Die dunklen Schatten unserer Vergangenheit

Hilfen für Kriegskinder im Alter

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Hilfen für Kriegskinder im Alter - Erweiterte Neuausgabe

Fast ein Viertel der deutschen Gesamtbevölkerung und ein Drittel aller Erwachsenen sind heute über 65 Jahre alt. Alle diese Menschen sind vom Zweiten Weltkrieg und seinen unmittelbaren Nachwirkungen geprägt. Bisher wurden die psychosozialen Folgen der Kriegserfahrungen von Therapeuten, Sozialarbeitern, Pflegern und Seelsorgern zu wenig wahrgenommen. Die Neuauflage enthält ein zusätzliches Kapitel über Selbsthilfe für Betroffene.

Wir wissen heute, dass die älteren Jahrgänge als Kriegskinder oder -teilnehmer durch den Zweiten Weltkrieg geprägt wurden und dass diese Erfahrungen gerade im Alter wieder hochkommen.

Unbestreitbar ist, dass diese Generation typische Verhaltensweisen entwickelt hat, die zwar in der Kriegs- und Nachkriegszeit vorteilhaft waren (»Was uns nicht umbringt, macht uns stärker«, »Hart wie Krupp-Stahl«). Im Alter erweisen sie sich jedoch als problematisch, etwa dann, wenn die Älteren ihre eigene Fürsorge vernachlässigen, körperliche Belastungen ignorieren und Krankheiten nicht auskurieren. Dadurch, dass vergangene Erfahrungen in beratenden und therapeutischen Gesprächen berücksichtigt werden, kann Hilfe geleistet, Entlastung gegeben und Stabilität bewirkt werden. Der Psychoanalytiker und Alternsforscher Radebold zeigt aber auch, was die Betroffenen selbst dazu beitragen können.

Inhaltsverzeichnis
Anstelle eines Vorworts - Ein Briefwechsel
1. Müssen wir zeitgeschichtlich denken, wenn wir Älteren professionell begegnen?
2. Was geschah damals noch? Verluste, Gewalterfahrungen, Flucht und Vertreibung
Zwischenfrage I: Dürfen wir uns als Deutsche mit diesem Teil unserer Geschichte befassen?
3. Altersjahrgänge der Betroffenen und ihr Erfahrungshorizont
Zwischenfrage II: Waren alle betroffen und alle traumatisiert?
4. Wie reagierten die Betroffenen, ihre Familien und die Gesellschaft damals - aktuell und langfristig?
5. Spätfolgen bei über 60-Jährigen und Älteren?
Symptomorientierung bei vernachlässigter Ätiologie
Zeitgeschichtliche Perspektive: Fehlanzeige
Woher stammen unsere Kenntnisse?
Folgen: Ich-syntone Verhaltensweisen
Folgen: Psychische Störungen
Folgen: Persönlichkeitsveränderungen
Folgen: Bindungs- und Beziehungsstörungen
Folgen: Veränderungen der Identität
Folgen: Funktionelle Störungen und körperliche Erkrankungen
Folgen: Erscheinungsformen im Zeitablauf
Folgen: Trauma-Reaktivierungen und Re-Traumatisierungen
Folgen: Nationalsozialistische Erziehung, Traumatisierung und/oder neurotischer Konflikt
Notwendige Differenzierung: nach Jahrgangsgruppen und Geschlecht
Notwendige Differenzierung: nach Entwicklungsphasen
Notwendige Differenzierung: nach Subgruppen
Zwischenfrage III: Muss man die alten Geschichten
wieder aufwühlen?
6. Welche Erfahrungen wurden an wen weitergegeben?
7. Lebenslang psychisch stabil?
Erreichte vorläufige psychische Stabilität
Vulnerabilität und Resilienz
Psychisch stabil = psychisch gesund?
Abnehmende psychische Stabilität im mittleren Erwachsenenalter
Lebenslang psychisch stabil?
8. Älterwerden: Entlastung oder Verschlimmerung?
Der eigene Körper als letzterVerbündeter
Fehlende Kindheit oder Pubertät
Fortschreitende Einschränkung der Identität?
Lebenslang und für das Altern benachteiligt?
Vorhandene und dazu noch brauchbare Modelle für das eigene Altern?
Abgewehrte Trauer
Gefürchtete erneute Abhängigkeit
Prognose
Zwischenfrage IV: Müssen wir uns jetzt erneut die Geschichten von »damals« anhören?
9. Zeitgeschichtlich denken und einfühlen
9.1 Zur Psychotherapie über 60-Jähriger - Kenntnis- und Erfahrungsstand
9.2 Spezifische Beziehungskonstellationen
9.3 Aufgabenstellung
9.4 Zugang, Abklärung und Arbeitsauftrag
Hinweise und Chiffren
Die Frage nach Alter oder Jahrgang
Behutsame Neugier
Mögliche Schwierigkeiten
Akzeptierendes Einfühlen
Zwischenschritt: Zeit lassen
Zwischenschritt: reflektierend innehalten
Zur Diagnose: Systematische Erfassung
Zur Diagnose: Differenzialdiagnose funktioneller und psychischer Symptomatik
Zur Diagnose: Depression oder Trauer
Zur Diagnose: Depression oder Demenz
Zur Diagnose: Trauma oder neurotische Störung Arbeitsauftrag
9.5 Begleitende differenzierte Hilfestellung
9.6 ... in der Psychotherapie
9.7 ... in der Beratung
9.8 ... in der allgemeinen ärztlichen Versorgung
Hausarzttätigkeit
Krankenhaustätigkeit
In der Rehabilitation
9.9 ... in der gerontopsychiatrischen Versorgung
9.10 ... in der Pflege.
Häusliche Pflege
Institutionelle Pflege
9.11 ... in der Seelsorge
9.12 Supervision
10. Warum wissen wir so wenig darüber?
Die Frage an die Psychoanalyse
Die Frage an die zeitgeschichtliche Forschung
»Kriegskinder« = Alterskohorten mit fehlendem Gruppenbewusstsein?
11. Selbsthilfe für Betroffene
12. Holt uns unsere eigene Geschichte wieder ein?
13. Zeitgeschichtlich denken - Aufgabe nur bei Älteren?
14. Nachwort
Dank
Literatur
Anmerkungen
***

Leseprobe
Anstelle eines Vorworts - Ein Briefwechsel

Am 2. Juli 2004 erschien im Deutschen Ärzteblatt mein Artikel »"Kriegskinder" im Alter. Bei Diagnose historisch denken«. Darauf erreichten mich etwa 50 Zuschriften, darunter die folgende:
7. 7. 2004 »Als ich vergangenen Samstag mit wachsender Beklemmung und Ergriffenheit Ihren Artikel gelesen habe, da hat das einen regelrechten Dammbruch bei mir ausgelöst: Ein Weinkrampf mit furchtbarem Schmerz, Hilflosigkeit und Ratlosigkeit (›Warum ?‹ ), kurz, schrecklich! Gottseidank habe ich eine verständige Frau (Ärztin, deswegen das ›Ärzteblatt‹), die mich zu trösten versuchte. Da sitzt also nun ein 63-jähriger (geboren kurz vor dem Untergang der ›Bismarck‹ 1941), sonst gesunder, berufstätiger Mann in leitender Funktion im Sessel und heult, nach Luft ringend, Rotz und Wasser, und das Schlimmste ist: er weiß nicht, warum. Es gibt da nämlich kein singuläres Datum des Schreckens, nein, aber dennoch kommt da unglaublich soviel Schmerz plötzlich an die Oberfläche, drängt mit Macht heraus. Schon seit einigen Monaten habe ich festgestellt, dass mir bei einer auch nur beiläufigen Erwähnung irgendeiner Jahreszahl, die in meine Kindheit fällt, unweigerlich die Tränen kommen (vielleicht auch, weil sie jetzt - nach dem Tode meiner 90-jährigen Mutter letzten Oktober - ungestraft kommen dürfen? Wer weiß? Weinen war mir nämlich von früh an verboten, war weichlich und unmännlich, und welcher Junge will schon unmännlich sein.)
Es war mir, als hätte sich ein See an Tränen aufgestaut, seit Jahrzehnten, von dem ich nichts geahnt habe und der sich jetzt einfach, beim Lesen Ihrer Zeilen, Bahn gebrochen hat. Ich war auch so erstaunt, dass ich nicht ein allmählich senil und sentimental werdender Einzelner bin, sondern dass es offensichtlich auch noch vielen Anderen meines Alters so gehen muss, sonst hätte der Herausgeber dieses Thema ja nicht auf die Titelseite genommen. Und ferner war ich erstaunt, als ich die Passage ›Vernachlässigung der Fürsorge für den eigenen Körper: Vorsorgeuntersuchungen werden nicht konsequent wahrgenommen‹ gelesen habe: Ich war noch nie im Leben bei einer Vorsorgeuntersuchung! Passt genau ins Bild, nicht wahr?
Nun, nach 5 Tagen, geht es mir wieder besser; ich war danach zunächst sehr erschöpft und komme mir vor, wie sich wohl ein Rekonvaleszent in Bad Wörishofen fühlen mag, der langsam über die Kieswege geht, noch etwas unsicher, aber die Heilung zu spüren vermeint.
Wie es weiter gehen soll, weiß ich nicht. Vielleicht war der Weinkrampf erst der Anfang, noch traue ich mich nicht recht wieder ran. Aber es ist sicher noch lange nicht alles ›raus‹.
Ich wäre Ihnen sehr verbunden für einen kleinen Hinweis, ob und wie ich diese eigenartige unsichtbare Last vor meinem Tode noch vermindern oder gar loswerden kann ...« [...]
11. Kapitel Selbsthilfe für Betroffene
Wie kann ich mit meiner Vergangenheit als »Kriegskind« zurechtkommen? Wie kann ich mir selbst helfen?
Seit dieses Buch erschienen ist, werden mir solche Fragen von Betroffenen immer wieder gestellt, in vielen Briefen wie auch auf Vorträgen zum Thema; sie werden ständig an Fachleute herangetragen. Wenn man mir diese Fragen stellt, erinnere ich mich nur zu gut an meine eigenen mühevollen, schmerzlichen und mich lange Zeit bedrückenden Bemühungen, Zugang zu meiner eigenen Geschichte als »Kriegskind« zu finden 1, 2 . Die damalige Lebenssituation betroffener Kinder und Jugendlicher war von einer spezifischen Botschaft und spezifischen Erfahrungen geprägt. Die Botschaft lautete: Komme allein mit deinen schrecklichen Erinnerungen, deinem Kummer, deiner Angst zurecht und funktioniere. Die spezifischen Erfahrungen umfassen: Man kann scheinbar wirklich allein mit allem fertig werden; Reden über Gefühle bringt nichts - besser schweigt man; schließlich ist man stolz, allein zurechtgekommen zu sein . Außerdem weiß man als Angehöriger der betroffenen Jahrgänge bis heute eher selten über die Möglichkeiten einer professionellen psychischen Hilfestellung Bescheid. Ihre mögliche Inanspruchnahme passt auch nicht zum Selbstbild der meisten Männer.
Um zu begreifen, warum es einem während des Alterns jetzt seelisch schlechter oder sogar deutlich schlecht geht, bedarf es einer biografischen Reise (s. auch S. 135-139).
• Diese zunächst innere Reise führt zurück zu den beängstigenden, beunruhigenden, kummervollen, bedrückenden, aber auch zu den sehnsüchtigen, fröhlichen und friedvollen Kindheitserinnerungen;
• auf dieser inneren Reise begegnet man zwangsläufig seinen damit verbundenen, lange Zeit abgewehrten bzw. abgespaltenen Gefühlen, die sich möglicherweise schon früher bemerkbar machten, jetzt aber immer stärker bis in die Träume hinein andrängen;
• die innere Reise kann dann auch zu einer (erstmaligen?) realen Reise zu den verloren gegangenen oder verlassenen Orten der Kindheit und Jugendzeit führen, an denen man aufwuchs, Schreckliches und möglicherweise auch Schönes erlebte;
• schließlich kann diese reale Reise auch zu den in der Ferne liegenden Orten führen, wo die gefallenen Väter begraben sind oder wo ihre Gräber vermutet werden.
Erinnern wir uns jetzt bewusst, gezielt und systematischer, so werden unsere oft nur bruchstückhaft vorhandenen Erinnerungen umfassender und sie verknüpfen sich stärker miteinander; die zusätzlichen familiären Berichte verdeutlichen wichtige Zusammenhänge und neue Sichtweisen. Genauere Datierungen und örtliche Zuordnungen (manchmal braucht man eine Landkarte) werden möglich. Allmählich kann man auch die dazugehörigen Gefühle besser zulassen. Schritt für Schritt lässt sich das Erlebte mit Worten beschreiben und zu einem zusammenhängenden Bericht verdichten. Dieser (vorläufig nur innerlich vorhandene) Bericht verdeutlicht auch Lücken, (noch) fehlende Kenntnisse oder auch Widersprüche. Manchmal lassen sich diese durch weiteres Nachforschen, mit Hilfe von Nachfragen in der Familie und/oder der Verwandtschaft wie auch mit Hilfe von Dokumenten, Briefen oder Büchern füllen.
Je vollständiger ein solcher Bericht erscheint, desto unweigerlicher stellen sich weitere Fragen: Stimmen meine Erinnerungen überhaupt? Kann es sich wirklich so abgespielt haben, wo doch die Familienaufzeichnungen und die Erinnerungen meiner Geschwister anders lauten? Stimmen die Zeiträume oder war es damals in Wirklichkeit länger oder kürzer? Handelt es sich wirklich um eigene Erinnerungen oder »erinnere« ich mich aufgrund familiärer Erzählungen ? 3 Bei unseren Bemühungen dürfen wir uns aber nicht in die Falle versuchter »objektiver Geschichtsschreibung« begeben. Unser innerer Bericht verdeutlicht eine individuelle, subjektive Erinnerungs- und Erfahrungsgeschichte. Er wurde durch familiäre Erzählungen ergänzt, erweitert und beeinflusst. Dazu unterliegen unsere damaligen Erfahrungen einer ständigen und lebenslangen Bearbeitung 4 , d. h. bestimmte Anteile wurden in vielfältiger Weise (durch Verleugnung, Bagatellisierung, Verkehrung ins Gegenteil) so verändert, dass sie für uns insgesamt erträglicher wurden, insbesondere im Falle für uns peinlicher, beschämender oder konfliktträchtiger Situationen. Wir können uns aber darauf verlassen, dass die erlebten Fakten 5 zutreffen, beispielsweise die Erinnerungen an Bombenangriffe, Flucht, Vertreibung, Evakuierung, Kinderlandverschickung, Verluste von Personen, Hunger, Unterernährung, katastrophale Lebensverhältnisse und Gewalterfahrungen. Eher besteht die Gefahr, dass wir schreckliche Erfahrungen so vollständig verdrängt haben, dass sie aus unserem Gedächtnis nicht mehr bewusst abrufbar sind.
Zu den wieder belebten, oft auch zum ersten Mal zugelassenen Gefühlen gehören häufig zunächst solche von Trauer und Sehnsucht. Sie weisen auf einen spätestens jetzt notwendig werdenden - möglicherweise auch schon vorher begonnenen - Trauerprozess hin. Es ist Trauer über das, was man verloren hat (Menschen, Lebensumstände); es sind Sehnsüchte nach Schutz, Sicherheit, Geborgenheit, nach Verwöhnung wie auch nach einer scheinbar sorglosen Kindheit oder nach einer bergenden Heimat. Vielen Menschen fällt es dabei besonders schwer zu akzeptieren, dass zu einem Trauerprozess auch Vorwürfe, Wut und Zorn gehören. Vorwürfe zunächst an das Schicksal, aber in Wirklichkeit an die Adresse derjenigen, die einen nicht (mehr) beschützen, unterstützen oder verwöhnen konnten. Wut und Zorn auf diejenigen, die Schuld daran tragen, dass die eigene Kindheit und Jugendzeit so verlief und häufig weitgehend fehlte. Bewusst Abschied nehmen kann man aber nur, wenn man weiß, was man verloren hat, und darüber trauern konnte. Ein derartiger Trauerprozess dauert Monate; er trägt entscheidend dazu bei, die eigene Geschichte zu vervollständigen und sich allmählich stabiler und wohler zu fühlen.
Die große Anzahl Betroffener verdeutlicht, dass es nicht das »Kriegskind« gegeben hat, und somit gibt es auch nicht die typische »Kriegskindheits-Geschichte«! In Konsequenz heißt das: Alle zeitgeschichtlichen Erfahrungen sind höchst individuell. Jeweils individuell muss die persönliche Biografie erkundet werden. Notwendig wird, sich anschließend darüber auszutauschen.
Wie kann die innere Reise vonstatten gehen? In der Regel kennt man viele Bruchstücke seiner Geschichte - sei es aufgrund eigener Erinnerungen, sei es aufgrund zusätzlicher familiärer Berichte. Ergänzend wird nun ein Stück längerer Selbstbeobachtung nötig: Anlässlich welcher Situationen und Berichte, anlässlich welcher Fotos oder filmszenen reagiere ich überhaupt und in welcher - insbesondere gefühlsmäßiger - Weise? Kommt mir etwas davon bekannt vor oder will ich mich im Gegenteil in keiner Weise damit befassen? Bei welchen Erinnerungen bzw. Erzählungen reagiere ich bedrückt, verzweifelt, kummervoll oder fange an zu weinen? Gibt es Gefühle, die ich nur für mich selbst zulassen kann, oder gibt es auch Gefühle, die ich meiner Umwelt zeigen kann, verbunden mit dem Wunsch, getröstet zu werden? Im ersten Fall schämt man sich solcher Gefühle wegen oft, weil sie nicht dem eigenen Selbst- oder Idealbild (als Mann oder Frau) entsprechen. Im zweiten Fall handelt es sich häufig um Situationen, in denen wir erneut oder vielleicht auch zum ersten Mal Schutz und Trost brauchen. Welche Erinnerungen und Einfälle folgen in den nächsten Stunden und Tagen? Welche Themen und Personen tauchen in meinen nächtlichen Träumen auf, welche Erinnerungen verfolgen mich bis in sie hinein? Bezüglich welcher Erinnerungen oder Ereignisse würde ich jetzt gern von meinen (noch lebenden) Eltern, von meinen Geschwistern oder aus Büchern mehr erfahren?
Diese Reise bietet die Chance, die eigenen individuellen Erinnerungen zu vervollständigen, die damit verbundenen Gefühle besser kennen zu lernen, um sie allmählich als Teil eigener Geschichte zu akzeptieren und im günstigsten Falle zu integrieren. Diese Reisen bergen gleichzeitig auch Risiken! Daher muss man sie gut ausgestattet und in verlässlicher Begleitung beginnen. Wichtig ist zusätzlich die Gewissheit, an einen vertrauten, sicheren Ort zurückkehren zu können. Ohne diese Voraussetzung ist eine derartige Reise zu gefährdet.
Gut ausgestattet meint hier, dass man sich selbst in einer stabilen psychischen Verfassung befindet; dass man sich keinen schwierigen Veränderungen oder Verlusten gegenüber sieht und schließlich auch, dass man sich für diese innere wie auch reale Reise genügend Zeit lässt. Leider werden aber gerade ältere Menschen vor allem in Lebenskrisen, oft ausgelöst durch einschneidende Veränderungen (z. B. Ausscheiden aus dem Berufsleben), anlässlich von Verlusten (z. B. der lebenslang Halt gebenden Mütter oder auch schon des Partners oder der Partnerin) oder infolge von die bisherige Selbständigkeit bedrohenden Ereignissen (z. B. schwerwiegenden Erkrankungen, evtl. verbunden mit Behinderungen) von ihrer spezifischen Geschichte eingeholt. Wo sich die eigene Lebenssituation derart verändert, kommt es sehr darauf an, dass man für diese unverändert wichtigen oder gerade jetzt nötig werdenden (Entdeckungs-)Reisen von Anfang an professionelle Hilfe sucht oder sich zumindest einer kurzfristig zur Verfügung stehenden professionellen Hilfestellung vergewissert.
In verlässlicher Begleitung heißt, dass man sich im Bedarfsfall auf einen verständnisvollen Menschen stützen kann, der einen selbst schon lange kennt und die Fähigkeit besitzt, zuzuhören: Das heißt, wir brauchen einen Menschen, der auch bereit ist, sich schreckliche, beängstigende ebenso wie sehnsüchtige Erinnerungen und Erfahrungen anzuhören; jemanden, in dessen Gegenwart wir uns trauen, zu weinen, Ängste zu zeigen, und bei dem wir uns geborgen wie auch getröstet erleben können. Kurzum, wir brauchen einen Menschen, der sich jetzt nicht erschrocken von uns abwendet und der es ertragen kann, uns schwach, voll Kummer und trostbedürftig zu erleben.
Als geeignet für diese Aufgabe können sich der Partner oder die Partnerin, Geschwister oder andere nahe Verwandte wie auch gute gleichaltrige Freunde/Freundinnen erweisen. Ob man eine derartige reale Reise mit seinen eigenen erwachsenen Kindern unternehmen sollte, ist schwierig zu entscheiden. Einerseits möchte man ihnen die eigene, auch sie betreffende Geschichte nahe bringen und andererseits möchte man sie - unverändert selbst in der Eltern-Position - nicht mit Kummer, Schrecken und Angst belasten. So erscheint eine Reise mit Gleichaltrigen günstiger. Keinesfalls sollte man eine reale Reise zu den Orten der Kindheit oder zu Gräbern allein unternehmen, ganz besonders dann nicht, wenn es sich um die erste Reise mit dieser Zielsetzung handelt. Sich erneut völlig hilflos und ausgeliefert und zum wiederholten Male damit alleingelassen zu erleben, kann seelisch hoch gefährlich werden!
Die Möglichkeit der Rückkehr an einen vertrauten und Sicherheit gebenden Ort ist wichtig, damit es jetzt im Gegensatz zur damaligen Situation der Kindheit eine vertraute Welt der Gegenwart gibt, in der man sich wohl fühlt und die sich durch vertraute Beziehungen, eine vertraute und befriedigende Umwelt sowie geregelte Lebensbedingungen auszeichnet. Kurzum, zusätzlich ist hilfreich, wenn die heutige Lebenssituation so beschaffen ist, dass man gerne dorthin zurückkehrt.
»Das außerordentlich lebendig geschriebene Buch ... vermittelt sowohl Psychotherapeuten als auch interessierten Laien einen umfassenden Überblick über unsere heutige Kenntnis, wie es zu Traumareaktivierungen oder (z.B. durch den körperlichen Alternsprozess) zu Re-Traumatisierungen in verschiedenen ambulanten oder institutionellen Kontexten (einschließlich Pflegesituationen) kommen kann. ... Darüber hinaus gibt es noch viele weitere gute Gründe, dieses Buch, das in keiner Instituts- oder Klinikbibliothek fehlen sollte, zu lesen. Das umfangreiche Literaturverzeichnis zur Thematik ist nur eines dieser guten Gründe.«
Gereon Heuft, Psychotherapie im Alter, September 2006

»Radebold plädiert mit verhaltener Leidenschaft, die seine Erfahrung in der Psychotherapie für alte Menschen, nicht weniger aber eigene Altersweisheit widerspiegelt, für die Erforschung sowohl Gruppen als auch individualpersönlich relevanter zeitgeschichtlicher Einflüsse auf psychische Erkrankungen über 60-Jähriger ... Das in weiten Teilen wunderbar verständlich gehaltene Buch sei nicht nur als Fachlektüre für sämtliche Sozialberufe empfohlen, um mehr über Hilfestellung, Beratung, Diagnose und Therapie zu erfahren, sondern auch als Anstoß und Weg zum Erkennen und Bewältigen persönlicher und familiärer Problemzusammenhänge.«
Sigrid Lägel, NOVA, März 2006

»Seit einigen Jahren schon - und dies ist vor allem Hartmut Radebold zu verdanken - wird alten Menschen auch in der Therapie eine Chance eingeräumt. Dies ist nicht zuletzt eine Folge der bedrohlich auf den Kopf gestellten Alterspyramide ... Hartmut Radebold hat sich in seinem neuen Buch einen ganz speziellen Aspekt herausgesucht, unter dem er Psychotherapie, Pflege, Beratung und Seelsorge älterer und ganz alter Menschen sehen will: den Aspekt der Zeitgeschichte. Eine gute Kenntnis der Zeitgeschichte sei nötig, um die spezifischen Probleme und teilweise auch Traumatisierungen etwa der 1925 bis 1929 Geborenen von denen der Kriegs- oder der Nachkriegskinder unterscheiden zu können ... Das Buch ist klar geschrieben, bezieht, so weit verfügbar, andere Studien mit ein und gibt damit einen Überblick über viele Varianten von zeitbedingten Störungen.«
Eva Jaeggi, Psychologie Heute, September 2005

»Hartmut Radebold, Jahrgang 1935, ist angetreten, einen Mythos zu zerstören: die in der fachlichen wie der allgemeinen Öffentlichkeit vorherrschende Auffassung, das Erlebnisse von Kriegskindern weder akute noch langfristige Folgen hinterlassen hätten.«
Evangelische Sonntagszeitung, 24.04.2005

»...Er gilt als "Nestor der deutschsprachigen Psychotherapie für die ältere Generation" und befasste sich nicht zuletzt mit Themen, die den Erfahrungshintergrund seiner eigenen Generation betreffen.«
Psychosoziale Gesundheit

»... Radebold stellt Fragen, die sich viele Menschen fragen werden, und er führt den Leser anhand dieser Fragen durch sein Thema: Dürfen wir Deutsche uns mit diesem Teil unserer Geschichte befassen? Wer war betroffen, wer nicht? Wie reagierte die Gesellschaft nach dem Krieg? Kann es Spätfolgen bei über 60jährigen geben? Und muss man dann über die alten Geschichten sprechen?
In seinen Antworten fasst er auf gut lesbare Art die Ergebnisse älterer und neuerer wissenschaftlicher Untersuchungen zusammen, zum Beispiel zu den Langzeitfolgen, die das Erlebnis der Bombennächte oder der Vertreibung haben. ...
Nimmt Radebold in der ersten Hälfte seines Buches den Leser mit in die Welt, die die Kriegskinder erlebten, so wendet er sich in der zweiten Hälfte mehr an Menschen, die als Berater, Pfleger, Ärzte oder Psychotherapeuten mit alten Menschen zu tun haben. Hier wird das Sachbuch zu einem, allerdings allgemein verständlichen Fachbuch, von dem auch die profitieren können, von denen es handelt: die alten Menschen. ...«
DeutschlandRadio Kultur, April 2005

»Radebold legt gründlich dar, wie nicht nur die durch die Kriegsereignisse erzeugte äußere Not Spuren hinterließ, welche nun in den Altersheimkohorten nach 2000 immer unübersehbarer destabilisierend sich nach oben spülen, sondern wie nationalsozialistische Erziehungs- und Rollen-Bilder bis fast in die Gegenwart hinein ihre ungute Nachwirkung zeigen: Frauen waren zunächst für ihre eigenen Eltern eingespannt, sodann (man denkt fast an den Islam) für das Wohlergehen des eigenen Ehemannes zuständig, nach dem Gebären für die Aufzucht der Kinder, anschließend für die Betreuung der Enkelkinder. ...
Das Grauen, das als Resümee am Lebensende auftaucht als Einsicht in das, was man alles NICHT gehabt hat, ist von Ärzten und Pflegern nur schwer zu bewältigen. Das Buch versucht bei diesem Prozeß eine Hilfe zu sein für Patienten als auch für beruflich Verstrickte: indem es aufzeigt, dass nur ein klares "Beim-Namen-Nennen" babylonisch großer politischer Fehler ein durch Verstehen zustande kommendes Entlasten bewerkstelligen kann. Man hofft, dass diese Publikation in die Hände vieler Menschen gerät - und sich der dort vertretene Standpunkt erfolgreich in die öffentliche Diskussion mischen möchte...«
Dietmar Fritze

»Das vorliegende Buch wendet sich mit dieser Intention an Angehörige verschiedener Berufe im Gesundheitswesen und an Seelsorgerinnen und Seelsorger. Ich finde das Buch gelungen. ... Radebols Insistieren auf der zeitgeschichtlichen Perspektive erscheint mir nicht nur für Praktikerinnen und Praktiker im Gesundheitswesen und in der Seelsorge wichtig.«
Wolfgang Winter, Zeitschrift für Seelsorge und Beratung, September 2007

»Die Lektüre ist ein Muss für alle im Bereich der Altenarbeit Tätigen.«
Cordula Bolz, Zeitschrift für das Fürsorgewesen, 04/2010
Klett-Cotta
E-Book basiert auf der 5. Auflage 2014 der Print-Ausgabe, 278 Seiten in der Print-Ausgabe,
ISBN-epub: 978-3-608-10457-8
autor_portrait

Hartmut Radebold

Hartmut Radebold, geboren 1935, Univ. Prof. em., Dr. med., ist Psychiater und Psychoanalytiker und war Lehrstuhlinhaber für Klinische Psychologie der...

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