Wo die Zitronen blühen

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Ein Thriller vom Tod einer Braut, den tiefen Abgründen des Familienlebens und der kriminellen Kehrseite des Kapitalismus. Carlotto und Videtta erzählen die bittere Wahrheit über unsere korrupte Gesellschaft.

Im Nordosten Italiens werden die Kleinstädte von wenigen Industriellenclans dominiert. Francesco Visentin ist Spross einer wohlhabenden Anwaltsfamilie. Wenige Tage bevor er heiratet, wird seine geliebte Braut tot aufgefunden - brutal ermordet. Die Suche nach dem Mörder offenbart nach und nach die skrupellosen und mafiösen Praktiken der Geschäftswelt - Menschenhandel, Erpressung, Ökokriminalität und Mord. »Wo die Zitronen blühen« ist ein spannungsgeladenes Porträt der neuen Kriminalität in der Grauzone von Legalität und Verbrechen. Und ein Krimi, der den Mythos der italienischen Familie schonungslos zerlegt.

Leseprobe
Ein Mittwoch wie viele andere
Ich war schon eine ganze Weile wach, aber die Übelkeit hinderte mich dar an aufzustehen. Ich hatte zu viel getrunken. Gin Tonic und Champagner. Ich hatte noch das würzige Parfüm des Clubmädchens am Hals und in der Nase. Es würde ein harter Morgen werden. Zum Glück hatte ich nur ein paar Klienten in der Kanzlei und keine Gerichtstermine. Ich schaute zum x-ten Mal auf den digitalen Wecker. Ein bisschen Zeit blieb noch, um den Alkohol abzubauen. Dann einen Kaffee, eine heiße Dusche, und ich wäre bereit für einen weiteren Tag als junger Rechtsanwalt. Giovanna würde mich fragen, wie der Junggesellenabend gelaufen war, den meine Freunde in dem einzigen Nachtclub des Dorfes für mich organisiert hatten. In Wahrheit würde sie wissen wollen, ob ich mit einem der Mädchen des Diana im Bett gelandet war. Nein, war ich nicht. Das Fest war eine Katastrophe gewesen. Zumindest für mich. Davide und die anderen hatten sich wahrscheinlich amüsiert. Sie waren ziemlich überdreht. Und waren ein- und ausgegangen in der kleinen Kammer, wo immer einer der Rumänen das Koks bereithielt, und hatten mit den Clubmädchen herumgemacht. Die schönste, eine Südamerikanerin, ich glaube, sie hieß Alicia, hatten sie mir mit einer Geschenkschleife um die Brust in die Arme geschoben.
»Sie ist zwar nicht so schön wie Giovanna«, hatte Davide betont. »Aber sie soll richtig gut im Bett sein.«
Sie hatte sich wirklich Mühe gegeben, aber ich hatte achtgegeben, den Punkt nicht zu überschreiten. Ich bin ein Visentin, und mein Vater hatte mich dar auf aufmerksam gemacht, dass wir gewisse Dinge nicht tun.
»Zumindest nicht hier im Dorf«, hatte er lächelnd hinzugefügt.
Und dann hatte ich verschiedene Leute wiedererkannt, vor allem Kleinindustrielle mit den Taschen voller Geld. Einige waren Klienten meines Vaters. Constantin Deaconescu, der Besitzer, ein anrüchig aussehender Rumäne, war gekommen, um mich zu meiner bevorstehenden Hochzeit zu beglückwünschen.
Aller Augen waren auf mich gerichtet. Ich fühlte mich unwohl, der Ort gefiel mir nicht. Er war vulgär und unecht wie die Marke des Champagners, den uns die Kellner ständig nachschenkten. Als Alicia begann, mich weiter unten zu streicheln, als es meine gesellschaft liche Stellung erlaubte, und mir anvertraute, sie stehe mir die ganze Nacht zur Verfügung, betrachtete ich sie. Sie war schön und aufreizend, aber ich wäre in diesem Moment lieber mit Giovanna zusammen gewesen.
Also ging ich mit der Entschuldigung, ich hätte zu viel getrunken, unter dem Hohngelächter meiner Freunde hinaus, um etwas Luft zu schnappen. Es musste gegen zwei Uhr morgens gewesen sein, die eisige Luft nahm mir den Atem. Da stieg aus einem Wagen der Allerletzte aus, den ich in dem Moment hätte sehen wollen: Filippo Calchi Renier.
»Was willst du?«
Er zeigte auf den BMW Coupé. »Lass uns ein Stück fahren. Ich muss mit dir reden.«
»Brauchst du einen Anwalt?«
Er schüttelte verdrossen den Kopf. Die Narbe auf seiner Wange war blau von der Kälte. »Wir müssen über Giovanna reden.« »Natürlich«, brummte ich, während ich auf das Auto zuging. Filippo und Giovanna waren ein paar Jahre zuvor zusammen gewesen. Dann hatte sie ihn verlassen, um sich mit mir zusammenzutun. Die Nachricht hatte sie ihm eines Abends im Sommer während des Festes für den Dorfpatron beigebracht. Er war ins Auto gestiegen und ein paar Stunden später auf einer langen, geraden Straße gegen eine Platane gefahren. Er war wie ein Verrückter gerast, und ein Schlagloch hatte ihn die Kontrolle verlieren lassen. Das war zumindest seine Version, aber im Dorf hatte man es für einen Selbstmordversuch gehalten. Seitdem war er nicht mehr derselbe gewesen, weder physisch noch mental. Er tat mir leid. Giovanna hatte Schuldgefühle, die sie nicht mehr loswurde. Wir konnten nicht dar über sprechen, ohne uns zu streiten. Filippo war der einzige Sohn der Contessa Selvaggia Calchi Renier, der exponiertesten Familie im Dorf. Danach kam meine Familie. Auch ich war Einzelkind. Meine Mutter war etwa fünfzehn Jahre zuvor gestorben. Ein Tumor hatte sie in einer kalifornischen Klinik dahingerafft. All das Geld meines Vaters hatte sie nicht retten können.
Filippo ließ den Motor an. »Es ist nicht nötig, irgendwohin zu fahren«, sagte ich. »Wir können hier reden.«
Filippo hörte mir nicht einmal zu und legte den Gang ein.
»Du kannst sie nicht heiraten.«
»Bis zur Hochzeit sind es noch neun Tage. Finde dich damit ab.«
»Sie liebt dich nicht.«
»Ich wette, sie liebt dich.«
»Ja.«
»Fährst du mich im Dorf herum, um mir diesen Quatsch zu erzählen?« Filippo begann zu beschleunigen. »Fahr langsam«, rief ich erschrocken. »Fahr langsam, du Idiot.« Er machte die Fernlichter an und steuerte auf die Mauer zu, die den nach seinem Vater benannten Park umgab.
»Du wirst sie nicht heiraten. Giovanna gehört mir.«
Entsetzt hielt ich mir in Erwartung des Aufpralls die Hände vors Gesicht. Filippo bremste im letzten Moment, so dass der Wagen ein paar Zentimeter vor der Mauer zum Stehen kam.
Wankend stieg ich aus, zerrte Filippo aus dem Wagen und stieß ihn mit einer Ohrfeige zu Boden. Er verteidigte sich nicht. Die Straßenlaternen warfen ihr gelbes Licht auf das idiotische Grinsen und das Blut, das ihm aus der Nase lief.
»Du bist verrückt, du musst dich behandeln lassen.«
»Ich bin ein guter Patient, ich nehme immer meine Tabletten.«
Ich wollte gerade noch einmal zuschlagen, aber irgendetwas in seinem Blick bremste mich. »Sie wird dich betrügen, so wie sie mich betrogen hat«, sagte er und wischte sich das Blut von der Nase.
Er war nur ein armer Irrer. Ich schickte ihn zum Teufel und lief zu Fuß nach Hause. Dann trank ich noch ein paar ordentliche Gin Tonics, um die Wut zu löschen, kroch unter die Bettdecke und beschloss, Giovanna nichts davon zu sagen. Das war es doch, was Filippo wollte, er hoffte, dass sie sofort herbeieilen würde, um ihn zu trösten. Ich schlief mit dem Vorsatz ein, stattdessen mit meinem Vater dar über zu sprechen. Dieser Idiot von Filippo konnte bei der Hochzeit eine Szene machen. Natürlich war er eingeladen. Er und seine Mutter bekamen sicher einen Ehrenplatz am Tisch meines Vaters, zusammen mit Prunella, Giovannas Mutter. Die Contessa musste gewarnt werden, sie würde ihrem Sohn nie gestatten, unangenehm aufzufallen, eher würde sie ihn mit Beruhigungsmitteln vollpumpen. Selvaggia konnte Giovanna nicht ausstehen. Sie hatte die Beziehung Filippos zu einer Barovier, die von der Schande des Vaters gezeichnet war, nie gutgeheißen und gab ihr die Schuld an dem Unfall des Sohnes. Was sie natürlich nie ausdrücklich gesagt hatte, das wäre zu vulgär gewesen. Einige giftige Bemerkungen hatten gereicht, die Giovanna und ihre Mutter mit einem Lächeln auf den Lippen über sich hatten ergehen lassen müssen. Am Hochzeitstag würden sie sich begegnen, umarmen, küssen. Lauter heuchlerische, falsche Glückwünsche und Danksagungen. Aber so war das Dorf. Die großen Familien machten nie Theater in der Öffentlichkeit. Das sollte auch für Filippo gelten.
Ich fand die Kraft, mich im Bett aufzusetzen. Mein Kopf drehte sich, wenn auch nicht allzu schlimm. Auf den Kaffee würde ich wohl doch verzichten, ein Kamillentee war da schon besser. Das Telefon klingelte, als ich mich gerade bis zur Küche geschleppt hatte.
»Bist du etwa noch zu Hause?«, platzte mein Vater grußlos heraus.
»Ich hab erst am späten Vormittag ein paar Termine.«
»Die Kanzlei wird trotzdem geöffnet. Ein echter Profi ...«
»Papà !«, unterbrach ich ihn genervt. »Ich hab gerade den Junggesellenabschied und eine äußerst unangenehme Begegnung mit Filippo hinter mir.« Schweigen am anderen Ende. »Ich verstehe«, sagte er nach einer Weile. »Ist Giovanna bei dir?«
»Nein.«
»Die Kollegen von der Kanzlei und die Sekretärinnen haben vor der Hochzeit eine Überraschungsparty für sie organisiert. Du weißt schon, das ist in den Mailänder Kanzleien so eine Mode ... Aber sie ist weder aufgetaucht noch auffindbar. Sie sind enttäuscht, schließlich wollten sie ihr was schenken.«
So war Giovanna. Mitunter verschwand sie, vergaß, Bescheid zu sagen, und so kurz vor der Hochzeit war sie bestimmt unterwegs und kümmerte sich um die letzten Details. Sie war die geborene Perfektionistin, Sternzeichen Jungfrau, wie sie gern hervorhob.
Ich ging von meiner Wohnung im Ortskern zu Fuß in die Kanzlei. Wie immer hielt ich einen Moment vor der Kanzlei meines Vaters und betrachtete das Schild aus glänzendem Messing. Unter seinem, Avvocato Antonio Visentin, standen die Namen seiner Mitarbeiter. An vierter Stelle Giovanna Barovier. Nur um mir einen Gefallen zu tun, hatte Papà sie als Praktikantin genommen. Zuerst hatte er genau wie Selvaggia unsere Beziehung zu torpedieren versucht, dann aber verstanden, dass ich verliebt war und dass Giovanna mehr taugte als der Ruf ihres Vaters. Nach der Hochzeit würde auch ich in die Kanzlei eintreten, das Schild würde ausgetauscht werden, mein Name unter dem meines Vaters stehen. Bis dahin hatte er gewollt, dass ich mich allein durchschlug, dass ich mir die Hörner abstieß. Er wollte nicht, dass die Leute dachten, er hätte mich, nur weil ich sein Sohn war, in die Kanzlei aufgenommen. Alle anderen Anwälte der Gegend hatten das getan, ohne sich die geringsten Gedanken zu machen. Aber er nicht. Er war der Beste, der Bekannteste und der Angesehenste. Er sagte immer, die Söhne der großen Familien seien Weichlinge, unfähig, die Unternehmen, die ihre Eltern unter großen Anstrengungen aufgebaut hatten, weiterzuführen. Auch wenn er nie seinen Namen genannt hatte, wusste ich, dass er vor allem Filippo meinte. Von mir hatte er eine harte und schwere Lehrzeit gefordert. Ich hatte in Padua Examen gemacht und war dann für ein Praktikum nach Mailand gegangen. Ich hatte im Ort eine Kanzlei eröffnet und mir unter großen Mühen einen eigenen Mandantenstamm schaffen müssen, die allerdings nur von geringem Stand war. Die besseren, betuchteren Mandanten hatte er. Oft hatte ich mich vor Gericht gegen seine Assistenten beweisen müssen, während Papà stets im Publikum saß. Ich drehte ihm den Rücken zu, wusste aber immer, dass er da war, ich spürte seinen Blick. Auch ich verfolgte immer seine Prozesse. Papà war wirklich der Beste. Er erhob fast nie die Stimme, was der Großteil der alten Schwafler tat, die den Gerichtssaal bevölkerten. Aber wenn er sich, bevor er sein Plädoyer hielt, die Robe zurechtzog, breitete sich im Saal eine respektvolle Stille aus, die er so lange wie möglich andauern ließ, bevor er sie mit seiner Schauspielerstimme durchbrach, um die ihn alle Kollegen beneideten. Mamma sagte, er ähnele James Stewart. Nicht nur im Aussehen und in seinem sanften, ein bisschen melancholischen Blick, sondern auch in den ruhigen, sicheren Bewegungen.
Eine Woche davor hatte Papà mir angekündigt, ich sei reif für den großen Sprung. Endlich würde er mich bei sich aufnehmen. Ich war gerührt.
Papà umarmte mich. »Du bist gut, Francesco, du verdienst es.«
Ja, ich verdiente es. Vom Tag meines Examens an hatte ich hart dar auf hingearbeitet, meinen Namen auf dieses Schild zu bekommen. Ich hatte mich auf Unternehmensrecht spezialisiert, um Rechtsberater seines bedeutendsten Mandanten zu werden, der Fondazione Torrefranchi. Die Stiftung war zu kulturellen Zwecken gegründet worden, hatte sich aber, als der Nordosten zur Lokomotive der italienischen Wirtschaft geworden war, in ein erstaunliches Unternehmenskonsortium verwandelt, das sich in jedem Bereich aufzustellen und mit jedem Geschäfte zu machen vermochte. Die unangefochtene Chefin war Selvaggia, die Contessa.
Es war ihr gelungen als Tochter einer Bauernfamilie den einzigen Adligen der Region zu heiraten, den etwa zwanzig Jahre älteren Conte Giannino. Ihr Mädchenname war Tonon gewesen, der Vorname Fausta, den sie, als der Conte um ihre Hand angehalten hatte, durch den schickeren Namen Selvaggia ersetzt hatte. Ihre Schläue hatte sie begreifen lassen, wie der Wind sich drehte, und so investierte sie das Vermögen des verstorbenen Ehemannes in gewinnbringende Operationen, die einen Großteil der Industriellen aus der Gegend involvierten. Aber das rechtliche Hirn war immer Papà gewesen. Er hatte die Träume der Contessa möglich gemacht und alle an die Fondazione gebunden, die ihr Bild und ihre Macht auf lokaler Ebene stärken konnten: Politiker, Künstler, Intellektuelle, Magistrate und sogar den ein oder anderen bedeutenden Prälaten.
Das war mein Platz. Nach so viel Mühen konnte ich endlich die Früchte ernten. Ich würde ein erfolgreicher Anwalt und ein hohes Tier im Dorf und in der Region werden. Wie mein Vater. Mein Leben war schon in goldenen Buchstaben geschrieben. Ich war ein Visentin. Und würde das schönste Mädchen vom Ort heiraten.
Vor der Tür zur Kanzlei traf ich den ersten Klienten bereits wartend an. Ich hatte keine Sekretärinnen, und er hatte vor dem Tor gestanden. Es war ein Truthahnzüchter um die sechzig. Er war untersetzt und sprach nur Dialekt. Während ich ihn hineingeleitete, erzählte er mir, in der Nähe seiner Farm hätte ein Rave stattgefunden - er las das Wort, das ihm die Enkelin aufgeschrieben hatte, von einem Zettel ab - und die Tiere hätten sich vor lauter Schreck über den Lärm gegen den Drahtzaun geworfen und gegenseitig überrannt. Fast alle waren gestorben. Er wollte 30 000 Euro Schadensersatz verlangen. Eine Klage von geringer Bedeutung mit unsicherem Ausgang, aber ohne triftigen Grund lehnt man ein Mandat nicht ab. Am Ende gaben wir uns die Hand, und er ging zufrieden, nachdem er mir anvertraut hatte, dass er in der Osteria gut über mich hatte sprechen hören.
Der zweite Klient war eine alte Schulkameradin von mir aus dem Gymnasium. Sie wollte, dass ich sie in ihrer Scheidungsklage vertrat. Ich kannte auch den Mann. Eine Zeit lang hatten wir in derselben Handballmannschaft der Schule zusammen gespielt.
»Warum gehst du nicht zu Giovanna?«, fragte ich sie. »Sie hat in diesem Bereich mehr Erfahrung.«
»Mein Mann hat sich schon an einen Anwalt in der Kanzlei von deinem Vater gewendet.« »Dann kann ich dir nicht helfen. Wenn ich von meiner Hochzeitsreise zurückkomme, fange ich selber dort an zu arbeiten.«
Ich empfahl ihr einen anderen Anwalt, und sie beglückwünschte mich zu meiner bevorstehenden Hochzeit, mit einem Hauch von Neid, den sie nicht verbergen konnte.
Kurz danach rief mich Carla an, die Trauzeugin und beste Freundin von Giovanna.
»Ich finde sie nicht«, sagte sie.
»Sie ist auch nicht in die Kanzlei gegangen. Wahrscheinlich macht sie gerade die Schneiderin verrückt, du kennst ja Giovanna.«
»Bei der Schneiderin waren wir gestern«, informierte sie mich. Dann war sie einen Moment still, bis sie schließlich verlegen und zögernd fragte, ob Giovanna mit mir gesprochen habe.
»Wor über denn?«
»Ich weiß nicht so genau, aber es war wichtig. Sehr wichtig.«
»In welcher Hinsicht? Ich verstehe nicht.«
Carla sagte nichts weiter und hängte mit einem hastigen Gruß wieder auf. Sie war nach einer langen Zeit in Kampanien erst vor kurzem ins Dorf zurückgekehrt. Nach einem Hochschulabschluss in Biologie war sie einem Kommilitonen nach Caserta gefolgt. Als sie ihn verließ, verhalf ihr Giovanna zu einer Stelle bei der Ortskrankenkasse. Das hatte sie mir jedenfalls erzählt. Ich kannte Carla nicht gut, wusste aber, dass Giovanna und Carla schon seit ihrer Kindheit Freundinnen waren und den Kontakt immer gehalten hatten. Ich hatte nie einen so engen Freund gehabt. Ich kannte alle Leute im Ort, verkehrte im Golfclub und nahm meinen Aperitif in der Bar auf der Piazza. Ich redete mit einem Haufen von Leuten, ging zu den Festen, aber ich war ein Visentin und damit für alle anderen irgendwie unerreichbar. Schon als kleiner Junge hatte ich das Gefühl gehabt, privilegiert zu sein. Damals hatte sich der Reichtum noch nicht so verbreitet wie heute, und der soziale Unterschied war deutlicher. Noch heute, wo es allenthalben Villen mit Parks und Swimmingpools, Mercedesse, BMW s und Ferraris gab, spürte ich diese alte Ehrerbietung gegen über meiner Familie. Meine Mutter hatte auf jede erdenkliche Weise versucht, Filippo und mich zu Herzensfreunden zu machen, aber wir hatten uns nie gemocht, auch damals nicht, als wir noch kurze Hosen trugen. Jungen wie ihn hatte ich in dem Internat, in dem ich die fünf Gymnasialjahre verbrachte, viele kennengelernt, aber selbst wenn ich mich amüsiert hatte, hatte ich doch nie die Schwelle zu einer wahren Freundschaft überschritten. In der Uni war es anders, aber da war es schon zu spät. Ich hatte begriffen, dass ich zu etwas Tieferem als einer einfachen Bekanntschaft nicht mehr bereit und auch nicht dar an interessiert war. Ich teilte die Welt in sympathische und unsympathische Menschen. Und mit den Frauen war es genauso. Ich hatte verschiedene gehabt, an die ich mich nicht speziell erinnerte. Sex und Zuneigung, eine Weile nettes Zusammensein und ein taktvoller, folgenloser Abschluss der Erfahrung, wie es meine soziale Position verlangte. Dann war Giovanna gekommen, und alles hatte sich geändert. Mit ihr hatte ich mich in Gefühlen und Empfi ndungen verloren, die ich nicht rationalisieren konnte. Giovanna war meine Frau, meine Geliebte, meine Freundin. Sie war mein Leben. Und ich war so glücklich, wie ich es seit Mammas Tod nicht mehr gewesen war. Alles schien perfekt. Die Welt, die Zukunft.
Ich fuhr nach Hause zurück, holte den Wagen aus der Garage und steuerte Giovannas Wohnung an. Zur Abwechslung gab es mal wieder Nebel. Sie lebte in einem kleinen Haus am Ortsrand. Nach unserer Hochzeitsreise würde sie zu mir ziehen. Mein Haus war ein Schmuckkästchen der Modernität in einem alten, 230 Quadratmeter großen Gebäude. Mein Vater hatte ein Vermögen ausgegeben, um die Originalbalken, die die Decke schmückten, wieder herrichten und die Teile der Wände freilegen zu lassen, die Maurer venezianischer Schule im 16. Jahrhundert gebaut hatten. Ihr Haus war dagegen zwar bequem und hübsch, aber ohne jeden Charme. Außerdem mochte ich es, mittendrin, nur zwei Schritte von der Piazza zu wohnen, wo das Herz des Dorfes pulsierte und alles in Reichweite lag.
Giovannas roter Mazda stand im Garten. Als ich ausstieg, sah ich, dass die Räder voller Dreck waren. Lächelnd schüttelte ich den Kopf. Giovanna hatte den Fimmel, zu den Bauern zu fahren und dort Wurst und Eier zu kaufen, und sich ein ordentliches Netz an Lieferanten zusammengesucht.
Als ich klingelte, öffnete sie nicht. Ich zog meine Schlüssel aus der Manteltasche und ging hinein.
»Giovanna, Liebste ! Wo bist du?«
Es war still im Haus. Ich rief weiter nach ihr. Und ging die Treppe hoch, die zu ihrem Schlafzimmer führte.
Ich näherte mich dem großen Himmelbett, schob die Vorhänge beiseite, aber es war leer. Dann ging ich ins Bad. Das Erste, was ich sah, war ihr rechtes Bein, das aus der Wanne hing.
Drei Schritte und ich stand vor ihren leeren Augen, die mich durch das Wasser anstarrten.
»Giovanna«, flüsterte ich.
»Giovanna !«, schrie ich einen Augenblick später.
»Dem Autoren-Duo Carlotto/Videtta ist ein aufwühlendes Buch gelungen, denn hinter der spannenden Suche nach Mördern steht das Drama einer einflussreichen Familie, das zugleich das Drama eines ganzen Landes unter der Herrschaft der Mafia ist. Ein hoch politisches Buch, und mag auch "Roman" draufstehen, so kommt es der Wirklichkeit doch sehr nahe.«
Brigitte Extra, 10/2009
Tropen Kriminalroman Aus dem Italienischen von Judith Elze (Orig.: Nordest)
2. Aufl. 2009, 215 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-50203-9
autor_portrait
Marijan Murat

Massimo Carlotto

Massimo Carlotto, geboren 1956 in Padua, ist einer der erfolgreichsten Schriftsteller Italiens. Als Sympathisant der extremen Linken wurde er in den ...

Marco Videtta

Marco Videtta, geboren 1956 in Neapel, lebt heute in Rom. Er hat zahlreiche Artikel und Essays zu Film und Literatur verfasst und arbeitet als...

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