Kulturgeschichte seelischer Störungen bei Kindern und Jugendlichen

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Die weltweit erste chronologische Darstellung psychischer Störungen bei Kindern und Jugendlichen von der Antike bis in die Gegenwart

»... Gerhard Nissen hat mit diesem Buch eine bewundernswerte Integrationsleistung vollbracht, die uneingeschränkte Anerkennung verdient.«
Helmut Remschmidt (Deutsches Ärzteblatt, 9.9.2005)

Dies ist weltweit die erste chronologische Darstellung psychischer Störungen bei Kindern und Jugendlichen von der Antike bis in die Gegenwart. Zugleich ist es eine Kulturgeschichte, in der sich die Ängste und Hoffnungen der Gesellschaften in den verschiedenen Epochen widerspiegeln.

Die Erkenntnis, daß sich neben den körperlichen auch die seelischen Erkrankungen durch Heilkunst beeinflussen lassen, ist schon früh vorhanden. Erste Versuche einer Klassifikation psychischer Störungen stammen aus dem 2. Jahrtausend v. Chr. Gerhardt Nissen untersucht, wie die Gesellschaften vom Altertum bis heute mit psychisch auffälligen Kindern und Jugendlichen umgegangen sind. Waren die Götter, Dämonen oder Hexen verantwortlich? Oder die Erbsünde? Oder spielten Degeneration oder Onanie eine entscheidende Rolle?

Wir erfahren von den Aussetzungen geistig behinderter Neugeborener im Altertum, von der Tötung mit geistlichem Beistand, von sogenannten Wechselbälgen, die aus der Vereinigung mit dem Teufel entstanden sein sollen, von der Einrichtung der ersten Findel-, Waisen- und Rettungshäuser, von den Anfängen einer eigentlichen Psychopathologie und Psychotherapie für Kinder und Jugendliche im 19. Jahrhundert, von der Euthanasie und den neuesten Entwicklungen der Nachkriegszeit. Es kommen frühe Berichterstatter, später Therapeuten, Ärzte und andere heilende Helfer wie Philosophen, Psychologen, Pädagogen zu Wort, und durch ihre Berichte erfahren wir von den betroffenen Kindern und Jugendlichen selbst.

Stimmen zum Buch

»Dieses Buch ist nicht nur für kulturgeschichtlich interessierte Ärzte und Psychologen interessant, sondern für alle, die beruflich oder privat mit Kindern zu tun haben. Auch Lehrer, Sozialpädagogen, Heilpädagogen und Erzieherinnen profitieren von der Lektüre und können sich über den aktuellen Stand und die historischen Wurzeln des Faches umfassend und verständlich informieren. Das Buch vermittelt sehr schön auch die lange nicht-ärztliche, pädagogische Tradition der Behandlung seelischer Erkrankungen im Kindes- und Jugendalter.«
Steffen Häfner (Kinderanalyse, Oktober 2006)

»Dieses Buch des Psychiaters, Kinderpsychiaters und Psychoanalytikers Gerhardt Nissen ist die weltweit erste chronologische Darstellung psychischer Störungen bei Kindern und Jugendlichen von der Antike bis zur Gegenwart. Das Buch ist zugleich eine Kulturgeschichte. Im Laufe der Jahrhunderte fand ein ständiger Paradigmenwechsel (Götter und Dämonen, Erbsünde, Masturbation, Degeneration und anderes mehr) statt, an dessen Stelle später Anlage, Umwelt und organische Ursachen traten. Nissen weiß diese Epochen anschaulich darzustellen. Dazu gehört, daß er neben den Erkenntnissen der Epochen auch ihre Irrtümer und Irrwege skizziert und nicht nur mit den jeweils herrschenden Lehrmeinungen, sondern auch mit den Biographien und Abbildungen ihrer führenden Vertreter bekannt macht. So vermittelt die Lektüre beeindruckende Begegnungen... Ein umfängliches Literaturverzeichnis und detailliertes Personen- und Sachregister beschließen das prominente Werk.«
Klaus Hartmann (Psyche, März 2006, www.psyche.de)

Inhaltsverzeichnis
Vorwort
Einleitung

1. Psyche, Ärzte und Medizin im Altertum
1.1 Einführung
1.2 Naturrecht und Kindesaussetzungen
1.3 Sitz der Seele

2. Dämonenglaube, Exorzismus, Kinderkreuzzüge
5.-15. Jahrhundert
2.1 Einführung
2.2 Dämonenglaube und Exorzismus
2.3 Kinder und Jugendliche als Hexen
2.4 Kinderkreuzzüge und Tanzwut
2.5 Ärzte als Aufklärer

3. Ärzte und Pädagogen als Helfer und Heiler
16.-18. Jahrhundert
3.1 Einführung
3.2 Ärzte als Diagnostiker und Systematiker
3.3 Pädagogen als Theoretiker und Praktiker
3.4 Reformpädagogik als Prävention und Therapie
3.5 Primär hochbegabte Wunderkinder und "Wunderkinder" durch Lerntorturen

4. Psychisch gestörte Kinder in Findel-, Waisen- und Rettungshäusern
16.-19. Jahrhundert
4.1 Einführung
4.2 Säuglinge und Kleinkinder in Findelhäusern
4.3 Kinder und Jugendliche in Waisenhäusern
4.4 Verwahrloste Kinder und Jugendliche in Heimen
4.5 Rettungshäuser für sozialisationsgestörte Kinder und Jugendliche

5. Geistig behinderte Kinder in besonderen Einrichtungen
16.-19. Jahrhundert
5.1 Einführung
5.2 Geistig behinderte Kinder in Asylen und Spitälern
5.3 Das geistig behinderte Wildkind "Victor von Aveyron"
5.4 Geistig behinderte Kinder in physiologisch-therapeutischen Anstalten
5.4.1 Das "Heim für minderbegabte Kinder" in Berlin von Carl Wilhelm Saegert
5.4.2 Der Abendberg,"Heilanstalt für Cretinen und blödsinnige Kinder" in Interlaken
5.4.3 Samuel Gridley Howe errichtete in den USA eine Versuchsschule für schwachbegabte
5.4.4 Die "Anstalt für Schwach- und Blödsinnige" in Leipzig von Karl Ferdinand Kern
5.5 Geistig behinderte Kinder in Erziehungs- und Pflegeanstalten in Deutschland

6. Asyle und Spitäler für seelisch gestörte Kinder und Jugendliche in Europa
Mittelalter - 19. Jahrhundert
6.1 Einführung
6.2 Kinder und Jugendliche in Hôtels,Hospices und Kliniken in Frankreich
6.3 Kinder und Jugendliche in Asylums, Lunacies und Kliniken in Großbritannien
6.4 Kinder und Jugendliche in Heil- und Pflegeanstalten und Kliniken in deutschsprachigen Ländern
6.4.1 Irrenanstalten in Deutschland
6.4.2 Statistische Erhebungen in Heil- und Pflegeanstalten deutschsprachiger Länder
6.4.3 Kinder in Heil- und Pflegeanstalten für Erwachsene
6.4.4 Statistiken über die Belegung der Heil- und Pflegeanstalten mit Kindern
6.4.5 Psychisch kranke Kinder in der Familie
6.4.6 Mißstände in der psychiatrischen Krankenversorgung

7. Psychisch kranke Kinder und Jugendliche im 19. Jahrhundert in Deutschland
19. Jahrhundert
7.1 Einführung
7.2 Die besondere Situation in Deutschland
7.3 Entwicklungspsychiatrische Tendenzen
7.4 Ätiopathogenetische Paradigmenwechsel

8. Der Streit der romantischen und somatischen Psychiater
19. Jahrhundert
8.1 Einführung
8.2 Die romantischen Ärzte
8.3 Die Ärzte der somatischen Schule

9. Entwicklungspsychiatrische Kasuistiken
19. Jahrhundert
9.1 Vom Einzelfall zur Diagnose
9.2 Kasuistiken psychisch kranker Kinder und Jugendlicher
9.2.1 Pränatale Existenz, Neugeborene und Säuglinge
9.2.2 Kleinkind- und Vorschulalter
9.2.3 Schulalter
9.2.4 Pubertät
9.2.5 Jugendalter

10. Psychiater, Pädiater, Pädagogen und Psychologen als Wegbereiter
19. Jahrhundert
10.1 Einführung
10.2 Psychiater
10.2.1 Anfänge einer Psychopathologie
10.2.2 Ansätze zu einer einheitlicheren Nomenklatur
10.2.3 Beginn der ätiopathogenetischen Forschung
10.2.4 Psychosen im Kindes- und Jugendalter
10.3 Pädiater
10.3.1 Einführung
10.3.2 Pädiater als heilpädagogische und psychische Ärzte
10.3.3 Nervöse und hysterische Störungen im Kindesalter
10.3.4 Psychischer Hospitalismus als Ursache der Säuglingssterblichkeit und von Entwicklungsstörungen
10.3.5 Psychasthenische und neuropathische Kinder
10.4 Philosophen, Pädagogen und Psychologen
10.4.1 Pädagogen als Heilpädagogen
10.4.2 Sonder- und Heilerziehung behinderter oder gestörter Kinder
10.4.3 Psychologen als Diagnostiker und Therapeuten

11. Pioniere und Begründer der Entwicklungspsychiatrie
11.1 Einführung
11.2 Psychiater als Gründungsväter

12. Auf dem Weg zur Wissenschaft
12.1 Einleitung
12.2 Pioniere einer Psychopathologie des Kindes- und Jugendalters

13. Neue therapeutische Verfahren
19. und 20. Jahrhundert
13.1 Einleitung
13.2 Psychotherapie durch Hypnose
13.3 Psychoanalyse und Tiefenpsychologie
13.3.1 Psychodynamische Verfahren für Kinder und Jugendliche
13.4 Verhaltenstherapie
13.4.1 Kognitive Verhaltenstherapie
13.4.2 Verhaltenstherapeutische Verfahren für Kinder und Jugendliche
13.5 Andere psychotherapeutisch wirksame Verfahren
13.6 Psychopharmakotherapie
13.6.1 Zur Vorgeschichte psychotroper Substanzen
13.6.2 Psychotrope Arzneimittel für Kinder und Jugendliche
13.6.3 Das hyperkinetische Kind im 19. und 20. Jahrhundert

14. Kinder- und Jugendpsychiatrie im 20. Jahrhundert
20. Jahrhundert
14.1 Einleitung
14.2 Kinder- und Jugendpsychiatrie in Europa
14.3 Kinder- und Jugendpsychiatrie in den USA
14.4 Kinder und Jugendliche im Nationalsozialismus
14.4.1 Kinder und Jugendliche in der "Hitler-Jugend"
14.4.2 Die T-4 Aktion ("Kindereuthanasie")
14.5 Neubeginn nach dem Zweiten Weltkrieg
14.5.1 Wegweisende Kinder- und Jugendpsychiater
14.5.2 Ambulanzen, Polikliniken, Erziehungsberatungsstellen
14.5.3 Stationen, Abteilungen, Kliniken
14.5.4 Das Fachgebiet Kinder- und Jugendpsychiatrie
14.5.5 Alte und neue Klassifikationen

15. Ausblick und Rückblick

Literaturverzeichnis
Personenregister
Sachregister
Abbildungsnachweis

Leseprobe
3. Ärzte und Pädagogen als Helfer und Heiler
16.-18. Jahrhundert

3.1 Einführung

Im Spätmittelalter und in der beginnenden Neuzeit wurde das weithin brachliegende Feld der Versorgung und Behandlung psychisch gestörter Kinder gleichzeitig weiterhin von Ärzten, mit zunehmender Häufigkeit aber auch von Nichtärzten bestellt. Es handelte sich dabei einerseits um Philosophen und Pädagogen, die durch praktische Erfahrungen theoretische Erkenntnisse für eine "heilende Erziehung" gewonnen hatten, und andererseits um Heilpädagogen, die Internate für gesunde und gestörte Kinder gründeten und mit theoretischen Schriften an die Öffentlichkeit traten. Zu den pädagogischen Autodidakten und Philosophen gehörten Montaigne, Comenius, Rousseau, Kant, Pestalozzi, Fröbel. Dabei ist es aus entwicklungs- wie aus tiefenpsychologischer Sicht sicher nicht ohne Bedeutung, daß das persönliche Schicksal von Comenius, Rousseau, Pestalozzi und Fröbel durch frühe Verluste ihrer Mütter oder Väter geprägt war: Comenius verlor als Kind beide Eltern, Rousseau und Fröbel als Kinder ihre Mütter und Pestalozzi seinen Vater bald nach seiner Geburt. Bemerkenswert erscheint auch, daß entwicklungspsychologisch orientierte Ärzte vorher oder nachher häufig eine zusätzliche philosophische Ausbildung absolviert hatten, während viele heilpädagogische Nichtärzte sich während ihrer beruflichen Tätigkeit ein ergänzendes medizinisches Wissen erwarben. Beide Berufsgruppen sind aus heutiger Sicht sowohl Pioniere einer sich danach allmählich etablierenden Kinder- und Jugendlichenpsychologie als auch der Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie.

Der französische Arzt Nicholas Andry (1658-1742), Begründer der "Orthopädie", forderte Korrekturen nicht nur für körperliche, sondern auch für seelische Haltungsschäden.

Im wesentlichen sind für diese Zeit drei Schwerpunkte zu erörtern, die für die psychisch gestörten Kinder und Jugendlichen von Bedeutung sind: 1. das Fortbestehen des Hexenund Dämonenglaubens mit einem Höhepunkt der Hinrichtungen im 17. Jahrhundert und die gleichzeitig zunehmenden Zweifel an der Existenz böser Geister, 2. frühe entwicklungspsychologische Konzepte, pragmatisch entwickelt von pädagogisch arbeitenden Ärzten, Erziehern und Therapeuten, die sich teilweise auf antike Texte stützten, und 3. die Einrichtung von heilpädagogischen Heimen und philanthropischen Internaten.

3.2 Ärzte als Diagnostiker und Systematiker

John Locke forderte als Entwicklungspsychologe kindgerechte Erziehungsmethoden
Ein neuer Abschnitt nicht nur für die Medizin, sondern speziell für die Psychologie und Psychiatrie des Kindes- und Jugendalters begann mit John Locke (1632-1704), auf den sich später immer wieder führende Pädagogen und Heilpädagogen beriefen. Locke hatte Medizin und Chemie studiert, bevor er sich der Philosophie zuwandte. Zwischen 1667 und 1675 lebte er als Arzt und Erzieher in der Familie seines Freundes, dem einflußreichen Lord Shaftesbury. Vorübergehend war er als Diplomat in Brandenburg tätig, später hielt er sich längere Zeit in Frankreich und in Holland auf.

Locke war Begründer des philosophischen Empirismus ("Nicht ist im Verstand, was nicht vorher in den Sinnen war"). Er kann mit seinen Büchern "An essay concerning human understanding" (1690) und "Some thoughts concerning education" (1683) auch als Begründer der modernen Entwicklungspsychologie, die wiederum für die Entwicklungspsychopathologie von großer Bedeutung war, angesehen werden. Er forderte eine "kindgerechte Erziehung" und Förderung bestehender erblicher Anlagen. Die moralische Erziehung solle sich nicht nach Regeln und Strafen, sondern nach dem Beispiel der Eltern richten. Die Grundlage der seelischen Entwicklung sah er (er greift damit einen Gedanken Platons auf) in einer tabula rasa, einer fiktiven Wachstafel, auf die sich frühe Erfahrungen einprägen. Diese seien zwar nicht allein für die Entwicklung eines Kindes entscheidend, würden jedoch das spätere Leben wesentlich mitbestimmen. Nach seinem heuristischen Konzept, das große Übereinstimmungen mit modernen Erkenntnissen aufweist, muß man sich die Wachsschicht jedoch nicht als homogen, sondern in einer darunterliegenden Schicht vorstrukturiert vorstellen. Es gibt sowohl relativ oberflächliche Strukturierungen, die sich leicht verändern lassen, als auch andere, die sich allen Korrekturversuchen widersetzen. Wenn Wünsche und Forderungen der Eltern mit den vorgegebenen Strukturmerkmalen übereinstimmen, ist ein hoher Fixierungsgrad vorgegeben.Handelt es sich dagegen um nicht strukturell vorgegebene Prägungsversuche, bleiben pädagogische Intentionen wirkungslos, weil sie nicht "erkannt" werden.

Lockes philosophische Grundsätze beein- flußten nicht nur maßgeblich die Pädagogik, die Pychologie und die Heilpädagogik, sondern in- direkt auch die spätere Psychiatrie des Kindesund Jugendalters und alle maßgeblichen Schulen der Psychotherapie.

In der Seele sah Georg Ernst Stahl das dominierende Entwicklungsprinzip
Der deutsche Arzt und Chemiker Georg Ernst Stahl (1659-1734) hinterließ ein fast unüberschaubares Werk. Er studierte zunächst Philosophie, dann Medizin in Jena, wo er auch promoviert wurde und sich habilitierte. Er ist der Begründer der Phlogistontheorie. 1694 erhielt er in Halle eine Professur für Theoretische Medizin. 1715 wurde er zum Leibarzt des preußischen Königs berufen und war gleichzeitig für das preußische Medizinalwesen zuständig.

Stahl war der führende Vertreter des Animismus. Er sah in der Seele das dominierende Prinzip des Lebens und behauptete, daß "alle Wirkungen des Körpers von der Herrschaft und Wirksamkeit der Seele abhängen". Er räumte den Gemütsbewegungen und Affekten (Zorn, Ekel, Schreck u.a.) große Bedeutung für Gesundheit und Krankheit ein und sah in den Leidenschaften die entscheidenden krankheitsverursachenden Wirkungen. Die seelische Entwicklung stehe in engem Zusammenhang mit den Temperamenten und mit der Erziehung. Schon zur Erhaltung des Normalzustandes des Organismus sei eine "perpetua therapia interna" erforderlich. Stahl war vier Jahre in den Franckeschen Anstalten in Halle tätig und betreute (Huppmann 2000) die Kinder des Franckeschen Waisenhauses. In der Nachfolge von Stahl wurden noch Ende des 18. Jahrhunderts Todesfälle bei Kindern darauf zurückgeführt, daß die Mutter oder die Amme das Kind im Zorn gestillt habe.Auch Hirnstörungen wurden so erklärt. Niels Rosén von Rosenstein (1706-1773) erwähnte eine früh erlebte Furcht als Ursache des Erbrechens (Oehme 1988).

In "System einer vollständigen medizinischen Polizey" forderte Johann Peter Frank grundlegende Reformen
In seinem Werk "System einer vollständigen medizinischen Polizey" (1779-1821) erhob der aus der Pfalz stammende Johann Peter Frank (1745-1821), Professor in Wien und Begründer der Sozialhygiene als Wissenschaft, die strenge Forderung nach Erziehung und Bildung schwachsinniger Kinder. Frank studierte, wie zahlreiche Ärzte dieser Zeit auch, zunächst Philosophie und erst danach Medizin. Schon in seiner Promotionsarbeit "De cunis infantum" beschäftigte er sich mit kranken Kindern. Als Stadtphysikus in Bruchsal richtete er eine Hebammenlehranstalt ein. 1784 erhielt er einen Lehrstuhl in Göttingen. 1787 in Pavia zum Generaldirektor des Medizinalwesens in der Lombardei ernannt, erregte er mit einer Rede über "Das Elend als Mutter der Krankheiten" großes Aufsehen. 1795 sprach er sich als Leiter des Allgemeinen Krankenhauses in Wien gegen den Zölibat der Priester und für die Taufe unehelicher Kinder aus, was zu anhaltenden Auseinandersetzungen führte.Nach einem längeren Aufenthalt in Rußland kehrte er 1808 nach Wien zurück und reorganisierte ab 1809 das Wiener Allgemeine Krankenhaus.

Johann Peter Frank, der Begründer der Sozialhygiene als Wissenschaft.

In seinem sechsbändigen Werk "System einer vollständigen medicinischen Polizey" forderte er umfassenden Schutz für Schwangere und Kinder, propagierte das Selbststillen der Mütter, sprach sich für die Beseitigung von Mißständen in Waisenhäusern, Findelanstalten und Heimen aus und wies auf die Folgen der schweren Kinderarbeit auf dem Lande hin. Er warnte vor schulischer Überforderung und setzte sich für eine Förderung schwachsinniger Kinder ein. Er behandelte psychisch gestörte Menschen als Kranke und konnte durch seine in Wien veranlaßten hygienischen Reformen viele Erleichterungen für die inhuman behandelten Patienten erzielen.

Franz Anton Mesmer erkannte milieureaktive Störungen als Ursachen psychischer Erkrankungen
Auch Franz Anton Mesmer (1734-1815) studierte zunächst Theologie und Philosophie, bevor er 1760 mit dem Medizinstudium begann. Sein Interesse war, wie seine ,,Dissertatio physico- medica de planetarum influxu" zeigte, von Anfang an auf psychogene Störungen und ihre Behandlung gerichtet. Als in Wien niedergelassener Arzt behandelte er 1774 eine junge Patientin erfolgreich mit einem Magneten. Er schrieb die Heilung einem von ihm entdeckten "thierischen Magnetismus" zu. Er glaubte schließlich, daß er allein durch seine Anwesenheit Symptome bessern könne. Trotz weiterer günstiger Behandlungsergebnisse in Ungarn konnte er sich mit seiner "Fluidum- Therapie" unter seinen medizinischen Kollegen in Wien nicht durchsetzen. Er ging für einige Zeit nach Deutschland, kehrte jedoch, durch seine Berufung an die "Bayerische Akademie der Wissenschaften" gestärkt, wieder nach Wien zurück.

Franz Anton Mesmer geriet mit seiner Behandlungsmethode, der "Fluidum-Therapie" mit einem Magneten, ins Zwielicht.

Während der Behandlung einer seit dem dritten Lebensjahr blinden 18jährigen Musikerin kam es zu einem Eklat. Die stadtbekannte, am Kaiserhofmusizierende junge Frau behauptete nach einigen magnetischen Sitzungen,wieder sehen zu können. Mesmer geriet dadurch ins Zwielicht, daß sich der von ihm selbst verkündete dramatische Behandlungserfolg als unzutreffend erwies, und verließ Wien. In Paris (1778) kam es bald zu erneuten und schweren Konflikten. Er verkehrte in höchsten Gesellschaftskreisen, forderte hohe Honorare und suchte nachdrücklich nach wissenschaftlicher Anerkennung. Eine vom französischen König eingesetzte Untersuchungskommission kam jedoch zu dem Ergebnis, daß es keinen Beweis für einen "fluidalen Magnetismus" gebe und daß Mesmers Heilungserfolge auf "Einbildung" zurückzuführen seien.

Mit dem Marquis de Puységur begann die Geschichte der Hypnose
Aber erst mit einem Schüler Mesmers, mit dem Marquis de Puységur (1751-1825), begann die eigentliche Geschichte der Hypnose, den er als "künstlichen Somnambulismus" bezeichnete. Weitere wichtige Promotoren der Hypnose waren Johann Joseph Gassner (1727-1779) und Maximilian Hell (1720-1792). James Braid (1795-1860) gelangte zu der heute noch gültigen Einsicht, daß neben den Fähigkeiten des Hypnotiseurs die Begabung des Patienten zu einer "Konzentration der Aufmerksamkeit und Erhöhung der Einbildungskraft" für eine gelungene Hypnose ausschlaggebend sei. Während Jean Martin Charcot glaubte, daß nur hysterische Patienten hypnotisiert werden könnten, vertraten und belegten Ambroise A. Liébeault (1823-1904) und Hippolyte-Marie Bernheim (1837-1919), die Begründer der Schule von Nancy, die noch heute gültige Ansicht, daß im Prinzip jeder Mensch, der damit einverstanden ist, hypnotisiert werden kann.

Thomas Sydenham beschrieb die Chorea minor
Thomas Sydenham (1624-1663) erkannte 1686 die Chorea minor als eine Krankheitseinheit. Die Chorea St.Viti sei ein Krampfzustand, der besonders bei Kindern auftrete. Häufig beginne die Chorea mit einer motorischen Unruhe, die von der Umgebung nicht als Krankheit, sondern als Unart aufgefaßt werde. Erst mit dem Voranschreiten der Störung werde die unbeeinflußbare Schwere der Erkrankung erkannt. "Bevor der Kranke eine Tasse zu den Lippen zu erheben vermag, führt er viele Gestikulationen aus und dreht die Tasse hin und her, bis sie schließlich, sich den Lippen zufällig nähernd, die Flüssigkeit plötzlich in den Mund gießt.Nun trinkt der Kranke gierig, gleich als ob er durch seine Mühe den Zuschauer belustigen wollte." (zit. nach Peiper 1971)

Bossier de Sauvages entwarf eine neue Systematik der psychischen Krankheiten
Der Arzt und Botaniker François Bossier de Lacroix, bekannt unter dem Namen Sauvages (1706-1767), publizierte 1731 eine neue Nosologie "Traité des classes des maladies" (2. Aufl. 1763), in der er in der Nachfolge des früh verstorbenen Sydenham eine systematische Ordnung der Krankheiten in zehn Klassen herzustellen versuchte, die über längere Zeit gültig blieb.

Kapitel 8 dieses Werks umfaßte
psychische Störungen wie: Vertigo (Schwindel), Berlue (Augenflimmern), Diplopie (Doppeltsehen), Tintouin (Ohrensausen), Hypochondriasis,Somnambulismus;Störungen des Trieb- und Gefühlslebens: Pica (abnorme Gelüste), Gefräßigkeit, Polydipsie (Trunksucht), Antipathie (heute: "Phobien"), Nostalgie (Heimweh), Panphobia (generalisierte Angst), Satyriasis (krankhaft übersteigerter männlicher Geschlechtstrieb), Nymphomanie (übersteigerter weiblicher Geschlechtstrieb), Tarantismus (Tanzwut), Hydrophobie (Tollwut);Störungen der Intelligenz: Paraphrosyne (toxisches oder symptomatisches Delirium), Dementia oder Amentia, Mania, Dämonomanie (!);Folies irrégulières:Amnesie, Insomnia;Melancholie, untergliedert in: gewöhnliche Melancholie, Erotomanie (Liebeskrankheit), religiöse Melancholie, eingebildete Melancholie (wie Hypochondriasis, ohne physische Grundlage), extravagante Melancholie, Melancholia atonita (Erstarrung; Patient bleibt schweigsam und unbeweglich), vagabundierende Melancholie (intensives Bedürfnis nach Bewegung),Tanzmelancholie (Choreomanie), hippanthropische Melancholie (Wahnvorstellung, in ein Pferd verwandelt zu sein), skythische Melancholie (Wahnvorstellung, in eine Frau verwandelt zu sein),Melancholia anglica (oder auch Taedium vitae, Todeswunsch), zooanthropische Melancholie (Wahnvorstellung, in ein Tier verwandelt zu sein), enthusiastische Melancholie (Glaube, göttlich inspiriert zu sein), sorgenvolle Melancholie.

In der vierten Klasse wurden Krämpfe unterschiedlicher Herkunft und Ausprägung und in der sechsten Klasse unter Coma: Katalepsie, Ekstase, Typhomanie, Lethargie, Schläfrigkeit, Carus und Apoplexie aufgeführt. Die psychiatrischen Erkrankungen wurden in vier Ordnungen gegliedert, von denen hier nur die berücksichtigt werden, die auch einen Bezug zum Kindes- und Jugendalter aufweisen. Unter den überwiegend neurologisch bedingten Sinnesstörungen wurden der Somnambulismus und die Hypochondrie angeführt. Bei den Störungen des Trieb- und Gefühlslebens fanden sich neben der Pica (abnorme Gelüste), Gefräßigkeit (Hyperappetenz-Adipositas) die "Phobien" und einige Paraphilien und Wünsche nach Geschlechtsumwandlungen, wie sie in seltenen Fällen auch heute bei Kindern und Jugendlichen vorkommen. Bemerkenswert ist, daß auch hier die Dämonomanie noch als Erkrankungsursache angeführt wurde. Zu den 14 Varianten der Melancholie ist anzumerken, daß seit dem Altertum unter diesem Begriff zeitweise fast alle emotionalen Störungen zusammengefaßt wurden. Wie schon in vorangehenden Klassifikationen, wurde auch in dieser die "Erotomanie" (Liebeskrankheit) ebenso angeführt wie die "extravagante Melancholie" (die als modische Schwermut in der Zeit der Romantik gehäuft auftrat). Die "hippanthropische Melancholie" (Wahnvorstellung, in ein Pferd verwandelt zu sein) trat, nachdem in Frankreich Pferde inzwischen häufiger als Wölfe vorkamen, an die Stelle der antiken Wahnvorstellung der "Lykanthropie" (Angst, in einen Wolf verwandelt zu werden), ein frühes Beispiel für die These, daß die Inhalte einer psychischen Störung von der Umwelt, ihre Erscheinungsformen jedoch von der jeweiligen Persönlichkeitsstörung abhängen.

Der Botaniker und Kinderarzt Carl von Linné beschrieb schädigende Verhaltensfehler der Eltern
Der Schöpfer der berühmten botanischen Systematik, Carl von Linné (1707-1778), war ein Bewunderer der Sauvageschen Klassifikation und stellte in dessen wissenschaftlicher Nachfolge umfangreiche deskriptive "Genera Morborum" auf. Linné war auch Arzt,"Kinderarzt" (Tramer 1960), und beschrieb schädliche Folgen bei Kindern durch stillende Mütter, die in dieser Zeit Alkohol zu sich nehmen. Dadurch könnten epileptische Anfälle bei den Kindern ausgelöst werden, außerdem machte er den Alkohol in der Muttermilch für den Zwergwuchs verantwortlich.

William Cullen definierte die Neurose als eine somatisch bedingte Störung
Der schottische Arzt William Cullen (1712 bis 1790), auch Physiker und Chemiker, ein Anhän- ger der Lehre John Lockes, erhielt 1766 einen Ruf an den Lehrstuhl für theoretische Medizin; im Jahr 1773 wurde er Professor für Physik. 1777 veröffentlichte er ein Lehrbuch "First Lines of the Practice of Physics" mit einer eigenen Nosographie, in dem er geistige Störungen als körperliche Erkrankungen beschrieb. Cullen gilt als Namensgeber und Erstbeschreiber der Neurose. Ihr Ursprung liege vermutlich im Nervensystem und werde durch Funktionsstörungen verursacht, ohne daß man in den anatomischen Teilstrukturen Veränderungen feststellen könne: "Ich will aber hier unter dem Namen der Nervenkrankheiten (Nevroses) alle diejenigen widernatürlichen Zufälle der Empfindung und Bewegung,bey denen kein Fieber, wenigstens als ein Theil der ersten und Haupt-Krankheit vorhanden ist, sowie auch alle diejenigen Krankheiten begreifen, welche von keinem topischen widernatürlichen Zustande der Werkzeuge, sondern von einer mehr allgemeinen widernatürlichen Beschaffenheit des Nervensystems und derjenigen Kräfte herrühren, von welchen die Empfindungen und Bewegungen vorzüglicher Weise und besonders abhängen." Damit schloß er nur die entzündlichen und lokalisierten Erkrankungen aus. "In dieser Rücksicht mache ich eine besondere Classe von Krankheiten, die ich mit dem Namen der Nervenkrankheiten oder Nervenübel (Nevroses, Morbi nervosi) belege." Bekanntlich bezeichnete Sigmund Freud (1905) als Psychoneurose ein störendes psychisches Syndrom, das durch einen unzureichend bearbeiteten unbewußten Konflikt entstanden sei und nicht durch "hirnorganische Veränderungen oder überwiegend krankhafte Erbanlagen" hervorgerufen werde.
»Dieses Buch gehört zur erstrangigen Pflichtlektüre des Arztes für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie und des Nervenarztes. Es sollte aber auch allen Berufsgruppen, denen die erzieherische Fürsorge, die schulische Bildung und erst recht die Therapie von Kindern und Jugendlichen mit psychischen Störungen anvertraut ist (Kinderärzte, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten, psychologischen Psychotherapeuten) Plichtlektüre sein. Aber auch den interessierten Laien ist es eine Fundgrube ...«
A. Warnke (Zeitschrift für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie, Heft 34, 2/2007)

»Gerhard Nissen stellt die Geschichte des seelisch kranken Kindes von der Antike bis zur Gegenwart lebendig und verständlich dar. ...
Das Buch ist gegenwärtig das umfassendste und bedeutendste auf seinem Gebiet. ...
Nissen beschreibt, wie sich der Umgang mit psychisch kranken Kindern und Jugendlichen im Laufe der Zeit gewandelt hat und welche Auswirkungen das zugrunde liegende Menschenbild und der zeitgeschichtliche Kontext hatten. So manches "Neue" ist schon einmal da gewesen, und manches "Alte" ist brandaktuell.«
Frank Badura (Psychologie Heute, 09/2006)

»Der emeritierte Lehrstuhlinhaber für Kinderpsychiatrie in Würzburg, Gerhardt Nissen, hat sich, so meine ich, grosse Verdienste erworben durch die Veröffentlichung eines Buches zur Kulturgeschichte seelischer Störungen bei Kindern und Jugendlichen. Warum hat er es vermieden, einfach von einer Geschichte der Kinderpsychiatrie zu sprechen? Wohlweislich, weil er sich nämlich nicht einschränken wollte, weil ihm klar war, dass die Kindheit sowohl für eine normale wie für eine gestörte seelische Entwicklung wichtig war und ist. Es ging also darum, auch kinderpsychologische, pädagogische und allgemein medizinische Theorien und Fakten einzubeziehen. Geht man das beinahe 600 Seiten starke Buch durch, ist man fasziniert. Der Autor hat ein ungeheures Material von der Antike bis zur Neuzeit verarbeitet, faßlich und mit sprachlicher Eleganz dargestellt. Wir finden Kapitel über die Haltung der Ärzte im Altertum den Kinderkrankheiten gegenüber und ihren Versuch, den allgemeinen Problemen des Seele-Leib-Diskurses nachzugehen. Man erfährt, wie im 19. Jahrhundert Kinder und Jugendliche in Heil- und Pflegeanstalten betreut wurden. Sehr subtil geht Nissen auf den Streit der romantischen und der somatischen Psychiater im 19. Jahrhundert ein und schildert dann, wie sich langsam Pädiater, Pädagogen und Psychologen auf eine einheitlichere Nomenklatur und eine eigene Psychopathologie einigten. Man muss dem Autor im übrigen entgegentreten, wenn er in seinem Vorwort schreibt, dass sein Buch keine vollständige, sondern nach seinen Vorstellungen ausgewählte und begrenzte und vor allem im deutschsprachigen Raum orientierte Geschichte der Entwicklungspsychiatrie des Kindes- und Jugendalters darstelle. Die Dokumentation und die didaktisch äusserst wirksame Darstellung sind überwältigend. Der Leser staunt, wie es möglich war, dass ein so vielfältiges Material übersichtlich geordnet werden konnte. Sehr sorgfältig werden die Arbeiten des 19. Jahrhunderts von Ideler bis René Spitz kommentiert, wobei auch heute kaum bekannte Psychiater wie Hasse, Berkhahn oder Jolly zu Worte kommen. Nissen schliesst seinen Band mit einem Ausblick und Rückblick ab, wobei er schreibt, dass sich die Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie seiner Meinung nach heute in einer Phase der Konsolidierung und Verfestigung ihrer Positionen befinde. Das Literaturverzeichnis ist äusserst reichhaltig, und das Personenregister erlaubt dem neugierigen Leser, auf einfache Weise einem Thema nachzugehen. Insgesamt handelt es sich also um ein hervorragendes medizinhistorisches Werk. Ein epochales Buch, würde ich sagen.«
Christian Müller-Gesnerus (Organ der Schweizerischen Gesellschaft für Geschichte der Medizin und der Naturwissenschaften, 06/2006)

»Geht man das beinahe 600 Seiten starke Buch durch, ist man fasziniert. Der Autor hat ein ungeheures Material von der Antike bis zur Neuzeit verarbeitet, faßlich und mit sprachlicher Eleganz dargestellt. ... Insgesamt handelt es sich also um ein hervorragendes medizinhistorisches Werk. Ein epochales Buch, würde ich sagen.«
Christian Müller-Gesnerus (Organ der Schweizerischen Gesellschaft für Geschichte der Medizin und der Naturwissenschaften, 06/2006)

»Dieses Buch ist nicht nur für kulturgeschichtlich interessierte Ärzte und Psychologen interessant, sondern für alle, die beruflich oder privat mit Kindern zu tun haben. Auch Lehrer, Sozialpädagogen, Heilpädagogen und Erzieherinnen profitieren von der Lektüre und können sich über den aktuellen Stand und die historischen Wurzeln des Faches umfassend und verständlich informieren. Das Buch vermittelt sehr schön auch die lange nicht-ärztliche, pädagogische Tradition der Behandlung seelischer Erkrankungen im Kindes- und Jugendalter.«
Steffen Häfner (Kinderanalyse, 06/2006)

»Wir halten mit diesem Buch ein Jahrhundertgeschenk in den Händen; wir brauchten es nur zu lesen um zu erfahren, in welcher Weise wir unsere Arbeit mit Kindern künftig gestalten müssen.«
H. G. Zapotoczky (Psychopraxis, 12/2005)
»... sehr lesenswert. Durch die stark personengebundene Darstellung, durch die Einbeziehung des autobiografischen und wissenschaftlichen Werdegangs der in der Geschichte des Umgangs mit Kindern mit psychischen Störungen wichtigen Männer und Frauen wird diese sehr anschaulich. Aufgelockert wird der Text immer wieder durch Abbildungen der Protagonisten.«
Lothar Unzner (Praxis der Kinderpsychologie und Kinderpsychatrie, Heft 7/2006)

»Der emeritierte Lehrstuhlinhaber für Kinderpsychiatrie in Würzburg, Gerhardt Nissen, hat sich, so meine ich, grosse Verdienste erworben durch die Veröffentlichung eines Buches zur Kulturgeschichte seelischer Störungen bei Kindern und Jugendlichen. Warum hat er es vermieden, einfach von einer Geschichte der Kinderpsychiatrie zu sprechen? Wohlweislich, weil er sich nämlich nicht einschränken wollte, weil ihm klar war, dass die Kindheit sowohl für eine normale wie für eine gestörte seelische Entwicklung wichtig war und ist. Es ging also darum, auch kinderpsychologische, pädagogische und allgemein medizinische Theorien und Fakten einzubeziehen. Geht man das beinahe 600 Seiten starke Buch durch, ist man fasziniert. Der Autor hat ein ungeheures Material von der Antike bis zur Neuzeit verarbeitet, faßlich und mit sprachlicher Eleganz dargestellt. Wir finden Kapitel über die Haltung der Ärzte im Altertum den Kinderkrankheiten gegenüber und ihren Versuch, den allgemeinen Problemen des Seele-Leib-Diskurses nachzugehen. Man erfährt, wie im 19. Jahrhundert Kinder und Jugendliche in Heil- und Pflegeanstalten betreut wurden. Sehr subtil geht Nissen auf den Streit der romantischen und der somatischen Psychiater im 19. Jahrhundert ein und schildert dann, wie sich langsam Pädiater, Pädagogen und Psychologen auf eine einheitlichere Nomenklatur und eine eigene Psychopathologie einigten. Man muss dem Autor im übrigen entgegentreten, wenn er in seinem Vorwort schreibt, dass sein Buch keine vollständige, sondern nach seinen Vorstellungen ausgewählte und begrenzte und vor allem im deutschsprachigen Raum orientierte Geschichte der Entwicklungspsychiatrie des Kindes- und Jugendalters darstelle. Die Dokumentation und die didaktisch äusserst wirksame Darstellung sind überwältigend. Der Leser staunt, wie es möglich war, dass ein so vielfältiges Material übersichtlich geordnet werden konnte. Sehr sorgfältig werden die Arbeiten des 19. Jahrhunderts von Ideler bis René Spitz kommentiert, wobei auch heute kaum bekannte Psychiater wie Hasse, Berkhahn oder Jolly zu Worte kommen. Nissen schliesst seinen Band mit einem Ausblick und Rückblick ab, wobei er schreibt, dass sich die Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie seiner Meinung nach heute in einer Phase der Konsolidierung und Verfestigung ihrer Positionen befinde. Das Literaturverzeichnis ist äusserst reichhaltig, und das Personenregister erlaubt dem neugierigen Leser, auf einfache Weise einem Thema nachzugehen. Insgesamt handelt es sich also um ein hervorragendes medizinhistorisches Werk. Ein epochales Buch, würde ich sagen.«
Christian Müller (Gesnerus (Organ der Schweizerischen Gesellschaft für Geschichte der Medizin und der Naturwissenschaften), 1/2, Juli 2006)

»...man (darf das Buch) als Nachschlagewerk bezeichnen ... Eine lobenswerte Fleißarbeit, ein medizin-historischer Meilenstein der Kinder- und Jugendpsychiatrie und ein lohnender Wissens-Gewinn, verbunden mit Lesevergnügen, denn G. Nissen war schon immer dafür bekannt, dass er seine umfassende Erfahrung auch interessant zu formulieren versteht.«
V. Faust (Krankenhauspsychiatrie, Juli 2006)
»...ein epochales Werk des deutschen Experten Gerhardt Nissen...«
Christa Karas (Wiener Zeitung, 29.7.2006)

»...das Buch (ist) dem fachlich interessierten Leser zu empfehlen: Denn die zahlreichen Detailinformationen und das umfangreiche Literaturverzeichnis regen dazu an, sich weiter in die Geschichte der seelischen Störungen von Kindern und Jugendlichen zu vertiefen.«
Johannes Gstach (Dr. med. Mabuse, Mai/Juni 2006)

»Dieses Buch des Psychiaters, Kinderpsychiaters und Psychoanalytikers Gerhardt Nissen ist die weltweit erste chronologische Darstellung psychischer Störungen bei Kindern und Jugendlichen von der Antike bis zur Gegenwart. Das Buch ist zugleich eine Kulturgeschichte. Im Laufe der Jahrhunderte fand ein ständiger Paradigmenwechsel (Götter und Dämonen, Erbsünde, Masturbation, Degeneration und anderes mehr) statt, an dessen Stelle später Anlage, Umwelt und organische Ursachen traten. Nissen weiß diese Epochen anschaulich darzustellen. Dazu gehört, daß er neben den Erkenntnissen der Epochen auch ihre Irrtümer und Irrwege skizziert und nicht nur mit den jeweils herrschenden Lehrmeinungen, sondern auch mit den Biographien und Abbildungen ihrer führenden Vertreter bekannt macht. So vermittelt die Lektüre beeindruckende Begegnungen... Ein umfängliches Literaturverzeichnis und detailliertes Personen- und Sachregister beschließen das prominente Werk.«
Klaus Hartmann (Psyche, März 2006, www.psyche.de)

»Dieses Buch gehört zur erstrangigen Pflichtlektüre des Arztes für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie und des Nervenarztes.«
»Herr Nissen hat mit seiner Kulturgeschichte selbst einen Beitrag zur Kulturgeschichte seelischer Störungen bei Kindern und Jugendlichen geschaffen. Dafür ist ihm zu danken und dem Buch eine breite Leserschaft zu wünschen. Auch die ansprechende Gestaltung des Buches, die Faktenreichtum mit Übersichts- und vielfältigen Abbildungen zu verbinden weiß, regt dazu an, den Band als Geschenk auch anderen in die Hand zu geben, denen man eine Lesefreude bereiten möchte.«
A. Warnke (Zeitschrift für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie Februar 2006)

»Nissens Buch enthält eine reiche Materialsammlung, die für jeden sich um Kultur und Bildung bemühenden Menschen hilfreich und interessant ist... Das Buch enthält zum Denken und Überdenken anregendes Material in Hülle und Fülle.«
T. von Salis (Schweizer Archiv für Neurologie und Psychiatrie, 1/2006)
»Das Buch ist aus einer jahrzehntelangen klinischen Erfahrung und einem medizinhistorischen Fundus heraus geschrieben, sodass es mit seinen zahlreichen Daten und Querverweisen, Abbildungen und Literaturreferenzen für eine breite (Fach-)Leserschaft geeignet ist: Für den einen ein flüssig zu lesendes Lesebuch, für den anderen ein unentbehrliches Nachschlagewerk, das seinesgleichen mindestens im deutschsprachigen Raum zu suchen hat.«
B. Holdorff (Die Psychiatrie, Dezember 2005)

»Das Anliegen des Autors geht dahin, in den verschiedenen Ausprägungen seelischer Störungen von Kindern und Jugendlichen und die darauf erfolgenden Einstellungen und Reaktionen der Gesellschaft von der Antike über das Mittelalter, die Epoche der Aufklärung bis in unsere Zeit kulturgeschichtliche Abfolgen darzustellen ... DerAutor unterstreicht die Bedeutung biologischer, psychopathologischer und psychologischer ebenso wie neurologischer und psychotherapeutischer Grundlagen, vor denen die Kinder- und Jugendpsychiatrie heute steht, und fordert stärkere Aufklärung von Eltern psychisch beeinträchtigter Kinder über Behandlungsmöglichkeiten und Behandlungschancen. Wir halten mit diesem Buch ein Jahrhundertgeschenk in den Händen; wir brauchten es nur zu lesen um zu erfahren, in welcher Weise wir unsere Arbeit mit Kindern künftig gestalten müssen.«
H. G. Zapotoczky (Psychopraxis, Dezember 2005)

»Nissens bei Klett-Cotta erschienenes bahnbrechendes Buch umfassende »Kulturgeschichte seelischer Störungen bei Kindern und Jugendlichen« ist in Fachkreisen auf breite Zustimmung und Begeisterung gestoßen.«
Roland Flade (Main-Post und Volksblatt, 21.12.2005)

»Nissen legt nun eine umfassende »Kulturgeschichte seelischer Störungen bei Kindern und Jugendlichen« vor, in der alles zusammengetragen wurde, was nach langen Irrungen und Wirrungen der Medizingeschichte zuletzt in die Etablierung der Kinder- und Jugendpsychiatrie als eigenständiges medizinisches Fach eingemündet ist. Der geistige Streifzug, der mit der antiken Medizin beginnt, über das Schicksal seelisch gestörter Kinder und Jugendlicher im Mittelalter und über das Zeitalter der Aufklärung schließlich in die vierte Epoche hineinführt, lässt keine Facette der abendländischen Haltung gegenüber seelisch sowie geistig gestörten Kindern und Jugendlichen unbeachtet. ... Der Neubeginn nach dem 2. Weltkrieg, ein Ausblick und Rückblick, der nicht zuletzt Wissenschaftstheorie, Soziologie, aber auch Medizinethik einbezieht, schließt das umfassende Werk ab, das in seiner Sparte einen hohen Standard setzt.«
(NeuroTransmitter, November 2005)

»...Nissens Buch kann selbstverständlich ganz traditionell von vorne bis hinten gelesen werden, so gut gegliedert und aufbereitet, wie es ist. Es ist aber auch ein wunderbares Buch zum Herumblättern, um sich an einer spannenden Stelle einzulassen und ›festzulesen‹. Und es ist ein hervorragendes Nachschlagewerk. ...
Ich musste bei der Lektüre dieses Buches immer wieder...darüber nachdenken, wie sehr Kinder- und Jugendpsychiater gefährdet sind, wunderbare Schubladen herzustellen...Ich finde es darum besonders erfreulich, dass Nissen nicht lediglich eine Geschichte der Psychiatrie oder Kinder- und Jugendpsychiatrie geschrieben hat, sondern eine Kulturgeschichte seelischer Störungen. Dieser weite Blick...macht das Buch zu einem wertvollen Schatz. ... Ich kann dieses Buch rundum empfehlen, insbesondere Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutinnen und -psychotherapeuten; es ist seinen Preis wert!«
Hans Hopf (akjp, November 2005)

»... Der Neubeginn nach dem Zweiten Weltkrieg und ein Ausblick schließen das Buch ab, das seinem Titel in jeder Weise gerecht wird und eine Fundgrube für Leser mit unterschiedlichen Interessenschwerpunkten ist.
Gerhard Nissen hat mit diesem Buch eine bewundernswerte Integrationsleistung vollbracht, die uneingeschränkte Anerkennung verdient.«
Helmut Remschmidt (Deutsches Ärzteblatt, 9.9.2005)

»Eine Kulturgeschichte seelischer Störungen bei Kindern und Jugendlichen zu verfassen, die ihren Ausgang im Altertum hat und bis in die Gegenwart reicht, ist eine Herausfordetrung. Gerhardt Nissen...hat sich, obwohl kein Medizinhistoriker, als Kinder- und Jugendpsychiater dieser Herausforderung gestellt und die komplizierte Aufgabe glänzend bewältigt. ...
Das Buch besticht durch die Sach- und Fachkenntnis seines Autors, der den Pfad der objektiven Darstellung bereits einhält. Es ist mit großem Engagement geschrieben und liest sich als Fachbuch ebenso gut wie als enzyklopädisches Nachschlagewerk.«
K.-J. Neumärker (Nervenheilkunde, 8/2005)

»... Detailliert geht Nissen auf die Entwicklung der Institutionen und die oft eng mit ihnen verbundenen reformerischen Persönlichkeiten ein. Man erkennt, wie lange es dauert, einen humanen, den medizinischen Anforderungen gerecht werdenden Versorgungsstand zu erreichen. Das ist zugleich eine Warnung, nicht durch kurzsichtige Sparmaßnahmen zu ruinieren, was nur durch Langmut wieder zu etablieren ist.«
Martina Lenzen-Schulte (Frankfurter Allgemeine Zeitung, 7.9.2005)

»... Er beschreibt, wie im Laufe der Jahrhunderte die Erklärungen für solche Leiden wechselten. Mal wurden Götter, Dämonen oder Hexen verantwortlich gemacht, mal kamen Erbsünde, Degeneration oder Onanie ins Spiel. Der Leser erfährt von der Aussetzung geistig behinderter Neugeborener im Altertum, von der Tötung mit geistlichem Beistand und von so genannten Wechselbälgen, die aus der Vereinigung mit dem Teufel entstanden sein sollten.«
(Main-Post Würzburg, 29.07.2005)

»Schon früh erkannten die Menschen, dass sich seelische Störungen durch die Heilkunst beeinflussen lassen: Erste Versuche einer Klassifikation psychischer Beeinträchtigungen stammen aus dem zweiten Jahrtausend vor Christi Geburt. Wie die Gesellschaften vom Altertum bis in die Gegenwart mit psychisch auffälligen Kindern und Jugendlichen umgegangen sind, untersucht Gerhardt Nissen, der bis 1991 Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie der Uni Würzburg war, in einem neuen Buch. Der Professor beschreibt, wie im Laufe der Jahrhunderte die Erklärungen für solche Leiden wechselten. Mal wurden Götter, Dämonen oder Hexen verantwortlich gemacht, mal kamen Erbsünde, Degeneration oder Onanie ins Spiel. Der Leser erfährt von der Aussetzung geistig behinderter Neugeborener im Altertum, von der Tötung mit geistlichem Beistand und von so genannten Wechselbälgen, die aus der Vereinigung mit dem Teufel entstanden sein sollten. Nissen informiert über die Einrichtung der ersten Findel-, Waisen- und Rettungshäuser, die Anfänge der Psychotherapie für Kinder und Jugendliche im 19. Jahrhundert, über die Euthanasie und die neuesten Entwicklungen der Nachkriegszeit. Im Mittelpunkt seiner Konzeption stehen die Erkenntnisse und Theorien bedeutender Psychiater, Kinderärzte, Psychologen Heilpädagogen und Psychotherapeuten.«
Robert Emmerich, Bayerische Julius-Maximilians-Universität, Würzburg

»Eine Kulturgeschichte seelischer Störungen bei Kindern und Jugendlichen zu verfassen, die ihren Ausgang im Altertum hat und bis in die Gegenwart reicht, ist eine Herausforderung. Nissen, Jg. 1923, hat sich, obwohl kein Medizinhistoriker, als Kinder- und Jugendpsychiater dieser Herausforderung gestellt und die komplizierte Aufgabe glänzend bewältigt. Die Sammlung von Materialien, das Studium unterschiedlichster Quellen, das über Jahrzehnte reichende Ordnen und Systematisieren sind die Grundlage und die Voraussetzung, um ein solches Werk zu realisieren. Die Geschichte der Psychiatrie, so der Autor, hat mit der der Philosophie gemeinsam, dass sie vom Altertum bis zur Neuzeit Kulturgeschichte war und erst spät Wissenschaftsgeschichte wurde. Den Sinngehalt beider Geschichtsformen nahe liegend auf der historischen und individuellen Entwicklungsachse abzubilden und dies nicht nur auf dem Gebiet der Psychiatrie sondern auch der Pädiatrie, Psychologie und Pädagogik lässt eine Vielzahl von Querverbindungen zu, die ausgiebig genutzt wurden. Biographische Angaben der einzelnen Akteure, z. T. mit eindrucksvollen Bildern von Cranach d. Ä., Pinel, Hufeland, Griesinger, Emminghaus, Kahlbaum, Charcot, Freud, Kraepelin, Pawlow oder Skinner, runden die Informationen umfassend ab. Das Personenregister umfasst allein 1147 Nennungen. Alle waren und sind sie eingebunden in den konkreten wissenschaftlichen Erkenntnisstand ihrer Zeit, den sie ebenso wissenschaftlich oder empirisch begründet mit ihren Werken weiterentwickelten. Dabei ließen sich fachliche Auseinandersetzungen nicht vermeiden, vielmals verhalfen sie zu einer objektiven Aussage. Das betrifft die Einflussfaktoren, die die seelische Entwicklung des Kindes ausmachen ebenso wie der Umgang mit Psychopathie, geistiger Behinderung, Hospitalismus, Erziehung, Diagnosefindung und Klassifikation seelischer Störungen.

Der Autor beschreibt eindrucksvoll die Zeit der Kinderkreuzzüge Anfang des 13. Jahrhunderts, analysiert die in mehreren Epochen auftretenden Hexenverbrennungen zumeist von Mädchen und jungen Frauen, die im 8. bis 17. Jahrhundert zu verzeichnen waren und die Entwicklung zur Kindereuthanasie (T4-Aktion) der Nationalsozialisten in Deutschland Mitte des 20. Jahrhunderts. Gleichermaßen eindrucksvoll werden aber auch die Bemühungen um "psychisch gestörte Kinder in Findel-, Waisen- und Rettungshäusern des 16. bis 19. Jahrhundert" sowie in Asylen, Spitälern, Heilanstalten, Einrichtungen der Kinderheilkunde oder Kinder- und Jugendpsychiatrie beschrieben.

Vor dem Hintergrund, dass 1912 Ludwig Scholz (1868 -1918) erstmals von "Jugendpsychiatrie" sprach und 1933 Moritz Tramer (1882 - 1963) den Terminus "Kinderpsychiatrie" einführte, ist es bemerkenswert, wie nahezu alle Psychiater - von Griesinger, Kraepelin, Neumann, Rinecker, Kahlbaum bis Hecker - als "Gründungsväter" der Kinderpsychiatrie anzusehen sind, obwohl damals keine uns heute geläufigen separaten kinder- und jugendpsychiatrischen Kliniken oder Institutionen existierten. Sie alle aber stellten in ihren Publikationen und Werken die Eigenständigkeit psychischer d. h. seelischer Erkrankungen im Kindes- und Jugendalter heraus. Dies wird von Nissen vor allem bei den Psychosen und affektiven Störungen dokumentiert. Das Buch besticht durch die Sach- und Fachkenntnis seines Autors, der den Pfad der objektiven Darstellung stets einhält. Es ist mit großem Engagement geschrieben und liest sich als Fachbuch ebenso wie als enzyklopädisches Nachschlagewerk.«
(K.-J. Neumärker, Berlin)

»... Inhaltlich ist sein neuestes Werk hoch informativ und beweist, wie wichtig historische Untersuchungen sind, weil ohne sie wegen der hohen Entwicklungsgeschwindigkeit und der zahlreichen beteiligten Disziplinen und Paradigmen der Überblick verloren ginge. Die durchaus anstrengende Lektüre wird wesentlich erleichtert durch die sorgfältige Didaktik: der Text ist übersichtlich gegliedert, verständlich geschrieben und durch zahlreiche Abbildungen aufgelockert. Besonders wertvoll sind darüber hinaus das umfangreiche Literaturverzeichnis sowie das Personen- und Sachregister. Dieses Buch ist besonders allen Praktikern und Wissenschaftlern zu empfehlen, die mit Kindern und Jugendlichen und ihren seelischen Störungen beruflich zu tun haben.«
Kurt Eberhard (www.agsp.de, Juni 2005; vollständige Rezension)

»Mit dieser beinahe 600 Seiten starken Schilderung stellt der emeritierte Direktor der ersten bayerischen Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie in Würzburg eine umfassende chronologische Darstellung psychischer Störungen bei Kindern und Jugendlichen seit der Antike vor, die es in diesem Umfang und mit dieser Genauigkeit bislang nicht gab ...
Nissen schafft es, sachliche und teilweise komplexe Informationen in einer angenehmen und kurzweiligen Sprache zu übermitteln. Das Buch fesselt und informiert, ohne ins Triviale abzudriften. Aus zahlreichen, teilweise kaum oder gar nicht bekannten Quellen filtert der Autor die relevanten Daten heraus, die die Entfaltung von Psychiatrie, Psychologie, Heilpädagogik und anderen wissenschaftlichen Disziplinen nachzeichnen.
Die "Kulturgeschichte seelischer Störungen bei Kindern und Jugendlichen" ist eine herausragende medizingeschichtliche Darstellung.«
Sebastian Barsch (Heilpädagogik Online 3/2005)

»In seiner "weltweit ersten chronologischen Darstellung" untersucht Nissen den Umgang der Gesellschaft mit ihren psychisch auffälligen Kindern vom Altertum bis in die Jetztzeit. Der Leser erfährt von der Aussetzung geistig behinderter Neugeborener im Altertum, von der Tötung mit geistlichem Beistand, von sogenannten Wechselbälgen, die aus der Vereinigung mit dem Teufel entstanden sein sollen, von der Entstehung der ersten Findel- und Waisenhäuser, von den Anfängen einer eigentlichen Kinderpsychopathologie im 19. Jahrhundert, die der Aussonderung und Verwahrung von Kindern zunehmend helfend-therapeutisch Institutionen und Konzepte schaffte. Die historische Darlegung wird illustriert durch interessante Dokumente und Stimmen bekannter Reformpädagogen und Kinderpsychotherapeuten, und auch die Jugendlichen selbst kommen zu Wort.«
Sigmund-Freud-Buchhandlung, Frankfurt

»Dieses Buch sollte zur regelhaften Lektüre in der Ausbildung besonders derjenigen in der Sozialen Arbeit gehören.«
(gilde rundbrief, Oktober 2006)
Klett-Cotta Fachbuch
1. Aufl. 2005, 576 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, mit 56 Abbildungen und Register
ISBN: 978-3-608-94104-3
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Gerhardt Nissen

Gerhardt Nissen, Dr. med., Professor und emeritierter Direktor der ersten bayerischen Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, ...

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