Zehn Tipps, das Morden zu beenden und mit dem Abwasch zu beginnen

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Eine einzigartige Mischung aus Spannung und Humor


Es läuft nicht gut für Toxic. Um seiner Verhaftung zu entkommen, muss er einen Mann umbringen und dessen Identität übernehmen. Dummerweise handelt es sich dabei um einen amerikanischen Fernsehprediger ... Hallgrímur Helgasons neuer Roman ist noch schneller, noch spannender und noch witziger als seine Vorgänger.

»... unbedingt empfehlenswert.«
Christine Westermann, WDR 2 Bücher, 21.2.10

Eigentlich ist er Kroate, eigentlich lebt er in New York und eigentlich ist er kein Priester, sondern ein Auftragskiller mit 66 erfolgreich ausgeführten Morden. Doch einmal in Island angekommen, bleibt Toxic nichts anderes übrig, als die Rolle des Predigers zu spielen. Mehr schlecht als recht absolviert er einen Auftritt in einer TV-Show und verliebt sich auch noch in die Tochter seiner Gastgeber. Bald schon droht er aufzufliegen ... Hallgrímur Helgason hat eine schräge Geschichte an den Rändern Europas geschrieben.

»Der isländische Sommer ist wie ein Kühlschrank, den man sechs Wochen offen lässt. Das Licht ist die ganze Zeit an und das Gefrierfach taut, aber richtig warm wird es nie.«

Hier gibt es einen Trailer zum Buch.

Screenshot Video Helgason.jpg

Leseprobe
1. TOXIC
Meine Mutter hat mich Tomislav genannt, und mein Vater war ein Bokˇsi´c. Nach der ersten Woche in Amerika nannten mich alle nur noch Tom Boksic. Es war bloß eine Frage der Zeit, bis daraus Toxic wurde.
Der, der ich heute bin.
Ich frage mich oft, ob ich meinen Namen vergiftet habe oder er mich. Ich bringe Gefahr. Sagt zumindest Munita. Die ist süchtig nach Gefahr. Meine leicht entflammbare Freundin. Munita hat in Peru gelebt. Bis Terroristen ihre Familie in die Luft gesprengt haben und sie nach New York gezogen ist, wo sie einen Job an der Wall Street bekommen hat. Ihr erster Arbeitstag war der 11. September. Auf unserer ersten Reise nach Kroatien wurde sie Zeugin zweier Morde. Den ersten habe ich zugegebenermaßen selbst begangen, aber das mit dem zweiten war reiner Zufall. Und eigentlich sogar ganz schön romantisch. Wir waren in Mirkos Restaurant essen, als der Mann am Nebentisch eine Kugel in den Kopf bekam. Etwas von seinem Blut ist in Munitas Weinglas gespritzt. Ich hab's ihr nicht gesagt. Es war sowieso Roter.
Eigentlich mag sie gar keine Gewalt, sagt sie, aber ich glaube, dass sie sich von Herrn Gefährlich angezogen fühlt, gerade weil er so toxisch ist. Bei uns vergeht nie viel Zeit bis zum nächsten Knall. Der Sex ist immer explosiv. Munita ist das, was die Amis ein body-girl nennen. Wenn Männer sie ansehen, beginnen sie immer unten. Wie die meisten Südamerikanerinnen ist sie nicht groß, und manche Leute haben sogar gesagt, sie sei fett, aber diese Leute haben danach nicht mehr viel gesagt. Wenn man mit ihr eine ruhige Straße entlanggeht, kann man hören, wie ihre Brüste hin und herschwingen. Sapp-schwapp, sapp-schwapp. Mein Lieblingsgeräusch hier in Amerika. Wenn sie ihre merkwürdige orangefarbene Bluse trägt, hören die anderen es auch. Seit ich sie kenne, werde ich das Gefühl nicht los, dass ich sie früher irgendwo schon mal gesehen habe. Bevor wir heiraten, sollte ich sie fragen, ob sie mal in einem Porno mitgespielt oder im Internet gestrippt hat.
Das Beste an Munita ist allerdings, dass ihre Familie tot ist. Keine Schwiegermutter, keine Onkel und Tanten, keine Thanksgiving-Feiern, Kindergeburtstage oder Hochzeiten, bei denen man sich sehen lassen muss und dann, fünfzig Leute im Rücken, in brütender Hitze auf irgendeiner Wiese herumsteht.
Munita Rosales hat eine Schwäche für Waffenträger. Vor mir war sie mit einem dieser Talotypen aus Long Island zusammen. (Wir nennen Italien immer Talien, seit Niko mal aus Versehen bei einem ihrer Restaurants das ›I‹ weggeschossen hat.) Sein Lebenslauf war wesentlich kürzer als meiner, aber als Kollege zählt er wohl trotzdem.
Ich bin das, was man in unserer Sprache plaˇceni ubojica nennt. In New York sagen sie dazu hitman , Auftragskiller. Seit ich vor sechs Jahren hierher gekommen bin, habe ich den Bestattungsinstituten einiges zu tun gegeben. Ich habe sogar mal darüber nachgedacht, mit einem eine Kooperation zu starten - erst vor ein paar Tagen habe ich zu Dikan gesagt, er solle heimlich eins aufkaufen. Dann könnten wir an unseren Opfern auch noch verdienen, nachdem sie tot sind.
Erlauben Sie mir, Ihnen etwas von meiner Arbeit zu erzählen. Die meiste Zeit kellnere ich im The Zagreb Samovar , unserem gemütlichen Restaurant auf der East 21st Street. Das englische Wort waiter passt ganz gut, denn ein großer Teil der Arbeit eines Auftragsmörders besteht darin, auf den nächsten Auftrag zu warten. Was ganz schön nerven kann. Die Balkanbestie in meiner Seele bekommt nie genug. Wenn zwischen zwei Schüssen mehr als drei Monate vergehen, werde ich unausstehlich. Mein flauestes Jahr war 2002. Nur zwei Treffer und ein Fehlschuss. Letzteren bereue ich noch heute. Fehlschüsse können in meiner Branche tödlich sein. Wer will schon eine angeschossene beleidigte Leberwurst, die durch die Stadt tobt und dafür sorgen möchte, dass man selber die Abschiedskugel kriegt? Die Leute reagieren nun mal ziemlich genervt, wenn sie merken, dass man sie umbringen will. Aber ich versichere Ihnen: Der, den ich 2002 verfehlt hatte, musste 2003 als Erster dran glauben. Seitdem lasse ich nichts mehr anbrennen. Ich bin dreifacher Sixpacker. Das ist wohl Manhattan-Rekord. Perrosi, der Taliener, hat Ende des letzten Jahrhunderts ein, zwei Six-packs geschafft, als John Gotti noch König von Queens war, aber drei sind noch niemandem gelungen. Die Taliener sind auch nicht mehr das, was sie mal waren. Wenn die mehr Filme über dich drehen, als du Leuten den Hals umdrehst, hast du den Zenit überschritten. In zwanzig Jahren wird es eine Fernsehserie über uns geben: Die Sliˇskos . So wie Die Sopranos . Aber ich werde dann wahrscheinlich so aussehen wie unser Freund Shaking Trigger, mit Dauerwelle und dauernd auf Viagra.
Munita sage ich immer, dass es mir bei dieser Sixpack -Geschichte um die Umwelt geht. Ich möchte in dieser ohnehin schon lauten Stadt einfach keine unnötigen Schüsse abfeuern. Das habe ich ihr bei unserem dritten Date gesagt, nachdem sie mich zum dritten Mal gefragt hat, was ich beruflich mache. Um sie zu einem vierten Date zu bekommen, musste ich ihr vier Wochen hinterhertelefonieren und einen kleinen Einbruch machen.
Sorry, ganz vergessen: Ein packer zu sein, bedeutet, dass man ein Sixpack geschafft, also mit sechs aufeinanderfolgenden Schüssen je einen unter die Erde gebracht hat. Sechs Kugeln, sechs Beerdigungen. Mit flennenden Witwen, Blumen und allem.
Dikan hätte mich längst befördern sollen, aber der Sack ist störrischer als ein Esel mit Kopfschmerzen. Das Einzige, was dieser Fingerlutscher sagt, ist:
»Toxic ist ein verlässlicher Kellner. Die Leute sind bedient.«
Ich freue mich schon darauf, wenn von Biliˇc der Befehl kommt, den Fingerlutscher umzulegen. Sein Spitzname kommt übrigens daher, dass er seine kurzen fetten Finger nach jeder Mahlzeit ablutscht.
Wir versuchen, so unauffällig zu sein, wie es geht. MWA ist unsere Spezialität: Möglichst Wenig Aufsehen. Daher bemühe ich mich, meine Aufträge im privaten Rahmen abzuwickeln; bei den Leuten zu Hause, im Auto oder im Hotel. Am liebsten ohne Zeugen. Wenn das nicht klappt, laden wir das Opfer auch gern mal zum Essen in unser Restaurant ein. Zum letzten Abendmahl, wie wir immer sagen. Nach dem Essen präsentiere ich dem Gast eine Rechnung, die so hoch ist, dass er sie nur mit seinem Leben begleichen kann. Dann geleiten wir ihn in ein spezielles Hinterzimmer, das Rotes Zimmer heißt, obwohl es grün gestrichen ist.
Im The Zagreb Samovar gibt es keine Stammgäste.
Ehe ich es vergesse: Der Name von dem Laden ist komplett bescheuert, ein Samowar ist eine Teemaschine, die nicht das Geringste mit kroatischer Kultur zu tun hat, aber Dikan findet gerade das total smart.
»Sich dumm stellen, ist die beste Tarnung«, sagt er dauernd.
Obwohl ich in unserer Hierarchie immer noch ziemlich weit unten stehe, kann ich mich nicht beklagen. Die Bezahlung ist gut und das Essen natürlich auch. Ich habe eine fantastische Wohnung auf der Wooster Ecke Spring, eine Immobilie, für die Munita sich niederlegt. Ich liebe dieses Noisy York, obwohl ich meine Heimat natürlich an jedem einzelnen Scheißtag vermisse. Doch seit wir vor einigen Monaten ein bisschen an der Kabelbox herumgeschraubt haben, kann ich nun wenigstens HRT und Hajduk Split auf meinem Flachbildfernseher sehen. Meine Mutter ruft jedes Jahr an und fragt, wann ich wieder zu studieren anfange. Das ist kroatischer Slang für »Geld alle«. Sobald sie auflegt, überweise ich ihr über das Internet zweitausend Dollar, und dann habe ich ein Jahr Ruhe.
Sie lebt allein mit meiner kleinen fetten Schwester. Mein Bruder und mein Vater sind im Krieg gestorben. Meine Vorfahren väter- und mütterlicherseits waren Jäger. Mein Opa war der Oberjäger von Tito. Und Tito war das Oberhaupt meines ehemaligen Vaterlandes, Jugoslawien. Das kurz nach ihm gestorben ist wie eine alte trauernde Witwe. Tito liebte Braunbären. Besonders tote. Einen Bären habe ich zwar nie geschossen, aber zur Wildschweinjagd hat mein Vater mich als Junge oft mitgenommen. »Mit den Wildschweinen ist es wie mit den Frauen. Du darfst nie so tun, als hättest du auch nur das geringste Interesse an ihnen. Wir warten hier einfach nur so.« Auch mein Vater war ein waiter .
Und auch ich verstehe mich als Jäger. Ich lebe davon, Schweine zu erschießen.
2. VERKACKT
Nun habe ich ein Problem. Zum ersten Mal im Laufe meiner makellosen Karriere. Unser Firmenwagen überquert die Williamsburg-Bridge, Manhattan im Rückspiegel, und ich sitze hinten, habe Munita im Ohr, ihren Körper im Kopf und meine Augen auf den Nacken von Radovan gerichtet, unserem altgedienten Fahrer. Kaum eine Kugel würde durch seinen Stiernacken hindurchkommen. Die Abendsonne wirft Wolkenkratzerschatten auf die blaugrüne Oberfläche des Flusses.
»Ich werde dich so vermissen, Schatz«, flüstert sie mir von ihrem Schreibtisch im 26. Stock des Trump Towers zu. Keine zwei Jahre ist es her, dass sie angefangen hat, dort zu arbeiten. Im Erdgeschoss. Doch sie hat sich schnell hochgearbeitet, meine ehrgeizige Munita mit ihrem peruanischen Anden-Akzent, in den sich ein Hauch von Hindi mischt. Ihre Mutter kam aus Bombay. Von ihr hat Munita diese indische Olivenhaut, die so weich ist, dass man dafür ohne zu zögern in einem offenen Golf-Buggy bis zum Nordpol fahren würde.
»Ich auch«, antworte ich und frage mich wieder mal, ob ich das auf Englisch richtig ausgedrückt habe. Aber irgendwie stimmt es schon. Auch ich werde mich vermissen. Ich werde es vermissen, mein fantastisches Leben in dieser fantastischen Stadt.
Ich gehe in die Verbannung. Verschwinde eine Zeitlang. Mindestens ein halbes Jahr. New York-Frankfurt-Zagreb steht auf dem Flugticket. Dikan hat es gebucht. Ich werde unter den Küchentisch meiner Mutter kriechen, mit eingeklemmtem Schwanz und meiner Waffe zwischen den Zähnen. Ich habe verkackt. Oder jemand hat dafür gesorgt, dass ich verkackt habe. Schuss Nr. 66 war ein Fehlschuss. Und wiederum auch nicht. Die Kugel ist heil und unversehrt im richtigen Kopf gelandet, doch genau das ist das Problem. Der Pole mit dem Schnauzbart hat sich nämlich als FBI -Mann mit Schnauzbart entpuppt. Was ein diskreter Mord sein sollte, kam in die Abendnachrichten. Ich bin mit ihm auf eine Müllkippe in Queens gefahren, habe ihn in einem Haufen von gefälschten Levi's-Jeans umgelegt und sein Gesicht nach einer kurzen Gedenkzeremonie mit einem alten Pepsi-Max-Sonnenschirm bedeckt. Auf dem Weg zurück zum Auto habe ich dann gemerkt, dass ein paar seiner Freunde ungeladen zur Trauerfeier gekommen waren. Mein gutes altes kroatisches Herz beschleunigte von Walzer zu Death Metal . Die nächsten zehn Minuten rannte ich wie ein Hürdenläufer bei der Übergewichtigen-Olympiade durch den Müll von sechstausend New Yorker Kleinfamilien, immer weiter Richtung Fluss, und versteckte mich schließlich in einem alten, rostigen Container voller pummeliger, abgewetzter Teddybären, die nach geschmolzenem Käse rochen. Mit ihnen verbrachte ich die Nacht. Das FBI hatte alles abgeriegelt. Es folgten schlaflose Stunden mit Blick auf die erleuchtete Skyline, in dem kalten Container, umgeben von Käsebären. Essensgeruch auf leeren Magen wirkt wie Parfüm, wenn man einen Steifen hat.
Zu sehen, wie im UN -Hauptquartier am nächsten Morgen die Lichter angingen und sich verzerrt im East River spiegelten, war eigentlich ganz schön. In den ersten Fenstern wurde es lange vor Sonnenaufgang hell. Jedes Land hat das Licht in seinem Büro wohl so programmiert, dass es genau dann angeschaltet wird, wenn bei denen zu Hause die Sonne aufgeht. Ich erlebte 156 Sonnenaufgänge, dann warf ich mich in den Fluss. Die eiskalte Strömung trug mich zu einer anderen Müllkippe, voll mit Kabeln und Computerschrott.
Am Ausgang des Midtown-Tunnels hielt ich ein Taxi an. Als der Taxifahrer sich nicht gerade begeistert davon zeigte, dass meine Klamotten klatschnass waren, holte ich meine Waffe heraus und trocknete sie damit in Sekundenschnelle.
Toxic reist dieses Mal unter dem Namen Igor Illitsch. Mein Geburtsort ist nun Smolensk, im Jahre 1971. Wo ich schon überall geboren wurde. Einmal besaß ich sogar einen deutschen Pass, der mir eine ziemlich glückliche Kindheit in Bonn beschert hatte. Als ich einmal am Rhein entlangfuhr, machte ich mir echt die Mühe, dort anzuhalten, um mir ein paar idyllische Kindheitserinnerungen zurechtzulegen. Mein Vater Dieter war Hausmeister in der russischen Botschaft und meine Mutter Ilse Köchin in der Amerikanischen. Bei uns tobte jeden Abend der Kalte Krieg: Ich war Berlin, und die Mauer verlief zwischen meinen Augen. Obwohl ich kein Schauspieler bin, gefällt es mir, ab und zu ein neues Leben zu bekommen. Da hat man mal Pause von sich selbst. Diesen Teil der Arbeit habe ich immer gemocht. Bis auf mein Wochenende, damals, '99, als Serbe. Da hätte ich mich fast selber umgebracht.
Sie haben sich zwar schon alle möglichen Geburtsorte für mich ausgedacht, benutzen aber immer dasselbe Jahr. 1971. Wahrscheinlich, weil das mein Jahr ist. Am Tag nach meiner Geburt hatte Hajduk zum ersten Mal seit fast zwanzig Jahren wieder die Meisterschaft gewonnen. Mein fußballverrückter Vater glaubte, ich würde ihm Glück bringen, und nannte mich »Meister«.
Der Highway schlängelt sich durch Brooklyn. Mit feuchten Augen sehe ich mir die Plakate an. Ich will hier einfach nicht weg. Wir fahren an einer großen, blauen Werbetafel vorbei, Eyewitness News - jeden Tag um sieben - WABC - TV New York . Da haben sie drei Tage hintereinander mein Gesicht gezeigt. »... in Mafiakreisen unter dem Namen Toxic bekannt« . Aber immer nur als Kurznachricht am Schluss. Eine richtig große Top-Story machen die nur über den Massenmörder des Monats. Diese durchgeknallten Psychos werden an einem Abend landesweit bekannt, während wir rechtschaffenen Arbeitnehmer aus der Auftragskillerbranche nur am Rande erwähnt werden. Ausgerechnet diese Nation, die alles in Geld bemisst, betet die Amateure an und lässt uns Profis links liegen. Ich werde dieses Land nie kapieren. Ich liebe New York, der Rest ist mir immer noch ein Rätsel.
Die Vororte dünnen aus, und bald darauf haben wir das Land der Starts und Landungen erreicht. Igors Pass ist in meiner Brusttasche und wirkt so echt wie eine Gucci-Handtasche aus China. Dahinter schlägt in meinem Herzen die Trommel des Zweifels.
»Dovid - enja«, sagt Radovan vor dem Terminal. Ich verbiete ihm, mich hineinzubegleiten. Seine Sonnenbrille schreit nach dem FBI wie ein Schwuler auf dem heißen Blechdach.
Für Dumme ist Dummheit keine gute Tarnung. Heute Morgen habe ich mir die Haare abrasiert und versucht, mich wie ein Russe anzuziehen. Schwarze Lederjacke, die hässlichsten Jeans aus dem Kleiderschrank und Puma-Putin-Turnschuhe. Im Flur habe ich mich umgedreht und meinem Flachbildfernseher mit den Fingern einen Kuss aufgedrückt. Munita hat gefragt, ob sie auf meine Wohnung aufpassen soll, solange ich weg bin, aber ich habe nein gesagt. Eine Fickbeziehung ist schließlich kein Vertrauensverhältnis. So eine Sexbombe tickt keine sechs Monate vor sich hin, ohne hochzugehen, und ich will nicht, dass irgendein Peruaner seinen postkoitalen Schweiß mit meinen Prada-Handtüchern abtrocknet.
Der Check-in verläuft ohne Probleme. Eine dümmliche Blondine mit tiefen Grübchen sagt, ich solle mir keine Sorgen um mein Gepäck machen. Ich sehe es ja in Zagreb wieder. Als ob es Direktflüge NYC -Zagreb gäbe, nur für das Gepäck. Bei der Passkontrolle heißt es Ruhe bewahren. Ich setze mein Igorgesicht auf, während der Grenzpolizist die chinesische Handwerkskunst bewundert. Dann befehlen mir zwei oberstolze Sicherheitsbeamte, Telefon, Portemonnaie und Kleingeld abzugeben. Jacke, Gürtel und Schuhe. Und entdecken zwischen meinen Münzen etwas, das mein Herz von Samba zu Rock hochschalten lässt. In der hässlichsten Jeans aus dem Kleiderschrank ist sie also abgeblieben, diese Kugel, ein schönes, goldenes 9-mm-Projektil aus einer Browning Hi-Power, die Dikan mir bei meiner Ankunft in New York geschenkt hat.
»Was ist das? Das ist eine Patrone, oder?«, fragt eine kleine uniformierte Long-Island-Vorortschranze mit Shopping-Mall-Dialekt.
»Ach ... ja. Das ist ein ... ein Souvenir«, sage ich.
»Ein Souvenir?«
»Ähm ... ja. Die ... die war in meinem Kopf«, sage ich und versuche so auszusehen, als ob das Teil permanente Schäden verursacht hätte.
Sie kauft es mir ab. Und gibt mir zum Abschied eine Ganzkörpermassage.
Ich gewöhne mich nie an dieses Reisen ohne Waffe. Es liegt nicht in der Natur eines Mannes, Ozeane unbewaffnet zu überqueren. Allein für dieses Sicherheitsgescheiß könnte ich bin Laden über den Haufen schießen. Oder könnte es eben gerade nicht, weil ich an Bord keine Waffe tragen darf.
Ich habe gerade angefangen, mich auf Zagreb zu freuen, da fängt der Ärger erst richtig an. Wie aus dem Nichts tauchen plötzlich zwei FBI -Wichser auf. Sie laufen auf das Gate zu, an dem ich mit meinem Ticket in der Hand in der Schlange stehe. Als Letzter. Das sind Zivilpolizisten, keine Frage. Die kann ich von hier bis New Jersey riechen. Sie tragen immer dieselben Normalo-Jacketts von H&M und dazu diese billigen Sonnenbrillen, die sie sich in ihre FBI -Frisuren stecken. Wahrscheinlich bekommen sie die in einem behördeneigenen Salon in D.C. verpasst. Es sind immer dieselben auf amtliche Art leger gestylten Frisuren, sehr glänzend und ein bisschen lockig. So ähnlich wie Michael Keaton in Verliebe dich oder wie der Film hieß.
Ich gehe hinter einem nackenkissentragenden Fluggast in Deckung, greife mein Handgepäck und schleiche mich davon, weg von den Zivilpolizisten, weg vom Gate. Dovid - enja Zagreb. Mein Herz hat die Trommel gewechselt, nun ist es eins dieser Riesendinger, die sie in Symphonieorchestern benutzen. Ich reiße mich zusammen und drehe mich nicht um. »Schaue nie ängstlich über die Schulter!«, pflegte meine Mutter zu sagen. Währenddessen verwandelt sich mein rasierter Schädel in einen Springbrunnen. Flughafengänge sind unendlich. Die Leute starren mich an, als ob ich die Eier von Saddam Hussein mit mir herumtragen würde. Dann sehe ich endlich das Symbol, das Notdürftigen auf der ganzen Welt den Weg weist, und wende mich nach links. In der Toilette atme ich durch und trockne meinen Kopf ab. Ich warte einige Minuten. Drei Geschäftsleute sehen mich an, als wäre ich ein russischer Waffenschmuggler, der auf einen Kunden wartet. Dann wage ich mich wieder auf das offene Meer. Nein. So nicht. Im nächsten Moment bin ich wieder in der Toilette - auf dem Flur habe ich sofort einen der Michael Keatons gesehen. Er hat mich nicht bemerkt. Lief einfach vorbei.
Ich betrete eine der Kabinen und tue so, als würde ich das machen, was ich denke.
Was nun? Zurück zum Gate kann ich auf gar keinen Fall. Viel zu riskant. Die Keatons würden dort auf mich warten, dämlich lächelnd, wie etwas beschränkte Verwandte. Aber was sonst? Die Lösung zeigt sich mir in Gestalt eines Gürtels; einer Gürtelschnalle, die ich unter der Trennwand zur nächsten Kabine entdecke. Ich warte einen Moment und sende ein Stoßgebet gen Himmel. Endlich beendet der Besitzer des Gürtels sein Geschäft und verlässt seine Kabine. Als auch ich meine Tür öffne, begegnen sich unsere Blicke im Spiegel über der Waschbeckenreihe. Gott muss mich erhört haben. Der Gürteltyp hat eine Glatze, genau wie Igor, haarlos wie ein Totenschädel. Hier stehen zwei glatzköpfige, dicke Männer auf ihrer Reise durch das Leben - nur dass der Gürteltyp eine fast unsichtbare Brille trägt und etwas älter als Igor ist. Viel älter sollte er nun nicht mehr werden. Igor knipst ihn aus mit einem fast lautlosen Schlag auf den Hinterkopf, genau auf den G-Punkt. Seine Brille fällt ins Waschbecken, als der Kopf gegen den Spiegel knallt. Kein Blut. Der Typ ist noch dicker als ich, aber ich schaffe es trotzdem, ihn wieder in die Kabine zu wuchten, wo er seinen letzten Haufen auf dieser Welt gemacht hat, und schließe hinter mir zu.
Ich fühle seinen Puls. Das Herz ist aus.
Mit Schrecken stelle ich fest, dass meine Nummer 67 ein Kirchenmann ist. Er trägt einen weißen Kragen um den Hals. Schwarzes Hemd, schwarzes Jackett, schwarzer Mantel. Weiße Haut. Ich suche nach seinem Ticket, Pass und Brieftasche, und tata! Toxic Igor hat einen neuen Namen: Reverend David Friendly. Geboren am 8. November 1965 in Vienna, Virginia. Das ist okay. Das kriege ich hin. Ein Amerikaner war ich noch nie. Wo will er hin? Reykjavík steht auf dem Ticket. Das ist in Europa, glaube ich. Unter ziemlichen Anstrengungen schaffe ich es, Mantel und Jackett von seinem schweren geweihten Leib zu ziehen, und knöpfe sein Hemd auf. Der Springbrunnen ist wieder angeschaltet, und ich schnaufe wie eine Wildsau. Als ich merke, dass jemand die Toilette betritt, lege ich eine Pause ein und hoffe, dass seine Pinkelgeräusche mein Schnaufen übertönen. Ich höre, wie er sich die Hände wäscht und trocknet.
Sobald die Luft rein ist, verlasse ich die JFK -Toilette; ein auferstandener Jesus mit Heiligenschein um den Hals und einem neuen Ziel im Leben: Gate 2.
»Ein makaber-komischer Krimi, aber auch ein Buch über die seelischen Katastrophen, die der Jugoslawien-Krieg angerichtet hat.«
Uwe Wittstock, Die Welt, 19.6.2010

»Hallgrímur Helgason ist ein neuer Streich geglückt, ein Gesellschaftsroman, der Komik und Ernst wunderbar vermischt.«
Rainer Moritz, Die Welt, 3.4.2010

»Ein Buch, bei dem man bei jeder dritten Seite das dringende Bedürfnis hat, jetzt mal eben einem anderen eine Stelle vorzulesen, damit der mitlachen kann. Oder schief grinsen. Je nachdem. Schon deshalb unbedingt empfehlenswert.«
Christine Westermann, WDR 2 Bücher, 21.2.10

»Hallgrímur Helgasons rasanter Roman ... führt den Leser in ein abgedrehtes Island, das dem Autor gut vertraut ist: Er arbeitet dort als Künstler und Stand-up-Comedian.«
stern, 4.2.2010

»Warum sich für einen Auftragsmörder interessieren? Das Thema im Kino und der Kriminalliteratur ausgiebig behandelt, ist eigentlich abgehakt. Doch Hallgrímur Helgason ist ein Könner, der mit schwarzem Humor und feiner Erzählkunst das Genre auffrischt. Er entwirft einen Zusammenprall der Kulturen, der auch davon lebt, so manches Stereotyp aufzuzeigen und zu überprüfen.«
Susanne Schütz, Die Rheinpfalz, 27.2.2010

»Das Buch hat alles für einen zünftigen Kultfilm: Liebe, Action, Drama, Humor, eine ungewöhnliche Landschaft und einen verpeilten Hauptdarsteller, der eigentlich nur ein bisschen Frieden will und den Grand Prix glotzen«
Badische Zeitung, 22.7.2010

»Der Roman des Isländers Hallgrimur Helgason ist äußerst lesenswert, spannend und komisch. «
Barbara Meixner, Zuhause, 07/2010

»Helgason ist ein fast lupenreiner Killer-Entwicklungsroman gelungen, der das Pathos des traumatisierten, einsamen Wolfes sehr komisch herunterbricht, ohne eine falsche Familienidylle gegenbildlich aufzubauen.«
Thomas Wörtche, Der Freitag, 25.2.2010

»Der kroatische Mafia-Auftragskiller Tomislav Boksic, genannt Toxic, muss nach einer Panne New York verlassen und strandet auf einer Insel, die ihm sehr seltsam vorkommt: Island. Eine schräge Story erzählt Autor Hallgrímur Helgason in seinem neuen Buch - eine Art "Pulp Fiction" des Heimatromans.
Bernd Haasis, Stuttgarter Nachrichten, 17.4.2010

»Mit Hallgrímur Helgason kommt eine neue Unernsthaftigkeit in die Welt. Wenn die Welt schon ungerecht ist, dann soll ihr wenigstens ein beißender Witz zusetzen.«
Salzburger Nachrichten, 10.4.2010

»Sprachwitz und ein aufgekratzter Sound zeichnen den Roman aus.«
Aldo Keel, Neue Zürcher Zeitung, 3.5.2010

»Das Buch ist purer Lesespaß und Helgason ein Tipp für alle, die ihn noch nicht kennen.«
Jörg Howe, TrokkenPresse, 04/2010
Tropen Roman, aus dem Isländischen von Kristof Magnusson
E-Book basiert auf der 5. Aufl. 2010 der Print-Ausgabe, 271 Seiten in der Print-Ausgabe,
ISBN-epub: 978-3-608-10103-4
autor_portrait

Hallgrímur Helgason

Hallgrímur Helgason, geboren 1959 in Reykjavík, besuchte nach dem Studium an der Hochschule für Kunst und Kunstgewerbe in Reykjavík für ein Jahr die...

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