Tage der Angst

Entführt von den Taliban

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Von Bildern und Lügen in Zeiten des Krieges

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Aus dem Leben eines Kriegsberichterstatters
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Die wahre Geschichte der grausamen Entführung des Journalisten Mastrogiacomo

15 Tage verbrachte der italienische Journalist Daniele Mastrogiacomo im Jahr 2007 in Geiselhaft bei den Taliban. Weder sein Fahrer noch sein Übersetzer überlebten die Entführung. Eindringlich beschreibt er seine Beobachtungen, Gedanken und Gefühle.

Der erfahrene Auslandskorrespondent und Kriegsreporter Daniele Mastrogiacomo reist im März 2007 nach Afghanistan, um mit einem Taliban-Führer ein Interview zu führen. Doch diese Reise wird zu einer Höllenfahrt. Auf dem Weg zum Interview werden Mastrogiacomo, sein Dolmetscher und sein Fahrer von den Taliban entführt und verbringen mehr als zwei Wochen in ihrer Gewalt. Sachlich, doch ungemein berührend beschreibt der Autor diese furchtbaren Tage des Wartens. Er er zählt von seiner Todesangst ebenso wie von den menschlich- unmenschlichen Begegnungen mit den Geiselnehmern. Ein erschütterndes Zeugnis, das einen tiefen Einblick in die Welt der Taliban gibt.

Inhaltsverzeichnis
Vorwort von Bernardo Valli 9
Zwei Jahre davor 11
2007 - Rückkehr nach Afghanistan 19
Die Reise 35
Flucht in die Wüste5
Peitschenhiebe im Namen Allahs 82 Begegnung mit dem großen Chef 97 Das Geheimnis der Videos 119
Mord am Fluss 140
Wir sehen uns im Paradies 152
Der Mediator 178
Ein Licht in der Dunkelheit 183
Zwei Jahre danach 195

Leseprobe
Vorwort
Tage der Angst erinnert an die Texte von Joseph Conrad. Doch Daniele Mastrogiacomo ist ein Reporter, und dies ist eine Reportage. Es ist eine wahre Begebenheit, keine Erfindung. Wenn er die Peitschenhiebe beschreibt, die ihm die Taliban zufügten, dann fühlen wir die Peitsche auf seiner Haut. Er lässt sie uns auf unserer eigenen Haut spüren, denn wir wissen, dass Schmerz und Erniedrigung nicht der Phantasie entspringen können. Sie sind Wirklichkeit. So wirklich wie das Blut, das aus Sayeds enthauptetem Körper tritt, der in den Fluss gestoßen wird, um vom Strom fortgetragen zu werden und zu verschwinden. Und ebenso wirklich ist das Ende des jungen Tadschiken Ajmal, auch wenn uns Daniele nichts Genaueres darüber berichten kann. Der Dolmetscher und Freund, den Daniele in Sicherheit glaubte, ist nach seiner Befreiung in einen Hinterhalt geraten und ebenfalls ermordet worden. Daniele erfährt es, als er schon in Italien ist und das Ende dieses schrecklichen Abenteuers feiert, das nun zu einer großen Reportage geworden ist.
Das Portrait der Taliban, das er nach und nach, Tag für Tag zeichnet, als er sie während der Fahrten durch die afghanische Wüste oder in den angstvollen Stunden beobachtet, die er - die Hände und Füße in Ketten - in den improvisierten Gefängnissen verbringt, sind von seltener, von sehr seltener Authentizität, wie sie sonst von einem Journalisten kaum erreicht werden kann, der doch meist ein Voyeur bleibt, fern von den Ereignissen und ihren Protagonisten. Danieles Portrait der Taliban ist eines, wie es ein Gefangener zeichnet, eine Geisel, ein Opfer, jemand, der nie den Blick des Reporters verliert, obwohl er all den Ängsten ausgesetzt ist, die die Begegnung mit dem Tod hervorruft. Die unheimlich wirkende Naivität der jungen Taliban, die sich immer in der Schwebe zwischen Mystizismus und Brutalität bewegen, die freundlich lächeln und zugleich grausam sein können wie fanatische Geistliche direkt aus einer Erzählung über das Mittelalter, wird mit einer Einfachheit beschrieben, die keinerlei Spezialeffekte benötigt, um den Leser zu beeindrucken.
Danieles Erzählung hat Conradsche Züge, weil im Hintergrund immer die beiden Toten Sayed und Ajmal stehen. Daniele ist nicht Marlow, der Erzähler, durch den Joseph Conrad spricht. Daniele ist Lord Jim. Ein Lord Jim, der direkt und ohne Mittler spricht und das Schuldgefühl, das er angesichts des Todes seiner beiden Begleiter empfindet, nur sachte durchscheinen lässt. Wie Lord Jim kann auch Daniele nichts angelastet werden. Nicht er hat den Dolmetscher und den Fahrer - Mitarbeiter, für die ein Kriegsberichterstatter nach ungeschriebenem Ehrenkodex die Verantwortung trägt - ihrem Schicksal überlassen. Daniele konnte nichts für sie tun. Aber in seiner Erzählung scheint die moralische Wunde durch, die er mit sich trägt und die dieses Buch in keiner Weise zu unterschlagen versucht. Um es mit den Worten Conrads zu sagen, die er im Juni 1917 über seinen Lord Jim schrieb: Er ist »einer von uns«.
Bernardo Valli, Juni 2009

Die Reise
Ich habe überall gelesen, dass Kandahar die Stadt der Orangenhaine ist. Hektar um Hektar Orangenhaine, über eine dürre, trockene Ebene verstreut und von einem Bewässerungssystem befeuchtet, auf das die Afghanen stolz waren. Die Wirklichkeit sieht völlig anders aus. Die Taliban waren es, die diese Kulturen zerstörten, das hat der pakistanische Schriftsteller und Journalist Ahmed Rashid in seinem Buch »Taliban - Afghanistans Gotteskrieger und der Dschihad« anschaulich beschrieben. Aus Wut, Nachlässigkeit, zur Strafe gegen die Bauern, die sich der Scharia widersetzten. So haben sich die Taliban auch damals, während ihres unaufhaltsamen Vormarsches in Afghanistan, in der Umgebung von Kabul verhalten, wo es einmal ein großes Weinanbaugebiet gegeben hat.
Das Einzige, was von den Orangenhainen übrig ist, sind ein paar vertrocknete Sträucher. Es ist warm im Vergleich zu Kabul, wo es trotz des bevorstehenden Frühlings noch sehr kalt war. Das Licht blendet, kräftige Farben wie gelb und orange dominieren. Es ist stickig, zwar gibt es weniger Staub und Schadstoffe in der Luft, aber alles scheint völlig unbewegt, wie in der Schwebe. Der Flugplatz steht unter der Kontrolle der amerikanischen Soldaten.
Das Gebäude ist intakt, fast neu und ganz frisch gestrichen in Hellblau und Weiß - den afghanischen Nationalfarben. Der Schriftzug »Internationaler Flughafen Kandahar« verleiht ihm einen respektablen Titel. Ich versuche mir große Jumbojets vorzustellen, wie sie auf dieser einzigen Rollbahn landen, die nur von Wüstensand umgeben ist, und noch ganz von der langen Reise betäubte Passagiere entladen. Aber das ist reine Fantasie: Es gibt nur einen Flug pro Woche, der oft noch nicht einmal hier zwischenlandet. Wir müssen zu Fuß eine Straße voller Schlaglöcher und Steine überqueren, um zu Sayed Agha, unserem Fahrer, zu kommen, der uns mit seinem brandneuen weißen Toyota Corolla jenseits der Umfassungsmauer erwartet.
Ich kenne Sayed nicht: Ajmal stellt ihn mir als einen Freund vor. Er gilt als der beste Fahrer von ganz Helmand, als echter Profi. Er stammt aus einem Dorf in der Nähe von Laschkargah und gehört, wie ich später herausfinde, zu einer der mächtigsten Familien der Gegend, einer jener Sippen, die etwas zählen, dreihundert Leute mit sehr engen Familienbanden. Eine gute Voraussetzung, wenn man sich in diesem Land bewegen will, in dem eiserne Gesetze gelten, auch wenn sie nie niedergeschrieben wurden. Außerdem ist er ein Paschtun, was von Vorteil ist in einer Gegend, die auch von dieser nationalen ethnischen Mehrheit beherrscht ist.
Sayed ist groß, kräftig, hat kastanienbraunes Haar und eine hellere Haut als mein Dolmetscher. Sein Gesicht ist rund, offen und von einem spärlichen, schwarzen Bart umrahmt, die haselnussbraunen Augen, die er bei unseren seltenen, vor allem aus Gestikulieren bestehenden Gesprächen meistens weit aufreißt, leuchten (er spricht kein Englisch, ich kann kein Paschtu). Er scheint mir ein anständiger Kerl und höchstens ein bisschen naiv zu sein. Sein Körper riecht gut, er wäscht sich offenbar häufig, wie die Mehrheit der Afghanen, die haben studieren können. Er ist so gepflegt, dass er fast eitel wirkt mit seinen geschnittenen Fingernägeln, dem traditionellen weißen Gewand und den geschlossenen braunen Schuhen an den Füßen. Sayed ist 28, schon Vater von vier Kindern, das fünfte ist unterwegs. Ajmal ist ein wenig neidisch, auch er hätte gern Kinder, hat aber beschlossen, noch zu warten, bis er sich wirtschaftlich erholt hat, nachdem er das belgische Exil des großen Bruders hat finanzieren und die Ausgaben für die eigene, prunkvolle Hochzeit selbst hat tragen müssen. Sayed legt viel Wert auf die Form, er fühlt sich für das verantwortlich, was wir tun, und dafür, dass wir bei unserer Mission erfolgreich sind. Er bewegt sich ruckweise, ein wenig nervös, schafft es aber dennoch, Ruhe zu vermitteln.
Ich lasse mich auf dem Rücksitz nieder, schlage mir das Tuch um den Kopf und befolge die Anweisungen meiner beiden Begleiter: »Sag keinen Ton, auch dann nicht, wenn die Polizei dich bei Polizeisperren anspricht. Wir dürfen kein Aufsehen erregen.« Ajmal und Sayed unterhalten sich rege, sie lachen viel, sind zufrieden und leicht aufgedreht wegen dieses neuen Auftrags, der ihnen neue Ehre und einen neuen Zugang zu den Taliban verspricht. Manchmal bitte ich um Erläuterungen oder versuche selber, ein Gespräch mit ihnen zu beginnen. Ajmal übersetzt mir fast alles mit großer Geduld.
Eine halbe Stunde später sind wir schon in Kandahar. Die Zufahrtswege werden von der afghanischen Polizei und dem Militär kontrolliert. Durch Polizeisperren mit Betonklötzen und Sandsäcken, hinter denen Soldaten liegen, die schweren Maschinengewehre im Anschlag. Die Soldaten wirken nervös, man sieht, dass sie ständig auf der Hut sind und neue Angriffe oder Anschläge fürchten. Die Stadt ist, anders als die umliegenden Gebiete, fest in der Hand der Regierung von Hamid
Karsai. Wir fahren durch die Straßen im Stadtzentrum, der Verkehr ist spärlich, es gibt viele Kleinbusse, die als Sammeltaxis fungieren, und einen Haufen von Motorrikschas. Die Nähe Pakistans ist zu spüren: Quetta, das jenseits der Grenze als Hauptstützpunkt der Taliban gilt, liegt weniger als 80 Kilometer Luftlinie entfernt. Wir zwängen uns auf einen von hohen Mauern und Eisengittern geschützten Parkplatz, der zum Hotel Continental gehört, dem einzigen sicheren Hotel der Stadt, nur wenige Schritte vom Sitz des Gouverneurs entfernt. Es hat ein Dutzend Zimmer, einen Gemeinschaftssaal, in dem gegessen wird, zwei Bäder für alle, an der Rezeption steht der Besitzer Amanullah persönlich.
Es gibt auch einen Internetanschluss. Ajmal und Sayed ziehen sich in ihr Zimmer zurück und sprechen den ganzen Nachmittag miteinander. Ich gehe ins Netz, sehe die Nachrichten durch und entdecke, dass es in Jalalabad im äußersten Osten des Landes, etwa 600 Kilometer Luftlinie östlich von Kandahar, ein Attentat gegeben hat. Ich lese auch, dass es zu einer Schießerei gekommen ist, die zu einem Blutbad führte. Die amerikanischen Soldaten werden verdächtigt, wütend und wahllos reagiert zu haben: Nach der Explosion, bei der ein einziger Soldat verletzt worden war, hatte sich eine Menge Neugieriger gebildet. Vielleicht haben sie Steine geworfen, vielleicht haben ein paar ihre Gewehre gezogen. In solchen Fällen kann alles Mögliche passieren, ein Funke reicht, und schon geht die Hölle los. Irgendetwas muss vorgefallen sein, die US-amerikanische Regierung vermeidet eine offizielle Stellungnahme, lässt sich Zeit, kann die Dynamik der Ereignisse nicht rekonstruieren, die neue Kontroversen und Proteste auch unter den afghanischen Polizisten entfacht. Ich rufe die Zeitung an, teile mit, dass ich mich in Kandahar befinde, und biete an, etwas über dieses Blutbad zu schreiben. Auch im Hotel wird darüber gesprochen. Jemand macht mich in gebrochenem Englisch darauf aufmerksam, dass immer einfache Bürger die Opfer seien. Ich höre zu, nicke, vermeide jeden Kommentar. Radio Capital, der Sender unserer Verlagsgruppe, ruft mich an. Ich stelle eine Schaltung her und beschreibe, was ich in Kandahar gesehen habe: die Menschen, den Ort, die Atmosphäre.
Dann rufe ich meine Frau Luisella an. Wie immer mindestens zweimal täglich. Sie ist beunruhigt, aber ich will nicht, dass sie sich Sorgen macht. Sie hat mich nie daran gehindert zu reisen, hat mich immer unterstützt, selbst wenn es ihr das Herz zusammenschnürte. Ich schreibe den Text für die Zeitung und schlafe danach, überwältigt von Müdigkeit und Anspannung, sofort ein. Nach einer Stunde wache ich auf. Ich habe Angst, ganz irrational und instinktiv. Meine Kinder, Michele und Alice, fallen mir ein. Wenn ich in Rom bin, hören wir nur selten von einander, jetzt aber will ich sie anrufen, ihre Stimmen hören, wissen, was sie gerade machen. Während des Telefongesprächs achte ich darauf, dass sie von der Angst, die in mir aufsteigt, nichts mitbekommen.
Ich will mich ablenken, die Furcht besänftigen, die mich ohne triftigen Grund überfallen hat. Ich gehe zu meinen beiden Mitarbeitern hinüber, die gerade - eingewickelt in ihre Decken und vor sich die x-te Tasse gelben Tee, dazu Bonbons zum Süßen - freundschaftlich miteinander plaudern. Ihre Gelassenheit steckt mich an, beruhigt mich. »Wollen wir einen Rundgang durch die Stadt machen?«, schlägt Ajmal vor. Das könnte interessant sein. Es ist schon dunkel, aber die beiden behaupten, gerade jetzt seien die Menschen auf den Straßen unterwegs, es sei ganz ungefährlich. Ich fühle mich nicht danach, am nächsten Tag müssen wir sehr früh los, lieber will ich mich ausruhen und dann ins Bett gehen. Wir essen Huhn mit Reis und trinken Tee. Bier, Wein und Liköre sind von der Speisekarte verbannt. Man findet sie nur in wenigen Bars in Kabul, und sie sind weiterhin als Symbole westlicher Dekadenz verboten.
Montag, der 5. März, ist der große Tag, der Tag des Interviews. Wir müssen sechzig Kilometer Wegstrecke bis Laschkargah fahren. Eine Straße in bestem Zustand, genau wie die, auf denen wir in und um Kandahar gefahren sind. Ein Detail, das mich beeindruckt: Hier im tiefsten Süden, der von den Taliban besetzt ist, hat sich der afghanische Staat eingesetzt, hat die Städte und Bezirke mit Infrastruktur ausgestattet. Auf dem Boden liegt nicht ein Stück Papier oder Plastik, alles ist sauber und ordentlich, ganz im Gegensatz zu Kabul, wo Chaos herrscht. Ajmal sagt mir, das sei das Verdienst des neuen Gouverneurs, der letzte wurde beim Verlassen seines Büros von einer Autobombe getötet.
Wir stehen früh auf. Im Hotel herrscht ein großes Kommen und Gehen, alle sind schon auf den Beinen. Ich beobachte die anderen Gäste, wie sie ein schnelles Frühstück einnehmen, und versuche herauszufinden, ob sie verstanden haben, wer wir sind. Immer befürchte ich, dass uns irgendwelche Männer des afghanischen Geheimdienstes auf der Spur sein könnten. Ich stecke in einer Zwangslage, muss mich vor der offiziellen Obrigkeit verstecken und mich zugleich wappnen für die Begegnung mit ihren Feinden, den Taliban. Beide Seiten sind wendig und wachsam, und ich stehe auf dem Grat dazwischen, der sich ständig verlagert.
Zeit, um auf die Toilette zu gehen oder gar eine Zigarette zu rauchen, bleibt nicht, wir müssen sofort los. Sayed hat schon seinen Corolla geholt und wartet mit offenen Autotüren und laufendem Motor auf uns. Während ich die Hotelrechnung bezahle, deutet Hamid, der Kellner, einen Gruß an. Unsere Blicke kreuzen sich, er lächelt mich an. Ich bedecke mir den Kopf mit dem Tuch, versuche, es mir so zu umwickeln, wie es die Afghanen tun, aber ich bin zu ungeschickt, brauche mehrere Versuche, bis es nicht mehr ganz so plump aussieht. Ajmal und Sayed beobachten mich durch den Rückspiegel dabei. Sie grinsen, sind amüsiert über meine Kleidung. In Wahrheit schätzen sie sie, und sie wissen, dass sie von denen geschätzt werden wird, mit denen wir verabredet sind. Der Fahrer ist heute gesprächiger. Ich versuche herauszubekommen, wie viel Zeit für das Interview vorgesehen ist und wo es stattfinden soll, aber auch er weiß das nicht. Wir werden es erst vor Ort herausfinden, wahrscheinlich werden wir uns in einem Haus treffen, unter freiem Himmel ist es zu gefährlich.
Wir fahren auf einer Straße, die voll ist mit Kleinbussen, von Eseln gezogenen Wagen, neuen Autos und echten Schrottkarren. Viermal werden wir von ebenso vielen Straßensperren der afghanischen Polizei gestoppt, aber sie schauen nur kurz zu uns hinein und prüfen, wer wir sind. Ich rühre mich nicht, das um den Kopf geschlagene Tuch fällt mir bis auf die Schulter herab. Nur meine Augen sind zu sehen. Bei der letzten Straßensperre werden wir angehalten. Der Polizist schaut mich an, sagt etwas auf Paschtu zu mir. Ajmal und Sayed antworten, ich sei ein Ausländer. Sie fügen nichts weiter hinzu. Bevor er uns fahren lässt, fragt uns der Polizist, ob wir zwei Polizisten mitnehmen können. Ich weiß nicht, was Sayed darauf antwortet, aber er weist die Bitte zurück, gibt wahrscheinlich zu verstehen, dass wir es eilig haben und nicht in dieselbe Richtung unterwegs sind.
Nach etwa 50 Kilometern biegen wir links in eine breite, gut asphaltierte Straße ein. Der Fahrer drückt aufs Gaspedal, sieht mich durch den Rückspiegel an und erklärt in seinem spärlichen Englisch, dass es hier gestern Nacht einen Überfall gegeben hat: Ein Talibankommando hat sich der Polizeisperre bemächtigt. Ajmal fügt hinzu: »Das passiert oft. Die Polizei ist nur tagsüber präsent. Sobald es dunkel wird, bricht sie ihre Zelte ab und zieht sich in die Stadt zurück.« Die Lage ist unsicher, sagt der Dolmetscher außerdem: Von dreizehn Bezirken befinden sich zehn in den Händen der Taliban. Die berühmte »Frühjahrsoffensive« soll von hier starten. Das Spiel ist bereits im Gange. Die Dschihadisten meinen es ernst, sie wollen auch noch die letzten drei Bezirke erobern. Sie überfallen, schießen, töten. Hier ziehen sie den offenen Kampf vor. Die Kamikaze bleiben dem Zentrum und Norden des Landes vorbehalten, sie sollen die Panik schüren und die Zentralregierung unter Druck setzen und terrorisieren. Der Fahrer drückt jetzt das Gaspedal durch, die Straße sei gefährlich, Banditen könnten uns anhalten und berauben. Es ist mitten am Tag, aber Fallen können überall sein, es gibt keine Bäume, keine Mauern, keinen Schutz. Neben dem Asphaltstreifen beginnt eine Wüste aus Steinen und Sand.
Ich fühle mich schwach und ungeschützt, ein willkommenes Opfer für jeden Kriminellen, jeden Kämpfer, jeden Terroristen. Ich frage, wie ich mich verhalten soll, rutsche auf dem Rücksitz hin und her, finde keine gute Sitzposition, Knochen und Muskeln tun mir weh. Ganz besonders die im Gesicht, das zu einer Fratze verzogen ist, die ein schüchternes Lächeln sein will. Wenn ich nervös bin, mache ich das immer so: Ich versuche, den Sturm, der in mir tobt, zu verbergen.
Endlich erreichen wir Laschkargah, wo ich mich in Sicherheit fühle und wieder normal atmen kann. Sayed weiß, wohin. Er biegt in eine kleine Seitenstraße ein, dann in weitere kleine Sträßchen, fährt einen großen Bogen und hält schließlich unmittelbar vor einem braunen Gittertor. Er hupt ein paar Mal. Ein etwa Achtzehnjähriger öffnet uns das Tor. Wir fahren hindurch, steigen aus und werden von einem Mann um die Dreißig empfangen. Ajmal stellt ihn mir vor: Es ist der Verantwortliche der afghanischen NGO, die uns für ein paar Stunden aufnimmt, bis Sayed seine Kontaktperson getroffen hat, um die Details für das Interview zu vereinbaren. Mir ist es lieber, dass er das allein tut. Alles soll hindernisfrei ablaufen. Schließlich treffen wir uns mit Taliban, die nervös werden könnten; dasselbe gilt für die Polizei, die nichts mitbekommen darf. Es gibt zwei Straßensperren mit Polizisten, beim Betreten und beim Verlassen der Stadt. Im übrigen ist Laschkargah voll von Taliban, zwar nicht Soldaten oder Kämpfern, aber Männern, die solidarisch sind, die sich als Paschtunen fühlen, als echte, in der Tradition verwurzelte Paschtunen. Ajmal kann sie nicht ertragen. »Sie sind verrückt«, sagt er ständig, »sie wollen, dass unser Land im Mittelalter bleibt. Sie sind weltfremd«, wiederholt er beharrlich mit einer Wut, die er kaum bezähmen kann, »sie sind zu weit weg von Afghanistan. Sie wissen nichts und kennen nichts, sie sind ungebildet. Für uns sind Erziehung, Wissen und Kultur Mittel zum Leben und für den Fortschritt. Sie wollen uns in einen riesigen Käfig sperren und uns vom Rest der Menschheit isolieren.«
Ich sehe immer mehr dunkle, schwarze, weiße, grau-schwarze Turbane. Das ist ihr Symbol. So war es in der Vergangenheit, und so ist es auch heute. Aber Waffen sehe ich keine, auch wenn sie wahrscheinlich in Reichweite versteckt sind. Während der zwei Stunden Aufenthalt im Sitz der NGO gehe ich im Raum des Verantwortlichen ein und aus, das sein Büro, aber auch eine Art Wohnzimmer ist. Wir trinken Tee und essen Bonbons dazu. Eine Frau taucht auf, die erste, die ich seit Tagen sehe, sie holt aus einem Schrank abgepackte Süßigkeiten, legt sie auf ein Tablett und bietet sie uns an. Mein Magen hat sich zusammengezogen, ich rauche lieber. Das tue ich draußen, um niemanden zu stören mit einem Laster, das ich mir einfach nicht abgewöhnen mag. In dem Garten, der den Hof umgibt, kümmert sich gerade ein Mann um den Rasen. Er schaut mich schweigend an. Die Frau kommt heraus und bedeutet mir hereinzukommen, da die anderen nach mir fragen. Ajmal und der afghanische Volontär möchten, dass ich drinnen bleibe: Wir sollten lieber kein Aufsehen erregen. Meine Anwesenheit könnte zu viel Aufmerksamkeit auf sich ziehen und Misstrauen wecken.
Später vertraut mir Ajmal an: Sogar der Verantwortliche der NGO, ein Afghane aus Laschkargah, vermeide es, sein Büro zu verlassen. Er mache alles per E-Mail, habe Mitarbeiter in der Umgebung, Leute aus verschiedenen, in den Bezirken verteilten Dörfern. Von diesen lasse er sich auf dem Laufenden halten über die Entwicklung der verschiedenen Projekte, die alle vom Gesundheitsministerium getragen werden: Brunnen, Wasserfilterung, Bewässerungssysteme, die Umstellung des Pflanzenanbaus, Kampagnen gegen Cholera und Tuberkulose. So erfahre ich Vieles erst später: Details, die nebensächlich wirken und doch für einen präziseren Überblick über die Lage von grundlegender Bedeutung sind. Details, die Ajmal vor mir verbarg, weil er die Informationen, die er aus seinen Quellen bezog, grundsätzlich nicht weitergab. An niemanden.
Sayed kommt wieder, sagt, dass alles bereit ist, sie erwarten uns. Ich versuche zum x-ten Mal, einen Freund anzurufen, der im Notfallkrankenhaus, dem einzigen in Laschkargah, arbeitet. Sein Handy ist ausgeschaltet. Ich bin sicher, dass er in der Stadt ist, kann ihn aber nicht erreichen. Ich wäre gern bei ihm vorbeigefahren: Er hätte mir geholfen, die Lage zu sondieren. Vielleicht hätte er mich auch vor dem Interview gewarnt. Stattdessen ruft der Kollege Giovanni Porzio von Panorama an, teilt mir mit, dass er morgen mit einem UNO-Flug von Kabul eintrifft, und fügt hinzu: »Ich habe mit Gino Strada gesprochen, er ist noch in Karthum, im Sudan. Er hat mir nur gesagt: Pass auf, die Stadt wimmelt von Taliban.«
Den Trolley mit dem technischen Material, meinem treuen Messer, dem Kompass, den ich beim Segeln verwende, und der Taschenlampe lasse ich im Sitz der NGO. Ich nehme nur die Kamera, den Computer und einen roten Notizblock mit. In der Jackentasche meiner grünen Militärjacke, die ich über dem Schalwar trage, habe ich drei Kugelschreiber.
Wir biegen in die Hauptstraße. Es herrscht dichter Verkehr, in der Nähe einer Brücke geraten wir in eine Straßensperre. Sayed und Ajmal bitten mich beide, den Presseausweis herauszuholen, falls uns die Polizei anhalten sollte. Er soll auch bei denen zu unserer Identifizierung dienen, die uns für das Interview erwarten. Ich schaue nach rechts, wo sich weite Schlafmohnfelder hinziehen. Sie grenzen hier, mitten in der Stadt, direkt an den Asphalt. Jetzt blühen sie gerade, in zwei Wochen wird die Ernte beginnen, ein Ritual, das ich später, unter Anleitung der Taliban, gut auszuführen lerne. Mit den entsprechenden Bewegungen, zu den richtigen Zeiten und an den passenden Orten. Um die Straßensperre kommen wir herum, der Polizist ist abgelenkt, da er gerade ein anderes Auto kontrolliert. Hundert Meter weiter biegen wir an einer Kreuzung links ab.
Bei einer Tankstelle steht ein Junge und wartet auf uns. Er ist die Kontaktperson des Fahrers und wird uns, wenn ich das richtig verstanden habe, zu den Taliban bringen. Er trägt die für die Afghanen typische Stoffdecke aus einem hellen Grün und ist so in sie eingewickelt, dass man nur seine ebenfalls hellgrünen Augen sieht, die sich vorsichtig meinem Sitz zuwenden. Sein Profil ist klar, er hat eine feine, lange Nase. Ich grüße ihn, aber er antwortet nicht. Jetzt schaut er gerade vor sich hin und zeigt Sayed den Weg. Wir sind sehr angespannt, aber auch voller Erwartung. Keiner spricht, die Kommunikation findet über Gesten, einsilbige Mitteilungen oder Kehllaute statt, die alles und nichts bedeuten.
Wir fahren einen breiten Sand- und Kiesweg entlang, der sich in den Feldern verliert und von Dutzenden von Reifenspuren zerfurcht ist, die sich über die Jahre durch Tausende von Fahrzeugen gebildet haben, fahren Erhebungen hinauf und herunter wie in einem leichten Tanz. Wir nehmen weitere Nebenstraßen und überqueren Bewässerungskanäle, deren Wasser teilweise bis zu den Autotüren reicht. Ein paar Mal bleiben wir beinahe stecken. Aber dann endet die Straße ganz plötzlich, vor uns liegen nur noch Felder. Sayed sieht verloren aus. Er weiß nicht mehr, wohin, will Informationen von seiner Kontaktperson. Der Junge weicht aus, gibt keine klare Auskunft. Mit einem komplizierten Rangiermanöver kehren wir um. Oben auf einer Anhöhe sind drei schwarze, im Kreis aufgestellte Motorräder zu sehen. Ich frage, ob sie das sind, keiner antwortet mir. Die Spannung ist schier unerträglich. Ich bereite mich innerlich vor: Jetzt werden sie uns zum Haus des Militärkommandanten bringen.
Die Taliban gruppieren sich um uns herum. Es sind viele, mindestens zehn, ein Auto, ebenfalls ein Toyota Corolla, ist noch hinzu gekommen. Alle tragen Waffen, alte und neue Kalaschnikows. Ich schaue ängstlich den auf uns gerichteten Gewehrläufen entgegen, bleibe aber im Auto sitzen, das Tuch verdeckt mir das Gesicht. Ich warte. Befehle und Anweisungen ertönen. Ajmal hat man schon gepackt und aus dem Auto gezerrt; nun ist Sayed dran. Seine Kontaktperson ist verschwunden. Ich sehe den Jungen nicht mehr und werde ihn nie wiedersehen. Der Dolmetscher und der Fahrer reden, erklären, schreien sogar, wenn auch mit erstickten Stimmen.
Die Taliban packen sie an den Händen und Armen und binden sie ihnen hinter dem Rücken mit dem Stoff der Turbane zusammen. Alle reden durcheinander. Ich verstehe überhaupt nichts, habe keine Ahnung, was da geschieht. Sie packen auch mich, ziehen mich zwar etwas vorsichtiger, aber ebenso entschieden aus dem Auto und sehen mich aus harten Augen an. Sie scheinen mich zu fragen, was ich will, was ich auf ihrem Territorium suche. Ich habe den Eindruck, dass sie mich für einen Spion halten, die Blicke sind misstrauisch, verraten eine Mischung aus Hass und Überraschung.
Ich halte still, als sie mir die Hände hinter dem Rücken fesseln. Dann gebe ich mich als Journalist zu erkennen. Ich wiederhole: »Wir sind Journalisten.« Ich erwähne das Interview und den Kommandanten, sage, dass ich Italiener bin. Aber vor allem Journalist. Ich bin überzeugt, dass es sich um einen Irrtum handelt, der vielleicht mit einem Zwischenfall zu tun hat. Was weiß ich, ein Schusswechsel am Morgen, mit Toten und Verletzten in ihren Reihen, und jetzt lassen sie ihren Zorn an uns aus. Bestimmt handelt es sich um einen Irrtum, der schnell geklärt sein wird. Ich bleibe ruhig, wehre mich nur gegen die Binde, die sie mir über den Augen festziehen. Ich wusste zwar, dass ich klaustrophobisch bin, nicht aber, dass es so schlimm ist. Auch im Dunkeln brauche ich immer einen Schimmer Licht. Die verbundenen Augen machen mir Atemnot. Mir ist, als müsse ich sterben, als sei ich in etwas eingewickelt, das mich erstickt.
Ich reagiere instinktiv, um mich von dieser Binde zu befreien, und tatsächlich gelingt es mir, die noch nicht fest gezurrten Knoten zu lösen, die meine Hände fesseln. Ich schiebe die Binde weg, protestiere, erkläre zum x-ten Mal, dass ich ein Journalist bin, schlage eine Saite an, für die sie empfänglich sein müssten, und sage, so behandelt man keinen Gast, auch keinen Westler, einen, der beschlossen hat, in den tiefsten Süden zu kommen, um den Taliban eine Stimme zu geben und sie sichtbar zu machen, um live von einem Krieg zu berichten, über den man wenig oder nichts weiß.
Aber diese Taliban sind Soldaten, sie befolgen Befehle von oben. Ich protestiere weiter, drehe mich im Kreis, suche nach neuen Gesichtern und Augen für eine Verständigung. Ajmal und Sayed weinen und klagen leise vor sich hin, auch sie bekommen womöglich nicht genug Luft unter den Augenbinden und Kapuzen, die man ihnen über die Köpfe gestülpt hat.
Ein heftiger Schlag mit einer Kalaschnikow direkt unter die Schulterblätter lässt mich zusammenbrechen. Ich falle auf die Knie, hebe die Hände, gebe klein bei, verbinde mir wieder die Augen. Ein zweiter Schlag, noch stärker, erschüttert meinen Kopf. Ich sehe lauter Sterne, werde aber nicht ohnmächtig. Das Blut läuft überall an mir herunter, durchtränkt meine Haare und die Binde, die jetzt wieder meine Augen bedeckt. Ich hebe wieder die Hände, stehe taumelnd auf. Sie befehlen mir, in den Kofferraum zu steigen.
Ich muss gehorchen und versuchen, sie zu beruhigen, damit sie mich nicht umbringen. Eine lähmende Angst hat mich erfasst. Ich klettere in den Kofferraum des Corolla. Ob es ihr Wagen ist oder der von Sayed, weiß ich nicht. Aus einem Augenwinkel sehe ich den Fahrer und den Dolmetscher auf dem Rücksitz des anderen Autos. Sie rühren sich nicht, sagen nichts mehr. Auch ich rühre mich nicht, liege mit angezogenen Knien im Kofferraum, der sich mit Blut füllt. Mein Herz schlägt wie verrückt. Und ich denke an alles und an nichts, an mein Leben, an meine Familie, an die Zeitung, an das, was geschehen wird oder geschehen könnte. Ich versuche, mich zu beruhigen, rede mir immer wieder ein, dass alles in Ordnung ist, dass sie nach ihren Regeln handeln und eben einfach niemandem trauen. Ich weiß, dass die Taliban hart, gewalttätig und sehr, sehr misstrauisch sind. Da ist es wohl normal, dass sie uns die Augen verbinden, um uns an den Ort zu bringen, an dem uns der Kommandant für das Interview erwartet. Wir sollen eben einfach die Straßen und die Häuser nicht sehen.
Ich öffne den Kofferraum, indem ich an dem Seil innen ziehe. Kurz habe ich den Impuls, mich aus dem fahrenden Auto zu werfen und zu fliehen, aber der vergeht schnell wieder. Ich weiß ja gar nicht, wo wir sind und was für Leute hier leben. Es könnte ein fataler Fehler sein. Das Risiko ist zu hoch, lieber bleibe ich im Kofferraum. Ich halte ihn nur ein paar Zentimeter offen, um besser atmen zu können.
Plötzlich hält der Toyota Corolla. Draußen höre ich laute, aufgeregte Befehle. Den Kofferraum kann ich gerade noch von innen zuziehen, als er auch schon von außen geöffnet wird. Sie halten mir zwei Kalaschnikows an den Leib, ich kann die Läufe spüren. Als sie mir befehlen auszusteigen, gehorche ich und springe auf den Boden. Dann zeige ich mit den hinter dem Rücken gefesselten Händen auf die Wunde an meinem Kopf. Ich müsste sie verbinden, komme aber nicht heran. Mit einer Kopfbewegung mache ich verärgert darauf aufmerksam. Ich beklage mich auf Englisch: »So empfängt man keine Gäste.« Sie lachen, einer von ihnen ganz laut. Im Chor antworten sie: »Journalist, journalist.« Sie machen mich nach. Das wird die ganze Zeit, die wir gemeinsam verbringen werden, so bleiben. Wir, drei Opfer einer unerwarteten, unfassbaren Entführung; sie, 15 Soldaten, die stolz sind auf ihre Beute. Freundliches Verhalten und heftige Wutausbrüche gehen nahtlos ineinander über. Ich glaube oder ahne, dass sie mir nichts Böses tun wollen. Zumindest jetzt nicht. Sie respektieren mich, ich kann sie sogar einschüchtern. Ich befolge die Befehle, bin und bleibe ein Journalist, bin kein Soldat und kein Söldner, habe nichts zu verbergen oder zu leugnen. Die Binde über den Augen ertrage ich nicht, ich bitte darum, dass sie mir abgenommen wird. Sie ist blutgetränkt, was die Lage nur komplizierter macht. Vor allem für sie. Sie nehmen sie mir ab.
Endlich kann ich ihnen in die Gesichter schauen. Sie sehen aus, als seien sie uniformiert, tragen alle einen grauen Schalwar, die Turbane sind farblich abgestimmt, einige schwarz, einige weiß. Auf einigen Jacken bemerke ich ein Wappen, eine Art Kragenspiegel, der auf den Ärmel genäht ist. Ich lese »arba«, was auf Arabisch vier bedeutet. Vielleicht ist das die Nummer der Kompanie oder der zugehörigen Brigade. Es sind Soldaten, keine Banditen, sie gehören zum Militär. Das ermutigt mich. Denn die Vorstellung, vor Ort umgebracht zu werden wie ein Hund, ohne die kleinste Erklärung, ohne Vorwand oder Entschuldigung, versetzt mich in Panik. Alles hängt von dieser Meute ab. Ich sehe mir einen nach dem anderen genau an, sie sind kaum über zwanzig, bewaffnet, hart, entschieden, stark und spindeldürr. Sie haben entspannte Gesichtszüge und tragen schwarze, sehr gepflegte Bärte. Ab und zu ziehen sie aus der Brusttasche ihrer Hemden einen kleinen Taschenspiegel, um sich darin zu bewundern.
Wir warten ungefähr eine Stunde, die Hände auf dem Rücken gefesselt. Die Augenbinde hängt mir jetzt um den Hals. Ich kann mich umschauen. Wir befinden uns in einem baufälligen Gemäuer aus Stroh und Lehm, einer Art Unterschlupf für Schafherden, der von der Zeit gezeichnet ist und offenkundig nicht mehr benutzt wird. Die Soldaten drängen mich in eine Ecke, sie wollen nicht, dass mich jemand von außen sehen kann. Als ich unter einer bröckeligen Mauer Zuflucht vor der Sonne suche, befehlen sie mir mit angelegter Kalaschnikow, zurück in die Sonne zu gehen.
Ajmal und Sayed sitzen weit von mir entfernt auf den Knien, auch sie mit auf dem Rücken gefesselten Händen. Ihre Köpfe sind von weißen Kapuzen bedeckt. Sie ergeben sich der Situation passiv, klagen nicht und reden kaum. Ab und zu sagen sie Bruchstücke von Sätzen, die wie zaghafte Proteste, fast verzweifelte Versuche klingen, eine Erklärung abzugeben. Das Wort »Journalist« höre ich häufig, verstehe aber weder, was die einen sagen, noch, was die anderen antworten. Es gibt keine Diskussionen, nur Resignation und das Warten auf jemanden, der noch nicht da ist und mit einem barschen Befehl über unser Schicksal entscheiden wird.
Ich sehe mich um. Die bröckelnden Gemäuer versperren die Sicht auf die umliegende Gegend. Ich überschlage die Zeit, die wir für die Fahrt gebraucht haben. Wir müssen uns eigentlich noch in der Nähe des Ortes befinden, an dem der Überfall stattgefunden hat. Vielleicht sind unsere Entführer nur misstrauisch, unser Interview werden wir schon noch machen können. Ich bleibe also trotz allem optimistisch, beruhige mich, atme tief durch und lächele sogar. Dann schüttele ich den Kopf und wiederhole auf Englisch: »Wir sind hier, um mit einem Militärkommandanten ein Interview zu machen, er weiß Bescheid und erwartet uns. Wenn ihr so Euren Chef beschützt, ist das in Ordnung. Aber fragt ihn doch. Er weiß Bescheid, er ist informiert und wird euch sagen, wer wir sind.«
Es riecht sehr nach Mist, in der Nähe muss sich ein Stall befinden, aber Tiere sind weder zu sehen noch zu hören. Sogar die Vögel singen nicht mehr, ganz im Gegensatz zu dem Ort des Überfalls, wo sie regelrecht zu lärmen schienen. Sayed beklagt sich immer wieder, aber keiner antwortet ihm. Die Taliban halten schweigend die Gewehrläufe auf uns gerichtet. Als ich mich langsam von der Stelle bewege, befehlen sie mir barsch mit lauter Stimme, zurück in die Sonne zu gehen und mich hinter einem Mäuerchen zu verstecken. Ich schaffe es nicht, noch länger in der Hocke zu bleiben, und verliere ständig mein Gleichgewicht. Ich stehe auf, bedeute, dass Kopf und Rücken schmerzen. Ich mache mir Sorgen wegen des erhaltenen Schlags, wegen des Blutes, das mir über den Hals und die Brust in die Hose rinnt. Die Wunde muss verbunden werden, was ich mit Gesten lächelnd erkläre, um die Lage zu entspannen: Ich bin nicht gefährlich und habe nicht vor, mich zu wehren, ich bin ein Journalist, wiederhole ich immer wieder, bin für ein Interview hier. Mit einem Militärkommandanten. Ich schaue meine Reisegefährten an, fordere sie auf, zu übersetzen und das, was ich sage, zu bestätigen. Mit gesenktem Kopf murmeln sie etwas unter ihren Kapuzen, die ihre Worte ersticken. Ich schaue den Soldaten in die Gesichter. Einer von ihnen, vielleicht der ranghöchste, lächelt mich an. Er hat blitzend weiße Zähne und sieht fast sympathisch aus. Mit schriller Stimme sagt er: »Journalist, journalist. No, you are a spy!« Du bist ein Spion, ihr seid Spione! Britische Spione. Mit der rechten Hand fährt er sich quer über den Hals, macht die Geste des Halsabschneidens und wiederholt immer noch lächelnd: »Spy, spy, British.«
Sie beschuldigen uns also gleich, Spione und Kollaborateure der britischen Streitkräfte zu sein, die in ihr Emirat eingedrungen sind. Das kann kein Zufall sein, der übliche Spruch, wenn dich jemand festnimmt und dann gefangen hält. Es klingt nach erschwerendem Umstand und einem Verdikt, das über dein Leben entscheidet. Es stimmt, dass die Soldaten Ihrer Majestät zusammen mit den Kanadiern in den im Süden Afghanistans gelegenen Provinzen Kandahar und Helmand, historisch den Taliban gehörenden Gegenden, stationiert worden sind. Daher ist es logisch anzunehmen, dass die vor Ort gefassten Spione für den MI6, den englischen Geheimdienst, arbeiten. Aber direkt nach der Gefangennahme als Untertan Ihrer Majestät bezeichnet zu werden kann nicht nur mit der Tatsache zu tun haben, dass ich blond bin und helle Augen habe. Das ist wirklich einzigartig und verdächtig. So viel Sicherheit, ein so vorgefertigt klingendes Urteil erklärt sich nur folgendermaßen: Jemand hat uns verraten, hat auf unsere Anwesenheit in Laschkargah hingewiesen. Wer? Und warum? Gegen Geld, um sich Verdienste zu erwerben, aufgrund von hartnäckigen Gerüchten über die Ankunft von drei Journalisten, davon einem Ausländer, Gerüchten, die uns aus Kandahar nach Helmand vorauseilten? Oder haben wir, ohne es zu wissen, als Köder gedient, um unsere Gesprächspartner aus ihrer Deckung zu locken?
Irgendetwas muss vorgefallen sein, während meiner Gefangenschaft habe ich lange darüber nachgedacht. Wenn Ajmal und ich in den schlaflosen Nächten, eingehüllt in die Dunkelheit unserer Zelle, flüsternd versuchten darüber zu diskutieren, vermischten sich Befremdung, Vorwürfe, Mut und Enttäuschung. Angesichts der Wut, die aufgrund dieser absurden Lage in mir aufstieg, in der wir uns als Opfer dieser unvorhergesehenen und unvorhersehbaren Geiselnahme befanden, entschuldigte sich Ajmal kopfschüttelnd: »It has been a misunderstanding«, es war nur ein Irrtum, ein Fehler, und schloss erstaunt: »Ich verstehe nicht, wieso sich die Politik der Taliban plötzlich geändert hat. Mit Journalisten hatten sie nie Probleme. Jetzt betrachten sie uns als Feinde.«
»Ein Buch, das dem Leser den Atem raubt. Mastrogiacomo schildert, wie er und seine Begleiter in die Falle gerieten, wie er mit seinen Peinigern 15.mal das Versteck wechseln musste, dreckige Schafställe und Erdlöcher zumeist, aber auch, wie das Verhältnis zwischen Opfern und Tätern wechselte zwischen Phasen kumpelhafter Vertrautheit und solchen unfassbarer Brutalität. ... Mastrogiacomos Buch ist ein einmaliges Zeugnis über den Alltag der Taliban-Kämpfer.«
Susanne Koelbl, Spiegel, 27.9.2010

»Das Psychogramm einer Geisel, die das Reportersein dennoch nie lässt, und sich selbst in Augenschein nimmt, um als Individuum nicht unterzugehen.«
Jutta Sommerbauer, Die Presse am Sonntag, 21.11.2010
Tropen Aus dem Italienischen von Judith Elze (Orig.: I giorni della paura)
1. Aufl. 2010, 200 Seiten, gebunden ohne Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-50302-9
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Daniele Mastrogiacomo

Daniele Mastrogiacomo, geboren 1954 in Karatschi, arbeitet seit 1980 als Experte für Außenpolitik für die italienische Tageszeitung »La Repubblica«. ...



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