Kinder sind anders

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Die zentralen Gedanken der genialen Erzieherin sind in diesem Buch niedergelegt. Die Entfaltung der Individualität des Kindes ist Montessoris oberstes Erziehungsziel. Sie betont den Selbstbildungstrieb der Kinder; die Erzieher sollen vor allem Hilfen zur Verfügung stellen.

In der aktuellen bildungspolitischen Diskussion um die Fortentwicklung des Schulwesens finden die Grundgedanken der Montessori-Pädagogik immer stärkere Beachtung. Montessori hat sowohl moderne Unterrichtsformen als auch didaktisches Arbeitsmaterial entwickelt, die dem kindlichen Entwicklungs- und Forschungsdrang entgegenkamen und selbstbestimmtes Lernen ermöglichten. Sie definierte die Schüler- und Lehrerrolle neu, führte altersund leistungsgemischte Klassen ein. Ihre pädagogischen Prinzipien haben sich weltweit bewährt.

Leseprobe
2. Kapitel Der Erwachsene als Angeklagter

Wenn Freud im Zusammenhang mit den tiefsten Ursprüngen der beim Erwachsenen zutage tretenden seelischen Störungen von Unterdrückung spricht, so ist dies an sich bezeichnend genug.
Das Kind kann sich nicht so frei entwickeln, wie es für ein im Wachstum begriffenes Lebewesen erforderlich wäre, und zwar deshalb, weil der Erwachsene es unterdrückt. Das Kind steht isoliert in der menschlichen Gesellschaft da. Wer auf das Kind Einfluss ausübt, ist für dieses nicht im abstrakten Sinne ein Vertreter der Welt des Erwachsenen, sondern verkörpert sich sogleich in derjenigen Person, die ihm am nächsten steht. An erster Stelle ist dies die Mutter, dann folgt der Vater, schließlich jeder andere Lehrer und Erzieher.
Die Aufgabe, die diesen Erwachsenen von der Gesellschaft zugeteilt wurde, ist gerade das Gegenteil von Unterdrückung: Sie sollen das Kind erziehen und weiterbilden. So erwächst aus der seelischen Tiefenforschung eine Anklage gegen jene, die bisher für die Behüter und Wohltäter des Menschengeschlechtes galten. Sie alle werden plötzlich zu Angeklagten, und da so ziemlich alle Menschen Väter und Mütter sind und die Zahl der Lehrer und Erzieher groß ist, erweitert sich diese Anklage auf den Erwachsenen schlechthin, auf die menschliche Gesellschaft, die für die Kinder verantwortlich ist. Es ist etwas Apokalyptisches an dieser überraschenden Anklage, so als riefe die geheimnisvolle und schreckliche Stimme des Jüngsten Gerichtes: „Was habt ihr mit den euch anvertrauten Kindern getan?“
Man ist geneigt, sich zu verteidigen, zu protestieren: „Wir haben unser Möglichstes getan! Wir lieben die Kinder, wir haben für ihre Pflege jedes Opfer gebracht!“ In Wirklichkeit
aber stehen zwei einander widersprechende Auffassungen da, von denen die eine bewusst ist, die andere jedoch aus dem Unterbewussten emporsteigt. Wir kennen die Argumente, mit denen der Erwachsene sich verteidigt; sie sind uralt, tief eingewurzelt und daher uninteressant. Viel interessanter ist die Anklage, besser gesagt, der Angeklagte selbst - jener Erwachsene, der sich eifrig zu schaffen macht, um Pflege und Erziehung der Kinder zu verbessern, und sich dabei immer tiefer in einem Irrgarten auswegloser Probleme verliert. Dies darum, weil er den Irrtum nicht kennt, den er in sich selbst trägt.
Wer für das Kind eintritt, muss dauernd diese anklagende Haltung gegen den Erwachsenen einnehmen und darf hierbei weder Nachsicht walten lassen noch Ausnahmen machen.
Und plötzlich wird diese Anklage ein Mittelpunkt von außerordentlichem Interesse. Sie richtet sich nämlich nicht gegen bewusste Unterlassungsgründe, die eine demütigende Unzulänglichkeit der Erzieher verraten würden, sondern gegen unbewusste Irrtümer. Damit dient sie einer erweiterten Selbsterkenntnis und macht den Menschen reicher, wie denn alles das Wesen des Menschen bereichert, was zu irgendwelchen bis dahin unbekannt gebliebenen Entdeckungen im seelischen Bereich führt.
Zu allen Zeiten hat deshalb die Menschheit ihren Fehlern gegenüber eine zwiespältige Haltung eingenommen. Jedermann ärgert sich über seine bewussten Fehler, während die unbewussten ihn anziehen und faszinieren. Unbewusster Irrtum enthält einen Schritt zur Vervollkommnung über die bis dahin bekannten Grenzen hinaus, und seine Erkenntnis erhebt auf ein höheres Niveau. Der Ritter des Mittelalters war stets bereit, jedes kleinste Wort der Anklage, das sein bewusstes Handeln betraf, zum Anlass für einen Zweikampf zu machen; gleichzeitig aber warf er sich demütig vor dem Altar nieder und erklärte: „Ich bin ein Sünder und bekenne vor aller Welt meine Schuld.“ Die biblische Geschichte gibt interessante Beispiele für dieses Verhalten der Menschen. Was veranlasste das Volk von Ninive, sich um Jonas zu scharen, was rief die Begeisterung hervor, mit der alle, vom König bis zum Bettler, dem Propheten nachfolgten? Jonas schalt sie verhärtete Sünder und verkündigte ihnen, Ninive werde untergehen, wenn sie sich nicht bekehrten. Und wie redete Johannes der Täufer am Ufer des Jordans die Menge an? Mit welchen gewinnenden Worten lockte er sie in solchen Scharen herbei? „Natterngezücht“ nannte er sie alle.
Welch ein geistiges Phänomen: Menschen, die herbeieilen, damit sie hören, wie jemand sie anklagt; und wir sehen diese Menschen enthusiastisch ihre eigene Schuld bekennen. Es gibt harte und beharrliche Anklagen, die das Unbewusste aus seiner Tiefe emporziehen und es mit dem Bewussten verschmelzen. Alle geistige Entwicklung besteht in solchen Eroberungen des Bewusstseins, welches etwas in sich aufnimmt, das zuvor außerhalb von ihm war. Nicht anders spielt sich der Fortschritt der Zivilisation auf der Bahn immer neuer Entdeckungen ab.
Wollen wir nun das Kind anders behandeln als bisher und wollen wir es vor Konflikten bewahren, die sein Seelenleben gefährden, so ist zuvor ein grundlegender, wesentlicher Schritt erforderlich, von dem alles Weitere abhängt: Es gilt, den Erwachsenen zu ändern. Dieser Erwachsene behauptet ja, bereits sein Möglichstes zu tun, das Kind zu lieben, ihm jedes Opfer zu bringen. Damit gesteht er, an der Grenze seiner bewussten Fähigkeiten angelangt zu sein, und es bleibt ihm somit nichts anderes übrig, als den Schritt über den Bereich des Bekannten, Willentlichen und Bewussten hinaus zu versuchen.
Unbekanntes gibt es auch im Kinde. Von einem Teil seines Seelenlebens haben wir bisher nichts gewusst und diesen gilt es zu erforschen. Es sind da wesentliche Entdeckungen zu machen, denn es gibt nicht nur das Kind, das von Psychologen und Erziehern beobachtet und studiert worden ist; es gibt auch ein von niemandem beachtetes Kind - beide in derselben Person. Dieses verborgene und verkannte Kind gilt es ausfindig zu machen und dazu bedarf es einer Begeisterung und Opferwilligkeit ähnlich jener, mit der die Goldsucher in die fernsten Länder vordringen. Alle Erwachsenen müssen an diesem Entdeckerwerk mithelfen, ohne Unterschied des Standes, der Rasse oder der Nation; handelt es sich doch um nichts Geringeres als um die Auffindung eines für den moralischen Fortschritt der Menschheit unerlässlichen Elements.
Bisher hat der Erwachsene das Kind und den Halbwüchsigen nicht verstanden und deshalb liegt er mit ihnen in ständigem Kampfe. Das kann nicht dadurch anders werden, dass der Erwachsene mit der Vernunft neue Kenntnisse erwirbt, dass er gewisse Bildungsmängel beseitigt. Nein, es handelt sich darum, einen völlig anderen Ausgangspunkt zu finden. Der Erwachsene muss den in ihm selber liegenden, bisher unbekannten Irrtum entdecken, der ihn daran hindert, das Kind richtig zu sehen. Kein Schritt nach vorwärts ist möglich, solange diese vorbereitende Erkenntnis nicht gewonnen ist und solange wir nicht die Haltungen erworben haben, die sich aus ihr ergeben.
Diese innere Einkehr ist gar nicht so schwierig, wie es den Anschein hat. Denn unser Irrtum ist uns zwar nicht bewusst, aber er bewirkt doch in uns eine ständige, schmerzhafte Beklemmung, und das Bedürfnis nach Abhilfe weist uns bereits den Weg. Wer sich den Finger verstaucht hat, empfindet das Bedürfnis, ihn ausgestreckt zu halten, denn er weiß instinktiv, dass er diesen Finger nicht gebrauchen darf, wenn der Schmerz sich legen soll. So spüren wir auch den Drang, unser Gewissen auszurichten, sobald wir erkannt haben, dass wir uns falsch verhalten; denn mit dem Augenblick dieser Erkenntnis werden das Bewusstsein unserer Unzulänglichkeit und der Kummer darüber unerträglich, die wir bis dahin ertragen haben. Von da an ist alles ganz einfach: Sobald in uns die Überzeugung erwacht ist, dass wir uns überschätzt und uns mehr zugetraut hatten, als wir zu leisten berufen und in der Lage sind, interessiert es uns und wird es uns möglich, die Wesenszüge solcher Seelen zu begreifen, die, wie die Seelen der Kinder, von den unseren verschieden sind.
Der Erwachsene ist in seinem Verhältnis zum Kind egozentrisch - nicht egoistisch, aber egozentrisch. Alles, was die Seele des Kindes angeht, beurteilt er nach seinen eigenen Maßstäben und dies muss zu einem immer größeren Unverständnis führen. Von diesem Blickpunkt aus erscheint ihm das Kind als ein leeres Wesen, das der Erwachsene mit etwas anzufüllen berufen ist, als ein träges und unfähiges Wesen, dem er jegliche Verrichtung abnehmen muss, als ein Wesen ohne innere Führung, das der Führung durch den Erwachsenen bedarf. Schließlich fühlt sich der Erwachsene als Schöpfer des Kindes und beurteilt Gut und Böse der Handlungen des Kindes nach dessen Beziehungen zu ihm selbst. So wird der Erwachsene zum Maßstab von Gut und Böse. Er ist unfehlbar, nach seinem Vorbild hat sich das Kind zu richten und alles im Kinde, was vom Charakter des Erwachsenen abweicht, gilt als ein Fehler, den der Erwachsene eilends zu korrigieren sucht.
Mit einem solchen Verhalten glaubt der Erwachsene um das Wohl des Kindes eifrig, voll Liebe und Opferbereitschaft besorgt zu sein. In Wirklichkeit aber löscht er damit die Persönlichkeit des Kindes aus.
4. Kapitel: Das Neugeborene Die außernatürliche Umwelt
Das Kind, das den Mutterleib verlässt, tritt nicht in eine natürliche Umwelt ein, sondern in die Umwelt der Zivilisation, in der sich das Leben der Erwachsenen abspielt. Es ist eine außernatürliche Umwelt, über der Natur und auf deren Kosten errichtet, mit dem Zweck, das Leben des Menschen angenehm zu gestalten und ihm die Anpassung zu erleichtern.
Was aber hat die Zivilisation vorgesehen, um dem Neugeborenen zu Hilfe zu kommen, jenem Menschenwesen, das die ungeheuerlichste Anpassungsleistung vollbringen muss, wenn es, durch die Geburt, aus seinem bisherigen in ein neues Leben tritt? Dieser erschütternde Übergang müsste eine wissenschaftlich richtige Behandlung des Neugeborenen erfordern, denn bei keiner anderen Gelegenheit wird dem Menschen ein so schmerzhafter Umweltwechsel zugemutet.
Aber es sind keinerlei Vorkehrungen getroffen, um dem Neugeborenen diesen Übergang zu erleichtern. Vergebens sucht man im Buch der Zivilisation an erster Stelle eine Seite, auf der berichtet wird, was der zivilisierte Mensch tut, um dem Neugeborenen zu helfen. Die Seite ist unbeschrieben.
Ganz im Gegensatz zu dieser unserer Behauptung glauben die meisten Leute, die moderne Zivilisation tue Wunder was für das Kind, das zur Welt kommt.
Aber wie sieht die Sache in Wirklichkeit aus?
Wenn ein Kind geboren wird, kümmern sich alle um die Mutter. Die Mutter, heißt es, hat gelitten. Hat das Kind etwa nicht gelitten?
Rings um die Mutter wird das Licht gedämpft, herrscht Stille, denn die Mutter ist erschöpft.
Ist denn das Kind nicht erschöpft? Kommt es nicht von einem Aufenthaltsort her, wo nie der geringste Lichtschimmer, nie das leiseste Geräusch bis zu ihm gedrungen war? Das Kind hat somit den größten Anspruch auf Dunkelheit und Stille.
Es ist an einem Ort herangewachsen, wo es vor jeder Erschütterung, vor jeder Temperaturschwankung geschützt war, umgeben von einer weichen, gleichmäßigen Flüssigkeit, die eigens dafür geschaffen war, ihm völlige Ruhe zu gewähren. Jetzt hat es diese flüssige Umgebung plötzlich mit der Luft vertauschen müssen, und zwar ohne aufeinanderfolgende Übergangsstadien, wie sie z.B. die Kaulquappe durchmacht, bis sie ein Frosch wird.
Was aber tut der Erwachsene mit diesem Neugeborenen, das aus dem Nichts kommt, dessen zarte Augen noch nie Licht erblickt haben, dessen Ohren ein Reich völliger Stille gewohnt sind? Wie behandelt er dieses Wesen, dessen gequälte Glieder bisher nicht den Druck einer Berührung gekannt haben?
Dieser zarte Körper wird dem brutalen Anprall der festen Gegenstände ausgesetzt, wird von den seelenlosen Händen Erwachsener gefasst, die von seiner Zartheit nichts wissen.
Jawohl, das Neugeborene wird brutal behandelt. Schwere Hände reiben seine empfindliche Haut mit rauhen Tüchern. Die Angehörigen freilich wagen es kaum, das gebrechliche neue Wesen anzurühren. Scheu betrachten sie es und vertrauen seine Pflege erfahrenen Händen an. Man wird sagen: „Was soll denn getan werden? Jemand soll das Kind doch anrühren.“
Ja, aber diese erfahrenen Hände sind nicht geschickt genug, um mit einem so zarten Geschöpf umzugehen. Es sind derbe Hände, deren einzige Geschicklichkeit darin besteht, das Kind sicher zu halten und es nicht fallen zu lassen.
Der Arzt fasst es ohne viel Federlesen an, und wenn es dabei verzweifelt schreit, lächelt alles beifällig. Ein Säugling hat sich so zu gebärden, das Schreien ist seine Sprache, und je mehr er weint, desto kräftiger weiten sich seine Lungen, desto besser werden seine Augen gereinigt.
Kaum zur Welt gekommen, wird das Kind auch schon bekleidet. Es gab eine Zeit, da wurden Neugeborene in steife Binden gewickelt, sozusagen in Gips gelegt, und man presste ihre Gliedmaßen, die von allem Anbeginn nur eine zusammengekrümmte Haltung gekannt hatten, gewaltsam in die ausgestreckte Lage.
Jede Art Bekleidung ist genau so unnötig wie das Wickeln. Dies gilt nicht nur für die ersten Stunden nach der Geburt, sondern für den ganzen ersten Monat.
Verfolgen wir die Kostümgeschichte des Neugeborenen, so sehen wir darin eine ständige Entwicklung, die von starren Wickelbändern zu immer leichteren und spärlicheren Kleidungsstücken fortschreitet. Noch ein Schritt und man wird lernen, auf jedwede Bekleidung überhaupt zu verzichten.
Die Wärme, deren das Neugeborene bedarf, soll ihm von seiner Umgebung zugeführt werden, nicht aber von seiner Kleidung. Da es bisher im warmen Mutterleib gelebt hat, entwickelt es keine ausreichende Körperwärme, um der Außentemperatur Trotz zu bieten. Kleider aber wärmen nicht, sondern sie verhindern nur, dass sich die Körperwärme verliert, sie sind also für die Zwecke des Neugeborenen völlig ungeeignet. Der Raum, in dem es sich aufhält, muss warm sein und in diesem Falle stellen Kleider nur ein Hindernis für die warme Luft dar, an den Körper des Kindes heranzugelangen.
Bei den Tieren können wir beobachten, wie die Mutter die Jungen mit ihrem Körper wärmt, selbst wenn diese mit einem Fell zur Welt kommen.
Ich möchte mich nicht zu lange bei diesem Thema aufhalten. Sicher werden mir die Amerikaner von den Vorkehrungen sprechen, die in ihrem Lande für die Neugeborenen getroffen werden; Deutsche und Engländer werden mich erstaunt fragen, ob ich denn nichts von den Fortschritten wisse, die bei ihnen auf diesem Felde der Medizin und des Anstaltswesens erzielt worden sind. Darauf muss ich antworten, dass mir dies alles wohl bekannt ist und dass ich in einigen von jenen Ländern die letzten und raffiniertesten Vervollkommnungen studiert habe. Und dennoch muss ich laut
erklären: Allenthalben fehlt noch immer jenes vornehme Verantwortungsbewusstsein, das notwendig ist, um den Menschen, der in die Welt tritt, auf würdige Weise zu empfangen.
Es ist wohl wahr, dass viel getan wird, aber was wäre denn der Fortschritt, wenn nicht das Erkennen von Dingen, die zuvor nicht erkannt worden sind, als das beständige Verbessern alles dessen, was bereits ausreichend, ja unübertrefflich zu sein schien? So gibt es noch immer kein Land der Erde, in dem das Kind zur Genüge verstanden wird.
Auch möchte ich hier einen anderen Punkt berühren und auf die Tatsache hinweisen, dass in uns allen, obzwar wir das Kind innig lieben, ein Instinkt lebendig ist, der uns vom ersten Augenblick, da das Kind in unser Leben tritt, in eine Art Abwehrhaltung ihm gegenüber drängt. Es scheint nicht nur ein Abwehrinstinkt, sondern auch ein Instinkt des Geizes, der bewirkt, dass wir alle Dinge unseres Besitzes vor dem Kind beschützen, und wären es selbst die wertlosesten. Da ist etwa die armselige kleine Matratze, die den Körper des Neugeborenen aufnehmen soll. Damit sie nur ja nicht zu Schaden komme, legen wir schleunigst ein Gummituch darüber und lassen es geschehen, dass der Körper des Kindes unter den Folgen leidet.
Wenn die Stimme der ewigen Gerechtigkeit uns fragt: „Und was habt ihr vorbereitet, um das kostbare Geschöpf zu empfangen, das ich euch anvertraut habe?“ - was hätten wir zu antworten?
„Wir haben Kleidungsstücke vorbereitet, die für das Kind eine Qual sind, und diese jämmerliche Matratze, die wir mit solchem Eifer verteidigen.“
Immer wird sich die Seele des Erwachsenen fortan auf diese selbe Weise äußern: pass auf, dass das Kind nicht etwas verderbe, etwas beschmutze, uns auf irgendeine Weise belästige. Wir verteidigen uns, das ist es. Wir verteidigen uns gegen das Kind.
Ich glaube, wenn die Menschheit erst einmal dahin gelangt sein wird, das Kind ganz zu verstehen, wird sie lernen, seine Pflege unendlich zu vervollkommnen.
In Wien ist man auf den Gedanken gekommen, den Teil des Bettes, auf den das Kind bei der Geburt zu liegen kommt, anzuwärmen; man hat Matratzen aus saugfähigem Material ersonnen, die jedes Mal, wenn sie beschmutzt worden sind, weggeworfen und durch neue ersetzt werden.
Aber die Pflege des Neugeborenen darf sich nicht darauf beschränken, es vor dem Tode zu behüten und vor Ansteckungskeimen zu schützen, wie dies in den modernen Kliniken heutzutage geschieht. Dort tragen sogar die Pflegerinnen Gesichtsmasken, damit die Mikroben aus ihrem Munde nicht zu dem Kinde gelangen können.
Es gibt auch Probleme einer psychischen Behandlung des Kindes vom Augenblick der Geburt an, die darauf abzielt, seine Anpassung an die Außenwelt zu erleichtern. In dieser Richtung werden noch viele Versuche in den Kliniken angestellt werden müssen und es wird einer lang dauernden Propaganda in den Familien bedürfen, ehe die heute übliche Haltung gegenüber dem Neugeborenen eine Änderung erfahren kann.
In den reichen Familien legt man noch immer Wert auf die Pracht der Wiege und auf kostbare Spitzen für die Säuglingskleider. Mir kommt dabei der Gedanke, dass, wenn es üblich wäre, Säuglinge auszupeitschen, die Kinder reicher Eltern wahrscheinlich zu diesem Zweck Peitschen mit perlenbesetztem Goldgriff bekämen.
Dieser Luxus rings um den Säugling beweist die völlige Verständnislosigkeit für die Bedürfnisse der kindlichen Seele. Der Reichtum einer Familie sollte ausschließlich dazu dienen, dem Kind die allerbeste hygienische Behandlung zu sichern, nicht aber einen äußerlichen Luxus. Diese Behandlung bestünde etwa in der Bereitstellung eines vor dem Lärm der Stadt geschützten Raumes, wo ausreichende Stille herrscht und die Beleuchtung gedämpft werden kann. Dieser Raum müsste gleichmäßig warm gehalten werden wie ein Operationssaal, damit das Kind darin nackt liegen kann.
Muss das Kind bewegt und transportiert werden, so soll dies auf eine Weise erfolgen, bei der es so wenig wie möglich mit den Händen berührt wird. Zu diesem Zweck sollte eine leichte, nachgiebige Unterlage verwendet werden, eine Art Hängematte aus einem dünnen wattierten Netz, in welcher der Körper des Kindes in einer der embryonalen Lage ähnlichen Haltung ruhen kann.
Diese Hängematte muss zart und langsam bewegt werden, wozu geschickte und durch lange Übung dafür geschulte Hände erforderlich sind. Besondere Geschicklichkeit ist geboten, wenn es gilt, das Kind in vertikaler oder in horizontaler Richtung zu bewegen. In jedem Krankenhaus lässt sich beobachten, dass es eine besondere Technik gibt, um einen Patienten aufzuheben und langsam in horizontaler Richtung zu verlagern, und es ist dies die elementarste Technik der Krankenpflege. Niemandem fällt es mehr ein, einen Kranken mit den Armen aufzuheben, vielmehr schiebt man zu diesem Zweck vorsichtig weiche Unterlagen unter seinen Körper und führt mit deren Hilfe die Lageveränderung so durch, dass der Patient stets in der horizontalen Richtung verbleibt.
Ein neugeborenes Kind ist ein Kranker. Es ist, ebenso wie die Mutter, durch eine Lebensgefahr hindurchgegangen. Die Freude, die Befriedigung, die sein Anblick hervorruft, ist ja zugleich ein Aufatmen über die Abwendung dieser Gefahr. Bisweilen ist das Neugeborene fast erstickt und kann nur durch sofortige Anwendung der künstlichen Atmung zum Leben gebracht werden. Oft ist sein Kopf durch einen Bluterguss unter der Haut deformiert. Trotzdem ist keine Verwechslung zwischen einem Neugeborenen und einem kranken Erwachsenen möglich. Seine Erfordernisse sind nicht die eines Kranken, sondern die eines Wesens, das eine unvorstellbar schwierige Aufgabe der Anpassung zu bewältigen hat, während es zugleich die ersten seelischen Eindrücke hat. Dieses Wesen kommt aus dem Nichts und ist trotzdem bereits für viele Eindrücke empfänglich.
Was wir für ein Neugeborenes empfinden, ist nicht Mitleid, sondern Bewunderung für das Mysterium der Schöpfung, für das Geheimnis eines Unendlichen, das sich hier in einer für uns erfassbaren Form offenbart.
Ich habe gesehen, wie ein neugeborenes Kind unmittelbar nach seiner Rettung aus schwerer Erstickungsgefahr in eine niedrige, beinahe auf dem Fußboden stehende Wanne gelegt wurde. Bei der raschen Bewegung, mit der man es ins Wasser tauchte, riss das Kind die Augen auf, zuckte zusammen und streckte Arme und Beine von sich - einem Menschen gleich, der fühlt, wie er abstürzt.
Dieses Kind machte in jenem Augenblick zum ersten Mal die Erfahrung der Angst.
Die Weise, wie wir ein neugeborenes Kind berühren und bewegen, die Zartheit des Gefühls, das es uns einflößt, lässt mich an die Gebärden denken, mit denen der katholische Priester die heiligen Gegenstände auf dem Altar handhabt. Mit gereinigten Händen und mit wohldurchdachten Bewegungen hebt er sie bald aufwärts, bald nach der Seite und macht dabei häufig Pausen, ganz als wären seine Bewegungen mit einer solchen Kraft geladen, dass sie von Zeit zu Zeit unterbrochen werden müssen.
Und alles das spielt sich in einem stillen Raum ab, in den das Licht nur durch farbige Gläser gedämpft einzudringen vermag. Ein Gefühl der Hoffnung und der Andacht beherrscht den heiligen Ort. Ähnlich sollte die Welt aussehen, in der ein neugeborenes Kind lebt.
Die ganze Verkehrtheit unseres Verhaltens ergibt sich aus einem Vergleich zwischen der Pflege, die der Mutter, und der, die dem Neugeborenen zuteil wird. Man braucht sich nur vorzustellen, was aus der Mutter würde, wenn man mit ihr ebenso umginge wie mit dem Kind.
Die Mutter bleibt still in ihrem Bett liegen. Das Neugeborene wird sofort weggetragen, damit seine Gegenwart nicht störe, und wird nur dann wieder herbeigetragen , wenn es trinken soll. Auf diesen Reisen bleiben dem Kind Stöße und Puffe nicht erspart und es muss sich schön anziehen lassen. Dies bedeutet so viel, als wollte man die Mutter nötigen, sofort nach der Geburt aufzustehen, sich elegant zu kleiden und an einem Empfang teilzunehmen.
Das Kind wird aus der Wiege genommen und bis in Schulterhöhe des Erwachsenen gehoben, der es tragen soll. Dann wird es wiederum zur Mutter hinuntergesenkt. Wer käme je auf den Gedanken, die Wöchnerin ähnlichen Bewegungen auszusetzen? Man pflegt diese Behandlungsweisen des Säuglings damit zu rechtfertigen, dass man sagt: „Das Kind hat kein Bewusstsein und ohne Bewusstsein gibt es kein Leiden und keine Freude. Es wäre also sinnlos, auf ein Neugeborenes allzu viel Rücksicht zu verwenden.“ Wie steht es aber mit erwachsenen Kranken in Lebensgefahr, die bewusstlos sind?
Worauf es ankommt, ist der Zustand der Hilfsbedürftigkeit an sich, nicht aber die Frage, ob der Hilfsbedürftige bei Bewusstsein ist, und das Alter des Hilfsbedürftigen spielt dabei schon gar keine Rolle.
Nein, es gibt da keine Rechtfertigung.
Die Geschichte der menschlichen Zivilisation hat eine Lücke, ein unbeschriebenes Blatt. Niemand hat darauf verzeichnet, wie der erste Abschnitt unseres Daseins beschaffen ist, denn niemand kennt die ersten Bedürfnisse des Menschen. Doch mit jedem Tag kommt uns eine eindrucksvolle, in vielen Erfahrungen erhärtete Wahrheit klarer zum Bewusstsein, dass nämlich die Leiden des frühesten Kindesalters (und sogar des vorgeburtlichen Daseins) einen starken Einfluss auf das ganze spätere Leben des Menschen ausüben. Es wird heute allgemein anerkannt, dass die Gesundheit des Erwachsenen, die Gesundheit der Rasse, im embryonalen und frühkindlichen Leben beschlossen liegt. Warum also verkennt man die Bedeutung des Geburtsaktes selbst, der am schwersten zu überwindenden Krise im gesamten menschlichen Leben?
Wir haben kein Gefühl für das Neugeborene: Es ist für uns noch kein Mensch. Es kommt zu uns, und wir wissen es nicht zu empfangen, obgleich die Welt, die wir geschaffen haben, einst ihm gehören wird, obgleich ihm die Aufgabe zufallen wird, über das von uns Erreichte hinauszuschreiten .
Das alles lässt uns an die Worte des Evangelisten Johannes denken: »Er war in der Welt, und die Welt war durch ihn geworden, doch die Welt erkannte ihn nicht. Er kam in sein Eigentum, doch die Seinen nahmen ihn nicht auf.«
Klett-Cotta Mit einem Vorwort von Ingeborg Waldschmidt, aus dem Italienischen von Percy Eckstein und Ulrich Weber, bearbeitet von Helene Helming (Orig.: Il Segreto dell' Infanzia)
E-Book basiert auf der 19. Auflage 2017 der Print-Ausgabe, 303 Seiten in der Print-Ausgabe,
ISBN-epub: 978-3-608-11063-0

Maria Montessori

Maria Montessori, italienische Ärztin und Pädagogin, gilt heute als bedeutendste Erforscherin der frühen Kindheitsentwicklung. 1919 Gründung des ...



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