras. Aber von dort aus unterwarfen die Perser alle übrigen iranischen Stämme, regierten und prägten sie. Und so ist es kein Zufall gewe- sen, daß schließlich Griechen und Römer sämtliche Iraner für Perser hielten und sie so nannten - die Griechen haben damit begonnen, und die übrigen Europäer hielten bis in das 20. Jahrhundert ungebrochen an der international geläufigen Bezeichnung fest. Dagegen beharrten die Einheimischen über die vielen Jahrhunderte auf dem ursprünglichen Namen »Iran« und nannten sich selbst »Irani«.

Allerdings liegt in dem Mißverständnis von abendländischer Seite viel Wahrheit, denn die Perser sind lange Zeit für den iranischen Raum so beherrschend gewesen, daß sie das gesamte Erbe zu sammeln vermochten, es mit eigener Schöpferkraft umformten und so an die Nachwelt - besonders an die islamischen Völker - weitergaben. Die gemeinsame, alle ethnischen Grenzen überschreitende Kultursprache der Iraner ist über lange Zeiträume hinweg das Persische gewesen, von einer Zwischenphase abgesehen, in der das Arabische dominierte. »Farsi« nennen die Iraner heute ihre Staats- und Amtssprache und leiten den Namen doch nur von der Provinz Fars ab, wie die einstige Provinz Parsa seit Jahrhunderten von den Einheimischen genannt wird. Mit gutem Recht können wir demnach weiterhin von »persischer« Kultur reden und schreiben.

»Persia« lautete der international eingebürgerte Staatsname bis zum Jahr 1935. Diesen Namen benutzten genauso die Einheimischen, wenn sie mit Ausländern aus Europa und Amerika verkehrten, auch nannten sie sich dann, westlichen Gewohnheiten angepaßt, »Perser« anstatt »Irani«. Reza Pahlevi, der Vater des letzten Schahs, hat 1935 offiziell mit der doppelten Namensführung Schluß gemacht und »Iran« auch auf internationaler Ebene verbindlich eingeführt. Hierbei ließ er sich einerseits von einem fanatischen Nationalismus leiten, indem er eine Rückbesinnung auf »iranische« Tradition jenseits aller »Überfremdung« forderte. Andererseits besaß seine Entscheidung eine nachvollziehbare politische Logik: Da innerhalb der modernen Staatsgrenzen nur etwa 51 Prozent der Einwohner Perser sind, war es sinnvoll, für den Vielvölkerstaat einen übergreifend neutralen Namen, eben »Iran«, zu wählen. 24 Prozent der Bevölkerung sind Aserbeidschaner, 8 Prozent Masanderaner und Gilaner, 7 Prozent Kurden, 3 Prozent Araber, hinzu kommen noch eine Reihe kleinerer ethnischer Minderheiten von Turkmenen, Bachtiaren, Luren, Belutschen und Armeniern.

Ein paradoxer Sachverhalt ist es allerdings, daß ausgerechnet die Aserbeidschaner als die zweitgrößte Volksgruppe keine iranische, sondern eine türkische Sprache sprechen. Sie sind ein Turkvolk und haben nichts mit den arischen Stämmen aus dem iranischen Kernland gemeinsam. Aber von eben diesem Turkvolk der Aserbeidschaner ging zu Beginn des 16. Jahrhunderts der Anstoß aus, den Iran in ein straff zentral regiertes Reich mit mehrheitlich schiitischer Glaubensrichtung zu verwandeln. Der erste schiitische Schah des Iran, Ismail I. von der Dynastie der Safawiden, sprach das Persische nur gebrochen, doch gerade er hatte die festumrissene, überdauernde Form geschaffen, auf der der heutige Nationalstaat Iran beruht.

Auf solche ethnische wie historische Verwerfungen abgehoben, besitzt sowohl die Bezeichnung »Perser« als auch »Iraner« eine unsichere Grundlage. Bei »Iran« handelt es sich um eine moderne Sprachregelung, die angesichts der komplizierten Situation von heute politisch Sinn macht. Wenn aber im vorliegenden Buch - besonders im historischen Teil bis zu eben jenem Jahr 1935 - meist von »Persien « oder von »Persern« geschrieben ist, hat auch dieser Sprachgebrauch viel für sich.

Mehr Widersprüchliches, mehr Trennendes als Gemeinsames scheint die Geschichte des Iran zu bestimmen. Aber hinter den Gegensätzen und Umbrüchen findet sich eine Klammer, die nicht nur vorislamische und islamische Epochen zusammenhält, sondern auch Verbindungen zu anderen Kulturen aufweist. So sind etwa Zarathustra und Mohammed geistig verwandter, als es uns auf den ersten Blick erscheinen mag - ja, Zarathustra, der Religionsstifter aus dem östlichen Iran, hat gar dem Islam, Judentum und Christentum entscheidende Grundlagen geliefert. Und die altpersischen Gottkönige haben Wesentliches von ihrem Regierungsstil an islamische Kalifen und christliche Kaiser des Byzantinischen Reiches weitergegeben, im Guten wie im Bösen. Ein besonders wichtiges, bisher stets unterschätztes Erbe haben uns bereits die vorislamischen Perser mit ihrem Prinzip einer »Weltkultur« hinterlassen. In ihrem Großreich der verschiedensten Völker und Traditionen sammelten sich wie sonst in keinem damaligen Staat der Erde Wissenschaftler, Philosophen und Künstler aus Ost und West; über den iranischen Raum flossen Kulturströme von China und Indien bis in den Vorderen Orient und weiter nach Europa, ebenso umgekehrt. Für beide Richtungen sind meist Perser, Iraner die entscheidenden Vermittler gewesen. Persien beziehungsweise der Iran bildete die erste Nation der Menschheitsgeschichte, die zu einem Ort des geistigen Austausches großen Stils wurde, zu einer Drehscheibe der Kulturen zwischen Ost und West - und diese Funktion hat das Land über Jahrhunderte auch noch in sei- ner islamischen Zeit beibehalten; es hat gegensätzlichste Einflüsse miteinander verschmolzen und daraus oft genug etwas bahnbrechend Neues hervorgehen lassen. Vieles keimte auf persischem Hoheitsgebiet, was grundlegend für die spätere Menschheit geworden ist, grandiose Schöpfungen, die wir heute nicht selten für »europäisch « halten, ohne ihren eigentlichen Ursprung zu ahnen.

Vor diesem historischen Hintergrund nehmen sich der letzte Schah des Iran wie auch Khomeini grotesk aus. Beide demonstrierten zwar messianisches Sendungsbewußtsein, beide handelten in dem Glauben, einer außerordentlichen Kulturnation anzugehören, die der Menschheit schon sehr viel gegeben hat - beide aber waren zu sehr vom Niedergang der vorhergehenden Jahrhunderte geprägt, als daß sie ihren laut verkündeten Aufbruch in eine große Zukunft hätten wahrmachen können.

Wie aber ist es heute um den Iran bestellt, und was wird morgen sein? Um dies zu beantworten, müssen wir, zumindest in Grundzügen, zunächst Höhen wie Tiefen iranischer Geschichte betrachten.        
Klett-Cotta 5., erweiterte und aktualisierte Auflage, 2005, gebunden mit Schutzumschlag
501 Seiten,
ISBN: 978-3-608-94094-7
autor_portrait

Gerhard Schweizer

Gerhard Schweizer, 1940 in Stuttgart geboren, promovierte an der Universität Tübingen in Empirischer Kulturwissenschaft.Heute lebt er als freier ...

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