Die Propheten-Morde

Ein Hop-Çiki-Yaya-Thriller
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Ein Transen-Thriller des türkischen Almodóvar, der ganz nebenbei eine Menge über die heutige Türkei verrät

Meine Damen und Herren, zücken Sie den Lippenstift für Ihre Bestellung des schrägsten Buchs der Saison: Die Nummer eins der Transen-Thriller-Serie des türkischen Almodóvar. Leidenschaft, High Heels und gutaussehende Damen am Rande des Nervenzusammenbruchs inklusive!

»In Somers Büchern entfaltet sich in diesem Milieu eine dynamische Phantasiewelt. Weil die Geschichten die bittere Wirklichkeit immer wieder streifen, sind sie so aktuell und erfolgreich.«
(Arte, Metropolis, 6.6.2009)

Schon wieder ein Mord im Rotlichtviertel: wieder eine Prostituierte, wieder ein Transvestit. Und wieder trägt die Tote den Namen eines Propheten. Irgendetwas ist faul in Istanbul. So faul, dass die Heldin einschreiten muss und die Ermittlungen in die manikürten Hände nimmt. Sie, Nachtclubbesitzerin, Femme fatale - und: ein Mann mit Kampfsportlizenz. Sie hat ein schnelles Mundwerk, die nötigen Kontakte und vor allem Durchsetzungsfähigkeit. Beste Voraussetzungen, den bestialischen Mörder zu überführen und gleich noch mit einer Menge Vorurteile über Transvestiten aufzuräumen. Ein rasanter Thriller, der ganz nebenbei eine Menge über die heutige Türkei verrät.

»"Hop-Çiki-Yaya" war ein türkischer Schlager in den frühen Sechzigern. In Comedy Shows wurde es bald zum Synonym für feminine Schwule. Wenn einer ein bisschen tuntig war, sagte man: "Oh, er ist wirklich Hop-Çiki- Yaya!". Ab den Siebzigern wurde der Begriff kaum noch benutzt - also habe ich ihn wiederentdeckt.«
Mehmet Murat Somer

Leseprobe
Kapitel 1
Ich setzte mich mit Zeitung und Kaffeetasse in den Sessel am Fenster. Mein Morgenritual. Ich trinke nur zwei Tassen Kaffee am Tag, davon eine am Morgen. Andere sagen »Mittag« dazu. Ich bin ein Nachtmensch.
Als ich die Seite mit den Polizeinachrichten aufschlug, bekam ich einen Schock.
»Transvestit bei Brand umgekommen .«
Der letzte Schluck Kaffee rann mir bitter die Kehle hinunter. Ich stellte die Tasse weg und las den Artikel hastig durch. Es macht mich fertig, wenn einem unserer Mädchen etwas zustößt. Nicht jede lebt mein Luxusleben. Manche müssen sich ihr Brot auf der Straße verdienen. Das zermürbt.
In letzter Zeit häuften sich in der Szene die Toten. Das lag an den härteren Lebensbedingungen, der ansteigenden Kleinkriminalität, die Mädels wurden unvorsichtiger, und die Gewalt nahm zu. Ein Menschenleben galt immer weniger. Manche unsere Mädchen wurden wegen ein paar Scheinen in der Tasche umgebracht.
Die entlang der Autobahn anschafften, wurden überfahren, viele wähnten sich in falscher Sicherheit. Das Ende war dann oft bitter.
Wie mein Kaffee, wenn ich so etwas in der Zeitung las.
Der Artikel war ganz in dem üblichen abfälligen Ton verfasst. Das Foto zeigte die Tote wie immer als Mann, also nicht so attraktiv, wie ich sie kannte. Noch dazu war es ein wenig schmeichelhaftes Passfoto. Das Mädchen hieß Ceren . Ich kannte sie nicht näher, denn sie kam nicht in unseren Club. Ihr richtiger Name war I˙brahim Karaman . Sie war erst dreiundzwanzig.
Ich las den Artikel noch einmal von Anfang bis Ende. Der Brand sei in einem Haus in Tarlaba¸sı ausgebrochen. Glücklicherweise habe sich in dem heruntergekommenen Bau sonst niemand aufgehalten. Nach Angaben der Feuerwehr sei das Unglück auf eine Zigarettenkippe oder einen Kurzschluss zurückzuführen.
Unsere Mädchen haben sonst hervorragende Überlebensinstinkte. Aber wenn sie betrunken oder von Drogen betäubt sind, kann es ihnen wie jedermann passieren, dass sie tief schlafen und nichts merken. Das war wohl hier so der Fall gewesen. Es tat mir in der Seele weh, dass sie in der Blüte ihrer Jugend umgekommen war und womöglich die Freuden eines Lebens als Transe nicht einmal richtig ausgekostet hatte.
Ich ließ die Zeitung sinken und starrte auf die Straße hinaus, ohne wahrzunehmen, was dort vor sich ging. Ich überdachte die lange Reihe der Mädchen, die schon ums Leben gekommen waren. Ich konnte mich an keinen einzigen natürlichen Todesfall erinnern. Stets musste irgendetwas passieren. Im Polizeibericht war dann immer von unbekannten Tätern die Rede. Und wenn es sich nicht um ein Verbrechen handelte, hieß es immer, unsere Mädchen seien an allem schuld. So ging auch diese Zeitung die Sache an. Ein obdachloser Transvestit hatte in betrunkenem Zustand einen Brand verursacht und war dabei umgekommen. Ich verfluchte die Täter, aber das beruhigte mich auch nicht.
Irgendwann fasste ich mich wieder. Trotz allem musste das Leben weitergehen. Und ich hatte einiges zu erledigen. Das Einfachste stand mir unmittelbar bevor: Gleich würde Fato¸s kommen, um mich zu enthaaren. Sie war eine alternde Transe und hatte sich - um nicht »zum Gespött zu werden«, wie sie sagte - auf einen neuen Beruf verlegt: Sie machte Hausbesuche, nahm Enthaarungen vor, zupfte Augenbrauen, und wer es nötig hatte, konnte sich von ihr auch Hormonspritzchen verpassen lassen.
Ich habe von Natur aus schön geschwungene Brauen. Zu Hormonen habe ich bisher nicht gegriffen und will es auch nicht. Ich gefalle mir nicht nur als Frau, sondern auch als Mann. Die Enthaarung dagegen muss eben immer wieder sein.
Fato¸s hat ein sonniges Gemüt. Sie bringt einen mit Geschichten aus ihrer Jugendzeit zum Lachen und zugleich mit der Enthaarung zum Weinen. Obwohl ich mir regelmäßig die Beine machen lasse und hin und wieder auch Arme und Hintern, tut es immer wieder so weh, dass mir die Tränen kommen. Fato¸s sagt immer: »Was willst du denn, das sind eben Männerhaare, richtige Borsten .« Dunkelhaarige haben tatsächlich Borsten, bei einem hellhäutigen Menschen wie mir ist die Körperbehaarung nur ein Flaum. Also bei mir persönlich zumindest. Vielleicht tut es ja gerade deshalb so weh, weil meine Haut eben sehr empfindlich ist. Manchmal kann ich mich beherrschen, aber hin und wieder quietsche ich dann doch auf.
Fato¸s läutete pünktlich. Da sie mit zunehmendem Alter immer weniger Sorgfalt auf ihr Aussehen verwandte, wirkte sie recht gewöhnlich. Auf der Straße hätte ich sie für eine grobschlächtige, kantige Frau gehalten. Sie trug ein kremfarbenes, mit riesigen roten Rosen bedrucktes Kurzarmkleid, dazu flache Ledersandalen, etwa eine Nummer zu klein, so dass Zehen und Fersen überstanden, und über die Schulter eine große Korbtasche. Um ihren altmodischen Strohhut hatte sie ein Band vom Stoff ihres Kleides gebunden. Für die großrandige, dunkle Sonnenbrille hatte sie bestimmt viel Geld hingelegt, früher einmal.
Während sie ihre Utensilien vorbereitete, zog ich mich aus. Dann suchte ich mir eine Musik aus, zum Übertönen der Schmerzensschreie: einen Mix aus alten türkischen Schlagern, die ein Freund mir gebrannt hatte. Längst vergessene Sänger aus den späten Sechzigern und frühen Siebzigern waren darauf mit ihren größten Hits. Bei manchen Liedern trällerte ich gerne mit. Fato¸s kannte sie nicht nur, sondern erinnerte sich auch an Klatschgeschichten über die Interpreten. In bester Laune machten wir uns ans Werk.
Das erste Lied auf der CD war das flotte Sieh mich doch an von Gönül Turgut, die ich nicht nur als Künstlerin, sondern auch als Frau bewunderte.
Fato¸s fing gleich an zu plappern.
»Gönül Turgut war damals die Größte. Sogar Ajda Pekkan hat bei ihrem Start versucht, sie nachzumachen .«
»Und was ist aus ihr geworden ?« , fragte ich.
»Sie hat geheiratet und ihre Karriere aufgegeben. Schade für sie und die Musik .«
»Sie hat eine Altstimme. Wie wir.«
»Wie kannst du es wagen !« , empörte sie sich. »So darf man über Gönül Turgut nicht sprechen. Wie kannst du ein Nebelhorn mit ihrer Stimme vergleichen? Hör mal genau hin !«
Natürlich riss sie mir den Streifen so ab, dass ich aufschrie.
Als wir die Schlagersänger und ihre Abenteuer durch hatten, kamen wir auf Cerens furchtbaren Tod zu sprechen. Fato¸s war schon auf dem Laufenden. Während sie mir das lauwarme Wachs aufs Bein strich, begann sie zu erzählen.
» Ceren wohnte doch gar nicht da, wo es passiert ist, sondern in Cihangir , hinter dem Deutschen Krankenhaus. Ich war oft genug zum Enthaaren dort .«
»Sie ist also nicht bei sich zu Hause verbrannt ?«
»Sieht ganz so aus. Wie gesagt, ihre Wohnung war in Cihangir , in der Sıraselviler-Straße , und ganz bestimmt nicht in einem halbverfallenen Haus in Tarlaba¸sı . Auf jeder Etage waren lauter solide Mieter. Ganz oben hat mal eines unserer Mädchen gewohnt, Afet .«
An den Beinen tat es nicht so weh, aber in der Leistengegend ging mein Geschrei von vorne los. Fatos hielt plötzlich inne.
»Afet wohnt wahrscheinlich immer noch dort. Sie bestellt mich zwar nie zu sich, aber beim letzten Mal bin ich ihr im Treppenhaus begegnet. Nicht mal gegrüßt hat sie mich .«
Das mochte unaufmerksam von Afet sein, aber war es ein Grund, das an mir auszulassen? Fato¸s riss so heftig an dem Streifen, dass mir vor Schmerz die Tränen kamen.
»Mach dir nichts draus«, presste ich heraus, »es gibt so viele unsensible Menschen .«
»Was soll ich mir schon draus machen, ob die mich grüßt oder nicht? Wer bin ich denn ?«
»Diese Neuen haben alle keinen Anstand mehr .«
»Früher war alles besser «
Wir prusteten los.
Irgendwann - wir tranken gerade Ayran - lief auf der CD das Lied Erinnerungen , der erste türkische Beitrag zum Grand Prix, gesungen und komponiert von U˘gur Akdora . Sofort waren wir uns einig, dass es eines der Höhepunkte der türkischen Schlagergeschichte war. Leise sangen wir mit.
»Von dem Mädchen hört man auch nichts mehr«, sagte ich.
»Was heißt hier ›Mädchen‹, die könnte deine Mutter sein. Und von wegen man hört nichts mehr von ihr, in jedem Klatschblatt steht was über sie. Und wenn kein Bild von ihr drin ist, dann ein Artikel. In irgendeiner Zeitschrift schreibt sie sogar eine Kolumne .«
»Hat die auch ihre Karriere sausen lassen, weil sie reich geheiratet hat?«
»Nein, meine Süße, die stammte sowieso schon aus der Society. Sie hat sich mit drei Liedern zum Volk herabgelassen und ist dann wieder an ihren Platz zurück .« Mit einer Geste deutete sie unbestimmte Höhen an.
Bei mir war jetzt alles glatt wie Seide. Die behandelten Stellen wurden von Fato¸s noch leicht mit Zitronenwasser massiert, damit die Haut nicht anschwoll. Als Fatos schon im Gehen war, sagte sie noch:
»Eins will mir nicht in den Kopf: Was hatte Ceren in dieser Bruchbude überhaupt zu suchen, so ganz allein? Die war doch immer so heikel. Kaum dass ihr mal irgendein Freier recht war oder seine Wohnung. Die hat ja ganze Stadtteile nicht betreten, weil sie ihr nicht niveauvoll genug waren. Sei's drum! Friede ihrer Seele.«
Damit hatte Fato¸s eine Frage aufgeworfen, über die ich vorher gar nicht nachgedacht hatte. Was hatte eines unserer Mädchen nachts in einem verlassenen Gebäude eigentlich zu suchen, und noch dazu ganz allein?
»In Somers Büchern entfaltet sich in diesem Milieu eine dynamische Phantasiewelt. Weil die Geschichten die bittere Wirklichkeit immer wieder streifen, sind sie so aktuell und erfolgreich. Die Romanfiguren werden geschickt zwischen Klischee und Kunstfigur plaziert. ... In Somers Büchern entsteht eine bunte Gegenwelt. Die Transsexuellen wehren sich und klären die Morde selber auf.«
Arte, Metropolis, 6.6.2009

»Somers Hang zum Schrillen, seine offensichtliche Szenekenntnis, seine Scharfzüngigkeit und Fähigkeit, die Spannung in den geeigneten Momenten hochzukochen, machen diesen Krimi zu einem überaus erfrischenden und exotischen Leseereignis.«
Reiner Narr, Siegessäule, 06/2009

»Der Schriftsteller Mehmet Murat Somer versucht in seinen Krimis ein Tabu seiner türkischen Heimat zu brechen: die Prostitution von Transvestiten und Transsexuellen. ... Somer erzählt das nicht als Sozialanklage oder Psychodrama, sondern belässt seinen brisanten Stoff im Grenzgebiet zwischen Überzeichnung und vagem Realitätsbezug.«
Der Spiegel, 6.4.2009

»Ein witziger, wie spannender Krimi, der mit freizügiger Erotik, nicht immer nervenstarken Ladys und tabulos köstlich unterhält. «
Katrin Henneberg, Leipziger Volkszeitung, 10.3.09

»Somer wirft einen originellen Blick auf die Stadt am Bosperus und trägt ganz nebenbei zum Abbau von Vorurteilen in alle Richtungen bei.«
Martin G. Wanko, Vorarlberger Nachrichten, 13./14.6.2009

»Eine schrille Thriller-Komödie voller Adrenalin und Lust«
The Times  
Tropen Roman Aus dem Türkischen von Gerhard Meier (Orig.: Peygamber Cinayetleri)
1. Aufl. 2009, 239 Seiten, gebunden
ISBN: 978-3-608-50201-5
autor_portrait

Mehmet Murat Somer

Mehmet Murat Somer wurde 1959 in Ankara geboren. Nach einem Ingenieur-Studium arbeitete er als Banker und Unternehmensberater. Seit 2003 schreibt er ...

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