Persisches Feuer

Das erste Weltreich und der Kampf um den Westen

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Ein neuer Blick auf die persische Kultur und den ersten großen Ost-West-Konflikt

Der Bestseller-Autor Tom Holland schildert den Aufstieg des antiken Persien zum ersten Weltreich der Geschichte. Vom Höhepunkt seiner Machtentfaltung bis zu dem Zusammenstoß mit der Welt der Griechen: faszinierende Persönlichkeiten, spannende Eroberungsgeschichte, Pracht und Macht der Großkönige.

Es geschah vor 2500 Jahren, dass Ost und West Krieg miteinander führten. Im 5. Jahrhundert v. Chr. war eine globale Supermacht fest entschlossen, zwei Staaten Wahrheit und Ordnung zu bringen, die sie für terroristische Schurkenstaaten ansah. Die Supermacht war Persien, dessen Könige das erste Weltreich gegründet hatten. Die terroristischen Staaten waren Athen und Sparta, eigenwillige Städte in einem weit abgelegenen armen und bergigen Land: Griechenland. Die Geschichte, wie die Bürger dieses Landes dem mächtigsten Mann der Welt widerstanden und ihn besiegten, ist eine der beeindruckendsten Episoden der Geschichte.

»Persisches Feuer« gibt nicht nur eine dramatische Darstellung dieser großen Auseinandersetzung, sondern auch ein einzigartiges Gesamtbild von Ost und West. Von den Priestern in Babylon bis zur Geheimpolizei der Spartaner, von den Luxusgärten der Perser bis zu den athenischen Prostituierten, von Darius, dem Mörder und größten politischen Genie des Orients bis zu Themistokles, dem Mann, der den Westen rettete, werden alle Akteure in der faszinierenden Erzählung Tom Hollands lebendig.

Der populäre Bestseller aus Großbritannien vom Jungstar der Historikerszene

Inhaltsverzeichnis

PDF-Leseprobe
Leseprobe Tom Holland: Persisches Feuer (PDF, 1,4 MB)
Vorwort, Kapitel 2 (Auszug) und Kapitel 7

Leseprobe

Vorwort
Im Sommer des Jahres 2001 wurde einer meiner Freunde zum Leiter des Geschichtsunterrichts an einer Schule ernannt. Unter den zahlreichen Entscheidungen, die er nun vor Beginn des neuen Schuljahrs im September treffen mußte, war eine besonders dringend. Solange sich alle Beteiligten erinnern konnten, hatte das Programm für die Schüler des letzten Schuljahrs eine Arbeit über den Aufstieg Adolf Hitlers vorgesehen. Nach der Ernennung meines alten Freundes standen die Zeichen auf Veränderung: Hitler, so schlug er seinen neuen Kollegen vor, sollte nicht mehr auf dem Programm stehen, und man solle statt dessen ein ganz anderes Thema behandeln: die Kreuzzüge. Ein besorgter Aufschrei war die Reaktion auf seinen revolutionären Vorschlag. Warum, fragten seine Kollegen, solle man eine so fremde und dem aktuellen Interesse so fernstehende Epoche behandeln? Als mein Freund darauf entgegnete, die Schüler könnten im Geschichtsunterricht Gewinn daraus ziehen, wenn man mit ihnen Themen behandle, bei denen es nicht ausschließlich um die Diktaturen des 20. Jahrhunderts gehe, wuchs die Entrüstung eher noch. Der Totalitarismus, wandten die Kollegen ein, sei eine aktuelle Frage, wie es die Kreuzzüge nie sein könnten. Der Haß zwischen Islam und Christentum, zwischen Ost und West - wo lag da der erforderliche Zeitbezug? Die Antwort kam, und zwar nur wenige Wochen später, am 11. September, als 19 Luftpiraten sich selbst und Tausende andere im Namen von Forderungen in den Tod rissen, die entschieden mittelalterlich klangen. Die Zeit der Kreuzzüge war, zumindest in den Augen Osama Bin Ladens, nie zu Ende gegangen. »Es sollte euch nicht verborgen bleiben«, hatte er die nicht-muslimische Welt schon im Jahr 1996 gewarnt, »daß die Menschen des Islam schon immer unter der Aggression, der Maßlosigkeit und der Ungerechtigkeit gelitten haben, die ihnen die Zionisten und Kreuzzügler entgegenbrachten.«
Daß ein amerikanischer Präsident über weniger Kenntnisse der Feinheiten der mittelalterlichen Geschichte verfügt als ein saudischer Fanatiker, ist eigentlich nicht so überraschend. »Warum hassen sie uns eigentlich?« In den Tagen und Wochen nach dem 11. September war Präsident Bush nicht der einzige, der mit dieser Frage rang. Zeitungen in der ganzen Welt waren voll mit klugen Reden, die uns die Abneigung des Islam gegen den Westen erklären wollten, ob sie nun den Ursprung auf die Irrungen und Wirrungen der kurz zurückliegenden amerikanischen Außenpolitik zurückführten oder auf die weiter zurückliegende Aufteilung des Mittleren Ostens durch die europäischen Kolonialmächte oder gar nach dem Vorbild der Analyse Bin Ladens bis an den Ausgangspunkt, die historischen Kreuzzüge, zurückgingen. In der Erkenntnis, daß die erste große Krise des 21. Jahrhunderts möglicherweise aus einem Strudel unklarer und alter Haßgefühle geboren sein könnte, lag eine tiefe Ironie. Die Globalisierung , so hatte man gemeint, habe das Ende der Geschichte mit sich gebracht, und nun schien sie doch eher zahllose unwillkommene Gespenster aus ihrem verdienten Schlaf zu wecken. Jahrzehntelang war der Kommunismus »der Osten« gewesen, und als Widerpart zu ihm hatte sich der Westen definiert. Jetzt ist es, wie schon lange Zeit vor dem Zerfall der Sowjetunion, wieder der Islam. Der Krieg im Irak, der in ganz Europa zu beobachtende, wachsende Widerstand gegen die Zuwanderung, der sich vor allem gegen Muslime richtet, die nach wie vor umstrittene Aufnahme der Türkei in die Europäische Union - all diese Probleme haben gemeinsam mit den Angriffen des 11. September zu einem quälenden Bewußtsein geführt, daß ein tiefer Graben den christlichen Westen vom islamischen Osten trennt.
Daß die Zivilisationen unweigerlich dazu verurteilt seien, in Konflikt miteinander zu geraten, wie die Terroristen von Al-Qaida und Harvard-Professoren mit den unterschiedlichsten Argumenten gemeint haben, bleibt eine bisher noch strittige Behauptung. Aber es ist kaum zu übersehen, wie die verschiedenen Kulturen in Europa und der Islamischen Welt zur Zeit gezwungen sind, die Grundpositionen ihrer eigenen Identität zu überdenken. »Die Unterscheidung in Ost und West«, meinte Edward Gibbon, »ist willkürlich und verschiebt sich rund um den Globus.«
Er hieß Herodot , war Grieche und stammte aus der heutigen Küstenstadt Bodrum in der Türkei, die damals unter dem Namen Halikarnassos bekannt war. Er war also am äußersten Rand Asiens aufgewachsen. Warum hatten die Leute in Ost und West, so fragte er sich, solch große Schwierigkeiten, in Frieden miteinander zu leben? Eine erste oberflächliche Antwort fiel leicht. Die Asiaten, berichtete Herodot , betrachteten Europa als einen unannehmbar fremden Ort. »Und daher kommt es, daß sie glauben, die Griechen würden ewig ihre Feinde sein.« 3 Aber warum dieser Bruch überhaupt entstand, räumte Herodot ein, das war ihm ein Rätsel. Vielleicht lag es an der einen oder der anderen Entführung einer Prinzessin durch griechische Piraten? Oder war es die Brandschatzung Trojas ? »Das behaupten zumindest viele Völker Asiens , aber wer kann sicher sein, daß sie das Richtige sagen?« 4 Herodot wußte sehr wohl, daß in diesem großen Erdkreis die Wahrheit des einen sehr leicht die Lüge des anderen sein konnte. Doch während die Ursprünge des Konflikts zwischen Ost und West sich in mythischer Zeit verloren, waren doch seine Auswirkungen sehr gegenwärtig. Diese hatten sich vor noch schmerzlich kurzer Zeit und auf ungeheuer dramatische Weise offenbart. Die verschiedenen Charaktere der Völker hatten Argwohn und Mißtrauen geschaffen, und aus Mißtrauen war Krieg entstanden.
Das war in der Tat ein schlimmerer Krieg als je zuvor. Im Jahr 480 v. Chr., ungefähr 40 Jahre bevor Herodot begann, seine Geschichte niederzuschreiben, hatte Xerxes , Großkönig der Perser, einen Kriegszug gegen Griechenland geführt und war in ihr Land eingedrungen. Militärische Abenteuer dieser Art waren seit langem eine Spezialität der Perser. Jahrzehntelang schien der Sieg - ein schneller, spektakulärer Sieg - ihr angestammtes Recht zu sein. In ihrer Aura der Unbesiegbarkeit spiegelte sich das beispiellose Ausmaß und die Geschwindigkeit ihrer Eroberungen wider. Einst waren sie nichts gewesen, eben nur ein obskurer Bergstamm, dessen Gebiet sich auf die Ebenen und Gebirge des heutigen südlichen Iran beschränkte. Dann hatten sie innerhalb nur einer einzigen Generation den gesamten Mittleren Orient überrannt, alte Königreiche zerstört, berühmte Städte erobert und ein Reich errichtet, das sich von Indien bis an die Mittelmeerküste erstreckte. Das Ergebnis all dieser Eroberungen war, daß Xerxes als einer der mächtigsten Herrscher der Erde regierte. Was ihm an Ressourcen und Kampfkraft zur Verfügung stand, war so gewaltig und beeindruckend, daß sie tatsächlich grenzenlos erschienen. Vor dem D-Day im Sommer 1944, der Landung der Alliierten in der Normandie , bekamen die Europäer keine zweite Invasionsmacht zu Gesicht, die es mit der des Xerxes aufnehmen konnte.
Gegenüber diesem nie gekannten Schreckensbild erschienen die Griechen wie ein winziger Haufen, und sie waren hoffnungslos zerstritten. Griechenland war nicht viel mehr als eine geographische Bezeichnung: es war kein Land, sondern ein Flickenteppich von streitsüchtigen und häufig arroganten, selbstverliebten Stadtstaaten. Die Griechen betrachteten sich zwar als ein einheitliches Volk, durch Sprache, Religion und Sitten miteinander verbunden, aber was die verschiedenen Städte oft am stärksten verband, war eine unüberwindliche Neigung, sich gegenseitig zu bekämpfen. Für die Perser war es in den frühen Jahren ihres Aufstiegs zur Großmacht sehr einfach, sich jene Griechen untertan zu machen, die in der heutigen westlichen Türkei lebten, und sie in ihr Reich einzugliedern. Das galt im übrigen auch für Herodots Heimatstadt. Selbst die beiden wichtigsten Mächte des griechischen Kernlands - die aufblühende Demokratie Athens und der streng militärisch organisierte Staat der Spartaner - waren nicht hinreichend gut ausgerüstet, um wirksameren Widerstand zu leisten. Nachdem der persische Großkönig beschlossen hatte, das widerspenstige, eigenartige Volk am westlichen Rand seines gewaltigen Reichs zu befrieden, galt das Ergebnis als voraussehbar.
Doch erstaunlicherweise waren die kontinentalen Griechen in der Lage, dem größten je auf die Beine gestellten Expeditionsheer erfolgreich zu widerstehen. Die Eindringlinge waren abgewehrt und Griechenland frei geblieben. Wie die Griechen gegen eine Supermacht angekämpft und sie geschlagen
hatten, schien ihnen selbst die bemerkenswerteste Geschichte aller Zeiten zu sein. Wie war ihnen das eigentlich gelungen? Und warum? Und aus welchem Anlaß war die Invasion überhaupt gegen sie in Gang gebracht worden? Fragen wie diese waren noch 40 Jahre danach drängend und veranlaßten Herodot zu einer völlig neuen Art der Nachforschungen. Zum ersten Mal machte ein Chronist es sich zur Aufgabe, die Ursprünge eines Konflikts nicht in so ferne Vergangenheit zu verfolgen, daß alles völlig im mythischen Nebel verschwand, oder den Anlaß auf die Launen und Wünsche eines Gottes zurückzuführen; ebensowenig griff er auf den Gedanken zurück, ein Volk habe Anspruch auf ein bestimmtes Schicksal, sondern er brachte statt dessen Erklärungen vor, die er selbst nachprüfen konnte. Da er nur lebende Berichterstatter oder Augenzeugen heranziehen wollte, reiste Herodot in der ganzen Welt herum. Er wurde auf diese Weise zum ersten Anthropologen, Reporter und Auslandskorrespondenten. 5 Das Ergebnis seiner nie erlahmenden Neugier war nicht nur eine Erzählung, sondern die umfassende Untersuchung eines ganzen Zeitalters, und sie war gut gelungen, abwechslungsreich und von weltoffener Toleranz. Herodot bezeichnete das, worauf er sich eingelassen hatte, selbst als »Forschungen« - auf griechisch historiai . »Und ich schreibe sie hier auf«, erklärte er im ersten Satz des ersten Geschichtswerks, das je geschrieben wurde, »damit die Erinnerung an die Vergangenheit erhalten werde und außerordentliche Taten sowohl der Griechen als auch der Barbaren nicht in Vergessenheit geraten, und vor allem, um zu zeigen, warum sie Krieg gegeneinander führten.«
Es ist daher nicht erstaunlich, daß die Geschichte der Perserkriege zu einem der Gründungsmythen der europäischen Zivilisation wurde und als Urbild des Triumphes der Freiheit über die Sklaverei und der harten Disziplin der Bürger über den unduldsamen Despotismus gedient hat. Als das Wort »Christentum« in der Folgezeit der Reformation allmählich immer mehr an Glanz verlor, wurden die heroischen Ereignisse von Marathon und Salamis zugleich für viele idealistische Denker zu einem sehr viel konstruktiveren Musterbeispiel der abendländischen Tugenden und Werte, als es die Kreuzzüge waren. Es war am Ende doch rechtschaffener, sich zu verteidigen als anzugreifen, und besser, für die Freiheit zu kämpfen als im Namen eines religiösen Fanatismus. Ein Ereignis vor allem nahm die besondere Kraft eines Mythos an: die zum Scheitern verurteilte Verteidigung des Thermopylenpasses durch eine winzige griechische Truppe, als »dreihunderttausend von vierhundert bekämpft wurden«, wie es bei Herodot heißt. 9 Dichtgedrängte Horden von Asiaten wurden von der Peitsche in die Schlacht getrieben; Leonidas , König der Spartaner , war entschlossen, zu widerstehen oder zu sterben; es war ein beispielhafter Tod, als er und 300 seiner spartanischen Landsleute ohne jede Rücksicht auf das eigene Leben bis zuletzt standhielten und fielen: diese Episode enthielt alle notwendigen Elemente. Bereits im 16. Jahrhundert konnte der große französische Moralschriftsteller Michel de Montaigne folgendes dazu feststellen: auch wenn die anderen von den Griechen geschlagenen Schlachten »der schönste Doppelsieg waren, den die Welt je sah, hätten sie doch nie gewagt, diesen vereinten Ruhm mit der glorreichen Niederlage des Königs Leonidas und seiner Männer an der Schlucht der Thermopylen zu vergleichen«. 10 250 Jahre später wußte Lord Byron in seinem Entsetzen darüber, daß das Griechenland seiner Tage als eine Provinz unter der Herrschaft des türkischen Sultans dahindämmern sollte, ganz genau, wo in den Geschichtsbüchern er suchen sollte, um den mitreißendsten Aufruf zum Kampf zu finden:
Ach Erde! Befreie aus deiner Brust
Einen Rest unsrer gefallenen Spartaner !
Von den dreihundert gewähre uns drei nur,
Um eine neue Schlacht der Thermopylen zu schlagen!
Byron nahm sich selbst beim Wort, denn bald darauf folgte er dem Beispiel des Leonidas und kam beim glorreichen Kampf um die Freiheit Griechenlands seinerseits durch Krankheit zu Tode. Der Ruhm seines Endes, bei dem es sich um den ersten Tod eines wirklichen Stars in der modernen Zeit handelt, gab der Figur des Leonidas nur noch mehr Glanz und trug dazu bei, daß die Thermopylen für viele nachfolgende Generationen der Inbegriff des Märtyreropfers für die Freiheit werden sollten. Warum, fragte sich der Romancier William Golding bei einem Besuch des Passes in den Jahren kurz nach 1960, fühlte er sich so aufgewühlt, obwohl Sparta doch eine so »langweilige und grausame Stadt« gewesen sei?

Kapitel 7: BEDRÄNGNIS
Epische Vorbereitungen
Der Lebemann und Tyrann Hipparch, dessen gewaltsamer Tod in einem Eifersuchtsdrama im Jahre 514 v. Chr. als ein Schlag gegen die Unterdrükkung und für die Freiheit in die athenische Geschichte und Erinnerung eingegangen war, hatte sich in der Zeit seiner Herrschaft gegenüber jeder Art von Kreativität sehr empfänglich gezeigt. Er war ein eifriger Mäzen der Bautätigkeit, wie es Herrscher oft sind, und bewies auch eine außerordentliche Begeisterung für die Literatur. Reisende konnten auch später noch unter dem erigierten Phallus der Hermen, die eine ziemlich auffällige Erscheinung an den Wegkreuzungen Attikas waren, eindringliche und mahnende Verse lesen, die der ermordete Sohn des Peisistratos persönlich verfaßt hatte. Die Athener trugen, mit anderen Worten, von der Tyrannenherrschaft des gelehrten Hipparch auch manchen Gewinn davon. Es war zum Beispiel seinem bereitwilligen Einsatz zu verdanken, wenn die Spitzen der schreibenden Zunft Griechenlands, die einst über das Provinznest Athen die Nase gerümpft hatten, die Stadt nun für ein Zentrum kultureller Blüte hielten und sich in großer Zahl dort niederließen. Der Tyrann hatte so starkes Interesse daran, berühmte Dichter an seinen Hof zu holen, daß er sogar einen luxuriösen Reisedienst in Form eines privaten Fünfzigruderers für sie einrichtete.
Mehr noch als der zeitgenössischen Dichtkunst galt indes die wahre Begeisterung Hipparchs, wie bei vielen Menschen in der gesamten griechischen Welt, zwei unvergleichlichen epischen Werken: der Ilias und der Odyssee. Beide waren Jahrhunderte zuvor entstanden und handelten vom Trojanischen Krieg, seinen Helden und den Ereignissen davor und danach. Über den Verfasser wußte man nur wenig Genaues. Man nannte den Dichter Homer, aber er war für die Griechen so unergründlich, so unerschöpflich und so sehr die Quelle ihrer tieftsten Überzeugungen und Ideale, daß nur der Ozean, der die ganze Welt umfaßte und umgab, als angemessenes Bild mit ihm verglichen werden konnte. Es lag auf der Hand, daß Hipparch bei dem Bestreben, seine Stadt zu einem wichtigen Punkt auf der literarischen Landkarte zu machen, Homer irgendwie mit Athen verbinden wollte, obwohl der Dichter doch nach allgemeiner und leider berechtigter Meinung aus der östlichen Ägäis stammte. Als Peisistratos, der Vater Hipparchs, eine schriftliche Aufzeichnung der Homerischen Gesänge veranlaßte, behauptete man sogar, er habe versucht, heimlich einige Verse in den Text hereinzuschmuggeln, die Athen und seine mythischen Helden rühmten. Hipparch hatte seinerseits weniger auffällig und grob Vorträge von Teilen der Epen bei den Panathenäen eingeführt. Dabei wurden die Verse nicht etwa in einer raffinierten schöngeistigen Atmosphäre vorgetragen, sondern es handelte sich vielmehr, wie bei den ebenfalls bei diesem Fest veranstalteten athletischen Wettkämpfen, um eine hart umstrittene Konkurrenz. Und das war recht und billig. »Sei immer der Tapferste, immer der Beste.« Das waren ja Leitsätze, die gerade aus der Ilias selbst stammten.
Die Epen wurden trotz aller Bemühungen Hipparchs in der ganzen griechisch sprechenden Welt von den Menschen als ihr gemeinsames angeborenes Recht und Erbe betrachtet. Die Spartaner zum Beispiel, Landsleute der Helena und des Menelaos, hatten es kaum nötig, Vorträge der Dichtkunst zu veranstalten, um ihre Nähe zu den Werten zu demonstrieren, die Homer in seinen Epen vermittelte. Auch wenn die Einzelheiten ihrer militärischen Ordnung von Lykurg stammten, wurde doch ihre innere Haltung und ihre heroische Entschlossenheit, nach der sie lieber sterben und »nie endenden Ruhm« ernten wollten, als in Schande das Leben eines Feiglings zu führen, vor allem in dem furchterregenden Glanz der Heroen lebendig, die ihr »Dichter« besungen hatte. Am meisten von allen entsprach dem der Held Achill, der größte und tödlichste aller Krieger. Er war nach Troja gezogen, um dort in diesem furchtbaren Glanz zu erstrahlen, zugleich wissend, daß sein ganzer Ruhm nur dazu dienen sollte, ihn vor der Zeit in den Tod zu schicken. Der ganze Wahn seiner Ruhmsucht, die ihn zum Streit mit Agamemnon um eine Sklavin getrieben hatte und dazu, in seinem Zelt zu schmollen, während seine Kameraden abgeschlachtet wurden, um erst in den Kampf zurückzukehren, weil sein geliebter Vetter getötet worden war: das war sicher eine Selbstsucht, die man einem spartanischen Krieger kaum gestattet hätte. Aber daß im Kampf zu sterben schön sein und die Erinnerung an einen Krieger ewig werden lassen konnte, selbst wenn seine Seele mit ihrer golden leuchtenden Aureole unter den grauen Schatten in der Unterwelt wandelte, und daß sein Tod ihm kleos einbrachte, unsterblichen Ruhm - diese für alle Zeiten mit Achill assoziierten Vorstellungen galten den Griechen seit langem auch als besonders spartanisch. Auch andere konnten nach solchen Idealen streben, aber nur in Sparta wurden Bürger ausdrücklich dazu erzogen, ihnen von Geburt an zu folgen.
Als Leonidas an der Spitze seiner kleinen Truppe Anfang August zur Sicherung des Passes an den Thermopylen eintraf, mußte ihm mit Sicherheit das Beispiel jener Helden vor Augen stehen, die Jahrhunderte zuvor an jenem ersten großen Kampf zwischen Europa und Asien teilgenommen hatten. Aus den Homerischen Epen war ihm geläufig, daß die Götter, »Vögeln gleichend, Lämmergeiern«, bald unsichtbare Schatten über die Stellungen seiner Männer werfen würden. Immer wenn sterbliche Menschen ihren Mut in schwindelnde Höhen steigern und sich auf die Schlacht vorbereiten mußten, saßen die Mannschaften »in dichten Reihen, von Schilden und Helmen und von Lanzen starrend«, und sie wußen, daß sie ins Reich der Götter vordrangen. Man hätte sich kaum einen unheimlicheren Zugang dafür vorstellen können als die »Heißen Tore«. Wasserdampf stieg aus den heißen Quellen auf, die man »Kochtöpfe« nannte; sie hatten dem Paß seinen Namen gegeben. Die Felsen, über die das Quellwasser gurgelnd herunterrann, waren bleich und verformt wie geschmolzenes Wachs. Schwefelgeruch verbreitete sich dumpf und stechend in der heißen Sommerluft. Alles war fiebrig, staubig und eng. Manche Abschnitte des Passes waren so schmal, daß an den beiden Enden, die Ost- und Westtor genannt wurden, nur Platz für eine einzige Wagenspur war. Auf der einen Seite dieses Wegs spülten die Wellen des seichten und sumpfigen Golfs von Malia an die Klippen, auf der anderen ragten die Felsen des »unzugänglichen, abschüssigen«3 Berges Kallidromos steil in die Höhe, die auf den unteren Hängen mit Wald bedeckt waren und weiter oben grau und kahl gegen die erbarmungslose Bläue eines Sommerhimmels standen. Es war ein befremdlicher und unwirklicher Ort und ganz offensichtlich wie geschaffen zur Verteidigung gegen Eindringlinge. [...]
Im März 2009 auf der Sachbuch-Bestenliste von Südeutscher Zeitung / Buchjournal / Börsenblatt / NDR (www.ndr.de)

»Tom Hollands spannend und kompetent erzählte Geschichte der Perserkriege«
Wilfried Nippel (Die Zeit, Literatur-Beilage, 11/08)

»Schon für den Versuch, die Geschichte der Perserkriege noch einmal zu erzählen, muss man Tom Holland deshalb loben. Aber Holland ist nicht nur mutig, sondern im Augenblick womöglich der beste Mann weit und breit für diese Aufgabe.«
(Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.10.2008)

»Tom Hollands grossartige Schilderung des Kampfes der Griechen gegen die Perser ...«
(Neue Zürcher Zeitung, 11.10.2008)

»Aus einer Fülle von Neuerscheinungen ragt dieses Buch eines kritischen Journalisten und Historikers heraus. ... So folgt Holland nicht nur den schon zu Legenden geronnenen Berichten von Marathon oder Leonidas und seinem Tod in den Thermophylen, den etwa Hitlers Regime noch in der Stalingrad- Katastrophe korrumpierte, sondern bietet zugleich ein anschauliches Bild des Perserreiches.«
Berthold Seewald (Die Welt, Literarische Welt, 11.10.2008)

»Ein spannendes, ein lesenswertes Buch, in dem Holland mit Anspielungen auf heutige Weltmächte und ihr Gebaren nicht spart. Es geht um Kulturen, die einander fremd sind und die einander nicht kennenlernen, sondern missionieren wollen - gern auch mit Waffengewalt.«
Joachim Worthmann (Stuttgarter Zeitung, 12.11.2008)

»Der trockene Schulstoff über die ersten Kriege der jungen Staatsform Demokratie wird zum Krimi.«
(Abendzeitung, 15.10.2008)
Klett-Cotta Aus dem Englischen von Andreas Wittenburg und Susanne Held (Orig.: Persian Fire)
4. Aufl. 2009, 479 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, 16 S. Farbtafeln, zahlreiche Karten, Lesebändchen
ISBN: 978-3-608-94463-1
autor_portrait

Tom Holland

Tom Holland, geboren 1968, studierte in Cambridge und Oxford Geschichte. Der Autor und Journalist hat sich mit BBC-Sendungen über Herodot, Homer,...

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