Der Überlebende - Anatomie der Todeslager

Buchdeckel „978-3-608-94420-4

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Den Toten eine Stimme geben

Endlich auf Deutsch erscheint das Aufsehen erregende Buch, das vor über 30 Jahren in den USA erstmals veröffentlicht wurde. Es stellt die erschütternde Frage, wie es einzelnen Menschen gelingen konnte, diese Hölle der Todeslager zu überleben.

Wie können Menschen unermessliche Qualen, ständige Todesangst, die Ermordung ihrer Kinder und Angehörigen vor ihren Augen, ihre bewusste völlige Erniedrigung in Dreck und Kot ertragen? Welches Zeugnis aber legten die Menschen ab, die diese von Menschen gemachte Hölle überlebt haben? Der amerikanische Literaturwissenschaftler Terrence Des Pres stellt sich vorbehaltlos dem Schmerz der Opfer, indem er mit ihnen empfindet und sich in ihre Lage versetzt. Mehr noch, Terrence Des Pres entdeckt eine nicht zu überwindende Hoffnung, denn am »Überlebenden« scheitert der »Held«, an echter Menschlichkeit der täuschende Mythos. Und diesem Heldenmodell hingen alle Ideologen und ihre Mitläufer im 20. Jahrhundert an, nicht selten sogar die Opfer.

Anders die Erfahrung des »Überlebenden«: Er ist wie alle anderen Mitgefangenen und Mitleidenden auch immer verwundbar, aber nie besiegbar. Es ist Zeit, dass nach den Jahrhunderten der »Heldenmythen« die »Zeugnisse der Überlebenden« endlich vernommen werden. Aufrüttelnd, aufwühlend, verstörend wie die Bücher von Jean Améry, Eugen Kogon, Primo Levi, Elie Wiesel, Alexander Solschenizyn.

Leseprobe

Vorwort
Mein Thema ist das Überleben als eine Fähigkeit von Menschen, dem unvorstellbaren Druck einer dauerhaften Notsituation standzuhalten, die schlimmsten körperlichen und seelischen Schmerzen zu ertragen und dennoch weiterzumachen, zu leben, geistig gesund und menschlich zu bleiben.
Ich selbst habe keine persönlichen Erfahrungen mit einem Konzentrationslager, doch ich bin vielen Menschen begegnet, die diese Orte des Grauens erleiden mussten und zurückgekehrt sind, um Zeugnis abzulegen. Was sie erlebt haben, lässt sich in seinem ganzen Ausmaß kaum nachvollziehen. Um einen gewissen Eindruck der Verhältnisse in den Lagern zu vermitteln, habe ich viele ihrer Beschreibungen zitiert. Tod und Vernichtung enden in einem endlosen stummen Schrei, der zu einem gleichgültigen Himmel aufsteigt. Für die Überlebenden jedoch zählt etwas anderes, und es ist dasselbe, was auch für uns von Wichtigkeit ist. Ihre Zeugnisse offenbaren eine Welt, die vom Tod beherrscht wurde. Aber zugleich beschreiben sie auch spezifi sche Lebensbedingungen, in denen tatsächlich gelebt wurde und die Lebensweisen hervorbrachten, die Grundlage und Ergebnis einer Existenz im Extremen sind. Das Überleben als Erfahrung hat eine bestimmte Struktur, die weder zufällig noch regressiv noch amoralisch ist. Diese Struktur möchte ich sichtbar machen.
Wie soll ich diesem Anspruch gerecht werden ? Ich kann es nicht, nicht wirklich. Keine noch so große Ausführlichkeit, keine noch so gewissenhafte Auseinandersetzung kann der Monstrosität solcher Ereignisse oder dem Leid, das sie mit sich bringen, gerecht werden. Das einzige, was ich erhoffen kann, ist, keinen Verrat zu begehen. Ich habe fast vier Jahre an diesem Buch gearbeitet, Jahre, in denen ich viele Augenzeugenberichte gelesen, Dokumen tationen durchforstet und Gespräche mit Überlebenden geführt habe, und in denen ich schließlich einen Weg fi nden musste, mich zu ihnen in ein Verhältnis zu setzen.
Eine neutrale Haltung war nicht möglich. Ich konnte nicht »klinisch rein« oder »objektiv« sein, wie man es heute für nötig hält. Tolstoi und später Hemingway benutzten eine solche »neutrale« oder von allem subjektiven Empfi nden befreite Sprache, wenn sie von schrecklichen Dingen berichteten. Das Merkwürdige an dieser Methode ist, dass sie eine böse Ironie erzeugt, die entweder in Zynismus oder Verzweifl ung endet. Wenn man dagegen Gefühlen zu viel Raum gibt, gelangt man leicht an die Grenzen der Hysterie. Und man reduziert die Qualen von Millionen Menschen auf einen Moment des eigenen emotionalen Überschwangs. Es blieb nur eine Sprache - eine Art archaisches, quasi-religiöses Vokabular. Ich verwende es nicht um religiöse Gefühle zu beschwören, sondern weil mir diese Sprache, in der in höchstem Maße Bedeutsamkeit mitschwingt, als einzige für das Geschehen angemessen erschien.
Was meinen Standpunkt betrifft, so habe ich mich entschieden, die Perspektive des Überlebenden beizubehalten. Der Historiker, der ein Misstrauen gegen eine derartig persönliche Beweisführung hegt, wird daran Anstoß nehmen. Doch unter Bedingungen des fundamentalen Leidens gibt es keine Relativität der Perspektive mehr. Wenn die Aussage eines Überlebenden zu einem Ereignis oder einem Umstand in exakt derselben Weise von Dutzenden anderer Überlebender wiederholt wird, obwohl sie in unterschiedlichen Lagern waren und aus unterschiedlichen Ländern und Kulturen stammten, dann beginnt man der Gültigkeit dieser Berichte zu vertrauen und Abweichungen sogar in Frage zu stellen. Ich konnte deshalb kaum anders vorgehen, als durch häufi ges Zitieren, durch wieder holten Bezug auf Beispiele und Erzählungen die Autorität des Überlebenden anzuerkennen. So kam eine Zusammenstellung von Zeugenaussagen zu Stande, eine Sammlung von Stimmen der Wut, der Trauer und der Wahrheit. Meine Aufgabe war es, ein Medium zu schaffen, in dem all die verstreuten Stimmen sich zu einem gemeinsamen Bericht bündeln konnten.
Der Überlebende steht für all diejenigen, die in den Konzentrationslagern um ihr Leben kämpften. Dieser Kampf hing von bestimmten Verhaltensweisen ab: von Formen der sozialen Verbindung und des Austauschs, von gemeinsamem Widerstand, von der Aufrechterhaltung eines Moralempfi ndens und einer gelebten menschlichen Würde. Dass solche menschlichen Verhaltensweisen an Orten wie Buchenwald und Auschwitz typisch waren, sagt etwas darüber aus, was den Menschen als Menschen ausmacht. Diese Tatsache diskreditiert die Behauptungen des Nihilismus. Sie legt stattdessen nahe, dass Männer und Frauen, die über Monate und Jahre unmittelbar von dem Tode bedroht sind, weniger aus kulturell vermittelten als aus biologischen Gründen durchhalten. Die biologischen Wissenschaften beginnen, in dieselbe Richtung zu argumentieren, und ich habe im letzten Teil des Buches einige ihrer Erkenntnisse miteinbezogen, um zu verdeutlichen, was Überlebende meinen, wenn sie von einer Begabung zum Leben und von einer Lebensfähigkeit sprechen oder sich auf das Leben an sich beziehen. Der Leser sollte sich jedoch nicht irreführen lassen: Vermutungen über den Zusammenhang zwischen dem Verhalten Überlebender und grundlegenden Lebensvorgängen sind reine Spekulation. Was zählt, ist die Erfahrung. Eine Marter von derart gewaltigem Ausmaß sollte und kann nicht auf einen kleinen Punkt in einer Theorie reduziert werden.
Jeder weiß, dass in den Konzentrationslagern weitaus mehr Menschen starben als überlebten. Statistiker mögen also mit meinem Anliegen hadern. Für den Historiker Fernand Braudel, den ich sehr bewundere, ist das Überleben des Menschen vor allem ein numerisches Problem. Vielleicht ist das so, aber darum geht es hier nicht. Wir dürfen Geschichte nicht mit den sich selbst erhaltenden Tätigkeiten des Selbst verwechseln. Das Bild des Überlebenden schließt alle Männer und Frauen mit ein, die versuchten, Geist und Leben zu erhalten - nicht nur diejenigen, die zurückkehrten, sondern auch die vielen Tausend, die manchmal über Jahre am Leben blieben, nur, um im letzten Moment zu sterben. Zahlen können niemals so viel aussagen wie das, was das Verhalten von Überlebenden über typisch menschliche Reaktionen auf das Extreme offenbart.
Ich stütze mich auf ein breites Spektrum von Zeugenberichten und verwende so viele Beschreibungen des Lagerlebens wie möglich. Dabei nimmt der Anteil von Dokumentationen aus Konzentrations- und Todeslagern des Dritten Reiches einen größeren Raum ein als die Berichte aus sowjetischen Straflagern. Und obwohl der Überlebende irgendein Mensch in einem Winkel Europas oder Russlands sein könnte, geht es in diesem Buch vor allem um das Schicksal der Juden, die sowohl unter den deutschen als auch den sowjetischen Lagern besonders zu leiden hatten. Letztlich hat mich vor allem interessiert, was die einfachen, normalen Leute fühlten und taten.
Es gab Momente, in denen ein Gefühl von Vergeblichkeit das Weitermachen erschwerte. Wenn zum Beispiel die Frage auftauchte, ob es Lager gab, in denen kein einziger überlebte. Wie war es mit Chelmno ? Kam jemand von dort zurück ? Doch wenn es nur ein Dutzend Männer und Frauen waren, die menschlich geblieben waren und durchkamen, wenn es in dieser Welt nur die kleinste Spur von Menschlichkeit gab, dann ist die Erfahrung des Überlebenden von unschätzbarer Bedeutung. »Anzeichen des Menschlichen müssen bewahrt werden«, schrieb Albert Camus.
Hamilton, New York, Mai 1975 Terrence Des Pres
1 Der Überlebende in der Literatur
»Der Schriftsteller hat eine schwierige Aufgabe. Er darf sich nicht in den Dienst derer stellen, die Geschichte machen, denn er dient denen, die diese Geschichte erleiden.«
ALBERT CAMUS
Jedes Ding strebt, soviel es an ihm liegt, in seinem Sein zu beharren , schreibt Spinoza in seiner Abhandlung Die Ethik . Dieser Satz mag nicht für Steine und Sterne gelten, er trifft aber sicher auf den Menschen und auf soziale Gemeinschaften zu. Selbsterhaltung und die Sorge um das Wohlergehen des eigenen Körpers haben Vorrang vor allem anderen. In Zeiten, in denen die Mechanismen der Zivilisation funktionieren, gerät diese Gesetzmäßigkeit mitunter in Vergessenheit. Das Leben zerrinnt, ohne dass wir ihm große Beachtung schenken. Stattdessen blicken wir fasziniert auf Taten, die im Tode gipfeln. Der klassische Held hat seinen Auftritt und macht deutlich, an welchen Vorbildern die abendländische Kultur ihre Wertmaßstäbe setzt. Ob Jesus Christus, Sokrates oder der unbekannte Soldat, ob Märtyrer oder ein Krieger wie Achill: Alle, die wir über die Jahrhunderte verehrt haben und denen wir andächtig folgten, sind Opfer. Sie alle lösen ihre Konfl ikte, indem sie sterben. Mit ihrem Tod stehen sie dafür ein, dass der Geist, den sie verkörpern und für den sie kämpften, nicht untergeht. Dieses Muster erscheint so selbstverständlich und ehrenwert, dass die Verbindung zwischen Heldenmythos und Tod gar nicht mehr auffällt.
Der Kampf ums Überleben dagegen wirkt verdächtig. Wir sprechen vom »bloßen« Überleben - als ob das Leben als solches nichts wert wäre. Als ob das Leben erst durch eine Verneinung seine Berechtigung erhielt. Dieser Widerspruch ist wirklich. Er reicht bis tief in die Wurzeln unserer Vorstellung vom Tod im Verhältnis zum Leben. Und das möchte ich deutlich machen. Jede Kultur stellt dem Menschen Symbole zur Verfügung, die ihm helfen, die Schrecken seines Daseins zu verdrängen. Der klassische Held, der sein Leben opfert, ist ein solches Symbol, denn mit seinem Tod verschafft er denen, die leben, die Illusion der Gnade. Opferungen und sterbende Götter begleiten den Aufstieg der Zivilisationen. Nicht selten erscheinen gesellschaftliches Wohlergehen und ritueller Tod sogar untrennbar miteinander verbunden, wie das Beispiel der griechischen Tragödie zeigt. Doch die Zeiten haben sich geändert. Die symbolische Manipulation des Bewusstseins gelingt nicht mehr. Tod und Terror sind uns zu nahe gerückt.
Menschen, die bereit waren, für ihren Glauben zu sterben und ihr Leben für höhere Ziele zu opfern, gab es schon immer. In manchen Zeiten hatte ihr Tun vielleicht sogar einen Sinn. Heute jedoch leben wir in einer anderen Situation: Ideen und Ideologien werden zum Schweigen gebracht, indem man die jeni gen tötet, die sie vertreten. Die »Endlösung« ist zur gängigen Praxis geworden. Die Welt ist nicht mehr das, was sie einmal war. Nach Auschwitz, Hiroschima und Indochina haben wir die Berechtigung verloren, den Tod als ehrenhaft zu würdigen. Wenn Menschen zu Tausenden vernichtet werden, wenn die Technik Mut überfl üssig macht und der Tod zum Komplizen blinder Zerstörungswut wird, hat der Held alter Machart ausgedient. Der neue Held muss der Art und dem Ausmaß heutiger Verwüstungen gerecht werden. Sein Handeln muss einer historischen Situation entsprechen, in der es darauf ankommt, am Leben zu bleiben. In einer Welt der Massenmörder hat der Tod seine Größe verloren. Der Märtyrer und sein tragischer Gegenspieler gehören, von wenigen Ausnahmen abgesehen, zu einer Heldengeneration, die für das Grauen von heute nicht taugt. Wenn Menschen sich gegen maßloses Leid behaupten müssen und ihnen allein ihre Existenz schon wie ein Wunder erscheint, dann ist Sterben alles andere als ein glorreicher Triumph.
Wenn wir Heldenhaftigkeit als große heroische Geste überlegener Individuen verstehen, hat der Überlebende als Held keine Chance. Er oder sie ist einfach ein Mensch, der es geschafft hat, körperlich und geistig am Leben zu bleiben; der bei aller Hoffnungslosigkeit und allem Entsetzen nicht den Willen verloren hat, als Mensch zu überstehen. Mehr zeichnet ihn nicht aus. Ich möchte in diesem Buch den Kampf des Überlebenden beschreiben und verdeutlichen, worin seine besondere Menschlichkeit besteht. Romane und Erzählungen helfen uns dem Gegenstand unserer Betrachtungen näher zu kommen. Das Leben im Extremen ist kein einfaches Thema. Es ist schwer, einen Zugang zu fi nden, und noch schwerer, ein solches Dasein bis in die Tiefe zu verstehen. Die Literatur kann uns durch ihre formal reduzierten Bilder einen Einstieg in diese verwirrende Welt geben und uns ein Gerüst liefern, das die Unterschiede zu unserer eigenen Existenzweise erkennen lässt. [...]
»Die Bedeutung von Des Pres' Arbeit liegt unter anderem darin, den Fokus auf den "bloß" Überlebenden gerichtet zu haben. Der Autor zieht die analytische Schlussfolgerung aus der Vielzahl der Überlebensberichte. ... Des Pres' "Überlebender" ist in Deutschland noch zu entdecken.«
Ralf Altenhof, Der Tagesspiegel, 29.12.2008

»Es gibt Autoren, die über dasselbe Thema mit viel Emphase und wenig Empathie geschrieben haben. Bei Des Pres ist es genau umgekehrt; darum lohnt die Lektüre seines Buches ...«
NZZ, 21.05.08
Klett-Cotta Mit einem Nachwort von Arno Gruen, aus dem Amerikanischen von Monika Schiffer (Orig.: The Survivor. An Anatomy of Life in the Death Camps)
1. Aufl. 2008, 248 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-94420-4

Terrence Des Pres

Terrence Des Pres, (1940 - 1987) geboren in Effingham, Illinois, studierte und promovierte in Englischer Literatur an der Washington University. Von ...



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