Wolke und Weide

Marcel Reich-Ranickis polnische Jahre

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Eine Darstellung von Marcel Reich-Ranickis Zeit in Polen anhand unbekannter Fotos und bisher unzugänglicher Dokumente

Marcel Reich-Ranicki in Polen - dramatische Ereignisse und wichtige Stationen von 1938 bis 1958 leben auf: Aus Zeitzeugenberichten, bisher unbekannten Fotos und verschollenen Dokumenten erhalten diese »weißen« Jahre Konturen: das Wechselspiel von Schatten und Licht einer Jahrhundertgestalt.

Jahre der Todesangst: Ausweisung nach Polen 1938, Warschauer Ghetto 1940, Flucht auf dem Weg zur Deportation 1943, Unterschlupf bis September 1944 ...
In höchster Not entkommen Marceli Reich und seine Frau Teofila; sie tauchen unter und können ein neues Leben beginnen. Er arbeitet ab Oktober 1944 für den polnischen Geheimdienst in Kattowitz, Berlin, London, Warschau. 1958 verlässt er seine erste Heimat Polen in Richtung Bundesrepublik, wo ihm eine unvergleichliche Karriere als Literaturkritiker gelingt. Seither nennt er sich Marcel Reich-Ranicki.

Mit »Wolke und Weide« ist dem Warschauer Journalisten Gerhard Gnauck ein einfühlsames Porträt geglückt: Facettenreich skizziert er eine Jahrhundertgestalt und erzählt von Polen in der Mitte des vergangenen Jahrhunderts, einem Land, in dem sich die europäische Geschichte wie kaum an einem anderen Ort kristallisiert.
Auf Anregung Gerhard Gnaucks hin erhielt die Familie Gawin, bei denen Marcel Reich-Ranicki und seine Frau untertauchen konnten, die Auszeichnung »Gerechte unter den Völkern« und eine Rente der Bundesrepublik.

»Ich bin ein halber Pole, ein halber Deutscher und ein ganzer Jude.«
Marcel Reich-Ranicki

Inhaltsverzeichnis

Anstelle eines Vorworts
Rajzel Zychlinski: »opgerissn, opgeschlissn«/ Abgerissen, abgeschlissen«
I. Kindheit in Polen: Wloclawek
Geburt im Krieg und das »Wunder an der Weichsel« - Eine jüdische Familie in Polen
II. Das Ende des Friedens
Marcelis Geburtsland wird ihm zum Exil - Kalte Heimat. Zuflucht in der Kunst
III. Krieg und Getto
»Das schöne Warschau gibt es nicht mehr, ... aber das heroische« - Der »Judenrat«, die Arbeit und das Getto - Deportation und Tod, Hochzeit und Flucht
IV. Ein Kellerloch in Warschau
Dem Tod entkommen - bei den Gawins - Zigaretten, Weltliteratur und ein paar Zloty
V. Ende und Anfang in Schlesien
Befreiung, Vertreibung, Völkerwanderung - Postzensoren in Uniform: Marceli und Teofila Reich - Marx, die Machthaber und die Juden
VI. Eine merkwürdige Mission: Berlin 1946
Oberst Prawin organisiert die Vertreibung - Leutnant Reich fahndet nach Kriegsbeute - Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser - Worte, die »ins Ohr wie Dolche dringen« - Mutmaßungen über Platon
VII. Auf dem Weg zum Gipfel: London 1948 - 1949
In der »Allee der Freunde« - Aus Reich wird Ranicki - »Die Polen unterhalten eine Spionagekette« - Mitarbeiter Starzynski fürchtet einen »Mordauftrag«
VIII. Der Sturz. Zurück nach Warschau
»Wir waren privilegiert« - Das Agentennetz bricht auseinander - Die Partei hat immer recht: »ideologische Fremdheit«
IX. Teofila - die Schicksalsgefährtin
Kindheit in Lodz, Krieg in Warschau - »Marceli, kümmere dich um das Mädchen!« - Die Grafikerin aus dem Getto
X. Stunde Null in Polen
Die fünfziger Jahre: Ein Literaturkritiker wird geboren - Der nächste Verwandte: Cousin Alfred - Partei- und andere Bücher - Freier Schriftsteller im unfreien Polen - Willkommen in Warschau: Brecht und Seghers, Böll und Grass - »Staatsfeind« Marceli Ranicki besucht die DDR
XI. Flucht in den Westen
»Literat, bin nirgendwo angestellt« - der lange Abschied - Warschauer Jahre: »Unendlich viel gelitten und geliebt«
XII. Ein polnisches Echo aus der Ferne
Staatsbürger, nicht Asylant - In der Gruppe 47: Ranicki und der Spitzel - »Sie sollten mit der Zeit der Papst sein« - Der Gegenpapst Dedecius und andere Beziehungen
XIII. Biografie - ein Spiel ?
Wer ist Marcel Reich-Ranicki ? - Juden doloris causa: Reich-Ranicki und Tuwim - Ein Leben lang auf der Flucht
Anhang
Abkürzungen, Anmerkungen, Personenregister, Bildnachweis

Leseprobe

Anstelle eines Vorworts
Wer hat sich nicht daran ergötzt: an den Sendungen des »Literarischen Quartetts«? Wer hat nicht darüber diskutiert: über die Autobiografie »Mein Leben«? Die Figur Marcel Reich-Ranickis hat in Deutschland Spuren hinterlassen. Sie hat in Polen, selbst in Israel zu Seufzern Anlass gegeben: »Schade, dass wir nicht auch so einen haben.« Nachdem er in Deutschland bereits »Literaturpapst« war, wurde er ein Medienstar, ja eine Symbolfigur; manche sehen in ihm sogar einen Ge schichtslehrer und eine moralische Instanz. Eine Jahrhundertgestalt. Über diese Figur wollen wir alles wissen - auch jede Frage an sie richten dürfen.
Die ersten Fragen stellte ich dem Literaturpapst im Jahre 2002, nachdem Polen - nach deutschem Vorbild - seine »Gauck-Behörde« gegründet hatte, das Institut des Nationalen Gedenkens (IPN). Zuvor hatte ich dort angefragt, ob es eine Akte über Reich-Ranicki gebe; es gibt sie in der Tat. Inzwischen haben etliche deutsche und polnische Kollegen sie eingesehen.
Seitdem habe ich für die »Welt« immer wieder über Reich-Ranickis polnische Jahre - fast drei Jahrzehnte - geschrieben. Ich habe weitere Archive besucht, Zeitzeugen gesucht und gefunden, auch ihn selbst mehrfach befragen können - wofür ich Reich-Ranicki an dieser Stelle danken möchte. Doch die Zeit reichte nie für alle Fragen. Allmählich wurde immer deutlicher, dass man durch das Prisma dieses Lebens unendlich viel über polnische, jüdische und deutsche Geschichte erfährt, diese Geschichte als Kontext seines Lebens erzählen kann.
Als ebenso wichtige Aufgabe trat hinzu, sein Leben nicht nur aus der Sicht Marcel Reich-Ranickis, sondern auch aus der Perspektive seiner Zeitgenossen zu erzählen, seiner Freunde und Weggefährten, Kollegen und Gegner; audiatur et altera pars . Endlich würde das, was die Quellen in Polen erzählen, einfl ießen in den Strom der Erinnerung in Deutschland. Damit käme man auch dem Ziel näher, zu rekonstruieren, wie dieses Leben eigentlich gewesen ist - dort, wo Reich-Ranicki, ein begnadeter Selbstdarsteller, das eine oder andere verschwiegen oder anders erzählt hat.
»Mein Leben«, die nicht nur in Deutschland gern gelesene Autobiografie, hat dafür viel Stoff und wichtige Anregungen geliefert. Doch sollten sich die Nachgeborenen nicht verpflichtet fühlen, sich dem Weltbild und Selbstbild ihres Autors zu unterwerfen. Wie man gerade dieses Leben, diese Autobiografie kritisch lesen kann, hat die Schriftstellerin Petra Morsbach in ihrer scharfsinnigen Analyse mustergültig vorgeführt. 1 Verzerrungen in Selbstbild und Fremdbild sollten nicht übersehen werden. Wo wird Reich-Ranicki von anderen etwas unterstellt? Wo frisiert der Kritiker seinen Lebenslauf ? Biegt er sich im eigenen Interesse die Geschichte zurecht - die deutsche, die polnische, die europäische?
»Eine Beschreibung seines Lebens kann nur dann nützlich sein und ihre Aufgabe erfüllen, wenn sie aus der direkten oder indirekten Polemik gegen sein Autoporträt hervorgeht.« 2 Marcel Reich-Ranicki hat diese Worte geschrieben; sie galten Thomas Mann. Dürfen sie auch für den Kritiker gelten?
Der »Herr der Bücher« hat - wer wollte es leugnen - mit seinen Biografen Glück gehabt. Mein Kollege Uwe Wittstock hat sein Verhältnis zu ihm in seinem Buch in die Worte gefasst: »Kurz, ich mag ihn. Und außerdem: Was immer von seinen Gegnern gegen Reich-Ranickis Vergangenheit in Polen vorgebracht wurde oder wird, es ändert nichts an seinen Verdiensten um die deutsche Literatur.« 3 Völlig richtig. Aber man wird die Perspektive auch umkehren dürfen und sagen: Seine Verdienste um die Literatur, vor allem die deutsche, ändern nichts an seiner Vergangenheit in Polen. »Mein Leben« über liefert für diese Jahrzehnte nicht die ganze Wahrheit. Man muss nicht »Gegner« Reich-Ranickis sein, um das auszusprechen. Doch kann es hilfreich sein, wenn man mit ihm, wie es der Theaterkritiker Friedrich Luft ausgedrückt hätte, bei allem Respekt nicht »pannebratsch« ist. 4 In Reich-Ranickis Leben gibt es - wie bei so vielen berühmten Zeitgenossen - Augenblicke und Abschnitte, über die er höchst ungern redet. Und wer mit anderen, mit deutschen Schriftstellern oder polnischen Historikern, über sein Leben spricht, der bemerkt schnell, welches Dickicht von Gerüchten und Legenden, von Unterstellungen und Selbstdarstellungen sich um diese Person gerankt hat.
Mehr Licht in dieses Dickicht zu bringen, diese Aufgabe hat mich gereizt. Ich wusste nicht, was ich in den Archiven finden, was Zeitzeugen mir erzählen würden, und ich habe in verschiedenen Richtungen gesucht. Dass ein Teil der Archivalien (jene im IPN-Archiv) polnische Stasi-Akten sind, Dokumente über Menschen, die bespitzelt haben oder bespitzelt wurden, legt allen, die dort recherchieren, eine besondere Verantwortung und Sorgfaltspflicht auf. Ebenso gilt dies für Informationen über das Warschauer Getto, erst recht in ihrer späteren Brechung durch die Bearbeitung der polnischen Stasi. Diese Quellen zu lesen ist jedoch - auch bei Beachtung der Sorgfaltspflicht - keine Geheimwissenschaft: Stasi- und Parteiakten, Behördenakten, Tagebücher, Briefe, Zeitungsartikel, historische Darstellungen und alles, was in dieses Buch eingegangen ist.
Manch wichtige Entdeckung ist erst auf halbem Wege geschehen. An dieser Stelle darf ich vorausschicken: Reich-Ranicki hat doppelt - erst unter Deutschen, dann unter Po len - erfahren, wie es ist, ein Ausgestoßener zu sein. Er hat in seinem Leben Schlimmes durchgemacht und ist selbst in schlimme Verstrickungen geraten. Er ist Zeuge schrecklicher Ereignisse gewesen; er selbst hat darüber geschrieben, vor allem über den deutschen Besatzungsterror in Polen und die Vernichtung der Juden. Seine Berichte haben diametral unterschiedliche Bewertungen gefunden. Hat er über die NS-Verbrechen in einem »beherrschten, sachlichen Ton« erzählt, der »überaus anrührend und erschütternd« wirkt? 5 Oder pflegt er, im Gegenteil, eine manipulative »aggressive Erzählprosa«, die den (deutschen) Leser in einen Betroffenheitsschock versetzen und ihn seinem Welt- und Selbstbild unterwerfen will?
Ich gestehe, dass diese durchaus interessanten Fragen mich bei meiner Arbeit wenig berührt haben. Warum nicht? An dieser Stelle muss ich etwas über mein Verhältnis zum Thema des Buches sagen. Mein polnischer Großvater Bro nislaw hat in den Jahren 1941 - 1944 in Warschau gearbeitet, zeitweise in der Parallelstraße zur Chlodna, wo Marceli Reich im Getto wohnte. Der fröhliche Chemiker Bronislaw hat dort drei Jahre lang für den polnischen Widerstand produziert: Bomben und Granaten für den Sieg, Ampullen mit Zyankali für die Niederlage. Mein Nenn-Opa Mieczyslaw hat einen anderen Weg gewählt: Er hat als Warschauer Jude gut daran getan, in die Sowjetunion zu fliehen und erst mit der Roten Armee, in eine polnische Uniform gehüllt, zurückzukehren. Ich empfinde es - aus heutiger Sicht - als großes Glück, dass ich nicht nur mit der deutschen Perspektive auf die Ereignisse aufgewachsen bin. Ich war also in gewisser Weise mit dem Gegenstand vertraut, und Marcel Reich-Ranickis Erzählung konnte mich nicht ganz unvorbereitet »berühren« oder »schockieren«.
Abschließend möchte ich allen Dank sagen, die auf die unterschiedlichste Weise zur Entstehung dieses Buches beigetragen haben. Zu allererst den Zeitzeugen, die mir geduldig ihre Erlebnisse berichtet haben. Stellvertretend nenne ich hier Barbara Rochowska, die Tochter der Warschauer Familie Gawin, welche den Reichs 1943 bis 1944 Obdach gewährte. Dann habe ich Professoren zu danken, zumeist Historikern: Arnulf Baring und seiner Frau Gabriele, Wladyslaw Bartoszewski, Witold Kulesza und Andrzej Paczkowski. Hilfestellung und Ermutigung gewährten Tadeusz Dacewicz, Jakub Ekier, Jakub Jalowiczor, Sven Felix Kellerhoff, Dorota und Basil Kerski, Andrzej Massé und Wolfgang Stock. »Die Welt«, mein Arbeit geber, ermöglichte mir Archiv studien und Gespräche mit Zeitzeugen, die vom Luxus der longue durée geprägt waren. Das Geisteswissenschaftliche Zentrum Geschichte und Kultur Ostmitteleuropas in Leipzig stiftete mir einen Gastaufenthalt. Schließlich danke ich den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Verlages Klett-Cotta in Stuttgart und des Verlages W. A. B. in Warschau, wo das Buch in diesem Frühjahr erscheint, dort auf polnisch, hier auf deutsch, für ihre Geduld und Unterstützung. [...]
Mitarbeiter Starzynski fürchtet einen »Mordauftrag«
Noch eine andere Episode fällt in die Dienstzeit Ranickis in London. Einzige Quelle hierfür sind bisher die Erinnerungen des damaligen Agenten Starzynski, seines dortigen Untergebenen, und nichts (außer Starzynskis Behauptungen) weist darauf hin, dass der Konsul in diese Sache verstrickt war. So soll sie hier nur als Illustration dafür dienen, mit welchen sich verschärfenden Methoden die östlichen Geheimdienste »Feinde« und »Verräter« bekämpften - auch auf westlichem Territorium. In seinem Bericht schreibt Starzynski durchaus schlüssig, eine Anweisung besonderer Art aus Warschau habe ihn erschüttert: ein »kaltblütiger Mordauftrag«, gerichtet gegen einen des Verrats verdächtigten polnischen Diplomaten und MBP-Agenten.
Es ging um Dr. Stanislaw Markowski, Jahrgang 1902, seit Dezember 1945 im Generalkonsulat tätig, seit 1946 als Vize konsul. »Markowski spielte doppelt. Tatsächlich hatte er nie die Absicht gehabt, den neuen Herrschern in Polen zu diesen. Statt dessen informierte er die Exilregierung und vermutlich auch die britische Spionageabwehr ...« 40 Im Jahr 1948 - als gleichrangiger Kollege hat inzwischen Ranicki seine Arbeit aufgenommen - werden an Einstellung, Loyalität und Moti vation Markowskis, wie in seiner Personalakte nachzulesen ist, immer mehr Zweifel wach. Zugleich wird eine Rivalität zwischen den beiden Vizekonsuln sichtbar. Bald ist Markowski nicht mehr im Dienst, hat jedoch noch Kontakt zum Konsulat. Markowski wird zu dieser Zeit von einem geheimen Mitarbeiter mit den Worten zitiert, Ranicki habe ihn »mit Spionen umgeben und das dilettantisch - er sollte noch lange lernen, um Detektiv zu werden«. Eines Tages taucht Markowski unter, stellt sich den britischen Behörden, bleibt je doch in London, in einem nördlichen Stadtbezirk, wo er bald ausfindig gemacht wird.
Einige Zeit ist verstrichen; man schreibt Mai 1949. Jetzt wird Starzynski eingespannt: Er soll den Ex-Konsul im Alltag beobachten und einen Anschlag vorbereiten helfen. Ende Mai »traf der Auftragskiller, als diplomatischer Kurier aus Polen getarnt, in London ein. Sein Name war Sztylka und in seinem Diplomatengepäck befand sich eine Pistole. Er war ein grobschlächtiger, ungebildeter Kerl, der sich nicht viele Gedanken über sein Handwerk machte.« 42 Nach der Tat sollte der Mörder sofort zum Flughafen fahren und Großbritannien verlassen.
Ein Menschenleben stand auf dem Spiel. Starzynski zog die Notbremse und tat, was er - nach eigenen Angaben - schon länger erwogen hatte. Er informierte New Scotland Yard und den Geheimdienst MI 5. Die Briten baten ihn, das Spiel zunächst weiterzuspielen und Diskretion zu wahren. Doch der Mordplan scheiterte: Während einer Generalprobe ohne Pistole verlief sich der »Kurier«, der kein Wort Englisch sprach. Die Sache wurde auf Eis gelegt.
Als Starzynski ein halbes Jahrhundert später in Deutschland seine Memoiren veröffentlichte - die Suche nach einem Verleger hatte eine Weile gedauert -, nahm auch Ranicki zu dem Buch Stellung. »Teils amüsant, teils langweilig«, kommentierte er und fügte hinzu: »In meiner Kompetenz in London hat es niemals handgreifliche Aktivitäten gegeben. Ich habe auch nie davon gehört. Die Vorstellung, daß man in London einen polnischen Ex-Konsul liquidieren wollte, ist geradezu absurd.«
Konnte er wirklich nie etwas von Handgreifl ichkeiten gehört haben? Absurd sind diese Informationen gewiss nicht.
Ich habe dazu General Czeslaw Kiszczak befragt und ihm zuvor »Mein Leben« geliehen. Der General, Jahrgang 1925, war als junger Mann im Londoner Generalkonsulat im Einsatz gewesen, kurz bevor Ranicki dort seinen Dienst antrat. Auch er hatte dort eine geheime Mission, allerdings für den militärischen Nachrichtendienst; er operierte mit versiegelten Briefen (bei inhaltlichen Details ist er schweigsam). Jahrzehnte später war er als Innenminister der Herr über Zehntausende von Agenten. Als ich ihn auf den Namen Ranicki anspreche, lehnt er sich im Sessel zurück: »Ah, mein ehemaliger Untergebener ...«
Kiszczak sagt, man könne derartige Aktionen gegen il loyale Mitarbeiter des Geheimdienstes nicht ausschließen. »Ich habe an solchen Aktivitäten nicht teilgenommen, aber ich habe von älteren Mitarbeitern davon gehört. Sie sprechen nicht gern darüber.«
Zumindest ein Fall dieser Art ist bekannt geworden, wenngleich aus etwas späterer Zeit: Wladyslaw Mróz, Hauptmann des zivilen Nachrichtendienstes, geriet in den offenbar be gründeten Verdacht, an seinem Einsatzort Paris dem französischen Dienst DST zuzuarbeiten. Wenig später wurde er von einem »alten Bekannten« aus der Zentrale, den er »zufällig« traf, am Stadtrand von Paris in eine Falle gelockt und erschossen. Der polnische Geheimdienstresident in Frankreich war nach Angaben eines späteren Überläufers selbst damit beauftragt, die Operation vor Ort zu beaufsichtigen. Am fraglichen Abend im Oktober 1960 empfing er jedoch einen polnischen Parlamentarier - offenbar um die Franzosen irrezuführen. Der Mörder selbst ist unbekannt; vermutlich gehörte er einer »Liquidationsgruppe« an, die es im Nachrichtendienst ge geben haben soll und deren Existenz und Zusammensetzung selbst intern streng geheim gehalten wurde.
Etwas anderes als Mord sind die in Polen von Militärgerichten verhängten Todesurteile: Ein solches traf auch Starzynski und seine Frau Janina Ejdys, Agentin in London wie er selbst, allerdings in Abwesenheit: 1950 waren sie beide nach Australien ausgewandert. Wie ein Historiker ermittelt hat, ist jedoch 1962 »Janina Ejdys trotz des Schutzes durch die australische Spionageabwehr aus ungeklärten Gründen tragisch ums Leben gekommen«.
Auch Markowski, Vorgänger, dann Kollege Ranickis in London, war in den Augen des Regimes offenbar ein »Verräter«, der die Seiten gewechselt hatte. Cat-Mackiewicz wiederum war einer jener Prominenten, welche die neuen Herrscher in Polen zu umgarnen und einzuspannen versuchten. Doch die Mehrheit der Polen in London waren einfache Emigranten, Soldaten oder Offiziere, die sich Tag für Tag über die Frage den Kopf zerbrachen: zurückgehen, bleiben oder weiterwandern? Manch einer hat den Weg zurück gefunden - in eine dramatisch veränderte, oft auch äußerlich kaum wiederzuerkennende Heimat. Manche Heimkehrer sind früher oder später in die Mühlen des stalinistischen Terrorapparats ge raten, darunter auch etliche Militärs, etwa General Stanislaw Tatar, der im November 1949 zurückkehrte und zwei Jahre später in einem Schauprozess zu lebenslanger Haft verurteilt wurde.
Ranicki hat, nachdem seine Geheimdienstarbeit offenbar geworden war, gegenüber deutschen Medien immer wieder bestritten, von der »Heimholung« von Emigranten, denen später Leid zugefügt wurde, gewusst oder gar an ihr beteiligt gewesen zu sein. Hat er andererseits irgendwann in seiner Geheimdienstzeit - wie der Stasi-Offizier im Film »Das Leben der anderen« - Menschen in Gefahr zu helfen versucht? In zwei Gesprächen habe ich Reich-Ranicki diese Frage gestellt.
Beim ersten Mal bekam ich eine Antwort: »Ich hatte doch gar keine solchen Möglichkeiten!« Beim zweiten Mal brauste er auf und antwortete nicht. Er selbst findet für seine Handlungen die folgenden kühnen Worte:
»Nein, ich bedauere nicht, was ich getan habe. Meine ganze Tätigkeit hat niemandem geschadet, wahrscheinlich aber auch niemandem genützt. Ich habe in der Zeit bis 1950 so und nicht anders gehandelt, weil ich damals an den Kommunismus geglaubt habe.«
VIII. Der Sturz. Zurück nach Warschau
»Wir waren privilegiert«
In London war es den Ranickis soweit recht gut gegangen. Allmählich näherte sich das zweite Jahr ihres Aufenthalts seinem Ende. Im Vereinigten Königreich lebten die Ranickis in einer ganz anderen Welt; sie waren weit entfernt von der Trümmerlandschaft Warschaus, weit weg von den Orten, die sie an Demütigung und Tod erinnert hätten. Und sie waren in der Nähe von Marcelis Schwester Gerda Böhm und ihrem Mann Gerhard. Beide hatten im Sommer 1939 Berlin verlassen und an der Themse den Krieg überlebt. Teofilas älterer Bruder Aleksander wohnte in London wie auch ein Berliner Cousin Marcelis, dem es rechtzeitig gelungen war, nach London zu flüchten. Er war in Wilton Park angestellt und kümmerte sich um die »reeducation« gefangener deutscher Offiziere und Generäle.
»Unser Leben dort war schöner, luxuriöser und auch freier als im zerstörten Warschau: Es ging uns sehr gut in den beinahe zwei Lon doner Jahren. Wir hatten, wovon wir in Warschau nicht einmal träumen konnten: eine gut ausgestattete, geräumige Wohnung. Auch bekamen wir einen ziemlich großen, amerikanischen Wagen. Mit der Literatur befaßte ich mich allerdings nur wenig. Hingegen gingen wir häufig ins Theater, in die Oper, in Konzerte. Die beiden Eindrücke, die sich meinem Gedächtnis am stärksten eingeprägt haben: Wilhelm Furtwängler, der unter anderem die ›Neunte‹ dirigierte, und Laurence Olivier, der allerlei von Shakespeare bis Anouilh spielte. Wir reisten durch England und Schottland und mitunter für ein Wochenende nach Paris. Wir verbrachten den Urlaub einmal in der Schweiz, einmal in Italien. Wir waren privilegiert.«
Für die Ranickis waren die Londoner Jahre eine Zeit der Stabilität. Ihr wichtigster Tag dürfte der 30. Dezember 1948 gewesen sein, als Andrzej Aleksander, ihr erstes und einziges Kind, geboren wurde.
Aber eines Tages trat die Angst wieder in ihr Leben. Am Wegesrand leuchteten, eines nach dem anderen, rote Lämpchen auf; so etwa sollte es Ranicki später beschreiben. Der Konsul und Geheimdienstresident, der kommissarische Leiter des Generalkonsulats, kürzlich zum Hauptmann befördert, ahnte nicht, dass er binnen weniger Wochen aus der Partei und beiden Ministerien, für die er arbeitete, ausgeschlossen würde.
Die Ängste speisten sich - so beschreibt er es heute - aus dem Konflikt zwischen Stalin und Tito, aus der Zwangsvereinigung zweier Parteien zur Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei (PVAP), aus dem Machtantritt des neuen Parteichefs Bierut in Warschau: »Auf die relativ liberale Periode der ersten Nachkriegszeit folgte die Zeit des Stalinismus in Polen.« In Budapest wurde dem vormaligen Innenminister László Rajk der Prozess gemacht. Der deutschstämmige Rajk, dessen Familie früher Reich geheißen hatte, wurde im Oktober 1949 hingerichtet. Der Schauprozess war nicht der einzige seiner Art. Die Revolution vernichtete jetzt nicht nur ihre Gegner, sondern begann, ihre Kinder zu fressen. »Bei manchen [Prozessen] waren die antisemitischen Akzente unverkennbar. Wir waren entsetzt. Und aufs tiefste erschreckte uns, was sich in unserer unmittelbaren Umgebung abspielte.«
Paula Born, die zum Freundeskreis der Ranickis gehörte, »eine kultivierte und gebildete Frau, die in der polnischen Botschaft das Amt des Ersten Sekretärs versah« , war im Sommer 1949 nach Polen in Urlaub gefahren und nicht mehr zurückgekehrt. Umgehend erfuhr der Konsul, dass man sie verhaftet hatte. »Sie blieb einige Jahre im Gefängnis - ohne Prozeß, ohne jeglichen Grund.«
Die Akte Born im polnischen Institut des Nationalen Gedenkens enthüllt die Wahrheit über das neue System. Paulina Born, so ihr eigentlicher Name, wurde am 28. August 1896 geboren 6 und hatte vor dem Zweiten Weltkrieg in Paris in der Zentrale eines internationalen Gewerkschaftsverbands gearbeitet. Nach 1939 war sie in vergleichbarer Funktion in der Schweiz tätig, wo sie offenbar Noel Field kennen lernte, einen ehemaligen amerikanischen Diplomaten. Field war schon früh Kommunist gewesen. Er wurde zu einem aktiven Antifaschisten, der aus Mitteln amerikanischer Schriftsteller Flüchtlinge unterstützte, die vor dem NS-Terror gefl ohen waren. 1949 wurde er vom ungarischen Geheimdienst aus einem Hotel in Prag entführt, in Ungarn inhaftiert und gefoltert. Seine erzwungenen Geständnisse sollten alsbald gegen Rajk und andere »Verdächtige« in Osteuropa, die mit ihm in Berührung gekommen waren, ins Feld geführt werden. In vielen Fällen endeten die Prozesse mit Todesurteilen.
Offenbar wurde auch Paulina Born im August 1949 Opfer dieser Terrorwelle, wie sie in einem Brief später berichtete: »Infolge der verbrecherischen Tätigkeit der ehemaligen Beamten des Ministeriums für Öffentliche Sicherheit wurde ich verhaftet und war bis zum 21. Juli 1953 im Gefängnis.« Die Haftbedingungen im Gefängnis »Warszawa I«, dem berüchtig ten Arrest an der Rakowiecka-Straße, »haben meine Gesundheit ruiniert«. 7 Ein Foto jüngeren Datums in ihrer Akte sagt alles: ein zerstörtes Leben. Das Bild wurde vermutlich für einen Rei sepassantrag aufgenommen; darin haben die Behörden über Paulina Born festgehalten: »165 cm. Augen braun. Haar farbe dunkel. Gesichtsform oval. Volkszugehörigkeit jüdisch.«
Ranicki erinnert sich präzise, wie damals im Kampf gegen nicht hinreichend parteitreue Bürger der Vorwurf des »Kosmospolitismus« aufkam. Seine Lage und die seiner Frau beschreibt er folgendermaßen:
»Wir hatten allen Anlaß, Angst zu haben, zumal ich sehr bald als ›kosmopolitisch‹ galt. [. . .] Ich hatte die Sache des Kommunismus noch nicht ganz aufgegeben, aber meine Illusionen waren schon erheblich kleiner geworden. Bei einem Besuch in Warschau fragte ich in der Zentrale des Nachrichten-Auslandsdienstes, ob meine Tätigkeit in London überhaupt noch erwünscht sei. Man werde mir innerhalb von wenigen Wochen Bescheid geben - bekam ich zu hören. Ich wartete nicht ab, ich bat um meine Abberufung. Meine Vorgesetzten waren zufrieden.«
Er mag es nicht, sich in der Rolle des Opfers zu beschreiben. Er selbst will stets der Auslöser gewesen sein. Erst hat er an den Kommunismus geglaubt; das sei, sagt er, der Grund für sein Handeln gewesen. Dann hat er selbst sich, »ohne lange zu überlegen«, den Decknamen Ranicki gegeben. Jetzt ist er es, der um Abberufung bittet. Nicht genug damit, trifft er gleich eine weitere, folgenschwere Entscheidung über die Zukunft seiner Familie:
»In diesen Jahren geschah es nicht selten, daß Diplomaten kom munistischer Staaten (auch polnische Diplomaten) nach ihrer Abberufung die Rückkehr verweigerten oder, wenn sie im Westen auf Dienstreise waren, absprangen. [. . .] Die Wahrheit ist: Wir haben eine solche Möglichkeit überhaupt nicht erwogen. Wir hielten es für eine Anstandspflicht, nach Polen zurückzukehren. Warum eigentlich?«
Die Antwort gibt Ranicki gleich selbst und wirkt doch nicht allzu überzeugend: »Vielleicht« habe es mit dem preußischen Gymnasium zu tun, wo ihm beigebracht worden sei, »dass man unter allen Umständen loyal zu sein habe und dass niemand verächtlicher sei als der Verräter«. Aber »noch ein ganz anderer Faktor« könnte eine Rolle gespielt haben: Das Schicksal eines flüchtigen Geheimdienstmanns habe »sehr bitter« sein können. Meint Ranicki damit jene »Handgreiflichkeiten«, von denen im vorigen Kapitel die Rede war? Hat er tatsächlich nie von ihnen gehört? Jedenfalls gibt er auf die im Nachhinein gestellte Frage, ob es falsch oder töricht war, nach Polen zurückzukehren, keine Antwort und sagt nur: »Leichtsinnig war es auf jeden Fall.«
Und wie ist es nun wirklich gewesen? Wer oder was führte den Sturz herbei? Dass Konsul Ranicki »aus politischen Gründen« um seine Abberufung bat, wie er es später gelegentlich darstellte, dafür gibt es nicht den geringsten Anhaltspunkt. In den Akten findet man nicht die Spur eines Zweifels an seiner Linientreue. Hätte es irgendeinen Hinweis darauf gegeben, so hätte er sich, wie im Falle seines bereits erwähnten Vorgängers Markowski, wahrscheinlich in den Akten niedergeschlagen.
»Gerhard Gnaucks gut recherchiertes Buch über Marcel Reich-Ranickis Jugend in Polen zeigt den großen Literaturkritiker als Opfer und Täter. ... Diese traumatischen Erfahrungen in der NS-Zeit werden von Gnauck einfühlsam und detailgetreu beschrieben. Sie machen Reich-Ranickis späteren Lebensweg emotional und psychologisch verständlich, ohne seine Verwicklungen in die Verfolgungsmaschinerie des kommunistischen Regimes entschuldigen zu wollen. «
Vladimir Vertlib, Die Presse, 21.3.2009
Klett-Cotta
1. Aufl. 2009, 311 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, 24 S. Tafelteil mit Farb- und s/w-Abb.
ISBN: 978-3-608-94177-7
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Gerhard Gnauck

Gerhard Gnauck, geboren 1964, ging 1999 als Korrespondent für die »Welt« nach Polen. Er lebt in Warschau und recherchiert seit 1999 über die...

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