Ballgefühl und Rassehasen

Die Günter-Hetzer-Kolumnen
Buchdeckel „978-3-608-50073-8

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Die Günter-Hetzer-Kolumne aus der Feder von 11-Freunde-Chefredakteur Philipp Köster ist von Beginn an fester Bestandteil des Magazins, das von der Presse als »Deutschlands bestes Fußballmagazin« gefeiert wird und seit fünf Jahren das unterhaltsame Gegengift zum humorlosen und vordergründigen Einerlei hiesiger Fußballpublikationen liefert. Der bissigen Kolumne auf der letzten Seite fiebern Monat für Monat viele tausende Fußballfreunde entgegen. Sie ist der Grund dafür, daß das Magazin im allgemeinen von hinten nach vorne gelesen wird.
Sie sind die härteste Feiertruppe des deutschen Fußballs: Günter Hetzer und seine trinkfesten Kollegen Delle, Waldi und Trollinger. Langbeinige Rassehasen, Schampus satt und auf der Doppelnull ein flinkes Zungenkompott mit den Ladies aus dem Alcazar - Onkel Günter und die Clique lassen nichts anbrennen und schreiben ganz nebenher die deutsche Fußballgeschichte neu. Denn die Jungs sind immer mit dabei: auf der legendären Weihnachtsfeier des FC Bayern, zu Besuch bei Nasenbär Christoph Daum in Florida, wenn im Weserstadion eine Kabelmuffe durchbrennt und wenn »Horny Mike« Skibbe beim Länderspiel in Rumänien steil geht.
Leseprobe
Die Kellnerin stellte uns nochmal ein komplettes Gedeck auf die Theke. Wodka Feige, zehn Korn und vier Pils, das volle Programm. Dann blickte das Mädel auf die Uhr. »Jungs, seid ja prima fürs Geschäft, aber müßt ihr nicht mal langsam ins Stadion ?« Wir winkten ab, einer geht schließlich noch. Außerdem war die Perle hinterm Tresen auf jeden Fall in meiner Auswahl zum Playmate des Monats. Da ging noch was, klarer Fall.
Wir waren seit dem Vormittag in Bremen und hatten uns mit Lemke im I-Punkt bereits allerschwerstens einen gebrannt. Vor allem Willi hatte so heftig gebechert, daß er nach zehn Fernet und drei Wodka erstmals vollstramm die Herrentoilette mit der Küche verwechselt und seine Flöte in den Topf gehalten hatte. Anerkennung und Respekt von der Clique. Und auch Waldi war endlich auf andere Gedanken gekommen. Dem armen Kerl hing die Laune seit letztem Mittwoch komplett im Tiefparterre. Hatte aber auch allen Grund dazu, schließlich hatten ihn Stalin Boßdorf und seine Schergen aus der Programmplanung eiskalt abserviert. Nun hatte Waldi schon ein Dutzend Jägermeister intus und schmiedete Rachepläne. »Man müßte«, sinnierte er, »mal die komplette Sendung abschmieren lassen. Die Sicherungen rausdrehen, oder so .« Wir winkten ab. »Kannst du komplett vergessen. Die Jungs sind gut vorbereitet. Um Boßdorf reinzulegen, mußt du ein echter Profi sein«, dozierte Heri. Wir nickten.
Eine halbe Stunde später warfen wir uns dann doch in den Benz, um mit Heri, Willi und Waldi auf dem Rücksitz mit 120 Stundenkilos zum Weserstadion zu brettern. Blöd nur, daß Willi mit seinem dicken Kopf den Durchfahrtsschein auf der Theke hatte liegenlassen. Natürlich tanzte sofort ein Wolle Wichtig an der Seitenscheibe an und machte auf Personenschützer. »Ohne Schein keine Durchfahrt, so einfach ist das, meine Herren«, mopste sich der Kandidat. Das war zuviel für unseren Reiseleiter. »Ich bin Lemke, der Schulsenator, du verdammter Trottel !« schnaubte Willi von hinten. »Und jetzt mach den Weg frei, sonst sitzt dein Sohn ab morgen in der Hauptschule !«
Wir grinsten, Willi wußte eben, wie man Schnauzbärte richtig anpackt. Leider machte sich der Wachmann überhaupt nicht geschmeidig, die Schranke blieb unten. Aber das konnte Willi natürlich nicht schocken. »Mitkommen, Jungs, ich kenne einen Geheimgang !« kommandierte er. Wir parkten die Schüssel vor den Notausgängen, der Klassiker, klaro. Dann schloß Willi eine Eisentür unter der Haupttribüne auf. »Hab mir heimlich einen Nachschlüssel machen lassen, als der Vollspaten Allofs im Urlaub war«, grinste Lemke. Alte Schule!
Wir marschierten durch einen endlos langen Keller und Waldi am Frotzeln: »Was ist denn das hier? Der Atombunker von Henning Scherf?« Dann kreuzten wir den Elektroraum des Stadions, überall Schaltungen und anderer Kram. Und, alle Höllenhunde, gleich hatte ich ein dickes Kabel zwischen den Gräten. Natürlich keine Chance, ich machte die Sofortgrätsche und knallte ratzfatz auf den Beton. Plötzlich war alles zappen-
duster um mich herum. Verdammt, was war denn jetzt los? Klitzekleine Panik bei Onkel Günter: »Oh mein Gott, ich kann nichts mehr sehen. Ich bin blind !« Heri stöhnte genervt auf: »Füße still halten, Kollege. Ist nur das Licht ausgegangen .«
Hatte ich ja gleich gesagt. Waldi kramte den Lighter heraus und machte ein kleines Feuer. Heri hob etwas vom Boden auf. »Kabelmuffe«, las er laut vor und schüttelte den Kopf. »Hört sich ja extrem bescheuert an .« Ich hörte gar nicht hin, Hauptsache wir konnten endlich das Spiel sehen. Doch vor der Tür war auch alles dunkel, das komplette Stadion. Hehe, mal wieder typisch: Meisterschale im Schrank, aber zu doof, die Glühbirnen reinzudrehen. Schon kam Assauers Rudi auf mich zu. »Hab ich auch noch nie erlebt«, schimpfte der Kollege und paffte wild. »Komplette Elektrik im Eimer. Bloß wegen einer Kabelmuffe!« Aha, eine Kabelmuffe, dachte ich so bei mir. Irgendwo schon mal gehört, den Namen.
Tropen
3. Aufl. 2010, 165 Seiten, broschiert
ISBN: 978-3-608-50073-8
autor_portrait

Philipp Köster

Philipp Köster, geboren 1972, gründete 2000 das Magazin für Fußball-Kultur »11 Freunde«, dessen Herausgeber und Chefredakteur er ist. Zudem ist er ...

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