Die Untoten und die Philosophie

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Was können wir von Vampiren, Werwölfen und Zombies lernen? Nichts Geringeres als die bedeutendsten Ideen und Strömungen der Philosophie. Folgen Sie den Autoren auf ihrer lustigen, klugen und ziemlich schrägen Bildungsreise in die Welt der Untoten.

Ihre Wiederauferstehung feiern die Untoten nicht erst seit dem »Biss« von Stephenie Meyer. Schon seit Jahrzehnten faszinieren Vampire und Zombies Leser und Filmfans aller Altersgruppen. Richard Greene und K. Silem Mohammad zeigen jetzt, dass einem bei Seelenlosen nicht nur ein kalter Schauer überkommt, sondern auch mal eine frische Brise ins Schädelinnere wehen kann. Etwa dann, wenn wir von der Ethik der Untoten lernen oder Heidegger als das erkennen, was er war: ein Vampirjäger. Ein genauerer Blick in die Welt der Zombies reicht aus, und schon hat man das Leib-Seele-Dilemma verstanden. Lesen Sie dieses Buch und Sie werden sich nie mehr vor der Philosophie gruseln müssen.

Inhaltsverzeichnis
Einführung: ( Un )sterbliche ( Un )gewissheiten 11
Teil I Es lebt (irgendwie) !
Warum es schlecht ist, untot zu sein ... 19
Richard Greene
»Res Corporealis« - Körper, Zombies und Personen 36
William S. Larkin
»Sie ist nicht mehr deine Mutter, sie ist ein Zombie!«: Zombies, Wert und personale Identität 54
Hamish Thompson
Zombies, Blade Runner und das Körper-Geist-Problem 69
Larry Hauser
Teil II Untote weiße Männer
Heidegger - Schrecken der Vampire :
Die Untoten und die Fundamentalontologie 91
Adam Barrows
Wenn die Hölle überfüllt ist ,
gehen die Untoten auf der Erde shoppen :
Romero und Aristoteles über
Zombies, Glück und Konsum
Matthew Walker
Zombies, Ruhe und Bewegung :
Spinoza und der Speed der Untoten 12 2
K. Silem Mohammad
Teil III Dreckskerle
Zombies als Gladiatoren 141
Dale Jacquette
Das verdammte Blut - Vampire und Vegetarier 161
Wayne Yuen
Zwischen Skylla und Charybdis :
Vampire und das hedonistische Paradox
Robert Arp
Teil I V Die Politik der Exhumierung
Politische Ökonomie einer
zwangsfreien Koexistenz mit Vampiren 197
Douglas Glen Whitman
Rousseau und der Vampirismus :
Vorbemerkungen zu einer politische n
Philosophie der Untoten 215
Phillip Cole
Wenn sie uns gerade nicht essen ,
bringen sie uns wenigstens zusammen :
Zombies und der amerikanische Gesellschaftsvertrag 235
Leah A. Murray
Teil V Eine schöne Leiche
Mächtig, schön und ruchlos :
Über männliche und weibliche Vampirästhetik 253
Joan Grassbaugh Forry
Anmerkungen 269
Danksagung 281
Liste der erwähnten Filme 282
Philosoph, aha ... und was machen Sie tagsüber? 285

Leseprobe
Einführung: (Un)Sterbliche (Un)Gewissheiten
Seit über hundert Jahren, seit Bram Stoker diesen Begriff in seinem Roman Dracula zum ersten Mal erwähnte, halten »Untote« die kollektiven Phantasien unbeirrbar in ihrem kalten, festen Knochengriff. Bei ihrer Einführung war die Bezeichnung nur ein süffiges Label für eine Idee, die uns beschäftigt, seit Geschichten, Legenden, Mythen und Aberglaube davon berichten - kurz: seit es Popkultur gibt. Nichts deutet darauf hin, dass diese Faszination nachlässt: Jedes weitere Jahr offeriert neue Streifen und TV-Shows, durch die Vampire und Zombies spuken, Druckwerke über Untote führen ungebrochen die Bestsellerlisten an, und sowohl Musiker als auch Künstler anderer Genres nutzen die Ikonographie der lebenden Leichen für ihre Werke. Ein Übriges tun Literaturkritiker, Philosophen und Theoretiker unterschiedlicher Couleur, die das Genre der Untoten als ergiebige Goldader für ihre universitären Projekte entdeckt haben und entschlossen sind, sie auszubeuten oder, wenn Sie wollen, auszusaugen.
Manch einem mag da die Frage durch den Kopf schießen, ob Populärkultur sich als Fundus für seriöse theoretische Untersuchungen eignet. Tatsächlich gibt es in der westlichen Philosophie eine lange, bis zu Sokrates und noch davor zurückreichende Tradition, populärkulturelle Beispiele zu bemühen, um Zeitgenossen verwickelte oder abstrakte philosophische Gedankengänge schmackhaft zu machen. Unter diesen Konzepten finden sich nur wenige, denen mit hartnäckigerem Eifer nachgegangen worden ist als dem Tod. Schon deshalb ist das Vorstellungsbild vom Zustand des »Untotseins« der logische Ausgangspunkt für die Beschwörung zentraler philosophischer Fragen hinsichtlich Präsenz, Identität und Wert. In seiner doppelt negativen Struktur (im grammatischen Negativ des Un- und dem metaphysisch nichtenden tot ) problematisiert das Bild des Untoten unsere landläufige Auffassung davon, was es überhaupt heißt, am Leben zu sein - denn in einem buchstäblichen Sinn sind wir alle »Untote«. Von diesem Gedanken ist es nur ein kleiner Schritt zu der Behauptung, der Zustand des Nicht-Totseins (gemeinhin Leben genannt), den wir allzu gern für den wirklichen halten, könnte am Ende selbst von den gleichen Zweifeln angenagt werden, die bereits unserem Bild vom Untoten so zusetzen.
Eine Reihe häufig diskutierter Fragen betrifft denn auch die metaphysische Voraussetzung dieses »Untotseins«. Was heißt es, untot zu sein? Dass man am Leben und gleichzeitig tot ist? Oder weder noch? Kann man untot und doch noch nicht gestorben sein? Wird man untot »geboren«? Wird einer zum Untoten, weil er mit Unsterblichkeit geschlagen ist wie der mythische Tithonos? Kann jemand trotz Aussendens heftiger Lebenszeichen untot sein? Bei den zombieartig Befallenen in Danny Boyles Endzeit-Horrorthriller 28 Tage später 1 treten zum Beispiel lebendige Menschen auf, die von einem »Wut«Virus in den Wahnsinn getrieben werden und zu hirnlosen Killern mutieren - sind das Untote? Oder jemand, der vom Jobben bei McSoundso und einer täglichen Überdosis Glotze derart überstresst und genervt ist, dass ihm allmählich so gut wie alle Lebensgeister entweichen und er zum Zombie vertrocknet? Und wo sind die Unternehmens-»Vampire« einzuordnen, die sich an ausgebeuteten Mitarbeitern und Konsumenten laben? Ist es bloße Metaphorik, oder liegt ein wahrer Sinn in der Rede, solche Personen hätten etwas von lebenden Toten an sich?
Vorweg ein praktischer Hinweis zur Terminologie: Im Rahmen dieses Buches sind mit »untot« alle körperhaften Wesen gemeint, die leiblich oder geistig tot, aber gewissermaßen noch nicht »zur Ruhe« gekommen sind ... 2 Das schließt übernatürliche Monster wie Voodoo-Zombies ein, darüber hinaus Körper, die durch eine angebliche Naturkraft ins Leben zurückgeholt wurden wie die Zombies von George Romero, Ausgeburten einer geheimnisvollen Strahlung, sowie die problematische Kategorie der Infizierten in Boyles Film. Ein weiterer Spezialfall wird vorzustellen sein: Im Laufe der letzten zwei Jahrzehnte postulierten Philosophen »philosophische Zombies« in Gedankenexperimenten, die konstruiert wurden, um problematische Gegenbeispiele gegen diverse metaphysische Standpunkte ins Feld zu führen. Diese Zombies sind atmende und voll funktionstüchtige Personen in jeder Hinsicht - sie zeigen lediglich keine subjektiven Zustände (also kein Bewusstsein). Sie sehen aus und handeln wie jedermann, haben aber keine eigenen Gedanken, Gefühle oder sonstiges Innenleben. Philosophische Zombies sind technisch gesehen am Leben, doch in gewissem Sinn »sollten« sie es lieber nicht sein: Ihre (sicherlich nur erfundene!) Existenz stellt ein beunruhigendes Paradox dar, das unsere tiefsten Überzeugungen davon, was es überhaupt heißt, am Leben zu sein, in Ungewissheit zu stürzen droht.
Eine andere Gruppe von Fragen betrifft die Fortdauer von Identität: Sind wir als Untote noch wir selbst? Wenn mich ein Zombie oder Vampir beißt und ich daraufhin selbst zu einem werde, bin ich dann noch immer das »Ich«, das gebissen wurde? Und wenn ja, inwieweit? Ganz? Teilweise? Eher weniger? Vampire werden gewöhnlich so dargestellt, dass sie Erinnerungen an ihr früheres sterbliches Leben zurückbehalten, in vielen Fällen auch die Interessen und Gefühle, die mit diesem Leben verbunden waren: Bram Stokers Dracula scheint immer noch ein wenig der historisch verbürgte transsylvanische Herrscher Vlad Dracul zu sein, während er zur selben Zeit der untote Herr der Dunkelheit ist - genau wie Angel in Joss Whedons Buffy - Im Bann der Dämonen ( Buffy the Vampire Slayer) immer noch ein junger Ire ist (auch wenn das aus David Boreanaz' - oder Boris Tessmanns - Akzent nicht zwingend hervorgeht).
Vampire mögen gegenüber den Werten, die sie als Sterbliche hochgehalten haben, Verachtung empfinden und lustvoll auf die Prinzipien pfeifen, die ihnen dereinst lieb und teuer waren, auf der Ebene subjektiver Erfahrung zeigt sich jedoch eine ungebrochene Kontinuität. Anders die Zombies, die meist als hirnlose Leichen dargestellt werden, die auf irgendeinem Weg die Fähigkeit zurückerlangt haben, umherzulaufen und niedere motorische Leistungen vorzuführen: Sie agieren vorsprachlich und größtenteils ohne nennenswerte Vernunftfunktion (von den bereits erwähnten »philosophischen Zombies« abgesehen). Wenn sie ihren ehemaligen Liebsten begegnen, geben sie keinerlei Zeichen der Wiedererkennung oder Sympathie. Jede Ähnlichkeit zwischen dem Zombie und der Person, die diesen Körper im wirklichen Leben bewohnte, ist rein äußerlich. Und doch ist diese unheimliche Ähnlichkeit derart täuschend, dass in Romeros Film die bedrängten Behörden sich gezwungen sehen, die Bevölkerung über Lautsprecher daran zu erinnern, es sei ein tödlicher Irrtum zu glauben, bei den Untoten handele es sich um unsere lieben Angehörigen. Sie seien »nur totes Fleisch«.
Mitunter aber blitzen flüchtige und ergreifende Überbleibsel eines menschlichen Gedächtnisses auf - etwa jener Spürsinn, der die Zombies in Dawn of the Dead zum Einkaufszentrum leitet, das zu Lebzeiten ein »wichtiger Ort« für sie war. In Land of the Dead schleppt ein Zombie immer noch die Benzinzapfpistole aus seinem richtigen Leben als Tankwart mit sich herum, als trüge er weiterhin einen Rest professionellen Verantwortungsbewußtseins in sich.
So überrascht es nicht, dass ein weiteres Bündel Fragen auf die Ethik der Untoten abzielt. Ist es böse, ein Untoter zu sein? Tun Vampire falsch daran, den Lebenden nachzustellen? Sind Zombies moralisch irgendwie weniger belangbar als Vampire für die Verheerung, die sie anrichten? Sind Vampire als Opfer eines übernatürlichen Fluchs unbedingt böse? Ist es womöglich falsch, wenn Menschen Vampire oder Zombies töten? Insofern Vampire bewusste und rationale Wesen sind, die sich andererseits sehr schlecht benehmen, stellt sich naturgemäß das Problem von Gut und Böse. Charaktere wie Louis aus Interview mit einem Vampir ( Interview with the Vampire) von Anne Rice dienen als Vehikel für dramatische Tauchgänge in einen inneren moralischen Konflikt, in dem das autonome Gewissen des Subjekts in unversöhnlichen Widerspruch zu einer Kraft des Bösen gerät, die permanent seine Seele unter ihren Einfluss zu bringen droht.
Andererseits sind die meisten Zombies schwerlich überhaupt als Subjekte einzuordnen: Der einzelne Zombie ist häufig nur kleinste Einheit eines größeren kollektiven Organismus, der sich jenseits gebräuchlicher Definitionen von »Intelligenz« bewegt, von ethischem Bewusstsein ganz zu schweigen. Hinsichtlich unserer eigenen Verpflichtung, diese Wesen nach ethischen Normen zu behandeln, gelten ähnliche Unterscheidungen: Die Vorstellung, den Vampir vor Gericht zu bringen, ist in gewisser Weise etwas weniger absurd als den Zombie juristisch zu belangen, und der Gedanke, einem Vampir einen Pfahl durchs Herz zu treiben, stellt gemeinhin eine härtere Gewissensprüfung dar als der Einfall, einem Zombie mittels Kopfschuss den Garaus zu machen.
Fragen wie diese überspannen naturgemäß nur einen Teil der Perspektiven, unter denen in diesem Buch Autoren unterschiedlicher akademischer und theoretischer Provenienz sich dem Phänomen der Untoten nähern. Es ist unsere ausdrückliche Hoffnung, dass der geneigte Leser von der Lektüre dieses Buches mit größerer Wertschätzung für die Art und Weise zurückkehre, wie Popkultur allgemein und die Darstellungen von Vampiren und Zombies im besonderen zu den intellektuellen Diskursen einen sinnhaltigen Kontext beizusteuern vermögen.
Wir können nicht versprechen, dass Ihnen all dies von praktischem Nutzen sein wird an jenem denkwürdigen Tag, da die Toten aus den Gräbern steigen und überland herumlaufen und schließlich die Bretter herunterschlagen, mit denen Sie noch eilig die Fenster vernagelt haben - aber wenn Sie am Ende beim Schlachtfest den marodierenden Totenhorden unterliegen, wenn ihre Krallen an Ihrer Halsader zerren und mit eisigem Totengriff Ihr pochendes Fleisch herausdrehen, können Sie wenigstens auf ein ausgekochtes philosophisches Vokabular zurückgreifen und den Horror, den Sie in diesen letzten, panikgepeitschten Augenblicken erleben, in treffende Worte fassen, bevor auch Sie der Legion der Untoten einverleibt werden.
Teil I Es lebt (irgendwie) !
Warum es schlecht ist, untot zu sein ...
Richard Greene
Ein interessanter Zug an Horrorfilmen ist, dass die Leute sie aus ein und demselben Grund mögen und nicht mögen: Sie machen Angst. Wer sie mag, genießt den »Rausch« des Erschrecktwerdens, wer sie nicht mag, findet den Horror widerwärtig, unangenehm und peinlich. Es gibt kaum jemanden, dem Horrorfilme gefallen, ohne dass ihn dabei auch ein wenig gruselt. Ein Grund, warum der Schrecken uns das Fürchten lehrt, liegt in unserer Fähigkeit, uns in andere einzufühlen, wenn sie gejagt, abgeschlachtet, zerfleischt, gepfählt, verbrannt, gefressen oder gefoltert werden. Wir stellen uns mühelos vor, wie es wäre, von Leatherface bei lebendigem Leib am Fleischerhaken aufgehängt zu werden oder von einem der rasierklingenscharfen »Finger« von Freddie Krueger die Halsader aufgeschlitzt zu bekommen - und es jagt uns Angst ein. Horrorfilme wie Blutgericht in Texas - bekannter unter seinem Originaltitel The Texas Chain Saw Massacre - und die Filmreihe Nightmare - Originaltitel A Nightmare on Elm Street - lassen uns die Haare zu Berge stehen, nicht zuletzt deshalb, weil sie mit unserer Furcht vor dem Tod spielen. Schließlich ist der Tod, wenigstens in den Augen der meisten Menschen, für den, der stirbt, ein durchaus unangenehmes Ereignis.
Während die Gefühle der Menschen gegenüber dem Tod zwischen gedämpfter Angst und grenzenloser Panik rangieren, erschreckt uns eine andere Vorstellung weit mehr. Filme über die Untoten wie Die Nacht der lebenden Toten ( Night of the Living Dead ) , Nosferatu - Eine Symphonie des Grauens oder White Zombie , um nur ein paar zu nennen, machen sich diese beängstigendere Perspektive zunutze: Sie drohen damit, dass wir selbst zu Untoten werden. In Vampir- und Zombiefilmen fehlt es nicht an Beispielen für Figuren, die entweder durch eigene Hand aus dem Leben scheiden oder indem sie andere anflehen, sie zu töten, nur um zu vermeiden, dass sie zu Untoten werden. Untot sein ist nach allgemeinem Dafürhalten schlimmer als tot sein. 1 Philosophen debattieren seit langem, warum der Tod für den Sterbenden so schlecht sein soll. Ich möchte mich der Frage zuwenden, warum der Untod - genauer: der Zustand des Untotseins - für den Untoten schlecht ist. Eine erfolgreiche Darlegung der Schlechtheit des Untotseins muss zweierlei leisten: Sie muss das oder die wesentlichen Merkmale des Untotseins ermitteln, die es zu etwas Schlechtem machen, und sie muss erklären können, warum man das Untotsein gemeinhin für etwas Schlechteres hält als den Tod.
Je nach Definition gibt es mehrere Arten von Untotsein.
K. Silem Mohammad und ich definieren Untote als Wesen, die zu einer bestimmten Zeit lebten und starben, dann aber zurückkehrten dergestalt, dass sie jetzt nicht »ruhen«. Aus diesem Grund gehen alle Vampire, Mumien, Gespenster sowie die meisten Zombies als Untote durch, dazu eine Handvoll wandelnder Skelette (wie das Lost Skeleton of Cadavra aus dem 2001 erschienenen Film von Larry Blamire) und eine bunte Mischung anderer quicklebendiger Leichen wie etwa die manipulierten Toten in Donnie Darko - Fürchte die Dunkelheit . Um der Einfachheit willen und weil den Leuten, sobald man die Rede auf Untote bringt, weit häufiger Vampire und Zombies durch den Kopf schießen 2 , werde ich meine Behandlung des Themas auf die Frage beschränken, was das Schlechte daran ist, ein Vampir oder ein Zombie zu sein.
Kurzer Aufräumspuk im eigenen Haus
Wie immer, wenn eine philosophische Frage aufgeworfen wird, besteht eine natürliche Versuchung darin, sie zu beantworten - indem man sie von sich weist. Das Von-sich-Weisen der Frage, warum das Untotsein für den Untoten ein schlechter Zustand ist, kann eine von zwei Formen annehmen: ( 1 ) Der Befragte zieht Gegenbeispiele gegen die Behauptung, Untotsein sei schlecht, aus dem Hut, etwa dadurch, dass er Untote benennt, deren Existenz sich so schlecht nicht anfühlt, oder ( 2 ) er erhebt Einwände gegen die Hauptargumente der Auffassung, dass Untotsein schlecht sei. Während der zweite Ansatz vielversprechend ist und im Laufe dieses Kapitels große Beachtung erfahren wird, möchte ich rasch die erstere Strategie entkräften. Wenden wir uns also kurz der Ansicht zu, Untotsein sei für viele gar nicht so übel.
Jüngste Horrorfilme und TV-Shows erfreuen uns mit einer Reihe von Untoten, die aus der Masse herausragen, indem sie das meiste, wenn nicht alles äußere Drumherum des Untotseins meiden. Zum Beispiel besitzen die Vampire Angel und Spike aus der amerikanischen TV-Vampirserie Buffy - im Bann der Dämonen ( Buffy - the Vampire Slayer) am Ende der Serie beide eine Seele. Infolgedessen knüpfen sie tiefer gehende Beziehungen, werden von starken Gefühlen hin- und hergerissen, tun gute Taten und kämpfen auf der Seite der Moral. Gefühlsmäßig betrachtet, ist nichts Schlimmes dabei, Angel oder Spike zu sein. Ähnlich liegt der Fall im Interview mit einem Vampir ( Interview with a Vampire) : Der Vampir Louis ist imstande, wenn auch mit einigen Schwierigkeiten, seinem heftigsten Drang als Vampir zu widerstehen, und lebt recht und schlecht auf einer Diät von Hühner- und Rattenblut. In Shaun of the Dead zieht die Verwandlung von Shauns bestem Freund Ed in einen Zombie keine wesentliche Veränderung seines Tagesablaufs nach sich - am Ende des Films besteht sein tägliches Programm noch immer zumeist darin, im Sofa zu flezen, Videospiele zu spielen und mit Shaun die Gegend unsicher zu machen. Auch Graf Blah, der muppetartige Vampir aus der Tele-Serie Greg the Bunny , durchlebt genüsslich alle Wonnen, die das Leben so zu bieten hat (»Sie ist eben mal runter zum Graf, blah«). Und natürlich Casper , der liebenswürdige Geist ... Sie sehen, worauf ich hinaus will. Was diese und ähnliche Figuren gemeinsam haben, ist, dass sie in keinem nennenswerten Punkt böse sind, auch wenn man nur ungern mehr als ein paar Stunden in Gegenwart von Graf Blah zubringen möchte. Das wirft die Frage auf: Inwiefern stellen diese Charaktere ein Problem für unsere eher traditionellen Vorstellungen vom Untoten dar?
Hat ein fiktives Phantasma wie Vampirismus oder Zombietum oder eine Figur wie Dracula oder Nosferatu sich einmal eingebürgert, fällt es nachfolgenden Autoren instinktiv schwer, mir nichts, dir nichts, an dieser Vorstellung oder Figur herumzubasteln. Das ist beinahe so, als wollte man ein Kunstwerk gegen den Willen des Autors verunstalten, ganz ähnlich, wie es auch als höchst suspekt gilt, einen Schwarzweißfilm zu kolorieren. Würde man beispielsweise einen Streifen herausbringen, der Atticus Fink alias Finch aus Wer die Nachtigall stört ( To Kill a Mockingbird ) als engstirnigen Frömmler darstellt, entstünde mit Recht der Eindruck, hier werde das Original irgendwie beschädigt oder verunglimpft. Diese Einsicht liefert uns einen plausiblen Grund, »gutartige« Vampire und Zombies aus der allgemeinen Betrachtung der Wesenszüge von Vampiren und Zombies herauszuhalten. Andererseits hat sich die Vorstellung, welche die meisten Menschen von Vampiren und Zombies haben, im Laufe eines langen Zeitraums entwickelt, in dem zahlreiche Schriftsteller die Legenden weitergesponnen haben. So wurden zum Beispiel einige bekanntere Aspekte in Vampirerzählungen, etwa die Scheu vor geweihtem Wasser oder die Fähigkeit, eine andere Gestalt anzunehmen, später hinzugefügt. Es spricht also nichts dagegen, dass auch wir uns nachträgliche Änderungen des Grundschemas als legitim vorbehalten. Die Frage ist, wo man die Grenze setzt.
Mein Vorschlag ist, Modifikationen der Vampir- und Zombie-Mythologie, die deren wesentliche Züge hervorheben und unsere Auffassung davon, was es heißt, ein Vampir oder Zombie zu sein, unverändert lassen, für rechtmäßige Varianten anzusehen, andere dagegen, die unsere Vorstellungen radikal auf den Kopf stellen, zum Beispiel die Existenz »gutartiger« Vampire oder Zombies, mit denen man sich beim gemeinsamen Videospiel erbaut, als interessante hypothetische Experimente zu behandeln. Es ist zwar ganz lustig, darüber nachzudenken, wie es wäre, wenn Vampire mit Seele oder notgeile Muppet-Blutsauger herumliefen, doch sollten derlei Gedankenspiele nicht dazu dienen, unsere Urbilder von Vampir und Zombie zu verunklaren. Aus diesem Grund sehe ich Angel, Louis, Spike und Graf Blah nicht als »echte« Vampire oder Zombies an. In diesem Kapitel gelten sämtliche Vampire und Zombies als feindselig und gefährlich und ganz und gar nicht nett. Außerdem werden alle Vampire für verflucht oder verdammt oder von Natur aus böse gehalten, und alle Zombies, auch wenn sie mit keinem Fluch belegt bzw. nicht naturböse sein sollten, für Wesen, deren Verhalten gemeinhin als böse gilt.
Deprivation und Wunschversagung
Beginnen wir unsere Suche danach, was am Untotsein böse oder schlecht ist, mit einem kurzen Blick darauf, was die Philosophie über das Schlechte am Tod sagt. Da Tod und Untod offenkundig etwas gemeinsam haben - beide stellen einen Gegensatz zum Leben dar -, könnte sich zeigen, dass das Ablehnenswerte am Tod dasselbe ist, was auch das Untotsein so bösartig macht. Zum wenigsten könnte sich der Blick auf das Schlechte am Tod als nützlicher Ausgangspunkt für unsere Untersuchung des Bösen oder Schlechten am Untotsein herausstellen.
Da der Tod nicht unbedingt etwas Schlechtes ist, sofern es ein Jenseits gibt, in dem man für ein gut geführtes Leben belohnt wird, ist der Tod in den Augen der Philosophen, die sich der Frage nach dem Schlechten am Tod gewidmet haben, der blinde Fleck der Erfahrung. Das heißt, sie glauben, dass für den, der stirbt, mit dem Tod kein bewusstes Erlebnis mehr verbunden ist. Unter dieser Perspektive ist der Tod nicht irgendein Zustand, in dem ein Teil von uns fortleben wird, nachdem der vergängliche Körper gestorben ist. Sollten sich die Philosophen irren, dann lässt sich das Schlechte an beidem, am Tod wie am Untotsein, leicht ausmachen. Dem Untoten entgeht die wie immer beschaffene Belohnung, die nach dem Tode winkt. Der Tod andererseits ist dann einfach nicht schlimm (außer Sie haben sich im Leben so schlecht benommen, dass Sie nach Ihrem Ableben Strafe statt Lohn erwartet!). Da indes bedauerlicherweise wenig Übereinstimmung über die Frage des Lebens nach dem Tod herrscht und darüber, wie ein solches gegebenenfalls beschaffen sei, ist es sinnvoll, das Problem des Schlechten am Tod von der Annahme her aufzurollen, der Tod sei eine Leerstelle der Erfahrung.
Wenn der Tod nur das Ende des Lebens ist und nichts weiter, dann geht daraus noch nicht hervor, warum er etwas Schlechtes sein soll. Wie Epikur feststellt, »geht mich das angeblich schaurigste aller Übel, der Tod, eigentlich nichts an, denn solange ich bin, ist er noch nicht, und wenn er ist, bin ich nicht mehr«. 3 Wenn der Tod als Erfahrungslücke angesehen wird, kann der Grund für das Schlechte am Tod schwerlich in irgendeiner unangenehmen Erfahrung liegen; dann ist das Schlechte am Tod woanders zu suchen. Viele (vielleicht die meisten) Theoretiker, die heute auf diesem Gebiet arbeiten, halten es entweder mit Thomas Nagels Deprivationsthese 4 , die besagt, das Schlechte am Tod liege darin, dass er die Betroffenen von den Genüssen des Lebens abschneidet (den praemia vitae ), oder mit einer Version von Bernard Williams These der Wunschversagung 5 , der zufolge der Tod schlecht ist, weil er uns die Erfüllung bestimmter dringlicher Wünsche versagt.
Hat die Deprivationsthese alle Chancen, das Schlechte am Tod zu erklären, so bleibt sie die Erklärung schuldig, was am Untotsein schlecht sein soll, da den Untoten die praemia vitae ja nicht vorenthalten werden. Vampiren zum Beispiel steht dank ihrer Unsterblichkeit die Möglichkeit offen, eine Unmenge schöner Dinge zu genießen. Natürlich gibt es eine Handvoll wünschenswerter Wohltaten, in deren Genuss Vampire nicht kommen, zum Beispiel das Vergnügen, das mit einer köstlichen Mahlzeit verbunden ist (unbeschadet eines Glases warmen Bluts), oder die wärmende Sonne auf der Haut zu spüren. Das hilft aber der Deprivationsthese nicht vom Fleck, da schon die schiere Zahl schöner Erlebnisse, die Vampiren ( kraft ihrer Unsterblichkeit) winken, die Nachteile, die das Vampirsein mit sich bringt, bei weitem übertrifft.
Immerhin schneidet die Deprivationsthese etwas besser ab, wenn es darum geht, zu erklären, warum es schlecht ist, ein Zombie zu sein - denn auf Zombies scheinen nur wenige Erfahrungen zu warten. Die meiste Zeit wanken sie umher, grunzen und schlingen Fleisch und Hirn von Menschen in sich hinein. Wenn man das Pech hat, zum Zombie zu werden, zieht man vermutlich keinen großen Nutzen daraus, einer Sinfonie zu lauschen, Philosophie zu studieren oder sich einen guten Film anzusehen, und man unterhält auch keine tieferen persönlichen Beziehungen oder dergleichen. Dennoch scheint der Nachteil am Zombiesein nicht darin zu liegen, dass man auf diese Genüsse verzichten muss. Wenn dem so wäre, dann würde der Tod keinen dem Zombiesein vorzuziehenden Zustand darstellen. Der Tod wäre hinsichtlich seines Schlechtseins dem Zombiezustand ebenbürtig. Zudem ist es nicht ausgemacht, dass Zombies, auch wenn sie an zahlreichen erhabeneren Dingen des Lebens keinen Gefallen finden, nicht unter dem Strich genauso viel Vergnügen erleben wie lebendige Menschen, womöglich mehr. Nach allem, was wir wissen, gibt es weit und breit nichts Befriedigenderes, denn als Zombie herzhaft in ein frisches, lebendiges menschliches Gehirn zu beißen - wenn man dafür schon meilenweit in den Schuhen von irgend jemandem hergeschlurft ist ... So können wir vernünftigerweise schließen, dass die Deprivationshypothese nicht erklären kann, was am Untotsein so besonders schlecht ist.
Die Befürworter der Wunschversagungstheorie argumentieren nun wie folgt:
· Wenn ich etwas begehre, habe ich einen Grund prima facie ,
eine Lage der Dinge, in der ich es bekomme, einer anderen,
in der ich es nicht bekomme, vorzuziehen. · Der Tod schließt die Erfüllung einiger Wünsche aus. · Das ist ein guter Grund, den Tod zu meiden. · Eine Sache, die gemieden werden sollte, ist offenbar
schlecht. · Folglich ist der Tod schlecht.
Demgemäß ist das Leben dem Tod vorzuziehen, denn solange wir leben, können unsere Wünsche erfüllt werden, wenn wir aber tot sind, bleiben sie notwendigerweise unerfüllt. Wenn man den Tod herbeiwünscht, wird dieses Argument natürlich unwirksam, doch ist in diesem Fall ungeklärt, ob der Tod als schlimm gelten kann. Typischerweise wünscht man sich den Tod aber nicht, es sei denn, dass das Leben schlimm ist (oder sich zumindest so anfühlt).
Können wir mit dieser Argumentationsfigur nun auch das Schlechte am Untotsein erfassen? Die Strategie scheint auf den ersten Blick vielversprechend. Wenn man irgendwann in der Zukunft zum Vampir oder Zombie wird, werden die meisten derzeitigen Wünsche unerfüllt bleiben. So wird sich mir als Zombie die Sehnsucht, den ersten Nobelpreis für Philosophie zu gewinnen, mit Sicherheit nicht erfüllen. Auch mein Traum, den Lebensabend an einem von Santa Barbaras sonnigen Stränden zu verbringen, wird niemals Wirklichkeit werden, wenn ich ein Vampir bin. Mein hoffnungsfroher Wunsch, zur diesjährigen Betriebsfeier eingeladen zu werden, lässt sich, sollte ich bis dahin zum Vampir oder Zombie geworden sein, ebenso wenig realisieren (meine Kollegen sind zwar unternehmungslustig und stehen launigen Späßen durchaus positiv gegenüber, aber alles hat seine Grenzen).
Anfänglich verlockend, scheitert die These der Wunschversagung beim Erklären der Schlechtigkeit des Untotseins aber dann doch. Das Problem ist, dass die Wunschversagung nicht hinreicht, um die Situation schlimm zu machen. Ich hegte zum Beispiel als Zehnjähriger den heftigen Wunsch, später einmal in der Baseball-Profiliga zu spielen. Im Alter von zwanzig, dreißig Jahren bemerkte ich, dass dieser Wunsch offenbar nicht in Erfüllung gehen sollte. Daraus folgt nun aber nicht, dass es mir, nur weil mein Wunsch sich nicht erfüllte, schlecht gegangen wäre. Der Grund dafür ist, dass Wünsche sich wandeln. Mit zwanzig oder dreißig hatte ich gar kein Bedürfnis mehr, Baseballchamp zu werden. Tatsächlich wäre es mir, der ich kein Baseballspieler mehr sein wollte, im Falle der Erfüllung meines Wunsches sogar schlechter gegangen als jetzt, da sich mein Wunsch nicht erfüllt hatte.
Dies tut der Erklärungskraft der Wunschversagungsthese bei der Frage nach dem Schlechten am Totsein keinen Abbruch. Ein Befürworter der Theorie der Wunschversagung kann einwenden, insoweit ein bisheriger Wunsch ende oder durch einen späteren ersetzt werde, wirke sich die Wunschversagung nicht nachteilig aus. So verschlechterte mein unerfüllter Wunsch, Profibaseballspieler zu werden, die Lage der Dinge keineswegs, da er durch meinen späteren Wunsch, Philosophieprofessor zu werden, ersetzt wurde. Aus dieser Perspektive ist der Tod aber etwas durchaus Schlechtes, ist er doch ein Zustand, der mit unerfüllten Wünschen einhergeht, die nicht erloschen oder ersetzt worden sind. Beim Untotsein hingegen haben sich die einstigen Wünsche gewandelt. Das Verlangen nach einem Scotch hat sich in eines nach Menschenblut verwandelt. Die Lust auf Schweinebraten ist dem Bedürfnis nach rohem Menschenfleisch gewichen. Das Untotsein führt also nicht zu Wunschversagung. Es führt vielmehr dazu, dass Wünsche sich ändern, was, wie wir sahen, nicht unbedingt schlecht ist. Daher kann die Wunschversagung das Schlechte am Tod nicht erklären.
Menschen, Vampire, Zombies, Schweine und Narren
Nachdem also keines der gängigen Erklärungsmodelle für das Schlechte am Tod auch das Schlechte am Untotsein verständlich machen oder erklären kann, warum das Untotsein, wie allgemein geglaubt wird, die Dinge schlimmer macht als der Tod, verschieben wir den Fokus und konzentrieren uns auf eine Begründung des Schlechten am Untotsein, die den Zustand des Untotseins in den Blick nimmt. Wenn der Tod von den Philosophen als Erfahrungslücke angesehen wird, kann eine Erklärung dessen, was daran schlecht sein soll, schwerlich bei seinen qualitativen Merkmalen ansetzen; das heißt, eine solche Erklärung kann zum Beispiel nicht das Hauptaugenmerk darauf legen, wie sich der Tod anfühlt. Wenn der Tod unerfahrbar ist, fühlt er sich überhaupt nicht an. Der Untod hingegen ist keine Erfahrungslücke. Der Schlüssel zum Verständnis des Schlechten am Untod liegt also möglicherweise in den Qualitäten des Untotseins - wie es sich anfühlt, untot zu sein.
Es ist nicht gesagt, dass das Untotsein sich per se schlecht anfühlt. Wie ich oben zu bedenken gab, können Vampire zahlreiche positive Erlebnisse haben, und Zombies ziehen möglicherweise ein gerüttelt Maß an Beglückung aus dem Verzehr von menschlichem Fleisch und Hirn. Nichtsdestoweniger wird man im Falle einiger Kreaturen, denen unangenehme Erfahrungen wie Schmerzen erspart bleiben, dennoch wenig Lust verspüren, ihre Erfahrungen zu teilen. Das wäre dort der Fall, wo die fraglichen Wesen Erfahrungen machen, die im Großen und Ganzen weniger wünschenwert sind als die, welche wir typischerweise machen. John Stuart Mill ist bekannt für seine Ansicht, es sei »besser, ein unbefriedigter Mensch als ein befriedigtes Schwein zu sein, besser, der unzufriedene Sokrates als ein zufriedener Narr. Wenn der Narr und das Schwein anderer Meinung sind, dann nur, weil sie nur die eine Seite der Medaille kennen.« 6 Auch wenn Schweine nicht zwingend negative Erfahrungen machen - es scheint ihnen Spaß zu machen, sich in ihrer Schweinebuchte im Dreck zu suhlen -, so wäre es, folgt man dieser Argumentation, dennoch schlecht, Schwein statt Mensch zu sein. Analog kann man folgern, die Erfahrungen von Vampiren und Zombies, auch wenn sie viel Erfreuliches haben mögen, sind im Vergleich zu menschlichen Erfahrungen weniger erstrebenswert. Also ist es schlecht, ein Vampir oder Zombie zu sein.
Dieser Schachzug bringt ein paar Probleme mit sich. Zunächst erklärt das Argument, sollte es denn stichhaltig sein, lediglich, warum es schlecht ist, ein Zombie zu sein. Zombies sind fraglos niedrigere »Lebensformen«. Zombies sprühen nicht gerade vor kognitiver Aktivität. Vampire dagegen werden oft als ausnehmend intelligent dargestellt und mit einer Reihe von Erfahrungen ausgestattet, die gewöhnlichen Menschen vorenthalten sind, zum Beispiel, sich in eine Fledermaus oder einen Wolf zu verwandeln. Es ist nicht unvernünftig zu vermuten, dass die Erfahrungen eines Vampirs (selbst aus unserer Perspektive) wünschenwerter sind als menschliche. Es könnte sich herausstellen, dass der Schweinevergleich bei Mensch und Vampir nicht greift. Eine zweite und tiefer greifende Sorge hinsichtlich dieses Arguments ist, dass es die Behauptung nicht zu stützen vermag, das Untotsein sei ein objektiv schlechter Zustand. Bestenfalls belegt es, dass Untotsein schlecht ist im Vergleich zu bestimmten anderen Zuständen wie etwa dem, ein lebender Mensch zu sein. Ich möchte an dieser Stelle die Unterscheidung einführen zwischen einem Zustand, der objektiv, und einem solchen, der nur im Vergleich zu anderen schlecht ist. Ein Zustand ist objektiv schlecht, wenn Merkmale dieses Zustands schlecht sind entweder infolge eines qualitativen Aspekts dieses Zustands wie Schmerz oder Deprimiertheit, oder wenn dieser Zustand etwas dringlich vermissen lässt, woran unter gewöhnlichen Umständen kein Mangel wäre, etwa das Seh- oder Hörvermögen. Ein Zustand ist vergleichsweise schlecht, wenn er im Ganzen weniger Gutes auf sich versammelt als irgendein anderer, in dem man sich befinden könnte. Wer nun aber in tuitiv der Meinung ist, dass es schlecht ist, ein Zombie oder Vampir zu sein, denkt das nicht, weil er es mit dem Zustand gewöhnlichen Menschseins vergleicht. Anders gesagt, Untotsein ist nicht deshalb schlecht, weil man denkt, es sei im Vergleich zu etwas anderem schlechter (auch wenn es das tatsächlich ist). Man denkt vielmehr, dass mit dem Untotsein etwas objektiv Schlechtes verbunden ist, ganz so, wie man ja auch denkt, dass Schmerz etwas objektiv Schlechtes ist.
»Verständlich aber zum Glück nicht allzu vereinfachend geschrieben, vermittelt 'Die Untoten und die Philosophie' auf ganz eigene Weise philosophisches Wissen und lädt zum Nachdenken und Widersprechen ein, so wie es sich für ein solches Werk gehört. […] Ein rundum gelungenes, ebenso unterhaltsames wie lehrreiches Buch.« Mephisto, Dezember 2010 »Ein Sophotainment-Sachbuch mit leisem Esprit, philosophischer Sorgfalt und Präzision. «
BuchMarkt, 08/2010

»[...] ein unverzichtbares Standardwerk der vergleichenden Zombieologie, eine mit allen hermeneutischen, strukturalistischen und dekonstruktivistischen Wassern gewaschene geisteswissenschaftlichen Leichenschau, die als schaurig-schön zu bezeichnen fast unvermeidlich scheint.«
Dr. Alexander Altmann, Magazin, 09.10.2010
Tropen Aus dem Amerikanischen von Christina Schmutz und Frithwin Wagner-Lippok (Orig.: The Undead and Philosophy, Chicken Soup for the soulless)
1. Aufl. 2010, 288 Seiten, gebunden ohne Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-50403-3

Richard Greene

Richard Greene, geboren 1961, lehrt Philosophie an der Weber State University (Utah) und ist Vorsitzender der »Society for Skeptical Studies«; er ...

K. Silem Mohammad

K. Silem Mohammad, geboren 1962, stand schon als Dracula auf der Bühne, unterrichtet Anglistik und Creative Writing an der Southern Oregon University ...



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