Seelenriss

Depression und Leistungsdruck
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Depression - Der Schatten von Tempo und Erfolg

Was macht Manager, Politiker, Studenten depressiv? Was lässt Weltklassesportler an ihrer Seele leiden? Ines Geipel zeigt, wie ständiger Erfolgszwang und Eigendrill in unserer Gesellschaft krankmachende Bedingungen schaffen und zu einer rasant wachsenden Zahl an Depressionen führen.

Wie ein Blitz trifft uns die Nachricht,wenn einer der Erfolgreichen und Berühmten das Leben plötzlich nicht mehr erträgt. Der Suizid als letzte Konsequenz quälender Depressionen beleuchtet für einen grellen Augenblick die Widersprüche zwischen glänzender Oberfl äche und innerer Verzweifl ung.

Die ihr gut bekannte Welt des Leistungssports ist für Ines Geipel jedoch nur Bild und Inbegriff unserer enorm beschleunigten Erfolgsgesellschaft. Denn der Zwang zu unbegrenzter Leistungssteigerung, Flexibiliät und Selbstvermarktung macht nicht nur Sportler krank und depressiv. Letzten Endes - so bezeugen es ihre Gespräche mit führenden Psychologen und Seelenexperten - sind wir alle dem Wirbelsturm eines neuen Welttempos ausgesetzt und so in Gefahr, mit olympischer Rasanz unser inneres Gleichgewicht zu verlieren.

Inhaltsverzeichnis
Vorwort 7
I DEUTSCHLAND-PSYCHE JUST IN TIME
1. Mehr Siege, mehr Tore, mehr Netto! RobertEnke 11
2. Einst stolze, schöne Schiff e Ute Krause 61
3. Bänder, Knoten, Netze, Nester 1914/2010: ein Stück Deutschland-Psyche Rosa Schramm, Nina Orff und Ella Orff 94
II DAS DRIFTENDE ICH
4. Genaue Lande-Anweisung Stephan A.Jansen 155
5. Halt auf Verlangen MarianneLeuzinger-Bohleber 185
6. Woyzeck & Co GötzEisenberg 210
Danksagung 234
Literaturauswahl 235

Leseprobe
VORWORT
Sie ist schon überall, egal, ob in Softwareunternehmen oder in der Medienbranche, bei Versicherungsmaklern, Konzern-Managern, Audi-Arbeitern, Eliteathleten, Studenten oder Schulrektoren: Die bislang versteckte Krankheit Depression grassiert immer sichtbarer und erzwingt den millionen fachen Ausstieg. Nichts geht mehr. Schlafl osigkeit, Schattenwelten, Apathie, Schmerzen, Ängste, Panik und das Gefühl der Ohnmacht, es nicht mehr bis zum nächsten Moment schaffen zu können, werden zum versteinerten Alltag. Etwa ein Fünftel der Deutschen leidet an Depression, sagen aktuelle Umfragen. Doch warum kapituliert das flexible Selbst gegenwärtig mit einer Dramatik, dass die Weltgesundheitsorganisation das globale Phänomen für 2020 zur Krankheit Nummer zwei erklärt hat? Was setzt dem modernen Ich derart zu, dass es die Reißleine ziehen muss? Kann man das um sich greifende Seelenfi asko auch als Kollaps des kollektiven Unbewussten verstehen ? Und wenn ja, warum?
»Seelenriss« beginnt am 10. November 2009. Es war der Tag, als sich Robert Enke, 32 Jahre alt und deutscher Nationaltorwart, auf den Gleisen bei Eilvese in Niedersachsen das Leben nahm. Trauer und Entsetzen überzogen das Land. Nur Stunden später meldeten die Medien, dass der Tod des Spielerstars durch schwere Depressionen verursacht worden war. Eine privat gelebte Krankheit wurde zum öff entlich diskutierten Zeitzeichen. Das Buch sucht genau diese Nahtstelle, indem es Einzelschicksale mit Geschichte und gesellschaftlicher Gegenwart verknüpft. Depression erzählt sich damit nicht nur als Metapher oder generischer Begriff , nicht nur als Forschungsmaterial oder Fall für die klinische Psychiatrie. Die Genese dieser Krankheit eröffnet den Blick auf eine dunkle Grammatik des Selbst, wie sie gleichzeitig an ihrem ganz eigenen Gesellschaftspanorama schreibt.
Da geht es um den Sport als stilprägendes Leistungsparadigma, um das nervöse Nervenflattern vor 100 Jahren, um Züchtigungsprogramme, deutsche Traumata und Generationentransfers, um den alten Zeppelin und junge Bologna-Studenten, um das Memorandum »Das optimierte Gehirn« und Neuro-Enhancements, um Hirnschrittmacher und die aktuelle Langzeitdepressionsstudie des Frankfurter Sigmund-Freud-Instituts, um die neuen Algorithmen und Megamaschinen, aber auch um die Seelen der Häftlinge im Strafvollzug Butzbach.
Deutschlands Depressionsbarometer, so belegt es das Buch, schlägt im Verhältnis zu anderen Industrieländern deshalb doppelt so stark aus, da uns nicht nur globale Entwurzelungs prozesse schwer im Griff haben. Trotz unentwegt anderslautender Bekundungen ist die Deutschland-Psyche neben all der gegenwärtigen Sinnerosion noch immer mit einer unerlösten Kollektivschuld befasst, und das bis in die Generationen hinein, die Krieg und Teilung nicht mehr aus eigener Erfahrung kennen. Das heißt, es bleibt beim Notfall Seele ?
Ines Geipel, Berlin im Juli 2010
DEUTSCHLAND-PSYCHE JUST IN TIME
1. MEHR SIEGE, MEHR TORE, MEHR NETTO ! ROBERT ENKE
Aller Trost ist trübe. Rainer Maria Rilke
10. NOVEMBER 2009. Ein Schattentag. Grau vernebelt, langsamer als sonst, mit einer heiter vertrödelten Katerstimmung. In Berlin wurden die Reste vom vorabendlichen »Fest der Freiheit«, dem 20. Mauerfall-Jubiläum, von den patschnassen Straßen gefegt. Die Leute hockten in den Cafés um das Brandenburger Tor oder in den U-Bahnen. Viele hatten die Köpfe in den Zeitungen, noch einmal ganz mit den Bildern beschäftigt, die vor Stunden erst um die Welt gegangen waren: die eintausend umgekippten, bunt bemalten Styropor-Platten über anderthalb Kilometer als Maueradaption, die politische Symbolik unter den großen Regenschirmen, die acht tanzenden Friedensengel auf den Dächern von Berlin, jede Menge Bier und Rotkäppchen-Sekt, ein Meer jubelnder, verfrorener Gesichter, da und dort eine Träne, am Ende das große Feuerwerk. Die glücklichste Feier der späten Nation Deutschland. Die dann doch wiederum zu früh gekommen sei, lautete das Festtags-Resümee einiger Blätter. Es hätte an Ideen gehapert, vor allem aber an der Form.
Der spätmorgendliche Berlin-Sound wie auch immer freundlich gedimmt, auch am Berliner Hauptbahnhof, wo sich die Massen weich, ja fast milde gestimmt ins Foyer schoben und man das Gefühl haben konnte, es solle gar nicht erst aufhören mit dem Feiern. Die Welt, die noch gestern - egal, ob in Los Angeles, Sofia, London, Moskau, Paris - Mauern aus Eis, Schokolade, Pappmaché oder Beton einreißen ließ, schien an diesem Punkt der Stadt mit einem Mal unnahbar fern. Lediglich das riesige Stoffplakat zur Revolution in Polen, das in der Bahnhofshalle auch am Tag eins nach dem großen deutschen Jubel weiterhin verloren vor sich hin schaukelte, schien ein Hinweis dar auf zu sein, dass hier noch ganz andere Fäden zusammenliefen.
Der ICE Richtung Hannover war rappelvoll, und schon beim Verlassen der Stadt verlor sich das strahlende Grau jenes besonderen Morgens. Als müsse die Landschaft draußen durch einen riesigen Ausnüchterungskorridor, tauchte sie in etwas, das man vielleicht mit kaltem Entzug bezeichnen würde. Schon hinter Spandau verdickte sich der lichte Nebel zur zähen Masse. Sie schleierte, dunstete, mäanderte nur so vor sich hin. Irgendwann war es einfach nur dichter Regen, der hart gegen das Abteilfenster schlug.
Umstieg in Hannover auf den Regionalexpress gen Bremen/Oldenburg. Die Orte Leine, Seelze, Poggenhagen. Rübenland, Weideland, erweitertes Eulenspiegelland. Die Landschaft wurde flacher und flacher, der Zug ratterte gleichförmig, der Nebel stand und erinnerte an gestockte Milch. Es dämmerte, und im Grunde war es egal, ob es auf 15, 16 oder 17 Uhr zuging. Man sah ohnedies faktisch nichts mehr. Höchstens, wenn der Druck der entgegenkommenden Züge knallend gegen die Scheibe schlug, blitzten kurz ein paar Lichter auf. Es war, als sollte das Abteil in dem Moment aus den Angeln gehoben werden. »Die Strecke von Hannover nach Bremen wird als Mischverkehrsstrecke sowohl von Reise- als auch Güterzügen stark frequentiert«, heißt es bei Wikipedia.
Der Express glitt, die Leute schwatzten, lasen, telefonierten. Es ging nach Hause. In diese neblige Feierabendstimmung hinein kam es an diesem Tag, um diese Zeit, an diesem Ort - bei Eilvese, keine vierzig Kilometer von der Landeshauptstadt Hannover entfernt - zur Katastrophe. Robert Enke, 32 Jahre alt, Torwart der deutschen Nationalmannschaft und des Fußball-Bundesligisten Hannover 96, stand auf dem anderen Gleisbett. Er wusste, dass der Regionalexpress 4427 jede Minute kommen musste. Um 18.17 Uhr war er da und überrollte ihn.
Aufschrei, Starre und Anteilnahme überzogen das Land. Der Suizid eines Unverwundbaren, der dar auf konditioniert war, im Spiel der Spiele als letzte Bastion alle Gefahr abzuwehren, dessen Passion und Beruf es war, auf den Punkt genau richtig zu stehen, um für die Mannschaft, den Verein, die Fans, das Land die Kohlen aus dem Feuer zu holen ? Der Tod von einem, der auf dem Zenit seiner Karriere stand und sieben Monate später für Deutschland die Weltmeisterschaft seines Lebens spielen sollte? Robert Enke, ein Leistungsidol und Star, der Mythos einer Generation - er war tot ?
Auf dem Vorplatz des Stadions von Hannover 96 hingen am nächsten Morgen 16 grünschwarze Fahnen auf halbmast. Hunderte Menschen kamen, für die gemeinsame Kerze, die Blume, das Gebet, den Beistand. Zeitungen, Fernsehen, Medien kannten kein anderes Thema. Nur Stunden später, um 13 Uhr, begann der Pressechef des Clubs, Andreas Kuhnt, die anberaumte Medienkonferenz vor knapp 300 Journalisten mit den Worten: »Es ist ein trauriger Tag für viele, viele Menschen in Europa, ganz besonders hier bei uns in der Region Hannover ... Wir haben mit Robert Enke einen Menschen verloren, der uns nah war oder vielleicht auch nur so schien ... Er war ein besonderer Mensch, und er ist nicht mehr in unserer Mitte.« Dann bat der Pressechef die Anwesenden darum, von Fragen abzusehen. Es ginge um Tabus. Einige seien immer noch nicht so weit, dass man sie offen ansprechen könne. In erster Linie handele es sich dabei um das Thema Depression.
Was sich im Folgenden im Konferenzsaal der AWD -Arena ereignete, fand am nächsten Tag sogar Eingang auf die ersten Seiten großer internationaler Blätter. Teresa Enke, 33-jährig, schwarz gekleidet, die dunklen Haare mit einer Spange zurückgesteckt, die Hände als Schutz eng um den schmalen Körper gelegt, schob sich vorsichtig durch den Medienpulk und betrat das Podium. Mit ihr kam auch Valentin Z. Markser aus Köln, seit 2003 betreuender Psychotherapeut von Robert Enke. Stockend, leise, mit suchender Stimme zerrte die Frau vor den Kameras nach und nach eine Realität in den Raum, die allen den Atem nahm. »Wenn er akut depressiv war«, sagte sie über Robert Enke, »dann war es schon eine schwere Zeit. Das ist klar, weil ihm auch der Antrieb gefehlt hat und die Hoffnung auf baldige Besserung. Die Schwere bestand auch darin, das Ganze nicht in die Öffentlichkeit zu tragen. Das war sein Wunsch, weil er Angst hatte, seinen Sport zu verlieren.«
Robert Enkes Versuche, mit der Krankheit zu leben, seine Hoffnungen, die Rückschläge, das immer tückischer werdende Versteckspiel. Doch je länger Teresa Enke über das gemeinsame, oft viel zu schwere Leben sprach, umso mehr schoben sich andere Bilder dazwischen. Bilder, die ganz offensichtlich einen anderen Film erzählen wollten.
KINDHEITSHÖHEN. In ihm knallt eingangs ein kleiner, blonder Junge mit einem Ball in der Hand energisch eine Gartentür hinter sich zu, seppelt unverdrossen über einen schmalen Wiesenweg und stürmt über ein leicht abschüssiges Feld zum sogenannten Windknollen. Der Ort heißt Cospeda, liegt knapp fünf Kilometer von Jena entfernt rechter Hand auf der Höhe Richtung Weimar und war Anfang der Achtzigerjahre - hier setzt der Film ein - Idylle und Legende zugleich. In ihr spielten höchst individuelle Schollenexistenzen, randständige Künstler und Idylliker mit einer gewissen Vorliebe für Historienschinken die Hauptrollen.
Was die konkrete Cospedaer Geschichte angeht, handelt es sich dabei um keinen Geringeren als Napoleon, der sich den Windknollen als Befehlspunkt, als den strategischen Dreh- und Angelpunkt für die Doppelschlacht bei Jena und Auerstedt im Jahre 1806 ausgesucht hatte. Von hier aus, heißt es, eröffnete der pfiffige Manöverheld an einem nebligen Morgen die Kanonade auf Closewitz. Es war der 14. Oktober 1806. In der Nacht zuvor hatte er seine Artillerie über den »Steiger« - den für die Kampfhöhe am nächsten gelegenen Jenaer Berg - aufs Cospedaer Land getrieben, nicht ohne dabei von seinen Mannen rasch noch den gesamten Wald fällen zu lassen. Ein genialer Coup, mit dem die Preußen vernichtend geschlagen wurden.
Napoleons raffinierter Sieg auf fremdem Boden, seine ausgeklügelten Bewegungsschlachten mit stehenden Karrees und festen Linien über einen ganzen Tag hinweg, seine ganze strategische Modernität und Ausgebufftheit, schlussendlich sein gedoppeltes Heer - musste all das nicht zwangsläufig ins Blickfeld des kleinen Jungen mit dem Ball geraten und ihm gehörig Eindruck machen ? In jedem Fall dürfte Robert Enke - im August 1977 in Jena geboren und an den Wochenenden zumeist auf dem elterlichen Grundstück in Cospeda - dem notorischen Historien-Rummel des Ortes kaum entkommen sein. Regelmäßig im Oktober fanden bunte Kostümfeste statt, wurde die große Schlacht minutiös nachgestellt, saßen in der Dorfkneipe, dem »Grünen Baum zur Nachtigall«, direkt neben dem Ortsmuseum und keine zwanzig Meter vom Grundstück der Enkes entfernt, richtige Franzosen, die so eisern wie stolz auf den Sieg ihres omnipotenten Kaisers tranken. Für Ostdeutschland keine ganz gewöhnliche Kulisse, die allenthalben zwischen alltäglichem und historischem Ausnahmezustand schlingerte und schon aus diesem Grund geheimdienstlich sorgsam betreut werden musste.
Für das Kind im Film, Jüngster von drei Geschwistern, war Napoleons Kriegsplateau jedoch in erster Linie ein riesiger Bolzplatz. Zwar musste man das Geschehen ein bisschen im Auge behalten, denn das Gebiet oblag seit 1806 weiterhin dem Militär - mal war es Manövergebiet der kaiserlichen Truppen, mal gehörte es der Kavallerie der Wehrmacht, zu DDR -Zeiten wurde es von den Panzern der Sowjets zerfurcht -, doch im Grunde hatte man auf dem Randstück zwischen Feld und Ort seine Ruhe. Die drei Meter Abstand zwischen einem alten Apfelbaum und einem deutlich kleineren Pflaumenbaum im Garten wurden von Vater Dirk Enke und Sohn Robert kurzerhand zum Tor erklärt. Hier fand das erste Spiel statt: Fünf Schüsse vom Sohn, dann kam der notorische Wechsel. Bis der Ballenthusiast acht Jahre alt war, ließ der Vater ihn gewinnen. Ab da verkehrten sich die Verhältnisse. Historienfelder in Mehrfachbelegung, eine Vater-Sohn-Liebe, weites Höhenland, ein unendlicher Himmel, viel Stille - war ein weitläufigerer Übungsplatz als Urobjekt für Robert Enke, waren mehr Weite und Freiheit, überhaupt denkbar ?
1983 kam der blonde Steppke in Neulobeda-Ost, einer Anfang der Siebzigerjahre hochgezogenen Plattenbau-Satellitenstadt direkt an der Autobahn, etwa 20 Kilometer von Jena entfernt, zur Schule. Schon ein Jahr später spielte er in der Betriebssportgemeinschaft Jenapharm, als Feldspieler und Torwart. Das alleinige Cospedaer Höhenrefugium wurde nach und nach ins Tal verlegt und erhielt rasch Zuschnitt. Denn mit Robert Enke war in die Sportgemeinschaft ein Ausnahmetalent gekommen, das explosiv, ballsicher, feinnervig und von Beginn an strategisch versiert zur Sache ging. Hier empfahl sich eine absolute Hochbegabung mit denkbar glücklichen Anlagen, die aber auch nicht von ungefähr kamen. Denn sowohl die Mutter Gisela Enke als auch der Vater waren Leichtathleten. Dirk Enke gehörte als 400-Meter-Hürdenläufer zur Leichathletik-Crew des Sportclubs Motor Jena, die keine 500 Meter vom Spielplatz des Jungen entfernt im großen Stadion ihr Domizil hatte. Zur Familiengeschichte gehört, dass sich der Vater 1964 für die Olympischen Spiele in Tokio und damit für die letzte gesamtdeutsche Mannschaft zwar aussichtsreich empfohlen hatte, doch gab es ein Problem: Sein Bruder Bernd war kurz vor dem Mauerbau, noch im Herbst 1960, in den Westen geflohen. Dirk Enke wurde dar aufhin aus dem Kader ausdelegiert. Tokio fiel für ihn aus. Der Traum vom Olympiasieg war ausgeträumt. Zwar lief er noch bis 1971 seine Stadionrunden, seit der Olympia-Vorbereitung auch unter unwissentlichem Einsatz des anabolen Steroids Oral Turinabol, doch die Ideologen des Sportclubs hatten seine sportliche Karriere unabwendbar entschieden. Als die Scouts des DDR -Oberligisten Carl Zeiss Jena zwanzig Jahre später auf den Wunderknaben Robert Enke aufmerksam wurden und ihm ohne Umschweife den Wechsel ins Ernst-Abbe-Stadion anboten, spielte beim entschiedenen Ja des Sohnes für eine Fußball-Karriere dieses Stück unerlöster Vatergeschichte mit Sicherheit keine ganz unwesentliche Rolle.
GEKLITTER. Der Film über den begabten Keeper bewegt sich mittlerweile durch das Jahr 1985. Der Junge mit den durchdringenden Augen ist acht Jahre alt. Der Vater fährt zu der Zeit täglich ins kaum 20 Kilometer entfernte Stadtroda. Dort hat er eine Stelle als Psychotherapeut im Fachkrankenhaus für Psychiatrie und Neurologie, der zentralen Psychiatrie des Bezirkes Gera, inne. Diese Einrichtung hieß zu Zeiten der DDR einfach die Thüringen-»Klapse« und war ein Ort mit einer denkbar belasteten, weil zu dem Zeitpunkt noch völlig ungeklärten Geschichte. Die »Thüringische Landesheilanstalt Roda«, seit 1942 »Nervenklinik«, war während des Nationalsozialismus aktiv am geheimen, aber doch nicht unbekannten Staatsprogramm zur tödlichen »Erlö sung« von behinderten Kindern und Frauen beteiligt gewesen. Auf welche Weise versehrtes Leben dem gesunden Volkskörper abhanden kommen kann und in welcher Dimension der Eid von Medizinern gebrochen wird, davon hätte die Stadtrodaer Klinik in den Jahren der DDR durch die Arbeitsbiografien etlicher ihrer Führungskräfte wie Gerhard Kloos, Johannes Schenk, Margarete Hielscher und Rosemarie Albrecht durchaus berichten können, ja, ohne Frage, müssen. Doch staatliche Instanzen, Geheimdienst und ärztliche Lügen-Innung entschieden einvernehmlich - man könnte auch sagen auf höherer Ebene - anders, und das trotz polizeilicher Ermittlungen, zahlreicher Todeslisten und eindeutiger Aktenlage. Bis 1989 verstand man sich im Schlagschatten des amtlichen DDR -Antifaschismus und so »im Sinne unserer Gesellschaft« dar auf, die Euthanasie-Morde auf ostdeutschem Gebiet zu leugnen, zu vertuschen, etlichen Ausmerz-Ärzten hochdotierte Karrieren und Reputation zu organisieren und darüber hinaus noch fein gestrickte Entlastungskartelle in die BRD aufzubauen. Denn auch die Mediziner, die hoch belastet, dabei unbehelligt in den Westen geflohen waren, sollten der ostdeutschen Klitterversion von Geschichte oder auch ihrer geheimen Vergangenheitspolitik nicht mehr in die Quere kommen können. »Das ist wohl ein Stück verdrängt worden«, kommentierte das Deutsche Ärzteblatt, Heft 27, vom 7. Juli 2000 die erst um die Jahrtausendwende aufflackernde, dann aber vehement geführte Debatte um die Auftragsmorde zu Hitlers Zeiten und ihre spärliche Strafverfolgung in Ostdeutschland nach 1945 bemerkenswert schlicht.
Aber wie muss man sich die Situation für einen systemkritischen Psychotherapeuten wie Dirk Enke, Jahrgang 1943, vorstellen, der Mitte der Achtzigerjahre in einer hartnäckig vor sich hin schweigenden Klinik wie Stadtroda versuchte, für seine Kranken tatsächlich da zu sein? Welche Seelen-Politik verfolgte die marxistische DDR -Psychologie, und was hieß das in diesen Jahren für die Arbeit eines Therapeuten ? Auf welcher Forschungsbasis wurde praktiziert ? Wie war der Kontakt zwischen Therapeut und Patient ? Wie viel Gerücht schwebte durch die grauen Flure von Stadtroda ? Und was von all dem nahm Dirk Enke letzten Endes am Abend nach Hause mit ?
DIKTATUR DER HIRNRINDE. Psychologie in der DDR war von Anfang an eine durch und durch heikle Materie. Bereits mit seiner Staatsgründung - so schreibt es der Historiker Igor J. Polianski in seinem Aufsatz »Die gehemmte Stadt« - hatte das ostdeutsche Regime Sigmund Freuds Psychoanalyse als »antihumanistische, barbarische Ideologie« verboten und das entstandene Vakuum durch die Lehre des russischen Physiologen Iwan Pawlow von der »höheren Nerventätigkeit« zu ersetzen versucht. Von Stalin 1950 zur ultimativen Grundlage der marxistischen Psychologie ernannt, kannte man in der DDR in Sachen Pawlow-Kult schon bald kein Halten mehr. Beim ostdeutschen Gesundheitsministerium wurde 1953 die Staatliche Pawlow-Kommission eingerichtet, die - den Neuen Menschen eisern im Blick - nicht nur das Lexikon des ostdeutschen Gesundheitswesens umstülpen sollte. Die neue Biopolitik stand zugleich auch für ein Umerziehungsprogramm, das man mit aller Emphase durchzusetzen wusste. Im Kern zielte das Pawlowsche Konzept - bei aller Komplexität der Vorgänge - linear aufs Hirn, auf die »führende und organisierende Rolle der Großhirnrinde«, besser noch auf die »Diktatur der Hirnrinde«. Macht, Arbeiterklasse, Hirn als unverbrüchliche Einheit, die inthronisierte neue Psychologie mit strikter Flucht nach vorn, um im selben Atemzug jeden Versuch einer seriösen Vergangenheitsbewältigung zu pulverisieren.
Denn mit Pawlow lagen die Ostdeutschen nicht auf der Erinnerungs-Couch, sondern zogen im großen Umfang in die Schlafkammern des Vergessens. Die zentrale Therapie des Russen lautete »Heilung durch Schlaf«. Die Pawlow-Kammer versetzte die ostdeutsche Psyche in einen komaartigen Zustand, entließ sie aus Alltagsdruck, Schuld, Leid, Verantwortung oder unguten Erinnerungen. Den traumlosen Neuen Menschen aus dem Schlaflabor DDR muss man sich demnach als einen rundum glücklichen vorstellen. Hatte er seine Amnesie-Wochen hinter sich, erlebte er sich tatsächlich als neues Wesen: Ausgeschlafen und quicklebendig sprang er früh am Morgen aus dem Bett, reckte keck die Arme und machte sich pflichtbewusst an die harte Arbeit, was nichts anderes hieß als an den Aufbau des Kommunismus.
Auch wenn Totalanästhesien wie diese zwangsläufi g an ihre Grenzen stoßen mussten und Pawlow 1957 weitgehend aus dem öffentlichen Raum verschwand, hatte das strategisch angelegte Vergessen in der DDR gewichtige Folgen. Es generierte Denkblockaden, Tabuisierungen und dirigistische Sprachzensur bis über das Ende der DDR hin aus. Die Geschichte des Pawlow'schen Hemmungs-Modells hatte darüber hinaus auch Konsequenzen für die ostdeutsche Körperpolitik, bei der sich Leib und Seele unter dem Druck der Verhältnisse nicht selten rosskurartig abhanden kamen. Beispielsweise wurde die ominöse Schlafkammer im Laufe der Zeit durch eine harte Medikalisierung der ostdeutschen Bevölkerung - in Psychiatrien, Heimen, Gefängnissen oder im Sport - ersetzt. Sinnfälligerweise ordnete man noch in den Achtzigerjahren im Elitesport der DDR Schlafkuren mit Faustan, dem stärksten offiziell zugängigen Beruhigungsmittel des Landes, an.
Im Hinblick auf sein Arbeitsleben hatte Dirk Enke offenbar noch Glück. 18 Jahre lang arbeitete er in der Stadtrodaer Klinik in der Abteilung Psychotherapie, die einen gewissen Sonderstatus innehatte. Als sich Mitte der Achtzigerjahre in der psychiatrischen Praxis leichte Umstrukturierungen und teilweise Öffnungen vollzogen, wusste man in dieser Abteilung den Wind zu nutzen. Zusammen mit einigen jungen Kollegen versuchte er, entgegen dem rigiden Kollektivansatz in den Therapien und den weiterhin hoch dosierten Medikamentenvergaben, einen deutlich anderen Umgang mit den Patienten. Die Gruppe besorgte sich aktuelle Literatur aus dem Westen und diskutierte Freud, der Mitte der Achtzigerjahre in einer dreibändigen Ausgabe in der DDR endlich zugänglich gemacht wurde. Eher im Stillen und in vorsichtiger Absprache bemühte man sich um neue Ansätze. Doch wer als Psychologe auf Einzelgespräche mit dem Patienten setzte, machte sich schon allein damit zwangsläufig verdächtig. Veränderte Konzepte? Ja nun, aber bitte nur in winzigen Schritten, nur minimal dosiert. Mit dem ganzen Freud, klang bei all dem durch, könne man in der DDR keinen Staat machen. Eine Quadratur des Kreises. Ein Tappen im Nebel. Eine Zeit zwischen vager Hoff nung und Frustration. Da vibrierte nichts, da war auch kein Aufbruch, sondern vor allem der Kampf mit den Chimären einer diskreditierten Utopie.
Der eigenartige DDR -Sound jener Jahre aus Scheinliberalisierung, Angst, Härte und festgehaltener Zeit prägte vor allem die ostdeutschen Kriegskinder und Mauerkinder. Doch was geschah mit den um 1980 Geborenen, die man keine zwanzig Jahre später »Wendekinder« oder auch »Zonenkinder« nennen würde ? Was sah, was fühlte ein Kind, das Mitte der Achtzigerjahre an der Polytechnischen Oberschule »Wilhelm Pieck«, einer Plattenbau-Schule in Neulobeda-Ost, Schüler einer zweiten oder dritten Klasse war ? War es irgendwo besonders aufgehoben ? Empfand es irgendwelchen Druck ? Bekam es etwas von der Psychodramatik jener speziellen DDR -Agonie mit ?
KÖRPER UND WERKZEUGE. Dem spielbegeisterten Jungen gehörten die wilden Nachmittage mit dem Vater im Cospedaer Oberfeld immer seltener. Wie alle Kinder hatte er Ferienspiele, Schulgarten, Patenbrigade, Pioniernachmittage und schleppte sein liebstes Plüschtier mit ins Klassenzimmer, für die Freiheit in Nicaragua. Im Fach Heimatkunde stand die Lehrerin vorn an der Tafel mit einem Stapel Postkarten in der Hand und zeigte eine angegilbte, aber äußerlich heile Welt: Schwerin mit dem Disney-Schloss, Magdeburg mit Mähdreschern in der Börde, Dresden mit Zwinger, Erfurt im IGA -Blumenmeer. Nur von Berlin hatte sie nichts. Wie wohl fast jeder Junge spielte Robert Enke nachmittags mit den Freunden Fußball. Er traf sich mit seinen Kumpels meist auf dem großen Wäscheplatz zwischen zweiter und dritter Kaufhalle in Neulobeda-Ost und kickte bis in den Abend hinein. Wenn nicht, trainierte er im Verein, der ohnedies mehr und mehr zum Mittelpunkt seines Lebens wurde.
Die Mannschaft des FC Carl Zeiss Jena - aus heutiger Sicht lag der sportliche Höhepunkt Mitte der Achtzigerjahre hinter ihr - war zu dem Zeitpunkt ein absoluter Publikumsmagnet. Für sie galt der Nimbus, den westlichsten Stil im Osten zu spielen und zugleich einer der großen Angstgegner des Ost-Berliner Schiebermeisters BFC Dynamo, besonderer Augapfel von Fußballnarr und Stasi-Chef Erich Mielke, zu sein. Allein schon für diesen heiklen Kontrapart wurden die Profis aus Thüringen von Hunderttausenden Ost-Fans geliebt. Die Mannschaft aus dem Jenaer »Paradies« war dabei einer der wenigen DDR -Clubs, die das Format hatte, im europäischen Fußball ganz vorn mit dabei zu sein.
Im Europapokal gelang es den Blau-Gelb-Weißen, Star-Mannschaften wie AS Rom, FC Valencia oder Altmeister Benfica Lissabon ab und an fürchterlich alt aussehen zu lassen. So geschehen in der Saison 1980/1981, als der FC Carl Zeiss Jena so ziemlich alles in Grund und Boden spielte, was an West-Teams Rang und Namen hatte. Erst im windigen Düsseldorfer Endspiel schaffte es der Kompaktaufmarsch von Dinamo Tiflis, die Jenaer zu stoppen. Wieder zu Hause, wurden die Verlierer wie Helden begrüßt. Es war die Niederlage durch die Georgier, die die Jenaer Mannschaft zum Kult sondergleichen machte.
Denn das gibt es ja, dass der Ball eine Mannschaft bevorzugt, sie sozusagen auserwählt, vielleicht, um dar an zu erinnern, dass es hier um ein Spiel geht, das Charakter, Grandezza, Magie, Wildheit verlangt, dass es mit ihm um etwas vollkommen Unverwechselbares geht. Ein paar Jahre lang schaff te es die Jenaer Crew, diese Höhe zu spielen. Durch ihre Spielweise formte sich der Mythos von einer off ensiven Kraft-Mannschaft, die beinah jedes Spiel zur Schlacht machte, eben weil sie artistisch, wendig, elegant und unberechenbar daherkam.
Fußball im Osten war immer ein bisschen wie sich Ausgang nehmen vom Alltag in der Diktatur. An den Jenaer Spieltagen strömten die Massen wie ein träger Fluss unablässig ins Stadion. Der örtliche Nahverkehr wurde durch eine Armada Sonderbusse minutiös auf die wenigen Stunden eingestellt. Stadion und Gelände waren liebevoll auf Vordermann gebracht worden. Die Fahnen am Eingang erzählten etwas vom leichten Rückenwind für die heimische Mannschaft. Ausnahmsweise klappte sogar mal die Versorgung. Es gab Bier und Würstchen, für die Kinder Eis. Die Leute standen an den Buden, witzelten über die Aufstellung des Gegners, fachsimpelten über das Fehlurteil des Schiedsrichters aus dem letzten Spiel oder schlenderten nur vorbei und grüßten knapp. Man kannte sich als in dem Sinne städtische Großfamilie. Der Stadionsprecher schwor die Fans im hohen Ton auf den Kampf ein. Die Sonne hing versonnen über den Kernbergen. Es herrschte jene idyllisch gespannte Atmosphäre wie vor Beginn eines Festes. Das ging so lange, bis es schlagartig still im Stadion wurde. Jetzt ging es um den ewig langen Moment vor dem Anpfi ff. Ab da wollte man es einfach nur gut miteinander haben. Das Spiel lief. Stunden als Ritual und Ventil zugleich.
Denn die frühen Samstagabende, wenn sich die Fans nach dem Ende der Oberliga vor den Fernsehern sortierten, waren immer auch ein Stück gefühlte DDR . In dieser Zeit vor dem »Sandmännchen« konnte jeder seine Wut über die lancierten Dauersiege der beiden Polizeisportvereine - BFC Dynamo und Dynamo Dresden - ganz privat in den Fernseher hineinbrüllen oder den Mannschaften aus Magdeburg oder Jena inständig seine Liebe erklären. In jedem Fall schien mal wieder geklärt: Wer hier das Spiel gewann oder verlor, war letzten Endes niemand anderes als die eigene Seele. Auch deshalb ging es völlig in Ordnung, wenn die Jungs aus dem Jenaer Paradies ab Mitte der Achtzigerjahre mehr und mehr an Boden verloren. Es passte. Das Land tat es ja auch.
Man könnte das Jenaer Mannschafts-Herz auch als erweitertes Startkapital von Robert Enke ins Feld führen. Ein Kraftfeld, das ihn wie selbstverständlich in einen - nur in diesen Jahren so möglichen - Spielcharakter einnordete, einen Stil aus Spielwut, Widerborstigkeit, robuster Vorteilsnahme und sympathischem Understatement. Das war zumindest, was man auf dem Spielfeld zu sehen bekam und wofür die Mannschaft auf Händen getragen wurde.
Wenn die Jugend-Mannschaft ihre Aufwärmrunden im großen Stadion drehte, tummelten sich da immer auch die Spieler-Stars. Ihnen konnte man beim Training zusehen, mit ihnen in der Laufhalle erschöpft auf den Schaummatten herumliegen, sich Tricks und Finten abgucken, von ihnen siegen und verlieren lernen. Die Stadionrunden: ein paar Schritte laufen, einen Schwatz mit den Kumpels, ein Lachen und kurzes Innehalten, diese und jene Dehnübung, ein verstohlener Blick zu den Großen. Die sogenannten Trippelschlaufen, die jede Trainingseinheit eröffneten und beendeten. Wenn der Junge mit dem Ball nun regelmäßig seine Aufwärmrunden drehte, zeigte sich mit jedem Kreiseln ein anderer Ausschnitt der Stadt: Bilder, die etwas einsammelten, was nie Sprache zu werden brauchte, weil es das ist, was man das Zuhause nennt.
Da waren die Kalkberge, die rauchenden Schlote im Zentrum, die »Keksrolle«, wie der silberfarbene Universitätsturm auch genannt wurde. Die eigenartige Kessellage der Stadt schob die Dinge dicht zusammen. Man sah immerzu alles. Eine Welt auf Sicht- und Fühlnähe: Jena und die uralte Universität mit ihren 20 000 Studenten. Die Stadt von Hegel, Schiller, der Frühromantiker, von Ricarda Huch und dem Bauhaus. Eine Stadt der schlechten Luft und des permanenten Notstands. Leere Gemüseläden, Schlangen beim Fleischer, kaputte Straßen, fehlende Ärzte, ausgefegte Kaufhäuser, mangelnder Wohnraum, rappelvolle Busse im Minutentakt nach Neulobeda-Ost und Neulobeda-West. Eine Stadt, die immerzu aus den Nähten platzte und zugleich nach innen implodierte.
Zwar erhielt Jena Jahr für Jahr die offizielle Plan-Einstufung als Kleinstadt, was nichts anderes hieß, als dass weniger als 100 000 Einwohner in ihr lebten und auch nur genauso viel versorgt werden mussten. Doch an einem normalen Arbeitstag war es eine Großstadt mit gut und gern 150 000 Leuten. Das städtische Tagesgeschäft handelte schon aus diesem Grund vor allem vom Essen und schien denselben Rhythmus angenommen zu haben wie der Präzisionstakt der Maschinen. Denn Jena, das waren vor allem die Carl-Zeiss-Werke mit mehr als 60 000 Mitarbeitern das größte Kombinat der DDR . In unmittelbarer Nähe - und dem Kombinat teilweise angegliedert - gab es dazu noch die Volks eigenen Betriebe Schott und Jenapharm. Die Stadt im Kessel als eigenwilliger Nukleus der Werkzeuge, Gedanken und Forschung und damit Ballungsraum eines speziellen Sozialismus-Tunings, das auch eine denkwürdige Ausprägung von Industrie-Sport zuwege brachte.
VORDER- UND HINTERBÜHNEN. Denn die Geschichte des FC Carl Zeiss Jena lässt sich im Nachhinein nur noch mit größter Mühe als das schöne Märchen vom sozialistischen Sportrittertum lesen. Was sich auf dem Spielfeld ereignete und für Glanz und Furore sorgte, war das eine. Wie diese Art Fußball zustande kam, das andere. Dabei wurden - wie Heinz Voigt in der Zeitschrift »Gerbergasse 18«, Heft 6, 1997, belegt - im Hintergrund heftig Strippen gezogen: Zur unauflösbaren Ambivalenz der Vereinsgeschichte gehört, dass die drei tonangebenden Club-Trainer aus DDR -Zeiten - Georg Buschner, Hans Meyer und Bernd Stange - jeweils über 15, 17 und 13 Jahre der Staatssicherheit zur Verfügung standen und damit jede Autonomie der Mannschaft von vornherein ad absurdum führten. Darüber hinaus wurden die Geschicke der Mannschaft aber auch noch über andere Kanäle gelenkt. So gab es Günther Wolfrum, hauptamtlicher Parteisekretär und stellvertretender Clubvorsitzender, der als IM »Günther Eisler« seit 1977 dem Geheimdienst standhaft berichtete. Es gab Rainer Dzur alias IM »Peter Stock«, der als Büffetier der Stadiongaststätte diensteifrig denunzierte. An seiner Seite arbeitete Wolfgang Puhlfürß, der als Fleischer das Stadionmonopol für Thüringer Bratwürste innehatte und als IM »Helmut Rödinger« dem MfS viel Nennenswertes um seine Fressbuden preisgab. Da waren die beiden Schiedsrichter Manfred Roßner als IM »Schwarz« und Bernd Stumpf, der als IM »Peter Richter« Oberliga-Spiele zugunsten des Stasi-Vereins BFC frisierte. Last, but not least gab es noch den Clubarzt Johannes Roth alias IM »Prade«, der sich in besonderer Weise verdient machte. Aber auch in der Stadt arbeitete man dem internen Polit-Netz mit allem erdenklichen Eifer zu. Als die Mannschaft 1981 zum Pokalendspiel nach Düsseldorf reiste, wurden vorab geheimdienstlich alle Konten der Kicker überprüft. IM »Verschluss« oder auch Martin Otto als Direktor der Kreissparkasse Jena-Stadt und -Land gab zu Bericht, dass keines der fraglichen Spieler-Konten abgeräumt worden sei. Ein klares Indiz für den Geheimdienst, dass keiner aus der Mannschaft vorhatte, in Düsseldorf der DDR den Rücken zu kehren.
Geschichten zwischen Vorder- und Hinterbühne eines Erfolgssystems und doch nur einige, wenige Fäden, die den Blick in den Raum hinter dem Kraftfeld eröffnen, in dem Robert Enke sein Spiel lernte. Fußball als deutsches Bauchherz, als Machtmaschine mit sich überlagernden Interessen, als eine Welt unterschiedlichster Akteure, bizarrer Sogkräfte, verschiedenster Flucht- und Kraftlinien, bei Licht besehen nichts anderes als die Geschichte eines Selbstbedienungsladens. Denn da gab es Wolfgang Biermann, Big-Boss von Carl Zeiss Jena, Leiter der Projektgruppe »Territoriale Rationalisierung«, professioneller Regent, grenzenlos fußballbegeistert und generöser Großsponsor des Erfolgsteams im Jenaer »Paradies«. Da gab es die drei IM -Trainer, den spitzelnden Büffetier, Würstchen-Heinz, den Spar-kassen-Mensch, wer weiß wen noch. Und es gab die Spieler: mit passablen Autos, netten Häusern, exorbitanten Prämien. Ein Sonderstatus-Kosmos, ein Staat im Staat, in dem sich niemand wehtat, weil alle etwas davon hatten. Zu den Schmissen im Vorzeigegesicht des Jenaer Teams gehört auch, dass sich ihr kraftvolles Spiel noch durch die Lieferungen eines in unmittelbarer Nähe ansässigen Steroid-Produzenten erklären ließe.
TERRITORIALE RATIONALISIERUNG. Denn der VEB Jenapharm hatte sich nicht nur zum ostdeutschen Marktführer in Sachen Anti-Baby-Pille gemausert, sondern war auch geheimer Doping-Hauptlieferant und maßgeblicher Pro-Dopingforscher im Land geworden. Ob die raumgreifende Offensivforschung des VEB Jenapharm dabei noch unter das Großprojekt »Territoriale Rationalisierung« der Präzisionsstadt Jena fiel, steht dahin. Rationalisiert wurde in jedem Fall. Auch beim heimischen Fußballclub, da der Mannschaftsarzt Dr. Johannes Roth schon in den Siebzigerjahren einen engen Draht zu Jenapharm aufgebaut hatte und beispielsweise an illegalen Menschenversuchen mit Leichtathleten beteiligt war.
Die kriminelle Verbindung ins Haupthaus des FC Carl Zeiss Jena, in dem Obermedizinalrat Dr. Johannes Roth im Parterre seine Praxis hatte, musste bis in die Achtzigerjahre gehalten haben. In einem Interview vom Mai 2007 äußerte der einzige Humanmediziner von Jenapharm, Doktor Rainer Hartwich, auch IM »Klinner«, über die Jahre: »Es kam auch mal vor, dass der damalige Betriebsdirektor Siegfried Wenzel kam und sagte, du, ich brauche mal 5000 Oral-Turinabol. Ich habe gesagt, die musst du dir aus der Produktion bringen lassen. Nein, das geht nicht, das brauche ich für den FC Carl Zeiss Jena, das darf doch keiner wissen, darum muss das jetzt über die Forschung laufen ... Ich musste unterschreiben, dass ich für die Forschung so und so viele tausend Pillen aus der Produktion entnehme.«
5000 Pillen Oral-Turinabol? Damit hätte man die komplette DDR -Fußball-Oberliga über Jahre mit männlichen Sexualhormonen hochpumpen können. Herrn Roth brauchten Rainer Hartwichs Aussagen nach 1989, als es um die Klärung der Korruptionslogik des ostdeutschen Sports ging, nicht sonderlich zu scheren. Was der Bundesgerichtshof den ostdeutschen Tätern an Vielfachkriminalität bescheinigt hatte, blieb bei Medizinern seiner Couleur samt vereintem Sport außen vor. Eine neue Zeit, ein neues Spiel. Auf diese Weise wurde Jena nach 1989 durch die passgenaue Politik von Lothar Späth nicht nur eine boomende Stadt für forcierte Rationalität, sondern blieb, was es schon zu DDR -Zeiten gewesen war, ein Ballungsraum für Ungeklärtes.
»Wer jetzt, nach all dem Spektakel um seinen Tod, noch einmal den Fall Robert Enke aufblättern möchte, sollte es mit dem Genie der Ines Geipel tun - oder es lieber bleiben lassen. ... Geipels gedrängte biographische Skizze, die Enkes Depression als Schwungrad nimmt, lässt jedes anders geartete biographische Unternehmen, jede noch so akribische und von wem auch immer autorisierte Lebensbeschreibung Enkes hinter sich.«
Christian Geyer, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.09.2010
Klett-Cotta
1. Aufl. 2010, 240 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-94659-8
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Karen Weinert

Ines Geipel

Ines Geipel, geboren 1960, ist Schriftstellerin und Professorin für Verssprache an der Berliner Hochschule für Schauspielkunst »Ernst Busch«. Die...

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