Unbeugsam

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Die Erben der vergessenen Generation - broschierte Ausgabe
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»Man kann geschlagen werden, aber man darf nicht aufgeben.« Hemingway

Verschollen im Zweiten Weltkrieg, misshandelt und gefoltert. Louis Zamperini, ein Huckleberry Finn der Vorstädte und amerikanisches Laufwunder bei den Olympischen Spielen 1936, überlebt das Unfassbare, wird zum Held wider Willen und verzeiht denen, die ihn demütigten.

Louis Zamperini, Sohn italienischer Einwanderer, wird vom jugendlichen Schlitzohr zum Mittelstreckenläufer von Weltrang.
Nach seinem fulminanten Schlussspurt beim Finale der Olympischen Spiele in Berlin 1936 beginnt seine Odyssee während des Zweiten Weltkriegs im Pazifik.
Er gerät mitten ins Inferno der Gefangenschaft, wo er Folter und Hunger erträgt und überlebt.
Laura Hillenbrand, die zurzeit erfolgreichste Sachbuchautorin der USA, erzählt mitreißend und erzeugt eine atemlose Spannung: den Flugzeugabsturz, die 47-tägige Irrfahrt im Schlauchboot durch den Pazifik, den Kampf gegen Haie, die Kriegsgefangenschaft unter einem der grausamsten Verbrecher des Zweiten Weltkriegs.

Inhaltsverzeichnis
Vorwort 9

ERSTER TEIL
1 Ein Junge gegen den Rest der Welt 13
2 Rennen wie WAHNSINNIG 25
3 Der Tornado von Torrance 32
4 Deutschland leerräumen 42
5 Im Vorfeld des Kriegs 54

ZWEITER TEIL
6 Der fliegende Sarg 67
7 Jungs, jetzt ist es so weit 84
8 »Nur meine Unterwäsche wusste, was ich durchmachte« 96
9 Fünfhundertvierundneunzig Löcher 111
10 Die »Stinking Six« 127
11 Das überlebt keiner 138

DRITTER TEIL
12 Abgestürzt 149
13 Auf See vermisst 155
14 Durst 166
15 Haie und Schüsse 180
16 Gesang in den Wolken 188
17 Taifun 198

VIERTER TEIL
18 Eine atmende Leiche 209
19 Zweihundert schweigende Männer 221
20 Flatulenzen für Hirohito 234
21 Glaube 248
22 Ausbruchspläne 257
23 Monster 269
24 Freiwild 279
25 B-29 290
26 Wahnsinn 302
27 Im freien Fall 316
28 Versklavt 322
29 Zweihundertzwanzig Hiebe 334
30 Die lodernde Stadt 342
31 Der Sturm der Nackten 350 32 Erbsenregen 359
33 Muttertag 371

FÜNFTER TEIL
34 Das schimmernde Mädchen 387
35 … als wäre nichts gewesen? 400
36 Die Leiche auf dem Berg 410
37 Verstrickt 419
38 Der Weckruf 426
39 Ein neuer Tag beginnt 436
Epilog 440

ANHANG
Dank 463
Anmerkungen 471
Liste der Abkürzungen 471
Nachweis der Bilder und Karten 519

Leseprobe

Vorwort


Wasser – nur Wasser, so weit sein Auge reichte. Es war der 23. Juni des Jahres 1943. Irgendwo auf der endlosen Weite des Pazifik lag Louie Zamperini, Bombenschütze der Army Air Forces und olympischer Läufer, auf einem kleinen Schlauchboot, das langsam Richtung Westen trieb. Neben ihm kauerte ein Sergeant, einer der Schützen seines Flugzeugs. Auf einem zweiten Schlauchboot, das mit dem ersten verbunden war, lag ein weiteres Besatzungsmitglied mit einer hässlichen Wunde an der Stirn. Ihre Körper waren von der Sonne verbrannt, die gelbe Farbe der Boote hatte auf ihre Haut abgefärbt, und sie waren bis auf die Knochen abgemagert. Haie zogen ihre trägen Runden um sie herum, ihre Rücken schabten an den Floßwänden, sie mussten nur warten.

Seit 27 Tagen trieben die Männer jetzt auf dem endlosen Pazifik. Eine Äquatorialströmung hatte sie mindestens 1000 Meilen weit getragen, tief in Gewässer hinein, die von den Japanern kontrolliert wurden. Das Gummi der Schlauchboote begann sich zu einer gallertartigen Masse zu zersetzen und verströmte einen sauren, ätzenden Geruch. Die Körper der Männer waren übersät mit vom Salz wunden Stellen, ihre Lippen waren so geschwollen, dass sie gegen Nase und Kinn stießen. Die Männer brachten ihre Tage damit zu, dass sie in den Himmel starrten, »White Christmas« sangen und leise ihre Essensphantasien vor sich hinmurmelten. Keiner suchte mehr nach ihnen. Sie waren allein auf 160 Millionen Quadratkilometern Ozean.

Einen Monat zuvor war der 26-jährige Zamperini einer der berühmtesten Läufer der Welt gewesen, viele hatten von ihm erwartet, dass er als erster Leichtathlet die Four-Minute-Mile knacken würde,* einen der berühmtesten Schwellenwerte im Sport.2 Jetzt wog sein für die Olympiade trainierter Körper nicht einmal mehr 100 Pfund, und seine berühmten Beine vermochten ihn nicht mehr zu tragen. Außer seiner Familie hielten ihn fast alle für tot.

An jenem Morgen des 27. Tages nun hörten die Männer ein fernes, tiefes Brummen. Jeder Flieger kannte dieses Geräusch: Propeller. Ihre Augen erhaschten ein Glitzern am Himmel – ein Flugzeug, hoch über ihnen. Zamperini feuerte zwei Leuchtgeschosse ab und schüttete Farbpulver ins Wasser, das die beiden Boote sogleich in einen leuchtend orangeroten Kreis einschloss. Das Flugzeug flog weiter und verschwand langsam. Die Männer sanken wieder in sich zusammen. Dann aber wurde das Geräusch wieder lauter, das Flugzeug tauchte erneut auf. Die Crew hatte sie bemerkt.

Mit ihren Armen, die fast nur noch aus Knochen und gelbverfärbter Haut bestanden, winkten die Männer und schrieen, wobei ihre Stimmen wegen ihrer ausgedörrten Kehlen kaum mehr hörbar waren. Das Flugzeug drosselte die Höhe und drehte parallel zu den Booten bei. Zamperini sah die Pro file der Besatzung, dunkel gegen das helle Blau des Himmels.

Und dann erhob sich ein entsetzliches Tosen. Das Wasser, ja die Boote schienen zu kochen: Maschinengewehrfeuer. Das war kein amerikanisches Rettungsflugzeug. Es war ein japanischer Bomber.

Die Männer warfen sich ins Wasser, klammerten sich unter den Booten fest, zuckten zurück vor den Kugeln, die durch das Gummi der Boote schlugen und weiß schäumende Linien in das Wasser über ihren Köpfen zogen. Der Beschuss ging weiter, entfernte sich dann, als der Bomber über sie hinwegflog. Die Männer hievten sich wieder zurück auf das eine Boot, das nur wenig Luft verloren hatte. Der Bomber beschrieb eine Kurve und hielt wieder auf sie zu. Als er näher kam, sah Zamperini die Mündungen der Maschi nengewehre, die direkt auf sie gerichtet waren.

Zamperini warf einen Blick auf seine Kameraden. Sie waren zu schwach, um sich ein zweites Mal ins Wasser retten zu können. Kraftlos lagen sie am Boden des Boots, hielten nur schützend die Hände über den Kopf. Zamperini sprang als einziger ins Wasser zurück.

Irgendwo unter ihm hatten die Haie genug vom Warten. Zielstrebig bewegten sie sich auf den Mann zu, der sich an sein Rettungsboot klammerte.

ERSTER TEIL

Louis Zamperini, der Huckleberry Finn von Torrance, Kalifornien.

1 Ein Junge gegen den Rest der Welt

In der Dunkelheit unmittelbar vor der Morgendämmerung des 26. August 1929 fuhr im hinteren Schlafzimmer eines kleinen Hauses in Torrance, Kalifornien, ein zwölfjähriger Junge im Bett hoch und lauschte. Von draußen kam ein Geräusch, es wurde lauter und immer lauter: ein dumpfes, schweres Rauschen; es klang riesig, als würden große Luftmassen bewegt. Die Quelle des Geräuschs musste direkt über dem Haus sein. Der Junge hechtete aus dem Bett, flitzte die Treppe hinunter, stieß die Hintertür auf und sprang ins Freie. Der Hof sah völlig anders aus als sonst, wie eine an dere Welt, er war in unnatürliche Dunkelheit getaucht, und alles war von dem seltsamen Geräusch erfüllt. Der Junge stand auf dem Rasen neben seinem älteren Bruder und starrte mit zurückgeworfenem Kopf gebannt nach oben.

Der Himmel war verschwunden. Ein Ding, das er in seinen aberwitzigen Dimensionen nur umrisshaft erkennen konnte, hing tief über dem Haus in der Luft. Es war länger als zweieinhalb Fußballfelder, so groß wie eine Stadt. Alle Sterne hatte es ausgelöscht.

Was er da sah, war das deutsche Luftschiff Graf Zeppelin. Mit einer Länge von 250 Metern und einer Höhe von 35 Metern war es das größte Luftfahrzeug, das je gebaut wurde. Kein Flugzeug war so luxuriös wie der Zeppelin, er bewältigte anstrengungslos immense Distanzen, und angesichts seiner riesigen Ausmaße blieb den Zuschauern einfach nur noch die Luft weg. Kurz: Er war das Wunder, über das im Sommer des Jahres 1929 die ganze Welt staunte.

Das Luftschiff sollte nur drei Tage später eine der erstaunlichsten Leistungen der Luftfahrt, die Umrundung des gesamten Erdballs, vollenden. Begonnen hatte die Reise am 7. August, als der Zeppelin in Lakehurst, New Jersey, seine Leinen gekappt, sich mit einem langen, langsamen Seufzen in die Luft erhoben und Richtung Manhattan Fahrt aufgenommen hatte. In der Fifth Avenue wollte man in diesem Sommer bald mit dem Abriss des Waldorf Astoria Hotels beginnen, um dem Bau eines Wolkenkratzers von bislang ungekannten Dimensionen – dem Empire State Building – Platz zu machen. Im Yankee-Stadion in der Bronx führten die Spieler nummerierte Uniformen ein: Lou Gehrig trug die Nummer 4; Babe Ruth, der kurz davor war, seinen 500. Home Run zu absolvieren, die Nummer 3. An der Wall Street kletterten die Aktienkurse auf absolute Rekordhöhen.

Nach einer langsamen Umrundung der Freiheitsstatue nahm der Zeppelin Kurs in Richtung Norden auf, um dann über den Atlantik hinauszufahren. Irgendwann kam wieder Land in Sicht: Frankreich, die Schweiz, Deutschland. Das Schiff zog über Nürnberg hinweg, wo der politische Nobody Adolf Hitler, dessen nationalsozialistische Partei in den Wahlen des Jahres 1928 eine herbe Schlappe einstecken musste, eine Rede hielt, die sich für selektive Kindstötung aussprach.2 Der Kurs ging über Frankfurt, wo Edith Frank, eine jüdische Frau, glücklich ihre neugeborene Tochter Anne umsorgte. In Richtung Nordosten überquerte der Zeppelin Russland. Die Bewohner abgelegener sibirischer Dörfer, die in ihrem Leben noch nicht einmal eine Eisenbahn gesehen hatten, fielen beim Anblick des Luftschiffs auf die Knie.

Wehende Taschentücher und laute » Banzai!«-Rufe aus den Kehlen von 4 Millionen Japanern begrüßten den Zeppelin, als er am 19. August über Tokio kreiste und sich langsam auf einem großen Feld niederließ. Vier Tage später erklangen die deutsche und die japanische Nationalhymne, und das Schiff erhob sich wieder, diesmal im Aufwind eines Taifuns, der es mit atemberaubender Geschwindigkeit über den Pazifik in Richtung Amerika beförderte. Die Passagiere sahen beim Blick aus den Fenstern lediglich den Schatten des Schiffs, der ihm durch die Wolken folgte »wie ein riesiger, nebenher schwimmender Hai«. Als die Wolken sich teilten, erblickten die Reisenden gigantische, höchst unheimlich anmutende Kreaturen, die sich im Wasser tummelten.

Am 25. August tauchte der Zeppelin über San Francisco auf. Hurrarufe hatten ihn die kalifornische Küste südwärts begleitet. Nun glitt er durch den Sonnenuntergang in Dunkelheit und Schweigen. Mitternacht kam und ging. Mit der gemächlichen Geschwindigkeit des Windes trieb er über Torrance, und seine einzigen Zeugen waren ein paar wenige schlaftrunkene Seelen, darunter auch der Junge im Nachthemd hinter dem Haus in der Gramercy Avenue.

Da stand er unter dem Luftschiff, barfuß im Gras, und war von dem Erlebnis völlig in Bann geschlagen. Es war, so sollte er später sagen, ein Eindruck »von furchterregender Schönheit«. Er konnte das Grollen der Motoren spüren, die durch die Luft pflügten, aber er sah nichts von der silbernen Oberfläche, den geschwungenen Spanten, der Kielflosse. Nur die Schwärze des Raums, den das Ding erfüllte, hatte er vor Augen. Nicht die Anwesenheit war überwältigend, sondern die Abwesenheit – ein präzis geometrisch geformtes Meer aus Dunkelheit, das den Himmel verschluckt zu haben schien.

Der Name des Jungen lautete Louis Silvie Zamperini. Er war als Sohn italienischer Immigranten am 26. Januar 1917 in Oban, New York zur Welt gekommen: ein acht Pfund schweres Baby mit schwarzen Haaren, so störrisch wie Stacheldraht. Sein Vater Anthony hatte sich seit seinem 14. Lebensjahr allein durchgeschlagen, erst als Bergarbeiter und Boxer, dann als Bau arbeiter. Seine Mutter Louise war eine zierliche, fröhliche Schönheit, sechzehnjährig, als sie heiratete, und achtzehn, als Louis auf die Welt kam. Zuhause in ihrer kleinen Wohnung, wo nur Italienisch gesprochen wurde, nannten Louise und Anthony ihren kleinen Jungen Toots.

Sobald Louie laufen konnte, war es ihm absolut zuwider, irgendwo festgehalten zu werden. Seine Geschwister erinnerten sich, wie er herumflitzte und Pflanzen, Tiere und Möbel über den Haufen rannte. Louise musste ihn nur auf einen Stuhl setzen und ermahnen, still sitzen zu bleiben – und weg war er. Solange sie ihren flinken Jungen nicht fest an der Hand hielt, hatte sie meistens keine Ahnung, wo er sich gerade herumtrieb.

1919 musste der zweijährige Louie wegen einer Lungenentzündung im Bett bleiben. Er aber büxte aus, kletterte aus dem Kinderzimmerfenster im ersten Stock hinaus ins Freie und sauste nackt die Straße hinunter, mit einem Polizisten auf den Fersen und einer Menschenmenge, die in amüsiertem Erstaunen zuschaute. Kurz danach beschlossen Louise und Anthony auf Anraten eines Kinderarztes, mit ihren Kindern in das wärmere Kalifornien umzuziehen. Der Zug hatte die Central Station gerade verlassen, als Louie hochschoss, durch den gesamten Zug rannte und vom letzten Wagen hinuntersprang. Sein älterer Bruder Pete stand neben seiner völlig aufgelösten Mutter, als der Zug zurückrollte, um den entwischten Jungen wieder aufzulesen. Pete entdeckte Louie, der ihnen ganz entspannt auf den Schienen entgegenschlenderte. Nachdem seine Mutter ihn wieder sicher in die Arme geschlossen hatte, meinte er lächelnd auf Italienisch: »Ich wusste, dass ihr wiederkommt.«

In Kalifornien bekam Anthony eine Arbeit als Elektrotechniker bei der Eisenbahn und kaufte ein 20 Ar großes Grundstück am Stadtrand von Torrance, einem Ort mit 1800 Einwohnern. Gemeinsam mit Louise zimmerte er eine Hütte zusammen, die nur aus einem Raum bestand, ohne fließendes Wasser, mit einem Plumpsklo-Verschlag hinter dem Haus und einem Dach, das dermaßen leckte, dass sie auf den Betten Eimer aufstellen mussten. Weil es zum Abschließen des Hauses nur einfache Riegel gab, saß Louise normalerweise mit einem Nudelholz bewaffnet auf einer Apfelkiste an der Vordertür, um eventuellen Herumtreibern, die es wagten, ihre Kinder zu bedrohen, eins überzubraten.

Louise schaffte es hier und auch im Haus in der Gramercy Avenue, in das die Familie ein Jahr später umzog, Herumtreiber draußen zu halten, aber es gelang ihr nicht, ihren Sohn Louie zu bändigen. Bei einem Wettrennen auf einer stark befahrenen Autostraße entkam er nur knapp dem Zusammenstoß mit einem klapprigen Lieferwagen. Mit fünf Jahren fing er an zu rauchen: Auf dem Weg zum Kindergarten las er weggeworfene Zigarettenkippen von der Straße auf. Mit dem Alkohol ging es im Alter von acht Jahren los. Louie versteckte sich unter dem Esstisch, stibitzte die Weingläser vom Tisch, trank sie bis auf den letzten Tropfen leer, wankte ins Freie und fiel in einen Rosenstrauch.

Der Mutter blieb nichts erspart: Einmal musste sie entdecken, dass ihr Sohn sich das Bein auf einen Bambusstab gespießt hatte; ein andermal musste sie einen Nachbarn bitten, Louie einen abgerissenen Zeh wieder anzunähen. Eines Tages kam er öltriefend nach Hause: Er war auf einen Ölturm geklettert, in den Pumpensumpf gefallen und wäre dabei beinahe ertrunken wäre; erst nach stundenlangem Schrubben mit literweise Terpentin war es Anthony wieder möglich, seinen Sohn zu erkennen.

Louie war in seiner Leidenschaft, Grenzen zu sprengen, nicht zu bremsen. Mit den Jahren wurde seine Findigkeit immer bemerkenswerter; bloße Waghalsigkeit war bald nicht mehr prickelnd genug. Und so nahm die Geschichte von Louies Aufstand gegen alles und jeden ihren Lauf.

Louie stahl alles, was essbar war. Mit einem Draht zum Schlösserknacken in der Tasche schlich er hinter den Häusern entlang. Hausfrauen brauchten nur kurz ihre Küche zu verlassen, um bei der Rückkehr feststellen zu müssen, dass ihr Mittagessen verschwunden war. Beim Blick aus dem Fenster war es dann durchaus denkbar, dass die Anwohner einen langbeinigen Jungen den Weg hinuntersausen sahen, der einen ganzen Kuchen in den Händen balancierte. Wenn eine der Familien am Ort eine Dinnerparty veranstaltete und versäumt hatte, Louie auf ihre Einladungsliste zu setzen, brach er in ihr Haus ein, stellte den Wachhund mit einem Knochen ruhig und räumte den Kühlschrank bis auf den letzten Krümel leer. Von einer anderen Party machte er sich mit einem ganzen Fass Bier davon. Als er herausfand, dass die Abkühltabletts in Meinzer’s Bakery nur eine Armlänge entfernt vom Hintereingang aufgestellt waren, fummelte er das Schloss auf, schnappte sich die Gebäckstücke, aß, bis er satt war, und stellte den Rest als Proviant für andere Unternehmungen sicher. Eine rivalisierende Bande wollte auf dieselben Ressourcen zugreifen, woraufhin Louie mit dem Stehlen eine Weile aufhörte, bis die Täter gefasst waren und die Bäckereibesitzer in der Annahme, die Übeltäter geschnappt zu haben, in ihrer Wachsamkeit wieder nachließen. Jetzt konnte Louie seinen Freunden die Anweisung geben, mit den Diebstählen bei Meinzer weiterzumachen.

Bezeichnend für die Atmosphäre seiner Kindheit ist die Wendung, mit der Louie die Erzählung dieser Episoden üblicherweise beendet: »… und dann bin ich gerannt wie WAHNSINNIG.« Immer wieder wurde er von Leuten verfolgt, die er ausgeraubt hatte, und mindestens zwei drohten sogar, ihn zu erschießen. Damit die Polizisten, die gewohnheitsmäßig bei ihm zu Hause hereinschauten, wenn sich wieder ein Überfall zugetragen hatte, möglichst keine Beweise fanden, legte er an diversen Stellen der Stadt Verstecke für seine Beute an; unter anderem grub er auch im nahegelegenen Wald eine Höhle, in der außer ihm noch drei Leute Unterschlupf finden konnten. Unter einer Zuschauertribüne der örtlichen Schule fand Pete irgendwann ein gestohlenes Weinfass, das Louie hier versteckt hatte. Es wimmelte von betrunkenen Ameisen.

Die Telefonzelle in der Eingangshalle des Stadttheaters versah Louie mit einem Mechanismus aus Draht und Klopapier, der die eingeworfenen Münzen auffing. Regelmäßig holte er mit einem Stück Draht die Münzen heraus, die sich im Innern angesammelt hatten, zog das Papier heraus und erntete mehrere Hände voll Kleingeld. Der Altmetallhändler des Ortes wäre nie auf den Gedanken gekommen, dass der grinsende kleine Italiener, der ihm haufenweise Kupferschrott verkaufte, genau dieselben Haufen in der Nacht zuvor aus seinem Lager geklaut hatte. Als Louie sich mit einem anderen Jungen auf dem Marktplatz eine erbitterte Prügelei lieferte und die beiden von einem Erwachsenen einen Vierteldollar bekamen, damit sie mit der Schlägerei aufhörten und sich wieder vertrugen, einigte sich Louie mit seinem Feind auf eine Art Waffenstillstand. Von jetzt an schlugen sie sich nur noch, um sich gegen Geld beschwichtigen zu lassen.

Ein Straßenbahnfahrer, der für Louie nicht angehalten hatte, bekam die Schienen eingefettet. Einer Lehrerin, die ihn in die Ecke stellte, weil er mit Krampen geschossen hatte, ließ er mit Zahnstochern die Luft aus den Reifen. Nachdem er bei den Pfadfindern einen Preis bekommen hatte, weil er am schnellsten mit Reibungshitze Feuer machen konnte, brach er seinen Rekord selbst, indem er seinen Zunder mit Benzin tränkte und mit Streichholzköpfchen vermischte, was eine beachtliche Explosion zur Folge hatte. Er stahl das Auslaufrohr von der Kaffeemaschine des Nachbarn, richtete sich einen Scharfschützenstand im Geäst eines Baumes ein, stopfte sich Pfefferkörner in den Mund und spuckte sie durch das Rohr auf die Mädchen der Nachbarschaft, die eiligst die Flucht ergriffen.

Sein größter Streich wurde zur Legende. Eines Nachts kletterte er auf den Turm der Baptistenkirche, befestigte eine Klaviersaite an der Glocke, zog die Saite auf einen danebenstehenden Baum und weckte Polizei, Feuerwehr und sämtliche Einwohner von Torrance mit dem Geläut der offenbar völlig von allein läutenden Glocke aus dem Tiefschlaf. Die gläubigeren Bürger hielten es für ein Zeichen des Himmels.

Es gab nur eine Sache, die ihm Angst machte. Er war schon etwas größer, als ein Pilot in der Nähe von Torrance landete und Louie zu einem Flug mitnahm. Man hätte meinen sollen, dass ein so unerschrockenes Kind von einer derartigen Gelegenheit in Ekstase versetzt wird, doch die Geschwindigkeit und die Höhe machten ihm Angst. Seit diesem Tag wollte er mit Flugzeugen nichts mehr zu tun haben.

Louie war in seiner Kindheit nicht einfach nur ein kleiner Tunichtgut, er war ein gewiefter, mit allen Wassern gewaschener Profi. Er formte die Persönlichkeit, die er später einmal werden sollte. Nichts konnte ihn von der Überzeugung abbringen, clever zu sein, einfallsreich und kühn genug, um aus jeder Klemme einen Ausweg zu finden; es war praktisch ausgeschlossen, ihn zu entmutigen. Als die Weltgeschichte ihn in den Krieg geraten ließ, waren es seine Widerstandsfähigkeit und dieser unerschütterliche Optimismus, die ihn im Innersten zusammenhielten.

Louie war 20 Monate jünger als sein Bruder, der in allem sein genaues Gegen teil war. Pete Zamperini war hübsch, beliebt, von untadeligem Auftreten, höflich zu Älteren, wohlwollend gegenüber Jüngeren, galant mit Mädchen, und er war mit einem so grundsoliden Urteilsvermögen gesegnet, dass seine Eltern sich bei schwierigen Entscheidungen mit ihm schon berieten, als er noch ein Kind war. Beim Essen hielt er seiner Mutter den Stuhl hin, er war immer um sieben daheim und schlief mit dem Wecker unter seinem Kissen, damit er Louie nicht aufweckte, mit dem er im gleichen Bett schlief. Er stand um halb drei auf und trug drei Stunden lang Zeitungen aus; seinen Verdienst brachte er komplett zur Bank, die dann alles bis auf den letzten Penny verschlang, als die Große Depression zuschlug. Er hatte eine wunderbare Singstimme und die galante Gewohnheit, Sicherheitsnadeln in seinen Hosenaufschlägen zu tragen für den Fall, dass beim Kleid seiner Tanzpartnerin ein Träger riss. Einmal rettete er ein Mädchen vor dem Ertrinken. Pete strahlte eine freundliche, unverkennbare Autorität aus, die es jedem, auch Erwachsenen, leicht machte, ihm zuzustimmen. Sogar Louie, dessen Religion es ja eigentlich war, auf keinen zu hören, tat, was Pete ihm sagte.

Louie vergötterte Pete, der über ihn und die beiden jüngeren Schwestern Sylvia und Virginia mit väterlicher Fürsorge wachte. Louie stand allerdings auch völlig im Schatten seines strahlenden Bruders und musste sich ständig die gleichen Vorwürfe anhören. Sylvia erinnert sich, wie ihre Mutter Louie immer wieder mit Tränen in den Augen darum bat, doch mehr wie Pete zu sein. Was die Sache noch bitterer machte: Petes guter Ruf war teilweise reiner Mythos. Obwohl er in der Schule nicht sehr viel besser war als der ewig scheiternde Louie, war der Schuldirektor überzeugt, einen glatten Einserschüler vor sich zu haben. In der Nacht des Kirchturmglockenwunders von Torrance hätte ein gezielt in den richtigen Baum gerichteter Scheinwerfer enthüllen können, dass neben Louies Beinen auch die von Pete baumelten. Und Louie war auch durchaus nicht der einzige Zamperini-Junge, den man mit Speisen, die kurz zuvor noch den Nachbarn gehört hatten, die Straße hinunterflitzen sehen konnte. Niemand aber wäre je auf den Gedanken gekommen, Pete wegen irgendetwas zu verdächtigen. »Pete ist nie erwischt worden«, berichtete Sylvia. »Louie dagegen immer.«

Louie war ganz anders als die anderen Kinder. Er war ein schmächtiger Junge, und in seinen ersten Jahren in Torrance waren seine Lungen von der gerade überstandenen Lungenentzündung noch so mitgenommen, dass ihn selbst bei den kleinsten Wettläufen jedes Mädchen der Stadt abhängen konnte. Seine Extremitäten, die später so wunderbar harmonieren sollten, wuchsen schubweise und zeitversetzt; sein Gesicht sah aus, als sei es von eini gen Stümpern entworfen worden. Die Ohren standen vom Kopf ab wie zwei Pistolenhalfter, und darüber erhob sich ein Ungetüm von einem Haarschopf, über den Louie sich ohne Ende ärgerte. Er ging mit Tante Margies Bügeleisen darauf los, stopfte seine Haare jede Nacht in einen Seidenstrumpf und tränkte sie mit so viel Olivenöl, dass auf dem Schulweg immer eine Wolke von Fliegen um seinen Kopf schwirrte. Es half aber alles nichts.

Und dazu kam noch seine Abstammung. In Torrance stießen Italiener in den frühen 1920er Jahren auf so feindselige Ablehnung, dass die Nachbarn, als die Zamperinis in die Stadt kamen, beim Stadtrat eine Petition einreichten, um den Zuzug dieser Familie zu verhindern. Louie sprach nur gebrochen Englisch, bevor er in die Schule kam, konnte also seine Abstammung nicht verleugnen. Die Kindergartenzeit überstand er, indem er den Mund hielt, aber als er dann in der ersten Klasse eine Gruppe anderer Kinder als brutte bastarde beschimpfte, sahen die Lehrer klarer und vergrößerten sein Unglück noch dadurch, dass sie ihm die Versetzung in die zweite Klasse verweigerten.

Louie war ein gezeichnetes Kind. Seine Andersartigkeit war ein gefundenes Fressen für Schüler, deren Lieblingsbeschäftigung darin bestand, ihre Mitschüler zu quälen; sie hofften, ihn dazu bringen zu können, italienische Verwünschungen auszustoßen, und bewarfen ihn deshalb mit Steinen, verspotteten ihn, schlugen und traten ihn. Er versuchte, sich ihr Wohlwollen mit seinem Pausenbrot zu erkaufen, aber sie hörten nicht auf, auf ihn einzuschlagen, bis Blut floss. Er hätte es sich leichter machen können, wenn er abgehauen oder in Tränen ausgebrochen wäre, aber das war nicht seine Art. »Man konnte ihn halb tot schlagen«, sagte Sylvia, »und er sagte nicht mal ›Autsch‹ oder heulte.« Er hielt sich einfach die Hände vors Gesicht und steckte ein.

Als Louie zum Teenager heranwuchs, veränderte sich sein Verhalten grundlegend. Der zornige Außenseiter versteckte sich in den dunklen Winkeln von Torrance; oberflächlich freundschaftlichen Kontakt hatte er nur zu ungehobelten Jungen, deren Anführer er war. Er entwickelte eine solche Ansteckungsphobie, dass er es nicht ertragen konnte, wenn jemand sich seinem Essen auch nur näherte. Von Zeit zu Zeit konnte er durchaus umgänglich sein, aber meistens war er leicht reizbar und aufsässig. Nach außen gab er sich als hartgesottener Bursche, insgeheim jedoch quälte er sich. Oft marschierten Kinder, die zu Partys gingen, an Louie vorbei, der sich vor der Haustür herumdrückte, außerstande, sich ein Herz zu fassen und hineinzugehen.

Verzweifelt über seine Unfähigkeit, sich zur Wehr zu setzen, ging Louie die Sache systematisch an. Sein Vater brachte ihm bei, wie man an einem Boxsack trainiert, und stellte aus zwei mit Blei gefüllten, zu einer Röhre zusammengeschweißten Kaffeedosen eine Hantel für ihn her. Als das nächste Mal einer seiner Quälgeister auf ihn zukam, wich Louie nach links aus und versetzte dem Jungen mit seiner rechten Faust einen Hieb direkt auf den Mund. Der schrie auf und suchte, um einige Zähne erleichtert, das Weite. Das euphorische Gefühl auf dem Heimweg vergaß Louie sein ganzes Leben lang nicht.

Mit den Jahren nahmen seine kämpferischen Fähigkeiten zu, doch auch sein Temperament wurde immer ungezügelter, und immer schneller brannten seine Sicherungen durch. Er schlug ein Mädchen. Er trat nach einem Lehrer. Er bewarf einen Polizisten mit verfaulten Tomaten. Kids, die sich mit ihm anlegten, holten sich eine dicke Lippe, und die Bullys zogen es mittlerweile vor, ihm aus dem Weg zu gehen. Einmal kam er dazu, als Pete im Vorgarten des elterlichen Hauses kurz davor war, sich mit einem anderen Jungen einen Kampf zu liefern. Beide Jungen hielten ihre Fäuste vor dem Kinn, jeder lauerte darauf, dass der andere anfangen würde zu schlagen. »Louie hält das nicht aus«, erinnerte sich Pete. »Er steht da und schreit: ›Hau ihn, Pete! Hau ihn, Pete!‹ Ich warte ab, und plötzlich dreht Louie sich um und boxt den anderen voll in den Bauch. Und dann ist er gerannt!«

Anthony Zamperini war mit seinem Latein am Ende. Dauernd tauchte die Polizei bei ihm auf und versuchte, Louie zur Vernunft zu bringen. Ständig waren Nachbarn zu beschwichtigen und Schäden auszugleichen, wozu dem Vater schlicht die finanziellen Mittel fehlten. Er betete seinen Sohn an, doch in seiner Ratlosigkeit und Erschöpfung fiel ihm nichts anderes ein, als ihn oft und kräftig durchzuprügeln. Als er Louie eines Nachts dabei erwischte, wie er aus dem Fenster zu klettern versuchte, versetzte er ihm einen derartigen Tritt, dass es Louie von den Füßen hob. Der nahm die Bestrafung schweigend und trockenen Auges hin und verübte dann haarscharf dasselbe Bubenstück noch einmal, einfach um zu zeigen, dass er es konnte.

Louies Mutter Louise war von anderem Kaliber als ihr Mann. Louie war ganz nach ihr geraten, bis hin zu den lebhaft blauen Augen. Wenn man sie schubste, schubste sie zurück; bekam sie ein schlechtes Stück Fleisch verkauft, dann marschierte sie mit der Bratpfanne in der Hand zum Metzger. Auch sie hatte einen Sinn für Unfug; so versah sie etwa eine Kartonschachtel mit Zuckerguss und präsentierte sie einer Nachbarin als Geburtstagstorte, die auch prompt darauf hereinfiel. Als Pete seiner Mutter versprach, sein Rizinusöl zu trinken, wenn sie ihm dafür eine Schachtel Bonbons gab, erklärte sie sich einverstanden, schaute ungerührt zu, wie er das Öl schluckte, und gab ihm dann eine Schachtel – die allerdings leer war. »Du hast nur nach der Schachtel gefragt, Schätzchen«, sagte sie grinsend. »Mehr hab ich nicht.« Louies ungebärdige Art konnte sie gut verstehen. In einem Jahr verkleidete sie sich zu Halloween als Junge und zog mit ihren Söhnen Louie und Pete auf der Jagd nach Süßem um die Häuser. Eine Bande von Jugendlichen, die sie für einen der Rabauken der Stadt hielten, griffen sie an und versuchten, ihr die Hosen zu stehlen. Die kleine Louise Zamperini, Mutter von vier Kindern, befand sich mitten im schönsten Handgemenge, als die Polizisten sie wegen Randalierens aufgriffen.

Da Louise wusste, dass der Aufsässigkeit ihres Sohnes mit Strafen nicht beizukommen war, benutzte sie einen Umweg, um ihn auf Kurs zu bringen. Auf der Suche nach einem Informanten ging sie unter Zuhilfenahme von selbstgebackenen Kuchen Louies Schulkameraden durch und verbündete sich schließlich mit einem sanften Jungen namens Hugh, dessen Hang zu Süßigkeiten Louie zum Verhängnis wurde. Plötzlich wusste Louise über alles Bescheid, was Louie vorhatte, und ihre Kinder fragten sich schon, ob sie plötzlich übersinnliche Fähigkeiten entwickelt hatte. Louie, der fest überzeugt war, dass Sylvia diejenige war, die den Mund nicht halten konnte, weigerte sich, mit ihr zusammen am Esstisch zu sitzen, und verspeiste seine Mahlzeiten in grimmiger Isolation vor der offenen Backofentür. Seine Wut über sie ging irgendwann so weit, dass er sie um den gesamten Wohnblock herum verfolgte. Es war das einzige Mal, dass Sylvia ihrem Bruder davonlief: Sie nahm eine Abkürzung und versteckte sich im Arbeitsschuppen ihres Vaters. Louie trieb sie wieder heraus, indem er eine einen Meter lange Schlange, die er sich als Haustier hielt, in den Zwischenboden gleiten ließ. Sylvia schloss sich daraufhin im Familienauto ein und kam den ganzen Nachmittag lang nicht heraus. »Es ging um Leben und Tod«, erzählte sie noch gut 75 Jahre später.

Doch trotz all ihrer Anstrengungen schaffte Louise es nicht, Louie zu ändern. Er lief von zu Hause weg und streunte tagelang in San Diego herum, die Nächte verbrachte er unter einer Autobahnbrücke. In einer Viehherde versuchte er, auf einem Ochsen zu reiten, wurde abgeworfen und landete auf der zersplitterten Bruchstelle eines umgestürzten Baums. Hinkend, sein böse verwundetes Knie mit einem Taschentuch verbunden, kam er nach Hause. Aber auch 27 Stiche stellten ihn nicht ruhig. Einem Kind brach er das Nasenbein. Einen anderen Jungen stellte er auf den Kopf und stopfte ihm Papiertücher in den Mund. Eltern verboten ihren Kindern den Umgang mit Louie. Ein Farmer lud voller Zorn über Louies Raubzüge sein Gewehr mit Steinsalz und schoss ihm in den Rücken. Ein Junge wurde von Louie bewusstlos geschlagen, er ließ ihn im Straßengraben liegen, und es sah fast so aus, als hätte er ihn umgebracht. Als Louise das Blut an den Fäusten ihres Sohnes sah, brach sie in Tränen aus.

Als Louie schließlich auf die Torrance High School wechselte, war aus dem kleinen Pfiffikus ein gefährlicher Halbstarker geworden. Die High School war aller Voraussicht nach das Ende seiner Schullaufbahn. Für das College hatte die Familie kein Geld; Anthonys Wochenlohn war schon vor dem Wochen ende verbraucht, und Louise musste Mahlzeiten aus Auberginen, Milch, altbackenem Brot, wilden Pilzen, auch von Kaninchen improvisieren,

22 die Louie und Pete in den Feldern erlegten. Mit seinen erbärmlichen Zeugnissen und ohne anderweitige besondere Begabungen konnte Louie nicht auf ein Stipendium hoffen. Genauso unwahrscheinlich war, dass er einen Job fand. In der großen Wirtschaftskrise, die gerade angefangen hatte, hatten fast 25 Prozent aller erwachsenen Amerikaner keine Arbeit. Louie hatte für sich keine Zukunftsvisionen. Hätte ihn jemand gefragt, was er werden wollte, dann hätte er wohl »Cowboy« gesagt.

In den 1930er Jahren befand sich Amerika im Bann der Pseudowissenschaft Eugenik und deren Verheißung, die menschliche Rasse zu optimieren, indem die »Ungeeigneten« aus dem Genpool herausgenommen wurden. Neben den »Schwachsinnigen«, Wahnsinnigen und Kriminellen gehörten zu dieser Gruppe auch Frauen, die außerehelichen Geschlechtsverkehr hatten (was als Geisteskrankheit angesehen wurde), Waisen, Behinderte, Arme, Heimatlose, Epileptiker, Masturbatoren, Blinde und Taube, Alkoholiker, außerdem Frauen mit überdurchschnittlich ausgeprägten Genitalien. Einige Eugeniker sprachen sich für die Euthanasie aus, und in psychiatrischen Kliniken wurde Euthanasie stillschweigend bei Patienten angewandt – durch »Vernachlässigung mit letalem Ausgang« oder schlichten Mord. In Illinois gab es eine psychiatrische Klinik, in der man neu aufgenommenen Patienten Milch von tuberkulosekranken Kühen verabreichte; man ging davon aus, dass nur die Lebensunwerten daran sterben würden. Vier von zehn dieser Patienten starben. Ein verbreitetes Instrument der Eugenik war die Zwangssterilisation, sie wurde bei zahlreichen bedauernswerten Opfern eingesetzt, die – aufgrund unglücklicher Umstände oder kleinerer Verfehlungen – der Regierung in die Hände fielen. Um 1930, in Louies frühen Teenagerjahren, war Kalifornien von der Wissenschaft der Eugenik wie berauscht; insgesamt wurden an die 20 000 Menschen sterilisiert.

Zu dieser Zeit brachte ein Ereignis in Torrance Louie zur Besinnung. Ein Junge aus der Nachbarschaft wurde für schwachsinnig erklärt, in eine Anstalt eingewiesen und entging nur deshalb knapp der Sterilisierung, weil sich seine Eltern nachdrücklich für ihr Kind einsetzten, wobei sie von ihren Nachbarn tatkräftig unterstützt wurden. Louies Geschwister nahmen den Jungen unter ihre Fittiche, halfen ihm in der Schule, und er wurde ein regelrechter Einserkandidat. Louie war immer nur wenige Zentimeter von der Jugendstrafanstalt oder dem Gefängnis entfernt, und als notorischer Unruhestifter, gescheiterter Schüler und undurchschaubarer Italiener war er genau die Sorte von Schurkenkandidat, auf die diese Eugeniker es abgesehen hatten. Schlagartig wurde ihm seine Situation bewusst, und das löste eine gewaltige Erschütterung bei ihm aus.

Der Halbstarke, zu dem er sich entwickelt hatte, entsprach ihm doch 23 eigentlich nicht, das wusste Louie genau. Er machte zaghafte Versuche, die Beziehungen zu seiner Familie zu verbessern. Er schrubbte den Küchenboden, um seine Mutter zu überraschen, die allerdings selbstverständlich annahm, dass Pete das gute Werk getan hatte. Während sein Vater nicht in der Stadt war, überholte Louie den Motor des Familienautos, eines Marmon Roosevelt Straight-8 Sedan. Er verschenkte selbstgebackenen Kuchen; als seine Mutter, der das Chaos in der Küche zu viel wurde, ihn hinauswarf, machte er in der Küche eines Nachbarn weiter. Er gab fast alles zurück, was er gestohlen hatte. Er hatte »ein großes Herz«, sagte Pete. »Louie konnte alles hergeben, ob es ihm nun gehörte oder nicht.«

Aber jeder Versuch, sich zu bessern, ging schief. Jetzt schottete er sich ab, er las die Geschichten um Zane Grey und träumte sich in sie hinein: Ein Mann und sein Pferd allein im Grenzland, weit entfernt von der schnöden Welt. Ständig saß er im Kino und schaute sich Westernfilme an, und er ließ sich von der Szenerie so in Bann schlagen, dass er den Handlungsfaden verlor. Es gab Nächte, in denen er sein Bettzeug in den Garten schleppte, um allein zu schlafen. In anderen Nächten lag er wach im Bett, unter den Postern des Cowboys Tom Mix und seines Wunderpferdes Tony, die er an die Wand gepinnt hatte, und fühlte sich von Stricken gefesselt, die er nicht abschütteln konnte.

In seinem Schlafzimmer auf der Rückseite des Hauses konnte er hören, wie die Züge vorbeifuhren. Er lag neben seinem schlafenden Bruder und lauschte dem leisen Rollen der näherkommenden Züge: erst schwach, dann lauter werdend, schwach wieder, dann ein schrilles, lockendes Pfeifen, und vorbei. Von diesem Geräusch bekam er eine Gänsehaut. Er lag da, von Sehnsucht verzehrt, und stellte sich vor, wie er im Zug saß und in ein Land fuhr, das sich seinem Blick entzog – wie er selbst immer kleiner wurde, bis er in der Ferne verschwand.

2 Rennen wie WAHNSINNIG

Die Rehabilitierung des Louie Zamperini begann im Jahr 1931 mit einem Schlüssel. Der 14-Jährige stand im Laden eines Schlossers, da hörte er jemanden sagen, ein Schlüssel, den man in ein beliebiges Schlüsselloch steckt, passe mit einer Wahrscheinlichkeit von eins zu fünfzig. Das inspi rierte Louie so sehr, dass er anfing, Schlüssel zu sammeln und an Schlössern auszuprobieren. Er hatte kein Glück, bis er eines Tages den Schlüssel zum Haus der Familie Zamperini am Hintereingang zur Turnhalle der Torrance Highschool ausprobierte. Als dann die Basketball-Saison begann, fiel die unerklärliche Diskrepanz zwischen der Anzahl der für 10 Cent verkauften Tickets und der um einiges größeren Menge von jugendlichen Zuschauern auf den Tribünen auf. Gegen Ende des Jahres roch irgendjemand Lunte, und Louie wurde wie schon zahllose Male zuvor zum Schulleiter zitiert. In Kalifornien begann das Schuljahr für die im Winter geborenen Schüler im Januar, und Louie sollte jetzt mit der 9. Klasse anfangen. Der Schulleiter bestrafte ihn damit, dass er für sportliche und soziale Aktivitäten nicht gewählt werden durfte. Louie, der noch nie irgendwo dazugehört hatte, nahm das Urteil mit stoischer Gleichgültigkeit hin.

Als diese Geschichte Pete zu Ohren kam, machte er sich umgehend zum Schulleiter auf. Seine Mutter sprach zwar noch nicht sehr viel Englisch, aber er schleppte sie mit, um seinem Auftritt mehr Gewicht zu verleihen. Er erklärte dem Schulleiter, dass es Louies innigster Wunsch sei, Aufmerksamkeit zu bekommen, und da er es einfach nicht schaffte, sie in Form von Lob zu bekommen, holte er sie sich eben als Bestrafung. Wenn jemand anerkennen würde, dass Louie etwas richtig machte, so Petes Argumentation, dann würde das sein Leben von Grund auf ändern. Er bat den Schulleiter, Louie zu erlauben, sich an einer Sportart zu beteiligen. Als der Schulleiter mauerte, fragte ihn Pete, ob er tatsächlich damit leben könne, Louie scheitern zu lassen. Für einen 16-Jährigen war das gegenüber einem Schulleiter ein starkes Stück, aber Pete war nun mal der einzige Jugendliche in ganz Torrance, der die richtige Überzeugungskraft hatte, um mit einer solchen Bemerkung 25 durchzukommen. Louie wurde also für das Jahr 1932 doch zur Leichtathletik zugelassen.1

Pete hatte große Pläne für Louie. Er selbst stand 1931 /32 schon kurz vor seinem Schulabschluss, den er mit zehn Sportdiplomen ablegen würde, darunter drei in Basketball und drei in Baseball. Die letzten vier aber hatte er für seine Leistungen als Läufer bekommen: Er hatte den Schulrekord für die halbe Meile eingestellt und war eine Meile in der Rekordzeit von 5 : 06 gelaufen. Hier lag seine wahre Stärke. So wie Pete seinen Bruder kannte, dessen Ausreiß-Geschwindigkeit unzählige Male seine einzige Rettung war, schlummerte in ihm dieselbe Begabung.

Es war dann aber gar nicht Pete, der Louie zum ersten Mal auf die Rennbahn brachte, vielmehr stand am Anfang Louies Schwäche für Mädchen. Im Februar begannen die Schülerinnen der 9. Klasse, ein Team für einen klassenübergreifenden Leichtathletikwettbewerb aufzustellen; in der Klasse waren nur vier Jungen, und von diesen war wiederum Louie der Einzige, der wenigstens so aussah, als könne er rennen. Die Mädchen setzten ihren Charme ein, und so stand Louie dann irgendwann auf der Rennbahn, barfuß, um ein 660-Yard-Rennen zu laufen. Als alle losrannten, folgte er, arbeitete sich mühsam mit pumpenden Ellbogen vorwärts und blieb weit abgeschlagen zurück. Als er es schließlich über die Ziellinie geschafft hatte, hörte er Gekicher. Keuchend und gedemütigt verließ er umgehend die Bahn und versteckte sich unter der Zuschauertribüne. Der Trainer murmelte vor sich hin, dass dieser Kerl sonstwohin gehöre, aber sicher nicht unter die Läufer. »Er ist mein Bruder«, war Petes Kommentar.

Von diesem Tag an ließ Pete Louie nicht mehr aus den Augen, er zwang ihn zu trainieren und nötigte ihn dann auch zu seinem zweiten Wettkampf. Jetzt strengte sich Louie immerhin so sehr an, dass er unter den Anfeuerungsrufen seiner Mitschüler einen anderen Jungen schlug und Dritter wurde. Das Laufen selbst hasste er, aber der Applaus war berauschend, und die Perspektive, mehr davon zu bekommen, reichte gerade hin, seine Kooperationsbereitschaft einigermaßen aufrechtzuerhalten. Pete trieb ihn an, jeden Tag zu trainieren, er fuhr mit dem Fahrrad hinter ihm her und schlug ihn mit einem Stock. Louie lief schlurfend, er hatte Seitenstechen, und bei den ersten Anzeichen von Ermüdung ließ er sich fallen. Pete befahl ihm, aufzustehen und weiterzulaufen. Dann fing Louie an zu gewinnen. Bis zum Ende der Saison war er der erste Jugendliche in Torrance, der an den All City Finals teilnahm. Er wurde Fünfter.

Pete hatte recht behalten, was Louies Talent betraf. Für Louie aber stellte 26 das Training nur eine weitere qualvolle Einschränkung dar. Nachts lauschte er auf das Pfeifen der vorbeifahrenden Züge, und eines Tages im Sommer 1932 hielt er es nicht mehr aus.

Es begann mit der Aufforderung seines Vaters, bei irgendetwas zu helfen. Louie weigerte sich, es kam zu einem Streit, und schon schmiss Louie ein paar Kleidungsstücke in eine Tasche und stürmte aus dem Haus. Seine Eltern befahlen ihm zu bleiben, doch er hörte schon nicht mehr zu. Als er aufbrach, eilte seine Mutter in die Küche und kam ihm dann mit einem in Wachspapier eingeschlagenen Sandwich hinterher. Louie stopfte es in seine Tasche und ging. Er war noch nicht ganz auf der Straße, als er hörte, dass jemand seinen Namen rief. Er drehte sich um und sah seinen Vater, der mit grimmiger Miene in der Haustür stand, in seiner ausgestreckten Hand zwei Dollar. Das war viel Geld für einen Mann, dessen Wochenlohn nicht für die ganze Woche reichte. Louie nahm das Geld und ging.

Er tat sich noch mit einem Freund zusammen; sie trampten dann nach Los Angeles, knackten ein Auto und verbrachten darin die Nacht. Am nächsten Tag sprangen sie auf einen Zug, kletterten auf das Dach und fuhren in Richtung Norden.

Der Trip war ein Alptraum. Die Jungen wurden in einen Güterwagen eingeschlossen, in dem es so heiß war, dass sie an nichts anderes mehr denken konnten, als so schnell wie möglich wieder herauszukommen. Louie fand eine weggeworfene Metallleiste, kletterte auf die Schultern seines Freundes, stemmte eine Abzugsöffnung auf, quetschte sich hinaus und half dann seinem Freund hoch, wobei er sich fürchterliche Schnittwunden holte. Später wurden sie vom Eisenbahn-Detektiv aufgestöbert, der sie mit vorgehaltener Pistole zwang, vom fahrenden Zug zu springen. Nach mehreren Tagen Fußmarsch, nachdem sie aus diversen Gemüsegärten und Lebensmittelläden hinaus gejagt worden waren, in denen sie versucht hatten, sich etwas zu essen zu organisieren, hockten sie schließlich zwischen den Gleisen hinter einem Bahnhof, dreckig, zerschrammt, von der Sonne verbrannt und mit durchnässten Kleidern, und teilten sich eine Dose Bohnen, die sie irgendwo gestohlen hatten. Ein Zug fuhr vorbei. Louie blickte auf. »Ich sah … schöne weiße Tischdecken, Kristallgläser auf den Tischen und feine Speisen, und die Leute lachten und unterhielten sich und aßen«, erzählte er später. »Und ich saß zitternd da draußen und futterte diese erbärmlichen Dosenbohnen.« Ihm fiel das Geld in der Hand seines Vaters ein, die Angst in den Augen seiner Mutter, als sie ihm das Sandwich gab. Er stand auf und machte sich auf den Weg nach Hause.

Als er wieder das Haus seiner Eltern betrat, empfing ihn Louise mit offenen Armen, suchte ihn nach Wunden ab, nahm ihn mit in die Küche und gab ihm einen Keks. Anthony kam nach Hause, sah Louie und ließ sich, aufgelöst vor Erleichterung, auf einen Stuhl fallen. Nach dem Abendessen ging Louie nach oben, legte sich ins Bett und flüsterte Pete seine Kapitulationserklärung ins Ohr.

Im Sommer 1932 tat Louie dann eigentlich fast nichts anderes als rennen. Auf Einladung eines Freundes zog er für die Sommermonate in eine Hütte im Indianerreservat der Cahuilla um, in der südkalifornischen Wüste. Jeden Morgen stand er mit der Sonne auf, schnappte sich sein Gewehr und begann seinen Lauf durch die Wüstenlandschaft. Er rannte Hügel hinauf und hinunter, über die trockene Ebene, durch Hohlwege. Er sprintete hinter Wildpferdherden her, mischte sich unter die dahinjagenden Tiere und versuchte vergeblich, eine Mähne zu fassen zu bekommen, um sich auf eines der Tiere hinaufzuschwingen. Er badete in einer Schwefelquelle, beobachtete Cahuilla-Frauen beim Waschen ihrer Wäsche auf den Felsen und streckte sich ebenfalls auf den Felsen zum Trocknen in der Sonne aus. Auf seinem nachmittäglichen Lauf zurück in die Hütte schoss er sich ein Kaninchen fürs Abendessen. Jeden Abend kletterte er mit einem Zane-Grey- Roman aufs Dach der Hütte und las, bis die Sonne unterging und die Worte vor seinen Augen verschwammen. Dann ließ er seinen Blick über das weite Land schweifen; tief berührt von der Schönheit seiner Umgebung schaute er dem Wechsel der Farben von Grau bis Purpur zu, bis die Dunkelheit Land und Himmel ganz zudeckte. Am nächsten Morgen stand er auf und lief weiter. Er lief nicht vor etwas weg oder auf etwas zu, er lief nicht für oder gegen jemanden; er lief, weil sein Körper es so wollte. Die Unruhe, die innere Unsicherheit und der Zwang zum Widerspruch verschwanden. Er fühlte nur noch Frieden.

Als er nach Hause zurückkehrte, hatte er eine regelrechte Laufmanie entwickelt. Die ganze Energie, die er vormals für seine Gaunereien gebraucht hatte, brachte er jetzt auf die Rennbahn. Auf Petes Anweisung hin rannte er die gesamte Zeitungsbotenstrecke für den Torrance Herald, er rannte morgens zur Schule und nachmittags wieder heim, er rannte zum Strand und zurück. Um sich die Sache etwas zu erschweren, benutzte er nicht den Bürgersteig, sondern rannte durch die Vorgärten der Nachbarn und benutzte die niedrigen Grenzbüsche als Hürden. Rauchen und Trinken gab er ganz auf. Um seine Lungenkapazität zu vergrößern, rannte er ins Schwimmbad von Redondo Beach, tauchte auf den Grund des Beckens und hielt sich so lange am Ablassstopfen fest, bis ihm die Luft ausging. Irgendwann schaffte er 3 Minuten und 45 Sekunden ohne Luftholen. Es kam immer wieder vor, dass Leute ins Becken sprangen, die meinten, sie müssten ihn vor dem Ertrinken retten.

Louie fand außerdem ein Rollenvorbild. In den 1930er Jahren war die Leichtathletik in den USA ungeheuer populär, und jedes Kind kannte die Namen der Spitzenläufer. Zu ihnen gehörte unter anderem Glenn Cunningham, ein Mittelstreckenläufer, der für die Kansas University lief. Als Kind war Cunningham Opfer einer Explosion in seiner Schule geworden, bei der sein Bruder ums Leben kam und er selbst schwere Verbrennungen an Beinen und Rücken davontrug. Es dauerte eineinhalb Monate, bis er überhaupt in der Lage war, sich aufzusetzen, und noch länger, bis er wieder stehen konnte. Er konnte seine Beine nicht gerade ausstrecken und bewegte sich vorwärts, indem er sich über einen Stuhl lehnte und seine Beine hinterherzog. Die nächste Stufe war der Hinterleib des familieneigenen Maultiers; als er sich dann später irgendwann an ein geduldiges Pferd namens Paint klammerte, fing er an zu rennen, eine Fortbewegungsart, die ihm zu Beginn entsetzliche Schmerzen verursachte. Innerhalb weniger Jahre aber wurde er zu einem Läufer, der neue Rekorde über eine Meile aufstellte und seine Gegner häufig so weit hinter sich zurückließ, dass er auf der Zielgeraden allein war. Im Jahr 1932 war der bescheidene, gutherzige Cunningham, dessen Beine und Rücken mit einem Netz von Narben überzogen waren, eine nationale Sensation, und er stand im Ruf, der beste Läufer über eine Meile in der amerikanischen Geschichte zu sein. Louie hatte seinen Helden gefunden.

Im Herbst 1932 wechselte Pete nach Compton, ein Junior-College, das keine Studiengebühren verlangte, und entwickelte sich dort zu einem der besten Läufer. Fast jeden Nachmittag kam er heim, um mit Louie zu trainieren, er rannte neben dem Bruder her, arbeitete an der Zähmung der ungebärdigen Ellbogen und brachte ihm Strategie bei. Louie hatte den seltenen biomechanischen Vorzug, dass seine Hüften rollten, während er lief; wenn ein Bein sich nach vorn ausstreckte, dann schwang die entsprechende Hüfte mit nach vorn, wodurch er außergewöhnlich effiziente, über zwei Meter lange Schritte machen konnte. Die Cheerleaderin Toots Bower Sox brauchte nur ein einziges Wort, als sie Louie zum ersten Mal in der Torrance High School hatte laufen sehen: »Smoooooth.« Pete war überzeugt, dass die Sprints, die Louie bislang gelaufen hatte, zu kurz für ihn waren; er war für die Meile prädestiniert, genau wie Glenn Cunningham.

Im Januar 1933 kam Louie in die 10. Klasse. Er hatte seine abweisende, widerborstige Art abgelegt und war nun bei seinen Schulkameraden wesentlich beliebter. Man traf sich zu Wiener Würstchen vor Kellow’s HamburgerStand, wo Louie an Sing-Alongs zur Ukulele mitmachte und sich an Fußballspielen mit einem verknoteten Handtuch beteiligte, die unweigerlich damit endeten, dass eine Cheerleaderin in einen Mülleimer gestopft wurde. Louie nutzte seine plötzliche Beliebtheit und bewarb sich als Klassensprecher; er wurde gewählt und borgte sich die Rede, die Pete benutzt hatte, um seinerseits Jahrgangssprecher in Compton zu werden. Das Schönste aber war, dass die Mädchen plötzlich anfingen, ihn zu umschwärmen. An seinem 16. Geburtstag – er war allein unterwegs – überfiel ihn eine Horde kichernder Cheerleaderinnen. Ein Mädchen setzte sich Louie auf den Rücken, und die anderen gaben ihm 16 Schläge auf den Hintern, plus eine Zugabe, weil’s so schön war.

Als an der Schule dann im Februar die Sportsaison eröffnet wurde, konnte Louie überprüfen, was er im Training geschafft hatte. Seine Verwandlung war überwältigend. Er trat in Shorts aus schwarzer Seide an, die seine Mutter für ihn aus dem Stoff eines Rocks genäht hatte, und gewann ein Rennen über 880 Yard, bei dem er den Schulrekord, der unter anderem von Pete gehalten wurde, um mehr als zwei Sekunden unterbot. Eine Woche später lief er bei einem Rennen über eine Meile dem gesamten Feld davon; die Stoppuhren verzeichneten 5 : 03, drei Sekunden schneller als Petes Rekord. Bei einem weiteren Rennen schaffte er eine Meile in 4 : 58. Drei Wochen später lief er einen neuen Landesrekord von 4 :50.6. Anfang April lag er bei 4 : 46, Ende April bei 4 : 42.11 »Mann o Mann o Mann!«, so titelte die ört liche Zeitung. »Kann er denn fliegen, dieser unglaubliche ZamperiniJunge?«

Louie lief fast jede Woche ein Rennen über eine Meile und blieb die ganze Saison über absolut ungeschlagen. Als es keine Schulkameraden mehr gab, denen er davonrennen konnte, nahm er es mit Pete und 13 weiteren Läufern vom College in einem Rennen über zwei Meilen in Compton auf. Er war zwar erst 16 und hatte diese Distanz bislang noch nicht einmal gezielt trainiert, trotzdem gewann er mit einem Vorsprung von knapp 50 Metern. Als nächstes nahm er sich die Zwei-Meilen-Distanz bei den UCLA’s Southern California Cross Country-Läufen vor. Er lief so anstrengungslos, dass er keinen Bodenkontakt mehr spürte, ging sofort in Führung und lief allen davon. Nach der Hälfte der Strecke lag er eine Achtelmeile weit in Führung, und die Zuschauer waren überzeugt, dass der Junge in den schwarzen Shorts kurz vor dem Zusammenbruch stand. Aber Louie brach nicht zusammen. Nachdem er den Endspurt praktisch im Flug genommen und einen spektakulären neuen Rekord aufgestellt hatte, blickte er zurück auf die lange Ziel

1933: Louie gewinnt den UCLA’s Southern California Cross Country-Lauf über zwei Meilen mit einem Vorsprung von über einer Viertelmeile. Im Hintergrund rennt Pete gerade los, um ihn in Empfang zu nehmen.

gerade. Die anderen Läufer waren noch nicht einmal zu sehen. Louie war mehr als eine Viertelmeile vor ihnen durchs Ziel gegangen. Louie war tatsächlich einer Ohnmacht nahe, aber das lag nicht daran, dass er sich über Gebühr verausgabt hatte – im Gegenteil, es war das Gefühl, endlich zu wissen, wer er wirklich war.

Der Tornado von Torrance

Jeden Samstag war es das Gleiche: Louie ging auf den Sportplatz, wärmte sich auf, legte sich im Innenfeld der Länge nach auf den Boden und visualisierte das bevorstehende Rennen, dann begab er sich zur Startlinie, wartete auf den Startschuss und spurtete los. Pete rannte im Innenfeld auf und ab, betätigte seine Stoppuhr und schrie seinem Bruder Anfeuerungen und Anweisungen zu. Wenn Pete dann das entscheidende Signal gab, zog Louie das Tempo an und holte mit seinen langen Beinen richtig aus; seine Gegner – »ernüchtert und am Boden zerstört«1 – blieben hoffnungslos abgehängt zurück. Louie flog über die Ziellinie, wo ihn Pete unter dem Jubel und Beifall der Jugendlichen auf den Tribünen in Empfang nahm. Dann kamen die Horden von Mädchen, die ein Autogramm von ihm wollten, die Heimfahrt, Küsse von der Mutter, Schnappschüsse auf der Wiese vor dem Haus mit der Siegestrophäe in der Hand. Der übliche Siegespreis war eine Armbanduhr, und Louie gewann so viele, dass er sie in der ganzen Stadt verteilte. Alle paar Monate wurde ein neuer Wunderknabe ausgerufen, dem es endlich gelingen würde, Louie zu besiegen – was aber für die Hochgelobten immer nur mit einer bitteren Enttäuschung endete. Eines der Opfer, so schrieb ein Reporter, war gerühmt worden als »der Junge, der bisher keine Ahnung hatte, wie schnell er rennen kann. Seit Samstag weiß er es.«

Die Krönung der Highschool-Zeit kam für Louie im Jahr 1934 anlässlich der Southern California Track and Field Championship. Louie lief in einem Feld, das als die bislang beste Kombination von Highschool-Läufern über eine Meile galt. Louie ließ alle hinter sich zurück und schaffte die Meile in 4 : 21.3, womit er den während des Ersten Weltkriegs aufgestellten nationalen Highschool-Rekord um mehr als zwei Sekunden unterbot. Sein schärfster Rivale verausgabte sich dermaßen, dass er vom Platz getragen werden musste. Als Louie in Petes Arme trabte, verspürte er einen Stich des Bedauerns: Er fühlte sich nicht erschöpft genug. Wenn er die zweite Runde schneller genommen hätte, so seine Meinung, dann hätte er 4:18 schaffen können. Ein Reporter prophezeite, dass Louies Rekord 20 Jahre halten würde. Es wurden dann 19.

Louie, einstmals der Schrecken der Bürger von Torrance, war nun ihr Super star, und sie verziehen ihm alles. Wenn er trainierte, schauten sie vom Zaun aus zu und feuerten ihn an: »Lauf, Iron Man!« Ständig erschienen auf den Seiten der Los Angeles Times und des Examiner neue Berichte über das Wunder, das von der Times als »Torrance Tempest« (Sturm von Torrance) bezeichnet wurde praktisch alle anderen redeten vom »Torrance Tornado«. Es wurde berichtet, dass die Reportagen über Louie für den Torrance Herald eine so bedeutende Einnahmequelle waren, dass der Verlag die Beine des Läufers auf eine Summe von 50 000 Dollar versicherte. Bei jedem Rennen, in dem Louie antrat, waren zahlreiche Einwohner von Torrance unter dem Publikum; es wurden zu diesem Zweck Fahrgemeinschaften organisiert. Louie, dem der ganze Trubel zu weit ging, bat seine Eltern, nicht zu seinen Läufen zu kommen. Louise kam trotzdem, sie linste durch den Zaun, aber die Rennen regten sie dermaßen auf, dass sie in den entscheidenden Momenten nicht hinschauen konnte.

Es war noch gar nicht so lange her, dass Louies Zukunftspläne gerade mal bis zu dem Küchenfenster reichten, an dem er sich am leichtesten bedienen konnte. Jetzt nahm er sich ein aberwitzig kühnes Ziel vor: die Olympischen Spiele 1936 in Berlin. Es gab bei den Olympischen Spielen kein Rennen über die Distanz von einer Meile, die Läufer mussten vielmehr 1500 Meter laufen, rund 100 Meter weniger als eine Meile. Der 1500-Meter-Lauf war eine Disziplin für gestandene Männer; die meisten Koryphäen liefen ihre Bestzeit im Alter von rund 25 Jahren oder später. Im Jahr 1934 war der Favorit für die olympischen 1500 Meter Glenn Cunningham, der nur wenige Wochen nach Louies nationalem Highschool-Rekord einen neuen Weltrekord für die Meile aufgestellt hatte. Cunningham nahm seit der vierten Klasse an Rennen teil, und bei den Spielen von 1936 wäre er gerade knapp 27. Seine schnellste Meile lief er dann mit 28. Louie dagegen hatte im Jahr 1936 erst fünf Jahre Wettkampferfahrung und war erst 19.

Aber Louie war ja schon der schnellste Highschool-Läufer über eine Meile in der amerikanischen Geschichte überhaupt, und seine Leistung steigerte sich mit einer so rasanten Geschwindigkeit, dass er innerhalb von zwei Jahren seine Zeit schon um ganze 42 Sekunden verbessert hatte. Seine beste Zeit für eine Meile, die er mit 17 erreicht hatte, war dreieinhalb Sekunden schneller als Cunninghams schnellste Highschool-Meile, gelaufen im Alter von 20. Selbst konservative Leichtathletik-Experten fingen an, sich für die Vorstellung zu erwärmen, dass Louie vielleicht die Ausnahme von der Regel sein könnte, und sie sahen sich in ihrer Hoffnung bestärkt, nachdem Louie in seinem letzten Schuljahr buchstäblich jedes Rennen gewonnen hatte. Louie jedenfalls war überzeugt, dass er es schaffen konnte, und Pete teilte seine Zuversicht. Louie wollte in Berlin antreten; noch nie in seinem Leben hatte er sich etwas so sehr gewünscht.

Im Dezember 1935 machte Louie seinen Highschool-Abschluss; wenige Wochen später läuteten die Kirchenglocken das neue Jahr 1936 ein, das für Louie nur einen Inhalt hatte: Berlin. Die Auswahlläufe für die Olympiade sollten im Juli in New York stattfinden; das Olympische Komitee würde dort die Teilnehmer aufgrund mehrerer Qualifizierungsläufe bestimmen. Louie hatte sieben Monate Zeit, sich auf diese Läufe vorzubereiten. Gleichzeitig musste er sich für eines der zahlreichen College-Stipendien entscheiden, die man ihm anbot. Pete hatte ein Stipendium für die University of Southern California (USC) bekommen, er war dort in die Reihe der nationalen Top Ten unter den Collegeläufern über eine Meile aufgestiegen. Er empfahl Louie, das Angebot der USC anzunehmen, aber erst im Herbst mit dem Studium anzufangen, damit er sich ganz auf das Training konzentrieren konnte. Louie zog also in Petes Verbindungshaus ein und startete unter Anleitung seines Bruders ein intensives Training. Täglich, stündlich lebte und arbeitete er auf das eine Ziel hin: die 1500 Meter in Berlin.

Im Frühjahr jedoch dämmerte ihm, dass er es nicht schaffen konnte. Er wurde zwar täglich schneller, aber er konnte seinen Körper nicht in so kurzer Zeit in einen Zustand zwingen, mit dem er den Abstand zu seinen älteren Rivalen bis zum Sommer hätte aufholen können. Er musste sich der niederschmetternden Erkenntnis beugen, dass er einfach noch nicht alt genug war.

Im Mai fiel Louie bei der Zeitungslektüre ein Artikel über die Compton Open auf ein berühmtes Rennen, das am 22. Mai im Los Angeles Coliseum stattfinden sollte. Der Favorit für den 5000-Meter-Lauf (3 Meilen und 188 Yards) war Norman Bright, ein 26-jähriger Lehrer. Bright hatte 1935 einen amerikanischen Rekord über zwei Meilen aufgestellt und war nach dem legendären Don Lash, der 23-jährigen Rekordzertrümmerungsmaschine von der Indiana University, Amerikas zweitschnellster 5000-MeterMann. Drei Läufer aus den USA sollten für die 5000-Meter-Distanz nach Berlin geschickt werden, und Lash und Bright standen bereits fest. Pete drängte Louie, sich an den Compton Open zu beteiligen und seine Beine über eine längere Distanz zu testen. »Wenn du an Norman Bright dranbleiben kannst«, so Pete zu Louie, »dann schaffst du es ins Olympia-Team.«

Es stand also eine beträchtliche Ausweitung der Strecke an. Eine Meile bedeutete vier Runden; die 5000 Meter waren mehr als zwölf Runden – eine Distanz, die Louie später als eine »15-Minuten-Folterkammer« beschreiben sollte, immerhin war die Strecke mehr als dreimal so lang wie seine bisherige optimale Distanz. Erst zweimal hatte er in einem Rennen mehr als eine Meile bezwungen, und die 5000 Meter wurden ebenso wie die Meile von wesentlich älteren Athleten dominiert. Es blieben ihm lediglich zwei Wochen, um für Compton zu trainieren, und zwei Monate bis zu den Ausscheidungswettkämpfen für die Olympischen Spiele im Juli – zwei Monate also, um der jüngste Spitzenmann Amerikas für die 5000 Meter zu werden. Aber er hatte ja nichts zu verlieren. Er trainierte derartig hart, dass er sich an einem Zeh die Haut abrieb und seine Socke vollblutete.

Das Rennen war ein Publikumsmagnet, 10 000 Zuschauer waren gekommen. Louie und Bright ließen gleich zu Beginn das Feld weit hinter sich. Sobald der eine in Führung ging, schloss der andere auf, und die Menge tobte. Auch als sie zur letzten Runde einbogen, waren sie immer noch ganz nah beieinander, Bright innen, Louie außen. Vor ihnen lief John Casey, der gleich überholt sein würde. Linienrichter gaben Casey Zeichen, und er versuchte auszuweichen, aber Bright und Louie hatten ihn erreicht, bevor er ihnen die Bahn freimachen konnte. Bright konnte sich innen vorbeiarbeiten, Louie aber musste nach rechts ausweichen, damit er um Casey herumkam. Casey zog in einem Moment der Verwirrung ebenfalls nach rechts und trug Louie noch weiter aus der Bahn. Louie beschleunigte, um an ihm vorbeizukommen, doch auch Casey wurde schneller und drängte Louie in Richtung Zuschauertribüne. Schließlich machte Louie einen halben Schritt, um nach innen zu kommen, verlor das Gleichgewicht und berührte mit einer Hand den Boden. Bright hatte mittlerweile einen Vorsprung, der nach Petes Einschätzung mehrere Yards betrug. Louie beschleunigte hinter ihm, und der Abstand verringerte sich schnell. Die Menge hielt es nicht mehr auf den Sitzen, und unter ihren Schreien und Anfeuerungsrufen erreichte Louie Bright genau am Zielband. Er war einen Tick zu spät: Bright gewann um Haaresbreite. Er und Louie hatten den schnellsten nationalen 5000-Meter-Lauf des Jahres geschafft. Und Louies Träume von Berlin hatten neue Nahrung.

Am 13. Juni machte Louie kurzen Prozess mit einem weiteren Bewerber für den 5000-Meter-Lauf in Berlin, doch der Zeh, den er sich beim Training wund gelaufen hatte, bereitete ihm wieder Probleme. Er war zu angeschlagen, um für sein letztes Qualifikationsrennen zu trainieren, und das rächte sich.Bright schlug Louie mit vier Yards, aber das konnte Louie nicht entmutigen, nachdem er den drittschnellsten 5000-Meter-Lauf in Amerika seit 1931 gelaufen war. Die Einladung zur Endausscheidung für die Olympischen Spiele war ihm sicher.

Am Abend des 3. Juli 1936 versammelten sich die Einwohner von Torrance, um Louie zu seiner Reise nach New York zu verabschieden. Sie überreichten ihm eine großzügig mit Reisegeld gefüllte Geldbörse, ein Zugticket, neue Anzüge, ein Rasier-Set und einen Koffer, auf dem die Aufschrift TORRANCE TORNADO prangte.12 Louie, der nicht wie ein Angeber aussehen wollte, zog sich mit dem Koffer kurz zurück, überklebte seinen Spitznamen mit Klebe band und bestieg dann den Zug. In seinem Tagebuch hielt er fest, dass er die Reise damit zubrachte, sich jedem hübschen Mädchen vorzustellen, das ihm über den Weg lief, was allein zwischen Chicago und Ohio zu fünf neuen Bekanntschaften führte.

Als sich in New York die Zugtüren öffneten, hatte Louie das Gefühl, in der Hölle gelandet zu sein. Es war der heißeste Sommer in Amerika seit Beginn der Temperaturmessungen, und New York hatte es mit am schlimmsten getroffen. Im Jahr 1936 gab es noch fast keine Klimaanlagen, nur einige wenige Kinos und Kaufhäuser verfügten über diesen Luxus; es war also nahezu ausgeschlossen, der Hitze zu entkommen. In dieser Woche mit den drei heißesten Tagen in Folge brachte die Hitze 3000 Amerikaner um. Allein in Manhattan starben 40 Menschen, als das Thermometer auf über 41 Grad kletterte.

Louie und Norman Bright teilten sich die Kosten eines Zimmers im Lincoln Hotel. Wie alle anderen Athleten mussten auch sie ungeachtet der Hitze weitertrainieren. Sie schwitzten Tag und Nacht, trainierten unter sengender Sonne und fanden in den stickigen Zimmern ihrer Unterkünfte keinen Schlaf; der Appetit verging ihnen fast völlig, weswegen alle Athleten bedenklich viel Gewicht verloren. Einer Schätzung zufolge nahm keiner weniger als neun Pfund ab. Einer der Wettkämpfer war dermaßen erschöpft von der Hitze, dass er seinen Standort in ein Kino mit Klimaanlage verlegte, sich Eintrittskarten für mehrere Filme hintereinander kaufte und während der Vorführung seinen Schlaf nachholte. Louie ging es nicht besser als seinen Kameraden. Er war chronisch dehydriert und trank so viel er konnte; nach einem 880-Meter-Lauf bei einer Temperatur von über 40 Grad stürzte er acht Flaschen Limonade und fast einen Liter Bier hinunter. Nachts nutzte er die Abkühlung und marschierte sechs Meilen. Sein Körpergewicht befand sich im freien Fall.

Die Berichterstattung in den Zeitungen ärgerte ihn. Don Lash wurde allgemein für unschlagbar gehalten, er hatte sich gerade zum dritten Mal den 5000-Meter-Titel der NCAA gesichert, einen Weltrekord über zwei Meilen aufgestellt sowie einen amerikanischen Rekord über 10 000 Meter; wiederholt hatte er Bright geschlagen, einmal mit einem Vorsprung von fast 150 Metern. Bright galt als der sichere Zweite, und eine Reihe weiterer Athleten wurden als Platz Drei bis Fünf gehandelt. Louie gehörte nicht dazu. Selbstverständlich hielt auch Louie Lash für unschlagbar, aber es waren die ersten drei Läufer, die nach Berlin fahren durften, und Louie glaubte fest daran, dass er einer davon sein würde. »Wenn diese Hitze von meiner Kondition noch irgendetwas übriglässt«, so Louie in einem Brief an Pete, »dann schlage ich Bright und jage Lash einen Schrecken ein, den er sein Lebtag nicht vergessen wird.«

In der Nacht vor dem Rennen lag Louie schlaflos in seinem brütend heißen Hotelzimmer. In Gedanken war er bei all den Menschen, die bitter enttäuscht gewesen wären, wenn er scheiterte.

Am nächsten Morgen verließen Louie und Bright zusammen das Hotel. Die Ausscheidungswettkämpfe sollten in einem neuen Stadion auf Randall’s Island stattfinden, beim Zusammenfluss des East River mit dem Harlem River. In der City betrug die Temperatur rund 35 Grad, aber als sie aus der Fähre stiegen, mussten sie feststellen, dass es im Stadion viel heißer war, wahrscheinlich einiges über 40 Grad. Ständig kippten Athleten um und wurden in umliegende Krankenhäuser gefahren. Louie wartete auf den Beginn seines Rennens und schmorte unter der erbarmungslosen Sonne, die, wie er schrieb, »mich völlig fertigmachte«.

Endlich wurden sie aufgerufen. Der Startschuss fiel, die Männer stürmten los, das Rennen war eröffnet. Lash ging sofort in Führung, Bright dicht hinter ihm. Louie blieb im Hauptpulk der Läufer, und die Schinderei nahm ihren Lauf.

Auf der anderen Seite des Kontinents drängte sich ein Pulk aus Einwohnern von Torrance um den Radioapparat im Haus der Zamperinis. Sie litten Höllenqualen. Die offizielle Startzeit für das Rennen, in dem Louie lief, war schon vorüber, aber der Ansager von der NBC hörte nicht auf, sich über die Schwimmwettkämpfe auszulassen. Pete war derartig frustriert, dass er dem Radio am liebsten einen kräftigen Tritt versetzt hätte. Endlich kam der Reporter auf die Positionierung der 5000-Meter-Läufer zu sprechen, ohne allerdings Louie zu erwähnen. Louise hielt die Spannung nicht mehr aus und floh außer Hörweite des Radios in die Küche.

Die Läufer brachten die siebte, achte, neunte Runde hinter sich. Lash und Bright führten das Feld an. Louie befand sich in der Mitte des Felds und wartete auf den richtigen Moment, um vorzustoßen. Die Hitze war erstickend. Ein Läufer brach zusammen, den anderen blieb nichts übrig, als über ihn hinwegzuspringen. Ein zweiter kollabierte, auch er wurde übersprungen. Louie spürte, wie seine Füße glühten; die Spikes seiner Schuhe leiteten die Hitze von der Bahn nach oben. Auch Norman Brights Füße brannten entsetzlich. Er hatte solche Schmerzen, dass er aus der Bahn strauchelte, wobei er sich den Knöchel verrenkte, doch er taumelte weiter. Das Stolpern hatte ihn anscheinend aus dem Konzept gebracht. Er verlor den Anschluss an Lash und konnte nicht verhindern, dass die anderen Läufer und Louie aufholten. Trotzdem rannte er weiter.

Als die Läufer in die letzte Runde einbogen, gönnte Lash sich eine Verschnaufpause, er ließ sich ein wenig hinter Tom Deckard, seinen Mannschaftskameraden aus Indiana, zurückfallen. Ein ganzes Stück hinter ihm war Louie zum entscheidenden Sprint bereit. Auf der Gegengeraden beschleunigte er. Lashs Rücken kam näher, jetzt war er nur noch einen, höchstens zwei Meter entfernt. Louie fühlte sich vom Anblick des vor ihm trabenden imposanten Don Lash eingeschüchtert und zögerte ein paar Schritte lang. Dann tauchte die letzte Kurve vor ihm auf, und der Anblick brachte ihn wieder zur Besinnung. Er sprintete los, so schnell er konnte.

Louie bog in die Kurve ein und lag mit Lash gleichauf, genau in dem Moment, als Lash nach rechts zog, um an Deckard vorbeizukommen. Louie wurde nach außen abgetrieben und verlor kostbaren Boden. Dann ließen Louie und Lash Deckard hinter sich und liefen nebeneinander in die Zielgerade ein. Es waren noch knapp 100 Meter zu laufen, und Louie lag leicht in Führung. Lash kämpfte erbittert und blieb ihm auf den Fersen. Keiner der beiden hatte noch irgendwelche Reserven. Louie sah, dass er mit vielleicht einer Handbreit vorn lag, und diesen Vorsprung wollte er nicht aufgeben.

Mit zurückgeworfenem Kopf und wild hämmernden Beinen rasten Louie und Lash auf das Zielband zu. Auf den letzten Metern holte Lash auf und war jetzt mit Louie auf einer Höhe. Die beiden Läufer, deren Beine sich vor Erschöpfung wie Gummi anfühlten, warfen sich in einem derart knappen Endspurt an den Linienrichtern vorbei, dass, wie Louie später erzählte, »kein Haar mehr zwischen uns gepasst hätte«.

Die Stimme des Ansagers dröhnte durch das Wohnzimmer in Torrance: Zamperini, so verkündete er, hatte gesiegt.
In der Küche hörte Louise, wie die Menge im Nebenzimmer plötzlich in lauten Jubel ausbrach. Von der Straße tönten Autohupen herein, die Haustür flog auf, und die Nachbarn strömten ins Haus. Mitten im Gewimmel der hysterisch begeisterten, feiernden Fans von Torrance brach Louise in Freudentränen aus. Anthony entkorkte Weinflaschen und füllte Gläser, brachte Toasts aus und grinste, so berichtete später einer der Mitfeiernden, »wie ein Esel, der gerade einen Kaktus verzehrt hat«. Einen Augenblick später kam Louies Stimme mit einem Gruß nach Torrance über den Äther.
Doch leider irrte sich der Ansager. Die Linienrichter befanden, dass Lash und nicht Zamperini das Rennen gewonnen hatte. Deckard war Dritter geworden. Der Ansager korrigierte sich kurz darauf, doch das konnte die Feier stimmung in Torrance nicht trüben. Eines stand sicher fest: Der Junge aus Torrance hatte es ins olympische Team geschafft.

Einige Minuten nach dem Rennen stand Louie unter der kalten Dusche. Noch immer spürte er die wunden Stellen an seinen Füßen, die die heißen Stollen unter seinen Sohlen gerieben hatten. Er trocknete sich ab und stellte sich auf die Waage. Drei Pfund hatte er herausgeschwitzt. Aus dem Spiegel schaute ihm ein gespenstisch erschöpftes Gesicht entgegen.

Auf der anderen Seite des Umkleideraums hatte Norman Bright sich auf eine Bank fallenlassen, er hatte ein Bein über das andere geschlagen und starrte auf seinen Fuß. Beide Füße waren so verbrannt, dass sich die Haut von der Fußsohle löste. Er war Fünfter geworden, hatte also das olympische Team um zwei Plätze verpasst.

Bis zum Abend bekam Louie 125 Telegramme.
TORRANCE DREHT DURCH, hieß es im einen; DIE STADT IST ÜBERGESCHNAPPT in einem anderen. Sogar die Polizeidirektion hatte ein Glückwunschtelegramm geschickt – dort war man sicher erleichtert, dass andere die Jagd auf Louie übernommen hatten.

In dieser Nacht brütete Louie über den Abendzeitungen, die Fotos vom Endspurt seines Rennens abdruckten. Es gab Bilder, auf denen es aussah, als sei er mit Lash gleichauf; auf anderen schien er vorn zu liegen. Im Augenblick des Zieleinlaufs war er sicher gewesen, dass er gewonnen hatte. Er hatte sich zwar als einer der ersten drei für die Olympiade qualifiziert, trotzdem fühlte er sich betrogen.

Und während er die Zeitungen studierte, schauten sich auch die Schiedsrichter die Bilder noch einmal an sowie einen Film, der von dem Lauf gedreht worden war. Später schickte Louie dann ein Telegramm mit den neuesten Meldungen nach Hause: SCHIEDSRICHTER SPRECHEN VON GLEICHSTAND. AUFBRUCH NACH BERLIN MITTWOCH MITTAG. WERDE MICH IN BERLIN NOCH MEHR ANSTRENGEN.

Als Sylvia am nächsten Tag von der Arbeit nach Hause kam, wimmelte es im Haus nur so von Gratulanten und Reportern. Louies Schwester Virginia, damals gerade 12 Jahre alt, hielt eine von Louies Trophäen im Arm und klärte die Reporter auf, dass sie der nächste Laufstar in der ZamperiniFami lie zu werden gedenke. Anthony begab sich in den Kiwanis-Club, wo er mit Louies Pfadfinder-Führer bis 4 Uhr in der Frühe in einer feuchtfröhlichen Runde Louies Sieg feierte. Pete tourte durch die Stadt, ließ sich auf die Schulter klopfen und nahm Glückwünsche entgegen. »Ich bin vielleicht glücklich!«, schrieb er an Louie. »Ich kriege schon mein Hemd nicht mehr zugeknöpft, so viel Platz brauche ich für meine Brust.«
»Was Zamperini in 15 Jahren durchlebt und erlitten hat, ist so unglaublich wie berührend. Ein starker Lesestoff.«
Harald Pauli, FOCUS, 14.11.2011

»Eine glaubhafte Erweckungsgeschichte, kongenial umgesetzt. Feine dokumentarische Arbeit, die kein Auge trocken lässt. Eine mitreißende und wunderhafte Lebensgeschichte.«
Frank Willmann, Weltexpress, 17.12.2011

»Laura Hillenbrand, die zurzeit erfolgreichste Sachbuchautorin der USA, erzählt mitreißend und erzeugt eine atemlose Spannung: den Flugzeugabsturz, die 47-tägige Irrfahrt im Schlauchboot durch den Pazifik, den Kampf gegen die Haie, die Kriegsgefangenschaft unter einem der grausamsten Verbrecher des Zweiten Weltkriegs.«
Horst Tress, Magazin Köllefornia, 30.11.2011
Klett-Cotta Aus dem Englischen von Susanne Held (Orig.: Unbroken)
1. Aufl. 2011, 519 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, Lesebändchen, mit ca. 40 Abb.
ISBN: 978-3-608-94624-6
autor_portrait
Washington Post

Laura Hillenbrand

Laura Hillenbrand, geboren am 15. Mai 1967 in Fairfax, Virginia, wuchs auf einer Ranch auf. Während des Studiums erkrankte sie an dem Chronischen...

https://www.youtube.com/v/kQh58EB2S10

Weitere Bücher von Laura Hillenbrand

Unbroken

Die unfassbare Lebensgeschichte des Louis Zamperini


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