Wucherzins und Höllenqualen

Ökonomie und Religion im Mittelalter
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Die Heuschrecken des Mittelalters

In seinem klassischen Werk setzt sich Le Goff mit der Stellung des Wucherers im Mittelalter auseinander. Ein Mentalitätswandel im 12. Jahrhundert festigt seine gesellschaftliche Stellung - ein Meilenstein auf dem Weg zum Kapitalismus.

Während des 12. und 13. Jahrhunderts führte die Christenheit eine regelrechte Kampagne gegen die Wucherei; auf fünf Konzilen wurde sie damals streng verurteilt; bildliche Darstellungen zeigen den Wucherer, wie er von seiner gefüllten Geldbörse, die ihm um den Hals hängt, in die Hölle hinabgezogen wird ...

Viel gehasst war er - und doch war er notwendig. In Handel und Gewerbe kündigten sich neue Formen des Wirtschaftens an: erste Morgenröte des Kapitalismus, dessen frühester Protagonist der Wucherer ist.

Aber in welchem Zwiespalt steckt er! Zwar vermehrt er sein Geld selbst noch im Schlaf, zugleich aber sind ihm die ewigen Höllenqualen gewiss.

Und doch braucht die neue Zeit ein Kreditwesen. Mühsam suchen sich die Menschen einen Weg zwischen den heiligen Tabus. Doch gibt es einen Ausweg: das Fegefeuer, durch das bestimmte Kategorien von Sündern noch einmal gerettet werden können. Die Sünde wird relativiert, der Sündenkatalog differenziert, der Wucherer hat sein zweifaches Ziel erreicht: hienieden seine wohlgefüllte Börse zu behalten, ohne im Jenseits das ewige Leben zu verlieren. In Siena wird die erste Bank eröffnet, die christlichen Geldverleiher können ruhig schlafen, während ihr Geld sich vermehrt ...

Inhaltsverzeichnis

Zwischen Geld und Hölle: Wucher und Wucherer
Geld und Wucher
Der Zeitdieb
Der Wucherer und der Tod
Geld und Leben: das Fegefeuer
»Auch das Herz hat seine Tränen«
Postskriptum
Zins als Wucher
Eine Einführung von Johannes Fried
Anmerkungen
Anhang
Bibliographie

Leseprobe

Zwischen Geld und Hölle: Wucher und Wucherer
Wucher: Welches andere Phänomen war im Abendland vom 12 . bis zum 19 . Jahrhundert ein derart explosives Gemisch von Ökonomie und Religion, von Geld und Seelenheil? Sinnbild eines langen Mittelalters: Auf dem neuen Menschen lasteten noch antike Symbole, die Moderne bahnte sich mühsam ihren Weg durch sakrale Tabus, und die List der Geschichte fand in der Repression, wie sie von der geistlichen Macht ausgeübt wurde, zugleich das Handwerkszeug für weltliche Erfolge.
Die ungeheure Polemik um den Wucher war gewissermaßen die »Geburtsstunde des Kapitalismus«. Wer dabei an den pawnbroker 1 denkt, wie er in englischen Romanen aus dem 19 . Jahrhundert und in Hollywood-Filmen nach der Weltwirtschaftskrise von 1929 vorkommt (und der ja nur ein Überbleibsel, eine Larve des Wucherers ist), begibt sich der Möglichkeit, diesen Protagonisten der abendländischen Gesellschaft zu begreifen - einschließlich der sozialen und ideologischen Implikationen , die sich um diesen Nosferatu des Vorkapitalismus ranken. Wie ein dunkler Schatten lag er auf dem Fortschritt der Geldwirtschaft, ein doppelt furchtbarer Vampir der christlichen Gesellschaft, ein Geldsauger, der häufig mit dem Juden, dem Gottesmörder, Kindsmörder und Hostienschänder gleichgesetzt wurde. In einer Welt, in der das Geld (lateinisch nummus ) »Gott« ist 2 , wo »das Geld siegt, herrscht und be fiehlt « ( Nummus vincit , nummus regnat , nummus imperat 3 ), wo die bürgerliche Sünde avaritia , die »Habsucht«, deren Nachfahr der Wucher eigentlich ist, die feudale Sünde superbia , den »Hochmut«, als ärgste der sieben Todsünden ablöst - da wird der Wucherer als Spezialist der Zinsleihe zugleich ge braucht und verabscheut, mächtig und schwach.
Der Wucher gehört zu den großen Problemen im 13 . Jahrhundert. In dieser Zeitspanne befand sich das Christentum auf dem Gipfel eines gewaltigen Aufschwungs seit dem Jahr 1000 und war gleichwohl schon wieder gefährdet. Der Er folg und die Ausbreitung der Geldwirtschaft be drohten die alten christlichen Werte. Ein neues ökonomisches System tauchte auf: der Kapitalismus; ihn zu entwickeln erforderte außer neuen Techniken - zumindest anfänglich - auch den massiven Gebrauch von Mitteln und Methoden, die die Kirche von jeher aufs schärfste verurteilte. Am historischen Wendepunkt von Werten und Mentalitäten tobte ein erbitterter täglicher Kampf, gekennzeichnet von ständig wiederholten Verboten; es ging um die Legitimation des statthaften Profits und dessen Abgrenzung zum unerlaubten Wucher.
Wie konnte eine Religion, die traditionsgemäß Gott und Geld als Gegensätze betrachtete, Reichtum - und zumal unrechtmäßig erworbenen - gutheißen?
Im Buch Jesus Sirach heißt es ( 31 , 5 ):
Wer Geld liebhat, der bleibt nicht ohne Sünde; und wer Gewinn sucht, der wird damit zugrunde gehen.
Und der Evangelist stimmt ihm zu: Matthäus , Zöllner und Steuereintreiber, der seinen mit Geld bedeckten Tisch verläßt, um Jesus zu folgen, warnt:
Niemand kann zwei Herren dienen: Entweder er wird den einen hassen und den andern lieben, oder er wird an dem einen hängen und den andern verachten. Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon. ( Mat thäus 6, 24)
Mammon symbolisiert in der späten rabbinischen Literatur den unbilligen Reichtum, das Geld. Auch Lukas ( 16 , 13 ) bezeugt dies mit denselben Worten. Mögen Verordnungen, Gesetze, Vorschriften und Dekrete den Wucher auch verdammen, Gott blickt nur auf den Menschen; so auch der Historiker, der sich - nach einem Wort von Marc Bloch - den Menschen zur »Beute« nimmt. Wenden wir uns also den Wucherern zu.
Um ihnen zu begegnen, müssen wir andere Texte als nur die offiziellen Dokumente befragen. Das kirch liche und das weltliche Recht befaßten sich über wiegend mit dem Wucher, die religiöse Praxis dagegen mit den Wucherern. Wo aber finden wir im 13 . Jahrhundert die Spuren dieser Praxis? In zwei Typen von Quellen, die aus viel älteren Gattungen hervorgegangen sind und im Übergang vom 12 . zum 13 . Jahrhundert einen tiefgreifenden Wandel erfuhren.
Da sind zum einen die Summae oder Handbücher für Beichtväter . Im frühen Mittelalter waren die Bußübungen je nach Art und Schwere des sündigen Vergehens in Bußbüchern verzeichnet. Dem Modell vorchristlichen Rechts folgend, bezogen sie sich auf die Handlungen, nicht auf die Handelnden; die Einteilung der Handelnden betraf nur den juristischen Status: Kleriker oder Laie, Freier oder Unfreier.
Aber seit dem Ende des 11 . bis zum Beginn des 13 . Jahr hunderts veränderte sich die Vorstellung von Sünde und Buße entscheidend, sie wurde vergeistigt und richtete sich mehr ins Innere des einzelnen Menschen. Jetzt bemaß sich die Schwere der Sünde nach der Absicht des Sünders, man mußte also nachforschen, ob diese Absicht gut oder schlecht war. Diese Intentionsethik wurde an sämtlichen wichtigen theologischen Schulen im 12 . Jahrhundert gelehrt: von Laon angefangen über Saint-Victor de Paris, Chartres und Notre-Dame de Paris; ebenso von allen Theolo gen von Rang, die im Hinblick auf viele andere Probleme gleichwohl erbitterte Gegner waren: Abälard und Bernhard von Clairvaux , Gilbertus Porretanus und Petrus Lombardus , Petrus Cantor und Alanus von Lille . Daraus ging eine vollständige Veränderung in der Beichtpraxis hervor. An die Stelle der kollektiven und öffentlichen Beichte, die nur in Ausnahmefällen und bei schwersten Sünden abzulegen war, trat die Ohrenbeichte, die man von Mund zu Ohr flüstert; sie wurde individuell und privat, universell und relativ häufig abgelegt. Das Vierte Laterankonzil ( 1215 ) brachte die entscheidende Wende. Es machte die Beichte für alle Christen zur Pflicht, das heißt für alle Männer und Frauen, und sie war mindestens einmal jährlich, an Ostern, abzulegen. Der Beichtende sollte seine Sünde im Hinblick auf seine familiäre, soziale und berufliche Situation, auf die äußeren Umstände und seine Motive erläutern. Der Beichtvater mußte diesen individuellen Parametern Rechnung tragen; er mußte nach dem Bekenntnis des Sünders und nach dessen Bußfertigkeit trachten, weniger nach der »Genugtuung«. Er sollte eher eine Person reinwaschen als ein Vergehen abstrafen.
So wurde den beiden Beichtpartnern eine große Anstrengung abverlangt, mit der sie bisher nicht vertraut waren. Der Beichtende mußte über sein Verhalten und seine Absichten nachdenken, sich einer Gewissensprüfung unterziehen. Eine neue, ganz unerhörte Forderung, sich selbst zu beobachten, den Blick nach innen zu richten, kam in die Welt und veränderte nach und nach die Seelenlagen und die Verhaltensweisen der Menschen. Es waren die Anfänge der psychologischen Moderne. Der Beichtvater mußte jetzt Fragen finden, die ihn befähigten, den Beichtenden kennenzulernen und dessen Sündenregister zu sortieren, indem er die schweren, ja Todsünden (wenn der Sünder weder Bußfertigkeit noch Reue zeigte) von den leichteren und läßlichen schied, die zu sühnen möglich war. Wer im Stand der Todsünde starb, mußte ins uralte Totenreich hinabsteigen und zur Hölle fahren, zum Ort ewiger Qualen; wer dagegen nur mit läßlichen Sünden beladen war, konnte nach einer mehr oder minder langen Zeit der Sühne an einem neu hinzugekommenen Ort, im Fegefeuer, gereinigt und geläutert ins ewige Leben und ins Paradies eingehen - spätestens am Tag des Jüngsten Gerichts. [...]
»Der französische Historiker Jacques Le Goff ist einer der besten Kenner des Mittelalters. Er hat zahlreiche Bücher publiziert, etwa über die Intellektuellen oder die Geschichte des Körpers im Mittelalter. Mit der vorliegenden, beeindruckenden Studie blickt der Mediävist zurück auf die Morgenröte des Kapitalismus. ... Der Autor, einer der wichtigsten Vertreter der Sozial- und Mentalitätsgeschichte, der "Nouvelle Histoire", sieht im sogenannten Wucherer zu Recht einen Wegbereiter des Kapitalismus.«
Ralf Altenhof, Neue Zürcher Zeitung, 28.3.2008

»Das Buch von Le Goff wie das informative Nachwort von Johannes Fried zeigen dem Leser nicht nur den Zusammenhang von Religion und Ökonomie im Mittelalter. Darüber hinaus belegen sie, wie der Wucher - als "Handel mit der Zeit" - zu einem Wegbereiter des modernen Kapitalismus wurde. Dem heute 83-jährigen Altmeister Le Goff gelingt es auch in diesem Buch, dem Leser eine entlegene und in vieler Hinsicht völlig fremd gewordene Welt durchsichtig zu machen.«
Rudolf Walther, Tages-Anzeiger, 5.5.2008
Klett-Cotta Aus dem Französischen von Matthias Rüb, mit einem Nachwort von Johannes Fried
Neuauflage 2008, 205 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-94468-6
autor_portrait

Jacques Le Goff

Jacques Le Goff, Jahrgang 1924, ehemaliger Präsident der Ecole des Hautes Etudes en Sciences Sociales, Paris, war einer der führenden Historiker ...

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