Unglücklich glücklich

Von europäischer Melancholie und American Happiness
Buchdeckel „978-3-608-94113-5

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Ein Plädoyer für die Melancholie


Wir glauben fest an die Macht des positiven Denkens. Aber warum müssen wir eigentlich glücklich sein? Steht das in der Bibel oder im Grundgesetz? Der »Blues« der Seele ist heilsam in einer Welt der unverwüstlich guten Laune - er macht uns menschlicher.

Wir sind süchtig nach Happiness, verschlingen Wellness-Ratgeber und schlucken Glückspillen. Wer niedergeschlagen ist, gilt als angeschlagen, wer melancholisch ist, wird angezählt, wer depressiv ist, dem droht der soziale K.o. Aber würden wir auf Goya, Hölderlin, Melville, Proust, Kafka, Hemingway, Rothko oder Lennon - alle bekennende Melancholiker - verzichten? Könnten wir das wirklich?

Melancholie ist die Muse großer Werke der Literatur, Malerei und Musik. Ihr entspringen schöpferische Anstöße, nie vernommene Erkenntnisse, der ganz andere Blick auf die Welt und uns selbst. Eric G. Wilson hat eine fulminante Persiflage auf American Happiness und ein aufwühlendes Lob für die europäische Melancholie geschrieben!

Leseprobe
EINLEITUNG
... Melancholie ist ein furchtbares Geschenk.
Denn was anderes ist sie als das Teleskop
der Wahrheit?
George Gordon, Lord Byron
Wir leben in schlimmen Zeiten. Jeder noch so flüchtige Blick eröffnet uns eine mögliche Katastrophe. Meistens lässt uns das Gefühl, verfolgt zu werden, morgens in den Wachzustand aufschrecken - und wir taumeln nach draußen in ein geisterhaftes Sonnenlicht. Nachts wühlt Angst die Dunkelheit auf. Träume von leeren Straßen mäandern durch unseren unruhigen Geist. Wir halten diese Vorzeichen aus, die so ungreifbar und flüchtig sind wie der dunkle Schrecken, der auf ihrem Grund lauert, und mühen uns, genau in den Blick zu nehmen, was uns so ängstigt. Vor unserem inneren Auge entrollt sich die deprimierende Litanei globaler Probleme. Hoffentlich liefert uns diese Auflistung einen Sinn, einen Schlüssel zu unserer Unruhe.
Überblicken wir rasch den Horizont unserer Probleme: Nicht mehr lange, und unsere Ozonschicht ist zerfallen. Während ich schreibe, schmelzen die Polarkappen. Womöglich erleben wir in nur wenigen Jahrzehnten ein unheimliches Ansteigen der Ozeane. Selbst unsere größten, höchststrebenden Wolkenkratzer könnten bald von gleichgültigen Wellen verschlungen sein. Wir sind kurz davor, Hunderte von außergewöhnlichen Tierarten auszurotten. Diese Tiere - das weiße Rhinozeros, der Sumatra-Tiger, der kalifornische Kondor - haben eine jahrmillionenlange Evolution hinter sich. Nicht viel länger als ein menschliches Leben dauerte es, bis unsere Missachtung der Natur diese wunderbaren Geschöpfe beinahe verschwinden ließ. Bald wird es in unseren Wäldern keine vielfältigen Tierarten, keine vielfarbigen Vogelschwingen mehr geben. Die früher vor Leben wimmelnden Gebiete werden so nichtssagend sein wie eine zubetonierte Straßenlandschaft. Außerdem stehen wir am Rand eines neuen Kalten Krieges. Nicht mehr lange, und die nukleare Bewaffnung wird wieder zunehmen. Die Ängste aus der Mitte des letzten Jahrhunderts werden sich wieder einstellen. Wieder werden wir uns die bange Frage stellen müssen, ob dieses Jahr womöglich das letzte sein wird, in dem Menschen auf dieser zeitverfallenen Erde atmen und wandeln.
Und ich kann jetzt eine weitere Bedrohung hinzufügen, deren Gefährlichkeit möglicherweise den schlimmsten unserer apokalyptischen Vorstellungen in nichts nachsteht. Wir sind kurz davor, eine der wichtigsten kulturellen Kräfte zu eliminieren, eine bedeutende Inspirationsquelle jeglichen Erfindungsgeistes, die Muse für Kunst, Dichtung und Musik. Fieberhaft arbeiten wir daran, die Welt von zahlreichen Ideen und Visionen zu befreien, von vielfältigen Innovationen und Meditationen. Wir sind im Begriff, die Melancholie zu vernichten.
Wir fragen uns, ob das breite Angebot an Antidepressiva eines Tages den »süßen Schmerz« zu einem Relikt aus ferner Vergangenheit macht. Wird bald jeder zivilisierte Mensch glücklich sein? Werden wir eine Gesellschaft selbstzufriedener Smileys? Sirupsüßes Mienenspiel wird unser Gesicht verkleistern, während wir durch pastellfarbene Gänge stolzieren. Blendendes Neonlicht wird uns unseren Weg weisen.
Was verbirgt sich hinter diesem Trieb, die Traurigkeit aus unserem Leben auszumustern, vor allem in Amerika, dem Land grandioser Träume und hemmungslosen Erfolgs? Warum scheint es für die meisten Menschen nichts Erstrebenswerteres zu geben, als sich einen wesentlichen Teil ihres Herzens wegschneiden und wie ein Stück Abfall entsorgen zu lassen? Was ist zu tun angesichts dieser amerikanischen Glücks-Obsession, einer Besessenheit, die durchaus zu einer plötzlichen Auslöschung jeglichen kreativen Impulses führen kann und in einer Vernichtung enden könnte, die gewiss mit den schlimmen Schatten vergleichbar ist, welche die globale Erwärmung, die Umweltkrise und die nukleare Aufrüstung werfen? Was steckt hinter dieser Sucht nach Zufriedenheit, nach harmlosem Lächeln? Worauf beruht diese verzweifelte Behaglichkeit?
Solche Fragen sind natürlich für die meisten Amerikaner samt dem, was sie für ihre Grundüberzeugung halten, wie ein Schlag ins Gesicht. Eine aktuelle Umfrage, die vom Pew Research Center durchgeführt wurde, belegt: Fast 85 Prozent der Amerikaner glauben, dass sie sehr glücklich oder zumindest glücklich sind. In der psychologischen Welt macht ein neuer Begriff Furore: die »Positive Psychologie«, die sich die Vermehrung des Glücks auf die Fahnen geschrieben hat, und zwar mit den Mitteln des Genusses, des Engagements und der Sinnstiftung. Psychologen, die auf diesem Therapiegebiet tätig sind, führen eine neuartige Wissenschaftssparte an: die Wissenschaft vom Glück. Etablierte Verlage gehen in die Lehre der Selbsthilfe-Industrie und drucken Tausende und Abertausende von Büchern zu der Frage, wie man glücklich wird und warum wir glücklich sind. Die Publikationen zum Thema Selbsthilfe mit ihren minutiösen Anleitungen zur Erlangung eines Zustands umfassender Zufriedenheit füllen die Regale der Buchläden. Überall stoße ich auf Werbung, die immer noch mehr Glück verspricht, Glück zu Lande, zu Wasser und in der Luft, im Auto oder unter den Sternen. Und wie ich bereits erwähnte, bieten Ärzte heutzutage ein breites Spektrum an Medikamenten an, welche die Depression womöglich für immer auslöschen. Das Zeitalter perfekter Zufriedenheit - fast scheinen wir es schon erreicht zu haben: eine schöne neue Welt andauernden Glücks, Freude ohne Leid, Genuss ohne Reue.
Doch bei all diesem Überfluss an Glück kann es nicht mit rechten Dingen zugehen. Wie können so viele Menschen bei all den Problemen, von denen unsere Erde heimgesucht ist, so glücklich sein - nicht nur angesichts der schon erwähnten kollektiven apokalyptischen Übel, sondern auch bei all den individuellen Irritationen, die unseren Alltag belasten; all den finanziellen Sorgen, Beziehungskonflikten, den lähmenden Berufsproblemen und einsamen Dämmerungen? Sollen wir wirklich glauben, dass vier von fünf Amerikanern mitten in dieser allgemeinen Misere zufrieden sein können? Lügen sie, oder fürchten sie sich einfach vor ehrlichen Angaben in einer Kultur, deren Glücksstreben manische Züge hat? Können wir solchen Statistiken denn tatsächlich vertrauen? Muss uns die Überbetonung des Glücks, die für unsere westliche Kultur so typisch ist, nicht mit tiefer Sorge erfüllen? Haben wir keine Angst, dass diese verbissene Bemühung um Unbeschwertheit zu defektem Leben führt, zu fader Existenz, zu Wüsten normierten Verhaltens?
Ich selbst befürchte, dass die erhöhte Aufmerksamkeit, die in unserer Kultur dem Glück geschenkt wird, und die Vernachlässigung der Traurigkeit, die damit einhergeht, eine ganze Reihe von Gefahren mit sich bringen, indem sie bewusst einen wesentlichen Teil menschlichen Lebens ausklammern. Außerdem erfüllt mich folgende Möglichkeit mit Sorge: Wer in einer fraglos tragischen Welt nach nichts anderem als nach Glück strebt, wird unauthentisch und richtet sich in unrealistischen Abstraktionen ein, in denen konkrete Situationen aus dem Blick geraten. Schließlich habe ich Angst vor den Anstrengungen, die unsere Gesellschaft unternimmt, um die Melancholie aus dem System zu verbannen. Kämen ohne seelische Erschütterungen unsere grandiosen Sehnsuchtstürme nicht ins Wanken? Müssten unsere aufwühlenden Symphonien nicht verstummen?
Ich möchte diesen Befürchtungen auf den Grund gehen, um herauszufinden, ob sie legitim sind oder ob es sich bloß um neurotische Nörgeleien handelt. Momentan habe ich den Eindruck, dass sie durchaus ihre Berechtigung haben. Dieser Eindruck erwächst aus meinem Verdacht, dass die verbreitete Form der »American Happiness« eine fade Oberflächlichkeit hervorbringt. Eine solche Art des Glücks führt dazu, dass der Eigenwert der Traurigkeit ängstlich ignoriert wird. Diese Sorte angeblicher Freude hat außerdem offenbar zur Folge, dass des Lebens stetige und vitale Polarität zwischen Agonie und Ekstase, Niedergeschlagenheit und Überschwänglichkeit einfach nicht mehr spürbar ist. Diese Sorte von Glück versucht, die Traurigkeit auszuklammern, sie von dem ihr gehörigen Platz im großen kosmischen Rhythmus zu verstoßen; sie möchte uns suggerieren, dass die Melancholie, der Blues ein normverletzender Zustand ist, der als Willensschwäche gegeißelt werden oder mit Hilfe einer kleinen rosa Pille entfernt werden muss.
Lassen Sie mich eines in jeder Hinsicht klarstellen: Mein Thema hier ist lediglich diese ganz besondere Art von Glück, die American Happiness. Ich stelle Glück nicht generell in Frage. Zum Beispiel hinterfrage ich nicht im Geringsten den fast unerträglichen Überschwang, der manchmal plötzlich aus langem Leiden entsteht. Ich spreche mich auch nicht gegen die schwer erkämpfte Seelenruhe aus, die sich aus langen Meditationen über das Leiden der Welt ergeben kann. Ich kritisiere selbstverständlich auch nicht die anhaltende Zufriedenheit, die ein Leben begleitet, das sich dem Dienst an leidenden Mitmenschen verschrieben hat.
Und ich möchte auch klarstellen, dass ich ganz und gar kein Interesse daran habe, eine klinische Depression zu verklären. Es gibt viele schutzlose Seelen, die eine medikamentöse Versorgung brauchen, um sich nicht selbst umzubringen oder ihre Freunde und Familien zu gefährden. Nichts läge mir ferner, als medikamentengestützte Therapien für Menschen in Frage zu stellen, die unter einer ernsthaften Depression leiden. Nicht genug damit, dass ich dafür nicht qualifiziert bin (ich bin kein Psychotherapeut auf der Suche nach Symptomen, sondern ein Literaturwissenschaftler, der nach einem tieferen Leben strebt) - ich würde auch nie gegen medikamentöse Therapien Stellung beziehen, die für so viele Menschen mit biochemischen Störungen das Existieren überhaupt erst erträglich machen.
Allerdings frage ich mich schon, warum so viele Menschen, die melancholische Anwandlungen haben, heutzutage Tabletten schlucken, bloß um den Schmerz zu lindern, um einen sorgenzerfurchten in einen lächelnden Gesichtsausdruck zu verwandeln. Natürlich ist die Grenze zwischen dem, was ich Melancholie nenne, und dem, was in der Gesellschaft als Depression gilt, fließend. Ich bin der Meinung, dass beides sich im Hinblick auf den Grad an Aktivität unterscheidet. Bei beiden Formen handelt es sich um eine mehr oder weniger chronische Traurigkeit, die zu anhaltendem Unbehagen angesichts des Status quo führt - das ständige Gefühl, dass die Welt, wie sie ist, nicht richtig, nicht in Ordnung ist; dass sie vielmehr ein Ort des Leidens, des Stumpfsinns und der Bosheit ist. Die Depression - beziehungsweise das, was ich darunter verstehe - führt zu Apathie angesichts des Unbehagens, zu einer Lethargie, die an Lähmung grenzt, einer Unfähigkeit, irgendetwas zu spüren, sei es in der einen oder anderen Richtung. Im Gegensatz dazu setzt die Melancholie, in meinen Augen, ein tiefes Gefühl im Hinblick auf diese selbe Beunruhigung frei, eine Herzens-Turbulenz, die in eine aktive Hinterfragung des Status quo mündet, eine fortwährende Sehnsucht danach, neue Wege des Sehens und des Seins zu erschaffen.
Unsere Kultur scheint für diesen Unterschied kein Gespür mehr zu haben, sie behandelt die Melancholie folglich als Regelverletzung, als eine verabscheuungswürdige Bedrohung unserer durchgängigen Glücksgefühle - Glück als unverzügliche Erfüllung, Glück als vordergründige Behaglichkeit, als statische Zufriedenheit. Natürlich wird da sofort die Frage laut: Wer würde diese hohle Form der »American Happiness« nicht anprangern? Sind wir denn nicht alle spät nachts, wenn wir uns nicht selbst belügen, Gegner dieser flachen Form von Glück? Das ist sehr wahrscheinlich, doch kann es nicht auch sein, dass viele von uns der Oberflächlichkeit verfallen, ohne es richtig zu merken? Sind nicht viele so betört vom American Dream, dass es einer Gehirnwäsche gleichkommt und wir tatsächlich glauben, unser einziger Lebenszweck sei es, glücklich zu sein? Und bescheren uns dieser unbewusste Hang zum Glück und die damit verbundene Abwendung von der Traurigkeit nicht ein einseitiges Leben: Glück ohne Unbehagen, Mittagshelligkeit ohne Mitternachtsdunkel?
Die meisten von uns sind, wie ich meine, durch die amerikanische Idée fixe vom Glück aufs Glatteis geführt worden. Wir glauben vielleicht, dass unser Leben von Aufrichtigkeit geprägt ist, dass es auf pralle Wirklichkeit und echte Gefühle ausgerichtet ist, und dabei verhalten wir uns ebenso vorhersagbar und künstlich wie Roboter, lassen uns in gut eingelaufene »glückliche« Verhaltensmuster fallen, in die Konventionen der Zufriedenheit, in das allgegenwärtige Dauergrinsen. Und als so Betrogene verpassen wir die grandiose Balance des lebendigen Universums, seine strahlende Dunkelheit, seine schreckliche Schönheit.
Der American Dream ist womöglich ein Alptraum. Was aussieht wie Glück, könnte sich als Anti-Utopie schlaff grinsender Fratzen herausstellen. Unsere Gier nach Glück lässt auf einen bedenklichen Hass auf alles schließen, das wächst, sich entfaltet und dann stirbt - auf die sonderbaren Vögel, die durch braun-graue herbstliche Tristesse flattern; auf die blauen Dahlien, die von Sorge ausgehöhlt zu sein scheinen; auf all die schwermütigen Seelen, die sich hinter hohen Fenstern nach Wolken sehnen. Die schlimmste Vorstellung für mich: Eines Tages kriechen wir aus unseren Betten und gehen in eine Welt hinein, in der es keine wunderbar einsamen Straßen mehr gibt, nicht mehr das Flair verlassener Hotels oder die Größe halbverrückter Genies und ihrer wilden Gedichte. Nichts wäre für mich schlimmer, als wenn wir erst dann zur Besinnung kämen, wenn es fürs Leben zu spät ist.
FINALE: INS OFFENE
Die traurigen und die ernsten Autoren. - Wer zu Papier bringt, was er leidet , wird ein trauriger Autor: aber ein ernster , wenn er uns sagt, was er litt und weshalb er jetzt in der Freude ausruht.
Friedrich Nietzsche
Der Gen-Pool - vor und jenseits aller Zeit - brodelt und schäumt. Was an die Gestade der Zeitlichkeit gespült wird, entscheidet der Zufall, die Stimmung der Wellen. Irgendwann schwemmt dieses wimmelnde DNA - Reservoir ein Gen an, in dem die Finsternis des Saturn beschlossen ist, eine Doppelhelix, dazu estimmt, melancholische Veranlagung hervorzubringen. In diesem Augenblick beginnt das, was wir die Geschichte des Menschen nennen: das scheinbar endlose Streben nach unerreichbarer Vollkommenheit, der tragische Versuch, das Unbegreifbare zu greifen und grandios zu scheitern. Dieses Melancholie-Gen entpuppte sich als Innovations-Code. In ihm ruht der Keim für unsere prachtvollen, himmelsstürmenden Türme. Es trägt in sich den Funken für unsere großen, gott-hungrigen Epen und die unerhörten Symphonien, in denen die leidenschaftliche Schönheit der ersten Ozeane vernehmbar wird. Ohne dieses leidgetränkte Genom hätten diese erhabenen Gebilde das Nimmerland der Nichtexistenz nie verlassen. Ohne diese dunkle, sehnsuchtstrunkene genetische Information hätte sich wohl das, was wir insgesamt als Kultur ansehen, dieses himmlische Reich hochfahrender Ideen, nie aus dem bloßen Kampf ums Überleben, aus dem schlichten Kreislauf von Töten und Fressen, herausentwickelt.
Wir können uns die Szenerie in der primitiven Welt vorstellen: Während die kraftstrotzenden menschenförmigen Muskelpakete des Stamms unterwegs waren und geistlos Tiere oder Artgenossen erschlugen, blieb der Melancholiker, in Gedanken versunken, in einer Höhle oder unter einem Baum zurück. Dort malte er sich neue ovale, bernsteinfarbene Strukturen aus oder unerhörte sprachliche Rhythmen, heilige Formeln oder Lieder, die sogar die der Vögel übertrafen. Mit solchen und anderen Vorstellungen war dieser melancholische Phantast, der sich dem Alltagsgeschäft verweigerte, für seine Kultur mindestens ebenso nützlich wie die Jäger und Sammler. Er sorgte dafür, dass sie sich weiterentwickelte. Sein Raum war seit jeher das ungesicherte, avantgardistische Reich des Noch-Nicht.
Dieser primitive Visionär war der erste von vielen avantgardistischen Melancholikern. Natürlich sind nicht alle Neuerer melancholisch, und nicht alle melancholischen Seelen setzen neue Entwicklungen in Gang. Doch legt die wissenschaftlich erwiesene Beziehung zwischen Genie und Depression, zwischen Schmerz und Größe nahe, dass die Mehrzahl unserer kulturellen Innovatoren, angefangen beim vorzeitlichen Träumer im Busch bis zum postmodernen großstädtischen Dadaisten, ihre Originalität aus ihrer melancholischen Verfassung gewinnt. Wir wissen jetzt auch, warum das so ist:
Melancholie lehnt sich gegen das bequeme »Entweder­oder« des Status quo auf. Sie hält das unentdeckte Zwischenreich zwischen den Gegensätzen aus, das »Sowohl­als-auch«. Sie entwickelt neue Einsichten in die Verwandtschaft zwischen den Gegensätzen, vor allem in die der großen Polarität Leben - Tod. Sie erzeugt ungeahnte Möglichkeiten, die geheimnisvollen Bezüge zwischen Gegensätzen wahrzunehmen und zu benennen. Sie versetzt uns in einen neuen Zustand der Unschuld und der Ironie und verleiht uns damit zeitweise die Fähigkeit, uns spielerisch im Möglichen zu bewegen, ohne den Zwängen des Wirklichen unterworfen zu sein. Solche Phasen, in denen wir vor der Kausalität sicher sind, beleben unseren Bezug zur Welt, eröffnen uns herrliche Ausblicke, nähren unser Herz und unseren Geist.
Die Welt ist ja überwiegend langweilig, determiniert von farblosen Gewohnheiten. Sie ist nur allzu vertraut und ermüdet uns mit ihrer ewigen Wiederkehr des Gleichen. Doch dann ereignet sich das, was Keats den Anhauch der Melancholie nennt, und plötzlich wird der Planet wieder interessant. Der Schleier des Altbekannten fällt. Vor uns entfaltet sich ein Feuerwerk erregender Möglichkeiten. Wir spüren in uns den Drang, uns um die Schaffung bisher nicht gekannter Bezüge zu unserer Umwelt zu bemühen. Wir sind aufgerufen, kreativ zu sein.
Wenn wir uns diese Potentiale der Melancholie vor Augen halten, drängt sich doch die Frage auf, warum Tausende von Psychiatern und Psychologen die Depression zu »heilen« versuchen, als wäre sie eine furchtbare Krankheit. Natürlich brauchen die, die unter gravierenden Depressionen leiden, die selbstmordgefährdet sind oder sich am Rand einer Psychose befinden, sorgfältige medikamentöse Betreuung. Doch wie steht es mit den Millionen Menschen, die lediglich einen Hang zu leichter bis mittlerer Depression haben? Sollte man es auch solchen
potentiellen Visionären nahelegen, ihre Melancholie mit Hilfe von Pillen auszurotten? Sollten diese Neuerer in spe das in die Flucht schlagen, was sich möglicherweise als ihre machtvolle Muse entpuppen könnte, als Engel gebärende Dämonen?
Momentan sind, wenn die Statistiken stimmen, ungefähr 15 Prozent der Amerikaner nicht glücklich. Mit Hilfe von Psychopharmaka wird es vielleicht bald überhaupt keine unglücklichen Menschen in unserer amerikanisierten Welt mehr geben. Melancholiker werden aussterben. Doch das wäre eine unerhörte Tragödie, die in ihrer Tragweite allenfalls mit der Ausrottung des Pottwals oder des Steinadlers zu vergleichen ist. Ohne Melancholiker würden wir in einer Welt leben, in der jeder einfach nur den Status quo akzeptiert und sich mit den Gegebenheiten abfindet. Es entstünde ein Un-Ort allgegenwärtigen Grinsens, ein Alptraum von Philip K. Dickschen Ausmaßen, ein Polizeistaat aus lauter Pollyannas, eine platte Ebene, unter einer Sonne, unter der wirklich nichts Neues mehr zu vernehmen wäre. Warum arbeiten wir mit aller Gewalt auf einen solch höllischen Zustand hin?
Die Antwort ist leicht: Es geschieht aus Angst. Die meisten verstecken sich hinter ihrem Lächeln, weil sie Angst davor haben, sich der Komplexität der Welt auszusetzen, ihrer Unklarheit, ihrer schrecklichen Schönheit. Solange sie hinter ihrem aufgesetzten Grinsen verschanzt bleiben, müssen sie sich den Unwägbarkeiten nicht aussetzen, die der Aufenthalt im Reich des Möglichen unweigerlich mit sich bringt, diesen riskanten Momenten, in denen das Eine vom Anderen nur schwer zu trennen ist, in denen man das Gefühl hat, sich in fast alles verwandeln zu können. Obwohl diese Angst, vor allem die Angst vor dem Tod, uns in einen Zustand der Daseinstrunken-
heit versetzen und unendliche kreative Horizonte aufreißen kann, löst sie zunächst einen tiefen Schrecken aus, das Gefühl, über einem unabsehbaren Abgrund zu hängen. Die meisten nehmen vor einer solchen Situation reflexartig Reißaus. Sie suchen Schutz in der Masse der Lachenden und lösen sich darin auf, in der Hoffnung, dass die Angst sie nie wieder heimsuchen wird. Das Normierte, Unauthentische ziehen sie sich als Maske über, als Verkleidung, die sie vor dem Abgründigen beschützt.
Wer eine Gesellschaft umfassenden Glücks propagiert, befördert also letztlich eine Kultur der Angst. Wollen wir aber wirklich zugunsten fader Fröhlichkeit unseren Mut opfern? Sind wir wirklich bereit, unser Herzinnerstes dranzugeben, um nachts gut zu schlafen und unsere Tage in lauer Zufriedenheit zu verleben? Ich meine, wir sollten die Verlockungen unserer Kultur des Glückswahns ignorieren und unserer Traurigkeit treu bleiben. Wir müssen einen Weg finden, und sei er noch so steinig, um zu sein, wer wir sind, und wir dürfen unsere Verdrossenheit mit allem, was dazugehört, auf keinen Fall ausschließen.
Wenn wir unter unserer Schwermut leiden, die so unausweichlich ist wie das Atmen, können wir uns auch mit einer Tatsache abfinden, welche unsere Welt zutiefst verabscheut: Wir werden immer unvollkommen bleiben, lediglich Bruchstücke eines unfassbaren Ganzen. Unsere unfertige Natur - nie sind wir vollkommen wirklich, immer bleibt ein Rest von uns im potentiellen Ungefähr - macht aus unserem Leben einen ständigen Kampf, ein Ringen mit dem ewig Unbekannten. Doch die Tatsache, dass wir vor dem Abgrund die Augen nicht verschließen, ist auch unsere Rettung. Wenn wir uns lediglich als Fragment verstehen, werden wir nicht aufhören, nach etwas zu suchen, das jenseits von uns selbst ist, etwas Transzen
dentem - einer ungeahnten Möglichkeit, einem Weg, der nirgends vorgezeichnet ist. Dieses Bestreben ist immer ein Akt der Freiheit, der Wahl, der Entscheidung für die eine Straße und gegen eine andere. Es ist zwar eine mühselige Angelegenheit und erfordert unablässige Aufmerksamkeit für unser geheimnisvolles, nicht festzulegendes Innenleben, aber es hat auch ein Element von Ekstase an sich, den fast unendlichen Widerhall der köstlichen Rätsel des Daseins.
Wer gegen Glück ist und sich abwendet von schaler Zufriedenheit, der betritt den Bereich der Freude und der Ekstase. In unserer Bruchstückhaftigkeit vernehmen wir den Ruf des Lebens. Das Bekenntnis zu meiner Unvollständigkeit macht mich frei. Wenn wir uns eingestehen, dass wir niemals etwas restlos im Griff haben werden, eröffnen sich jenseits der Vernunft aufregende, ungeahnt erhabene Visionen. An den Rändern des Bekannten befindet sich die pulsierende Schwelle der Existenz. Hier entzündet sich die jubelnde Hochstimmung der äußersten Grenze - die verborgen schwelende Glut der Begeisterung: ein Buch zu beenden, das niemals vollständig sein wird, ein in sich gebrochenes, widersprüchliches Gewebe, zwiespältig und unfixierbar wie die Dämmerung.
»... Dass viele Schätze der Literatur, Malerei und Musik ohne Melancholie nicht entstanden wären, zeigt Wilsons unterhaltsamer Streifzug durch die Kulturgeschichte ... Ein psychologisch höchst anregendes Buch.«
(emotion, 4/2009)
Klett-Cotta Aus dem Amerik. von Susanne Held (Orig.: Against Happiness. In Praise of Melancholy)
1. Aufl. 2009, 198 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-94113-5
autor_portrait

Eric G. Wilson

Eric G. Wilson, geboren 1967, ist Professor für Englische Literatur an der Wake Forest University in Winston-Salem, North Carolina. In bisher fünf ...



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