Sämtliche Werke, Band 14

Essays VI: Fassungen I - broschierte Ausgabe

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»Arbeiten dieser Art muß man auf Zuwachs schreiben: sie werden niemals abgeschlossen sein«, so Ernst Jünger in seiner Einleitung zu »Sprache und Körperbau«. Und so versammelt der vierzehnte Band der »Sämtlichen Werke« eine Sammlung von elf Essays und Maximen.

Der vorliegende Band folgt Band 12 der gebundenen Ausgabe. Hinzugefügt wurde der Text »Herbst auf Sardinien«, der den ersten Teil des Essays »Sardische Heimat« bildet und bislang in Band 18 zu finden war.

Dieser Band ist auch Teil der Gesamtausgabe:
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Vom »Lob der Vokale« über tagebuchartige »Federbälle« und »Philemon und Baucis« bis hin zu »Epigrammen« und »Mantras« reicht Jüngers essayistischer Bogen. Oft bildet eine konkrete Beobachtung den Ausgangspunkt einer Reflexion, und so spiegelt sich im scheinbar Nebensächlichen das Hauptsächliche. Oder Jünger belässt es – wie in den »Federbällen« – auch bei heiter-humoristischen Anekdoten, in denen sich gleichwohl nicht weniger etwa das menschliche Wesen spiegelt.
Der Band enthält: »Lob der Vokale«, »Sprache und Körperbau«, »Das Sanduhrbuch«, »November«, »Dezember«, »Sardische Heimat«, »Der Baum«, »Steine«, »Federbälle«, »Philemon und Baucis«, »Rund um den Sinai«, »Epigramme« und »Mantrana«.

Alle Bücher von Ernst Jünger - mit den Sämtlichen Werken

Leseprobe
Lob der Vokale

1
Wenn man diese Laute zunächst mit den Konsonanten vergleicht, so fällt das zartere und vergänglichere Leben auf, das ihnen innewohnt.
In diesem Sinne bilden sie das eigentliche Fleisch der Worte und Sprachen, während durch die Konsonanten das festere Knochengerüst verkörpert wird. Daher werden auch durch die Veränderungen der Sprache, durch ihr Wachstum, ihre Wanderungen und ihren Verfall, die Vokale am ersten und leichtesten berührt. Sie wittern wie der flüchtige Lebensstoff am schnellsten aus dem Körper der Sprache heraus, während der härtere Panzer der Konsonanten oft durch Jahrhunderte hindurch und selbst über den mannigfaltigen Wechsel der Rassen, Völker und Sprachen hinweg seinen Zusammenhang bewahrt.
Der Konsonant zeichnet sich also im Hinblick auf die Angriffe der Zeit durch größere Beständigkeit und Zuverlässigkeit aus. In den semitischen Sprachen wird er als Träger der Grundbedeutung des Wortes behandelt, die der Vokal lediglich schattiert. Entsprechend werden in den Schriften die Vokale häufig durch untergeordnete Zeichen ausgedrückt. Ohne Zweifel steht diese Tatsache mit dem Geiste eigentlicher Gesetzesvölker im tieferen Zusammenhang – mit einem Geist, wie er sich in der Unverbrüchlichkeit der Überlieferung, der Verwendung steinerner Urkunden und der dienenden Rolle der Frau offenbart.
Wir führten dieses letzte Kennzeichen an in Hinsicht auf den schönen Satz Jacob Grimms, daß »offenbar den Vokalen insgesamt ein weiblicher, den Konsonanten insgesamt ein männlicher Grund beigelegt werden muß«.


2
Der Vokal stellt also den vergänglicheren Stoff des Wortes dar. In ihm ruht die Farbe. Während durch den Konsonanten die Zeichnung gegeben ist.
Nun wissen wir aber, daß das Vergängliche mit ganz verschiedenen Blicken betrachtet werden kann, denn es gleicht den alten Idolen. die den Leib eines Tieres mit dem Gesicht eines Dämons vereinigen. Auf der einen Seite ragt es in die Zeit und wird unaufhörlich von ihr zerstört. auf der anderen schießt gerade in das Vergängliche das eigentliche Leben ein, das zugleich einmalig und ewig ist.
Dieses Verhältnis wird uns deutlich. wenn das Gedächtnis das Bild entschwundener Tage zurückzurufen sucht. Nicht die großen und gesetzlichen Gefüge bieten sich ihm als Handhabe an. sondern das Leben strömt in Farben, Klängen und Gerüchen wieder ein. So erinnern wir uns leichter an die Blumen, die gerade blühten, als an den Kalendertag. Merkwürdig ist auch, daß dergleichen uns zufliegen muß und daß keine Anstrengung des Willens es erzwingt.
Gilt dies aber nicht für die Laute überhaupt, und warum soll gerade der flüchtige Vokal ein besonderer Schlüssel zu den Herzkammern des Lebens sein? Das näher zu verdeutlichen, wollen wir uns mit einer weiteren Eigentümlichkeit der Vokale beschäftigen. Bei der Betrachtung von Wörtern werden wir entdecken, daß im Vokal die allgemeine, oder besser: die ungesonderte, im Konsonanten dagegen die besondere Bedeutung zum Anklang kommt. Im Vokal ruht die Einheit der Konsonant trägt das Mannigfaltige hinzu. Entsprechend werden alle besonderen Umstände, wie etwa die Eigenart der Stoffe und Bewegungen, durch Konsonanten sinnfällig gemacht. Greifen wir, um ein Beispiel zu nennen, das W heraus, das in unserer Sprache merkwürdige Beziehungen zum Wasser und darüber hinaus zum Gleichgewicht besitzt. So findet es sich in allen Gedichten, in denen das Spiel des Wassers zum Ausdruck kommt »Das Wasser rauscht, das Wasser schwoll«, beginnt die Ballade vom Fischer, in der der Wassergeist unübertrefflich zur Darstellung gelangt. Das W tritt in zahllosen Wörtern auf, denen eine nähere oder fernere Verwandtschaft zur Bewegung, sei es des Wassers, sei es der Waage, innewohnt, so in Welle, Woge, Wirbel, Quelle, Qualle, Quecksilber, schwanken, schwellen, wallen, wackeln, Wendel, wenden, Wiege,  Gewicht, Wendel, wen,den, Wiege, Gewicht, wricken, Wechsel, weben, Wette, Wandel. Wahl. Ebenso fällt die Rolle auf, die das W in unseren Fragewörtern spielt – also in solchen Wörtern. in denen zu einer Wahl oder zu einer Erwägung aufgefordert wird. Ein Umstand wird durch der und denn begründet. durch wer und wenn in Frage gestellt Eine ruhende Spitze bezeichnen wir als Gipfel, während wir die bewegte als Wipfel ansprechen.
Ähnliche Beziehungen trifft man bei fast allen Konsonanten. die man geradezu nach den vier Elementen der Alten gruppieren kann. So ist das H ein Luftzeichen, wie das W ein Wasserzeichen ist Hamann, der sich auf Buchstaben verstand, spricht es in seinem wunderbaren Schriftchen »Neue Apologie des Buchstaben H« als das Symbol und den Hauch des Geistes an.
Die Konsonanten dürfen wir also als Zeichen betrachten, in denen der besondere Umstand. die Art und Weise, kurzum das Veränderliche, zum Ausdruck kommt. Diese Tatsache ist um so merkwürdiger, als doch der flüchtige und vergängliche Stoff des Wortes gerade durch die Vokale gebildet wird. Sie folgt jedoch einem allgemeinen Gesetz, denn auch das Auge modert eher als die Kapsel, die es umschließt. und doch fallen uns durch die Physiognomik tiefere Aufschlüsse über den eigentlichen Menschen als durch die Schädellehre zu.
Klett-Cotta
1. Aufl. 2015, 552 Seiten, broschiert
ISBN: 978-3-608-96314-4
autor_portrait

Ernst Jünger

Ernst Jünger, am 29. März 1895 in Heidelberg geboren. 1901–1912 Schüler in Hannover, Schwarzenberg, Braunschweig u. a. 1913 Flucht in die...

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