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Interview über Jean Améry mit Susan Neiman

Aufgezeichnet von Heiner Wittmann
1.8.2022

Am 1. August 2022 ergab sich eine Gelegenheit zu einem Gespräch über Jean Améry (1912-1978). Die Direktorin des Einstein-Forums in Berlin, Frau Professor Susan Neiman, kam zu Besuch in unser Homeoffice und unsere Redaktion durfte ihr einige Fragen zu Jean Améry stellen. Die»Gesamtausgabe des Werke Amérys ist bis 2008 bei Klett Cotta erschienen:

Susan Neiman, stammt aus Atlanta, Georgia, Sie hat an der Harvard University und an der Freien Universität Berlin studiert. Sie hatten Professuren an der Yale University und in Tel Aviv inne. Seit Jahr 2000 ist sie Direktorin des Einstein-Forums in Potsdam. Zuletzt erschienen von Ihr Warum erwachsen werden? Eine philosophische Ermutigung, Hanser, Berlin 2015, und Von den Deutschen lernen. Wie Gesellschaften mit dem Bösen in ihrer Geschichte umgehen können, übersetzt aus dem Englischen von Christiana Goldmann. Hanser, Berlin 2020. Der letzte Titel erinnert an eines ihrer besonderen Interessengebiete, nämlich den Zwiespalt zwischen der Lebenswirklichkeit und den Hoffnungen, die sich auf Vernunftideale oder der Sehnsucht nach Gerechtigkeit stützt.

Interview über Jean Améry mit Susan Neiman
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Jean Améry, als Hans Mayer 1912 in Wien geboren, war Schriftsteller, Essayist, Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus und als Häftling in Auschwitz und Bergen-Belsen ein Opfer des Nationalsozialismus. Seit 1955 nannte er sich Jean Améry. 1978 nahm er sich in Salzburg das Leben.
 

2008 erschien der letzte Band seiner Werkausgabe bei Klett-Cotta. Vier seiner bekanntesten Essays sind. Charles Bovary, Landarzt. Porträt eines einfachen Mannes, 1978, Hand an sich legen. Diskurs über den Freitod , 1976. Über das Altern. Revolte und Resignation, 1968 und vor allem 1966 Jenseits von Schuld und Sühne. Bewältigungsversuche eines Überwältigten.

Am 15. April 1978 sagte Améry in seiner Rede zur Eröffnung des Wolfenbütteler Lessinghauses „Lessingscher Geist und die Welt von heute“: „Wie bitter nötig hätten wir Männer wie ihn gerade jetzt, in Tagen, da die Aufklärung in Misskredit gerät und ein neuer Obskurantismus sich hervortut, von dem man vielleicht später sagen wird, er sei gefährlicher gewesen als das Dunkelmanntum seines Erzfeinds, des Hauptpastors Goeze. Die Welt bedürfte Lessings, oder richtiger: seines geistigen Typus; denn tatsächlich war er zwar ein Einziger mit seinem nur ihm gehörigen Eigentum, zugleich aber Personifikation einer intellektuellen Struktur, der wir in der Geistesgeschichte zwischen Sokrates und, sagen wir: Heinrich Mann, immer wieder begegnen…“ Frau Professor Neiman, der Anfang dieser Rede passt doch genauso gut auch auf Jean Améry selbst?

Susan Neiman  fragt stets: „Wie sollten Gesellschaften mit dem Bösen der eigenen Geschichte umgehen?“ In einem gewissen Sinne hat uns das doch Jean Améry gelehrt? Ich erinnere mich noch gut an die Stimme von Jean Améry wenn er im WDR – Am Abend vorgestellt – aus einen Werken las: Seine Aufsätze über die Bücher aus der Jugend unseres Jahrhunderts, oder an den Grenzen des Geistes mit seiner Bericht über den Intellektuellen in Auschwitz: „Ein Intellektueller, wie ich ihn verstanden wissen möchte, ist eine Mensch, der innerhalb eines im weitesten Sinne geistigen Referenzsystems lebt.“ (Gesamtausgabe Bd. 2, S. 24). Aus diesen Zeilen klingt ein wenig ein Abstand zu diesen schrecklichen Erlebnissen an, gleichwohl hat Améry diese nie verwunden? Jenseits von Schuld und Sühne, Bewältigungsversuche eines Überwältigten, daraus habe ich eben zitiert.

Jean Améry durfte doch zu Recht beanspruchen, ein Aufklärer avant la lettre zu sein?

Schlägt man das Register des Bandes 9. Materialien auf, muss einem dort auffallen, dass unter den vielen Namen Jean-Paul Sartre (1905-1980) am häufigsten von ihm genannt wird. In Amerys Umeisterlichen Wanderjahren steht ein längerer Aufsatz über Sartre, in dem er beschreibt, wie er Sartre und seinen Existentialismus nach dem Krieg entdeckt hat: „Der Existentialismus war nicht nur für ihn (J. Améry), sondern für Tausende, die sich mit ihm verschworen, die Justifikation post festum des vollbrachten Widerstandes, wie wirkungsmächtig oder elend versickernd der auch gewesen sein mochte.“ (2, 272) Sartre war in gewissem ein Wegweiser für Améry?

Jean Améry war auch ein Mahner und Mittler: Ich erinnere mich an einen Aufsatz von ihm der im November 1978 erschien: Die herzliche Uneinigkeit. Franzosen und Deutschen fehlt es an elementaren Kenntnisse voneinander. Eine Mahnung, die er an die Pädagogen in beiden Ländern richtete, womit er aber keine Einebnung der Unterschiede meinte, sondern ein Lob aussprach für die „Nuance, die Gefälle, die geistigen Spannungen im dialektischen Feld von gegenseitigem Verstehen, Mißverstehen, Zu-spät-Verstehen.“

Am 29.Oktober 1978 sprach Hans Mayer (1907-2001, > Hans-Mayer-Gesellschaft) seine Gedenkworte für Jean Améry in der Akademie der Künste in Berlin, Seinen „Freund und Doppelgänger“ (Gesamtausgabe, Band 9, 568): „Von Büchern, wie sie Jean Améry schrieb, hat ein Leser, der wirklich gemeint war, stets alles zu befürchten. Hier schrieb einer, der sich auskannte. Der wußte, was mit Worten wie Unfreiheit und Folter, Ohnmacht und Terror, aber auch wie Freiheit und Solidarität nur unzulänglich beschrieben werden konnte.“ (9,569)

> Kurzvita und alle Werke von Jean Améry bei Klett-Cotta

Heiner Wittmann

Beteiligte Personen

Jean Améry

Jean Améry, im Oktober 1912 als Hans Mayer in Wien geboren, zählt zu den bedeutendsten europäischen Intellektuellen der sechziger und siebziger Jahre. Sei...

Jean Améry, im Oktober 1912 als Hans Mayer in Wien geboren, zählt zu den bedeutendsten europäischen Intellektuellen der sechziger und siebziger Jahre. Seine bahnbrechenden Essays sind in ihrer Bedeutung vielleicht nur mit den Schriften Hannah Arendts und Theodor W. Adornos zu vergleichen. Als Reflexion über die Existenz im Vernichtungslager stehen sie vermutlich Primo Levis Büchern am nächsten. Zugleich jedoch hat Améry wie kaum ein anderer Intellektueller die deutsche Öffentlichkeit mit fran...

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