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Briefe 1937–1970

Ernst Jünger / Stefan Andres

Unterwegs in Sein und Zeit

Einführung in Leben und Denken von Martin Heidegger
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Die über Jahrzehnte geführte, zum ersten Mal veröffentlichte Korrespondenz Jüngers mit einem seiner interessantesten publizistischen Weggefährten. Der ausführlich und kompetent herausgegebene Briefwechsel ist ein hochinteressantes Dokument zur Ideengeschichte in Deutschland, zur Geschichte der Weimarer Republik und – nicht zuletzt – ein ergänzender Kommentar zur politischen Publizistik Ernst Jüngers.

Friedrich Hielscher, Publizist und Privatgelehrter, trat schon in seiner Schulzeit einem Freicorps bei, verweigerte sich aber der Teilnahme am Kapp-Putsch. Er studierte Jura in Berlin und Jena, gab seine Tätigkeit am Berliner Kammergericht aber nach kurzem wieder auf. Hielscher, der zu seinen Bekannten Elisabeth Förster-Nietzsche, Oswald Spengler und Theodor Heuss zählte, war einer der ersten Autoren der von Jünger mitherausgegebenen Zeitschrift »Arminius«. Von da an arbeiteten beide, wenn auch nur temporär, im Rahmen der nationalrevolutionären Publizistik zusammen. Hielschers Philosophie, die sich an der Formulierung einer »heidnischen« Theologie versuchte, mündete schon früh in die Gründung einer politisch-religiösen Sekte – der »Unabhängigen Freikirche UFK«.
Aus dem epochalen Nachlass Ernst Jüngers liegt nun die Korrespondenz mit Friedrich Hielscher vor. Obwohl die intellektuelle Beziehung der beiden Männer spannungsreich war und durch »Wohlgefallen und Mißbehagen« zugleich geprägt war, setzte sich der in den Zwanziger Jahren begonnene Briefwechsel fort bis zu Hielschers Tod 1990.
Dem Umfang nach nimmt die Korrespondenz einen mittleren Rang ein. Ihre Bedeutung gewinnt sie indes aus dem Umstand, dass sie zu mehr als einem Drittel aus Briefen besteht, die zwischen 1927 und 1933 gewechselt wurden, also aus jenen Jahren stammen, in denen die politische Publizistik Ernst Jüngers ihren Höhepunkt erreichte. Da andere Korrespondenzen aus der Zeit entweder als vernichtet gelten müssen oder nur mehr in Abschriften vorliegen, stellen die mit Hielscher gewechselten Briefe ein einzigartiges Dokument dar, das tiefe Einblicke in die Ideenwelt und das Beziehungsnetz ermöglicht, in denen sich Jünger zur Zeit seines intensivsten politischen Engagements bewegte.

Die Herausgeber:
Ina Schmidt, Jahrgang 1963, ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Fachbereich Soziologie der Hamburger Universität für Wirtschaft und Politik. Sie promovierte mit einer Arbeit über Friedrich Hielscher.
Stefan Breuer, Jahrgang 1948, Dr. phil., ist Professor für Soziologie an der Hamburger Universität für Wirtschaft und Politik. Er veröffentlichte u. a. »Ästhetischer Fundamentalismus. Stefan George und der Deutsche Antimodernismus«.

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Leseprobe
Ernst Jünger an Friedrich Hielscher
Feldpost 36235
In Stellung, 13.12.1939.

Lieber Herr Hielscher!
Ich hause hier in diesem Winkel Erde unter Verhältnissen, die der Feder nicht günstig sind. Daher bin ich mit allen Briefen stark im Verzug.
Aus Ihrem Manuskipt »Werden und Sein« ersah ich, daß Sie einen weiten Weg zurückgelegt haben, und zwar sowohl in den Gedanken als auch im Wort. Sie gehören zu den Wenigen, die von der Souveränität des Geistes noch eine Vorstellung besitzen, ungeachtet aller Demonstrationen in der empirischen Welt. An Ihrem Stil fällt mir auf, daß in ihm die frühe Mystik durch die philosophie des 18. und 19. Jahrhunderts wie durch einen Filter hindurchgegangen ist. Sie bewegen sich daher in der direkten linie, und damit entfällt für Sie die Klippe, an der man die theologischen Bemühungen vor allem scheitern sieht. Ich meine die Wiederanknüpfung, die mich immer an den Versuch erinnert, einen zerschnittenen Nerv wieder in Funktion zu bringen, indem man seine Enden aneinanderhält. Hierin verbirgt sich auch der Hauch von Unglaubwürdigkeit, wie man ihn heute in jeder Predigt schmeckt. Dagegen finde ich in Ihrem Ausdruck die Note, in der man von bekannten und nahen Dingen spricht.
Wann ich einmal in Berlin sein werde, weiß ich nicht. Ich lebe hier ganz als Eremit, zwar tätig in einer Masse von Menschen, doch nur mit technischen und ohne geistige Beziehungen. Das ist mein Opfer an diese Zeit und ihre Aufgabe, die noch im Schmerze liegt. Desto erfreulicher sollen mir in Zukunft die Stunden sein, in denen wieder eines der seltenen Gespräche mit Gleichgestellten möglich ist. Nur mit  diesen fällt mir das Sprechen leicht, so wie ein schnelles Schiff nur unterm Winde seine Art erweist.
Mit herzlichem Gruß
Ihr Ernst Jünger


Friedrich Hielscher an Ernst Jünger
Meiningen, Helenenstr. 10, den 22.12.39.

Lieber Herr Jünger,
ich danke Ihnen für Ihren Brief. Den Gedanken, die ich anfasse, zeigt sich die zunehmende Wärme förderlich und dienstlich; und so erhoffe ich noch mancherlei. Wer das Wirken der Götter erfahren hat, weiß freilich, daß sie nicht beschworen werden können, sondern nur gerufen, und daß sie nach ihrem Belieben kommen und gehen. Aber ich bin guter Dinge.
Morgen fahren wir nach Bln, wo wir zu Neujahr hochzeiten wollen. Daß es hinter der standesamtlichen Zusammenschreibung geschieht, ist unerquicklich genug.
Für den Fall, daß Sie über die Jahreswende zufällig nach Bln kommen sollten: ich wohne bei meiner Schwester (W 15, Bregenzer Str. 1., b. Frl. R.A. Hielscher). Wahrscheinlich werde ich ab Mitte Januar spätestens wieder in Meiningen sein.
Im Frühjahr beabsichtige ich nach Bln oder in die Nähe Berlins zu ziehen, aus beruflichen Gründen. Ich verlasse jetzt ungern die freundliche Welt Meiningens; aber ich hoffe, daß meine neue Wohnung bessere Gelegenheit zu guten Gesprächen geben wird.
Mit allen guten Wünschen für die heiligen Zwölf Nächte und das neue Jahr
– ein Jahr des Trotzes und der Sicherheit –
grüßt Sie herzlich Ihr Fch Hielscher


Friedrich Hielscher an Ernst Jünger
Potsdam, den 11.2.42.

Lieber Herr Jünger,
ich danke Ihnen für Ihr Tagebuch. das mir der Verlag dieser Tage zugesandt hat. Mit Anteilnahme habe ich mich dem Entziffern des Mosaiks gewidmet, bei dem, wenn ich recht gesehen habe, mancherlei Steine ausgespart worden sind, wohl bewußt um den Preis, daß die Fläche, welche das Bild beherrscht, durch das Verschweigen der Tiefe deutlich geworden [ist] und eindringlich.
Nachdem Ihre Gattin an Ihrer Statt mir geantwortet hat. es sei noch keine Sendung bis zu Ihnen gelangt, habe ich sie gefragt – da wieder Päckchen durch die Feldpost nicht befördert werden –, ob ich die Ordnungen jetzt nach Kirchhorst senden soll. Meinen Brief mit derselben Frage haben Sie wohl nicht erhalten?
Dies voraussetzend wiederhole ich nochmals meine guten Wünsche für Ihr Wohlergehen im neuen Jahre und bleibe mit herzlichem Gruße
Ihr Fch Hielscher
»Die Zeit der politischen Publizistik Ernst Jüngers in der zweiten Hälfte der 1920er Jahre gewinnt durch diesen Briefband, den Ina Schmidt und Stefan Breuer herausgegeben und vorzüglich kommentiert haben, deutlich an Umrissschärfe. Es ist eine Zeit der Radikalität und der Gärung.«
Ralf Berhorst, Süddeutsche Zeitung, 24.8.2005

»Durch den umfangreichen und äußerst informativen Anmerkungsapparat gewinnt die Edition den Charakter einer Studie. Insgesamt bietet sie ein Bild, das über das Verhältnis der Korrespondenzpartner hinausreicht. Jünger und Hielscher erweisen sich in ihren Berührungspunkten wie in ihrer Auseinanderentwicklung als beispielhaft für eine Orientierungskrise vieler deutscher Intellektueller in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts sowie für die Bearbeitungsmodi dieser Krise.«
Berthold Petzinna, H-Soz-u-Kult, 20.12.2006

In einem sachkundigen Nachwort wird die Bedeutung dieses Briefwechsels aufgeschlüsselt. Der Kommentar erklärt alle erläuterungsbedürftigen Namen und Sachverhalte, ohne jedoch dem Leser Deutungen aufzuzwingen und ihn in seiner Lesefreiheit zu beeinträchtigen.
Frank-Rutger Hausmann, IFB, 2006
Klett-Cotta Hg. von Ina Schmidt und Stefan Breuer
1. Aufl. 2005, 554 Seiten, Leinen gebunden mit Schutzumschlag, Fadenheftung
ISBN: 978-3-608-93617-9
autor_portrait

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