Robespierre

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Die Biographie von Robespierre - einem Terrorist der Tugend

In seiner sehr konturierten und psychologisch eindringlichen Biographie entwirft der prominente französische Revolutionshistoriker Max Gallo ein Bild des »Unbestechlichen«. Robespierre, der mit viel Blut Freiheit bringen und das Land zur Glückseligkeit führen wollte. Ein Klassiker zum Verständnis jener turbulenten Zeit.

Maximilien Robespierre (1758 - 1794), neben Danton wohl der bekannteste Kopf der Französischen Revolution und wie er hierzulande in erster Linie über Büchners Drama bekannt, ist mehr als alle anderen Figuren seiner Zeit angefeindet wie verherrlicht und ideologisch vereinnahmt worden. Max Gallo schildert den wahren Robes pierre: das ernste, einsame Kind, den enthaltsamen, tugendhaften Revolutionär, der sich ganz dieser Vision einer Revolution hingibt. Der Autor zeigt, wie Robespierre, getragen von den Erwartungen der Öffentlichkeit, zu dem wurde, der er immer sein wollte. Durchdrungen von der Moral Rousseaus hat er dessen Geisteshaltung, Lebensform, die Wildheit des Charakters, die stolze Einfachheit übernommen. Gallos Biographie, die den Menschen Robespierre zeigt, wird auch zur detailgenauen Schilderung der Französischen Revolution: informativ und spannend wie ein Roman.

Inhaltsverzeichnis

Prolog
Teil I: Geboren werden
1. Zufälle
2. Unerfüllter Ehrgeiz
3. Sich einen Namen machen
4. Zwischen Wort und Tat
5. Die Familie Duplay oder Das geträumte Leben
Teil II: Kämpfen
6. Die Kunst zu mißfallen
7. Unerträglich wie die Prinzipien
8. »Ludwig XVI. muß sterben, weil das Vaterland leben muß«
9. »Mir geht es nur darum, die Wahrheit zu sagen«
Teil III: Sterben
10. Die Straße, die zum Tode führt
11. Kämpfen für die Menschheit
12. Gegen die Faktionen
13. Terror und Tugend
14. »Welcher Freund des Vaterlandes kann noch überleben wollen«
Bibliographie
Nachwort von Daniel Schönpflug und Peter Schöttler
Personenregister
***

Leseprobe

Robespierre sieht als einziger klar
Die Versammlung ist von höchster Wichtigkeit, denn der Club wartet seit den Morgenstunden darauf, eine Entscheidung zu treffen, und in der Versammlung weiß man, daß die Entschließung, die hier gefaßt werden soll, allen angegliederten Gesellschaften zugesandt und daß sie damit zur Losung werden wird, nach der sich die öffentliche Meinung richtet. Die gemäßigten Mitglieder beschließen daher, sich in möglichst großer Zahl in den Club zu begeben. Beinahe 200 Abgeordnete ziehen, von zahlreichen Anhängern begleitet, in die Rue Saint-Honoré. Es geht darum, bei den Jakobinern ebenso zu siegen wie in der Versammlung. Robespierre muß daran gehindert werden, die Gesellschaft in seinem extremen Sinne zu beeinflussen; man fürchtet Maximilien, und das mit Recht.
In der bis zum letzten Platz gefüllten Kapelle der Jakobiner, in der gespanntes Schweigen herrscht, verwirft Maximilien mit einem Satz die These von der Entführung. »Nicht meiner Person«, beginnt er, »müßte die Flucht des obersten Beamten als katastrophales Ereignis erscheinen. Der heutige Tag könnte der schönste der Revolution sein, er kann es immer noch werden.« Dann ruft er zum Handeln auf, womit er sich der Initiative der Cordeliers anschließt, und schleudert seine Anklagen heraus: »Der König hat, um seinen Posten im Stich zu lassen, einen Augenblick gewählt . . .« Und er läßt eine lange Liste von Umständen folgen, die es dem König erlauben werden, »die Nation auszuhungern«. Dennoch fürchtet Maximilien nicht so sehr, daß »alle Briganten Europas sich gegen uns zusammentun«. »Mitten unter uns jedoch, in dieser Hauptstadt, hat der flüchtige König seine Helfer zurückgelassen, auf die er rechnet, um seine Rückkehr zum Triumphzug zu machen.« Es sind diese Helfer, die Maximilien in Unruhe versetzen. Er möchte »seinen Schrecken mitteilen«, denn, und dieser Satz zielt auf La Fayette, die Truppen haben Anführer, die »es fertiggebracht haben, daß man einem Bouillé für die Bartholomäusnacht unter den Patrioten von Nancy eine öffentliche Danksagung beschlossen hat«. Schließlich kündigt er die Ankunft der Abgeordneten an und ruft aus: »Die Nationalversammlung, so behaupte ich heute, hat in zwanzig Dekreten vorgegeben, die Flucht des Königs eine Entführung zu nennen. Wollt ihr noch mehr Beweise dafür, daß die Nationalversammlung die Interessen der Nation verrät?«
Maximilien Robespierre ist bis an die Grenze seiner Möglichkeiten gegangen, beinahe so weit wie die Cordeliers. Er hat Stellung genommen, und er kennt das Risiko: »Indem ich beinahe die Gesamtheit meiner Kollegen, der Mitglieder der Nationalversammlung, anklage . . ., wende ich gegen mich alle Eigenliebe, schärfe ich tausend Dolche, setze ich mich jedermanns Haß aus; ich weiß, welches Los man mir bereiten wird.« In diesen Worten kommt sein Pessimismus, gepaart mit einer Art Opferbereitschaft, zum Ausdruck. Seine Niedergeschlagenheit läßt ihn in Todesahnungen verfallen, die nicht nur das Ergebnis politischer Analyse sind, sondern auch von der Anziehung zeugen, die der Tod auf ihn ausübt, wenn er bekennt: »Ich werde fast wie eine Wohltat den Tod empfangen, der es verhindern wird, daß ich Zeuge von Übeltaten werde, die ich als unvermeidbar voraussehe.«
Die 800 Anwesenden haben sich von ihren Sitzen erhoben und rufen dem Redner zu: »Wir alle werden mit dir sterben!« Dann schwören sie, »in Freiheit zu leben oder zu sterben«. In diesem Augenblick erscheinen die gemäßigten Abgeordneten in Begleitung von La Fayette. Robespierre beendet seine Ansprache, ohne präzise Schlußfolgerungen zu ziehen. »Ich fühle, daß diese Wahrheiten die Nation nur mit Hilfe eines Wunders der Vorsehung zur Tat treiben werden. « Er hat versucht, den Jakobinern die Augen zu öffnen. Aber er ist ohne Illusionen, und wie schon so häufig, läßt sein Pessimismus in ihm keinen Enthusiasmus, ja nicht einmal den Entschluß zur Tat aufkommen. Nach ihm spricht Danton, in die Uniform der Nationalgarde gekleidet, mit seiner lauten Stimme: »Wenn die Verräter in dieser Versammlung auftreten werden«, ruft er in den Saal, »dann halte ich es für meine heilige Pflicht, meinen Kopf dem Henker auszuliefern, um zu beweisen, daß auch der ihre fallen muß zu Füßen der Nation, die sie verraten haben.«
In diesem Stile geht es fort, konfus und wortreich, und schließlich erhebt er Anklage gegen La Fayette. Aber er überläßt »das Urteil der Nachwelt«. Viel Lärm um nichts. In einer geschickten Rede gelingt es daraufhin Barnave, den Saal unter seine Kontrolle zu bringen, so daß am Ende sein Text gebilligt wird: »Der König hat sich, von kriminellen Beratern verführt, von der Nationalversammlung entfernt.«
»Ich fordere alle, die nach mir sprechen werden, auf, mir zu antworten«, hatte Robespierre ausgerufen. Man hat ihm nicht geantwortet, aber die Entschließung stellt abschließend fest: »Wir erkennen nur einen Führer an, die Nationalversammlung, wir kennen nur einen Schlachtruf, die Verfassung!« Damit gehen die Jakobiner auseinander, Maximilien Robespierre hat eine Niederlage erlitten. Der Jubel und die Schwüre nützen ihm nichts. Er ist allein in den Straßen der Hauptstadt, in denen die Söldner La Fayettes eine bedrohliche Macht darstellen, allein auch im Konvent und bei den Jakobinern, wo sich die Gemäßigten durchgesetzt haben. Er ist gescheitert, wie er es vorausgesehen hat: Die Clubs sind unter sich uneins; die Cordeliers fordern die Republik, während die Jakobiner auf die Staatsmacht vertrauen. Dieses Gefühl, als einziger die Lage zu durchschauen, treibt ihn zur Verzweiflung.
Unbeirrt die Wahrheit sagen
Die Versammlung tagt ununterbrochen. Man ist unentschlossen und wartet ab. Am 22. Juni, um halb zwei Uhr in der Nacht, wird die Sitzung vertagt.
Robespierre, der ihr bis zum Ende beigewohnt hat, begibt sich zu Madame Roland. Er gehört nicht zum Kreis ihrer Vertrauten, aber Madame Roland, die ihn nicht besonders schätzt, empfängt ihn, »obwohl er gar nicht sonderlich darauf bestand«, denn, so fügt sie hinzu, »er verteidigte unsere Grundsätze mit Wärme und Beharrlichkeit . . . In dieser Hinsicht schätzte ich Robespierre.« In diesen frühen Morgenstunden des 22. Juni ist man überwiegend pessimistisch. Robespierre blickt düster in die Zukunft und hält es für besser, nicht anzugreifen, wie es die Cordeliers, Brissot und Madame Roland wollen, sondern nur den Angriff der Konterrevolutionäre, den er für unmittelbar bevorstehend hält, zurückzuschlagen. Er ist also bedeutend vorsichtiger als Madame Roland, die versichert, man werde »nur durch ein Meer von Blut« die Freiheit erreichen, und die, wie die Cordeliers, in ganz Frankreich eine Unterschriftensammlung veranstalten will.
Maximilien spricht, wie gewöhnlich, wenig. »Er lachte häufig nervös, ließ einige Sarkasmen fallen, aber sagte niemals seine Meinung«, schreibt Madame Roland. Dabei sind sicher seine Niedergeschlagenheit und das Gefühl seiner Ohnmacht im Spiel. Er hat gesprochen, und er wird wieder sprechen. Aber er weiß sehr gut, daß er kein wirkliches Machtmittel in Händen hat, mit dem er den Lauf der Dinge beeinflussen könnte. Auch dieses Mal noch hat er keine Möglichkeit einzugreifen. Im Salon der Madame Roland »wird von nichts anderem gesprochen, als mit welchen Mitteln man das Volk zu energischen Maßnahmen veranlassen kann, bevor es zu einem Massaker kommt«. Aber das einzige Mittel, über das Robespierre verfügt, ist seine Stimme, sein Talent als Redner.
Außerdem kann er erst dann eine Entscheidung treffen, wenn er die Situation analysiert, verstanden und in Worte gefaßt hat. Unbeirrt die Wahrheit zu sagen, die anderen zu überzeugen und durch seine Worte zu orientieren versuchen, das ist Robespierres Stärke. Seine Reden sind Taten, aber allzu häufig beschränken sich seine Taten auch auf die Reden. Das ist das Ergebnis seiner Erziehung und seines Berufes. Juristisch geschultes, zur Abstraktion tendierendes Denken überläßt, selbst wenn es, wie in diesem Fall, die Machtverhältnisse exakt analysiert, anderen die Aufgabe, auf die Straße zu gehen und Demonstrationszüge zu organisieren. Man kann ein durchaus realistisch urteilender Politiker und zugleich unfähig sein, seine Politik zu verwirklichen. Selbst wenn man ihre Grundsätze darzustellen versteht, um dadurch die Massen zu gewinnen, ist das Risiko groß, daß die Menschen, die man in Bewegung gesetzt hat, ohne Führung bleiben oder von anderen zum Abenteuer verleitet werden. Als Politiker muß man nicht nur die Menschen mit der Stimme der Vernunft zu überreden versuchen, man muß sie auch zur Tat hinreißen und ihnen Führer sein. In dieser Hinsicht befindet sich Robespierre seit dem 22. Juni in einer schwierigen Situation.
Seine Rede vom 21. Juni ist von Camille Desmoulins gedruckt und unters Volk gebracht worden. Man liest sie laut in den Straßen vor, obwohl die Nationalgarde La Fayettes die Menschenansammlungen zerstreut und die Zuhörer mißhandelt.
Die Kompromißlosigkeit der Rede bestärkt die Cordeliers in ihren Forderungen nach einer Republik, während Maximilien nicht so weit gehen möchte und den Cordeliers als Anführer weder dienen kann noch will. Die Angelegenheit beunruhigt ihn; denn die Freundschaft der Cordeliers ist kompromittierend und gefährlich. Sie setzt ihn wehrlos seinen Feinden aus. Zwar haben die Cordeliers in der Nacht vom 21. zum 22. Juni vor dem Haus Maximiliens in der Rue Saintonge Wachen aufgestellt, aber selbst unter ihnen gibt es so viele käufliche Kreaturen, daß eine Provokation immer im Bereich des Möglichen liegt. Man sagt, Robespierre solle zum Diktator ausgerufen werden. Ist dieses Gerücht spontan entstanden, oder dient es nicht vielmehr dazu, einen unbequemen Gegner zu erledigen, und sei es auch nur durch die Justiz?
[...]
Klett-Cotta Mit einem Nachwort Peter Schöttler und Daniel Schönpflug Aus dem Französischen von Pierre Bertaux und Bernd Witte (Orig.: L‘homme Robespierre. Histoire d‘une solitude, Librairie Académique Perrin, Paris)
1. Aufl. 2007, 288 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, ca. 16 s/w-Abb.
ISBN: 978-3-608-94465-5

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