No Limit

Wie viel Doping verträgt die Gesellschaft
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»Warum fürchtet die chinesische Regierung den Dalai Lama und warum fürchtet sie nicht Ines Geipel?«
Peter Sloterdijk (ZDF-Philosophisches Quartett, 1.6.2008)

Es ist das Jahr der Olympischen Spiele, und der krisengeschüttelte Spitzensport ist dabei zu bestaunen, wie er sich von Skandal zu Skandal schleppt. Gegeben wird ein globales Trauerspiel namens Doping, und die Athleten, einstmals wie Helden verehrt, mutieren darin mehr und mehr zu bemitleidenswerten Zombies.

Ines Geipel unternimmt eine bedrückende Bestandsaufnahme. Wie hat das Doping sich entwickelt? Wer dopt wie und mit wessen Hilfe? Mit welchen weiteren Auswüchsen haben wir zu rechnen? Und welchen Preis werden wir dafür zahlen müssen?

Denn Doping ist längst nicht mehr nur ein Problem des Spitzensports, sondern inmitten der Gesellschaft angekommen - in den Fitnessstudios, Büros, an der Börse, in der Politik und an Schulen. Leistungssteigerung lautet das Gebot der Stunde. Der Traum vom optimierten Menschen in effizienten Zeiten geht um. Ines Geipel macht uns mit den Risiken und Nebenwirkungen vertraut - als dessen albtraumhaften Folgen.

Stimmen zum Buch
»ein brisantes Buch«
Volker Panzer (ZDF-Nachtstudio, 16.6.08)
Die Sendung zum Ansehen und Informationen zu Ines Geipel bei zdf.de

»... von Ines Geipel liegt seit einigen Wochen ein ganz außergewöhnliches Buch vor ... die Antworten, die Sie aus diesem Buch entnehmen können, sind ganz außerordentlich ... als ich es gelesen habe, habe ich ehrlich gesagt das Gefühl gehabt: Warum fürchtet die chinesische Regierung den Dalai Lama und warum fürchtet sie nicht Ines Geipel? Denn was Sie hier aus Ihrer Kenntnis des DDR-Sportsystems mit scharfem Blick durch Übertragung und Wiedererkennung an den chinesischen Realitäten heute ablesen, das ist so ungeheuerlich, dass man das Gefühl hat, bei der Lektüre eine Zeitbombe ticken zu hören, die auf den Moment der Olympischen Spiele zuläuft. Und egal was passiert, diese Bombe wird in der ein oder anderen Weise zünden, weil das Spektakel als solches damit identisch ist ...«
Peter Sloterdijk (ZDF, Philosophisches Quartett, 01.06.08)
Die Sendung bei zdf.de

Inhaltsverzeichnis

Vorwort
I. DIE METAMORPHOSE HAT BEGONNEN
1. Der Körper befindet sich in der Ladephase - Über die verdopte Gesellschaft
2. Vom Verlust der inneren Zeit - Die historische Doppelhypothek des deutschen Sports
3. Könnt Ihr dort Repoxygen bekommen? - Worüber ein illegaler Dopingring kommuniziert
4. »Was wir brauchen, ist ein gut funktionierendes Team, das uns hilft, unsere Kinder zu schützen«
Interview mit Nikolai Durmanow
II WO IST REPOXYGEN?
5. Wenn Muskeln einen Wunsch frei hätten - Im Land der angewandten Fiktionen
6. Geschichten vom neuen Körperset - Die Welt des Gendopings
7. »Kein Antidopinglabor der Welt kennt auch nur die Hälfte der verbotenen Substanzen, die gerade gehandelt werden«
Interview mit Robin Parisotto
III WIR WERDEN DIE SAUBERSTEN SPIELE MACHEN
8. Kulissenumbau im chinesischen Sport system - Von Daliwan, Medaillen ramsch, Guanxi und Tibetischen Doggen
9. Bei den Doktoren Xhu und Wu - Was im Olympia-Dopinglabor passiert
10. »Ein Land regieren ist wie einen Bus steuern. Es muss aber auch jemanden geben, der ihn fahren kann«
Interview mit Zhou Qing
Literaturauswahl
Glossar
Danksagung

Leseprobe

Kulissenumbau im chinesischen Sportsystem - Von Daliwan, Medaillenramsch, Guanxi und Tibetischen Doggen
Die magische Arznei für Weltrekorde basiert auf einem Reis gericht mit einer Mischung aus Brustbeerensaft, Hunderagout, Hühnerbrühe und Pilzextrakten.
MA JUNREN, CHINESISCHER LAUFTRAINER, 1993
Daliwan. Frau Zou kommt immer ein paar Minuten früher zur Arbeit. Sie läuft dann im Schwimmbad umher, sortiert Tücher, wischt ein Stück Boden, tupft die Finger ins Wasser, um die Temperatur zu prüfen. Sie mag die Atmosphäre, wenn sich die Wellen im Glas der Fenster kräuseln, sie ihre Schritte auf den Fliesen hören kann. Bald wird hier wie jeden Tag Hochbetrieb herrschen. Dann kommen die Arbeiter aus den riesigen Autowerken, die ganz in der Nähe liegen.
Frau Zou sitzt in einer Kabine auf einem Hocker und schrubbt einem Mann den Rücken, kurz darauf wird sie zum Eingang gerufen, weil ein Kind irgendwas verschüttet hat, dann soll sie ein Becken auswischen, Papier einsammeln, in den Toiletten nach dem Rechten schauen. Sie ist 41 Jahre alt und in der Halle das Mädchen für alles. 43 Euro bekommt sie dafür als monatliches Salär. »Wenn ich den Leuten den Körper schrubbe, entspannen sie sich. Dann kommen sie zur Ruhe und fangen an zu reden«, sagt Frau Zou.
Dabei ist sie es, viel zu die erzählen hat: wie sie mit 13 Jahren in Chanchun auf die Sportschule kam und mit dem Gewichtheben begann. Wie ihr der Trainer mit der ersten Ein heit Tabletten namens Daliwan gab und ihr sagte, dass die ihren Körper von vornherein besser auf das viele Krafttraining einstellen würden. Wie sie nicht mehr zur Schule ging, sondern das Hantelstemmen ihr Beruf wurde. Wie man sie bald zum Mitglied der Nationalmannschaft machte und ihr Leben aus Trainingslagern, Chemie und exzessivem Hanteltraining bestand. Wie sie vor Auslandshöhepunkten regelmäßig Maskierungsspritzen bekam, damit das Doping in den einschlägigen Tests nicht auffallen konnte. Wie sie mit dem Trainer darüber sprechen wollte, er aber nur sagte, dass das alle nähmen und die Substanzen keinerlei Nebenwirkungen hätten.
Die Geschichte der kaum 50 Kilo schweren Frau, die sie nur zögerlich preisgibt, handelt davon, wie sich ihr Körper nach und nach veränderte, männlicher und muskulöser wurde. Beim Erzählen deutet sie auf ihren Bart, die herben Gesichtszüge. Sie berichtet von einem kranken Rücken und kaputten Gelenken. Auch davon, dass sie den Sport so lange gemacht habe, bis es körperlich nicht mehr ging. In dieser ganzen Zeit sei sie ihrem Land unendlich dankbar gewesen. Immer habe sie das Gefühl bestimmt, China etwas zurückgeben zu wollen.
An dieser Stelle hält Frau Zou inne. Man sieht, dass sie mit sich ringt. Seit Jahren lebe sie in einem schweren Konflikt, fährt sie irgendwann fort: Sie sei gar keine Frau mehr. Jeden Tag spüre sie das. Aber die Angst, sich zu outen, sei da, wo sie lebe, sehr groß. Ihr sei klar, dass eine Geschlechtsumwandlung in China ein Problem darstelle. So weit ist diese Gesellschaft aber nicht, meint Frau Zou und lässt sich derweil monatlich weibliche Hormone spritzen, damit sie in ihrem Geschlecht bleibt.
Frau Ai hat einen Straßenstand in einem Vorort von Peking. Sie verkauft Obst, Getränke, chinesische Snacks. Wenn der Job es ihr erlaubt, versucht sie zu sitzen. Sie kann kaum stehen. Ihre Bewegungen wirken schwerfällig. Man sieht, dass der Frau Mitte 30 jeder Schritt Schmerzen bereitet. Das kommt, weil ihre Füße ungemein verformt sind. Dabei hat sie ihren Füßen viel zu verdanken. Weltweit hat Frau Ai Mara thon um Marathon gewonnen, war Weltmeisterin und hat 16 internationale Goldmedaillen geholt.
Um die Jahrtausendwende gehörte sie zum schnellen Team von Wang Dexian, einem Trainer, der mit seinen Übungsmethoden traurige Furore machte. Einer seiner Weltstars, die durch Doping aufgefallene Langläuferin Sun Yingjie, berichtete 2006 einem chinesischen Fernsehsender: »Er hat mich geschlagen. Mein Rücken war übersät mit Blutergüssen. Ich konnte manchmal meine Kleidung nicht mehr allein wechseln. « Die ehemalige WM-Dritte über 10 000 Meter trennte sich von ihrem Trainer, nachdem dieser sie mit der Schnalle eines Gürtels blutig geprügelt hatte.
Unerhört offene Sätze für die ansonsten still lächelnden chinesischen Athletinnen. Und auch im Falle von Frau Ai staunte man zunächst, als sie Wang Dexian 2006 gerichtlich beschuldigte, die ihr zustehenden Wettkampfprämien von annähernd 201 000 Euro veruntreut zu haben. Da sie stichhaltige Unterlagen zu den Prämienmodi hatte, räumte man ihr große Chancen ein, den Prozess zu gewinnen. Doch wie bei Frau Zou obsiegten auch bei Frau Ai Angst und Loyalität. Sie schloss mit dem Sportverein, bei dem Herr Wang arbeitete, einen außergerichtlichen Vergleich, über dessen Höhe nichts bekannt wurde.
Sonderlich hoch kann die Summe jedoch nicht gewesen sein, denn von Frau Ai weiß man, dass sie schon zum zweiten Mal versucht, ihre 16 Goldmedaillen für je 100 Dollar zu verkaufen, um sich und ihre zweijährige Tochter irgendwie durchzubringen. In ihrem Blog begründete sie den vollzogenen Vergleich mit den Sätzen: »Meine Freunde haben mich darauf hingewiesen, dass bald die Olympischen Spiele in China stattfinden. Je länger mein Fall offenbleibt, desto größer ist der Imageschaden für unser Land. Sie rieten mir, mich zufriedenzugeben und eine Entschädigung zu akzeptieren. Ich sehe das auch so. In letzter Zeit erhielt ich viele Interviewanfragen von ausländischen Medien. Doch ich will nicht vor Ausländern über unsere dunklen Flecken reden.«
Nebelkerzen. Dass die dunklen Flecken der chinesischen Sportdiktatur nicht weiter zutage treten, insbesondere nicht vor den Pekinger Spielen, dafür sorgen Partei und Geheimdienst, chinesische Sportoffizielle im Verbund mit der eintrainierten Angst der Athleten und nicht zuletzt die In ternationale des Sports, die gleichsam mantraartig und mittels allwöchentlich gleichlautender Presseerklärungen allerlei Verbes se run gen in Aussicht stellen. Der offizielle Sprachcode ist dabei bemerkenswert monoton. Und es geht immer um dieselben Themen: mehr Sprach- und Bildungsprogramme für chinesische Kinder, Stärkung der Rechtsstaatlichkeit, mehr Frei zügig keit für ausländische Medien.
In den Augen des IOC sind es sowohl die große Politik als auch der Sport, die mit ausreichend Reformwillen viel Löbliches auf den Weg gebracht haben, um im Sommer 2008 endlich »grüne«, »humanistische«, »harmonische«, »einmalige «, »gut organisierte« und natürlich auch »die saubersten« Spiele stattfinden zu lassen. Doch was von alledem ist Realität, was Kosmetik, was ein grundsätzlich globales Problem und was ein spezifisch chinesisches, wenn die Volksrepublik im Sommer mittels opulenter Symbolik nach 150-jähriger Randständigkeit endlich wieder in der Mitte der Weltgemeinschaft ankommen wird? Auf Grundlage welcher Fakten konnte der Oberolympier Jacques Rogge im Interview mit der »Süddeutschen Zeitung« Ende 2007 eigentlich erklären: »Es gibt kein organisiertes Doping in China. Weil sie clever genug sind zu wissen, dass es desaströs wäre. Die WADA sagt uns, China macht viele Tests, hat die Zahl der Labore vervielfacht und sie auf hohem Niveau eingerichtet.«
Doping und Pekinger Spiele sind eine Art Lackmustest für das Regime, denn die Dopingbilanz des chinesischen Sports ist ein Desaster. Enorm viel ist investiert worden, um dieses Problem loszuwerden. Für die Offiziellen wäre es eine Katastrophe, wenn die eigene Mannschaft in Peking mit auch nur einem positiven Dopingfall auffällig würde. Der Megaevent vor aller Welt wäre hin. Was also bedeuten »gut vorbereitete und organisierte Spiele«, die der chinesische Premier Wen Jiabao am 4. März 2008 vor der ganzen Nation versprach? Was mag Frau Ai mit den »dunklen Flecken« ihres Landes gemeint haben, über die sie mit der internationalen Presse nur ungern reden wollte? Wer spricht von internationaler Seite aus mit den Geschädigten des chinesischen Sports, nachdem die offizielle Sportzeitung Chinas »Zhongguo Tiyu Bao« Ende 2007 die Meldung veröffentlichte, dass 80 Prozent von etwa 300 000 ehemaligen Eliteathleten heute in Armut leben? Wer übernimmt die Verantwortung für annähernd eine Viertelmillion Menschen, die der Sport zunächst »auserwählt«, dann sowjetisch hochgezüchtet, später aussortiert und wie Stückgut weggeworfen hat? Eine Viertelmillion Schicksale, die in jedem Fall sehr individuell sind und doch irgendwie alle sehr ähnlich klingen?
Ma Junren. Parallel zu ihrem Aufbruch als Wirtschafts nation kehrte die Volksrepublik China 1984 in Los Angeles in die olympische Gemeinschaft zurück. Damit rückte schlagartig besagtes Problem in den Blick: Doping. Dessen spektakulärster Mediator und Agent dürfte der so erfolgreiche wie umstrittene Wundertrainer Ma Junren gewesen sein. Volksarmist, Ge müse bauer, Tierzüchter und Sportlehrer in einem, brachte er offenbar die richtigen Ausgangsvoraussetzungen mit, um Ende der achtziger Jahre etwas Sagenhaftes ins Leben zu rufen. Schon bald sprach man von der »Armee des Trainers Ma«. Für diese gab es ein denkbar einfaches Erfolgsrezept: 1. Man nehme ausschließlich Mädchen aus der ländlichen Bevölkerung, die laut Ma »ein hartes Leben gewöhnt« sind. »Wer sonst würde einen Marathon in der Höhe aushalten? « 2. Man scheuche seine Schützlinge über aberwitzige Distanzen. Das Training bestand aus einem täglichen Marathon und häufigen Aufenthalten in der Höhe. 3. Man führe ein paternalistisches Regime aus hartem Drill, Angst und Gewalt. 4. Und man erzähle in den Medien unentwegt von exotischen Raupenpilzen, Hunderagout und warmem Schildkrötenblut, das die Mädchen verabreicht bekämen, dope sie derweil aber systematisch mit EPO, dem seinerzeit nicht nachweisbaren Stoff.
Wang Junxia, Qu Junxia, Liu Dong, Jian Po - und einige mehr aus Mas Truppe - wurden von ihrem Trainer wie Sklavinnen gehalten, sie wurden von ihm geschlagen, durften sich nicht die Haare schneiden und auch keinen Freund haben - doch sie liefen. 1993 wurde für Mas Armada zum Superjahr. Die oft als Roboterfrauen beschriebenen Läuferinnen heimsten Siege und Weltrekorde in Serie ein. Bei den Weltmeisterschaften in Stuttgart gewannen sie die 1500, 3000 und 10 000 Meter. Vier Tage später gingen sie in Peking bei den nationalen Meisterschaften erneut an den Start, in absoluter Topform. Weltmeisterin Qu Junxia verbesserte die Bestmarke über 1500 Meter und kippte den ältesten Weltrekord in der Frauenleichtathletik gleich um über zwei Sekunden. Wang Junxia eliminierte anschließend den alten Weltrekord über 3000 Meter - um mehr als zehn Sekunden.
Die beiden Rekordhalterinnen zierten am nächsten Tag die Titelseiten der chinesischen Staatszeitungen. Die »Armee des Trainers Ma« stieg zum Stolz der Nation auf. Ma wurde ein Held, zumal er die Rekorde seiner Frauen minutiös vorhergesagt hatte. In Interviews gab er erneut weitschweifig seine Spezialphilosophie zum Besten, schwadronierte über Wunderextrakte und seine Machete, mit der er den in China heiligen Schildkröten den Kopf abschlage. Kettenrauchend beschimpfte er abermals die internationale Presse, die ihm all das Wundersame nicht recht abnehmen mochte: »Meine Mädchen haben noch nie irgendwelche Drogen gesehen. Wenn die Europäer weiterhin über ihrem Moralisieren das Training vergessen, werden sie bald nicht mehr gewinnen.« Die Regierung verlieh ihm Ehrentitel, und auch die Wirtschaft pries ihn. So schenkte ihm eine Sportausrüstungsfirma einen Audi im Wert von 100 000 Euro.
Doch Ma konnte seine Armee nicht in Frontstellung halten. Schon 1994, bei den Asienspielen in Hiroshima, als unerwartet Dopingkontrolleure aufkreuzten, brachen die Leistungen seiner zehn Läuferinnen ein. Die Erklärung, die der Trainer dafür parat hatte, erstaunte: »Alle wurden vor kurzem am Blinddarm operiert.« Diese vermeintliche Kollektivoperation verhinderte zwar, dass seine Frauen aufflogen - sie liefen unauffällig hinterher und so an den Kontrollen vorbei -, doch noch im selben Jahr begannen heftige Absetzbewegungen aus Mas Armee. Als Erste warf die 1500-Meter- Weltmeisterin von Stuttgart, Liu Dong, das Handtuch und beendete ihre Karriere: »Den Schwierigkeiten mit meinem Trainer Rechnung tragend, habe ich entschieden, mich einem Studium zu widmen«, hieß es in einem Schreiben an die Sportbehörde der Provinz Liaoning. Ein Jahr später berichtete die Pekinger Zeitung »Youth Daily«, dass alle 16 Athletinnen von Ma Junren ihren Coach wegen Differenzen um Preisgelder verlassen hätten. Was macht eine Armee ohne Soldaten? Ma rekrutierte kurzerhand neue. Doch so erfolgreich wie die erste Garde sollte die zweite nicht werden.
Ob es damit zusammenhing, dass der Erfolgstrainer sein brutales Konzept gegenüber seinen Schutzbefohlenen nicht mehr so ohne weiteres durchsetzen konnte? Oder eher damit, dass in dem einsetzenden Kulissenumbau im chi ne sischen Sportsystem für jemanden wie Ma Junren zu dem Zeitpunkt kein Platz mehr war? In gewisser Weise ließe sich seine Geschichte auch als Paradigmenwechsel im chinesischen Sportsystem lesen: Als Meistermacher alter Schule produzierte er rekordträchtige Nationalgüter en masse, die das in Aufbruch befindliche China zur Stärkung des Patriotismus dringend brauchte. Was Wunder, dass die Pekinger Führung seine Erfolge wohlwollend goutierte.
Doch als es nach wiederholten Dopingeklats und den vielen internationalen Berichten über Drill und Miss hand lungen an chinesischen Sportschulen notgedrungen um eine deutliche Imagekorrektur gehen musste, wurde es eng für Trainer Ma aus der Provinz Liaoning. Er war zu ungeschlacht und zugleich zu markant erfolgreich, als dass man ihn in die neue Sportkultur hätte integrieren können. China hatte mit dem Sport Großes vor. Er war Synonym für den Aufstieg. Mit ihm wollte man der Welt die eigenen Fortschritte demonstrieren. Doch mit einem wie Ma Junren war kein Staat zu machen.
Er, der auf dem Motorrad seine Läuferinnen antrieb und sie mit dem Stock triezte, der sie auch nachts laufen ließ, der mit immer neuen drakonischen Disziplinarmaßnahmen aufwartete und Start- und Siegprämien unterschlug, einen solchen Trainer konnte der neue Sport nicht mehr brauchen. Seine Extravaganzen landeten immer weniger, seine öffentlichen Superstorys klangen mehr und mehr suspekt, die Querelen mit dem Staatlichen Sportkomitee häuften sich. Zahlungen, die ihm die Zentralregierung und die Provinzbehörde bereits zugesagt hatten, wurden ihm wieder entzogen. Als seine Athletinnen bei den nationalen Wettkämpfen 1996 nicht antraten und auch sonst keine Normen liefen, war das Maß voll: Vor Atlanta wurde er entlassen.
Es war zu einer Zeit, da im chinesischen Sport viel von der »Konkurrenz der neuen Ökonomie« und der notwendigen »Anpassung an die neuen Kommerzverhältnisse« die Rede war. Eltern schickten ihre Kinder plötzlich eher in die Schule denn zum Sport. Ein Managergehalt schien sicherer als die unsichere Anwartschaft auf olympisches Gold. Das führte bei der Sportförderung zu einschneidenden Veränderungen. Um entsprechende Anreize zu setzen, wurden Sportstipendien auf bis zu 500 Euro im Monat erhöht und das Training auf modernstes technisches Gerät umgestellt. Hallen und perfekte Sportanlagen wurden gebaut. An den Elitesportschulen wurden nun Fächer wie Ernährung und Psychologie unterrichtet. Im Sog von Kommerz und Technisierung drehte der Sport sichtlich auf.
Opake Logiken. In den sorgfältig orchestrierten Mo der nisierungs pro zess platzte aber immer wieder, was der chinesische Sport um jeden Preis loswerden wollte: das eigene Doping problem. 1993 wurden bei den 7. Nationalen Sportwettkämpfen elf Athleten überführt, 1994 bei den Asienspielen sieben chinesische Schwimmerinnen, 1997 gab es zwölf Doping fälle bei den Asienspielen und weitere 22 national. Pausenlos hagelte es Skandale. Als 1998 im westaustralischen Perth die Schwimmweltmeisterschaften stattfanden, wurde schon am Flughafen eine chinesische Schwimmerin abgefangen, mit Wachstumshormonen in der Thermosflasche. Sieben Schwimmerinnen und drei Trainer wurden wegen posi ti ver Tests wieder nach Hause geschickt. Perth wurde zum Synonym für den Dreck in Chinas Sport und zum Fanal für eine anstehende Radikalkur. Die Sache war akut, denn internationale Verbände drohten China nun sogar mit Boykott. Der langjährige chinesische Sportfunktionär Shi Kang Cheng fand auf die internationale Erregung eine ganz eigene Erklärung: »China hat im Kampf gegen Doping immer gnadenlos durchgegriffen«, sagte er 1998 und ging direkt zum Gegenangriff über: »Andere Staaten betreiben eine Doppelmoral, weil sie mit den eigenen Athleten zu lax umgehen.«
Doch realiter war auch dem Letzten in den chinesischen Politkammern klar, dass gegen das Gift im Sport endlich etwas passie ren musste. Immerhin stand Sydney 2000 vor der Tür. Immer hin bewarb sich China um die Austragung der Olym pi schen Spiele. Der ganze Schmutz führte die schönsten Planspiele ad absurdum. Und auch auf internationaler Büh ne musste zur Wahrung einer geschmeidigen Geschäftskultur - Stich wort Sponsoren und Fernsehrechte - schnellstmög lichst eine Lösung gefunden werden. Ein wesentlicher Grund, warum die IOC-Spitze während der Winterspiele 1998 im japa ni schen Nagano intensive Gespräche führte. Das Ergebnis, das das deutsche Exekutivmitglied Thomas Bach deutschen Pressevertretern hernach antrug, war verblüffend: »Es gibt kein systematisches Doping in China«, wusste er zu berichten und nannte dafür »zwingende Gründe«: Zum einen stehe die persönliche Glaubwürdigkeit des chinesischen IOC-Mitglieds He Zhenliang, eines Hardliners aus diktatorischen Uraltzei ten, auf dem Spiel. Zweitens sei die politische Situation in China nicht mit der einer DDR zu vergleichen. Denn China brauche sich beileibe nicht über den Sport zu profilieren. Und drittens würden wirkliche Doper ihre einschlägigen Substanzen wohl nicht in Koffern und Thermosflaschen mit sich herumschleppen. »Präsident Samaranch«, endete Bach, »hat gesagt, Zwang oder Druck ist nicht die Politik des IOC. Wir wollen lieber überzeugen.«
Die opake Logik und Schützenhilfe des ausgewiesenen Wirtschaftslobbyisten Bach half den Chinesen jedoch wenig. Denn auch Sydney wurde zu einer giftigen Schlappe für die aufstrebende Weltmacht. Nachdem das IOC zwei Wochen vor Beginn der Spiele den sogenannten »EPO-Test 2000« eingeführt hatte, musste die chinesische Sportführung 27 Athleten und 12 Trainer wegen positiver Tests aus dem Olympiakader nehmen und zu Hause lassen. Unter ihnen auch Ma Junren, der im Februar 2000 »trotz langjähriger Konflikte«, wie es offiziell geheißen hatte, zurück in die Mannschaft geholt wurde, um als Mittel- und Langstreckentrainer zu reüssieren. Doch Sydney fand ohne ihn statt. Der Grund: EPO.
Angesichts dieser alarmierenden Panne machte Yuan Weiman, Präsident des chinesischen Nationalen Olympischen Komitees, in Sydney gute Miene zum bösen Spiel. »Viele Medaillen « und einen »hohen moralischen Standard« pries er. Es erwies sich als gewiefter PR-Trick, unsaubere Athleten zu Hause zu lassen und das Problem gleichzeitig nicht zu kaschieren. Acht Monate vor der Vergabeentscheidung des IOC für die Spiele 2008 wollte die chinesische Führung keine Fehler machen. Sie feierte Medaillen, keinen einzigen positiven Test und zeigte sich in Sydney sportdiplomatisch von der besten Seite. Sie unterhielt in der australischen Olympiastadt eine Hotelsuite, in der sich die Mitglieder des IOC über Pekings weitgediehene Bewerbung informieren konnten. China bekam die Spiele, in Moskau, im Juli 2001.
Doch Chinas Dopingproblem war durch Image-Politik dieser Art nicht zu entsorgen. Es einfach nur als PR-Problem zu behandeln und Slogans wie »Doping ist die größte Sünde im Sport« zu verlautbaren, schien nicht genug, um die hohe Test anfällig keit der chinesischen Athleten in den Griff zu bekommen. Das System steckte in der Bredouille. Was war zu tun? Es griff eine bewährte Methode auf: Man sandte lerneifrige Spezialisten in die Welt und holte sich mit Hilfe stattlicher Budgets zugleich ausländische Experten ins Land - gern auch Trainer und Wissenschaftler, die sich durch die eigene Dopingsozialisation ausweisen konnten. Es ging um die Durchsetzung internationaler Standards, um Maßstäbe und Transparenz. Es ging um Labore und Testverfahren und die Professionalisierung von Trainern und Athleten. Es ging, kurz gesagt, um ein brauchbares Regelwerk und die Demarkationslinie zwischen Positiv- und Negativtest.
Was technische Belange betrifft, ist China binnen kur zem tatsächlich Erstaunliches gelungen. Die offizielle Sport ad ministratur präsentierte stolz allerlei Tatsachen: »Das Jahr 2004 gilt als Meilenstein beim Antidopingkampf in China«, erklärte Zhao Jian, Mitglied des Antidopingausschusses des chinesischen Nationalen Olympischen Komitees. Vom Staatsrat, und damit auf höchster politischer Ebene, wurden erste Antidopingregeln erlassen. Sportbehörde, Handels- und Gesundheitsministerium, Zollverwaltung und staatliches Aufsichts- und Kontrollamt erstellten eine Dopingliste. »Es gibt weltweit nur wenige Länder, in denen ähnliche Anti dop ingregeln und gesetzliche Vorschriften auf Regierungsebene erlas sen wurden«, gab er zu Protokoll. Und er ließ Zahlen folgen: 2001 - offiziell 23 positive Fälle bei 5121 Kontrollen. 2002 - 34 positive Fälle bei 5010 Kontrollen. Wie, wann, unter welchen Umständen bzw. in welchen Sportarten die Tests durchgeführt wurden, darüber gab er keine Auskunft.
Als China dann 2004 in Athen mit lauter negativen Tests und 32 Goldmedaillen brillierte, war klar: Unerhörte Adaptions ener gien hatten es ermöglicht, das System endlich so zu eichen, dass es von da an auf internationaler Bühne ohne Testwackler durchkam. IOC und WADA beklatschten den gemein samen Lernprozess. Wenn sich nun internationale Experten nach Peking oder Shanghai aufmachten, trafen sie auf engagierte, gut ausgebildete Leute, die sich dem Dopingproblem in ihrem Land zutiefst verpflichtet fühlten. Man fachsimpelte miteinander, stellte in den neu eingerichteten Laboren die Geräte ein, trank am Abend ein paar Heineken zusammen. [...]
»Für Ines Geipel sind die Spiele in Peking ein einziger großer Betrug. Die Belege dafür hat sie in ihrem Buch "No Limit" zusammengetragen. Und diese sind überzeugend. ... Dieses Buch stellt hartnäckig die richtigen Fragen und zeigt die ersten Umrisse einer Zukunft, die bereits begonnen hat.«
Hans-Joachim Föller, Süddeutsche Zeitung, 30.07.2008

»Die Chemisierung der Gesellschaft ist ein globales Phänomen - und vor allem: Sie hat die breite Mitte erfasst. Man muss hierzu das Buch "No Limit" von Ines Geipel lesen, der ehemaligen DDR-WeItrekordlerin in der Sprintstaffel.«
Peter Sloterdijk im Interview, Der Spiegel, 12.07.2008
Klett-Cotta
2. Aufl. 2008, 182 Seiten, Breitklappenbroschur
ISBN: 978-3-608-94458-7
autor_portrait
Karen Weinert

Ines Geipel

Ines Geipel, geboren 1960, ist Schriftstellerin und Professorin für Verssprache an der Berliner Hochschule für Schauspielkunst »Ernst Busch«. Die...

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