Weimar

Erkundungen der ästhetischen Provinz
Buchdeckel „978-3-608-91941-7
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Deutschlands Dichterhauptstadt

Die Ansprüche sind enorm und die Hoffnungen groß: 1999 ist Weimar Kulturhauptstadt Europas. Im Wechselspiel von Kunst und Leben wurde Weimar zu einer ästhetischen Provinz, deren Geschichte jetzt geschrieben ist.
Weimar hatte einst alle Blicke auf sich gezogen; jetzt weckt es wieder alle Hoffnungen. Seit Goethe steht Weimar im Zentrum von kulturpolitischen Bemühungen, die alle guten Geister wider die bösen Mächte ins Feld führen. An Weimar sollte sich seit jeher schon erweisen, wie weit ästhetische Prinzipien tragen.

Weimar ist die Welt. Nicht anders läßt sich erklären, daß die lokale Geschichtsschreibung drei Zeitalter unterscheidet, ein goldenes, ein silbernes und ein bronzenes. Die goldenen Jahre gehören ganz Goethe und den Grenzen der wohltemperierten Aufklärung; Weimar stand in voller Blüte. In den silbernen Zeiten zogen unter Großherzog Carl Alexander, der dem Städtchen einen zweiten kulturellen Frühling verschaffen wollte, klangvolle Namen ein, darunter Liszt und Nietzsche. Schließlich fanden sich im bronzenen Zeitalter Zivilisationsmüde und Idealisten ein, von Harry Graf Kessler bis Walter Gropius, um Auswege zu suchen.

Thomas Steinfeld erzählt die Biographie dieser ästhetischen Provinz. Die Weimaraner und ihre Wirkung, Bücher und Gebäude fordern dabei dazu auf, aus dem Glanz der Stadt herauszutreten und den Vergleich mit anderen Thüringer Residenzen zu suchen sowie Verbindungen nach Paris und Darmstadt, Rom und Kopenhagen wiederherzustellen. Im Wechsel von Ankunft und Abreise zeigt sich über die Zeiten hinweg die Macht einer Illusion, derzufolge es einst einen Ort gab, wo das Leben selber schon ein Kunstwerk war. Weimar war ein Versprechen, über dessen Einlösung ein kulturpolitischer Epilog Auskunft gibt.
Leseprobe
Das Goethe den Anspruch erheben konnte, daß hier kulturell Bedeutsames geschehe, setzt eine Verschwendung voraus, die sich vom mehr oder minder bescheidenen Luxus der anderen deutschen Höfe sehr unterschieden haben muß. Zwar brachte sie hier wie überall die ersten Kulturbeamten hervor - den Bibliothekar und den Erzieher. Aber in Weimar wurde diesen Höflingen erlaubt, zum philosophischen Kopf im öffentlichen Dienst, zum Minister einer ästhetischen Weltanschauung und zum Impresario der künstlerischen Freiheit heranzuwachsen - und als solche von höchster Instanz gefördert zu werden. Die "Weltliteratur", als deren Erfinder Goethe ein wenig zu Unrecht gilt, hat diese Befreiung zum Inhalt. Seitdem dies einmal gelang, ohne großen Widerstand und mit dem Erfolg, daß Weimars Ruf sich in ganz Europa verbreitete, entkommt die Stadt nicht mehr der Verpflichtung zum Ruhm auf dem Felde der Kultur, und am tausendfach wiederholten Vergleich zwischen Bethlehem und Weimar ist jedenfalls so viel Wahres, als jede größere Stadt, jedes bürokratisch fortgeschritten verfaßte Gemeinwesen einem solchen Versuch, die Residenz um eine kulturelle Bedeutung herum zu organisieren, wesentlich größere Widerstände entgegengesetzt. Weimar aber war klein, die Geschichte hatte noch keine Monumente geschaffen, und kaum waren Stadt und Land geschieden. Wer immer eine Bedeutung schaffen konnte, stieß hier auf ein offenes Gelände.

Dem Kulturvertrauen, das Weimar von einem großen und durchaus nicht nur gebildeten Publikum entgegengebracht wird, hat weder das Ende von Goethes Ambitionen für das Theater noch der Fortzug von Franz Liszt noch das Scheitern von Harry Graf Kessler nachhaltig geschadet. Es hat den Fortzug des Bauhauses überstanden, und es leidet auch nicht sehr darunter, daß seit Jahrzehnten überhaupt keine europäischen Zelebritäten mehr in Weimar leben. Eine Insel im Bieler See, ein Dorf in der Franche-Comté, eine Kleinstadt in England - wenn sich an jedem dieser Orte auch vom Gang eines einzelnen Lebens erzählen läßt, das sich auf unverwechselbare Weise in diesen Ort hineingeschrieben hat, so ist Weimar doch viel mehr: ein Ort, ohne den die Großen der deutschen Geistesgeschichte nicht wären. Ohne sie wäre allerdings auch dieser Ort nicht.
»Thomas Steinfeld erfaßt genauer als mancher Ortsansässiger, worin genau die Faszination Weimars besteht: in der Inszenierung von Vergangenheit als Zukunftsmöglichkeit, im Traum von der Geborgenheit inmitten gebildeter Menschen, die über ihren elitären Kreis hinaus kultivierend auf die Gesellschaft wirken. Das war der Goethesche Lebensentwurf, der in der DDR als Ideal der allseitig und harmonisch entwickelten Persönlichkeit weiterlebte. Es ist faszinierend, wie Thomas Steinfeld sukzessive das Fragwürdige im Mythos Weimar enthüllt - schon bei Goethe selbst, beim Anspruch Liszts, der Verklärung Nietzsches, dem dadurch möglichen Mißbrauch seines Erbes.«
Irmtraud Gutschke (Neues Deutschland, 07.10.1998)
Klett-Cotta Mit Fotografien von Barbara Klemm gebunden mit Schutzumschlag
300 Seiten,
ISBN: 978-3-608-91941-7
autor_portrait

Thomas Steinfeld

Thomas Steinfeld leitet das Ressort Literatur der Frankfurter Allgemeinen Zeitung



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