Was Psychoanalyse heute leistet

Identität und Intersubjektivität, Trauma und Therapie, Gewalt und Gesellschaft

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Wie kommen Gewalttätigkeit, Fremdenhass und Terrorismus in die Welt?

Bohleber zeigt, wie die Psychoanalyse auf die Individualisierungs- und Demokratisierungsprozesse in den westlichen Gesellschaften reagiert. Er betont ihre Fähigkeit, Antisemitismus, Nationalismus, religiösen Fundamentalismus und die daraus entstammende Gewalttätigkeit und den Terrorismus zu erklären.

- Wie haben sich traditionelle (Freudsche) Konzepte verändert?
- Wie haben gesellschaftliche Entwicklungen und Ereignisse die Psychoanalyse verändert, und zwar sowohl ihre Theorie als auch das therapeutische Vorgehen?
- Wie wird sie sich in Zukunft weiter entwickeln?
- Welche benachbarten Disziplinen haben die Psychoanalyse beeinflusst und tun das heute noch und in welche Richtung?
- Wie entstehen Gewalttätigkeit und Traumata, welche Rolle spielen Intersubjektivität und Identität?
- Was ist die gemeinsame Basis der Psychoanalyse?

Aus dem Vorwort von Peter Fonagy:
»Werner Bohleber gehört zu der Handvoll der großen intellektuellen Persönlichkeiten, die die Psychoanalyse hat. Er ist ein intellektueller Vordenker, auch in klinischen und organisatorischen Fragen und deshalb nicht nur von herausragender Bedeutung für die Entwicklung der deutschsprachigen Psychoanalyse der letzten 25 Jahren, sondern auch weil er in die internationale Szene eine Ausgewogenheit und gedankliche Offenheit eingebracht hat, die für die Psychoanalyse so wichtig ist, wenn sie in ihren pluralistischen Ausformungen überleben und gedeihen soll.« …  »Bohlebers tiefgründiges und theoretisch fundiertes psychoanalytisches Verständnis stimmt uns hoffnungsvoll, wenn wir an die Zukunft der Psychoanalyse denken. Dieses höchst intelligente Buch zeigt die Bedeutung unserer Disziplin im Hinblick auf einige der größten intellektuellen Fragen unserer Generation; dazu gehören die nach der Natur des bipersonalen Feldes, den Auswirkungen zwischenmenschlicher Gewalt auf die menschliche Entwicklung, von Ideologien, die Gewalt zulassen oder gar begrüßen und den unbewusst wirkenden kulturellen Kräften, die uns alle zu potentiellen Tätern oder auch Opfern werden lassen. Bohlebers Buch ist ein Schmuckstück, es stammt von einem der kreativsten psychoanalytischen Denker unser Generation.«

Dieses Buch richtet sich an:
- Psychoanalytikerinnen und Psychoanalytiker
- PsychologInnen
- Soziologen
- Kulturwissenschaftler

Inhaltsverzeichnis

Inhalt
Vorwort von Peter Fonagy 7
Einleitung 10

I. Identität und Intersubjektivität
1. Kapitel

Intersubjektivismus ohne Subjekt? 21
Der Andere in der psychoanalytischen Tradition

2. Kapitel
Vom Chirurgen zum Mitspieler 41
Über die Veränderung leitender Metaphern in der klinischen Theorie


3. Kapitel
Adoleszenz und Identität 61
Psychoanalytische Persönlichkeitstheorien und das Problem
der Identität in der Spätmoderne

II. Trauma und Therapie
4. Kapitel
Die Entwicklung der Traumatheorie in der Psychoanalyse 85

5. Kapitel
Trauma und kollektives Gedächtnis
127
Der Kampf um die Erinnerung in der Psychoanalyse

6. KapitelTraumatische Erinnerungen 151
Dissoziationszustände und Rekonstruktion

III. Destruktive Ideologien und Gewalt
7. Kapitel

Adoleszente Gewaltphänomene
171
Krisen und Sackgassen in der jugendlichen Entwicklung

8. Kapitel Reinheit, Einheit und Gewalt 189
Unbewusste Determinanten des Antisemitismus in Deutschland

9. Kapitel
Idealität und Destruktivität 211
Zur Psychodynamik des religiösen Fundamentalismus und
zur terroristischen GewaltBibliographie 233
Quellennachweise 263



Leseprobe

Einleitung

Die Arbeiten in diesem Band behandeln unterschiedliche Problemkreise und Fragestellungen, die alle durch ein Thema zusammengehalten werden, nämlich wie sich die Gegenwart und das in ihr situierte Individuum in der psychoanalytischen Reflexion spiegelt und wie die Psychoanalyse Probleme dieser Gegenwart mit ihren Mitteln zu verstehen sucht. Zwar war für Freud die Klinik der Mutterboden der Psychoanalyse, aber sie war für ihn stets mehr als eine therapeutische Methode. Die psychoanalytische Durchdringung kultureller Phänomene und gesellschaftlicher Katastrophen zählte für ihn ebenfalls zu ihrem Gegenstandsbereich. Darin sind ihm seine Schüler und spätere Psychoanalytiker in unterschiedlicher Weise und Ausrichtung gefolgt. Einige haben sich ganz auf den klinischen Bereich beschränkt, während andere gesellschaftliche und kulturelle Fragestellungen als psychoana lytisches Untersuchungsfeld mit eingeschlossen haben. Aber unabhängig davon, ob jemand sich nur klinisch ausrichtete oder den Horizont breiter absteckte, es war immer auch die geschichtliche Situation oder der geschichtliche Horizont, der Themenstellungen für eine psychoanalytische Reflexion dringlich gemacht hat. Nicht zuletzt war es die psychoanalytische Bewegung selbst, die sich infolge des traumatischen Bruchs der Vertreibung aus Wien und Berlin durch den Nationalsozialismus ihrer Identität als Theorie und Praxis in anderen kulturellen Räumen neu versichern musste.

Meine eigenen Überlegungen konzentrieren sich auf drei Bereiche:

1. Die Psychoanalyse ist in der Zwischenzeit weit über 100 Jahre alt und hat einige Entwicklungsschübe ihrer Theorie und ihrer klinischen Praxis hinter sich. Außerdem hat sich der Gegenstandsbereich der Psychoanalyse ausgeweitet, sowohl was die Störungen des Individuums betrifft als auch die Methoden der Behandlung. Man kann diese Entwicklungen rein inneranalytisch beschreiben und zu verstehen suchen, aber eine feinere Betrachtung erhellt, dass sich in ihnen auch gesellschaftliche und geistig-kulturelle Veränderungen niederschlagen. Individualisierungs- und Demokratisierungsprozesse in den westlichen Gesellschaften haben Stellung und Selbstverständnis des Individuums nachhaltig verändert, was sich auch in den neueren Konzeptionen der therapeutischen Beziehung widerspiegelt. Zwar ist es zuallererst Aufgabe der Gesellschaftswissenschaften und der Philosophie, diese Veränderungen einem Verstehen zuzuführen, aber deren Ansätze und Analysen haben auch die psychoanalytische Theoriebildung beeinflusst, die ihrerseits durch die Untersuchung unbewusster Prozesse wesentliche Beiträge leisten kann.

2. Die Katastrophen des 20. Jahrhunderts mit den beiden Weltkriegen, dem Holocaust und anderen nationalsozialistischen Verbrechen, den Vertreibungen und Flüchtlingsströmen brachten für die Menschen unermesslich viel Leid, Zerstörung und Verluste mit sich, wodurch der Begriff des Traumas zu einer Signatur dieses Jahrhunderts wurde. Die Auswirkungen des Traumas auf das Seelenleben des Menschen haben die Psychoanalyse seit ihrem Beginn beschäftigt. Geschichtliche Ereignisse ebenso wie Gewalt in gesellschaftlichen Institutionen und in Familien sind mit ihren traumatischen Auswirkungen bis heute eine Herausforderung für die Psychoanalyse, ihre Konzeption des Traumas immer wieder neu zu überdenken, und zwar nicht nur mit seinen Folgen für das Individuum, sondern auch als kollektives Trauma in seinen Auswirkungen für Gesellschaften und für die Generationenfolge.

3. Durch die Ideologien des 20. Jahrhunderts, deren Irrationalität und Destruktivität ganz offensichtlich unbewusste Motivationen zugrunde lagen, wurde auch die Psychoanalyse herausgefordert, zu ihrem Verständnis beizutragen. Die Psychoanalyse muss die Eigenständigkeit des Sozialen beachten, was aber ihr Vermögen nicht schmälert, die Anziehungskraft, die nationalistische Ideologien unterschiedlicher Spielart und Radikalität auf den Einzelnen ausüben können, und die außerordentlich starken Affekte, die mit ihnen verbunden sind, auf unbewusste Faktoren zurückzuführen und psychologisch zu erklären. Historiker und Politologen haben bisher bei der Erklärung dieser Phänomene die Affekte kaum berücksichtigt. Aber der Pogrom fängt bekanntlich in den Köpfen an. Im 21. Jahrhundert bekommen wir es nun mit einer neuen ideologischen Variante zu tun, nämlich mit dem religiösen Fundamentalismus und dem ihm entstammenden Terrorismus.

Mit diesen drei Problembereichen ist das Feld skizziert, auf dem sich die Beiträge in diesem Band bewegen. Deren Fragestellungen und Inhalte möchte ich im Folgenden kurz zusammenfassen.


I.

Die Psychoanalyse stellt sich heute einem unvoreingenommenen Betrachter als eine nahezu unübersehbare Vielfalt von theoretischen und behandlungstechnischen Ansätzen dar. Ihren Pluralismus kann man fast schon sprichwörtlich nennen. Je nach Standpunkt und Auffassung von Wissenschaft stecken darin Risiken oder Chancen und es werden entweder schwer überbrückbare Divergenzen betont oder es wird nach Konvergenzen von Konzepten und einer gemeinsamen Basis gesucht. Unabhängig davon kann man feststellen, dass sich in den letzten Jahrzehnten alle psychoanalytischen Schulen in unterschiedlichem Ausmaß intersubjektiv geprägten Konzepten geöffnet haben, so dass manche von einer intersubjektiven Wende der Psychoanalyse sprechen, die allerdings unterschiedlich weitgehend vollzogen wurde. In das Konzept der Gegenübertragung wurde die Subjektivität des Analytikers als Erkenntnisinstrument integriert, die Übertragung des Patienten auf die Person des Analytikers wurde auf die Übertragung auf die analytische Gesamtsituation ausgedehnt und Konzepte wie projektive Identifizierung und Enactment avancierten zu leitenden Begriffen in der Behandlungstheorie der Psychoanalyse. Außerdem hat sich durch die intersubjektive Öffnung die Rolle des Analytikers als klinische Autorität und als objektiver Beobachter des analytischen Geschehens in der Behandlung gewandelt. Analytische Erkenntnisgewinnung erfolgt heute weitgehend auf der Basis der unhintergehbaren intersubjektiven Realität von Analytiker und Analysand in der analytischen Situation, wobei radikale intersubjektivistische Ansätze allerdings nicht nur die Unvermeidlichkeit einer gegenseitigen reziproken Beeinflussung betonen, sondern auch die Möglichkeit einer objektiven Erkenntnis der psychischen Realität des Patienten ausschließen.

Blickt man auf die angrenzenden Wissenschaften, so kann man auf die Anstöße für diese Weiterentwicklungen verweisen, die aus der Bindungstheorie, aus der empirischen Säuglings- und Kleinkindforschung oder neuerdings aus den Neurowissenschaften kommen. Die Entwicklungsforschung hat gezeigt, wie das kind liche Selbst von Anfang an aus wechselseitigen Regulations- und Anerkennungsprozessen in der Primärbeziehung hervorgeht. Die modernen Forschungen zu den frühen Mentalisierungsprozessen zeigen ein Selbst, das sich nur über den spiegelnden Durchgang durch die Psyche des Primärobjektes bilden kann. Es bedarf eines Anderen, um sich selbst zu erfahren. Eine solche Konzeption der Entstehung des Selbst hat Parallelen im philosophisch-sozialwissenschaftlichen Denken. Damit ist eine Reflexionsebene angesprochen, nämlich die gesellschaftlichen, kulturellen und geistig-philosophischen Strömungen der jeweiligen Zeit, zu der die Wandlungen in der psychoanalytischen Theorie und Technik in Beziehung gesetzt werden können. Der Horizont des Verstehens wird dadurch erweitert und macht durchsichtig, dass die Psychoanalyse auf die veränderte Stellung des Individuums in der gesellschaftlichen Entwicklung reagiert und in ihrer Theoriebildung Impulse aus Richtungen der Sozialwissenschaften und der Philosophie aufnimmt, die ihrerseits eine intersubjektivkonstruktivistische Wende durchlaufen haben.

Vor diesem Hintergrund möchte ich noch einige Anmerkungen zu neueren interaktiv-intersubjektiven Konzepten in der Psychoanalyse machen. In der Ein-Personen-Psychologie mit ihrem intrapsychischen Fokus stand das Ich bzw. das Selbst im Mittelpunkt der Erkenntnis, es wurden Struktur- und Triebkonflikte und Abwehrbewegungen des Ichs oder die Dynamik von Selbst- und Objekt-Repräsentanzen beschrieben. Denkt man hingegen in intersubjektiven Kategorien, so müssen nicht nur im Sinne einer Zwei-Personen-Psychologie zwei Akteure beschrieben werden, die interagieren, sondern die Interaktion selbst, die sie bestimmt und die theoretisch nicht hintergangen werden kann. Eine Begegnung ist stets mehr als die Wirkung, die sie für die sich Begegnenden hat. Mit dem Aufkommen intersubjektiver Begrifflichkeit taucht auch der Begriff des Subjekts und der Subjektivität in der psychoanalytischen Diskussion auf, um die personale Ganzheit der Akteure zu bezeichnen. Damit erscheint ein altgedientes phi losophisches Konzept mehr oder weniger unreflektiert auf der Bühne psycho analytischer Theoriediskussion. In der Gegenübertragungsanalyse avancierte die Subjektivität zu einem Erkenntnisinstrument. Das traditionelle Subjekt-Objekt-Paar der Erkenntnisgewinnung wurde vom Subjekt-SubjektVerhältnis abgelöst, um die intersubjektive Wechselseitigkeit psychoanalytischer Prozesse zu betonen. Ein weiteres Begriffspaar ist die aus der Philosophie übernommene Dialektik von Selbst und Anderem. Damit wird ein Selbst beschrieben, das aus den Interaktionen mit einem Anderen, zunächst mit dem Primärobjekt, entsteht und das auch im weiteren Leben auf den Anderen angewiesen bleibt.

Auch die psychoanalytische Situation wird nun anders konzipiert als in der Zeit des intrapsychischen Paradigmas. Sie wird zur prototypischen Situation intersubjektiver Begegnung, und eine Vielfalt von Begriffen und Konzepten wird eingeführt, um das Intersubjektive zu erfassen. So finden wir z. B. »Begegnung«, den »Augenblick der Begegnung«, »Gegenseitigkeit«, das »Zwischen«, das »bi-personale Feld«. Solche Begriffe können eine große Faszination ausüben, bleiben aber in ihrem Gebrauch oft theoretisch weder ausreichend durchdacht noch konzeptuell hinlänglich verankert. Wird z. B. in den modernen Theorien das Selbst stets in intersubjektive Situationen eingebunden und ist daraus nicht herauslösbar oder wird das intersubjektive Feld als unhintergehbares Ganzes konzeptualisiert, so verschwindet ein wie immer begrenzt autonom und als Einheit gedachtes Selbst/Subjekt aus der Theorie. Konsequenterweise wird dann ein als einheitlich gedachtes Selbst durch die Konzeption eines multiplen Selbst ersetzt, dessen Anteile in jeweils unterschiedlichen interaktionellen Situationen verankert und eingebunden sind. Unschwer findet man darin postmodernes Denken mit seiner Dekonstruktion des Subjekts wieder.

Mit diesen Problemen befassen sich die ersten drei Kapitel dieses Buches. Im 1. Kapitel wird die Gefahr diskutiert, über dem Vorrang des Intersubjektiven das Individuum und seine Eigenständigkeit bzw. Autonomie aus dem Blick zu verlieren. Aus einer intersubjektiven Perspektive wird die analytische Beziehung als ein aufs Engste verflochtenes psychisches System oder ein gemeinsam konstruiertes intersubjektives Feld bzw. eine intersubjektive Matrix verstanden. Darin avanciert die präsentische Beziehung als eine Bedeutung schaffende Begegnung zum zentralen Element der therapeutischen Situation. Übertragung und Gegenübertragung werden zu Spezialfällen einer umfassenderen intersubjektiven Beziehung, sie wird zur Grundkategorie und das Subjekt wird zum kontingenten Effekt von Kontexten reduziert. Es ist hilfreich, sich bei der Diskussion nicht zu sehr auf die aktuellen Entwürfe einer relationalen Psychoanalyse zu beschränken, sondern die Kategorie der intersubjektiven Theorien weiter zu fassen. So fallen südamerikanische »bi-personal field«-Theorien ebenso darunter wie kontinentaleuropäische, vor allem französische und deutsche Theorien, die phänomenologische oder fundamentalontologische philo sophische Traditionen von der Beziehung von Selbst und Anderem in ihren psychoanalytischen Ansätzen mit aufnehmen.

Im 2. Kapitel zeichne ich nach, wie sich die Entwicklung der klinischen Theorie in den Leitmetaphern spiegelt, die zur Beschreibung des analytischen Prozesses und der analytischen Haltung benutzt werden. Freuds Metapher von der Position des Analytikers als eines undurchsichtigen Spiegels steht am Anfang, während heute intersubjektive Feldmetaphern und in der relationalen Analyse die Metapher der »Verhandlung« zwischen Analytiker und Analysand im Vordergrund stehen. Metaphern können in besonderer Weise geistige Vorgänge fassbar und beschreibbar machen. Sie führen stets unausgeschöpfte Bedeutungen mit sich. Es ist äußerst interessant zu sehen, wie klinische Weiterentwicklungen und deren theoretische Explikation sich mit dem unausgeschöpften Bedeutungsfeld der Leitmetaphern verbinden. Aber die Funktion von Metaphern ist ambivalent. Weil sie Wahrnehmungen und Denkwege steuern, können sie Aspekte des Ganzen, die außerhalb des metaphorischen Bedeutungsfeldes liegen, verdecken.

Im 3. Kapitel geht es um die Auswirkungen der gesellschaftlichen Veränderungen in der Spätmoderne auf die Konzeption der Adoleszenz und auf die psychoanalytischen Persönlichkeits- und Identitätstheorien. Durch den gesellschaftlichen Strukturwandel hat sich die Vorstellung einer stabilen, lebenslang festgefügten Identität verflüssigt oder aufgelöst. Lebensformen haben sich in den westlichen Gesellschaften enorm pluralisiert und Geschlechtsrollen flexibilisiert. Identitätsbildung endet nicht mehr in der Zeit der Spätadoleszenz, sondern bleibt offen und wird zu einem lebenslangen Projekt. Psychologisch gesehen sind diese Entwicklungen in sich ambivalent. Sie geben Wünschen nach Selbstverwirklichung verstärkten Auftrieb, werden aber gleichzeitig zu Anforderungen an den Einzelnen, die ihn zu überfordern drohen.

Objektbeziehungspsychologie, intersubjektive Theorien, Säuglingsforschung und Bindungstheorie haben in den letzten 40 Jahren bewirkt, dass seelische Entwicklung verglichen mit der traditionellen Ich-Psychologie immer weitergehender in einer interpersonalen Matrix verortet worden ist. Darauf bauen einige neuere psychoanalytische Persönlichkeitstheorien auf, die die veränderten gesellschaftlichen Bedingungen für die Persönlichkeits- und Identitätsbildung zu berücksichtigen suchen. Eine der zentralen Fragen ist dabei die nach der Einheitlichkeit des Selbst. Können wir noch davon ausgehen, dass sich ein solches einheitliches Selbst bildet, oder müssen wir diese Vorstellung aufgeben und können nur noch von einem Ensemble multipler Selbstvorstellungen sprechen, deren Einheitlichkeit eine illusionäre, aber für den Einzelnen dennoch notwendige Vorstellung ist? Diese Fragestellung versuche ich mit einem modernen dialektischen Identitätskonzept zu beantworten, das Eriksons Identitätsbegriff weiterentwickelt.


II.

Im Mittelpunkt des zweiten Teils stehen Probleme der psychoanalytischen Traumatheorie, die sich durch die Menschheitskatastrophen des 20. Jahrhunderts für die Psychoanalyse dringlich gestellt haben. Im 4. Kapitel zeichne ich die Ent wicklung der Traumatheorie nach, die lange im Schatten der psychoanalytischen Triebtheorie stand. Die Behandlung Überlebender des Holocaust erzwang die Beschäftigung mit dieser extremen Form der Traumatisierung und führte zur Entwicklung neuerer theoretischer Ansätze und zu veränderten Behandlungskonzeptionen. Weitere Anstöße kamen zu einem späteren Zeitpunkt durch den Vietnamkrieg und durch eine zunehmende gesellschaftliche Sensibilisierung für den sexuellen Missbrauch und die Misshandlung von Kindern. Die psychoanalytischen Traumatheorien haben sich auf der Basis zweier Modellvorstellungen entwickelt: der psychoökonomischen und der hermeneutisch-objektbeziehungstheoretischen. Um das Trauma, seine Phänomene und seine Langzeitfolgen angemessen zu begreifen, benötigen wir beide Modelle. Das psychoökonomische Modell fokussiert auf das Übermaß von Erregung und Angst, das seelisch nicht gebunden werden kann, sondern die psychische Textur durchschlägt. Beim objektbeziehungstheoretischen Modell stehen der Zusammenbruch der inneren tragenden Objektbeziehungen und der inneren Kommunikation sowie die Erfahrung gänzlicher Verlassenheit im Mittelpunkt, was bewirkt, dass das Trauma narrativ nicht integriert werden kann.

Thema des 5. Kapitels sind Probleme der Erinnerungsbildung bei Traumatisierungen und die Bedeutung des kollektiven Gedächtnisses. Lebensgeschichtliche Erinnerung und die Rekonstruktion der Vergangenheit haben in der gegenwärtigen klinischen Theorie der Psychoanalyse ihre zentrale therapeutische Funktion eingebüßt. Das Trauma und seine Erinnerung steht zu dieser Entwicklung quer. Traumatische Erinnerungen unterliegen nicht einer Transformation durch die Gegenwart, in der sie erinnert werden. Sie bilden einen mehr oder weniger abgekapselten Fremdkörper im psychisch-assoziativen Netz. Die dort herrschende psychische Dynamik und die Frage der Genauigkeit von Erinnerungen sowie deren Rekonstruktion im therapeutischen Prozess bilden einen Schwerpunkt dieses Kapitels. Ein weiterer liegt auf der vitalen Bedeutung, die der gesellschaftliche Diskurs über die historische Wahrheit von ›man-made disasters‹ für die betroffenen Individuen und die Gesellschaft hat. Oft setzt hier ein Nicht-wissen-Wollen ein, um sich nicht mit dem Verbrechen, dem Grauen und dem Leid der Opfer konfrontieren zu müssen. Verbrechen zu erinnern entwickelt eine besondere Dynamik. Ich beschreibe diese sowie deren transgenerationelle Wirkungen für die deutsche Nachkriegsgesellschaft.

Im 6. Kapitel widme ich mich dem in der Psychoanalyse lange ausgegrenzten Konzept der Dissoziation. Zwar benutzte Freud anfangs diesen Begriff, gab ihn aber rasch zugunsten der Verdrängung auf. Erst die erneute intensive Beschäftigung mit Mechanismen traumatischer Erfahrungen und eine wieder erwachte Aufmerksamkeit für dissoziative Phänomene brachten das Konzept in die analy tische Diskussion zurück. Dissoziative Selbstzustände reichen von sehr subtilen Ausprägungen bis zu schweren dissoziativen Identitätsstörungen. Dissoziative Bewusstseinsstörungen gelten nach dem gegenwärtigen Forschungsstand als eine spezifische Folge schwerer Traumatisierung in der Kindheit und im Erwachsenenalter. Dissoziation hat eine doppelte Funktion: zum einen eine Schutzfunktion angesichts einer unerträglichen Realität in der traumatischen Situation selbst, zum anderen ist sie auch ein pathologischer Versuch einer Selbstregulation. In dem Kapitel diskutiere ich anhand von klinischem Material diese dissoziativen Bewusstseinszustände, die Schwierigkeiten ihrer therapeutischen Behandlung sowie einige der Forschungsprobleme, die die Psychoanalyse bis heute mit diesem klinischen Konzept hat. Ich plädiere dafür, die Dissoziation als klinisches Phänomen wieder in den psychoanalytischen Theoriekorpus zu integrieren.


III.

Für Freud waren die Entwicklung der Kultur und des Einzelmenschen ineinander verflochten. In der Menschheitsgeschichte und in kulturellen Phänomenen, wie der Religion, fand er – wie Spiegelungen – die dynamischen Konflikte zwischen Ich, Es und Überich wieder, die er beim Individuum studiert hatte. Heute sind wir mit direkten Rückschlüssen vom Individuum auf die Gesellschaft weitaus zurückhaltender geworden. Wir können beide nicht mehr als Bereiche ansehen, die sich ineinander spiegeln, sondern müssen die abstrakten Steuerungsmechanismen gesellschaftlicher Prozesse berücksichtigen, die anonym und damit anders in die Lebenswelt eines Menschen eingreifen als Personen. Aber es gibt einen Bereich, nämlich die Massenideologien des vergangenen Jahrhunderts, zu deren Verständnis die Psychoanalyse unmittelbar einen Beitrag leisten kann, vor allem wenn es zu erklären gilt, wie sie Macht über die Vorstellungswelt von Menschen gewinnen konnten.

Zunächst geht es im 7. Kapitel um Gewalttaten Jugendlicher und darum, was die Psychoanalyse aus ihrer klinischen Erforschung zum Verständnis dieser Phänomene beitragen kann. Ein Aspekt wird besonders beleuchtet: die Anfälligkeit spätadoleszenter Jugendlicher für radikale und destruktive Ideologien, was durch die islamistischen Attentäter nachhaltig demonstriert worden war. In diesem Kapitel analysiere ich adoleszente Gewalttaten an einem anderen Beispiel, nämlich dem Massaker an der Columbine High School. Dadurch dass wir heute über das gesamte Aussagematerial und die Tagebücher der Attentäter verfügen, können wir die Vorgänge und die Motive der Täter relativ gut nachzeichnen. Eine traumatische Kindheit, Kränkungen und Entmutigungen in der adoleszenten Entwicklung, die schließlich in eine Sackgasse und Isolation geriet, führten zum Überborden destruktiver Phantasiewelten, die sich aus nazistischen und sozialdarwinistischen ideologischen Versatzstücken speisten, und endeten in der ultimativen Tat.

Im 8. Kapitel untersuche ich die Interdependenz von Nationalismus und Antisemitismus. Die Vorstellung der Nation ist eine Mischung von fact und fiction, die besonders in Deutschland durch die Definition als ethnisch homogene Gemeinschaft phantasmatisch stark aufgeladen war. Als dynamisches Kraftfeld und als organisierende Phantasie formte das idealisierte Bild der Nation den Juden als negatives Gegenbild. Auch wenn man Daniel Goldhagens These eines eliminatorischen Antisemitismus nicht zustimmt, stellt sich doch die Frage: wie kann man die zunehmende Radikalisierung des Antisemitismus in Deutschland in der zweiten Hälfte des 19. und dann vor allem im 20. Jahrhundert erklären? Gibt es eine mentale Disposition, die sich aus unbewussten Quellen speist und die antisemitische Vorstellungen psychisch organisiert und zu ihrer Radikalisierung beiträgt? Kollektive Phantasmen speisen sich aus Körpervorstellungen und aus familialen Repräsentanzen. Von da ausgehend erschließe ich aus den nationalistischen und antisemitischen Vorstellungswelten unbewusste Phantasiesysteme, in deren idealen und purifizierten Wunschvorstellungen die Neigung zum Extrem und zur Gewalt involviert ist: Es handelt sich erstens um die Phantasie, der Einzige zu sein, dem die mütterliche Zuwendung und Versorgung zukommt, der Rivale wird ausgeschaltet. Zweitens um die Phantasie, an einem reinen, idealen Zustand zu partizipieren, der durch keine Andersartigkeit gestört wird. Und drittens um die Phantasie, in einem organischen Ganzen aufzugehen, imaginiert als das Wiederfinden einer Union mit dem mütterlichen Primärobjekt, um damit eine abgetrennte und entfremdete Existenz zu überwinden.

Heute ist mit dem religiösen fundamentalistischen Terrorismus die Religion schlagartig auf die politische und gesellschaftliche Bühne zurückgekehrt, und zwar mit einer destruktiv-düsteren Seite. Sie fordert auch die Psychoanalyse heraus zu erklären, wie Glaubensgewissheit und Hass sowie apokalyptische Paradiesvorstellungen als Phantasie eines narzisstischen Idealzustandes und mörderische Gewalt zusammenwirken und psychologisch zusammengehören. Im 9. Kapitel untersuche ich den protestantischen und islamistischen Fundamentalismus und den aus ihm entstehenden Terrorismus. Ein Vergleich des Letzteren mit der Vorstellungswelt des radikalen deutschen Nationalismus und Antisemitismus fördert erstaunliche Ähnlichkeiten zutage. Die dort eruierten unbewussten Phantasiesysteme sind auch in dieser mentalen Welt mächtig und treiben das terroristische Handeln an. Allerdings bedarf es dazu noch mehr als nur einer das Denken und Handeln radikalisierenden Vorstellungswelt. Durch spezifische Gruppenpraktiken wird eine Transformation der Persönlichkeit des Einzelnen erzielt, die ihn in die Lage versetzt, terroristische Aktionen auszuführen.

 

Identität und Intersubjektivität 1. Kapitel Intersubjektivismus ohne Subjekt? Der Andere in der psychoanalytischen Tradition

In der klinischen Theorie der Psychoanalyse hat sich in den letzten Jahrzehnten der Wandel von einer ausschließlich intrapsychischen Sichtweise zu einem intersubjektiven Verständnis der analytischen Situation vollzogen. Nahezu alle analytischen Schulen haben sich stärker interaktiv geprägten Konzepten geöffnet (vgl. dazu auch Altmeyer & Thomä 2006). Gegenübertragung, Enactment und projektive Identifizierung sind zu leitenden Begriffen in der klinischen Theorie der Psychoanalyse geworden. Das Phänomen der Gegenübertragung hat eine Dynamik entfaltet, die den Begriff konzeptuell immer mehr ausgeweitet und die Subjektivität des Analytikers ganz generell ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt hat. Renik (2004) kritisiert gar, dass die Verwendung des Konzepts der Gegenübertragung dazu geführt habe, die Beteiligung der Subjektivität des Analytikers an der klinischen Arbeit auf naive Weise zu unterschätzen. Manche gehen noch weiter und sprechen von einem Paradigmenwechsel in der Psychoanalyse. Nach der narrativen Wende der 1980er Jahre könne man nun von einem »relational turn« der Psychoanalyse sprechen (Mitchell 2000). Begriffe wie »intersubjektive Begegnung«, »Momente der Begegnung«, »wechselseitige Anerkennung«, »Authentizität«, »Spontaneität« etc. treten in den Vordergrund.

Ursprünglich sind im Subjekt-Objekt-Paradigma beide Seiten komplementär aufeinander bezogen. Ist eine Seite aktiv, dann wird der anderen jeweils eine passive Position zugeschrieben. Die Komplementarität kann reversibel sein, aber es gibt keine Gegenseitigkeit (vgl. Benjamin 1998). In den intersubjektiven Konzeptionen des analytischen Prozesses hat man deshalb begonnen, Analytiker und Analysand methodisch als eine Subjekt-Subjekt-Beziehung zu begreifen, deren Struktur eher einer Symmetrie als einer polaren Komplementarität ähnlich ist. Besser als der Begriff der Symmetrie kennzeichnet der der »Gegenseitigkeit« (mutuality) das Gemeinsame der intersubjektiven Positionen (Aron 1996). Sich von der klassischen Idee einer einseitigen Beeinflussung absetzend, betonen die intersubjektiven Analytiker die Unvermeidlichkeit einer gegenseitigen und reziproken Beeinflussung von Patient und Analytiker.

Die Betonung dieses »Zwischen« in der analytischen Situation macht einen Großteil der Attraktivität der intersubjektiven Sichtweisen aus. Aron (1996) vergleicht das Zwischen mit dem »potential space« von Winnicott (vgl. auch Altmeyer 2005), einem Übergangsraum, in dem sich eine gegenseitige schöpferische Ko-Konstruktion von Bedeutungen ereignen kann.1 Eine intersubjektive Sichtweise zielt auf die Überwindung des »isolierten monadischen Subjekts« (Stolorow & Atwood 1992). Sie birgt andererseits aber die Gefahr in sich, das individuelle Subjekt begrifflich zu verwässern und letztlich im intersubjektiven Kontext aufzulösen. Um nicht theoretisch in einer unhaltbaren Position von Verschmelzung und Fusion zu versinken, bedürfen solche intersubjektiven Theorien der Ergänzung durch Differenz und Getrenntheit bzw. Autonomie in der gegenseitigen Beziehung (so auch Aron 1996).

Durch die intersubjektive Sichtweise geriet auch die Position des Analytikers als objektiver, beobachtender Experte und klinische Autorität in die Kritik. Denn wenn Einsichten von Analytiker und Analysand gemeinsam erzeugt werden, kann der Analytiker nicht mehr per se der Experte sein. Andererseits ist es der Patient, der beim Analytiker Hilfe sucht, ihn zum Experten macht und mit Autorität und Verantwortlichkeit ausstattet. Eine partiell vorhandene Symmetrie muss demnach durch eine relative Asymmetrie der Analytiker-Patient-Beziehung ergänzt werden. Außerdem hat sich in den intersubjektiven Theorien, was die Frage der therapeutischen Wirksamkeit anbelangt, das Gewicht von der Seite der verbalen Deutung durch den Analytiker hin zum Pol der interaktiven Beeinflussung durch Erfahrung verlagert.

Mit diesen hier nur kurz skizzierten Problemstellungen soll der Rahmen aufgezeigt werden, in dem sich die vorliegende Arbeit bewegen wird.

1 »Bedeutung wird in der analytischen Situation nicht dadurch erzeugt, dass der Analytiker die Assoziationen des Analysanden rational (sekundär) verarbeitet; sie wird eher als etwas Relatives, Vielfältiges und Unbestimmtes betrachtet, wobei jede Deutung Gegenstand einer kontinuierlichen, unaufhörlichen Deutungsarbeit von beiden ist, Analytiker und Analysand. Bedeutung wird auf relationalem Wege und dialogisch erzeugt, mit anderen Worten: Sie wird verhandelt und ko-konstruiert. Zu Bedeutungen gelangt man durch ›intermentale Begegnung‹« (Aron 1996, S. 28).


Das Gemeinsame, das Fremde und die präsentische Erfahrung

Die intersubjektiven Konzeptionen der Psychoanalyse kritisieren an der klassischen Metapsychologie, sie bleibe dem Subjekt-Objekt-Denken und einem positivistischen Reduktionismus verhaftet. Am weitesten geht diese Kritik bei Stolorow, Atwood und Orange.2 Sie haben ihre intersubjektive Version der Psychoanalyse über viele Jahre immer weiter ausgebaut und werfen den bisherigen psychoanalytischen Konzeptionen vor, dass sie eine atomistische Theorie der isolierten Psyche vertreten. Auch die Zwei-Personen-Psychologie bleibe diesem Atomismus verhaftet, sie könne Intersubjektivität nur als »Zusammenprall zweier getrennter Psychen« begreifen (Orange, Atwood & Stolorow 1997, S. 98). Unser innerstes Selbstgefühl sei nicht nur ontogenetisch aus den Interaktionen mit den primären Objekten entstanden, sondern wir benötigten zu seiner Aufrechterhaltung lebenslang interaktive Unterstützung:

»Die intrinsische Einbettung des Selbsterlebens in intersubjektive Felder bedeutet, dass unser Selbstwertgefühl, unser persönliches Identitätsgefühl, ja sogar das Erleben einer eigenständigen und fortdauernden persönlichen Existenz kontingent sind mit spezifischen stützenden Beziehungen zur menschlichen Umwelt« (Stolorow & Atwood 1992, S. 10).

Unter Rückgriff auf die Phänomenologie Husserls verstehen sie die jeweilige Individualität als etwas, das aus dem »Zusammenspiel von zwei Subjektivitäten« hervorgeht und dadurch aufrechterhalten wird (Orange, Atwood & Stolorow 1997, S. 15). Die fundamentalen Komponenten jeder Subjektivität sind nicht mehr – wie in der klassischen Strukturtheorie – Ich, Es und Überich, sondern so genannte »Strukturprinzipien«; darunter sind emotionale Schlussfolgerungen zu verstehen, die das Individuum im Laufe des Lebens aus den Erfahrungen mit seiner emotionalen Umwelt gezogen hat. Ähnlich sprechen Beebe & Lachmann (2002, S. 29) von interaktiven »Erfahrungsmustern«, die sich (zwischen Mutter und Kind wie zwischen Analytiker und Analysand) aus den reziproken Erwartungen von Interaktionssequenzen bilden. Es sind Ko-Konstruktionen des jeweiligen Paares.

Diese Strukturprinzipien oder Erfahrungsmuster sind häufig unbewusst, entweder präreflexiv unbewusst (dem entspricht das moderne Konzept des impliziten
2 Ich beziehe mich vor allem auf Contexts of being (Stolorow & Atwood 1992) und Intersubjektivität in der Psychoanalyse (Orange, Atwood & Stolorow 1997).

Unbewussten) oder verdrängt und dadurch dynamisch unbewusst. In der analytischen Beziehung interagieren zwei Subjekte als »Erfahrungsstrukturen« mitei nander und lassen ein unverwechselbares, aufs Engste verflochtenes dyadisches System entstehen. Angesichts dieser Wechselwirkung sind beide in ihrer jeweiligen Subjektivität einerseits gleichwertige Teilnehmer an dem Prozess, den sie gestalten, andererseits ist dieser Prozess gleichzeitig asymmetrisch organisiert, denn der Analytiker übernimmt die Aufgabe, Orientierung zu vermitteln, während der Patient als Anderer sein Erleben zu restrukturieren sucht. Das Erleben des Patienten kann demnach nicht isoliert erforscht werden, erforscht werden kann nur das gemeinsam geschaffene intersubjektive Feld. In diesem Ansatz ist Widerstand kein individuelles Verhalten des Patienten in einer bestimmten Situation, das es zu deuten gilt, vielmehr lautet die zu untersuchende Frage, »wie […] Analytiker und Patient gemeinsam diese Blockade konstruiert« haben (Orange, Atwood & Stolorow 1997, S. 109).

Wir stoßen hier auf ein zentrales Problem intersubjektiver Konzeptionen der analytischen Beziehung. Es kann nur das untersucht werden, was beide Partner miteinander teilen, was ihnen gemeinsam ist: »Was sie gemeinsam tun, ist das Ergebnis ihres Erlebens in dem unverwechselbaren intersubjektiven Feld, das sie zusammen erschaffen« (ebd., S. 31). So heißt es über Analytiker und Patient: »Ihre Gemeinsamkeiten ermöglichten es ihnen, einen Raum zu schaffen, in dem sie das Unglaubliche zusammen erforschen konnten« (ebd., S. 31). Beide Partner unterscheiden sich allerdings auch darin, wie sie ihr Erleben strukturiert haben, aber diese Unterschiede und Differenzen tauchen nur als etwas auf, was einem Verstehen entgegensteht und ausgeblendet werden muss. Eine Subjekt-Subjekt-Beziehung zentriert sich auf die Begegnung zwischen den beiden unverwechselbaren Subjekten und damit auf das, was sie miteinander teilen können. Ihre Andersheit oder Fremdheit bleibt theoretisch undefiniert und stellt keinen zu untersuchenden Anteil dieser Beziehung mehr dar. Die klinische Theorie und eine damit verbundene Behandlungstechnik, die uns im Sinne eines hermeneutischen Vorverständnisses helfen können, das am Anderen, was uns fremd ist, verstehend in den Blick zu bekommen, werden zu einem Hindernis, das Begegnung und Verstehen eher verdunkelt oder entstellt. Behandlungstechnische Regeln führen nur zur »Reproduktion massiver pathologischer Anpassungsstrukturen seitens des Patienten wie auch des Analytikers« (ebd., S. 40). Der Sinn von Regeln bestehe darin, »Gehorsam zu induzieren; ihr Zweck ist es nicht, die Wechselwirkung zwischen subjektiven Welten und Perspektiven zu fördern« (ebd., S. 40). Die Aufmerksamkeit für das Besondere der Beziehung, die sich nicht in Regeln fassen lasse, gehe verloren: »technisch orientiertes Denken macht uns für die Besonderheiten unserer Patienten, unserer selbst und des jeweiligen psychoanalytischen Prozesses blind« (ebd., S. 41).
Noch einen Schritt weiter in diese Richtung einer unverwechselbaren Intersubjektivität geht Daniel Stern (2000, 2004). Intersubjektivität ist für ihn nicht nur ein intermentaler Prozess, sondern sie ist in sich selbst ein Hauptmotivationssystem, ähnlich dem Bindungssystem und der Sexualität. Sie reguliert das psychische Zugehörigkeitsgefühl ebenso wie das psychische Alleinesein. Der menschliche Geist wird nicht mehr als unabhängig und isoliert angesehen. Wir sind auch nicht länger die einzigen Besitzer, Herren und Wächter unserer Subjektivität, sondern stehen ständig im Dialog mit anderen Subjekten und deren Bewusstsein – unser Seelenleben ist »ko-kreiert«. Diesen kontinuierlichen ko-kreativen Dialog nennt Stern eine »intersubjektive Matrix«. Sie wird von einer intersubjektiv verfassten Psyche gestaltet, und ihre Basiseinheit ist der »Gegenwartsmoment« (present moment). Er ist ein intrapsychisches Ereignis, bei dem sich zwei Subjekte begegnen. Diese intersubjektive Begegnung im Hier und Jetzt eines präsentischen Augenblicks ist geprägt von einer bestimmten Zeitlichkeit: Beide Subjekte nehmen eine Erfahrung simultan in sich auf, und durch diese zeitliche Verbindung werden sie Teil ein und derselben Struktur. Eine so geartete Erfahrung ist häufig nur implizit bewusst.

Hat die Psychoanalyse das Bewusste noch als selbst-evident und das Unbewusste als das Unbekannte betrachtet, so dreht Stern dies um und sieht das Unbekannte, das es klinisch und therapeutisch zu erforschen und aufzudecken gilt, vor allem im impliziten intersubjektiven Bewusstsein. Wenn die Psychoanalyse bisher überhaupt so etwas wie »Gegenwartsmomente« aufgegriffen hat, dann deshalb, weil sie darin Ereignisse oder Enactments gesehen hat, in denen sich Muster der Vergangenheit in Szene setzen. In den intersubjektiven Ansätzen dagegen avanciert die gegenwärtige Beziehung – in der formativen Kraft der Begegnung – zum zentralen Element der therapeutischen Beziehung. Übertragung und Gegenübertragung werden zu Spezialfällen einer viel umfassenderen intersubjektiven Beziehung. Der Schwerpunkt der Erfahrung verschiebt sich: weg vom Verstehen vergangener Muster, wie sie im Hier und Jetzt zwischen Analytiker und Patient wieder auftauchen – hin zur präsentischen Erfahrung, die sich im Moment der Begegnung zwischen zwei Subjekten in der intersubjektiven Matrix neu konstelliert.

Daniel Stern kritisiert an der psychoanalytischen Behandlungstechnik, sie verlasse viel zu schnell den präsentischen Moment von Begegnung und Erfahrung, um nach Bedeutung zu suchen. Er unterscheidet zwischen einer sich vertiefenden Erfahrung, die gemacht wird, und dem Verstehen, das auf Erklärung abzielt. Dazu muss die lebendige Erfahrung nachträglich (après coup) narrativ eingeholt und verbalisiert werden:

»[Die Psychoanalyse] hat sich gewöhnlich stärker für (Re-)Konstruktionen interessiert als für das Geschehen an sich (sofern es überhaupt identifizierbar ist). Schließlich ist es die (Re-)Konstruktion, die das Geschehen bearbeitet und in eine psycho dynamisch relevante psychische Realität verwandelt. In gewissem Sinn ist die Psy choanalyse dermaßen konzentriert auf den verbal rekonstruierten Erfahrungsaspekt, dass der phänomenale verloren geht« (Stern 2004, S. 149).

Mir lag daran, anhand der Intersubjektivitätstheorie von Stolorow, Atwood und Orange sowie der Theorie von Stern herauszuarbeiten, wie in den intersubjektiven Ansätzen das Schwergewicht auf der Besonderheit der gemeinsam geschaffenen neuen Erfahrung von zwei Subjekten liegt. Der Kontext bzw. die intersubjektive Matrix wird hier zu einer Grundkategorie. Zugespitzt formuliert, wird das Subjekt zum kontingenten Effekt von Kontexten reduziert.

Dagegen ist kritisch einzuwenden, dass wir immer mehr sind als unsere Kontexte und mehr als ein ko-konstruiertes Subjekt. Das Selbst in seiner eigenständigen Funktion als Autor und handelnder Akteur, als eine autonome Instanz, die sich selbst bestimmen kann, wird ausgeblendet. Ein im intersubjektiven Paradigma üblich gewordenes Denken, das vom ganzheitlichen Subjekt spricht, verdunkelt die differenzierte Psychodynamik, der die Strukturtheorie Rechnung trägt. Das Intrapsychische geht im Intersubjektiven auf, wobei die Leitkonzepte intersubjektive Strukturprinzipien und Erfahrungsmuster sind. Theoretisch verschwunden ist ein Ich, das zwar abhängig von unbewussten Kräften ist, aber dennoch ein bestimmtes Maß an Autonomie erworben hat. Denn vor allem wenn das Ich aus der Anerkennung des eigenen Unbewussten heraus handelt, aber auch wenn es dem Ich-Ideal als einer individuellen Richtschnur folgt, ermöglicht dies ein gewisses Maß an Freiheit von den Einbindungen in die intersubjektiv strukturierte Umwelt.

»Mit seinen historisch informierten Aufsätzen ... ist es Werner Bohleber gelungen, ein theoretisch umfassendes und klinisch relevantes Werk einer sozialwissenschaftlich aufgeklärten Psychoanalyse vorzulegen. Mit seinen systematischen, theoretisch fundierten Auseinandersetzungen zu Themen der Identität und Intersubjektivität, Trauma und Therapie sowie Gestalt und Gesellschaft führt er die Leserinnen und Leser gekonnt in den aktuellen Theorie- und Forschungsstand der modernen Psychoanalyse ein. ... Es ist bewundernswert, wie der Autor komplexe Zusammenhänge in einer sehr verständlichen und anschaulichen Sprache vermitteln kann. ... Dieses Buch ist keineswegs nur für Psychoanalytiker, Psychotherautinnen und Psychiaterinnen wie Philosophen und Soziologen von großem Gewinn. Sondern für all jene, die den derzeit drängendsten Fragen nicht ausweichen wollen: Die also mehr wissen wollen über die Auswirkungen von zwischenmenschlicher Gewalt auf das Seelenleben von Menschen; mehr über die unbewussten affektiven Dynamiken von religiösem Fundamentalismus, Traumatisierung und Gewalt und/oder mehr über die unbewusst wirkenden kulturellen Kräfte, die uns Menschen zu potentiellen Tätern oder auch Opfern werden lassen.«
Margret Dörr, Socialnet.de, Februar 2016

»Bohleber ist ein Buch gelungen, das seinem Anspruch gerecht wird. Es zeigt, was Psychoanalyse heute leistet, zeigt, wie sie das tut und dass der "widening scope" sich keineswegs nur auf neue klinische Bilder erstreckt, sondern die gesellschaftspolitische Debatte zu bereichern und an andere Diskurse Anschluss zu finden sehr wohl in der Lage ist. Es erweitert mit Sorgfalt einen manchmal eingeengten klinischen Blick, konfrontiert mit harten und manchmal schwer erträglichen Realitäten und scheut sich auch nicht, an der einen oder anderen Stelle der eigenen Profession in milden, aber deutlichen Worten die Leviten zu lesen ... Man möchte wünschen, dass es nicht nur von Psychoanalytikern gelesen wird und dass auch diese Leser dann staunen, was Psychoanalyse alles leistet. «
Michael B. Buchholz, PSYCHE, Dezember 2012

»Mit diesem Buch gewährt der Frankfurter Psychoanalytiker Werner Bohleber profunde und spannende Einblicke in die Inhalte psychoanalytischer Forschung und Praxis.«
Joachim Koch, Deutsches Ärzteblatt, Oktober 2012
Klett-Cotta Fachbuch mit einem Vorwort von Peter Fonagy
1. Aufl. 2012, 264 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-94725-0
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Werner Bohleber

Werner Bohleber, Jg. 1942, Dr. phil., als Psychoanalytiker in eigener Praxis in Frankfurt am Main tätig. Lehranalytiker der Deutschen ...

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