Der Dialog

Das offene Gespräch am Ende der Diskussion
Buchdeckel „978-3-608-98042-4

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Der Dialog beginnt, wo die Diskussion aufhört.

Der Dialog ist eine neue Form des Gesprächs. Hier werden weniger Argumente ausgetauscht, sondern Horizonte eröffnet. Der Dialog ist eine Chance, Neues zu entdecken, keine Garantie, Altes zu bewahren.

Der Physiker David Bohm, von dem Einstein sagte, er sei der einzige, der über die Quantentheorie hinauskommen könne, war nicht nur ein berühmter Naturwissenschaftler, sondern auch ein Philosoph im ursprünglichen Sinne. Er gab dem Gespräch, dem Dialog seine Tiefe zurück, die ihm im Zeitalter der Kommunikation und Diskussion abhanden gekommen ist.

Besprechung, Meeting, Gesprächsrunde nennt man heute Versammlungen, in denen Standpunkte vorgestellt, Argumente ausgetauscht, Positionen verteidigt, Gedanken ausgeführt und Theorien angerissen werden. Der Zweck solcher Gespräche ist es, den Status quo der Differenzen zu klären, sich auf Ziele zu einigen und Unstimmigkeiten auszuräumen.

David Bohm hat die Erfahrung gemacht, daß all dies gut gemeint ist, aber nicht reicht, um einen wirklichen Schritt nach vorne zu kommen. Statt der Diskussion fordert er den Dialog, verstanden nicht als ein freundliches Gespräch miteinander, sondern als ein Horizonte öffnendes Aufeinanderzugehen. Ein Dialog ist ein grundsätzlich gelungenes, die Teilnehmer mit wirklich neuen Erfahrungen und Erkenntnissen belohnendes Gespräch.

Leseprobe
Vom Dialog

Wir beginnen die Arbeit in einer Dialoggruppe normalerweise, indem wir über den Dialog reden - wir besprechen das Thema, erörtern, warum wir uns damit beschäftigen und was Dialog bedeutet und so weiter. Ich halte es nicht für klug, die Arbeit in der Gruppe zu beginnen, ohne daß die Teilnehmer sich mit all dem auseinandergesetzt haben, zumindest in Grundzügen. Man kann es machen, aber dann muß man darauf vertrauen, daß die Gruppe weiterbestehen wird und daß diese Fragen zu einem späteren Zeitpunkt auf den Tisch kommen. Wenn Sie also in Erwägung ziehen, sich in einer Gruppe zu treffen, würde ich vorschlagen, zunächst eine Diskussion oder ein Seminar über das Thema Dialog abzuhalten, und die Interessierten können dann weitermachen und den Dialog führen. Und machen Sie sich keine allzugroßen Sorgen darüber, ob Sie nun einen echten Dialog führen oder nicht - das ist eine der geistigen Sperren. Er kann sowohl das eine als auch das andere sein. Also wollen wir das Thema eine Zeitlang erörtern - was ist das Wesen des Dialogs?

Die Bedeutung, die ich dem Wort "Dialog" gebe, unterscheidet sich leicht von der allgemein üblichen Definition. Die etymologische Ableitung eines Wortes hilft uns oft, eine tiefere Bedeutung zu erschließen. "Dialog" kommt von dem griechischen Wort dialogos. Logos heißt "Das Wort" oder auch "Wortbedeutung, Wortsinn". Und dia heißt "durch" - nicht "zwei". Ein Dialog kann von einer beliebigen Anzahl von Leuten geführt werden, nicht nur von zweien. Sogar ein einzelner kann einen gewissen inneren Dialog mit sich selbst pflegen. Wesentlich ist, daß der Geist des Dialogs vorhanden ist. Die Vorstellung oder das Bild, das diese Ableitung nahelegt, ist das eines freien Sinnflusses, der unter uns, durch uns hindurch und zwischen uns fließt. Das macht einen Sinnstrom innerhalb der ganzen Gruppe möglich, aus dem vielleicht ein neues Verständnis entspringen kann. Diese Einsicht ist etwas Neues, das zu Beginn möglicherweise gar nicht vorhanden war. Sie ist etwas Kreatives. Und dieser untereinander geteilte Sinn ist der "Leim" oder Zement", der Menschen und Gesellschaften zusammenhält.
»Bohms Buch hat nicht nur Bedeutung für das Teamlernen, sondern enthält auch eine Reihe von Verbindungsgliedern zum "double-loop learning" von Argyris und dem Feld der Aktionsforschung generell; es hat damit eine grundsätzliche Bedeutung für das organisatorale Lernen.«
MAO, 01.01.1998
Klett-Cotta Herausgegeben von Lee Nichol
Aus dem Englischen von Anke Grube (Original: On Dialogue)
8. Druckaufl. 2017, 175 Seiten,
ISBN: 978-3-608-98042-4
autor_portrait

David Bohm

David Bohm war Professor Emeritus für Theoretische Physik am Birbeck College der University of London. Zu seinen veröffentlichten Werken zählen »Die...

Lee Nichol



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