Papierküsse

Briefe eines jüdischen Vaters aus der Haft 1942/43
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»Diese Briefe sind so viel reicher, als ich sie mir habe vorstellen können. Und Pali Meller: Was für ein fantastischer Mensch!« Irene Dische

Ein Vermächtnis in Briefen, aus dem die väterliche Liebe in allen Schattierungen ihrer hilflosen Verantwortung spricht: Siebzig Jahre, nachdem Pali Meller die Briefe an seine 11- und 7-jährigen Kinder Paul und Barbara geschrieben hat, übergeben die Enkel diese bewegenden Zeugnisse der Öffentlichkeit.

»Bald habe ich Geburtstag und werde keinen Gutenmorgenkuss von Euch haben. Aber geschenkt wird nichts! Heb ihn mir gut auf - eines Tages komme ich und hole mir alle versäumten Küsse... Bis dahin bleibt es bei Papierküssen - und davon schickt Dir diesmal 365 Stück Dein Dich liebender Papa.«

»Ich bin weit weg und dahin, wo ich jetzt bin, führt kein Weg für kleine Kinder. Aber denke daran, wie es anderen Kindern geht: die meisten Väter sind im Krieg, sind oft schon Jahre weg, und können nicht mal so oft schreiben wie ich.«

Ein bewegendes Dokument der Menschlichkeit in Zeiten des Hasses
Bisher kaum erforscht: Juden in deutschen Haftanstalten in der NS-Zeit

Leseprobe

Meine Lieben!
Ihr habt jetzt lange nichts von mir gehört und wart sicher schon in Sorge. Aber dazu habt Ihr keinen Grund, denn es geht mir gut, und ich denke viel an Euch; auch träume ich oft von Spaziergängen und lustigen Sachen, die wir zusammen unternehmen, und so lässt sich die Trennung schon ganz schön überbrücken.

Ich habe von Barbaras großem Erfolg gehört, und Ihr könnt Euch denken, wie gerne ich dabei gewesen wäre. Aber ich kann ruhig behaupten, dass ich dabei war, so stark habe ich mir jede Bewegung vorgestellt. Wie im Film.

Nun Alte! Ich gratuliere Dir. Ich nehme an, dass Pila zu Ehren dieser Premiere ein Gedicht geschrieben hat, und es wäre schön, wenn Ihr mir dies schicken wolltet. Ich habe die Zeitungen so ziemlich verfolgt, aber ich fand keine Kritik über »Betas Solisten«. Wenn Ihr eine habt, so schickt sie mir ein. Auch von Rainers Doktorat habe ich gehört.1 Meine Glückwünsche für das Wunder! Er muss jetzt nur achtgeben, damit er nicht größenwahnsinnig wird. Ich freue mich jedenfalls mit ihm. Furchtbar finde ich Peters Tod!2 Furchtbar auch das Schicksal der Frau, die Frau noch war. Viele trifft jetzt dies Los, aus dem es kein Zurück mehr gibt. Wie schnell sagt man im Leben auf Geschehnisse, die selbstverschuldet oder schicksalhaft sind (darf man diese Trennung überhaupt machen?), dass sie »furchtbar« sind! Furchtbar ist nur der Tod wegen seiner Endgültigkeit, Unwiderruflichkeit! Alles was vergänglich ist (im Sinne der Zeit), ist tragbar. Ob schwer, ob leicht hängt von der Stärke der Seele ab! Es gibt sicher Menschen, die nicht zu brechen sind.

Es kann sein, dass ich noch lange von Euch fortbleibe. Aber ich werde Euch schreiben, und ich werde auch von Euch hören. Ihr 3 müsst aber wie Pech und Schwefel zusammenhalten, und ihr müsst Franzi blind gehorchen. Auf ihr ruht jetzt alles, sie ist jetzt der Kapitän.

Wenn Ihr Poelzigs3 schreibt oder Ella4, so grüßt herzlich von mir und überbringt mein Beileid an Prof. Bartning. Euch 3 umarmt in großer Liebe Papa Meine Lieben! Wie habe ich mich mit Eurem Brief gefreut! Franzi wollte wohl Tinte sparen und schrieb nicht, dafür war aber Barras Tintenbrief die große Sensation. Für Deinen Brief, Pila, muss ich extra danken! Auch will ich auf ihn näher eingehen, auch auf Deine Gedichte. So ein tagebuchartiger Brief ist für mich die einzige Form, in der ich etwas mitzuerleben fähig bin, und Du weißt, dass ich nur Geschichten liebte, die so begannen: »also, wir sind aufgestanden … etc.«

Diese Form beherrschst Du meisterhaft, und ich hoffe, dass ich recht bald den zweiten Teil bekomme. Auch über Barras Auftreten, da ich keinen Bericht bis jetzt darüber habe. Im Brief wie im Gedicht klingt eine gewisse Wehmut, die zu beherrschen Dir nicht ganz gelingt. Ich weiß, Du hast es nie leicht gehabt und empfindest die jetzige Trennung von mir schmerzlich. Dazu ist kein Grund, denn geistig sind wir bei einander, und ein anderes Beieinandersein gibt es nicht, wenn man den Dingen auf den letzten Grund geht. Also Kopf hoch, was auch geschieht, es lebe das Familienlied. So bin ich selbst zum Reimen gekommen, was mich gut zu Deinen Gedichten überleitet: Also! Dein Gedicht ist sehr schön, die Stimmung echt, ja sogar so echt, dass ein Freund von mir (über den ich noch schreiben werde) beim Lesen des Gedichtes sagte: »Eine Stimmung wie in Zingst«. Nur spielst Du etwas viel mit Worten, treibst Wortakrobatik, hast zu viele Farben auf der Palette, bist zu reich und verlierst viel an Klarheit. Das Gedicht II (Alltag) gut im Schwung, inhaltlich etwas müde und enttäuscht für Deine 11 Jahre, geht so weit, Worte zu erfinden!! Was ist »Grunden«?? Es reimt sich zwar auf verschwunden, aber das ist auch alles. Das Wort am Ende des Gedichts gibt ihm Inhalt! Wenn ein Satz l00 Worte hat, davon sind 99 sinnvoll und das letzte sinnlos, so fällt das ganze Gebäude zusammen. Also mein Alter! Etwas zurückschrauben auf die Klarheit der Zeit, wo Du noch schriebst »Doch unsere Liebe, die hat Räder etc.« Über mich selber: es geht mir gut, das verdanke ich zum Teil dem Freund, den ich vorhin schon erwähnte! Stellt Euch vor: ein lebendes Märchenbuch. Seien es fremde Länder der ganzen Welt, seien es Gedichte oder Gedanken aller Zeiten, man muss nur antippen an dieses Wunderwerk und schon sprudelt es aus seinem Mund in tausend Farben, unendlichen Formen, greifbar, riechbar, wunderbar! Ihr könnt Euch nun denken, dass ich nicht nur antippe, sondern richtig davon melke und mich satt trinke an all den Dingen, die ich noch nicht kannte! Sonst habe ich recht viel zu tun, aber auch Zeit zum Lesen. Habe jetzt Dickens gelesen und lese jetzt einen dicken Amerikaner von l200 Seiten. Schreibt mir recht bald viel u. lustig.//Freitag habe ich Franzi vergeblich erwartet! 14 Tage waren um.//Von mir werdet Ihr alle 2 Wochen Nachricht haben, aber schreibt Ihr mir wöchentlich! Seid alle 3 umarmt von

Papa

Schickt mir Fotos von Euch!! Beinahe vergessen! Fröhliche Ostern! Mit viel Eiern und Küssen von mir! Lieber Pila u. Barra! Heute ist Ostermontag und natürlich denke ich an Euch! Herrgott, welch Glück daran zu denken, wie schnell die Zeit vergeht! Wisst Ihr noch wo wir vor einem Jahr waren? In Siebischau.5 Es kommt mir vor, als ob es vorige Woche wäre, als Pila in Obernigk in den Zug stieg, und ich sehe das freche Gesicht der Barra, mit dem sie uns empfing und uns ihr »Schloss« zeigte, um dann bald zu verschwinden und sich recht wenig um uns arme Fremde zu kümmern. Alles weiß ich noch. Die erste Nacht, das erste Essen. Und das soll schon ein Jahr her sein? So vergeht eben jede Zeit, auch die, die mich von Euch trennt. Nachher ist alles wie im Traum: Kurz und unwirklich.

Ich lese jetzt ein tolles Buch: Antonio Adverso.6 l200 Seiten groß, spielt in der ganzen Welt, glitzert von Farben und tausendfältigem Leben. Das Leben eines Mannes von Mut, der vor nichts Gewagtem zurückschreckte und seinen Weg ging. Seinen Weg? Ich glaube immer mehr, dass es das nicht gibt; alles ist vorgezeichnet und alles Gute wie auch das Böse hat seinen Platz in diesem Gesamtbild, das wir Leben nennen, und in dem wir nur kleine Bausteine sind. Ich sehe Pila vor mir, wie er wieder lacht! Über seinen predigenden Vater. Wenn ich schreibe, falle ich immer in diesen Ton, wenn ich aber bei Euch wäre, säßet Ihr auf meinem Schoß eingehüllt in unendlich vielen Küssen von Eurem Papa. Schreibt mir bald. Ich habe erst einen Brief. Liebe Franzi, Sie ahnen nicht, wie es mich freute, Sie gesehen zu haben, doch macht mich Ihre Traurigkeit so traurig! Hören Sie zu:

Wir sprachen mal davon, was das Leben ist? Es ist eine Aneinanderreihung von Verantwortungen, eingerahmt in Ängste. Verantwortung = Pflichterfüllung mit Weitblick für die Zukunftskonsequenzen. Solche Pflichten hat man sich, seiner Familie und Freunden gegenüber, dem Staat, der Gesellschaft und seiner Arbeit gegenüber. Die einrahmende Angst ist die Furcht, dies nicht alles restlos erfüllen zu können, und ist notorische Triebfeder des Handelns. Erlangte Harmonien dieses Handelns sind das »Glück«. Ist nun von außen her das Handeln unmöglich geworden, hören die Pflicht, die Verantwortung und damit das Leben auf? Komische Schlussfolgerung! Und irgendwo falsch! Ich kannte einen Mann, der nach verschiedenen finanziellen Schiffbrüchen am Ende seines Rates war, und als der Weltkrieg ausbrach, glücklich zu den Fahnen eilte nicht nur aus Patriotismus, sondern beschwingt durch die enthobene individuelle Verantwortung vor der Zukunft. Ich traf Menschen, die im Leben wie Hasen gehetzt und gejagt wurden und aufatmeten im Gefängnis, weil dort Ruhe war. Also hört das Leben mit dem Aufhören der individuellen Verantwortung nicht auf, sondern wird nur unwirklich! Solange man handelt, gibt es z. B. Glück und Unglück, man sagt, man sei seines Glückes Schmied, ja es gibt sogar Leute, die sagen »Glück ist eine Eigenschaft«. Wenn die Handlungsfreiheit aber aufhört, was tut dann das Glück? Es wird zu »Glücksfällen«, entzogen aller unserer Einflüsse, also unwirklich! Ein Mensch kann einen Wagen schieben, wenn es sein muss sogar zwei, der Riese schiebt drei. Dazu muss er aber außerhalb des Wagens stehen, also im Leben. Ist er aber im Wagen, so nutzt ihm seine Kraft nichts, wenn auch der Wagen kinderleicht ist. Seine Kraft ist nach wie vor da, sie wirkt aber nicht mehr, sie wird unwirklich! Dieses Leben der Unwirklichkeit führe ich jetzt samt seinem beschaulichen »unwirklichen« Glück. Alles, was handeln kann, ist in mir gebunden, nur mein Geist und meine Fantasie schweben über alles hin.

Doch gab mir Gott einen Arm zum Handeln, nicht für mich, sondern für die Kinder, gab mir also großes Glück. Und dieses Glück sind Sie. Und Sie werden handeln, bis ich wieder da sein werde.

Herzlichst PM.
[4] (ohne Datum)

Meine Lieben! Zuerst habt Dank für Euren Osterbrief. Ich habe mich riesig damit gefreut. Barra ist wie immer meine richtige »Olle« und in den paar Zeilen sagst Du nicht nur, was es wichtiges in dieser Welt gibt, sondern zeigst ganz genau, wie Du selber bist. Nur würde ich mich noch mehr über Deine Tintenbriefe freuen, wenn die Buchstaben alle so: /////// und nicht so: /\\/\/\\ liefen! Also bis zum nächsten Mal. Und Pilusch, Du mit Deinem Riesenbrief! Ich sehe, dass wir Deine Tagebuchform des Briefes nicht werden aufrechterhalten können, sonst hinkst Du mir immer fünf Wochen nach. Machen wir es so: entweder beschreibst Du mir nur die »großen« und »wichtigen« Tage, oder Du machst einen großen Sprung und beschreibst mir nur immer die vorangegangene Woche. Zu Deinem Brief. Als erstes: Mein Freund, dem ich alles Ungeschriebene wunschgemäß sagte, lässt Dich herzlich grüßen. Wir haben Deinen Brief gemeinsam gelesen und seinen Inhalt sehr gründlich durchgesprochen. Darüber will ich Dir jetzt schreiben. Was Du über die innere Entstehung Deiner Gedichte sagst, das verstehe ich gut und glaube, dass jede schöpferische Äußerung des Menschen, aus dem Traumbild der Phantasie geboren, seinen Weg nach Außen nimmt. Es ist eine Kraft in uns, die zur Geburt treibt. Lebensfähig ist diese Geburt, genau wie das Kind, erst dann, wenn es lange genug »getragen« wurde, reif geworden ist – in unserem Fall also – Form angenommen hat. Ein Gedanke kann unreif, halb oder ganz reif aus unserem Inneren an das Tageslicht kommen; ist fast ohne Verpflichtung. Das Gedicht aber ist die höchste Verbindung zwischen Inhalt und Form, so stark, dass sie ineinander verschmelzen, d. h. eins werden. Ein Gedicht ist Musik und Rhythmus gewordener Gedanke. Denn die Form, Reim und Rhythmus sind die Unterstreichung des Gedankens, die sieghafte Bemeisterung der Sprache, die Flügelgeber der Gedanken. Weh dem »Dichter«, der zu seinen Reimen die Gedanken sucht!!

Pass also auf, Alter. Über die Musik mit a – a, b – b oder a – b, a – b haben wir schon gesprochen. Auch über die Silbengleichheit oder Ähnlichkeit:

alles Tagsverlangen a 6 Silben

Ist zur Ruh gegangen a 6 Silben
Zu Dyonis dem Tyrannen schlich a 8 Silben

Damon den Dolch im Gewande a 8 Silben

Soviel von der Form! Bei der Verschmelzung der Form mit dem Inhalt kann nun dem »Dichterling« passieren, dass er in den ersten zwei Zeilen noch klar denkt, die zweiten zwei Zeilen aber bloß des Reimes willen hinsetzt:

z. B.

die Kraft des Lebens lockte ihn Sinn und führt ihn weg ins Weite
doch kam er dann nur bis Ketzin Unsinn der Rest war eine Pleite
Diese Schreckensform der Dichtung wirst Du sehr viel bei der Jugend finden.

Dein Gedicht »Heimat« ist wunderschön und echt in den Gedanken, tief und dichterisch empfunden und leidet Schiffbruch an der Form, verliert Schwung und Klarheit.

HEIMAT

Wo immer die Tage mich führten hin Und wars auch zum Glück und zur Güte, Blieb die Heimat mir immer in meinem Sinn Welch Glück wenn der Heimkehrtag blühte

Das war der König unter den Tagen
Erhöht aus der Masse der Vielen
Ich sah ihn erhoben über mir ragen
Alle anderen konnt er besiegen!

Und lebte man gar in Saus und Braus und hatte man’s gut wie Keiner,
Da ruft etwas »Du musst nach Haus«
Dort wartet man lange schon Deiner

Von wo erklingt dies mahnend Rufen, das treibend weist zur Heimat hin?
»Lös dich vom Ort, den andre schufen!« Dies scheint der Mahnung tiefrer Sinn.

Die Heimat zieht mit magnetischer Kraft mehr als dein »Ich« sich kann wehren Und glaubst Du, Du hättest es doch geschafft, musst bald Du als Sieger sie ehren!!! Was habe ich hier gemacht??

Ich habe Deine Gedanken genommen und versucht, sie rhythmisch-zwanglos in Form zu bringen und habe ihnen durch größere Klarheit ein Stück Wahrheit abgerungen. Ich will nicht sagen, dass »meine« Umdichtung gut ist! Aber der Vergleich zwischen meinem und Deinem Gedicht sagt Dir alles, was ich zu diesem Thema sagen will und in zehn Seiten nicht besser ausführen könnte. Dasselbe gilt für Dein Gedicht »Ali«. Du siehst, es ist nicht Kritik bei mir, sondern der Wille, Dir zu helfen.

Aus Barras Brief höre ich von Deinem Zeugnis, über das Du allzu diskret schweigst. Schicke mir genauen Bericht. Mir geht es weiter recht gut, und ich hoffe auf den Frühling, der scheinbar auch noch stark mit der Form ringt. Seid alle drei herzlich umarmt und ihr beide innig geküsst von Eurem

Papa
[5] Plötzensee (ohne Datum)

Meine Lieben
Zu allererst meine olle Barra! Was war doch Dein Tintenbrief schön! Ein Meisterwerk! Ich habe den Brief geöffnet und dachte erst, dass gar nicht Du ihn geschrieben hast, denn ich war überzeugt, dass der ganze Brief von Pila war. Auf den Gedanken, dass Du schon solche Tintenbriefe fertig bringst, kam ich gar nicht, und Du kannst Dir denken, wie stolz ich war. Dazu dann noch die Osterzeichnung – mit anderen Worten, ich hatte mein Geschenk. So und noch länger musst Du mir immer schreiben. Jetzt kommst Du, Pila! Es ist ein ziemlich seltener Fall, dass Vater und Sohn sich alles brieflich sagen müssen, aber wenn man bedenkt, dass im normalen Alltag es fast nie zu richtigen Aussprachen kommt, und man mehr neben- als miteinander lebt, vor lauter Betriebsamkeit nicht zum Handeln kommt, Gefühle und Stimmungen ein vermeintliches, allmähliches »sich und einander Kennen« vermittelt, aus dem man oft mit Schrecken beim ersten Windstoß einer Meinungsverschiedenheit aufwacht und erkennt, dass man einander eben »anders« vorgestellt hat, so glaube ich immer mehr, dass wir mit Gewinn statt mit Verlust aus diesem Briefwechsel herauskommen werden. In Deinem, mir sehr lieben Osterbrief schreibst Du über Stimmungen, die so zart sind, dass Du Angst hast, sie anzustoßen, weil die Furcht, dass diese Seifenblasen der Fantasie platzen könnten, zu groß ist. Du fragst, ob ich dies kenne und verstehe? Natürlich, mein Liebling, kenne ich das! Mehr noch, ich weiß auch, was man damit anfängt oder besser noch: ich weiß, wie man diese bunt schillernden Kolibris einfängt, behält und zu einer Art Wirklichkeit verhilft! Was tut der Dichter, dessen Freude, Angst oder Leid zu Rhythmen wird, was der Musiker, dessen Sehnsucht nach dem Unendlichen in Tönen seine Form erhält, was der Architekt, der im begrenzten Raum die ewige Musik des Allraums zum Sinnbild werden lässt – was tun also die Künstler unter Gottes Sonne anderes, als mit tiefer Demut ihre Seelen zu öffnen, in denen solche Stimmungen geboren wurden und denen sie mit zarter helfender Hand den Weg ins Leben ebnen. Pass also auf!! Der Träumer freut sich des zarten Bildes; der Künstler bläst ihm Odem ein und erweckt es zum Leben. Die Kraft, dies zu tun, macht erst den Träumer zum Künstler.

Genug jetzt mit dem Ernst. Das Theaterstück »Der Raub der Sabinerinnen« kenne ich nicht. Aber was tut das? Ich drückte bloß auf den Knopf meiner unerschöpflichen Märchenmaschine und schon musste ich lachen über den komischen Direktor Striese.7 Wer hat diese Rolle gespielt, lässt er Dich fragen? Was heißt das »ich bin Poe-müde«?8 Man kann sich sicher an allem der Welt überfressen; deshalb frisst man nicht, sondern isst mit Maß. Dann kann einem nichts passieren. Aber schreibe mir darüber. Aber neue Gedichte möchte ich bald sehen. Aber vorerst erwarte ich mit Schrecken Deine Gegenkritik auf meine »Umdichtung« Deiner Verse. Jetzt seid 1000-mal umarmt und geküsst von Eurem Papa.
Liebe Franzi! Folgende Bitten: 1.) beim Besuch ein Stück Seife (Genehmigung wie üblich) 2.) In Brief 2 – 3 blaue ungefütterte Briefumschläge legen. In nächsten Brief mehr! 3.) 1 Knetgummi!! Herzlichst PM

[6] (4. 5. 1942)

Meine Lieben! Olle Mutiputibarra! Während ich Dir schreibe, bist Du bei Monika oder Eveline und schlägst Dir den Bauch mit Kuchen voll. Und dass ich dies so genau weiß, verdanke ich Deinem Meisterbrief der 1.) schön geschrieben war und 2.) alles enthält, was ich über Dich wissen will. Im nächsten Brief schreibst Du mir über Kuhn und Tatjana9 und dann hast Du mich wirklich glücklich gemacht. Aufwiederhören!!

Lieber Pila! Ich habe mich sehr über Deinen Brief gefreut, es wäre aber noch schöner, wenn Du statt Reihm REIM schriebest und statt were WÄRE (von war). Aber sonst!!!! Recht anregend und voll Witz ist Deine Art der Diskussion, wobei Deine Kritik am Vergleich »Kind und Gedanke« etwas weit geführt ist. (Man kann zwar sagen »Deine Augen sind blau wie das Meer«, man darf aber dann nicht gleich nach Dampfschiffen und U–Booten suchen.) Der zweite Vergleich mit dem Modellierton ist sogar so verblüffend, dass mein Freund und ich bis spät in die Nacht hinein daran herumdokterten, bis wir ihn an den richtigen Platz weisen konnten. Du rührst hier nämlich an die schwierigsten Gebiete des Denkens, bei denen sich schon mancher Fachmann die Zähne ausgebrochen hat. Bevor ich aber Deine Gedankenschleichwege aufkläre, will ich, so klar es geht, den Schöpfungsprozess (den menschlichen natürlich) aufzeigen: Von außen hereinströmend (Liebe, Schönheit etc.) oder von innen entspringend (Sehnsucht, Heimweh etc.), bemächtigt sich des Menschen ein Gefühl! Dieses Gefühl löst Gedanken aus, die ihrerseits dann wieder andere Saiten in Bewegung setzen, die dann zum Handeln oder ähnlichen Dingen führen können. Bleiben wir aber vorerst beim Gedanken! Diese müssen erst uns selbst verständlich sein. Verständlich ist Dir aber nur ein Mensch, dessen Sprache Du verstehst. Um Dich selbst verstehen zu können, musst Du also eine Sprache haben, die ihrerseits einen Wortschatz enthält. Es gibt also keine Gedanken, ohne das Wort, ohne die Sprache!!

Der Sprachunkundige , oder ein Wilder wird seine Gedanken, Gedanken, die seine Gefühle beschreiben sollen, mit Lauten, Bewegungen und Wortbrocken uns zu übermitteln versuchen. Der Sprachkundige wird zwischen Gedanken und Sprache eine so gute Freundschaft errichtet haben, dass wir ihn ohne weiteres verstehen und ein Bild erhalten von der Art seiner Gefühle. Dem begnadeten Sprachbeherrscher dient die Sprache so völlig, so befreit von jeder Last, dass sie wie Musik wird! Dieser begnadete Sprachbeherrscher wird zum Dichter, wenn er uns Gefühle vermittelt, die zwar in seiner Seele geboren sind, aber uns alle angehen, der das Besondere zum Allgemeinen werden lässt und dessen Musik uns beschwingt und mitreißt!! Also jetzt zu Deinem Beispiel, wo Du den »Stoff« Deiner Dichtung mit dem »Ton« des Bildhauers vergleichst. Der Modellierton des Dichters ist die Sprache, die nicht dadurch zur Kunst wird, dass er sie zum Reimen zwingt, sondern, dass sie mit oder ohne die Musik des Reimes über sich hinauswächst zu einem Etwas, das sie noch nie war, bevor der Künstler ihr seinen Odem einblies!! Durch diesen Brief habe ich Dir scharf die Grenze gezogen zwischen GEDICHT und KUNST. Das sinnvolle, gereimte Sprachgebilde ist Gedicht – Kunst wird es dort, wo es über sich herauswächst und uns alle ergreift!!

Dein Zeugnis ist recht miserabel, my old boy! Das Turnen sogar tragisch. Du musst Dich mehr zusammenreißen und musst lernen, auch nach außen hin Erfolge zu haben!!

Es küsst Euch beide mit inniger Liebe: Papa.

Liebe Franzi! Für Sie bleibt mir immer nur der Rest des Papiers, dafür aber die Hoffnung, Sie morgen sprechen zu können. Diese zweiten Montage sind mir so herrlich krafterhaltend wie die »Samstage«, wo die Briefe der Kinder kommen. Und was würde ich Ihnen auch auf l0 oder l00 Seiten anderes schreiben als das eine: wie dankbar ich bin, dass Gott Sie mir gab, und Ihnen, dass Sie seinen Willen so ausführen, wie Sie es tun! Herzlichst PM.

[7] Berlin-Plötzensee, den 4. Mai 1942 Königsdamm 7 – Haus III

Meine Lieben! Liebe Petrara! Ich habe geträumt, dass Du ein bisschen krank warst, aber dass alles gut und schnell vorbeiging! Davon musst Du mir schreiben, genau so süß und lieb, wie im vorigen Brief, für den ich Dir herzlich danke. Bei uns ist es recht kalt, und die Bäume wollen auch noch nicht blühen. Aber die Birken haben schon grüne Spitzen und in der Früh hört man die Vögel. Sei tausendmal geküsst!! Geliebter Pila! Zu Deinem Brief von rund fünfzehn Seiten will ich Anmerkungen machen, und zwar: l.) Allgemein »menschliche«, 2.) Schulmeisterlich erzieherische, 3.) Formal stilistische, 4.) Väterlich beratende. Zu 1.) Mit jedem Wort, das von Dir kommt, und wenn es auch nur papperlapapp oder pitschipatschi hieße, freue ich mich, denn es kommt von Dir – den ich liebe. Zu 2.) Trotzdem schreibt man Haupt- und Dingwörter groß, auch bei der größten Eile. Worte schreibt man aus, ohne zwei bis drei Endbuchstaben zu schlucken. Schlampig sprechen ist schon hässlich, schlampig schreiben ist Sünde wider die Sprache. Genau so darf man die letzten zwei bis drei Worte eines Satzes nicht schlucken, auch wenn die Gedanken schon weiter gerast sind. Jeder Satz muss wie ein fertiges Bild dastehen, elegant und abgerundet, aus schönen erlesenen Worten gebaut und so klar sein, dass ein fehlendes Wort bereits den Sinn zerstört und ein Wort zu viel bereits die Farbigkeit als zu bunt erscheinen lässßt. Rein technisch musst Du daran denken: entweder man schreibt oder lateinisch. Scheußlich finde ich Worte wie »ungen«.

Zu 3.) Furchtbar schwer ist die Form eines Tagebuchbriefes. Diese schwere Form wird Dir noch erschwert durch die Kenntnis meiner Vorliebe für Geschichten, die beginnen: »also wir sind aufgestanden«. Diese meine Lieblingsform bevorzuge ich aber nur, wenn ich weiß, dass eine spannende Geschichte folgt. D. h., ich ziehe mir den Genuss durch die Einschaltung der langen vorbereitenden Einleitung in die Länge! Ist das zu beschreibende Erlebnis an sich belanglos, so führt die gezogene Einleitung zur trügerischen Erwartung – also zur Enttäuschung! Es ist also ein Trick! Wenn ich BUMM sagen will, ist es wirkungsvoller – da überraschender –, wenn ich sage: pf, pf, pf … BUMM, statt wenn ich BUMM, BUMM, BUMM sage! Also können in der Tagebuchform alle Sätze wie »bin aufgestanden«, »habe Milch geholt«, »war bei Poe« wegfallen, außer wenn sie als Einleitung zu einer BUMM-Geschichte benötigt werden. Und jetzt komme ich zu Punkt 4.) – und ein jäher Schreck packt mich! Wenn ich den Tagesberichten die obigen Sätze abziehe, einschließlich der Feststellung, ob es warm oder kalt war an jenem Tag, so bleibt nur der Satz: »ES WAR NICHTS LOS!« Wie kann das passieren? Wer ist denn so arm!? Ich sagte zu meinem Freund: »Erzähle mir einen schönen Tag aus Deinem Leben«, und er sagte: »Ich habe ein erstes grünes Blatt gesehen – es war fast zu viel für einen Tag«. Erzähle mir noch einen Tag, sagte ich: »Ich habe ein Buch zu lesen begonnen, in diesem Zeichen stand der Tag«. Pali Liebstes, versteh mich jetzt recht: »los« ist nur im Kino immer etwas, und es sind Dinge, die von außen kommen und vergehen wie der Wind. Dieses Kino und das ganze falsch verstandene Leben lassen jetzt die Menschen auf der Lauer liegen in Erwartung dessen, dass »etwas los« sein soll!! Und der Mensch wird alt und stumpf und es war »nichts los«. Nur was ich aus den Dingen, die da »los« sind, mache, ist Leben, hat Sinn und Tiefe, und dieses »los« Sein ist oft nur ein »grünes Blatt« und greift tiefer als das Versinken einer ganzen Welt! Es ist unendlich viel »los« in Dir bei scheinbarem »nichts los« außer Dir – und von diesem Reichtum will ich hören, in jeder Form – im Notfall auch in der Form von »also wir sind aufgestanden«. Damit schließe ich diesen »FERNUNTERRICHTSBRIEF« – Servus Alter!

Liebe Franzi! Ich habe dieser Tage darüber nachgedacht: was ist ein »Heim«? ein »Zuhause«? Im Satz: »Ich komme von …« oder im Satz: »Ich gehe nach …« liegt mehr als in dem Satz »Ich bin …«. Vielleicht darum, weil etwas Gegenwärtiges unbewusster ist als Gewesenes oder Werdendes! Jene Kraft im Menschen aber, die fähig ist, das Gegenwärtige, in diesem Fall »das Zuhausesein«, einem bewusst zu machen, schafft erst ihm und den Seinen das »HEIM«. Eine ständig sprießende, lebendige Kraft ist es‚ nach der man sich sehnt, bei der man geschützt und geborgen ist – bei der man verweilen will!! Mit Angst denke ich daran, dass ich diese schöpferische Kraft nie hatte und, obzwar ich »Wohnstättenbauer« war, kein »Heim« für die Kinder zu verkörpern verstand. Auch dies also müssen Sie für die Kinder schaffen. Herzlichst PM. Grüße an alle Freunde und l000 Küsse an die Kinder

1 Handtuch brauche ich zur Sprechstunde.
[8] (Teil eines nicht vollständig erhaltenen Briefes, ohne Datum)

Mein Pilafreund! Du sagst, ich drücke mich so »gesucht« aus, und Du brauchtest oft Franzis Hilfe. Ich versuche tatsächlich, mit knappsten Mitteln Gedanken zu Kurzsätzen zusammenzupressen; ich tue dies, damit Du lernst und siehst, wie die Sprache eine gefügige Dienerin der klaren Gedanken ist, und Du mit Franzis Hilfe diese Kondensmilch mit soviel Flüssigkeit auflösest, bis sie Dir gerade mundet. Das soll für Dich Gedankensport sein und schönes Spiel. Versuchs doch mal: einen ganzen Wust von Gedanken langsam einzudicken, bis dass ein guter klarer Satz daraus wird – und dann wieder aufzulösen. Vergiss auch nicht, dass es mein sehnlichster Wunsch ist, Dir in jedem Brief etwas von mir zu geben – im Notfall etwas, woran Du zu knacken hast! So bin ich z. B. gespannt auf Deine Antwort auf meinen Brief vom 4. 5. 42. Denn wer weiß, wie lange diese Briefe das Einzige sind, was wir einander geben können, und wir wollen diese Zeit nutzen und uns sättigen an dem Schönen, was sie uns gibt, und blind bleiben für alle Bitternis, die in ihr verborgen sein mag. Und Franzi ist an Deiner Seite, und Du wirst vielleicht jetzt erst klar gesehen haben, was sie Dir und uns bedeutet, jetzt wo ich weg bin, und sie außer dem Platz, den sie in Eurem Leben einnahm, auch noch den meinigen zu ersetzen bestrebt ist. Diese Kunst aber vollbringt sie – und ich kann ihr dafür nicht genug danken! Danke Du durch Dein Handeln für mich!!! Ein paar Tage nach Erhalt dieses Briefes ist es Pfingsten. Ich weiß nicht was man sich zu Pfingsten wünscht? Etwa fröhliche Pfingsten? Ich wünsche Euch schönes Wetter und reichlichen Fraß, gute Laune bei bestem Spaß. Vor einem Jahr war unser zweiter Siebischaubesuch. Es waren lustige Tage. Aber wir werden noch andere und vielleicht lustigere haben, und diesmal wollen wir uns mit diesem Bild begnügen.

Eine Bitte habe ich: tu in den nächsten Brief ein Bild von Mutti. Vielleicht die Totenmaske, denn davon gibt es zwei im Album. Dann habe ich eine Photoplatte mit dem schönen Bild von Kuhn, das soll Franzi kopieren lassen und mir schicken. Seid mir beide 1000-mal geküsst von Papa. Herzliche Grüße an Franzi und an Freunde.

[9] Berlin-Plötzensee lo.5. + 17. 5. 42

Meine Lieben! Geliebte Langschreibebarra! Jeder Deiner Briefe wird jetzt schöner, und zum Glück auch länger und meine Freude daher auch größer. So wirst Du schön langsam meine 0 Fehler Muttiputti. Ich wünsche mir in Deinem nächsten Brief jetzt Folgendes: einen genauen Bericht darüber, was Du bei Kuhn machst und was bei Tatjana? Bis zum nächsten Mal sei geküsst von mir auf Nase, Mund und Backe! – Pilusch! In Deinem Brief (leider immer ohne Datum), ich schätze vom 2. Mai, sagst Du, dass Du mit ihm nicht zufrieden seiest. Das Gegenteil ist bei mir der Fall! Deine Anspielung auf das Laap I und Laap II ist guter alter Pilawitz, Dein Vergleich zwischen Essen und Fressen trifft zu und beruht auf einer guten‚ großen Erkenntnis! Was mir aber die meiste Freude machte und wo ich sah, dass Laap I u. Laap II eng zusammenhängen, gleich lautend denken und fühlen ist dies: in meinem Brief vom 4. 5. frage ich Dich nach Dingen, die mir schwer am Herzen liegen, und Du beantwortest mir die Fragen in Deinem Brief vom 2. 5. 42. Oder noch erstaunlicher: Deine Post vom 25. 4. hatte ich am l. 5. in der Hand und dachte darüber nach, was sich wohl in Pila »innen« abspielt, während er von außen nur berichtet, »es war nichts los«. Im selben Augenblick, dass ich so dachte, saßest Du in der Knobelsdorffstraße und schriebst mir die Antwort. Ist das nicht köstlich? Sieht fast nach Gedankenübertragung aus!! Jetzt noch etwas, was mich beschäftigt! Es ist jetzt endlich Frühling geworden – und was für ein Frühling. Heute stehen die Obstbäume hier in voller Blüte, wo man vor einer Woche an dies ewig wiederkehrende Wunder noch nicht zu glauben wagte. Die Rosskastanien zeigen ihre Weihnachtsbaumblüten, klein und rötlich noch – in acht Tagen vielleicht schon ebenso stolz erblüht wie die Obstbäume heute. Herrlich schön! In dieser Zeit musst Du so viel wie möglich im Freien sein, zu Fuß oder zu Rad. (Ihr werdet doch endlich eine Pumpe »gefunden« haben!) Deine und Eure Spaziergänge müssen über die Hölderlinstraße hinausgehen (wobei Fam. Poe. sich auch etwas erholen wird von Eurer allzu großen Liebe) – denn etwas mehr Sport muss das Gleichgewicht halten zu meinem »Dichtersohn«, der es in Leibesübungen nur auf eine 5 zu bringen vermochte. Das höchste Ziel im Leben, wie in der Kunst, ist das Gleichgewicht zwischen der Erscheinungsform des Geistes und des Leibes. Und genau so, wie ich einen hohlköpfigen, hühnerhirnigen Muskelberg verachte, erweckt ein bizepsloser schlaffarmiger Weichheini, dessen Seele in den höchsten Regionen des Geistes schwebt, mein Mitleid! Alle Aufgaben, die das Leben uns stellt, müssen gelöst werden, alle Hindernisse genommen werden, und diese haben nun mal die Eigenschaft, wahllos mal an unseren Geist, mal an unseren Leib heranzugehen! Du weißt, wie wichtig diese Erkenntnis gerade für Dich ist. Halte Dich daran! Es sei auch von außen »etwas los«! Angriffsrichtung sei Dein Körper.
17. 5. 42. Meine Lieben! Durch schlechte Postverbindungen ist mein Brief nicht abgegangen, und wahrscheinlich werde ich von nun an nur alle 14 Tage schreiben können. Desto wichtiger ist mir Euer Wochenbrief. Inzwischen hat sich viel ereignet: Das Wunder der Baumblüte ist schon vorbei – ein heftiger Sturm treibt die Blütenflocken durch die Lüfte. Ein ausgeträumter Traum. Dafür haben die Kastanienbäume an der Südseite bereits ihre weißen Kerzen auf die Weihnachtsbaumblüten gesteckt und die weiten Wälder, die bisher wie Kulissen mit grünen Rändern sich hintereinander reihten, verschmelzen in ein einheitliches Grün. Aus dem Boden dringt der Keim unserer zukünftigen Nahrung. Dann erhielt ich Eure Bilder!! Eine unaussprechliche Freude! Sie stehen den ganzen Tag vor mir und überraschen und erheitern mich ohne Unterlass. Ich stelle mir die Bilder in verschiedenen Reihenfolgen auf und wandere mit den Blicken von Kopf zu Kopf. Jetzt stehen sie z. B. so, dass erst Pila in die Ferne guckt, etwas zweifelnd, aber doch vertrauend, dann Barra schwer den Mund beherrschend, um nicht zu sagen, »was seid ihr doch komisch«. Dann wieder Pila wirklich lachend, beim Anblick zum Lachen zwingend; ich höre, wie er eben sagt: »guut!!« Zuletzt wieder Barra – ganz Tänzerin und Dame, würdige Schülerin Tatjanas; eine kleine Königin, die von oben auf das »Volk« guckt. Dieses Spiel lässt sich durch Umstellen beliebig wiederholen. (Franzi soll Oma und meinem Vater solche Bilder schicken. Kleine genügen.) Das letzte Ereignis war Euer Brief vom lo. 5. 42.

Meine süße kleine Wunderalte! Nicht nur, dass Du mir auf meinen Brief, den Du noch gar nicht hattest, antwortest, sondern die wunderbare Form und Deine Schrift ließen mich das Maul aufreißen, und ich musste ihn mit Kraft wieder schließen, sonst stünde er jetzt noch offen. Mach weiter so, Malakista, und Du bringst es noch weit in dieser Welt! Unendliche Extrapussis von Papa.

[10] Berlin Plötzensee den 31. Mai 1942 Haus III

Meine Lieben! Geliebte, süße Barramutti! Vielen Dank für Deinen Brief (er war zwar sehr schön, wenn auch nicht so schön wie der Vorige) – aber ein wenig faul seid Ihr doch gewesen, denn ich habe Euren Brief vier Tage später erhalten als sonst, und so saß ich zu Pfingsten ohne Nachricht von Euch da. Aber wenn ich daran denke, dass Ihr jetzt schöne Radtouren macht, so ist es mir sogar lieber, noch vier Tage länger zu warten, wenn Ihr nur jeden guten Sonnenstrahl mitkriegt. Denn ein bißchen komisch ist dieser Sommer – Regen, Blitz und lauter Donner! Wenn Du Deine Freundin Gisela10 wieder siehst, grüße sie schön von mir. Und Du sei Millionen Mal geküsst und umarmt von Deinem Papa.

Liebster Pila! Auf Deinen Brief habe ich viel und recht lang zu antworten. Zuallererst muss ich Dir sagen, dass mich Eure Radtouren sehr freuen und ich solche Tagesausflüge mit Zelt herrlich finde – abgesehen davon, dass sie mir (wie in meinem letzten Brief schon erwähnt) für Dich wichtig erscheinen. Nun gibt’s bald Badewetter und dann ist für Abwechslung gesorgt.

Du schreibst, dass Du »den netten Schwung« in Brief und Gedicht »verlernt« hast und Angst hast, mir ein Gedicht zu zeigen. Etwas Schuld an dieser Geschichte habe aber ich. Es gibt eine wunderschöne Geschichte von Gustav Meyrink über den Tausendfüßler.11 (Ich glaube, Du kennst diese Käfer mit vielen Füßen.) Ein neidischer Frosch, der sich über die vielen Füße des Käfers ärgerte, fragte ihn nun wie folgt: »Sag mal, du Tausendfüßler, wie machst du das? Ich verstehe schon gut, dass du jeden zweiten Fuß rechts und jeden dritten Fuß links gleichzeitig hebst – auch sehe ich ein, dass die geraden Zahlen rechts, und die ungeraden Zahlen links gemeinsame Sache machen müssen, aber rätselhaft bleibt es mir, was jene deiner Füße machen, deren Zahl sich durch gerade wie durch ungerade Zahlen teilen lassen?« Der Tausendfüßler stand ganz entsetzt vor diesen Fragen und dachte zum ersten Mal im Leben über die Frage seiner Fortbewegung nach – aber wehe ihm!! Nachdenken bekam ihm nicht – er verhedderte seine Füße und blieb wie erstarrt stehen. Das war die Rache des Frosches. – Ich habe Dir so viel über Reim und Rhythmus, Gedanke und Sprache, Form und Inhalt, zuletzt noch über Kunst geschrieben, dass es Dir ging wie dem Tausendfüßler – Dein Mut ist eingefroren. Darum will ich mit dieser Form der belehrenden Kritik aussetzen, obzwar ich Dich bitte, die alten Briefe nochmals durchzulesen und über das bereits Gesagte nachzudenken. Dann wird sich alles durch die Kritik und Prüfung Aufgerührte legen, und das Leichtbeschwingte und Ursprüngliche wird wieder aus Dir hervorbrechen. Und das Neue wird dann doch besser und tiefer sein als das Gewesene, weil sich Schöpfungsdrang und Wissen zu einer Einheit geballt haben werden. Und dies war mein Ziel! Ich bin ja kein neidischer Frosch und Du kein Tausendfüßler! Zu Deinen drei Erlebnissen will ich Dir nun Einiges sagen. Zur Ersten »Die Geschichte mit der Frau«. Zum Verständnis dieser eigentümlich erscheinenden Gegebenheit musst Du Folgendes wissen: Erstens, die Wissenschaft hat festgestellt, dass Träume, die man hat, und wenn sie auch unendlich lang scheinen (z. B. eine Geschichte beinhaltend, die sich über Jahre erstreckt), nur Sekunden, ja oft nur Teile von Sekunden dauern. Das Hirn als Zentrum unserer Vorstellungswelt ist also fähig, blitzartig Bilder oder auch Filme entstehen und vergehen zu lassen. Zweitens, etwas sehen bedeutet einen Vorgang, wobei Lichtstrahlen, die die Umwelt reflektieren, in unser Auge kommen und dort einen genügend großen Reiz ausüben, um in unserem Bewusstsein bemerkt und aufgenommen zu werden. Nun fallen unendlich mehr Lichtstrahlen (die bereits Körper bestrahlt haben) in unser Auge, als wir bewusst wahrnehmen – und so geschieht jetzt mit Berücksichtigung dessen, was ich unter 1. gesagt habe Folgendes: Du gehst auf der Straße in der Stadt, und eine Frau fällt Dir auf. Sie bleibt Dir in der Erinnerung haften. Dann gehst Du mal spazieren, und in großer Entfernung biegt nun diese Frau um die Ecke. Da Du ein wenig döst (also in einem traumähnlichen Zustand bist), dringen die Lichtstrahlen, die die Erscheinungsform der Frau ausmachen, in Deine Augen nicht stark genug, um Dein Bewusstsein zu wecken, aber doch stark genug, um Erinnerungsbilder zu wecken. Du denkst also scheinbar zufällig an die Frau! 1/10 Sekunde später (Dir schien es eine lange Zeit) siehst Du die Frau erst bewusst – sperrst den Mund auf und denkst, es war ein Wunder. Man nennt diese Erscheinung »déja vu«, d. h. »schon gesehen«.

Das Erlebnis Obernigk ist nun fast dasselbe. Du siehst Haus und Menschen zweimal ganz schnell hintereinander. Das erste Mal nicht ganz, das zweite Mal ganz bewusst. Und plötzlich erinnerst Du Dich beim bewussten Erkennen an das unbewusste Erlebnis und fertig ist das »déjà vu«.

Was aber das dritte – das Kulosa-Erlebnis – anbelangt, so komme ich mit dem »déjà vu« nicht aus. Und das ist auch ganz gut so. Es begegnen einem im Leben immer ungeklärte, unerklärbare Ereignisse – die gerade durch dieses Unerklärbare zum Erlebnis werden! Und das sind dann die lebendigen Farbflecke in einem sonst »grau in grau« gehaltenen Alltagsbild. – Zuletzt noch was: ich will Dir keine Grenzen setzen, die da sagen – darüber sollst Du – und darüber sollst Du nicht nachdenken. Bei allem musst Du aber wissen, dass ich bei Dir bin, dass ich Dir helfen will und vielleicht auch kann, wenn Du mir nur immer alles schreibst, was Dich beschäftigt oder gar bedrückt. Und nun sei tausendmal geküsst von Deinem auf Nachricht wartenden Papa. Liebe Franzi, wieder kein Platz für Sie, außer meinen herzlichsten Grüßen in großer Dankbarkeit PM.

»Die Grundierung im Tod ihres Autors verleiht diesen anrührenden Briefen einen besonderen Glanz. Sie schreiben gegen die Gewissheit an, einer unentrinnbaren Bestialität und Perversion des Menschlichen ausgeliefert zu sein. Sie tun dies gerade durch Menschlichkeit.«
Andreas Platthaus, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.05.2012

»24 Briefe und zwei Postkarten schrieb er in den 13 Monaten Haft. Sie liegen jetzt gedruckt vor. Es spricht eine große Sehnsucht aus diesen Briefen ... bewegende Dokumente der Liebe und Verantwortung.«
Cornelia Geißler, Frankfurter Rundschau, 24.04.2012

»Die Briefe zeichnet nicht nur eine tiefe Sehnsucht aus, die behutsame Anleitung aus der Ferne, sondern sie haben auch eine literarische Qualität. Zugleich dokumentieren sie eine untergegangene Briefkultur, ein verlorenes schriftstellerisches Talent.«
Nicola Kuhn, Tagesspiegel, 13.05.2012

»Der Band "Papierküsse. Briefe eines jüdischen Vaters aus der Haft 1942/43" erzählt von nichts geringerem als von der Liebe ... Ein lesenswertes Buch, ein wichtiges Dokument.«
Birgit Güll, vorwaerts.de, 6.8.2012
Klett-Cotta
1. Aufl. 2012, ca. 134 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, mit 28 Abbildungen und zwei Karten
ISBN: 978-3-608-94699-4
autor_portrait

Pali Meller

Pali Meller , geb. 18.6.1902 in Sopron/Ödenburg (Ungarn), gestorben am 31.3.1943 im Zuchthaus Brandenburg-Görden, studierte Architektur in Wien,...

Dorothea Zwirner



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