Das Tagebuch (1880–1937), Band 4

1906–1914
Buchdeckel „978-3-7681-9814-1
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»Lauter äusserste Spannungen, die ein Fluidum, eine nicht unangenehme Überwachheit der Nerven entwickelten«: Harry Graf Kesslers Tagebuch Europas vor dem Ersten Weltkrieg zwischen 1906 und 1914.

Graf Kessler tritt als Leiter des Großherzoglichen Museums für Kunst in Weimar zurück. Er schildert Eindrücke und Personen auf seinen Reisen zwischen Paris, London, Berlin und Weimar und detailliert eine Griechenlandreise mit Hofmannsthal und Aristide Maillol. Die Pläne für ein gigantisches Nietzsche-Denkmal in Weimar werden erörtert. Politik (so die Affäre um den Berliner Polizeipräsidenten von Jagow) und Kulturleben (so Diaghilews Ballets Russes) spielen auch in diesen Aufzeichnungen die herausragende Rolle.

Und schon ein flüchtiger Überblick über Kesslers Begegnungen, die er in diesem Band schildert, weckt die äußerste Neugier. Der Leser begegnet Sarah Bernhardt, Pierre Bonnard, Edward Gordon Craig, Gabriele d’Annunzio, Eleonore Duse, Maximilian Harden, Walther Rathenau, Max Reinhardt, Rainer Maria Rilke, Auguste Rodin, George Bernard Shaw, Richard Strauss, Carl Sternheim, Igor Strawinsky und anderen.

Der Band enthält zahlreiche von Kessler photographierte Abbildungen, u. a. von Maillol und seinen Modellen.

Hier gelangen Sie zu den übrigen Bänden des Tagebuchs des »roten Grafen«:
– Band 2: 1892–1897
– Band 3: 1897–1905
– Band 5: 1914–1916
– Band 6: 1916–1918
– Band 7: 1919–1923
– Band 8: 1923–1926
– Band 9: 1926–1937

>>Weitere Informationen über das Projekt zur vollständigen wissenschaftlichen Hybrid-Edition des Tagebuches von Harry Graf Kessler beim Deutschen Literaturarchiv Marbach (www.dla-marbach.de)

Leseprobe
Auszug aus der Einleitung

»Lauter äusserste Spannungen, die ein Fluidum, eine nicht unangenehme Überwachheit der Nerven entwickelten«: Harry Graf Kesslers Tagebuch Europas vor dem Ersten Weltkrieg

»Als ob noch 1913 wäre«
»Abends nach Weimar. Der alte Kutscher stand am Bahnhof. Mein Hund empfieng mich mit überschwänglicher, rührender Freude. Mein Haus schien in fast wunderbarer Weise unverändert nach Jahren so gewaltiger Ereignisse: jung und hell in der späten Stunde, unter den strahlend angedrehten Lichtern, aus Dornröschen Schlaf erwacht; die impressionistischen und neoimpressionistischen Gemälde, die französischen, englischen, italienischen, griechischen, deutschen Bücherreihen, die Figuren und Figürchen von Maillol, seine etwas zu starken, wollüstigen Frauen, sein schöner nackter Jüngling nach dem kleinen Colin, als ob noch 1913 wäre, und die vielen Menschen, die hier waren und jetzt tot, verschollen, verstreut, feind sind, wiederkommen und Europäisches Leben neu beginnen könnten. Es kam mir vor wie ein Schlösschen aus Tausend und Einer Nacht voll von allerlei Schätzen und halbverblassten Zeichen und Erinnerungen, an denen ein aus einer andren Zeit Verschlagener nur nippen darf. Ich fand eine Widmung von d'Annunzio, Persische Cigaretten aus Ispahan mitgebracht von Claude Anet, die Bonbonniere von der Taufe des jüngsten Kindes von Maurice Denis, ein Programm des Russischen Balletts von 1911 mit Bildern von Nijinsky, [...] und, noch unausgepackt, Robert de Montesquious drollig-gravitätisches aus dem Jahre vor dem Kriege datiertes Prachtwerk über die schöne Gräfin von Castiglione, die er posthum zu lieben affektierte: ihr Nachthemd lag in einem Schmuckkästchen oder kleinen Glassarg in einem seiner Empfangsräume.
Wie ungeheuer hat sich aus jenem europäischen Leben, gerade aus ihm, das Schicksal zusammengeballt, so wie aus den Schäferspielen und dem leichten Esprit der Boucher und Voltaire Zeit die nächstblutigste Tragödie der Geschichte. Dass die Zeit nicht einem festeren Frieden sondern dem Kriege zutrieb, haben wir eigentlich Alle gewusst; doch gleichfalls auch nicht gewusst. Es war eine Art von Schwebezustand, der wie eine Seifenblase plötzlich platzte und spurlos verschwunden war, als die höllischen Kräfte, die in seinem Schoosse brodelten, reif waren. « (Tagebuch, 17.8.1918)
Im August 1918 kehrt Harry Graf Kesslernach fast zweijhriger Abwesenheit in sein Weimarer Haus in der Cranachstraße zurück. Von August 1914 an hatte er am Ersten Weltkrieg teilgenommen, zunächst als Kommandeur einer Artillerie-Munitionskolonne in Belgien, später an der Ostfront. Seit dem Herbst 1916 war er, nicht mehr in militärischer, sondern in diplomatischer Mission, Leiter der deutschen Kulturpropaganda an der Gesandtschaft in Bern. In der Weimarer Wohnung tritt dem Hausherrn im Sommer 1918 sein eigenes Leben in den Jahren unmittelbar vor dem Ersten Weltkrieg entgegen. Die im Haus aufbewahrten Erinnerungsstücke führen ihm die Kultur der Vorkriegszeit vor Augen, die Räume sind noch erfüllt von der Atmosphäre eines bis ins Jahr 1914 verlängerten Fin de Siècle. Beim Rundgang des Besitzers wird mehr als nur ein Inventar wiederbegrüßt, ein Zeitalter wird besichtigt.
In der für das Tagebuch charakteristischen Exaktheit vermag die Beschreibung der Wohnung tatsächlich so gut wie alle wichtigen Aspekte von Kesslers Vorkriegsexistenz zu benennen. Da ist zunächst der Bereich der Bildenden Kunst mit den impressionistischen und neoimpressionistischen Gemälden, die an Kessler als Kunstkenner und Kunstsammler erinnern, der sich als Liebhaber und von 1903 bis 1906 in offizieller Funktion als Leiter des Großherzoglichen Museums für Kunst und Kunstgewerbe in Weimar maßgeblich für die Einführung der modernen französischen Malerei in Deutschland eingesetzt hatte.
Die Erwähnung Aristide Maillols verweist in diesem Zusammenhang auf Kesslers mäzenatische Tätigkeit: 1907 hatte dieser bei ihm die Statue Le Cycliste in Auftrag gegeben, hatte selbst das Modell, den jungen Radrennfahrer Gaston Colin, dazu ausgesucht und Maillols Arbeit an der Plastik kontinuierlich beobachtet, diskutiert sowie mit zahlreichen Atelierphotographien dokumentiert und im Tagebuch festgehalten. Die französischen, englischen, italienischen, griechischen und deutschen Bücherreihen in der Weimarer Wohnung wiederum stehen für den mit zahlreichen Literaten befreundeten ›homme de lettres‹ Kessler, sie stehen viel allgemeiner aber auch für das Milieu europäisch-humanistischer Kultur und Bildung, in dem er aufgewachsen war: Im Bücherregal, aber auch nur im Bücherregal ist diese Kultur im August 1918 noch präsent. Ein letzter Aspekt, durch ein wiedergefundenes Programmheft evoziert, ist schließlich das Ballett und besonders das ›Ballet Russe‹, für das sich Kessler seit dessen ersten Auftritten in Paris im Jahr 1909 begeistert und für das er die zwei Monate vor Kriegsausbruch uraufgeführte Josephslegende verfaßt hatte.
Kesslers Tagebuchaufzeichnung vom 17. August 1918 geht über eine Aufzählung der eigenen Interessen und Begegnungen der Vorkriegszeit aber noch hinaus. Im Rückblick unternimmt er eine scharfe Zeitdiagnose, die auch von Selbstkritik nicht frei ist. Daß die Zeit mit ihren ›höllischen Kräften‹, die ›im Schoosse‹ des von ihm intensiv miterlebten ›europäischen Lebens‹ gebrodelt hätten, dem Krieg zutrieb, hätten alle ›gewusst, doch gleichfalls auch nicht gewusst‹. Wie seine Tagebücher der Jahre 1906 bis 1914 belegen, wußte Kessler selbst sehr wohl um die Gefahr eines europäischen Krieges. Zahlreiche Reflexionen sowie Gespräche mit deutschen, englischen und französischen Politikern, Diplomaten und Künstlern über die gespannte politische Situation sind dort protokolliert, aufmerksam berichtet Kessler über die teilweise übersteigert nationalistische und kriegsbegeisterte Stimmung im Europa der Vorkriegszeit und über außenpolitische Spannungen, die Algeciras-Konferenz 1906, die österreichische Annexion Bosnien-Herzegowinas 1908 und die Marokko-Krise 1911. Der vierte Band des Tagebuchs beginnt im Januar 1906 mit Kesslers Bemühungen um einen von ihm initiierten offenen Brief zur deutsch-englischen Verständigung, den zahlreiche deutsche und englische Künstler, Schriftsteller, Musiker, Intellektuelle und Wissenschaftler unterzeichneten. Er endet am 4.August 1914 mit den Worten: »Spät die englische Kriegserklärung.«
Nicht das Politische, sondern das Ästhetische steht jedoch in Kesslers Rückblick vom August 1918 im Mittelpunkt. In den Kunstgegenständen und Büchern in Kesslers Weimarer Wohnung erscheint die Vorkriegszeit gebannt, ästhetisch aufgehoben, und sie sind es daher, die das "Europäische Leben" im Konjunktiv, im Modus des "als ob" vor dem geistigen Auge wieder aufleben lassen: "als ob noch 1913 wäre, und die vielen Menschen, die hier waren und jetzt tot, verschollen, verstreut, feind sind, wiederkommen und Europäisches Leben neubeginnen könnten." Gerade aber weil ästhetische Gegenstände, Artefakte im Mittelpunkt stehen, wirkt es, als habe dieses europäische Leben immer schon im Modus des "als ob" stattgefunden, als sei es bereits damals nur ein schöner Schein gewesen. Das Weimarer Haus, in dem Künstler, Literaten und Theaterleute in der kunstgewerblichen Atmosphäre der von van de Velde gestalteten Wohnungseinrichtung, unter den Bücherreihen mit europäischer Literatur und den vielen kostbaren Gemälden und Statuen dinierten und über neue Pläne und Projekte diskutieren, dieses Haus ist 1918 und war bereits 1913 "ein Schlösschen aus Tausend und Einer Nacht". Das eigene europäische Leben, so rekapituliert Kessler im August 1918, war ein ästhetisch-scheinhaftes: »ein Schwebezustand«, »eine Seifenblase, die plötzlich platzte«. Beides, die Gegensätze und Spannungen der Zeit und der eigenartige »Schwebezustand« des europäischen Lebens vor dem Ersten Weltkrieg, kommen in Kesslers Tagebuch der Jahre 1906 bis 1914 zum Ausdruck.
Zur äußeren Gestalt des Tagebuchs 1906–1914
Ebenso gegensätzlich wie die geschilderte Zeitspanne ist die äußere Gestalt von Kesslers Aufzeichnungen. Während die Einträge von 1906 bis zum 8. August 1912 mit Tinte in drei rotbraunen, mit Goldschnitt verzierten, in Ziegenleder gebundenen Bänden im Quartformat festgehalten sind, finden sich die anschließenden Notate bis zum 4. August 1914 in einem Konvolut von etwa 50 losen, kleinformatigen Papierbögen, die in äußerst schwer lesbarer und zum Teil stark verwischter Schrift mit Bleistift beschrieben sind. Vermutlich handelt es sich dabei um Entwürfe, deren Überarbeitung in eine »endgültige« Tintenfassung nicht verwirklicht wurde. Dafür spricht, daß das Zettelkonvolut auch eine Vorfassung der letzten mit Tinte in den Tagebuchband der Jahre 1909 bis 1912 eingetragenen Aufzeichnungen vom 6. Juli bis zum 8.August 1912 enthält und daß in diesem Tagebuchband die letzten etwa 80 Seiten unbeschrieben sind.
Die Bleistiftnotizen des Konvoluts werden in der vorliegenden Ausgabe, beginnend mit der vollständigen Vorfassung des Eintrags vom 8. August 1912, nur insoweit berücksichtigt, als sie den Charakter von Tagebuchaufzeichnungen besitzen. Nicht wiedergegeben werden andere, meist undatierte und räumlich von den Notaten mit Tagebuchcharakter abgesetzte Teile des Konvoluts wie etwa Skizzen und Szenarios zum Ballett Josephslegende, Entwürfe zu Novellen (Ein Gespräch mit Nijinsky, Eine Erscheinung), ferner eine von Kessler angelegte Ortsliste für geplante Aufführungen der Josephslegende, Listen mit Namen und Werktiteln, Adressen, Ankunfts- und Abfahrtszeiten von Zügen sowie Notizen zur Papierherstellung und zur geplanten Ausgabe der Eclogen Vergils. Aufgrund der schweren Lesbarkeit der Bleistiftnotate weicht ihre Darstellung von der sonstigen Wiedergabe des Tagebuchtextes ab. Unsichere Lesungen werden unterpunktet, unleserliche Passagen mit »xxx« in der ungefähren Länge des Wortes wiedergegeben.
Eine weitere Besonderheit von Kesslers Aufzeichnungen aus den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg stellen die zahlreichen in das Tagebuch eingeklebten Photographien dar. Die meisten davon sind Atelierphotographien aus dem Umkreis zweier von Kessler in Auftrag gegebener Werke Aristide Maillols, dem Relief Le Désir und der Statue Le Cycliste; andere Photographien dokumentieren etwa die im Mai 1908 mit Maillol und Hugo von Hofmannsthal unternommene Griechenlandreise. Sämtliche ins Tagebuch eingeklebten Photographien werden im Bildteil wiedergegeben. Weitere Photographien, die Kessler nicht einklebte, für die er aber im Tagebuch – zum Teil beschriftete – Lücken freiließ, werden chronologisch einsortiert ebenfalls in den Bildteil aufgenommen, soweit sie im Nachlaß Kesslers vorhanden und eindeutig identifizierbar sind. [...]
»Seine Tagebücher spiegeln europäische Geistesgeschichte. ... Fast 60 Jahre lang, von 1880 bis 1937 führte Kessler diese europäische Chronik, deren vierter und vorerst wichtigster Band nun erschienen ist. Neun dicke Bände werden es am Ende sein, von der Belle Époque bis zum Untergang, eine einzigartiges Zeitdokument.«
Werner Fuld, Focus, 24.7.2006

»Und der gerade erschienene vierte Band ist auch noch einer der interessantesten. Es sind die Jahre vor dem Ersten Weltkrieg. Kessler schmiedet, zu Beginn des Buches, Friedensallianzen mit englischen Malern und Intellektuellen und muß doch zusehen, wie der Kontinent unaufhörlich in den Krieg stürmt.«
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 27.11.2005
COTTA Hg. von Jörg Schuster unter Mitarbeit von Janna Brechmacher, Veröffentlichungen der Deutschen Schillergesellschaft, Bd. 50.4
1. Aufl. 2005, 1271 Seiten, Leinen mit eingelassenem Titelschild, Lesebändchen, im Grauschuber, 32 Seiten s/w-Tafelteil
ISBN: 978-3-7681-9814-1

Harry Graf Kessler

Harry Graf Kessler, 1868 in Paris geboren. Kindheitsjahre in Frankreich und England. Jurastudium in Bonn und Leipzig. 1895 Aufsichtsrat der...

Roland S. Kamzelak

Ulrich Ott

Jörg Schuster

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Gesammelte Werke

Gedichte II / Übertragungen II

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