Die Corleones

Roman, nach dem Originaldrehbuch von Mario Puzo

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Die Vorgeschichte zum »Paten« - »Wie der Pate zum Paten wurde!« New York Times

»Dieser Mafia-Thriller ist einfach grandios.«
Stefan Sprang, Hessischer Rundfunk, 30.05.2012

»Die Corleones« entführt die Leser in das New York der Dreißigerjahre und seine kriminelle Unterwelt. Dort lernt Vito Corleone zu überleben, um schließlich zum Paten zu werden. Mario Puzo schrieb noch selbst das Drehbuch, Edward Falco machte einen Roman daraus - die packende Vorgeschichte zu »Der Pate«.

New York, 1933. Die Aufhebung der Prohibition steht kurz bevor und die Stadt bekommt ihren ersten italienisch­stämmigen Bürgermeister. Vito Corleone ist bereits mehr als nur der einfache Geschäftsmann, für den er sich ausgibt, doch längst noch nicht der mächtige Pate, der er werden wird. Er muss sich gegen den brutalen Mariposa, den obersten Boss der Bosse, zur Wehr setzen, mit rachsüchtigen irischen Gangs fertig werden und den gefährlichen Luca Brasi besänftigen, der seinen Sohn zu töten droht. All das, während er versucht seine Kinder, besonders den jähzornigen Sonny, vor der Welt des Verbrechens zu beschützen. Aber Sonny entdeckt das Geheimnis seines Vaters und zwingt ihn zum Handeln.

»Dieser Roman wird Mario Puzos Vermächtnis gerecht.« Tony Puzo

Leseprobe
Erstes Buch

Mostro
Herbst 1933

1.

Giuseppe Mariposa wartete am Fenster, die Hände auf den Hüften, den Blick auf das Empire State Building gerichtet. Um die Spitze des Gebäudes sehen zu können, die nadelgleiche Antenne, die den blassen blauen Himmel durchbohrte, beugte er sich vor und presste das Gesicht gegen die Scheibe. Er hatte miterlebt, wie dieses Gebäude errichtet worden war, und erzählte den Jungs immer wieder gerne, dass er einer der letzten Gäste gewesen war, die im alten Waldorf-Astoria zu Abend gegessen hatten, jenem prächtigen Hotel, das einmal dort gestanden hatte, wo jetzt das höchste Gebäude der Welt aufragte. Schließlich trat er vom Fenster zurück und wischte sich Staub von seinem Jackett. Unter ihm, auf der Straße, hockte ein grobschlächtiger Mann in Arbeitskleidung auf einem Karren mit Metallschrott, der gemächlich der nächsten Ecke entgegenfuhr. Er hielt eine schwarze Melone über das Knie gestülpt und ließ verschlissene Lederzügel über die Flanken eines Pferdes mit Senkrücken schnalzen. Giuseppe schaute zu, wie der Karren vorbeirollte. Als er um die Ecke bog, nahm er seinen Hut vom Fenstersims, hielt ihn sich vor die Brust und betrachtete sein Spiegelbild in der Glasscheibe. Sein Haar war weiß geworden, aber immer noch dicht und voll, und er strich es mit der Handfläche glatt. Dann rückte er den Knoten seiner Krawatte zurecht und zog sie gerade, damit sie sich oberhalb der Weste nicht aufbauschte. Hinter ihm, in einer halbdunklen Ecke der leeren Wohnung, versuchte Jake LaConti zu sprechen, doch Giuseppe hörte nur ein kehliges Murmeln. Als er sich umdrehte, kam Tomasino gerade ins Zimmer geschlurft, eine braune Papiertüte unter dem Arm. Wie immer war sein Haar zerzaust, obwohl Giuseppe ihm schon hundertmal gesagt hatte, er solle es kämmen, und wie immer hatte er eine Rasur dringend nötig. Alles an Tomasino wirkte ungepflegt. Giuseppe musterte ihn mit einem verächtlichen Blick, den Tomasino, wie gewöhnlich, nicht bemerkte. Seine Krawatte war locker, sein Kragen aufgeknöpft und sein zerknittertes Jackett blutbefleckt. In seinem Hemdausschnitt waren schwarze Haarbüschel zu sehen.

»Hat er was gesagt?« Tomasino zog eine Flasche Scotch aus der Papiertüte, schraubte sie auf und trank einen tiefen Schluck.
Giuseppe warf einen Blick auf seine Armbanduhr. Es war halb neun Uhr morgens. »Sieht er so aus, als könnte er etwas sagen, Tommy?« Jakes Gesicht war übel zugerichtet. Das Kinn hing ihm fast auf der Brust.
»Ich wollte ihm den Kiefer nicht brechen«, sagte Tomasino.
»Gib ihm was zu trinken«, erwiderte Giuseppe. »Vielleicht hilft das ja.«
Jake lag halb auf dem Boden, den Oberkörper gegen die Wand gelehnt, die Beine über Kreuz. Tommy hatte ihn um sechs aus seinem Hotelzimmer gezerrt, und er hatte noch immer den schwarz-weiß gestreiften Seidenpyjama an, in dem er gestern Abend zu Bett gegangen war. Allerdings fehlten jetzt die oberen beiden Knöpfe, und darunter kam die muskulöse Brust eines Mittdreißigers zum Vorschein, etwa halb so alt wie Giuseppe. Tommy kniete sich hin und hob Jakes Kopf leicht an, damit er ihm Scotch einflößen konnte. Giuseppe schaute aufmerksam zu, weil er wissen wollte, ob der Schnaps Wirkung zeigen würde. Er hatte Tommy runter zum Wagen geschickt, um den Scotch zu holen, nachdem Jake ohnmächtig geworden war. Der Junge hustete, und Blut spritzte ihm über die Brust. Seine Augen waren zugeschwollen, und er sagte etwas, das unverständlich gewesen wäre, hätte er nicht immer und immer wieder dieselben Worte wiederholt, während Tommy ihn verprügelte. »Er ist mein Vater.« Es klang wie Er’s mah Vad’.
»Klar, wissen wir.« Tomasino sah zu Giuseppe hoch. »Loyal ist er ja. Das muss man ihm lassen.«
Giuseppe ging neben Tomasino in die Hocke. »Jake. Giacomo. Ich finde ihn so oder so.« Er zog ein Taschentuch hervor, um kein Blut an die Hände zu bekommen, als er das Gesicht des Jungen anhob, damit der ihn ansah. »Deinen alten Herrn. Rosarios Zeit ist gekommen, das ist alles. Dagegen kannst du nichts tun. Rosarios Zeit ist um. Verstehst du mich, Jake?«
»Sì«, sagte Giacomo, die einzige Silbe, die er deutlich aussprechen konnte.
»Gut«, erwiderte Giuseppe. »Wo ist er? Wo zum Teufel versteckt sich der Hurensohn?«
Giacomo versuchte seinen gebrochenen rechten Arm zu bewegen und stöhnte vor Schmerzen.
»Jetzt verrat uns schon, wo er ist, Jake!«, brüllte Tomasino. »Verdammte Scheiße, was ist nur los mit dir?«
Giacomo versuchte die Augen zu öffnen, als wollte er unbedingt sehen, wer ihn da anschrie. »Er’s mah Vad’.«
»Che cazzo!« Giuseppe warf die Hände in die Höhe. Er musterte Jake, lauschte auf seinen pfeifenden Atem. Von der Straße hallten die Rufe der Kinder herauf, die dort Fangen spielten, und wurden dann wieder leiser. Bevor Giuseppe die Wohnung verließ, warf er Tommy einen vielsagenden Blick zu. Vor der Tür wartete er, bis er den dumpfen Knall eines Schalldämpfers hörte, ein Geräusch wie ein Hammerschlag auf Holz. Kurz darauf, als Tommy zu ihm in den Flur hinauskam, fragte er: »Bist du sicher, dass du ihn erledigt hast?« Er setzte den Hut auf und schob ihn sich in die Stirn.
»Was denkst du denn, Joe?«, entgegnete Tomasino. »Weiß ich etwa nicht, was ich tu?« Als Giuseppe nicht antwortete, verdrehte er die Augen. »Seine Schädeldecke ist weg. Sein Gehirn ist über den ganzen Boden verteilt.«
Am oberen Absatz der Treppe, die zur Straße hinunterführte, blieb Giuseppe stehen. »Er wollte seinen Vater nicht verraten. Dafür hat er Respekt verdient.«
»Er hat was weggesteckt«, stimmte Tomasino ihm zu. »Trotzdem, du hättest mich an seine Zähne ranlassen sollen. Glaub mir, da redet jeder.«
Giuseppe zuckte mit den Achseln – wahrscheinlich hatte Tommy recht. »Er hat ja noch einen anderen Sohn. Machen wir da irgendwelche Fortschritte?«
»Bisher nicht. Kann sein, dass er sich zusammen mit Rosario versteckt hält.«
Giuseppe ließ sich das noch einen Moment durch den Kopf gehen, bevor sich seine Gedanken wieder Jake LaConti zuwandten. Es war unmöglich gewesen, aus dem Jungen rauszubekommen, wo sein Vater war. »Weißt du was, Tommy? Ruf die Mutter an und erklär ihr, wo sie ihn finden kann.« Er hielt inne, dachte nach und setzte hinzu: »Wir besorgen ihr einen guten Leichenbestatter, der ihn wieder präsentabel macht, dann können sie ihn ordentlich beerdigen.«
»Ich bezweifle ja, dass jemand den wieder hinkriegt, Joe.«
»Wie heißt noch mal der Leichenbestatter, der bei O’Banion so gute Arbeit geleistet hat?«
»Ja, ich weiß, wen du meinst.«
»Hol den!« Giuseppe tippte Tomasino mit dem Zeigefinger auf die Brust. »Ich bezahle alles. Die Familie muss davon nichts wissen. Sag ihm, er soll seine Dienste kostenlos anbieten, weil er ein Freund von Jake war, irgendwas in der Art. Das können wir doch tun, oder?«
»Klar. Das ist nobel von dir, Joe.« Tomasino tätschelte Giuseppe den Arm.
»Also gut«, sagte Giuseppe. »So viel dazu.« Und er lief die Treppe hinunter, wobei er, wie ein kleiner Junge, immer zwei Stufen auf einmal nahm.

2.
Sonny ließ sich auf den Vordersitz des Lastwagens fallen und zog sich die Krempe seines Fedora in die Stirn. Der Laster gehörte nicht ihm, aber es gab niemanden, der irgendwelche Fragen gestellt hätte. Um zwei Uhr morgens war auf diesem Abschnitt der Eleventh Avenue, bis auf den einen oder anderen Betrunkenen, der den breiten Gehsteig entlangstolperte, nichts los. Irgendwann würde bestimmt ein Streifenpolizist vorbeischlendern, aber dann würde Sonny sich auf den Sitz legen, und selbst wenn der Bulle ihn bemerkte, was eher unwahrscheinlich war, würde er ihn für einen Penner halten, der am Sonntagmorgen seinen Rausch ausschlief. Was von der Wahrheit gar nicht so weit entfernt war, denn er hatte ordentlich gebechert. Aber betrunken war er nicht. Mit seinen Einsachtzig war er, obwohl erst siebzehn, ziemlich groß, und er hatte Muskeln und breite Schultern – so schnell spürte er den Alkohol nicht. Er kurbelte die Scheibe herunter, damit die frische Herbstbrise, die vom Hudson herüberwehte, ihn wachhielt. Er war müde, und sobald er sich hinter dem riesigen Lenkrad des Lastwagens entspannte, drohte der Schlaf ihn zu überwältigen.

Vor einer Stunde war er zusammen mit Cork und Nico im Juke’s Joint in Harlem gewesen und eine Stunde davor in einem Speakeasy irgendwo in Midtown. Cork hatte ihn dorthin geschleppt, nachdem sie beim Poker mit ein paar Polen in Green Point zusammen fast hundert Mäuse verloren hatten. Sie hatten alle gelacht, als Cork gesagt hatte, dass er und Sonny jetzt besser gehen sollten, solange sie noch ihre Hemden anhatten. Auch Sonny hatte gelacht, obwohl er den größten Polacken am Tisch davor fast einen verdammten Betrüger geschimpft hätte. Irgendwie wusste Cork meistens, wie Sonny drauf war, und er hatte ihn da rausgezerrt, bevor er eine Dummheit begangen hatte. Bis sie im Juke’s gelandet waren, war er schon ziemlich blau gewesen. Sie hatten etwas getanzt und noch mehr getrunken, dann hatte er beschlossen, nach Hause zu gehen, als ihn ein Freund von Cork an der Tür angesprochen und ihm erzählt hatte, wo Tom sich herumtrieb. Fast hätte er dem Typen eine geknallt, bevor er sich wieder unter Kontrolle hatte und ihm stattdessen einen Fünfer zusteckte. Dafür hatte er eine Adresse bekommen, und jetzt hockte er in einem verbeulten Laster, der so aussah, als stammte er von vor dem Krieg, und beobachtete die Schatten, die über Kelly O’Rourkes Vorhänge spielten.

In dem Apartment zog Tom sich gerade an, während Kelly im Zimmer auf und ab ging, ein Betttuch um sich gehüllt. Das Laken entblößte eine ihrer Brüste und schleifte über den Boden. Sie war ein schamloses Mädchen mit einem aufsehenerregend schönen Gesicht – makellose weiße Haut, rote Lippen und blaugrüne Augen, die von hellroten Locken eingerahmt wurden –, und die Art und Weise, wie sie sich bewegte, hatte etwas Theatralisches, als spielte sie in einem Film mit und stellte sich vor, Tom sei Cary Grant oder Randolph Scott.

»Aber warum musst du denn gehen?«, fragte sie noch einmal. Mit der freien Hand hielt sie sich die Stirn, als hätte sie Fieber. »Es ist mitten in der Nacht, Tom. Warum willst du da ein Mädchen alleine lassen?«

Tom schlüpfte in sein Unterhemd. Das Bett, in dem er gerade noch gelegen hatte, war eher eine Liege denn ein Bett, und darum herum waren auf dem Boden überall Zeitschriften verstreut, hauptsächlich die Saturday Evening Post, Grand Magazine und American Girl. Zu seinen Füßen blickte Gloria Swanson verführerisch vom Titelbild einer alten Ausgabe von The New Movie zu ihm hoch. »Puppe«, sagte er.

»Hör auf, mich ›Puppe‹ zu nennen«, fauchte sie. »Alle nennen mich ›Puppe‹.« Sie lehnte sich neben dem Fenster an die Wand, ließ das Laken fallen und warf sich für ihn in Pose, wobei sie einen Arm in die Hüfte stemmte. »Warum willst du nicht bei mir bleiben, Tom? Du bist doch ein Mann, oder?«

Tom zog sein Hemd an, und während er es zuknöpfte, hielt er den Blick auf Kelly gerichtet. Ihre Augen waren sorgenvoll geweitet, als rechnete sie jeden Moment damit, dass etwas Überraschendes geschehen würde. »Gut möglich, dass du das schönste Mädchen bist, das ich kenne.«

»Du warst noch nie mit jemand zusammen, der hübscher war als ich?«
»Nein«, sagte Tom. »Bestimmt nicht.«
Die Bangigkeit wich aus ihrem Blick. »Bleib die Nacht über bei mir, Tom. Bitte geh nicht.«
Tom setzte sich auf die Bettkante, dachte kurz darüber nach und zog dann die Schuhe an.
Draußen beobachtete Sonny, wie sich das Licht von einem schmiedeeisernen Laternenpfahl in den parallelen Linien der Schienen spiegelte, die in der Mitte der Straße verliefen. Seine Hand ruhte auf der schwarzen Billardkugel, die auf den Schaltknüppel des Lastwagens geschraubt war, und er erinnerte sich daran, wie er als Kind auf dem Bordstein saß und den Güterzügen zuschaute, die die Eleventh Avenue entlangrumpelten. Ihnen war stets ein Polizist vorausgeritten, damit keine Betrunkenen und keine kleinen Kinder unter die Räder gerieten. Einmal hatte er einen Mann in einem schicken Anzug auf einem der Güterwaggons stehen sehen. Er hatte ihm gewinkt, und der Mann hatte ein böses Gesicht gemacht und ausgespuckt. Als er seine Mutter gefragt hatte, warum der Mann so böse gewesen war, hatte sie die Hand gehoben und gesagt: »Sta’zitt’! Irgendein cafon’ spuckt auf die Straße, und du fragst mich? Madon’!« Sie hatte ihn verärgert stehen lassen, was ihre typische Reaktion auf seine kindlichen Fragen gewesen war. In der Wohnung war er ein Störenfried, eine Nervensäge oder ein scucc’, also verbrachte er die meiste Zeit draußen und trieb sich mit den Nachbarskindern herum.
Hier in Hell’s Kitchen zu sein, über die Straße zu den Ladenzeilen mit den zwei oder drei Stockwerken mit Wohnungen darüber zu blicken, weckte Erinnerungen an seine Kindheit, an all die Jahre, in denen sein Vater jeden Morgen aufgestanden und runter in die Hester Street gefahren war, wo sich in einem Lagerhaus sein Büro befand, in dem er auch heute noch arbeitete. Allerdings hatte sich inzwischen, seit Sonny erwachsen war, vieles verändert – er dachte anders über seinen Vater und über das, womit dieser seinen Lebensunterhalt verdiente. Damals war sein Vater ein ehrbarer Geschäftsmann gewesen, dem zusammen mit Genco Abbandando die Firma Genco Pura Olive Oil gehörte. Wenn Sonny seinem Vater in jener Zeit auf der Straße begegnete, rannte er zu ihm hinüber, nahm seine Hand und quasselte über alles, was einem Kind eben so durch den Kopf ging. Sonny bemerkte, wie sich die anderen Männer seinem Vater gegenüber verhielten, und er war stolz, denn sein Vater war ein hohes Tier mit eigenem Geschäft, und alle, wirklich alle, behandelten ihn mit Respekt, so dass sich Sonny, als er noch ein kleiner Junge war, fast wie ein Prinz vorkam. Der Sohn einer einflussreichen Persönlichkeit. Er war elf Jahre alt, als alles anders wurde – vielleicht nicht völlig anders, denn er hielt sich noch immer für einen Prinzen, wenn auch ganz anderer Art.
Auf der gegenüberliegenden Straßenseite, in Kelly O’Rourkes Apartment über dem Friseurladen, hinter dem vertrauten schwarzen Gitterwerk der Feuertreppen, streifte eine schemenhafte Gestalt den Vorhang und schob ihn ein kleines Stück auf, so dass Sonny einen hellen Lichtstreif sehen konnte und dann rosafarbene Haut und rote Haare. Plötzlich hatte er das Gefühl, an zwei Orten gleichzeitig zu sein: der siebzehnjährige Sonny, der zum Fenster von Kelly O’Rourkes Wohnung im ersten Stock hinaufblickte, und der elfjährige Sonny, der auf der Feuerleiter oberhalb eines Fensters mit zugezogenem Vorhang kauerte und in das Hinterzimmer von Murphy’s Bar hineinschaute. An jenen Abend konnte er sich nur allzu gut erinnern. Es war spät gewesen, vielleicht halb zehn oder sogar zehn Uhr. Er war gerade erst ins Bett gegangen, als sein Vater und seine Mutter eine Auseinandersetzung hatten. Nicht laut, Mama erhob in Papas Gegenwart nie die Stimme, und Sonny konnte auch nicht verstehen, was sie sagten – aber der Tonfall war unmissverständlich. Seine Mutter war aufgebracht und machte sich Sorgen, dann wurde die Tür geöffnet, fiel ins Schloss, und die Schritte seines Vaters waren auf der Treppe zu hören. Damals hielt noch niemand am Hauseingang Wache, niemand wartete in dem großen Packard oder dem schwarzen Achtzylinder-Essex, um seinen Vater zu fahren. An jenem Abend beobachtete Sonny durch sein Fenster, wie Vito Corleone aus dem Haus trat, den Treppenaufgang hinunterstieg und Richtung Eleventh Avenue davonging. Bis sein Vater um die nächste Ecke bog, war Sonny angezogen und hastete die Feuertreppe hinunter.
Er hatte bereits mehrere Straßenblocks hinter sich gelassen, bevor er sich auch nur fragte, was er überhaupt vorhatte. Wenn sein Vater ihn erwischte, würde es ordentlich Prügel setzen, und warum auch nicht? Er befand sich draußen auf der Straße, obwohl er eigentlich im Bett sein müsste. Er runzelte die Stirn und ging etwas langsamer, und fast wäre er umgekehrt. Doch dann gewann seine Neugier die Oberhand, und er zog sich seine Wollmütze fast bis zur Nase hinunter und folgte seinem Vater. Er huschte von Schatten zu Schatten, stets darum bemüht, ausreichend Abstand zu halten. Als sie in das Viertel überwechselten, wo die irischen Kinder wohnten, nahm seine Besorgnis spürbar zu. In dieser Gegend durfte er nicht spielen, und selbst wenn, hätte er es sich nicht getraut, denn hier wurden italienische Kinder verprügelt, und er hatte Geschichten von Kindern gehört, die sich hierher verirrt hatten und verschwunden waren, um erst Wochen später als Wasserleichen im Hudson wieder aufzutauchen. Einen Straßenzug vor ihm beschleunigte sein Vater seine Schritte, die Hände in den Hosentaschen und den Kragen seines Jacketts gegen den kalten Wind hochgestellt, der vom Fluss herüberwehte. Sonny folgte ihm, bis sie fast an den Piers waren, dann sah er, wie sein Vater unter einem gestreiften Vordach stehen blieb, direkt vor einem Aufsteller, auf dem der Schriftzug Murphy’s Bar and Grill prangte. Sonny schlüpfte in einen Ladeneingang, und als sein Vater in die Bar hineinging, hallten Gelächter und singende Männerstimmen zu ihm heraus und wurden sofort wieder leiser, wenngleich sie nicht ganz verstummten. Er überquerte die Straße, wobei er sich möglichst zwischen den Laternen hielt, und eilte von Ladenlokal zu Ladenlokal, bis er sich direkt gegenüber vom Murphy’s befand. Von dort aus konnte er durch ein schmales Fenster die dunklen Umrisse von Männern sehen, die sich über eine Theke beugten.
Nachdem sein Vater verschwunden war, duckte sich Sonny an eine dunkle Häuserwand und wartete, doch kurz darauf eilte er auch schon weiter, spurtete über das Kopfsteinpflaster zur anderen Straßenseite hinüber und in eine von Abfällen übersäte Gasse hinein. Er hätte nicht genau sagen können, was er sich dabei dachte, nur dass es da vielleicht einen Hintereingang gab und er etwas sehen könnte – und tatsächlich, als er die Rückseite vom Murphy’s erreichte, entdeckte er eine geschlossene Tür mit einem Fenster daneben. Durch den Vorhang fiel gelbliches Licht. Er kletterte auf einen großen Mülleimer, der auf der anderen Seite der Gasse stand, und sprang zur untersten Sprosse einer Feuerleiter hinüber. Einen Augenblick später lag er auf dem Bauch und spähte durch den Spalt zwischen dem Fenstersturz und dem Vorhang in das Hinterzimmer von Murphy’s Bar. Der Raum war voller Holzkisten und Kartons, und sein Vater stand mit den Händen in den Taschen da und redete in aller Ruhe mit einem Mann, der offenbar an einen Stuhl gefesselt war. Sonny kannte den Mann auf dem Stuhl. Er war ihm schon begegnet, wie er in ihrem Viertel mit Frau und Kindern spazieren gegangen war. Die Hände des Mannes befanden sich hinter dem Stuhl, wo Sonny sie nicht sehen konnte. Um Brust und Taille grub sich eine Wäscheleine in seine zerknitterte gelbe Jacke. Seine Lippen bluteten, und sein Kopf hing herab, als wäre er betrunken oder müde. Sonnys Onkel Peter saß ihm direkt gegenüber auf einer Holzkiste und blickte mürrisch drein, während sein Onkel Sally mit verschränkten Armen und ernster Miene danebenstand. Bei Onkel Sally war das nichts Besonderes, aber Onkel Peter kannte er so nicht. Bisher war er für Sonny immer jemand gewesen, der lächelte und lustige Geschichten erzählte. Er beobachtete die Männer von seinem Hochsitz aus, fasziniert davon, seinen Vater und seine Onkel im Hinterzimmer einer Bar zu entdecken, während ein Mann aus der Nachbarschaft an einen Stuhl gebunden war. Er hatte nicht die geringste Ahnung, was vor sich ging. Dann legte sein Vater dem Mann eine Hand aufs Knie, ging neben ihm in die Hocke, und der Mann spuckte ihm ins Gesicht.
Vito Corleone zog ein Taschentuch hervor und wischte sich das Gesicht sauber. Hinter ihm griff Peter Clemenza nach einem Brecheisen, das vor seinen Füßen lag, und sagte: »Das war’s! Der Penner ist erledigt!«
Vito hob beschwichtigend die Hand und bedeutete ihm zu warten.
Clemenzas Gesicht wurde rot. »Vito. V’fancul’! Bei diesen dickköpfigen Iren hilft alles nichts.«
Vito musterte den blutüberströmten Mann und schaute dann zum Fenster hinüber, als wüsste er, dass Sonny da draußen auf der Feuertreppe lag und ihn beobachtete – aber er wusste es nicht. Er sah das Fenster und den schäbigen Vorhang nicht einmal. Seine Gedanken waren bei dem Mann, der ihm gerade ins Gesicht gespuckt hatte, und bei Clemenza, der ihn anstarrte, und bei Tessio, der hinter Clemenza stand. Sie ließen ihn beide nicht aus den Augen. Das Zimmer wurde hell erleuchtet von einer nackten Glühbirne, deren Metallstrippe direkt über Clemenzas Kopf von der Decke herabhing. Aus der Bar jenseits der verriegelten Holztür klangen lauter Gesang und Gelächter herüber. Vito wandte sich zu dem Mann um und sagte: »Sei doch vernünftig, Henry. Ich musste Clemenza bitten, dir mir zuliebe nicht die Beine zu brechen.«
Bevor Vito fortfahren konnte, fiel Henry ihm ins Wort. »Ich schulde dir einen Scheißdreck. Ihr verdammten Makkaronis!« Obwohl er betrunken war, sprach er in dem singenden Tonfall, der für die Iren typisch ist. »Ihr könnt alle machen, dass ihr in euer scheißgeliebtes Sizilien zurückkommt, um eure scheißgeliebten Mütter zu ficken!«
Clemenza trat einen Schritt zurück. Er wirkte eher überrascht als wütend.
»Vito«, sagte Tessio, »der Hurensohn ist ein hoffnungsloser Fall.«
Clemenza griff erneut nach der Brechstange, und wieder hob Vito die Hand. Dieses Mal blickte Clemenza an die Decke und stieß auf Italienisch eine rasche Folge von Flüchen aus. Vito wartete, bis er damit fertig war, und dann wartete er noch etwas länger, bis Clemenza ihn schließlich anschaute. Er blickte Clemenza schweigend in die Augen, bevor er sich wieder zu Henry umdrehte.
Auf der Feuertreppe zog Sonny die Arme eng an die Brust und straffte sich gegen die Kälte. Der Wind war stärker geworden, und es sah nach Regen aus. Das lange, tiefe Heulen eines Schiffshorns hallte vom Fluss herüber. Sonnys Vater war ein Mann von mittelgroßer Statur, aber mit breiten Schultern und muskulösen Armen; früher hatte er Güterzüge beladen. Manchmal saß er bei Sonny auf der Bettkante und erzählte ihm Geschichten aus jener Zeit. Nur ein Verrückter würde ihm ins Gesicht spucken. Das war die einzige Erklärung, die Sonny für so etwas Unfassbares einfallen wollte: Der Mann auf dem Stuhl musste verrückt sein. Bei dem Gedanken beruhigte sich Sonny ein wenig. Für einen Augenblick hatte er Angst bekommen, weil er nicht begriff, was er da sah, doch dann ging sein Vater wieder in die Hocke, um mit dem Mann zu sprechen, und diese Haltung war ihm vertraut, sie bedeutete, dass sein Vater etwas ernst meinte, dass er Sonny etwas Wichtiges erklären wollte. Also war der Mann wirklich verrückt, und sein Vater würde ihm gut zureden, ihn zur Vernunft bringen. Ganz bestimmt würde der Mann jeden Moment nicken, und sein Vater würde ihn losbinden, und was auch immer da schiefgelaufen war, wäre aus der Welt geschafft, denn das war ganz offensichtlich der Grund, warum sie seinen Vater überhaupt gerufen hatten, um irgendetwas wieder in Ordnung zu bringen, um ein Problem zu beheben. Alle wussten, dass er das gut konnte. Jeder in der Gegend wusste, dass sein Vater aushalf, wenn es Schwierigkeiten gab. Sonny beobachtete aufmerksam, was da unter ihm ablief, und wartete darauf, dass sein Vater alles richten würde. Stattdessen begann der Mann auf dem Stuhl wie wild zu zappeln, und sein Gesicht wurde rot vor Zorn. Er sah aus wie ein Tier, das seine Fesseln zerreißen wollte, dann legte er den Kopf schräg und spuckte Sonnys Vater noch einmal an, die Spucke voller Blut, so dass es aussah, als hätte er Vito Corleone verletzt, dabei war es sein eigenes Blut. Sonny hatte gesehen, wie dem Mann das Blut aus dem Mund geschossen war. Er hatte gesehen, wie es seinem Vater ins Gesicht klatschte.
»Und oh  ja, man ist mitten drin im Manhattan der dreißiger, die Szenen sind von filmischer Eindringlichkeit.«
Anne Haeming, Spiegel Online, 29.05.2012

»Der US-Autor Ed Falco hat eine schlüssige und süffige Vorgeschichte zu "Der Pate" geschrieben.«
Daniel Arnet, Sonntagszeitung, 27.05.2012

»Ein echt kraftvolles Buch.«
Klaus Mergel, Playboy, Juni 2012

»Für alle Fans von spannend und realistisch geschriebenen Mafiaromanen ist das Buch "Die Corleones" ein Muss.«
Michael Schorn, Hessische/Niedersächsische Allgemeine, 11.06.2012

»Dramatik und stilsichere Machart garantieren ein Leseerlebnis, nicht nur für "Paten"-Fans.«
Stefan Sprang, Die Märkische, 10.06.2012

»Denn dieser Mafia-Thriller ist einfach grandios ... Wenn ihnen jemand ein Angebot macht, diesen Thriller zu lesen: Lehnen sie es nicht ab.«
Stefan Sprang, Hessischer Rundfunk, 30.05.2012
Klett-Cotta Roman, aus dem Englischen von Hannes Riffel
E-Book basiert auf der 1. Aufl. 2012 der Print-Ausgabe, 477 Seiten in der Print-Ausgabe,
ISBN-epub: 978-3-608-10290-1

Mario Puzo

Mario Puzo (1920-1999), gelang mit seinem Mafia-Epos »Der Pate« 1969 zu Weltruhm und hat die Figur des Don Vito Corleone und dessen Familie berühmt ...

autor_portrait
Jim Stroup

Edward Falco

Edward Falco, geboren 1948 in Brooklyn, hat vier Romane und mehrere Kurzgeschichtensammlungen veröffentlicht, für die er zahlreiche Preise erhielt. ...

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